Montag, 29. Juli 2013

Liebe Marianne,

„Mariaaanne“, so haben Sie sich am Telefon immer gemeldet, mit einem langgezogenen a in der Mitte. Sehr oft haben Sie sich gemeldet, an manchen Tagen so oft, dass ich mich gelegentlich verleugnen lassen habe. Das tut mir jetzt leid. Ich möchte Sie um Entschuldigung bitten. Der Anrufbeantworter war da wesentlich geduldiger mit Ihnen, manchmal waren am Morgen 15 Nachrichten nur von Ihnen drauf.

Vor meinem Urlaub hab ich Sie gebeten, meine KollegInnen ein wenig zu schonen und nur im Notfall anzurufen. Ich weiß nicht, ob Sie angerufen haben in den letzten beiden Wochen. Ich weiß nur, dass Sie nie wieder anrufen werden. Und ich weiß, dass ich Ihre Anrufe vermissen werde. Vor allem die, wo Sie gesagt haben: „Frau Lehner, ich wollte nur sagen, es geht mir gut. Alles paletti.“

In meinem Vorzimmer hängt das Bild, das Sie gemalt und mir geschenkt haben. Ein Gesicht, mit Kohlestift gezeichnet und mit tiefroten Lippen. Ich in dunklen Gedanken versunken steht darüber. Ich habe mich sofort in dieses Bild verliebt.
Und dann ist da noch das Gedicht, das Sie mir bei einem Hausbesuch übergeben und mich gebeten haben „Frau Lehner, machen Sie was draus.“ So wurde aus Ihrem Gedicht unser Gedicht. Der Letzte, heißt es und ich finde es richtig gut.
Der Schlüssel passt nur noch ins letzte Loch,
autet eine Zeile davon. Ich musste es mehrmals ausdrucken, auf gutem Papier, und Sie haben es stolz weitergeschenkt. Mit unseren beiden Namen darunter. Das macht mich jetzt ein wenig stolz, Marianne.

Es war nicht nur die vom Gericht verordnete Arbeitsbeziehung, die uns über viele Jahre (waren es 15 oder mehr?) verbunden hat, es war auch unser gemeinsamer Hang zur Kreativität. Und dieses Nichtgenugbekommen vom Leben, von seinen Genüssen, auch wenn uns oft nicht gut tut, was uns gut tut, das ist uns auch gemein. Ich glaub, wir waren ein gutes Team. Ich glaub, Sie haben gespürt, dass ich mich immer dafür eingesetzt habe, dass Sie so leben können, wie Sie wollen.

Wissen Sie eigentlich, wie gerne ich die Geschichte erzähle, als Sie zuerst freiwillig ins Heim gezogen und eineinhalb Jahre später wieder ausgezogen sind, obwohl niemand Ihnen das zugetraut hat? Nicht die Betreuer, nicht die Ärztin, nicht die Gutachter, und ich auch nicht. Da haben Sie meinen Urlaub genutzt, um die Koffer zu packen, sich ein Taxi zu rufen, Mobile Dienste zu organisieren und noch ein paar Jahre in Ihrem Haus gelebt. Jetzt haben Sie wieder meinen Urlaub genutzt, um ein Taxi zu rufen. Diesmal saß der Tod am Steuer.

Ich muss „Fälle abbauen“ (ja, so heißt das bei uns), weil ich eine neue Aufgabe übernehme. Und für mich war immer klar, Sie kann ich nicht abgeben, Sie werde ich als Klientin behalten, bis ich irgendwann in Pension gehe.
Vor meinem Urlaub hatte ich so ein komisches Gefühl, so ein Gefühl, als könnte ich Sie womöglich danach nicht mehr wiedersehen. Obwohl ich an so etwas nicht glaube, an solche Vorsehungen, oder Vorhersehungen. Ich weiß gar nicht mehr, was wir geredet haben beim letzten Hausbesuch, aber das war auch nicht so wichtig. Weil sich das Wesentliche ohnehin wortlos abgespielt hat.

