[>>]

24. Tag - Just in time

Ich bin pünktlich am Flughafen, zum Gück. Es ist halb elf, mein Flieger geht um vier. Sicher ist sicher.
Man weiß ja nicht. Es hätte schließlich passieren können, auf halbem Weg umkehren zu müssen, weil ich meinen Pass vergessen habe. Oder der Sprit geht nicht nur mir aus, sondern auch der Tankstelle. Ich hab zwar noch nie davon gehört, dass das irgendwo auf der Welt schon mal geschehen ist, aber vielleicht ausgerechnet heute. Dann steh ich an der Zapfsäule und die Tankwartin sagt mit einem entschuldigenden Lächeln: „Oh, Normal bleibfrei ist ausverkauft, der ältere Herr im Volvo hat den letzten genommen. Darf’s auch Diesel sein?“
Aber ich habe – wie gesagt – Glück. Ich habe Ausweis und Zahnbürste dabei und auf der Landstraße ist auch heute kein Stau. Die Tankwartin schwenkt die Säule, damit der letzte Rest Normalbenzin in meinen Tank rinnt, ich habe den Anschluss nicht versäumt und stehe jetzt am Flughafen.
„In meine Pünktlichkeit, bitte“, zeige ich Pass und Ticket vor.
„Tut mir leid, die hat heute Verspätung.“
Macht nichts, ich bin das Warten gewöhnt. Wenn man pünktlich ist, so wie ich, wartet man immer. Auf Bahnhöfen, in Cafés, auf dem Amt, vor dem Fernseher auf die Millionenshow. Oder darauf, dass die Schulglocke läutet, dass die Oma kommt, auf den Mann fürs Leben oder die Erleuchtung. Im Schnitt warte ich zwei Stunden am Tag. Ich rechne. 31.390 Stunden in meinem jungen Leben habe ich bisher gewartet. Das sind knapp drei Jahre und sieben Monate. Ich hätte viel Sinnvolles erledigen können in der Zeit. Ein Studium abschließen, noch ein Kind kriegen, wickeln und stillen, Geschichten schreiben. Ich hätte aber auch viel Sinnloses tun können in all den Jahren. Ein Studium abschließen, noch ein Kind kriegen, wickeln und stillen, Geschichten schreiben.

Ich hoffe, ich kriege diesen Reisetagebucheintrag pünktlich zu Ende.
„Pünktlichkeit ist Respekt vor der Zeit der anderen“, sagt mein Über-Ich. Ich nicke, wie immer, wenn es mir etwas reindrücken will, denn es duldet keinen Widerspruch. Aber in Wahrheit weiß ich: Das ist es nicht. Meine zwangsneurotische Pünktlichkeit ist nicht Höflichkeit oder gar Respekt. Es ist die blanke Angst, irgendetwas Wichtiges oder Unwichtiges im Leben zu versäumen. Das Gefühl, den Anschluss zu verlieren. Die Panik, ich könnte es nicht wert sein, dass jemand auf mich wartet, wenn ich mich verspäte.
Ich habe versucht, keine Uhren mehr zu tragen und gehofft, meine Erkrankung würde von selbst heilen. Aber sie haben überall riesige Zeitmesser für mich aufhängt und sogar heimlich in meine technischen Geräte eingebaut. Ich sehe auf dem Bahnhof, wie spät es ist, auf dem Computer und sogar auf meinem Mobiltelefon.
So, ich muss aufhören. Damit die Karte noch zur Post kommt. Die schließt nämlich um sechs.
In wenigen Minuten ist es drei Uhr.



Ich komme in sechs Tagen zurück. Aber macht euch bitte keine Umstände mit dem Abholen. Ich warte einfach, bis ihr da seid. Auch schon wurscht.
ConAlma - 28. Mai, 20:00

Just in Time ist - in Wirtschaftsbegriffen gedacht - so viel wie gerade rechtzeitig. Keine Rede von Überpünktlichkeit also, sondern der rechte Augenblick. Keine Wartezeiten, keine "vergeudete" Zeit. Ich habe mir im Arbeitsleben so ein Just in Time angewöhnt: Textabgabe gerade rechtzeitig. Kurz zuvor schreibe ich auch am besten. Das ist aber meist nach offiziellem Redaktionsschluss. Aber: Just in Time!

