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Köppnick - 10. Sep, 22:12

Ich habe unlängst ein Interview mit Jan Philipp Reemtsma gelesen, ich glaube, es war im Spiegel. Darin hat er die Hypothese geäußert, dass ein Teil der Gräuel, die im 2. WK verübt wurden, auf tiefsitzende psychologische Traumata, hervorgerufen durch eine falsche Erziehung der kleinen Kinder, zurückzuführen sein könnten, zu wenig Körperkontakt oder "Jungs dürfen nicht weinen", etc. pp. Ich habe lange darüber nachgedacht, und eine der ersten Schlussfolgerungen daraus war, dass man nicht, wie das häufig der Fall ist, die Zeit von 33 bis 45 von der davor und danach trennen darf. Davor das Kaiserreich, die Weimarer Republik, danach die ersten Jahre der Bundesrepublik und der DDR, die Menschen sind ja dieselben geblieben. Insofern hat tatsächlich vielleicht erst die 68er Zeit diesen fatalen Erziehungsstil abgelöst.

Die Widersprüchlichkeit der Hermanschen Haltung besteht jetzt darin, dass sie in ihrer Sorge um die heutigen Kinder auf eine Zeit zurückgreift, in der die Kindererziehung (zumindestens nach Reemtsmas Meinung) psychologisch gesehen falsch gelaufen ist.

Eine Frage und eine Anmerkung noch: Hast du Evas Buch gelesen oder nur darüber, was andere daraus entnommen haben? (Ich habe es zum Beispiel nicht gelesen.) Und eine Anmerkung: Unabhängig von deiner Kritik, berechtigt oder unberechtigt, das Wortspiel Eva Braun - Eva Herman ist unangemessen und fällt in die Kategorie Godwins Law.

testsiegerin - 10. Sep, 22:25

wie bitte? wenns um einen nazi-vergleich (in diesem fall die familienpolitik) geht, darf man keinen nazi-vergleich bemühen?

das wortspiel spielte nicht auf eva herman an, sondern auf ihr buch, das eva-prinzip.
Köppnick - 10. Sep, 23:09

Eva Braun hieß Adolf Hitlers Frau. Ich nehme an, dass du das gewusst hast. Auf dieses Niveau solltest du dich nicht begeben. Und hast du nun das Buch gelesen oder nicht?
Gregor Keuschnig - 12. Sep, 10:54

Auf dieses Niveau solltest du dich nicht begeben.
Vermutlich hat sie kein anderes.

Die Entrüstung über Frau Hermans Äusserungen ist natürlich berechtigt, wird aber wieder in der üblichen Form zelebriert. (Nebenbei erwähnt: der Rauswurf beim NDR dürfte normalerweise vor keinem Arbeitsgericht standhalten.)

Es wird kaum diskutiert, dass die Thesen von Frau Herman falsch sind. ("Hierüber diskutiere ich nicht" lautet wieder dieser blöde Selbstbeweihräucherungssatz.) Das von ihr verklärte Frauenbild während der Zeit des Nationalsozialismus diente nur dazu, die Bevölkerung zu steigern. Der Krieg wurde nämlich in einer Zeit geführt, als es noch eine "Delle" in der männlichen Bevölkerung gab, die der Erste Weltkrieg hinterlassen hatte. Es gab eigentlich zu wenig Nachwuchs. Dem sollte durch die Rolle der Frau als Gebärerin Abhilfe geschaffen werden.

Eine weitere Entrüstung in unsinnig. Frau Herman vorzuwerfen, sie mache mit diesen Äusserungen einen Hype um ihr Buch, trifft genau auf diejenigen zu, die sich so pseudo-eloquent echauffieren. Sie dann noch mit Grass in einen Topf zu werfen, zeigt den Grad intellektueller Impotenz an.
Köppnick - 12. Sep, 12:02

@Gregor

Ich habe mir vorgenommen, sowohl das Buch von Eva Herman als auch das von Alice Schwarzer, was diese als Antwort geschrieben hat, zu lesen. Erst dann fühle ich mich selbst kompetent genug, etwas über Eva Herman zu äußern.

Was das Thema selbst betrifft: Ich halte die mir bekannten Vorschläge von Eva Herman für verkehrt, so kann man unsere demografischen Probleme nicht lösen - falls wir überhaupt welche haben. Aber gerade die nationalsozialistische Familienpolitik kann man nicht von den damals verfolgten politischen und gesellschaftlichen Zielen trennen, sie wurde damals instrumentalisiert.

