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Das Eva-Braun-Prinzip

Liebe Eva Herman,

weil ich grad so beim Offene-Briefe-Schreiben bin, kriegst du auch einen von mir.
Ich kenn dich ja noch gar nicht so lange, weil ich Österreicherin bin und selten deutsches Fernsehen schaue. Nur das Perfekte Dinner, das schau ich mir als perfekte Hausfrau halt schon gern an.
Dich hab ich erst vor einem Jahr kennengelernt, als du dieses Eva-Prinzip-Buch veröffentlicht hast. Schon damals hab ich mich über dich geärgert, das weißt du ja, und als Antwort das Horst-Prinzip geschrieben. Ich hab mir damals gedacht, du bist halt dumm und provozierst gern und bist gern in den Medien.
Aber was du dir jetzt geleistet hast, nämlich die Familienpolitik aus dem Dritten Reich als „das, was gut war“ zu bezeichnen, das ist mehr als eine dümmliche Provokation.

Bei meinen LeserInnen möchte ich mich entschuldigen, dass dieser Brief an dich wahrscheinlich meinen gewohnten Witz entbehren wird, aber meine Wut hat die Ironie grad zum zweitenmal überrundet.
Als ich deine Aussage gelesen hab, hab ich mich gefragt: Was treibt einen Menschen eigentlich dazu, in einem der schlimmsten Kapitel der Geschichte die nicht so schlechten Seiten zu suchen? Mir ist keine Antwort eingefallen.

Ja, so richtig super waren sie damals, die Werte und der Zusammenhalt und die Stellung der Frau im Allgemeinen und der Mütter im Besonderen, nicht wahr?
Frauen dienten als Gebärmaschinen für möglichst viele blonde Knaben mit blauen Augen. Und diese blonden, blauäugigen Söhne und ihre Väter hat man in einen bestialischen Krieg geschickt, sie zu Mördern gemacht und in Kauf genommen, dass sie, die Frauen und Kinder in diesem Krieg getöet werden.

Ach ja, noch etwas scheinst du bei deiner Sehnsucht nach der guten, alten Familienpolitik vergessen zu haben. Diese sensationelle Familienpolitik galt nur für arische und reinrassige Menschen. Aber auch Juden, Roma, Sinti, Homosexuelle und soziale Außenseiter hatten Familie. Diesen verzweifelten Müttern hat man ihre ebenso verzweifelten Kinder aus der Hand gerissen, ehe es ab ins Gas ging. Oder es wurden an ihnen Experimente zur Zwangssterilisation durchgeführt, von den kinderlieben Nazis.

Sei also so gut und wundere dich jetzt nicht über die empörten Reaktionen oder über deinen Rausschmiss, Eva. (In Österreich wärst du wahrscheinlich mit deinen Äußerungen stellvertretende Chefredakteurin geworden.)
Wer an der Hitlerzeit unbedingt etwas Gutes finden will, stellt sich selbst ins braune Eck. Wer sagt, dass Werte wie Familie, Kinder und das Mutterdasein im Dritten Reich gefördert, aber anschließend durch die 68er abgeschafft wurden, und dies losgelöst von der grauslichen, ekelhaften und menschenverachtenden Ideologie betrachtet, der braucht sich nicht zu wundern, wenn er Job und Achtung verliert.

Mir ist übrigens keine 68er-Verschwörung zur Abschaffung der Mutterschaft bekannt.

„Ja muss man denn deshalb alles pauschal verteufeln?“, fragst du. Ja. Muss man. Weil hinter dieser ordentlichen Beschäftigungspolitik, hinter der ach so erstrebenswerten Familienpolitik ein schreckliches Ziel und eine mörderische Ideologie steckten. Deshalb ist es so ungeheuerlich, über diese Zeit des schlimmsten Massenmordes in der Geschichte auch nur andeutungsweise etwas Gutes zu sagen.

Und weißt du, Eva, nur weil es Meinungsfreiheit gibt, bedeutet das noch lange nicht, dass man für seine Meinung keine Verantwortung übernehmen muss.

Mir ist übrigens völlig wurscht, ob du blond bist. Und wenn du aussehen würdest wie Angelina Jolie oder Naomi Campbell, ich wäre nicht weniger empört.

Einen guten Tipp hätte ich noch für dich, und ich sage es mit Bruno Kreisky: Lernen Sie Geschichte, Frau Redakteurin.

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