Gertrude

„Gestern hatte die Pflegerin einen Praktikanten mit. Ich hab nichts gegen Praktikanten, natürlich müssen die das auch lernen, aber warum ausgerechnet beim Hugo?“
Ich höre der alten, wohlhabenden Frau mir gegenüber zu, versuche zu verstehen, was sie zu der gemacht hat, die sie ist. Kalt. Ablehnend. Kontrollierend. Da ist viel Angst, denke ich und versuche ihr die Angst zu nehmen, indem ich sie bestätige, ihr zuhöre, mir Zeit nehme. Aber immer wieder watscht sie mich verbal ab. „Sie haben Glück, dass ich Sie hereingelassen habe“, sagt sie, „ich umgebe mich normalerweise mit gebildeten und distinguierten Menschen“, sagt sie. Ich wandere durch mein Lavendelfeld und spüre die Wärme, sage ich mir. Das mache ich immer, wenn ich davor bin, meine Gelassenheit zu verlieren. Schließlich bin ich nicht ihretwegen hier, sondern wegen ihres Mannes.

„Der Praktikant saß hier und hat mich die ganze Zeit angestarrt“, fährt Gertrude fort, „und alles an ihm war Sex. Einen Bart von hier bis hier.“ Sie deutet mit der Hand von einem Ohr zum anderen. „Die Beine hatte er von sich gestreckt. Das ist doch ein unmögliches Benehmen, finden Sie nicht?“
„Ach, ein junger Mann halt“, beruhige ich, „die sitzen heutzutage eben so“. Gertrude sitzt im Damensitz auf dem antiken Sofa, die Knie eng aneinander, die Beine schräg abgewinkelt. „Sie haben ja keine Ahnung“, sagt sie, „es bleibt Ihnen natürlich unvoreingenommen, das so zu sehen, aber wissen Sie, mein Empfinden ist noch normal.“ Ich nicke. Selbstverständlich. „Ich bin es ja gewöhnt, dass die Männer aufdringlich sind“, erklärt sie mir, „aber dieser Praktikant - das war zu viel des Guten. Aus jeder Pore strahlte er Sex aus, absichtlich. Ein Bart ist ein Signal von Sex und Männlichkeit, durch und durch. Letztens sah ich auf der Straße einen Türken – ich hab nichts gegen Türken – aber überall Haare auf den Armen und an der Brust. Unglaublich, denen geht es nur um Sex.“
Ich verdränge den undistinguierten Gedanken, dass Gertrude vermutlich nie richtig gut durchgefickt wurde und jetzt im Alter ihre ein Leben lang unterdrückte Sexualität an die Oberfläche kommt. Ich denke an mein Lavendelfeld.
Gertrude ist beunruhigt. Nicht nur wegen des jungen Mannes. Auch wegen der gar nicht mehr so jungen Damen des ambulanten Dienstes. „Stellen Sie sich vor“, erzählt sie mir, aber ich stelle mir das lieber nicht vor, sondern gehe in Gedanken durch mein Lavendelfeld und spüre die Wärme „die waschen ihn auch da untenrum, in seinem Intimbereich. Eine hat letztens seine Vorhaut zurückgeschoben. Das ist würdelos. Das ist doch die empfindlichste Stelle des Mannes. Was das bei ihm auslösen kann! Kein Wunder, dass die so gern Pflegerinnen sind, wenn sie den Männern dahin fassen.“
Ein ganzes Leben lang habe sie gekämpft, erzählt Gertrude, und sie wird erst aufhören zu kämpfen, wenn sie die Augen für immer zumacht. „Die eine Pflegerin ist ja ganz nett, die Erika“, sagt sie, „aber was soll ich sagen? Ein Nilpferd kann man nicht dazu bringen, wie eine Gazelle zu tanzen.“
Ich unterdrücke mein Lachen, das sich mit Ärger mischt und wage mich aufs Glatteis. Ob sie schon mal an eine 24-Stunden-Betreuung für den Hugo gedacht habe, frage ich, das würde ihr das Leben vielleicht auch ein bisschen leichter machen. Dabei kenne ich die Antwort ohnehin. „Also das darf jetzt nicht wahr sein!“, stößt sie empört hervor, „das sind ja alles Slowakinnen, ich mein, ich hab nichts gegen Slowakinnen, aber oben in dem Zimmer sind wertvolle Bücher und Gegenstände, die würde uns ja alles klauen. Ich könnte die ja nicht mit Hugo allein lassen. Möchten Sie das, dass ja ständig jemand Fremder in ihrem Haus ist und sie vielleicht beklaut?“

