Sonntag, 13. Juli 2014

Lu4Tz33.2 - Die Mission (1/2)

„Spielst du schon wieder?“ Xana zog die grünen Mundwinkel nach unten.
„Stör bitte nicht!“, antwortete Kenzen patzig und starrte gebannt auf das Funkeln auf den Bildschirmen, „ich hab Großes vor.“
„Du könntest mal das Raumschiff reparieren, das wäre was Großes. Wir haben schon ewig keinen Ausflug auf den Nachbarplaneten gemacht. Oder zu den heißen Quellen. Immer sitzt du am Computer und spielst!“
„Ach komm“, sein Tonfall wurde versöhnlicher, „so gönn mir doch meinen Spaß. Den ganzen Tag bau ich Pytagonium und Aspirium ab, um uns zu ernähren. Schau, ich bin auf einem blauen Planeten gelandet. Erde heißt er.“
„Erde? Komischer Name für einen Planeten. Der schaut aber mickrig aus. Glaubst du, es gibt dort intelligentes Leben?“ Xana setzte sich zu ihrem Mann und starrte auf den Bildschirm.
„Leben angeblich schon, aber es gibt Zweifel, ob es intelligent ist“, Kenzen drückte ein paar Knöpfe. „Wir suchen uns jetzt einen Avatar aus, so nennt man das.“
„Wir machen uns ein Baby?“ Xana strahlte ihn an.
„Wenn man sich für ein Baby entscheidet, muss man es alle zwei Stunden füttern und streicheln. Babys schreien. Nehmen wir uns doch lieber eines Erwachsenen an, die sind pflegeleichter, ja?“
Da Xana gerne schlief und nicht durch Babygeschrei geweckt werden wollte, stimmte sie zu.
„Hier...“ Kenzen klickte auf eine blinkende Figur und es erschienen Avatare, die frei waren, also solche, die gerade keinen Gamemaster hatten. „Such dir einen aus.“
„Den hier“, sagte Xana wie aus der Laserpistole geschossen und deutete auf einen schlanken, blonden Mann mit einem riesigen Knochenhöcker mitten im Gesicht und großen Füßen. „Große Füße sind extrem sexy.“
Kenzen bewegte den Cursor auf die Figur und las vor:

Name: Lu4Tz33.2
Alter: 38
Lebensform: Single
Beruf: Meister der Kochkunst
Aufgabe: Zubereitung von charakterstärkender Nahrung
Fähigkeiten: Tretball
Level: 1


„Wir können ihm noch einen Nebenberuf geben“, schlug Kenzen vor, „was hältst du von Pytagonist?“ Kenzen war nicht sehr fantasievoll, denn Pytagonist war er selbst auch. Xana, die klügere der beiden, fragte: „Und wenn es auf der Erde kein Pytagonium- und Aspiriumvorkommen gibt?“
„Ach so... dann eben kein Nebenberuf. Wir können seinen Charakter um zwei Chips erweitern und uns selbst etwas einfallen lassen. Eine Mission.“ Da ihm selbst nichts einfiel, überließ er diesen Part seiner Frau.
„Er hat einen Mitbewohner von der Rasse der Feliden“, sagte Xana, die als Kind wahnsinnig gern ein Haustier gehabt hätte, „und er hat eine Vorliebe für... wie nennt man die sauren Gelbfrüchte, die auf den südlichen Planeten wachsen?“
„Zitronen.“
„Genau, er liebt Zitronen. Und Frauen, die nach Zitronen riechen.“
Kenzen schüttelte seinen kantigen Kopf, tippte aber brav ein, was seine Frau ihm diktierte.
Xana knabberte dafür zärtlich an seinem Höhrrohr. „Groß und hübsch ist er, unser Lu4Tz33.2. Und morgen reparierst du unser Raumschiff, ja?“

