Alles ist gut - Eine Weihnachtsgeschichte

„Du solltest ein bisschen kürzer treten, Kurt, dein EKG schaut besorgniserregend aus!“
„Du weißt ja, wie das ist in unserer Branche“, Kurt rieb sich sein Dreitagesbartkinn. „Only bad news are good news.“
„Wenn ich das als dein Arzt und Freund, der dich seit 30 Jahren kennt, so sagen darf, Kurt: Du bist ein zynisches Arschloch geworden. Wenn du so weitermachst...“
Kurt wollte den zweiten Teil des Satzes nicht hören. „Wie soll man denn in Zeiten wie diesen nicht zu einem zynischen Arschloch werden? Meine Herzrhythmusstörungen sind kein individuelles, sondern ein globales Symptom. Die Welt ist aus dem Tritt geraten, Heinz. Da hilft ein bisschen Krafttraining oder ein Pudding aus Chiasamen nicht. Da hilft nur Betäubung. Durch Arbeit und Alkohol.“
„Ich mach dir jetzt einen Vorschlag. Ich weiß, er klingt nicht sehr schulmedizinisch, hör mir aber bitte trotzdem zu.“
Kurt setzte an, etwas zu sagen, hielt aber den Mund und tat, was sein Freund ihm zu tun riet. Er hörte zu.
„Versuch deinen Fokus in den nächsten Wochen einmal ganz bewusst auf das zu lenken, was alles gut läuft. Was alles gelingt.“
Kurt rollte die Augen. „Bürgerkrieg in Syrien, Hungersnöte in Afrika, Hypo-Skandal, steigende Armut, fallende Intelligenz, Donald Trump und H.C. Strache. Super, oder?“
„Fang mit deinem Leben an, Kurt. Dir geht’s doch gut. Du hast einen gut bezahlten Job bei der Zeitung, eine attraktive Frau und ein wunderschönes Haus.“
„So nach dem Motto: Think pink?“
„Nenn es, wie du willst. Das Schöne schreibst du jeden Tag auf und wirfst es in ein großes Gurkenglas. Und wenn es dir schlecht geht, schenkst du dir keinen Drink ein, sondern ziehst einen Zettel und erinnerst dich an das Schöne in deinem Leben.“
„Warst du auf einem Esoterik-Seminar, Heinz?“
Heinz ging nicht auf seine Frage ein. „Also, üben wir mal: Was ist dir in der letzten Woche Schönes passiert.“
„Ich bin nicht in den falschen Zug gestiegen.“
„Und jetzt formuliere es positiv. Das Gehirn kann Verneinungen nicht in Bilder umsetzen.“
„Ich hab den richtigen Zug nach Salzburg erwischt. Und die Schaffnerin hatte schöne Beine.“
„Super, was noch?“
„Ich war einkaufen und hab ein paar Hemden und T-Shirts gekauft. Erstens hab ich welche bekommen, zweitens hat die unfreundliche Frau an der Kasse sich zu meinen Gunsten vertan.“
„Das unfreundlich streichen wir wieder. Das ist nicht positiv.“
„Aber nur dadurch, dass sie unfreundlich war, war’s für mich positiv. Sonst hätte ich sie womöglich noch darauf hingewiesen.“
Heinz lachte und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schultern. „Wir sehen uns im Jänner zur Kontrolle.“
„Und am Stefanitag zum Kartenspielen. Tschüs!“


*
„Warst du bei Heinz in der Praxis?“, fragte Gerda, seine Frau, und schenkte ihm einen Martini ein. „Eh alles in Ordnung?“
„Ich hab Herz...“, begann er, dann dachte Kurt an den ärztlichen Rat. „Ich hab ein Herz. Und es schlägt. Ein bisschen eigenwillig halt.“ Er lächelte. Als Gerda in die Küche ging, schüttete er den Martini in die Erde der Zimmerpalme und goss sich Tee auf.
„Was ist denn mit dir los?“, wunderte sich Gerda, als er die Zeitung ungelesen ins Altpapier warf, den Fernseher ausschaltete und sich auf dem Sofa ausstreckte.
„Nichts.“ Er bemühte sich, etwas Positives an der Situation zu entdecken. „Das Sofa ist herrlich weich. Es ist Vollmond. Und ich lebe.“ Er zog seine Frau zu sich. „Und ich hab Lust auf dich.“
Sie stieß ihn von sich. „Nicht jetzt“, sagte sie. „Migräne.“
„Du solltest auch mal zu Heinz gehen, Gerda.“
*
Weil Kurt zwar nach außen hin ein zynisches Arschloch, innen drinnen jedoch ein Angsthase war - ein Angsthase, der nicht sterben, sondern noch eine Weile leben wollte - schrieb er Abend für Abend heimlich seine schönen Erfahrungen auf kleine Zettel, ging in den Keller und warf sie in ein leeres Gurkenglas.
Statt Zeitdruck in der Redaktion. Stau auf der Autobahn. Mama hat genervt, Gerda macht Stress wegen des Weihnachtsessens, Tim hat die Mathearbeit versemmelt schrieb er:
Zeitung schon wieder rechtzeitig fertiggeworden. Im Stau meine Lieblingsnummer gehört. Von Mama Schokomaronen vom Heindl bekommen. Gerda sorgt sich um unser leibliches Wohl. Tim sind Worte wichtiger als Zahlen.
Jeden Tag fiel es ihm ein bisschen leichter.
Die Verkäuferin im Supermarkt hat mich angelächelt. Beim Bäcker die letzten beiden Salzstangerl erwischt. Der Anzug kam sauber aus der Reinigung. Kaschmirsocken in Aktion gewesen.

