Die Autorin in mir

Nackt, wie die Natur ihn schuf, liegt der Tag vor mir. Unberührt wie die Jungfrau Maria. Zumindest unberührt von mir, andere haben längst mit ihren Fingernägeln Spuren in seinen Rücken gekratzt und ihre Lust in seinen Leib gebohrt. Oder mit ihrer Wut dem Tag ein paar Platzwunden zugefügt.

Wenn ich im schlafwarmen Bett liege, an so einem Tag, einem Tag, wo auch der Wecker ausschlafen darf, kommen mich die Gedanken besuchen. Die Worte. Ich will sie einfangen, die Worte, mit dem Schmetterlingsnetz meiner Erinnerungen, nicht flüchten lassen, weil diese unberührten und nicht zu Ende gedachten Worte und Sätze oft wunderschön und noch nie gedacht sind. Anstatt sie einfach zu genießen und kommen und gehen zu lassen, will ich sie dem Tag entreißen, auf Papier bannen, oder auf die Tastatur. Und damit mit einem Skalpell Narben in den Tag schneiden. Sein Lächeln ist so ansteckend wie Masern, schreibe ich. Dabei hat mich niemand angelächelt, nicht einmal der Tag, weil die Rollos noch unten sind.

Die Autorin in mir geht mir manchmal gehörig auf die Nerven. Nie kann sie Dinge einfach sein lassen. Vor allem kann sie Dinge nie so sein lassen, wie sie wirklich sind. Sie ist eine erbärmliche Lügnerin, eine Mythomanin. Weil sie mein Leben in Wahrheit schrecklich langweilig findet, motzt sie meine Erlebnisse ständig auf. Tag für Tag mischt sie sich in mein Leben ein und lenkt es dadurch in andere Spuren.

Die Leser meiner erotischen Geschichten halten mich für eine hemmungslose und nicht satt zu bekommende Liebhaberin, die feucht wird, sobald sie von seinem ansteckenden Masernlächelnvirus infiziert wird. Von einer Femme Fatal, die alle Stellungen des Kamasutras nachturnen kann, dabei unendlich geil ist. Die dreht sich nicht einfach um und sagt: „Heute nicht.“ Oder „dies Woche nicht“. Oder so.

Die Autorin in mir bastelt so lange an alltäglichen Ereignissen herum, bis sie ihr spannend genug erscheinen. Aus dem Meerschweinchen, das mein Mann für die Kinder gekauft hat, wird erst ein Chihuahua, auf den die Kinder allergisch sind, später ein hässlicher Nacktmull aus der Familie der Sandgräber, der der Star der Geburtstagsparty ist und den die Kinder in allerlei Puppenkleider stecken. Bis die explodierende Eistorte serviert wird.
Durch die Intervention der Autorin in mir wird aus dem Nacktmull ein zahmer Tiger und als auch der nicht mehr spannend genug ist ein an der Pfote verletzter, mohnsüchtiger Elefant, der geliefert wird, als mein Mann grad nicht da ist.

Wäre ich bei der Wahrheit geblieben, hätte mein Mann einfach Katzenfutter gekauft. Aber wen interessiert das? Und das ist alles, was die Autorin in mir will, interessant, skurril, schräg, spannend zu sein. Die Leute wollen unterhalten, abgelenkt und berührt sein, flüstert sie mir ins Ohr. Einen langweiligen Alltag haben sie selber. O.k., nicht so langweilig wie deiner, aber bitte...
Danke.

„Kannst du jetzt bitte mal ganz still sein und mir nur zuhören?“, bitte ich die Autorin in mir am Abend, als der Tag, zerfurcht, gelebt und zerschunden neben mir liegt und stöhnt. Aus Erschöpfung, nicht aus Lust.

Sie hört zu. Und ich erzähle von meinem Tag. Von der Arbeit im Büro, meinem Besuch im Heim bei dem zahnlosen 80jährigen, der möchte, dass sich seine Mama um ihn kümmert. Von der Stimmung im Büro, die zum Schneiden ist. Davon, dass ich den E-Reader umgetauscht hab, weil der Akku nur mehr ein paar Stunde hielt. Vom Theaterworkshop und dem Stück, in dem ich eine alte Dame namens Adelheid spiele, die Mein Kampf liest sich den Dolferl zurückwünscht.

