Sonntag, 28. Mai 2006

Tag 25 - Luxuria & Gula

Vor knapp zwei Wochen hab ich ihnen in meinem Leichtsinn versprochen, sie auf meiner Reise noch zu besuchen. Zwei meiner Todsünden, die mir so ans Herz gewachsen sind. Luxuria, die Wollust und Gula, die Maßlosigkeit.
Sie wohnen unterirdisch, zwischen dem Sumpf- und Vulkangebiet in einer dunklen und feuchten Spelunke. Vor dem Eingang ein massiger Türsteher, der nicht jeden hineinlässt, der rein will. Und hier wollen viele rein, denn die Schlange ist lange.
Ich verwickle den Türsteher in ein Gespräch. Wer muss draußen bleiben?
„Die Anständigen“, grinst er dreckig und legt seine Hand auf meinen Hintern, „also keine Angst. Und die Vertreter der Kirche. Ständig versuchen ein paar von ihnen, hier vorzudringen und die Höhle abzufackeln oder auszuräuchern. Mit Weihrauch und einem riesigen Kreuz. Hier herrsche Gesetzlosigkeit, werfen sie uns vor. Unerlaubtes Glücksspiel. All das halt.“

„Warum haben die so viel Angst vor den Beiden?“, will ich wissen, und ein paar der Angestellten (nein, sie sind nicht hier angestellt im Sinne eines Dienstverhältnisses, sie warten nur auf Einlass) räuspern sich, weil sie es nicht mehr aushalten.
Der Mann vom Sicherheitsdienst fährt sich durch die dichte Glatze. „Es geht um die Kontrolle“, sagt er. „Die meisten Menschen fürchten, sie könnte ihnen entgleiten. Sie glauben, die zwei Mädels sind Schuld daran. Was man so fürchtet, muss man verachten.“
Er öffnet mir die Tür. Ein schmieriger Fettwanst will sich vordrängen, aber der bullige Glatzkopf stellt sich ihm in den Weg. „Sie darf zuerst“, sagt er und bedeutet mir, einzutreten. „Eine Freundin des Hauses.“ Er schubst mich hinein. „Los, sie warten schon auf dich!“

Ich trete ein und schließe die Augen. Man reicht mir einen Becher schweren Weines, der mich trunken machen und Verstand und Gewissen auf der Stelle betäuben wird, das weiß ich aus Erfahrung. Ich könnte ablehnen, natürlich. Doch ich trinke gierig und schließe die Augen. Jetzt nur noch spüren. Hände auf meiner Haut. Lippen. Zungen. Haar. Die Wollust fesselt mich, doch ganz anders als damals die Wut. Zärtlich und fordernd zieht sie mich in die Tiefe der Triebe und macht mich wehrlos.
„Sie will mehr, mehr, mehr!“, flüstert die Maßlosigkeit und schenkt nach. „Wir müssen dringend nachbestellen. Siehst du, sie kann nicht genug kriegen.“
„Ja“, stöhne ich und wälze mich – so gut das gefesselt möglich ist – von einer Seite auf die andere. Von der Wollust zur Maßlosigkeit. Fühle, wie ich fließe, wie alles fließt, aber das wird Heraklit nicht gemeint haben.
Der Wein rinnt mir aus den Mundwinkeln, oder ist es die Lust, die Gier, der Hunger, der endlich gestillt wird? Dabei bin ich alles andere als still.

Verschwitzt und ein kleines bisschen verschämt schleiche ich am Türsteher vorbei. „Wie war’s?“, fragt er anzüglich und die Angestellten begaffen mich neidisch.
„Ach, fickt euch doch selbst!“


Wunderschönen Guten Abend,
Das mit der Wollust ist eine wunderbare Sache. Schade, dass sie eine Sünde ist.
Sie macht nämlich Spaß, sogar wenn man – wie ich – gar nicht stricken kann.