*
„Ich habe nachgedacht“, sagte er in der Redaktionssitzung und alle starrten ihn an. Waren sie es nicht gewöhnt, dass er nachdachte?
„Vier von fünf Nachrichten, die wir bringen, sind schlechte Nachrichten, wusstet ihr das?“
„Ja. Und? Only bad news are good news“, sagte Jürgen aus der Wirtschaftsredaktion.
„Was glaubt ihr, wie es unseren Leserinnen geht, wenn sie diese ganzen schlechten Nachrichten lesen. Sie bekommen noch mehr Angst, als sie ohnehin schon haben. Wir verstärken diese Angst, versteht ihr? Wenn wir schreiben, dass 30.000 Autos im Jahr gestohlen worden sind, bekommen sie Panik, obwohl doch in Wahrheit viel mehr Autos nicht gestohlen worden sind.“
„Oder sie denken sich: Gut, dass es mich nicht erwischt hat.“ Jürgen rollte mit den Augen.
Kurt ließ sich nicht von seinem Entschluss abbringen. „Ich erwarte mir für die Weihnachtsausgabe ausschließlich gute Nachrichten. Verstanden?“
Ohne die Antwort abzuwarten, stand er auf und verließ die Sitzung.
Ich war richtig mutig, kritzelte er auf ein Post It und freute sich.

Am Nachmittag klopfte es alle paar Minuten an sein Büro.
„Wenn ich schreibe, dass eine Mannschaft gewinnt, dann heißt das doch auch, dass die andere verloren hat, oder?“, fragte der Kollege aus der Sportredaktion.
„Stimmt. Dann schreib nicht, wer gewonnen hat, sondern, dass es ein hochkarätiges Spiel war, die Würstel geschmeckt haben und danach alle gesund vom Platz gegangen sind.“
„Und dass Pep Guardiola die Bayern verlässt, ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht?“.
„Gut für die Bayern. Das kann rein.“
„111 Mordopfer im Jahr beim Tatort“, berichtete die Kulturredakteurin. „Ich zähl einfach die, die gerettet wurden und überlebt haben, ja?“

Dann kam Lisi von der Chronik. Lisi mit den abgerissenen Jeans, dem zerzausten Haar und dem großen Herz. Die in ihrer Freizeit Deutschkurse für Flüchtlinge gab und einen Teil ihres Gehalts wohltätigen Organisationen spendete. Jürgen hatte sie letztens „linke, naive Gutmenschin“ genannt. Sie hatte dazu gelächelt und ihm Weihnachtskekse geschenkt.
„Hier“, sagte Lisi und überreichte Kurt ein paar Zettel. „Ich weiß, ich hätte es mailen können, aber ich finde ein Gespräch viel persönlicher als eine elektronische Nachricht. Ich bin die Meldungen der Presseagentur durchgegangen.“
Aus Wiener Straßenbahn aus Schienen gesprungen, machte sie: Wiener Straßenbahn aus Schienen gesprungen, um einer Fußgängerin auszuweichen.
Stichflamme: Verletzte wegen Feuerzangenbowle wurde zu Schmackhafte Feuerzangenbowle tröstet Verletzte
Sein Grinsen wurde immer breiter.
„Ich finde deine Idee übrigens richtig gut“, sagte sie, „also die Idee, einmal das Positive im Leben und auf der Welt zu sehen. Das haben wir alle verlernt.“
Das ging runter wie ein Jameson Gold. Nein, wie Kräutertee mit Honig. Er las weiter.
Alkoholisierter Lkw-Fahrer fährt in Drive-in wurde zu Rekordumsatz für vegetarisches Restaurant neben Drive-in.
Und aus Fußgängerin auf A1 von Auto gerammt Kaum Schäden am Fahrzeug
Sogar einer schweren Überschwemmung in Paraguay konnte sie etwas Gutes abgewinnen. Pakistan bleibt verschont, schrieb sie.
„Das hast du großartig gemacht“, lobte Kurt, der merkte, dass er seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen viel zu selten lobte. Heute Abend würde er Lisi, die Chaotin aus der Chronik, hat mich verzaubert auf einen Zettel schreiben. Sie hat die drei H. Hirn, Herz und Humor. In Gedanken fügte er ein viertes H. hinzu. Einen schönen Hintern hatte sie nämlich auch.

