Samstag, 20. Dezember 2014

Sabine und die Ess-Störung

Diese Geschichte hab ich für eine Freundin zum Geburtstag geschrieben.



Hätte Sabine nur nicht diesen Makel gehabt, ihr Leben wäre völlig anders verlaufen. Das ist oft so, denn es sind nicht die großen Schicksalsschläge, die unser Leben und den Lauf der Welt bestimmen, sondern Kleinigkeiten. Würde Karl Kevin heißen und wäre Herbert nicht bei der falschen Bushaltestelle ausgestiegen, ihr Leben hätte andere Wendungen genommen als die, für die es sich entschieden hat. Wäre Helene Fischer nicht nur atem-, sondern auch stimmlos gewesen und hätte Adolf jüdische Vorfahren gehabt, wäre auch der Welt einiges erspart geblieben.
Wie auch immer, Sabine hatte eine S-Störung, daran war nicht zu rütteln. So mancher Englischschüler wäre froh gewesen, ein derart sauberes th auszusprechen wie sie, aber Sabine sprach kein Englisch.
Vielleicht hätte ihr Makel sie auch gar nicht gestört, würde sie Herta heißen, aus Wien kommen und in einem Hinterzimmer eines Blumenladens Blumen binden.

Sabine aber hieß Sabine Saurer-Samwald, wohnte in Sierndorf und war Silberschmiedin. Seit zwei Wochen arbeitete sie nicht nur in der Werkstatt, sondern auch im Verkauf. Sabine liebte ihren Beruf, aber sie hasste die mitleidigen Blicke der Menschen, denen sie Silberringe verkaufte. Obwohl Siegfried, ihr Mann, ihr versicherte, dass er sie trotz dieses Sprachfehlers, ja vielleicht sogar deswegen liebte, weil ihre Aussprache so süß und scheu war, beschloss Sabine, etwas an ihrem Leben zu ändern.

„Thind thie Thilke?“, fragte sie die Sprechtechniktrainerin am Telefon und ersparte ihr so die Frage nach dem Grund des Anrufs.

Es war nicht die Zahnfehlstellung, die den S-Fehler verursachte , fand Silke schnell heraus, sondern die Tatsache, dass Sabine unsicher war und sich schwer tat, loszulassen. „Raus!“, forderte Silke sie während einer Stunde auf. Sabine schaute entsetzt, packte die Brille in die Handtasche und eilte zur Tür. In ihre Augen schlichen sich Tränen. „Nicht Sie“, sagte die Sprechtechniktrainerin, als sie das Missverständnis bemerkte, „nur die Wörter! Lassen Sie die Wörter raus. Und die Gefühle auch!“

In den nächsten Wochen und Monaten setzte Sabine sich mit ihrem Atem auseinander, ließ ihn fließen, stärkte das Zwerchfell, indem sie hechelte wie bei der Geburt von Drillingen, fühlte, wie ein Strahl vom Herzen des Himmels ins Herz der Erde jagte, mitten durch ihr Herz und sie mit dem Universum und den Wurzeln verband. Sie schaute auf die nahe Burg Kreuzenstein, öffnete die Arme und schickte A’s und O’s auf den Turm.
Sie liebte Silke. Nicht auf eine erotische, begehrende, sondern eine bewundernde, aufschauende Art. Sie liebte ihren Ausdruck, ihr elfenhaftes Wesen, ihre Geduld und die Warmherzigkeit, mit der sie sie aufbaute, wenn Sabine wieder in sich zusammenfiel.
Sie war eine fleißige Schülerin. Sie übte in der Werkstatt beim Silberschmieden, zu Hause in der Küche, manchmal auch im Ehebett. Sie ertappte sich dabei, dass sie „Thuper Thex Thiegfried“, sagte, und korrigierte sich schnell: „Sssuper Ssssex, Siegfried“ Ihr Mann freute sich, dabei war ihm die Aussprache vermutlich egal.
Klangen ihre Sätze am Anfang noch so: In Thibirien isth eth thaukalt oder Ich thitze im Thessel und ethe Thalat mit Nüthen und Thonnenblumenkernen, wurden daraus mit der Zeit solche Gebilde:

