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Zweite Wahl

„Ihr Sohn wird keine normale Schule besuchen können“, hat die Psychologin vor zwölf Jahren gesagt.
„Vielleicht ist ihr Sohn einfach nicht geeignet für den ersten Arbeitsmarkt“, sagt die Berufsausbildungsassistentin heute am Telefon, „er ist zwar motiviert und fleißig und bemüht, aber das reicht nicht. Er tut sich schwer, Anweisungen zu erfassen und schnell zu befolgen.“

Das Gefühl ist das gleiche wie damals. Und ich dachte, ich hätte mich entwickelt in den letzten Jahren. Nichts ist anders, schon gar nicht mein Gefühl. Ich lege auf und gehe aufs Klo, damit meine Kollegin die Tränen nicht sieht.
„Ihr Kind ist nicht gut genug“, hämmert es in meinem Kopf und in meinem Bauch, „wahrscheinlich sind Sie als Mutter auch nicht gut genug. Nehmen Sie es endlich zur Kenntnis.“

„Ey, du Sozialarbeitertussi“, möchte ich schreien und sie an den Schultern rütteln, „mein Sohn hat sich weder für die Karl Popper-Schule noch für ein Fullbright-Stipendium in Harvard beworben. Er möchte nicht Flugzeugtechniker werden, sondern eine Gärtnerlehre machen. Er möchte Pflanzen säen und pikieren und umtopfen und gießen und ernten. Er hat Freude daran, zu beobachten wie etwas wächst und blüht. Er ist gern in der Natur. Er arbeitet gern. Eine integrative Lehre möchte er absolvieren, bei der er die notwendige Unterstützung und Zeit bekommt. Und selbst das habe nicht ich hysterische Eislaufmama mir aus den Fingern gesaugt, das hat auch die Psychologin vom Arbeitsmarktservice empfohlen.“
Ich hab sie schon so satt, die klugen und überlegenen Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen mit all ihren leeren und lauwarmen Sprüchen über Ressourcen und Defizite, denke ich und vergesse beinahe, dass ich selbst eine von denen bin. Komme ich auch so an bei meinen Klienten und ihren Familien? So abgehoben und abgeklärt?

Natürlich schrei ich wieder nichts, wie schon damals, sondern schlucke nur. Ich sag ihr auch nicht, dass ich meinen Sohn seit achtzehn Jahren kenne, sie aber erst zwei Mal mit ihm geredet hat. Und einmal mit dem Personalchef der Firma, in der er drei Tage Praktikum gemacht hat.
In der Hochsaison, also jetzt rund um diesen beschissenen Valentinstag und vor dem sinnlosen Muttertag und zu Allerheiligen wäre er nicht belastbar genug und nicht voll einsetzbar. Wie bitte? Hab ich richtig gehört? Man erwartet von einem Jugendlichen mit Beeinträchtigung, der eine integrative Lehrstelle sucht, dass er ab der ersten Woche voll einsetzbar ist? Wenn das der erste Arbeitsmarkt ist, dann steckt euch diesen sensationellen ersten Arbeitsmarkt verdammt noch mal an den Hut. Wenn da nur Leute Platz haben, die voll leistungsfähig sind und dem Betrieb noch mehr Profit verschaffen, dann... ja, was dann?
Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, warum ich mich immer noch verletzen lasse durch solche Aussagen. Ich verstehe nicht, warum ich - die ich meine Kinder (meistens) so liebe, wie sie sind - in diesen Augenblicken das Gefühl bekomme, quasi nur "Zweite Wahl"-Brut geboren zu haben. Ich weiß nicht, warum in all den Jahren nur mein Bauch, nicht aber meine Haut dicker geworden ist.

Geht es bei einer Lehre nicht mehr darum, Jugendliche so auszubilden, dass sie vielleicht einmal gute, verlässliche, loyale Mitarbeiter werden? Und glückliche Menschen? Geht’s überhaupt noch irgendwem darum, ob Menschen zufrieden sind, eine Arbeit haben, die sie glücklich und ausgeglichen macht?
Früher mal gab es überall sogenannte „Dritte Welt“-Läden. Die dritte Welt, das war die minderwertige, rückständige, schlechtere Welt. Jetzt heißen diese Geschäfte „Welt-Läden“. Weil es nur eine Welt gibt. Für uns alle.
Vielleicht gibt es irgendwann auch keine zweiten und dritten Arbeitsmärkte für minderwertige Menschen mehr.

Vielleicht erleb ich das noch. Vielleicht wenigstens meine Kinder.

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"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
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