23. Tag - Gefährliches Terrain
Man hat mich gewarnt. „Von dort kommt keiner unbeschadet zurück“, haben sie gesagt. „Leg dich in deiner Gelassenheit an den Strand und gönne dir einen bunten Cocktail, aber verdammt noch mal, lass diese Etappe aus. Sie werden dich kidnappen und dir alles abnehmen, was du hast.“
Ich habe nicht auf sie gehört. Ich habe keinen Alles-Inklusive-Urlaub mit Sonnengarantie gebucht, damit ich zu Hause stolz die Fotos vom türkisblauen Meer herzeigen kann, sondern ich befinde mich auf einer Weltreise. Ich bin neugierig. Ich will auch die Schattenseiten sehen.
Was sollen sie mir denn schon rauben? Meine Unschuld? Meine Wertsachen? Ich hab ja nichts.
Sicherheitshalber leere ich meine Taschen, tausche meine H & M - Jeans gegen eine ausgebeulte Latzhose, damit man mich nicht für eine Touristin hält, und begebe mich auf gefährliches Terrain.
Es ist hässlich hier. Sehr hässlich. Seltsame unansehnliche Gestalten, die einen ekelhaften Gestank verbreiten, drängen durch den Asphalt und versuchen, mich zu umklammern.
Langsam setze ich einen Schritt vor den anderen und schaue mich um.
„Was suchst du hier?“, herrscht mich meine Aggressivität unvermittelt an, obwohl ich ihr gar nichts getan habe.
„Ich komme in friedlicher Mission“, antworte ich und strecke ihr meine leeren Hände entgegen. Das funktioniert meistens in den Filmen. Aber das Leben ist kein Kino. Die Alte hört mir nicht zu und spuckt mich mit einem ansteckenden Sekret an. „Wo sind die Geschenke?“, krächzt sie. „Wer in friedlicher Mission kommt, der bringt Geschenke.“
Ich schenke ihr – obwohl es mir schwer fällt - ein Lächeln. Sie will es nicht. Eine große Portion Zynismus mischt sich in ihre Stimme. „Steck dir dein falsches Lächeln in den Arsch“, flucht sie, „vielleicht schlägt es ja Wurzeln!“ Ich zucke zusammen. Scheiße, ich bin solche Ausdrücke nicht gewöhnt.
Es ist kalt hier, deshalb ziehe ich meine Weste fester um meinen Leib und senke den Kopf, um den boshaften Blicken der Bewohner auszuweichen. Ich hätte die Warnungen ernst nehmen sollen. Aber jetzt muss ich hier durch, jetzt gibt es kein Zurück mehr, das haben sie mir an der Grenze gesagt.
„Warum bekommt die Aggressivität ein Geschenk und wir nicht?“, beschweren sich Neid und Eifersucht. Sie bilden ein Spalier, stellen mir immer wieder ein Bein und machen mir den Weg schwer.
Ich versuche, noch ein Lächeln hervorzuwürgen, doch nur ein verkrampftes Grinsen verlässt meine Lippen. Die beiden sind unzufrieden, aber das sind sie immer.
Ich atme auf, als ich mich an ihnen vorbeigekämpft habe. Im nächsten Moment höre ich sie hämisch lachen. Und dann spüre ich es. Die Wut packt mich im Genick und schleudert mich mit Gewalt zu Boden.
„Ich gebe dir alles, was ich habe!“, schluchze ich, und vergesse, dass ich nichts habe. „Lass mich bitte los!“ Doch die Wut ist taub. In Gebärdensprache bedeute ich ihr, mich freizulassen und sich ein anderes Opfer zu suchen, ein reiches, aber die Wut ist nicht nur taub, sie ist auch blind.
Mit sicheren Griffen fesselt sie mich an einen Baum. Ich möchte schreien, doch die Angst vor ihr schnürt mir die Kehle zu.
Ich kämpfe gegen sie an. Es ist ein ungleicher Kampf, den ich nur verlieren kann. Sie ist viel stärker als ich. Obwohl ich nicht gläubig bin, schicke ich ein Gebet, aber ich weiß nicht wohin. Ich flehe, dass sie Mitleid hat mit mir und mich gehen lässt, aber die Wut kennt kein Mitgefühl. Die Wut kennt nur sich selbst.
Irgendwann werde ich ohnmächtig.
Als ich wieder aufwache, ist sie weg. Sie hat sich in Rauch aufgelöst. Ich bin völlig erschöpft, spüre die Einschnitte der Schnüre auf meiner Haut, rieche noch ihren Mundgeruch und habe Angst, sie könnte wiederkommen. Ich werde mich noch ein wenig ausrasten und schauen, dass ich hier wegkomme.
Meine Lieben,
Ja, ich weiß, ihr habt mich gewarnt. Doch ich wollte es wissen. Nächstes Mal werde ich auf euch hören.