Ich bin Sabine, bin stolz, skurril und selbstsicher. Ich bin süchtig nach Selleriesuppe. Ich singe gerne Soul, am liebsten Songs von Percy Sledge. Seit sieben Sonntagen spiele ich sogar Saxophon. Ich sehne mich nach der sonnigen Südsee, genieße Samt, Satin und Seide und – an der Stelle musste sie immer kichern – stehe auf versauten, sündigen Sex.
Und jedes Mal, wenn sie vor dem Spiegel sagte „Ich bin stolz, skurril und selbstsicher“, glaubte sie es ein bisschen mehr.


„Wie wäre es mit diesem sündteuren Silberring mit Saphir?“, präsentierte Sabine der Kundin stolz ihr Lieblingsstück.
Die schüttelte den Kopf. „Ich suche einen Slangenring mit einem smucken, sönen Stein.“ Sabine sah, wie die Frau errötete und fühlte mir ihr. Sie war auch immer rot geworden vor Scham. „Sie müssen es rauslassen“, sagte sie, „das SCH und die Gefühle.“ Sie kramte in einer Lade. „Warten Sie, ich hab da was zum Üben.“ Sie überreichte der Frau einen Korken.
„Von einer Sektflasse?“, fragte die.
„Champagner“, sagte Sabine. „Darf ich fragen, wie Sie heißen?“
„Sarlotte.“
„Schöner Name. Also, Charlotte sprechen Sie mir nach: Ich schwärme für schaukelnde Schiffe, schneeverwehte Schluchten, schöne Spiegel, schwarze Strumpfhosen, sprudelnde Springbrunnen und strahlende Sterne.“
„Ich swärme für saukelnde Siffe, sneeverwehte Sluchten, söne Spiegel“, versuchte es Charlotte und verzweifelte an der Aufgabe. „Seiße.“
„Sie sind im Tiefstatus, meine Liebe. Da müssen Sie dringend raus! Brust hervor, Schultern zurück. Vielleicht doch den Silberring mit dem Saphir?“, hakte sie nach. „Der Saphir stärkt die Entschlossenheit und fördert Heilungsprozesse.“ Das wusste sie von Silke, die sich mit Heilkräften von Steinen auskannte.
Tränen liefen über Charlottes Wangen. Sabine überreichte ihr ein Taschentuch und eine Visitenkarte von Silke. „Gehen Sie zu ihr. Sie wird Ihnen helfen.“

„Was bilden Sie sich eigentlich ein, Frau Sauer-Samwald?“, fragte die Chefin, die gerade zur Hintertür reinkam, als Charlotte das Geschäft verließ. „Das ist ein Juwelier, kein Esoterikladen. So leid es mir tut, ich werde Sie kündigen müssen.“
„Das klingt nicht authentisch“, sagte Sabine, „sagen Sie es mit Ihren eigenen Worten!“
„Raus!“, sagte die Chefin leise, und Sabine wusste, dass sie weder Gefühle noch Wörter meinte.
Alles im Leben hat einen Sinn, dachte Sabine, packte ihre Siebensachen und ging. Schon lange hatte sie überlegt, einen eigenen Laden aufzumachen, vielleicht hatte das Schicksal ihr eben zugewinkt.

„Sie brauchen mich nicht mehr, Sabine“, sagte Silke eines Tages. „Ihr S ist eines der reinsten, das ich je gehört habe. Und auch das K, das F, das A und O, das Z, ja, sogar das Ypsilon. Mit Ihrer Aussprache können Sie Nachrichtensprecherin werden.“
Bei Sabine strömten die Tränen. Das hier war viel schlimmer als die Kündigung. „Natürlich brauche ich Sie“, schluchzte sie.
„Was mach ich nur mit Ihnen?“, überlegte Silke, schnipste mit den Fingern und sagte: „Ich hab’s!“



