Sonntag, 21. Oktober 2012

70

Gestern feierten Frau Dr. Blubb und ich unseren 70. Geburtstag. Sie hatte ihren im September, ich hab meinen im November, also feierten wir im Oktober. Im goldenen Oktober. Mit Freunden und Verwandten, einer Wanderung, Essen, Tanzen, Singen, in den Nachthimmel schauen...

toll3stherbst

"Jetzt reichts dann schön langsam mit dem Dankbarsein", hat heute ein Freund zu mir gesagt. Ich finde, es reicht nicht. Ich hab nämlich wieder mal gemerkt, dass ich die wunderbarste Familie und die besten Freunde und Freundinnen der Welt hab. Wie schön, dass die miteinander feiern können. Wie schön, dass da Hirsch-Lederhosen und verrückte Strumpfhosen Bein an Bein gehen.

Uns haben sie reich beschenkt, vor allem mit ihrer Nähe, ihren Talenten und auch mit Geschenken materieller Natur. Mit Glück.
Würde ich mich jetzt bei jedem von ihnen öffentlich bedanken, hätte ich eine weitere schlaflose Nacht. Das mach ich also lieber persönlich.

Öffentlich mach ich allerdings die Rede, die sich Frau Dr. Blubb von mir gewünscht hat.

Mein Mäuschen,

du hast dir eine Rede von mir gewünscht, also kriegst du sie auch. Eine Lesungsrede halt, weil ich nach dem Sekt etwas zum Festhalten brauche.
Ich kann dich natürlich nicht losgelöst von mir betrachten, also geht es in der Rede nicht nur um dich, sondern auch um mich, um unsere Beziehung. Du wärst ja nicht ohne mich, und ich wäre ohne dich nicht die, die ich bin.

Außerdem hast du mir verboten, mir selber eine Rede zu schreiben – Moni hätte sie schön und pathetisch vorgetragen. Aber du fandest, dass ich bitte nicht peinlicher als unbedingt notwendig sein soll.
Als die Hebamme „Willkommen, Theres“, gesagt hat, hab ich geweint. Dein Vater hat gemeint: „So schlimm ist es auch wieder nicht.“ (Exkurs: Es war so schlimm, zumindest in den ersten Jahren. Ich – und vermutlich auch das Unfallkrankenhaus –sind total froh, dass du heute nicht mehr mit dem Kopf durch den Steinboden willst, sondern ihn lieber auf ein weiches Kissen bettest.

Ja, als ich dich also damals das allererste Mal in meinen Armen hielt, da hab ich mir gewünscht, dass wir irgendwann einmal, wenn du erwachsen bist und ich alt bin, miteinander am Fensterbrett sitzen und reden und lachen und einander nahe sind, so von Frau zu Frau. Jetzt bist du halbwegs erwachsen und ich halbwegs alt und auf dem Fensterbrett sitzen wir nicht, weil das erstens total staubig ist, zweitens Grünpflanzen darauf stehen und und ich drittens bei meiner
Tollpatschigkeit längst aus dem Fenster gefallen wäre. Deshalb liegst du auf dem Sofa, zugedeckt mit drei Katzen, und ich sitz vor dem Feuer, mit Laptop am Schoß. Aber es vergeht kein Tag, an dem wir nicht miteinander reden, uns nahe sind und miteinander lachen, meistens über die gleichen Dinge – oder du über mich.
Anhänglich warst du immer schon. Als du noch klein warst, hast du dich an meinen Beinen festgeklammert und warst lange davon überzeugt, dein Name wäre „Klotzenbein“.

Klug warst du auch immer schon. Bereits mit drei hast du kapiert, dass in anderen Kulturen andere Sitten und Regeln gelten. „Bei der Oma im Waldviertel darf man nicht mit Gummistiefel im Bett hupfen“, hast du festgestellt. Mit sechs warst du die einzige, die am ersten Schultag bei der Frage, wer denn hier schreiben, lesen und rechnen lernen will, nicht die Hand gehoben hat. „Ich kann das schon“, hast du gesagt und nicht begriffen, was daran witzig gewesen sein soll.

Von wem du deine Coolness in Liebesdingen hast? Keine Ahnung. Von mir ganz bestimmt nicht. Ich wäre an deiner Stelle in Berlin geblieben. Aber ich bin froh, dass du zurückgekommen bist. Weil niemand sonst mir sagt, dass ich mich anständig benehmen, keine perversen Texte lesen und viel Wasser trinken soll, um die Demenz hinauszuzögern.

Weißt du, wir Mütter, wir glauben ja, an allem schuld zu sein, an der Fußballniederlage gegen Deutschland, der Weltwirtschaftskrise und sogar am Benehmen unserer Kinder.

Als deine Oma fand, dass du ein schlecht erzogenes Kind wärst, hast du trotzig gesagt: „Ich bin nicht schlecht erzogen, ich bin überhaupt nicht erzogen.“ Wie schön, dass aus dir trotzdem – oder deswegen?– so eine liebenswerte, warmherzige, feinfühlige, schlagfertige, wunderbare, witzige junge Frau geworden ist.

Wunderschön finde ich es, mit dir gemeinsam Geburtstag zu feiern. Weil manche meiner Freunde und Freundinnen längst auch deine geworden sind. Und manche von deinen gehören sowieso seit gefühlten hundert Jahren zur Familie. Was die Wahl unserer Freunde angeht, haben wir nämlich beide ein gutes Händchen.

So, jetzt muss ich dir noch etwas wünschen, das gehört sich so. Und mir auch.
Ich wünsche dir – Achtung Pathetikalarm! – das Leuchten der Sterne, die Freiheit des Meeres, das Lodern des Feuers, das wohlige Schnurren der Katzen und leuchtende Augen des X. Irgendwann eine eigene Familie, die genauso laut, schräg und lebendig ist wie unsere. Und bis dahin – jetzt weniger pathetisch – aufregende Männer, lustvolle Erfahrungen, Spaß im Leben und am Studium. Vor allem aber wünsche ich dir, das es dir mit deinen Freunden und Freundinnen genauso geht wie mir mit meinen. Dass sie mit dir feiern, blödeln, lachen, dein Glück teilen und dein Unglück reduzieren. Aber ich glaub, das werden sie eh.

Mir wünsche ich, dass wir auch in vielen Jahren noch am Fensterbrett... ähm... am Feuer sitzen und einander nahe sind.

Happy Birthday, Mäuschen.

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

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