Lass es dir gutgehen da oben, Marianne. Ich wette, du wirst ständig Besuch haben, du wirst dir auch dort oben ein Netz von Menschen spinnen, die dich beschützen und umgarnen, mit dir lachen und hin und wieder mit dir schimpfen, Menschen, die du manchmal an die Grenzen des Wahnsinns treibst, weil du selbst dort zu Hause bist. Du wirst endlich Unmengen von Cola trinken und Chips essen können, ohne auf deine Figur, dein Herz und deine Zuckerkrankheit achten zu müssen. Du wirst ungeniert und grenzenlos shoppen können im Paradies und all deine Lieben wiedertreffen, die du herunten so sehr vermisst hast.

Adieu, Marianne – und wenn du mal Zeit hast, ruf mich an und erzähl mir, wie es dir geht.
Ich werde dir zuhören, ich verspreche es.

Die Gedanken sind frei?

Vor vielen Jahren haben sie ihn hierhergebracht, in Handschellen. Er hat sich immer noch nicht an die Haft gewöhnt. Man gewöhnt sich nie daran, denkt er. Es wäre leichter, wenn er allein wäre, oder mit jemandem, mit dem er sich blind versteht. Aber hier sind so viele Mithäftlinge und er versteht die wenigsten von ihnen. Manche spielen ganze Nacht Karten und hindern ihn am Denken; andere spielen verrückt. Ein paar spinnen einfach so vor sich hin, diese Träumer.
Früher war er einer von ihnen. Einer der jungen Wilden. Hat immer wieder an den Gitterzellen gerüttelt, an den Zellergittern, an den Zittergellen oder den Gellenzittern, hat die Gitter zum Zittern und die Zellen zum Zetern gebracht.

Aber das ist lange vorbei. Jetzt freut er er sich sogar an seinen täglichen Runden im Hof; dabei geht der Gedanke im Kreis, immer und immer wieder. Sein Ansuchen auf Freigang haben sie abgelehnt. „Zu gefährlich!“ haben sie gesagt. Und die Sache mit den Ausbruchsversuchen hat er längst aufgegeben. Sie haben ihn immer wieder eingeholt, die Wachegedanken, die alles andere als wache Gedanken sind. Aber das hat er ihnen nicht gesagt, wozu sie beleidigen?
„Ich möchte bitte hier raus!“ hat er eine dieser Wachegedanken höflich gebeten, weil er verstanden hat, dass Druck nichts bringt, außer Gegendruck. Der vorwitzige Wachebeamte – pragmatisiert, oder verbeamtet, wie die deutschen Gedanken sagen – hat zynisch mit den großen Schlüsseln gerasselt und gesagt: „Dann geh doch! Die Gedanken sind frei!“
Leider nein, denkt der Gedanke. „Na gut, dann möchte ich zumindest mit dem Leiter der Gedankenvollzugsanstalt sprechen“, verlangt er, „das ist mein gutes Recht.“ Er wird zu ihm gebracht, in Handschellen, damit er sich unterwegs nicht verflüchtigt.
Der Leiter ist ein kluger, aber ein zynischer Kopf. Eine sehr häufige Kombination.
Unser Gedanke hält sich für einen besonders schlauen seiner Sorte, er will seinen Intellekt und seine Bildung beweisen, als er mit der flachen Hand theatralisch auf den großen Mahagonitisch des Direktors schlägt und aus Don Carlos zitiert: „Ein Federzug von dieser Hand, und neu erschaffen wird die Erde. Geben Sie Gedankenfreiheit!“
„Aber wieso?“, fragt der Direktor leise und schiebt sich die Ärmelschoner ein Stückchen höher, „ich dachte, die Gedanken wären ohnehin frei?“
Der Gedanke wird traurig. Mit gesenktem Kopf schleicht er wieder zurück in seine Stammzelle. Sein Stammheim. Er war ein gefürchteter, berüchtigter, terroristischer Gedanke, damals. Dabei hat er nur an Gerechtigkeit gedacht und geglaubt, und dass Gerechtigkeit nichts mit Kapital zu tun hat und er hat Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit für alle Gedanken gefordert; ja, sogar Schwesterlichkeit hat er gefordert, für die feministischen Gedankinnen. Was für ein törichter, romantischer Gedanke ich damals war, denkt er abgebrüht und desillusioniert.