Das verspreche ich.
Vielleicht.
__________________
Ich habe nicht auf sie gehört. Ich habe keinen Alles-Inklusive-Urlaub mit Sonnengarantie gebucht, damit ich zu Hause stolz die Fotos vom türkisblauen Meer herzeigen kann, sondern ich befinde mich auf einer Weltreise. Ich bin neugierig. Ich will auch die Schattenseiten sehen.
Was sollen sie mir denn schon rauben? Meine Unschuld? Meine Wertsachen? Ich hab ja nichts.
Sicherheitshalber leere ich meine Taschen, tausche meine H & M - Jeans gegen eine ausgebeulte Latzhose, damit man mich nicht für eine Touristin hält, und begebe mich auf gefährliches Terrain.
Es ist hässlich hier. Sehr hässlich. Seltsame unansehnliche Gestalten, die einen ekelhaften Gestank verbreiten, drängen durch den Asphalt und versuchen, mich zu umklammern.
Langsam setze ich einen Schritt vor den anderen und schaue mich um.
„Was suchst du hier?“, herrscht mich meine Aggressivität unvermittelt an, obwohl ich ihr gar nichts getan habe.
„Ich komme in friedlicher Mission“, antworte ich und strecke ihr meine leeren Hände entgegen. Das funktioniert meistens in den Filmen. Aber das Leben ist kein Kino. Die Alte hört mir nicht zu und spuckt mich mit einem ansteckenden Sekret an. „Wo sind die Geschenke?“, krächzt sie. „Wer in friedlicher Mission kommt, der bringt Geschenke.“
Ich schenke ihr – obwohl es mir schwer fällt - ein Lächeln. Sie will es nicht. Eine große Portion Zynismus mischt sich in ihre Stimme. „Steck dir dein falsches Lächeln in den Arsch“, flucht sie, „vielleicht schlägt es ja Wurzeln!“ Ich zucke zusammen. Scheiße, ich bin solche Ausdrücke nicht gewöhnt.
Es ist kalt hier, deshalb ziehe ich meine Weste fester um meinen Leib und senke den Kopf, um den boshaften Blicken der Bewohner auszuweichen. Ich hätte die Warnungen ernst nehmen sollen. Aber jetzt muss ich hier durch, jetzt gibt es kein Zurück mehr, das haben sie mir an der Grenze gesagt.
„Warum bekommt die Aggressivität ein Geschenk und wir nicht?“, beschweren sich Neid und Eifersucht. Sie bilden ein Spalier, stellen mir immer wieder ein Bein und machen mir den Weg schwer.
Ich versuche, noch ein Lächeln hervorzuwürgen, doch nur ein verkrampftes Grinsen verlässt meine Lippen. Die beiden sind unzufrieden, aber das sind sie immer.
Ich atme auf, als ich mich an ihnen vorbeigekämpft habe. Im nächsten Moment höre ich sie hämisch lachen. Und dann spüre ich es. Die Wut packt mich im Genick und schleudert mich mit Gewalt zu Boden.
„Ich gebe dir alles, was ich habe!“, schluchze ich, und vergesse, dass ich nichts habe. „Lass mich bitte los!“ Doch die Wut ist taub. In Gebärdensprache bedeute ich ihr, mich freizulassen und sich ein anderes Opfer zu suchen, ein reiches, aber die Wut ist nicht nur taub, sie ist auch blind.
Mit sicheren Griffen fesselt sie mich an einen Baum. Ich möchte schreien, doch die Angst vor ihr schnürt mir die Kehle zu.
Ich kämpfe gegen sie an. Es ist ein ungleicher Kampf, den ich nur verlieren kann. Sie ist viel stärker als ich. Obwohl ich nicht gläubig bin, schicke ich ein Gebet, aber ich weiß nicht wohin. Ich flehe, dass sie Mitleid hat mit mir und mich gehen lässt, aber die Wut kennt kein Mitgefühl. Die Wut kennt nur sich selbst.
Irgendwann werde ich ohnmächtig.
Als ich wieder aufwache, ist sie weg. Sie hat sich in Rauch aufgelöst. Ich bin völlig erschöpft, spüre die Einschnitte der Schnüre auf meiner Haut, rieche noch ihren Mundgeruch und habe Angst, sie könnte wiederkommen. Ich werde mich noch ein wenig ausrasten und schauen, dass ich hier wegkomme.
Meine Lieben,
Ja, ich weiß, ihr habt mich gewarnt. Doch ich wollte es wissen. Nächstes Mal werde ich auf euch hören.
Das verspreche ich.
Vielleicht.
__________________
testsiegerin - 24. Mai, 20:12


ich glaube...
wenn das so einfach wäre mit dem veröffentlichen. ich werde es aber selber spiralen und dir ein exemplar schicken, wenn es fertig ist, ja?
Da wäre ich auch gerne Empfänger