Seit kurzem spielt Sabine Theater. Sie schüttelt sich zu Kundalini, kriecht auf allen Vieren und brüllt wie ein Löwe, improvisiert und lernt komplizierte Texte auswendig. Intensiv setzt sie sich mit den Figuren auseinander. Sie streicht sich durchs Haar wie die Figur, die sie spielt, sie spricht wie sie, sie geht wie sie, sie isst sogar wie sie. „Silke sagt, man muss die Figuren kennenlernen und spüren, verstehst du?“, erklärt sie ihrem Mann.
„Ich will dich auch wieder spüren, aber in deinem Kopf ist nur noch Platz fürs Theater“, sagt Siegfried. „Und für diese Silke“, fügt er hinzu, doch das hört Sabine nicht mehr.

Als sie am Abend Sex haben und Siegfried in sie eindringt, sagt Sabine: „Größer! Man muss spüren, dass es um etwas geht!“


„Ein Pferd“, tönt sie laut, während sie den Salat wäscht, denn bald würden ihre Schwiegereltern klingeln. „Ein Pferd! Mein Königreich für ein Pferd!“
„Wir haben kein Pferd, Schatz. Hast du die Gurken für das Tsatsiki besorgt?“ Siegfried ist gereizt.
Nein, hat sie nicht, sie hat das Gemüse vergessen, weil sie mit König Richard III. beschäftigt war. Vor ein paar Monaten noch wäre sie in so einer Situation zerknirscht in ihre Turnschuhe geschlüpft, hätte sich entschuldigt und gemurmelt: „Thorry. Ich bethorg schnell welche.“
Jetzt fasst sie sich mit dramatischer Geste ans Herz.
„Schlimm ist die Welt, sie muss zu Grunde gehen;
denn die graden, grünen Gurken fehlen.
Eine Gurke! Mein Königreich für eine Gurke! “
Sie küsst ihn auf die Wange und grinst. „Dann machen wir halt ein Tsatsiki ohne Gurken.“
„Was ist nur aus meiner thüßen, kleinen Thabine geworden?“, ätzt Siegfried.
„Eine selbstbewusste, souveräne Sabine“, sagt sie, „und damit kannst du offensichtlich nicht umgehen.“
Sie geht ins Wohnzimmer, greift nach einem Fläschchen und drückt das Ventil des Zerstäubers.
„Was machst du da?“ Siegfried steht in der Tür, „Im November gibt es keine Stechmücken.“
„Das ist ein Aura-Spray mit der Blütenessenz des Kreosotenbusches. Silke sagt, der gibt Schutz und tiefgehende Reinigung.“ Sie atmet tief ein und presst ihre Handflächen vor dem Körper zusammen. „Ich reinige mich tiefgreifend von deinen negativen, seelischen Energien. Mein Herz wird leicht und meine Worte klar.“


„Sabine, ich halte das nicht mehr aus.“ Siegfried seufzt und geht nervös im Wohnzimmer auf und ab.
„Leg die Unruhe in deine Stimme, nicht in deinen Körper“, sagt Sabine, „dann wirkt sie viel stärker.“
„Ich ... glaube, du hast ... mich ... nicht verstanden, Sabine.“
„Besser so, viel dichter die Emotion, jetzt spürt man, dass es um etwas Existenzielles geht. Aber verzichte auf die Pausen zwischen den Worten. Mach es flüssiger. Probier es gleich noch mal. Silke sagt ...“
„Sabine!“, er schreit jetzt. „Verdammt noch mal, ich kann nicht mehr! Es ist aus!“
„Bei dem Wort aus muss die Stimme runter, sonst kapiert das Publikum nicht, dass es zu Ende ist. Das Aus musst du hinsetzen wie einen Punkt.“
Er fasst mit seinen Händen an ihren Hals und schüttelt sie. Er ist in Rage, und seine Stimme bebt. „Es ist aus. Vorbei. Punkt.“
„Das war richtig, richtig gut“, sagt sie zufrieden. Ihr Mann drückt langsam und fest zu. „Silke wäre stolz auf dich“, stöhnt Sabine kaum noch hörbar und lächelt. Dann bricht sie zusammen.

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

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