*

Lutz schlüpfte aus seinen Schuhen, Größe 48, und ließ sich aufs Bett fallen. Sein Kopf dröhnte. Also stand er wieder auf, holte sich ein Bier aus dem Kühl- und ein Aspirin aus dem Küchenschrank. Was für ein Scheißtag das gewesen war! Am Morgen war statt der bestellten Goldbrasse Bachsaibling geliefert worden und er musste sich mit dem Lieferanten herumstreiten.
Am Vormittag schnitt sich der Lehrling zum dritten Mal in diesem Monat in den Finger und er musste ihn ins Krankenhaus bringen, wo der Finger genäht und der Lehrling in den Krankenstand geschickt wurde. Der Gardemanger - also der Mitarbeiter für die kalten Speisen – sonnte sich auf einer griechischen Insel, was Lutz an und für sich nicht störte, denn der war ein affektierter Schnösel und konnte nicht kochen, sondern nur Lebensmittel hübsch drapieren. Ein paar Stunden später störte ihn das allerdings sehr, denn um eins fielen 53 rüstige Rentner-Radfahrer ein und verlangten nach kalten Speisen und Salat, wegen der Hitze und wegen der Fitness. Als ob Mayonnaisesalat einen jünger und schlanker machen würde!
Am Abend dann diese elende, steife Schickimickihochzeit. Lutz war seit acht Jahren Single. Sein Beruf war mit einer Beziehung nicht kompatibel, redete er sich ein, er musste an den Wochenende arbeiten und oft bis spät in die Nacht. Vielleicht war aber er einfach nicht beziehungskompatibel. Just als bei der Schickimicki-Hochzeit die Hauptspeise – gedämpfte Fischroulade (von der Goldbrasse, die in Wahrheit ein Bachsaibling war) mit Bärlauchfülle und Rote Rüben-Pürree – servierfertig war, rückte der Schickimickifotograf an, der sich um eine Stunde verspätet hatte und machte Schickimickifotos von den Schickimickigästen. Lutz und sein Team mussten die Speisen dann aufwärmen und neu anrichten. Mit mir kann man das ja machen, hatte er gedacht.

Lutz glitt gerade in die Dämmerung zwischen Wachheit und Schlaf, in der Gedanken und Eindrücke sich nicht entscheiden konnten, ob sie zu einem Traum oder zur Wirklichkeit gehörten.
Er nahm ein Miauen wahr. Es kam aus dem Flur. Ich muss mich verhört haben, dachte Lutz, denn er lebte im zweiten Stock und sowohl Fenster als auch die Eingangstüre waren geschlossen. Das Miauen wurde lauter. Lutz setzte sich im Bett auf und war plötzlich hellwach. Er schlich auf Zehenspitzen in den Flur und schaute nach. Nichts. „Miau!“ Es kam aus seiner Jackentasche. Er griff hinein und zuckte zunächst wieder zurück, als der Tascheninhalt seine Krallen ausfuhr. Sekunden später hielt er ein kleines, flauschiges Fellbündel in der Hand.

Ein dreifärbiges Glückskätzchen schaute ihn mit großen Augen an. Irgendjemand musste ihm dieses Vieh in die Jackentasche geschmuggelt haben, vielleicht in der Bahn. Er würde es morgen zur Polizei bringen. Oder ins Tierheim. Lutz hatte keine Ahnung, wohin und mit welcher Erklärung man ein Tier brachte, das man in seiner Jackentasche gefunden hatte. Er ging mit dem Fellbündel in die Küche und schnitt sein Abendessen, ein argentinischen Steak vom Angus-Rind in kleine Stücke. Das Kätzchen fiel gierig darüber her. In Lutz’ Augenwinkel schlichen sich Tränen.

Mit mir kann man das ja machen, dachte Lutz wieder und versank in Matratze und Selbstmitleid. Mit mir kann man ja alles machen. Wie so oft verdammte er sein Leben und wünschte sich ein anderes, oder gar keins. Als ihm das Comicheft aus der Hand glitt und die Augen zufielen, ahnte er nicht, wie sehr sich sein Leben schon bald verändern würde. In seiner Halsbeuge fühlt er etwas Weiches, Warmes.