Als er am nächsten Tag in seiner Großraumzelle aufwacht, die keineswegs groß, sondern lediglich überbelegt ist, vergnügen sich gerade ein paar schmutzige Gedanken. Er wagt nicht hinzuschauen. Ihn ekelt. Wie diese dreckigen, versauten Gedanken schamlos vor den anderen herumvögeln, denkt er.
Der Zwangsgedanke, der in der selben Zelle untergebracht ist, leidet darunter noch mehr als er. Er schlüpft in seine Latexhandschuhe und putzt die Gitterstäbe. Wieder und wieder, obwohl sie längst glänzen wie Gold.

Der Gedanke, der so gerne frei sein will, setzt sich in die Ecke der Zelle und denkt nach. Er schließt die Augen und hält sich die Ohren zu, denn er hält das Gestöhne nicht aus. Auch aus den Nachbarzellen dringt Lärm. Trotz der zugehaltenen Ohren zuckt er zusammen, als er hört, wie die Gitter zu Boden krachen. Berstende Scheiben. Schüsse. Schreie.
Er kauert sich tiefer in sich zusammen. Gewalttätige Gedanken machen ihm Angst. Das war nicht immer so, als er noch jung und ungestüm war, da hatte er selbst zu Gewalt aufgerufen. Deshalb war er schließlich hier, im Gefängnis. Mittlerweile – alt und gestüm – hat er kapiert, dass man mit Gewalt gar nichts erreichen kann, schon gar nicht die Freiheit.

Die jungen, ungestümen Gedanken haben ihn am Vortag ausgelacht, als er vom Direktor zurückgekommen und ihnen von ihrem Gespräch erzählt hat. „Und du willst ein vernünftiger Gedanke sein?“, haben sie gehöhnt und ihn nachgeäfft: „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!“ „Freiheit kann uns niemand geben“, hat einer gesagt, der sich für den Knastphilosophen hält, „Freiheit müssen wir uns nehmen. Mit allen Mitteln.“
Sie trampeln über ihn hinweg und stürmen hinaus ins Freie, das sie mit der Freiheit verwechseln.
Unser Gedanke bleibt einfach sitzen und wartet. Er hat Zeit. Langsam lässt der Lärm nach, hin und wieder hört er noch, wie Einrichtung kaputtgeschlagen wird, als könnte sie etwas für die Vergehen der Gedanken, oder für die schrecklichen Haftbedingungen. Von weitem schreit jemand: „Der Direktor ist tot, es lebe die Freiheit!“

Irgendwann sitzt er ganz allein in der Zelle. Ein alter, einsamer Gedanke.
Ein fürsorglicher Mitgedanke ist noch einmal zurückgekommen. „Los, komm mit.Willst du denn nicht hinaus? Gib mir die Hand, ich helfe dir!“, bietet er seine Unterstützung an.
Der Gedanke schüttelt nachdenklich den Kopf und bedeutet dem mitfühlenden Mitgedanken mit einem Klopfen auf den kalten Boden, sich neben ihn zu setzen.
„Weißt du“, sagt er, „die Freiheit ist in uns, oder eben nicht.... Ja, halt mich ruhig für blöd oder pathetisch oder alles zusammen, aber ich bin zum Schluss gekommen, dass wir sie da draußen nicht finden, sondern nur, wenn wir endlich zur Ruhe kommen. Ich bin alt, ich habe viel gedacht im Leben, zu viel vielleicht. Zu viel gedacht und zu wenig genossen. Und zu wenig gespürt“, fügt er hinzu und seufzt.
„Aber fürs Spüren sind wir nicht zuständig. Dafür sind die Gefühle da, nicht wir“, widerspricht der mitfühlende Mitgedanke sich selbst.
„Wie auch immer. Ich bin zum Schluss gekommen...“, sagt er und stirbt.

Der fühlende Gedanke, der Widerspruch in sich, schließt ihm die Augen und deckt ihn mit einer gestreiften Decke zu. Er hat viel Erfahrung und weiß: Immer, wenn ein Gedanke stirbt, kommt ein neuer.

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

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