„Und, wo ist da die Pointe?“, fragt die Autorin in mir mich. Hm.
„Da ist keine“, gebe ich zerknirscht zu, „weißt du, das Leben ist nämlich kein Witz.“
„Du könntest aber eine Messerstecherei im Büro anzetteln, der 80jährige könnte 123 und der älteste Bewohner der Welt sein, der vom zweitältesten vergiftet wird, weil der selbst gern der älteste Bewohner wäre, du könntest den E-Reader auf dem Kopf der Verkäuferin zertrümmern und Adelheids Hund könnte Blondi heißen. Sowas würden die Leute gerne lesen, verstehst du?“

„Ja. Eh. Ich bemüh mich“, sag ich und denke: „Scheiß Autorin in mir! Du sollst dich nicht ständig in mein Leben mischen. Lass mich doch einfach mal in Ruhe!“
rosenherz - 21. Mai, 10:54

Das tut gut zu lesen. Leben. Wie es sich schlicht im Alltag zeigt.
Ich hatte schon angenommen gehabt, dein Leben würde einzig aus einer Aneinanderreihung von Höhepunkten bestehen.

testsiegerin - 21. Mai, 11:29

Da muss ich uns leider enttäuschen ;-)
bonanzaMARGOT - 21. Mai, 11:48

der älteste mensch starb vor kurzem mit 116. nun ist eine andere 116 jährige ältester mensch.
man kann über alles und nichts schreiben. wichtig dabei ist gar nicht so sehr das besondere sondern... die kunst des gewebes, der stimmungen, der worte.

testsiegerin - 21. Mai, 11:50

Wikipedia sagt: Der älteste Mensch, dessen Alter vollständig verifiziert wurde, ist die Französin Jeanne Calment, die im Alter von 122 Jahren und 164 Tagen starb.

Und du hast natürlich recht.
bonanzaMARGOT - 21. Mai, 11:54

der älteste mensch "war" diese französin. nun nicht mehr.
testsiegerin - 21. Mai, 11:55

Der 123jährige der Autorin in mir will natürlich ins Guiness-Buch der Rekorde ;-)
bonanzaMARGOT - 21. Mai, 11:58

"der 123 jährige der autorin in mir" - über dieses konstrukt muss ich erstmal nachdenken...
steppenhund - 21. Mai, 13:39

Ein sehr interessanter Text. Ich weiß nicht, ob alle Autoren das so erleben. Bei einigen kann ich es mir nicht vorstellen.
Ich schreibe ja an einem Buch. Nicht weil bei mir ein innerer Autor werkt. Eigentlich will ich gar nicht schreiben, weil ich nicht gut schreiben kann. Doch der Inhalt bewegt mich und ich sehe nirgendwo, dass mein Thema nur ansatzweise so behandelt wird, wie ich es wünsche.
Sachlich darüber zu schreiben halte ich für zwecklos.
Eine Erzählung bringt zuwenig Hineinziehen in die Geschichte. Es muss ein Roman sein, der die Frage aufwirft: kann das wirklich so sein? Kann das wirklich so werden?
Aber mein eigenes Leben besteht sowieso aus Höhepunkten, die ich einzeln genieße. Ich nehme mir das Recht heraus, Höhepunkte zu erahnen und dann alles zu unternehmen, um sie zu erleben. Das sind mittlerweile alles Ziele, die ich ohne großen finanziellen Aufwand realisieren kann.
Doch wenn ich im Bett liege, dann träume ich. Richtige Träume. Manchmal habe ich sie aufgeschrieben. Sie haben Kurzgeschichtenausmass. An eine Geschichte kann ich mich so gut erinnern, dass ich sie schon einige Male erzählt habe. Das Original ist einem Computerabsturz zum Opfer gefallen.
Dein Text ist nicht nur interessant sondern auch inspirierend. Er lässt eigene Fantasien wach werden.
Danke!

wortmischer - 22. Mai, 18:53

Es kommt doch immer so, wie es soll, ...

... so, wie es gerade geht. Mein 123-jähriger Autor wandelt auch gerade zahnlos durch's Nirvana; dafür erlebt der innere Schauspieler in diesen Tagen ein fröhliches Hochdruckgebiet.

Ich versuche immer, der jeweils erfolgreichsten Stimme die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen. Da muss der Autor halt auch mal echt die Klappe halten. Selbst wenn es schwer fällt.

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
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