Was man aber nicht tun sollte, ist jedwede Diskussion über "Gutes" während der NS-Zeit mit Verweis auf die damaligen Verbrechen abzuwürgen. Das ist eine Art von gutmeinendem Totalitarismus, die mir sehr gefährlich scheint.
Gregor Keuschnig - 12. Sep, 15:26

@Köppnick

Du weisst sicherlich, dass ich hunderte von Meilen von einer irgendwie gearteten Goutierung des NS-Regimes entfernt bin. Ehrlich gesagt habe ich bei der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus (ich bin ja eindeutig Nachkriegskind) bis jetzt nichts annäherend "Gutes" entdeckt (etliches, was als "gut" bezeichnet wird, beruht ja auf subjektiven Wahrnehmungen, die statistisch nicht haltbar sind, bspw. das es damals weniger Verbrechen gegeben habe).

Was ich aber ebenso hasse ist dieser gutmeinende Totalitarismus (ich werde mir erlauben, diesen Begriff ab und an zu "stehlen"), der nur noch in Affekten agiert und an dem man sich (unter Umständen) so wunderbar jedesmal seine gute Gesinnung bestätigen lassen kann.

In diesem Sinne ist jede Polemik auf Eva Herman billig. Die Dame (sie ist sicherlich eine!) hat sich für gesellschaftspolitische Diskussionen mit diesen Äusserungen zunächst einmal disqualifiziert. Das sie diese Äusserungen inzwischen zurückgenommen hat, stört die Geiferer nicht. Das ist übrigens eigentlich auch sekundär, denn eine solche Äusserung kann unmöglich im Affekt ausgesprochen werden; sie muss schon lange "schlummern".
nachtschwester - 12. Sep, 19:18

"Das Eva-Braun-Prinzip" war der Titel eines taz-Artikels von Thea Dorn, den sie letztes Jahr als Reaktion auf Hermans "Eva-Prinzip" veröffentlichte. Hier ist er noch zu lesen. Dorn stellt darin Hermansche Textpassagen neben solche aus Rosenbergs "Mythos des 20. Jahrhunderts". Rosenberg war Chefideologe des Nationalsozialismus. Die Parallelen zum "Eva-Prinzip" sind verblüffend. "Das Eva-Braun-Prinzip" erregte immerhin soviel Aufsehen, dass Herman und Dorn im ZDF-Nachtmagazin gegeneinander antraten, von all den Kommtatoren hier scheint den Artikel leider niemand zu kennen. Er macht ganz klar, in welcher ideologischen Tradition sich Frau Herman bewegt, bewusst oder nicht, ob sie das Wort Nationalsozialismus nun ausspricht oder nicht, ob sie sich in der Vergangenheit gegen Nationalsozialismus ausgesprochen hat oder nicht, das Gedankengut ist dasselbe. Godwins Law - nein, hier nicht.

Die Sache mit der Kindererziehung, die darauf abzielte, das Kind zu stählen und "Verweichlichung" zu verhindern (das fing schon beim Säugling an, ich besitze ein Pflegelehrbuch von 1938, erschütternd!), ist ein interessanter Punkt, den Frau Herman sicher auch nicht bedacht hat. Aber sie glaubte ja, aus dem insgesamt "schlechten" Nationalsozialismus die eine "gute" Rosine der arischen Mutterrolle herauspicken zu können. Ich bin nicht der Meinung. Diese Gesinnung kommt im Gesamtpaket.
Franz P. (Gast) - 18. Nov, 18:16

Bitte lest erstmal das Eva-Prinzip

Es ist wirklich beängstigend, diese Diskussionen von Leuten, welche von dem Thema nicht einen blassen Schimmer haben, ihr Buch nicht gelesen haben, aber meinen sie wären von den Medien umfassend informiert. Dann noch ein Pflegelehrbuch von 1938 erwähnen und die Meinung vertreten, daß Frau Herman, dies sicher nicht bedacht hat. Gerade über dieses Plegelehrbuch hat Eva Herman sich in ihrem Buch ausgelassen und dieses mit der Autorin Johanna Haarer auf'sSchärfste verurteilt.

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