24. Tag - Just in time

Ich bin pünktlich am Flughafen, zum Gück. Es ist halb elf, mein Flieger geht um vier. Sicher ist sicher.
Man weiß ja nicht. Es hätte schließlich passieren können, auf halbem Weg umkehren zu müssen, weil ich meinen Pass vergessen habe. Oder der Sprit geht nicht nur mir aus, sondern auch der Tankstelle. Ich hab zwar noch nie davon gehört, dass das irgendwo auf der Welt schon mal geschehen ist, aber vielleicht ausgerechnet heute. Dann steh ich an der Zapfsäule und die Tankwartin sagt mit einem entschuldigenden Lächeln: „Oh, Normal bleibfrei ist ausverkauft, der ältere Herr im Volvo hat den letzten genommen. Darf’s auch Diesel sein?“
Aber ich habe – wie gesagt – Glück. Ich habe Ausweis und Zahnbürste dabei und auf der Landstraße ist auch heute kein Stau. Die Tankwartin schwenkt die Säule, damit der letzte Rest Normalbenzin in meinen Tank rinnt, ich habe den Anschluss nicht versäumt und stehe jetzt am Flughafen.
„In meine Pünktlichkeit, bitte“, zeige ich Pass und Ticket vor.
„Tut mir leid, die hat heute Verspätung.“
Macht nichts, ich bin das Warten gewöhnt. Wenn man pünktlich ist, so wie ich, wartet man immer. Auf Bahnhöfen, in Cafés, auf dem Amt, vor dem Fernseher auf die Millionenshow. Oder darauf, dass die Schulglocke läutet, dass die Oma kommt, auf den Mann fürs Leben oder die Erleuchtung. Im Schnitt warte ich zwei Stunden am Tag. Ich rechne. 31.390 Stunden in meinem jungen Leben habe ich bisher gewartet. Das sind knapp drei Jahre und sieben Monate. Ich hätte viel Sinnvolles erledigen können in der Zeit. Ein Studium abschließen, noch ein Kind kriegen, wickeln und stillen, Geschichten schreiben. Ich hätte aber auch viel Sinnloses tun können in all den Jahren. Ein Studium abschließen, noch ein Kind kriegen, wickeln und stillen, Geschichten schreiben.

Ich hoffe, ich kriege diesen Reisetagebucheintrag pünktlich zu Ende.
„Pünktlichkeit ist Respekt vor der Zeit der anderen“, sagt mein Über-Ich. Ich nicke, wie immer, wenn es mir etwas reindrücken will, denn es duldet keinen Widerspruch. Aber in Wahrheit weiß ich: Das ist es nicht. Meine zwangsneurotische Pünktlichkeit ist nicht Höflichkeit oder gar Respekt. Es ist die blanke Angst, irgendetwas Wichtiges oder Unwichtiges im Leben zu versäumen. Das Gefühl, den Anschluss zu verlieren. Die Panik, ich könnte es nicht wert sein, dass jemand auf mich wartet, wenn ich mich verspäte.
Ich habe versucht, keine Uhren mehr zu tragen und gehofft, meine Erkrankung würde von selbst heilen. Aber sie haben überall riesige Zeitmesser für mich aufhängt und sogar heimlich in meine technischen Geräte eingebaut. Ich sehe auf dem Bahnhof, wie spät es ist, auf dem Computer und sogar auf meinem Mobiltelefon.
So, ich muss aufhören. Damit die Karte noch zur Post kommt. Die schließt nämlich um sechs.
In wenigen Minuten ist es drei Uhr.



Ich komme in sechs Tagen zurück. Aber macht euch bitte keine Umstände mit dem Abholen. Ich warte einfach, bis ihr da seid. Auch schon wurscht.

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

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ich glaube ihr kennt...
ich glaube ihr kennt nur die "falschen" deutschen!...
becks (anonym) - 2. Jul, 22:23
;)
ersuche höflichst, mich zu entschuldigen: anreiseweg. ..
datja (anonym) - 2. Jul, 08:46
toll...
drücke auch ganz feste die daumen..nun die deutschen...
lonely rider woman - 1. Jul, 22:19
Jööö,
die drei Musketierinnen auf Entwicklungshilfe !!! *duckundschnellsehrsc hnellverschwind* Nichtsde stoweniger...
walküre - 1. Jul, 18:25
Unser Dorf soll schöner...
http://www.st-alban.de/ind ex.php?lang=de&id=202&sid= http://de.wikipedia.org/ wiki/Sankt_Alban_%28Pfalz% 29 Mit...
Anton Kurt - 1. Jul, 12:07
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testsiegerin - 1. Jul, 11:28
ich glaub, die nächste...
ich glaub, die nächste regierung kommt sehr bald....
testsiegerin - 1. Jul, 11:09
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mir gefällt natürlich das foto mit dir und...
rauch - 30. Jun, 23:25

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