Die Betreuerinnen von der ambulanten Pflege lässt sie auch nicht mit ihrem Gatten allein. Sie zwängt sich sogar in das winzige Badezimmer, wenn die Pflegerinnen ihn duschen. „Aber ich hab die jetzt sowieso abbestellt, was das kostet!“
Es schleicht sich so etwas wie Mitleid mit der Frau, die immer kämpfen muss, in mein Herz, aber noch mehr Mitleid habe ich mit Hugo, ihrem 94-jährigen Mann, der nebenan im verdunkelten Zimmer sitzt und nicht ausreichend ernährt und gepflegt wird.
Was denn die Hausärztin zu der Situation sage, frage ich. Die wurde gewechselt, die Ärztin. Weil sie dem Hugo eine Infusion angehängt habe. „Hier an der Wandleuchte hat sie die angehängt. Was sagen Sie dazu? Man kann doch an diese wertvolle Wandleuchte nicht einfach eine Infusion anhängen. Und dann wollte sie den Hugo ins Heim stecken. Der hat doch alles bei mir!“

Ich glaube, es ist ohnehin sinnlos, mit ihr zu diskutieren. Ich wandere durch mein Lavendelfeld und spüre die Wärme.
„Mein Leben lang habe ich gekämpft“, sagt Gertrude, „und jetzt scheren Sie sich zum Teufel!“
steppenhund - 29. Mai, 14:05

Ich frage mich, ob ich meinen Bart abrasieren soll. Vielleicht denke ich dann nicht mehr alle 6 Sekunden an Sex.
Ich kannte solche Frauen und es war auch ziemlich schlimm zu erkennen, wie meine Grossmutter dachte. Das hat mich schon als Kind verstört. Allerdings habe ich gelernt einfach zuzuhören und nicht verstehen zu wollen, was die Raschek und die Scheel (Nachbarinnen in dem Haus in der Mariahilferstrasse) wieder angestellt oder nicht geputzt haben.
-
Variation 1: Gertrude würde sich sicher sehr gut mit Herrn Plachutta verstehen. Der liebt die Slowaken ja auch nicht.

P.S. Man beachte, wie mein Bart zittern. Der ganze Sex staut sich, weil ich mich 15 Minuten lang auf die Tasten konzentriere und nicht meine sechssekündige Sex-Ration denke.
https://www.youtube.com/watch?v=vSV9qlEaVAI

testsiegerin - 29. Mai, 21:21

;-)
mach dir keine sorgen wegen des barts. ist nicht so schlimm.
KarenS - 29. Mai, 16:37

Diese...

Gertrude kommt weder mit sich, und schon gar nicht mit der Welt klar. Verbittert? Einsam? Weil sie nie Gefühle zulassen konnte? Kann alles sein, kann aber auch etwas ganz anderes hinter ihrer "Kälte" stecken.

Wer weiß das schon?

Auf jeden Fall ein feiner Text.

HARFIM - 29. Mai, 19:24

Gertrude bezieht alles auf sich,

da ist jedes Diskutieren zwecklos... es gibt da so einige Zeitgenossen, auf die das zutrifft :-)
testsiegerin - 29. Mai, 21:23

Ich glaub, da hat sich viel aufgestaut in ihrem leben, das unterdrückt wurde. viele unaufgearbeitete themen.

auf jeden fall danke.
tinius - 29. Mai, 22:12

Es ist ein kluger Text. Ich denke, jede Pflegesituation ist letztlich eine Grenzüberschreitung, und Gertrude reagiert darauf in ihren eigenen Denk- und Erfahrungsmustern. Auch eine Ehe ist etwas Intimes - zwischen zwei Menschen -, und einzusehen, daß das nicht mehr lebbar ist, dürfte gerade auch älteren Menschen schwerfallen. Traurig ist das, umso mehr, als Gertrudes Widerstand vermutlich mit negativen Folgen für den Mann einhergeht.

testsiegerin - 31. Mai, 15:01

danke. ich find solche situationen immer eine gratwanderung. soll hugo ins heim, wo er gut gepflegt wird, aber fremd? kann man ihm die jetzige situation zumuten und muss zuschauen wie er stirbt? hat er sich an diese frau ohnehin gewöhnt und kennt es nicht anders?

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