Frühreif

Gundula erwachte. Draußen prasselte der Regen auf den nassen Boden. Der Wecker zeigte 5:23 an. Zu früh, um aufzustehen. Zu spät, um noch einmal einzuschlafen.
Ein paar Minuten lauschte sie dem entspannenden Geräusch des Regens. Dann drehte sie sich auf den Rücken und spürte, dass dieser schon mehr als fünfzig Jahre alt war. Ihre Hand tappte zur anderen Betthälfte, aus Gewohnheit. Doch da lagen nur ihr Buch und ihre Brille. Das Buch brauchte sie zum Einschlafen. Und die Brille brauchte sie für das Buch. Vor ein paar Jahren hatte sie noch ganz ohne Brille einschlafen können.
Vor ein paar Jahren hatte Heinz Abend für Abend „Schalt endlich das Licht ab“, gesagt, während sie gelesen hatte. Was gäbe sie jetzt darum, diese nervenden Worte zu hören. Irgendwelche Worte zu hören. Dabei war das Licht gar nicht eingeschaltet. Das schwache Morgengrauen des verregneten Julimorgens mühte sich durch die halbdurchsichtigen roten Vorhänge und erzeugte in Gundulas Schlafzimmer durchaus romantische Stimmung. Schwülstige Bilder wanderten in ihre Gedanken. Ihre Hände wanderten zwischen ihre Schenkel. Die Verbindung aus Bildern und Fingern ließen sie feucht werden. Langsamer als früher, aber immerhin. Sie spürte das Feuchte an ihren Fingern und schob sie rasch weiter vor. Immer noch ganz schön glitschig, dachte sie und stöhnte ein wenig. In diesem Moment summte das Handy auf dem Fußboden.

