Briefverkehr 44

Lieber Herwig,

spielst du jetzt den Beleidigten? Das klingt so. Meine Güte, verstehst du keinen Spaß? Ich wollte dich nicht verarschen, ehrlich. Fast ganz ehrlich, Kleines.
Dein Brief hat mich leider kein bisschen angeturnt. Ich interessiere mich nämlich nicht für Züge. Weder verläuft mein Leben wie auf Schienen noch möchte ich ständig irgendwelche Weichen stellen. Magst du meine weichen Stellen?
Ich hänge deine Briefe gar nicht ans schwarze Brett. Ich lese sie nur ein paar Freunden vor. Und diese Freunde geben mir gute Ratschläge. Manchmal sind auch schlechte dabei, aber ich werfe die guten ins Kröpfchen und die schlechten ins Töpfchen, oder so. Bei den männlichen Freunden gibt es welche, die dich nicht ausstehen können und für einen vorwärtseinparkenden Beckenrandschwimmer halten. Ich glaube, die sind nur eifersüchtig, ich weiß ja mittlerweile, dass du sogar seitlich einparken kannst. Es gibt aber auch Männer, die Mitleid mit dir haben. Brauchst du wirklich Mitleid?
Die meisten Frauen finden dich nett. Nein, nicht nett, natürlich, sondern interessant. Spannend. Aufregend. Ich gehöre auch zu den meisten Frauen.

Aber es ärgert mich, dass es in deinem Schreiben nur um Sex geht. Verkehr, Verkehr, Verkehr. Ist das alles, woran du denkst? Alles, was ich für dich bin? Ein billiges Sexobjekt? Du bist mit keinem Wort auf meine Liebeserklärung eingegangen, zum Beispiel, dabei wäre das viel wichtiger als gierige Leiber, die sich paaren. Es ist mir ohnehin schwer genug gefallen, dir zu sagen, dass ich dich lieb gewonnen hab.
Sag mal ehrlich: Nerv ich dich schon?
Herwig, ich will dich wieder sehen. Ich weiß ja, dass du abends im Moment keine Zeit hast, wegen Jenny. Aber was hältst du davon, wenn wir am Montagnachmittag auf einen Kaffee gehen, während Jenny jazztanzt?

Scheiße, ich hab mich schon wieder verliebt. Diesmal in dich.

Deine Barbara

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"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

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