Der jüngste Tag

Während Emma gestern tobte und wir das Gefühl hatten, dass gleich die Welt untergeht, saß ich mit den Mädels im Wohnzimmer. Ich bat sie, je drei erste Sätze auf ein Kärtchen zu schreiben, drei Berufe, und drei Handlungen.
Dann hat jede von uns aus jeder Kategorie ein Kärtchen gezogen und eine Geschichte geschrieben. Ich sag nur: Von wegen unkreative Jugend!
Die Mädels schlafen noch, ihre Geschichten folgen aber, wenn sie der Veröffentlichung zustimmen.

Hier ist mal mein Ergebnis:

Der jüngste Tag

Er schaute von seinem Buch auf und blickte sie unentwegt an.
„Ist was?“ Sie schlüpfte in die dünnen Baumwollhandschuhe und rollte den Strumpf vorsichtig über den Fuß entlang auf. In ihrer Position durfte sie sich weder Fehler noch Laufmaschen erlauben. Manchmal konnte sie beides nicht verhindern.
„Was würdest du tun“, fragte er unvermittelt, „wenn morgen die Welt unterginge?“
„Wie kommst du jetzt darauf? Gibt es irgendwelche konkreten Hinweise?“
Er klappte das Buch zu und legte es auf das Tischchen. „Reichlich, aber deshalb frage ich nicht. Martin Luther soll gesagt haben: Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“
„Ein Träumer, oder? Wenn alle tot sind, wem nützt dann noch ein Apfelbaum? Stell dir das mal plastisch vor: Eine Welt, verwüstet, verlassen und untergegangen, und mittendrauf blüht ein einsames Apfelbäumchen. Also, ich denke, ich würde heute Abend nicht zur Pressekonferenz gehen, um dort über Armut und Lebensmittelknappheit in manchen Gegenden Afrikas zu referieren und anschließend mit dem EU-Kommissar für Entwicklung und humanitäre Hilfe Champagner trinken und Gänseleber fressen. Stattdessen würde ich mich aufs Sofa wuchten, Desperate Housewives anschauen, eines der letzten von Omas Gläsern mit dem Apfelkompott auslöffeln und an meiner Petit-Point-Stickerei weiterarbeiten. Morgen früh würde ich endlich wieder einmal ausschlafen. Wenn ich Glück habe, verschlafe ich ja den Weltuntergang.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Das würdest du nicht tun. Du liebst deine Arbeit. Und du brauchst sie.“
„Du hast ja recht“, seufzte sie und zwängte sich in ihre Kostumjacke. „Weißt du, was ich endlich tun würde? Mich für die vielen Fehler, die ich in meinem Amt gemacht habe und mit denen ich Menschen geschadet habe entschuldigen, nicht aber für meine Laufmaschen. Für all meine korrupten Kollegen würde ich mich gleich mitentschuldigen. Ansonsten würde ich genau das tun, was ich seit vielen Jahren mache. Versuchen eine gute Politikerin zu sein. Eine, die man Träumerin nennt und gelegentlich für ihren Idealismus belächelt. Ich würde mich aber nicht mehr darum scheren, was sie über mich schreiben und sagen, sondern alles dafür tun, dass wenigstens dieser letzte Tag für so viele Menschen wie möglich ein guter wird. Ich würde die Welt auch dann noch verbessern wollen, wenn ich wüsste, dass sie nicht mehr lange steht. Wahrscheinlich würde ich dazu nicht dieses kleinkarierte Kostüm anziehen, sondern Pulli und Jeans.“ Sie hielt inne und ihre Stimme wurde leiser. „Auf jeden Fall aber würde ich zu meiner Oma fahren.“ Vor lauter Terminen war sie in den letzten Monaten nicht dazu gekommen ihre Großmutter zu besuchen. Morgen, nahm sie sich vor, ganz bestimmt morgen, und plötzlich knüllte die Angst ihren Magen zusammen wie ein Blatt Papier. Hoffentlich war es morgen noch nicht zu spät. „Ich muss jetzt los, mein Lieber! Bin ich attraktiv genug für die Presse?“ Sie drehte sich einmal um die eigene Achse und sonnte sich in seinen bewundernden Blicken.
„Viel zu schade für die Presse“, sagte er. „Vergiss die Schuhe nicht, sonst steht das wieder in der Zeitung.“

Sie küsste ihn auf die Stirn, warf einen Blick in den Spiegel und zog Kajal und Lippenstift nach. Bevor sie das Haus verließ, tauschte sie die High Heels mit den Gummistiefeln und schlüpfte durch die Hintertür in den Garten. Der Wind pfiff ihr um die Ohren und zerstörte ihre Frisur, aber das war jetzt egal. Mit dem verrosteten Spaten stach sie in die Erde, die so hart war wie manchmal das Leben. Im Schweiße ihres Angesichts hob sie ein tiefes Loch aus.

Wegen des Apfelkompotts.
caliente_in_berlin - 2. Mrz, 12:31

Ach Frau Testsiegerin, Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr das in der heutigen Zeit Hoffnung gibt. Eine Zeit, in der die Eltern ihre Kinder vor den Fernseher setzen, um ihre Ruhe zu haben. Eine Zeit, in der Eltern nicht wissen, wie sie ihre Kinder beschäftigen können. Sie machen Ihre Sache verdammt gut, wissen Sie das?

la-mamma - 2. Mrz, 12:36

das stimmt,

was die frau caliente sagt. und diese geschichte ist wieder einmal eine extra schöne.
testsiegerin - 2. Mrz, 14:15

danke euch beiden.
nachdem sich für den schreibkurs nicht genug angemeldet hab, kommen halt meine vorbereitungen den mädels zugute.

und so ist es auch wieder nicht, dass die nie fernsehen und dass ich nie ruhe will ;-)
Uta-Traveller - 3. Mrz, 13:49

ich glaube, ihr seid ein gutes Team
sowas klappt nämlich nur, wenn alle Beteiligten mitmachen
walküre - 3. Mrz, 10:25

.

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

Neu

ich glaube ihr kennt...
ich glaube ihr kennt nur die "falschen" deutschen!...
becks (anonym) - 2. Jul, 22:23
;)
ersuche höflichst, mich zu entschuldigen: anreiseweg. ..
datja (anonym) - 2. Jul, 08:46
toll...
drücke auch ganz feste die daumen..nun die deutschen...
lonely rider woman - 1. Jul, 22:19
Jööö,
die drei Musketierinnen auf Entwicklungshilfe !!! *duckundschnellsehrsc hnellverschwind* Nichtsde stoweniger...
walküre - 1. Jul, 18:25
Unser Dorf soll schöner...
http://www.st-alban.de/ind ex.php?lang=de&id=202&sid= http://de.wikipedia.org/ wiki/Sankt_Alban_%28Pfalz% 29 Mit...
Anton Kurt - 1. Jul, 12:07
Femmes Frontales bei...
Femmes Frontales (also Eleonore Petzel - Musik, Christine...
testsiegerin - 1. Jul, 11:28
ich glaub, die nächste...
ich glaub, die nächste regierung kommt sehr bald....
testsiegerin - 1. Jul, 11:09
mir gefällt natürlich...
mir gefällt natürlich das foto mit dir und...
rauch - 30. Jun, 23:25

Web Counter-Modul


Briefverkehr mit einem Beamten
Erlebtes
Femmes frontales
Gedanken
Gedichte
Geschichten
Glosse
In dreißig Tagen um die Welt
Kurzprosa
Lesungen
Menschen
Veröffentlichungen
Vita
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren

kostenloser Counter