Gundula ließ die Finger aus ihrer Spalte gleiten und leckte sie ab. Wer rief vor sechs an? Hoffentlich war ihrem Papa nichts passiert.
„Ja?“
„Guten Tag. Spreche ich mit Frau Gundula Buttinger?“, wollte eine sonore Männerstimme von ihr wissen.
„Ja. Ist etwas passiert?“
„Es passiert ständig etwas auf dieser Welt. Ich hoffe ich störe nicht um diese Zeit.“
Nun ja, dachte Gundula. Soll ich ihm jetzt erzählen, wobei er mich gestört hat? „Wie man es nimmt“, antwortete sie zögerlich.
„Also hab ich Sie gestört. Das tut mir leid. Hab ich Sie geweckt?“
„Leider nein, ich schlafe zurzeit schlecht.“
„Das ist gut.“
„Warum? Wollen Sie mir Schlaftabletten andrehen?“ Schön langsam wurde Gundula gereizt.
„Natürlich nicht. Oder wollen Sie um diese Zeit noch Schlaftabletten nehmen? Ich bin nur froh, Sie nicht geweckt zu haben.“
„Ja, Glück muss der Mensch haben. Wer sind Sie überhaupt?“ Gundula stellte fest, dass sie immer noch an ihren Fingern leckte, während ihre Stimme zunehmend unsinnlich wurde.
„Marc Laumann ist mein Name. Marc mit c.“
„Schön für Sie. Und was wollen Sie von mir?“
„Also, ich gebe es besser gleich zu: Ich bin einer dieser verhassten Callcenter-Fritzen. Ich verdiene mir das Geld für mein Studium, indem ich Umfragen mache. Normalerweise über das Wahlverhalten, Bananensorten oder öffentliche Verkehrsmittel.“
„Um diese Zeit?“
„Um Acht hab ich eine Vorlesung.“
Wieder hatte sie das Gefühl alt geworden zu sein. Vor dreißig Jahren gingen Studenten noch nicht in Vorlesungen, die um acht Uhr begannen. „So so, normalerweise. Und heute? Heute fragen Sie wohl was Abnormes. Vielleicht sogar etwas Perverses?“
„Was ist denn in Ihren Augen pervers?“
Gundula mochte seine Stimme. Sie war angenehm, und trotz seiner Aufdringlichkeit wirkte er zurückhaltend und keineswegs aufdringlich. „Gehört das schon zum Fragebogen?“
„Nein. Das ist persönliches Interesse.“
„Hm... lassen Sie mich nachdenken.“ Gundula dachte nach. „Frauen um halb sechs Uhr früh anzurufen, das ist auf der Perversionsskala schon ziemlich weit oben.“
„Dann halten Sie mich also für pervers. Ist es Ihnen lieber, wenn wir das Gespräch beenden?“
Natürlich hätte sie jetzt einfach ja sagen können. Dann hätte sie wieder im Bett gelegen, nicht schlafen können und sich gefingert. Aber beenden konnte sie das Gespräch ja immer noch.
„Nein. Im Gegenteil“, hörte sie sich leise ins Handy sagen.
„Wunderbar. Sie können das Gespräch selbstverständlich jederzeit abbrechen“, machte er sie auf ihre Rechte aufmerksam und fügte hinzu: „Ich bekomme allerdings nur für die Interviews bezahlt, die zu Ende geführt werden.“ Sie hörte das Lachen in seiner Stimme.
„Ich würde mich also am Hungertod eines verarmten Studenten mitschuldig machen, wenn ich auflege? Los, fangen Sie an, damit Sie nicht zu spät kommen.“
„Meinen Sie zu SPÄT kommen oder zu spät KOMMEN?“
„Sie wissen genau, was ich meine, Herr Laumann. Und um ehrlich zu sein, haben Sie mich mit Ihrem Anruf vorhin ziemlich gestört.“
„Darf ich fragen, wobei ich Sie gestört habe, Frau Buttinger?", sagte er nun mit betont sachlicher Stimme.
„Ich habe masturbiert.“
Stille.
„Sie haben...“
„Welchen Teil des Satzes haben Sie nicht verstanden?“
Er ging nicht darauf ein. „Ich bräuchte zunächst noch ein paar Angaben für die Statistik. Wohnort, Ausbildung, Familienstand, Alter. So Dinge.“
Das ist nicht gut, dachte Gundula und fürchtete insgeheim, er würde das Interesse verlieren, wenn sie ihm ihr Alter verriet. „Wien, Universität, verwitwet, 52“, ratterte sie herunter.
„Das tut mir leid“, sagte Mark.
„Mir auch. Ich wäre sehr gern jünger. Bin ich aber nicht.“
„Ja. Ich meine nein. Also, dass Sie verwitwet sind tut mir leid. Und um ehrlich zu sein...“. Marc Laumann mit c machte eine Pause.
„Um ehrlich zu sein haben Sie auch masturbiert.“
„Nein. Um ehrlich zu sein bin ich auch schon 54. Aber die Leute sind freundlicher am Telefon, wenn ich die Studentennummer abziehe. Ich habe meinen Job verloren und muss jetzt so einen Schwachsinn machen.“
„Schade“, sagte Gundula.
„Ja, ich würd lieber wieder richtig arbeiten.“
„Das meine ich nicht.“ Sie konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen.
„Sie telefonieren auch lieber mit jungen Leuten, ist es das?“
Ja, dachte Gundula. Ich würde jetzt gern von einem 28-jährigen Studenten nach Strich und Faden verwöhnt werden. Sie tauchte ihren Pinsel in den Farbtopf der Realität und versuchte die Bilder in ihrem Kopf zu übermalen. „Natürlich nicht“, sagte sie, denn sie wusste, wie es sich anspürte, wenn man für das andere Geschlecht nicht mehr interessant war, bloß weil die Jahreszahl auf der Geburtsurkunde nicht mit dem gefühlten Alter übereinstimmte. Trotzdem konnte sie sich ein wenig Sarkasmus nicht verkneifen. „Und wohin müssen Sie um Acht? In den Pensionistenklub?“
„Nirgends muss ich hin. Ich konnte halt nicht mehr schlafen. Und bevor ich nur blöd im Bett liege, beginne ich dann schon mit den Telefonaten.“
„Haben Sie keine Frau, die sie dann belästigen können?“
„Nicht mehr. Die ist vor einem halben Jahr abgehauen, weil ich ihr bei der Hausarbeit im Weg war. Und wer weiß wobei noch.“

Gundula sog die Luft ein und schämte sich. Es war eine Sache, einen jungen Studenten zu provozieren, indem sie ihm erzählte, dass sie es sich selbst besorgte. Es war eine völlig andere Sache, sich zu entblößen, indem man so etwas einem gleichaltrigen Mann beichtete. Gundula fühlte sich nackt, trotz kariertem Schlafshirt.
„Machen wir weiter mit dem Interview?“, fragte sie und versuchte möglichst leicht zu wirken, um der Situation die Schwere zu nehmen. Eine schlaflose Witwe und ein schlafloser Arbeitsloser in einem Alter, das die Werbebranche euphemistisch als Best Ager bezeichnete und Jugendliche unverblümt uralt nannten. Nüchtern betrachtet war die Situation ziemlich komisch. Sie musste lachen.
„Worüber lachen Sie, Frau Buttinger?“ Er fragte das so, als gehöre das zu seinem Interviewkatalog.
„Über mich.“ Gundula lachte sogar oft über sich selbst. „Darüber, wie peinlich ich mich hier benehme. Wie ich Ihnen von meiner morgendlichen Masturbation erzähle und wie erfolglos ich versucht habe Sie anzumachen.“
„Wieso erfolglos?“
Gundula schluckte. „Die... die Vorstellung, dass ich meine Finger in... also.. dort unten hatte, hat Sie angemacht, Marc mit c?“
„Nennen Sie mich Markus. Markus mit k. Marc ist nur mein Studentenname. Klingt moderner und nicht so langweilig wie Markus.“
„Markus.“ Sie ließ sich seinen Namen auf der Zunge zergehen.
„Um auf Ihre Frage zurückzukommen“, fuhr Markus fort, „ja, die Vorstellung hat mich angemacht. Sehr.“