Dennoch bin ich pünktlich, nie zu spät. Auch ohne Uhr. Und ich selbst muss oft warten. Früher machte mich das nervös. Jetzt nütze ich die Zeit, die mir jedesmal wie eine gewonnene erscheint, wie eine nicht vorgesehene. Was ich damit mache, bestimmen di Umstände. Warte ich irgendwo auf jemanden, benütze ich die Umgebung zu Kontemplation, zu Schauen, Wahrnehmen. (Augenschließen gilt auch)

Aber ich kann die beipflichten: ich habe auch schon viel zu viel gewartet. Früher. Doch jetzt denke ich:
Es geht wohl auch ums Erkennen, dass etwas Just in Time passiert. Ums Annehmen des Geschehenden.

Danke für den Platz, den du hier für andere Gedanken lässt.

testsiegerin - 28. Mai, 20:12

auch danke,

und ja, ich weiß das schon, dass "just in time" gerade noch rechtzeitig heißt.

ich wollt ein bisschen überspitzen, dass die protagonistin - ähm ... ich also - zwar objektiv immer viel zu früh da ist, subjektiv aber das gefühl hat, grad noch rechtzeitig gekommen zu sein.
weil sie ja etwas versäumen könnte.

und wirklich tragisch ist das warten nicht. heute zum beispiel, als ich auf den flieger gewartet hab, hab ich über die pünktlichkeit geschrieben, sudokus ungelöst, lippenstift gekauft und gelesen.
mir gings nur darum, dass pünktlichkeit nicht unbedingt eine tugend, sondern manchmal auch ganz schön bescheuert ist :-)
ConAlma - 28. Mai, 20:51

Lippenstift hab ich schon lang nimmer gekauft ... vielleicht sollte ich doch wieder warten? ;-)

*spielt gerade am Klavier Just in Time
wasserfrau - 28. Mai, 21:01

Ich habe das wirklich schon mal erlebt, dass es keinen Sprit mehr gab an Tankstellen - und zwar im Plural. Alle Tankstellen - kein Sprit. Also sei dir sicher, dass du es richtig gemacht hast, mit der Vorsicht und der Porzellankiste.
Damals, das war vielleicht 1992, da streikten in Frankreich die Lastwagenfahrer und versperrten ohnehin schon jeglichen Weg, den die vergleichsweise hedonistisch angehauchte Dienstreise nehmen sollte.
Auch die Benzinlastwagenfahrer streikten, was wir uns nicht klar machten. Auf der Rückfahrt fuhr der Kollege noch an einer Tanke vorbei, weil ihm das Benzin ein paar Cent zu teuer schien. Und als sein Tank dann endgültig leer wurde, da war´s so was von aus die Maus. kein Kraftstoff mehr nirgends. Das Ergebnis war ein mehrtägiger Aufenthalt auf einem sehr kläglichen Campingplatz, war ein Erläuterungsschreiben an den Zuschussgebr der Dienstfahrt in blumigster Art - war eine kleine Liebesgeschichte und eine große Eifersuchtsgeschichte. Kurz und gut: Etwas, was man nie vergisst.

testsiegerin - 29. Mai, 14:49

unglaublich. sachen gibt's, die gibt's gar nicht :-)

schön klingt das. das leben schreibt eben die schönsten geschichten.

(und ich die anderen)
rosmarin - 29. Mai, 15:21

juchz.... das ist mir auch schon passiert in france... aber so ende der neunziger.... feix...
wasserfrau - 29. Mai, 22:06

naja, sie schreiben die weisen Geschichten...
und die des Lebens sind immer erst später schön.
Während...
sind es noch keine Geschichten, sondern Aufprall.
Naja, sie wissen schon.

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

Neu

Es gibt keinen falschen...
Es gibt keinen falschen Zeitpunkt.
testsiegerin - 28. Nov, 16:54
ähem. ich fühl...
ähem. ich fühl mich grad sehr geneigt. obwohl...
la-mamma - 28. Nov, 16:47
Mensch Wecker ...
Mensch Wecker ...
bonanzaMARGOT - 28. Nov, 10:57
Ich hab ganz schlecht...
Ich hab ganz schlecht geschlafen heute nacht, so aufgewühlt...
testsiegerin - 28. Nov, 10:08
danke dafür... er...
danke dafür... er ist zwar ein paar tage älter...
testsiegerin - 28. Nov, 10:07
weckern und weckern und...
Ja, genau. Jeden Tag ein bisschen weckerer. Und in...
I (Gast) - 28. Nov, 08:03
Unendlich lass dich leben,...
Unendlich lass dich leben, Testsiegerin!
katiza - 28. Nov, 07:44
Danke euch allen. *strahlt*
Danke euch allen. *strahlt*
testsiegerin - 28. Nov, 00:59

Web Counter-Modul


kostenloser Counter