„Aber wie kann man die Schlagzeile FPÖ in Umfragen klare Nummer eins im Bund? positiv sehen?", riss sie ihn aus seinen Hinterngedanken, „da steh ich an."
„Hm.“ Kurt räusperte sich. „Vielleicht: FPÖ verfehlt absolute Mehrheit klar.“
Sie spendete ihm ihr hinreißendstes Lächeln. „Ich geh morgen auf den Weihnachtsmarkt“, sagte sie, „hast du Lust, mitzukommen?“ Sie stapfte in ihren zweifärbigen Chucks aus seinem Büro.

Kurt spürte, wie sein Herz einen Sprung machte. Kein Stolpern und Aussetzen wie vor ein paar Wochen, sondern kleine, herzhafte Sprünge.

*
„Kannst du noch in die Stadt fahren und den Baum besorgen?“, bat Gerda ihn. „Aber fahr langsam, wegen des Nebels.“
„Ich mag Nebel“, sagte Kurt, „er deckt Dinge zu und hat etwas Geheimnisvolles.“
Gerda fand ihn neuerdings langweilig, wenn er ihr voll Freude erzählte, dass die Heizung funktionierte, sein Blutdruck gesunken war und Deni Alar einen Elfmeter verwandelt hatte. „Du hast dich verändert“, hatte sie vor ein paar Tagen festgestellt und ihr Tonfall hatte ihm verraten, dass sie an seiner Veränderung keinen Gefallen fand. Wenn er sie berühren wollte, hatte sie Migräne.

Kurt fuhr ziellos durch den dichten Nebel, hörte Weihnachtslieder und dachte nach. Den Baum hatte er schon gestern besorgt, als er nach der Arbeit mit Lisi durch den Adventmarkt geschlendert war und ein kleines, unscheinbares Bäumchen erstanden hatte. Sie tut mir verdammt gut, hatte er am Abend auf den Gurkenglaszettel geschrieben und fügte ein fünftes H. dazu. Sie hat weiche Hände.
In einem kleinen Café trank er Tee und fuhr nach Hause zurück.

Zuerst hörte er sie. Dann öffnete er die Schlafzimmertür einen Spalt breit und sah sie. Seine Frau. Im Ehebett. Mit Jürgen, seinem Kollegen aus der Wirtschaftsredaktion. Dem, der sich geweigert hatte, „rosarote Nachrichten“ zu schreiben, wie er es ausdrückte.
Leise schlich er in den Keller. Gerda hat keine Kopfschmerzen mehr, schrieb er auf einen Zettel. Und in sein Handy tippte er eine SMS an Lisi: „Lust auf einen Spaziergang im Nebel?“
rosmarin - 21. Dez, 17:51

:-)..... und immer wieder heftiges Lachschmunzeln zum Ende der Texte :-)!!!

testsiegerin - 22. Dez, 17:10

Danke!
Ich war dieses Jahr so beschäftigt (unter anderem in meiner Werkstatt), dass ich echt dachte, ich schaff das dieses Jahr nicht mehr mit der Weihnachtsgeschichte. Als sie vehement eingefordert wurde, hab ich es dann doch noch geschafft.
Und freu mich darüber.
wortmischer - 22. Dez, 13:26

Endlich einmal eine Weihnachtsgeschichte ganz nach meinem Geschmack! Ohne Lametta. Dafür mit Lisi.

testsiegerin - 22. Dez, 17:11

Lisi bringt Kurts Augen wesentlich heller zum Leuchten als Lametta.
wortmischer - 24. Dez, 00:47

Würde sie meine auch :-D
la-mamma - 22. Dez, 16:35

unsere abteilungswertung (ich hab sie heut echt vorgelesen;-) danke sehr). bester gag: pakistan blieb verschont. zweitbester: keine kopfschmerzen mehr. rest hat auch gefallen ...
PS: und ich hab nur den bayerntrainer bissi falsch ausgesprochen. aber vom fußball hab ich ja auch keine ahnung;-)

testsiegerin - 22. Dez, 17:13

Pep Gwardiola sagt man.
Aber der ist eh bald nicht mehr Bayern-Trainer ;-)
Sternenstaub - 25. Dez, 22:35

Sehr schön, einen Zettel kann ich heut gleich ausfüllen:

"eine richtig gute Geschichte gelesen" ;)) pinke sternverstaubte Weihnachten!!

Wolfgang (Gast) - 26. Dez, 14:28

Küssen ohne Lippen

Habe lange nicht mehr auf der Seite nachgesehen und wurde mit dieser Geschichte - wie sicher zu erwarten war - weihnachtlich beschenkt! Danke!

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
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Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

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