Ihre rechte Hand kroch wieder unter die Bettdecke und streichelte die Innenseite ihrer Schenkel. Eigentlich wollte sie jetzt etwas Aufregendes und Intelligentes sagen. Aber sie war zu überrascht von der plötzlichen Wendung. Sie hätte wenigstens mit erregt erregender Stimme „Ja, sehr?“ antworten wollen, aber selbst das brachte sie nicht mehr zustande. Zu schnell waren ihre Finger in die Möse geglitten und hatten ihre Klit erreicht. Und so gelang ihr nur das „Ja“. Eigentlich nur das „a“. Genau genommen ein "aaahh". Wohlig, langgezogen und leise gestöhnt.

Als sie wieder bei Sinnen war, schämte sie sich, zumindest ein kleines bisschen. Am anderen Ende der Leitung – so sagte man zumindest früher, als Telefone noch an Kabeln hingen – war es still. Hatte er aufgelegt? Oder hielt er die Hand aufs Mikro des Handys, weil er auch stöhnte?
„Markus? Sind Sie noch da?“
„Ja, Frau Buttinger, das bin ich.“ Seine Stimme verriet nichts.
„Nennen Sie mich Gundula, bitte. Gundula mit u.“
„Gundula“, sagte er. Mit ganz warmen weichen U‘s, die Gundula zum Zittern brachten. „Darf ich Sie noch etwas fragen, Gundula?“
Ja, das durfte er. Er durfte sie alles fragen. Frag mich ruhig irgendwelche Sauereien, dachte sie. „Sie dürfen, Markus.“
„Es ist mir wirklich unangenehm“, stammelte Markus, „Sie müssen wissen, ich hab mir die Fragen ja nicht ausgedacht, ich werde nur dafür bezahlt, dass ich sie stelle.“
Gundula leckte sich so anzüglich die Lippen, dass er bestimmt durchs Telefon hören würde. „So fragen Sie schon!“, ermunterte sie ihn.
„Darf ich Sie morgen wieder anrufen, Gundula?“
„Sie werden bezahlt, dass Sie Frauen die Frage stellen, ob sie sie anrufen dürfen?“
„Nein, das nun nicht. Ich möchte Sie morgen anrufen, um Ihre Antwort zu erfahren.“
Offensichtlich wollte er ihr eine besonders schwierige Frage stellen. Vermutlich irgendeine Gleichung aus der Atomphysik, die sie lösen sollte. Gundula ließ ihre Zunge wieder in den Mund gleiten. „Ich würde mich sehr freuen, wenn wir morgen wieder telefonieren könnten.“ Die Hoffnung stirbt zuletzt, dachte sie dabei. Und ihre Hoffnung war, dass er morgen mutiger sein könnte.
„Eine Bitte habe ich, Gundula.“
Sollte sie sich auf die Fragen vorbereiten? Sich in ein Thema einlesen und etwas lernen? „Nämlich?“
„Wenn Sie wieder nicht schlafen können, könnten dann vielleicht Sie mich anrufen, bevor Sie wieder... Sie wissen schon.“
„Mal sehen.“ Gundula lächelte und drückte die rote Taste. Sie wusste schon.
HARFIM - 20. Jul, 17:44

Mit über 60

wird das alles noch komischer, freuen Sie sich drauf :-)

testsiegerin - 20. Jul, 23:25

Das sind ja Aussichten ;-)
datja (Gast) - 21. Jul, 12:35

stimmt !
feldstecher helfen.

bonanzaMARGOT - 21. Jul, 15:00

interessant, was frauen für phantasien haben ...

testsiegerin - 24. Jul, 14:50

ich kann nichts für die fantasien meiner protagonistinnen.

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

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