kittykoma - 6. Apr, 13:04

1968 war ich vier und ich hatte ein ziemlich beschissenes jahr.
allerdings fing es bunt und lustig an. mein onkel brachte das schönste mädchen der welt mit nach hause (ich lebte bei meinen großeltern). sie trug minikleidchen, kunstvoll hochgesteckte haare mit korkenzieherlocken und einen lidstrich. meine großeltern waren nicht glücklich, "zu früh" sagten sie und ich bot mich an, das mädchen zu heiraten wenn mein onkel das nicht dürfte. dem schönsten mädchen der welt zeigte ich einmal die schätze meines onkels: armreifen und haarspangen, die seine exfreundinnen bei ihm vergessen hatten. ich konnte ihr sogar die namen dazu sagen. mein onkel fand das nicht lustig.
im sommerurlaub wurde ich so krank, daß man mich zum arzt tragen mußte. ich lag fünf wochen auf einer völlig überfüllten isolierstation in einer fremden stadt, in einem saal mit 20 anderen mädchen, die auch hepatitis hatten. ich litt, weil ich als einzelkind mit haus und großem garten noch nie so viele kinder auf einem haufen erlebt hatte. die verwandten besuchten mich einmal die woche, öfter konnten sie die lange fahrt nicht machen. ich durfte sie dann durch eine fensterscheibe sehen.
als ich mich bei meinen großeltern zu hause wieder etwas gefangen hatte, kam das telefonat, an das ich mich noch wie heute erinnere. es war herbst und draußen war es naß und grau, die schlafzimmerfenster standen offen, als das telefon klingelte. meine eltern teilten meiner oma mit, daß sie alles organisiert hätten, damit sie mich zu sich nehmen können. es war kalt im zimmer, ich saß auf dem teppich und hörte meine oma sagen: "gut, wenn ihr das wollt, kommt sie ab weihnachten zu euch." danach war alles anders. eine andere stadt, eltern, die mir fremd waren, ein kleiner bruder, den ich kaum kannte, plattenbau statt villa, busfahren statt chauffeur, kindergarten statt eines gartens für mich allein.
ps. danke für die erinnerung, steppenhund. wäre mein großvater nicht wochenlang zu manövern unterwegs gewesen, wäre die sache mit dem improvisierten urlaub und der hepatitis nicht passiert...

steppenhund - 6. Apr, 13:21

Die DDR-Soldaten waren damals die absolut Bösen. Dass die Russen ihre Interessen hatten, konnte man verstehen. Dass aber die DDR mitzog, die doch in der gleichen Situation wie die Tschechoslowakei war, war unverständlich.
Die DDR wollte also den Kommunismus. Den russischen.
"Mit übererfüllten Plänen in den Weltuntergang."
Es hat dann noch lange gedauert, bis ich meine 1968-Meinung im unmittelbaren Kontakt mit DDR-Wissenschaftern revidieren lernte.
kittykoma - 6. Apr, 13:31

ich habe im nachhinein das gefühl, daß es weniger der lakaiendienst für die russen war, als erstens die angst, noch exponierter am eisernen vorhang zu stehen und zweitens streberhaftes "wenn wir das nicht dürfen, dürfen die auch nicht". deutsche waren eben schon immer gute untertanen. vielleicht doch lakaiendienst.
die dimension dieser ereignisse habe ich erst als erwachsene begriffen, als ich die (i der ddr verbotenen) tschechischen filme dieser zeit sah und kundera las.

Name

Url

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:


JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neues Bild

 

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

Neu

@datja
die ist aber unromantisch. ich finde da fehlt was anderes:...
la-mamma - 24. Jul, 18:48
hier ist sie:
die fehlende zeile
datja (anonym) - 24. Jul, 18:40
nein, 'aye' bedeutet...
nein, 'aye' bedeutet anteilnehmendes, weil so gänzlich...
Sun-ray - 24. Jul, 17:18
wunderbar..
das ist die menschliche (weibliche) seele:bevor sie...
lonely rider woman - 24. Jul, 17:03
ad 1) weil meine Selbstzweifel...
ad 1) weil meine Selbstzweifel systemimmanent und wasserresistent...
testsiegerin - 24. Jul, 15:01
Heilsames
Schöne, neue Schuhe. Bachblütentropfen. Harold...
testsiegerin - 24. Jul, 14:52
Warum...
hinterfragst du dich bei solchen Standardbriefen irgendwelcher...
Nehalennia - 24. Jul, 14:19
Ist Aye das selbe wie...
Ist Aye das selbe wie oh je?
testsiegerin - 23. Jul, 23:42

Web Counter-Modul


Briefverkehr mit einem Beamten
Erlebtes
Femmes frontales
Gedanken
Gedichte
Geschichten
Glosse
In dreißig Tagen um die Welt
Kurzprosa
Lesungen
Menschen
Veröffentlichungen
Vita
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren

kostenloser Counter