*

„Das hier ist seine Siedlung!“ Kenzen zeigte auf einen kleinen, grauen Quader, direkt an der Straße. „Von hier aus startet Lu4Tz33.2 seine Mission.“
„Das ist aber unscheinbar und langweilig“, fand Xana, die ihre Wohnkugel mit ein paar Metallrohren, verknoteten Pflanzenfasern und seltenen Gesteinsformationen, vor allem aber mit viel Liebe und Geschick in ein behagliches Heim verwandelt hatte. „Kannst du ihm nicht ein schöneres Zuhause machen?“
„So hab doch Geduld. Das ist ein Bunker, und den müssen wir zu einem Hauptquartier upgraden, aber dazu brauchen wir Rohstoffe. Rohstoffe besitzen wir allerdings in Level 1 noch nicht. Noch ist Lu4Tz33.2 ein simpler Siedler ohne Aktions- und Kampfpunkte. Um Rohstoffe zu gewinnen, braucht er zunächst einen Bohrturm.“ Kemzen gefiel sich in der Rolle des Lehrers und fühlte sich geschmeichelt, weil seine Frau sich nach 13 Jahren Beziehung plötzlich dafür interessierte, womit er seine Freizeit verbrachte.
„Wozu braucht er einen Bohrturm, wenn er doch Meister der Kochkunst ist? Soll er nach Sonnenblumenöl bohren?“ Sie kicherte.
„Jedes Lebewesen, egal mit welchem Beruf, muss nach Wasser bohren, dem wichtigsten aller Rohstoffe. Ein Bohrturm produziert 100 Wasser pro Sekunde. Ich weiß nicht, ob es auf der Erde überirdische Wasserreservoirs gibt. Ohne Wasser kein Leben, das ist auf allen Planeten gleich.“

*

„Scheiße, scheiße, scheiße“, fluchte Lutz, die schwere Bohrmaschine in der rechten Hand, als eine dunkelbraune Brühe aus der Wand schoss. Mit der linken Hand versuchte er, die stinkende Flüssigkeit daran zu hindern, sich ihren Weg in den Flur zu bahnen, scheiterte aber kläglich, der Schlamm quoll zwischen seinen Fingern durch und spritzte ihm ins Gesicht.
„Bohrst du neuerdings nach Öl?“, fragte Olaf, sein bester, weil einziger Freund, der gerade zur Tür hereinkam.
„Red keinen Scheiß, sondern hol mir Lappen und Kübel!“. Olaf war zwar gekommen, um sich ein Bier aus dem Kühlschrank zu nehmen und mit Lutz abzuhängen, leistete aber den Anordnungen seines Freundes Folge.
„Ich wollte nur ein Bild aufhängen“, erklärte Lutz, während der letzte Reste der schmierigen Brühe in den Kübel tröpfelte und die beiden Männer die Aufreibfetzen auswanden und die Fliesen schrubbten. „Verfluchte Scheiße, ich hab irrtümlich das Heizungsrohr angebohrt!“
„Willst du damit sagen, du hast gar nicht nach Öl, sondern nach Wasser gebohrt“, grinste Olaf. „Welches Bild überhaupt? Seit wann hast du ein Faible für die schönen Künste?“
„1860 hat gegen die Fortuna gewonnen, schon gehört?“, startete Lutz ein Ablenkmanöver, aber Olaf hatte das Bild, das an der gegenüberliegenden Wand lehnte, bereits entdeckt. „Du hängst dir Zitronenbäumchen an die Wand?“ Er knuffte seinen Freund in den Oberarm. „Seit wann stehst du auf Zitronenbäumchen, Alter?“, prustete er.
Lutz riss ihm das Bild aus der Hand. „Das geht dich einen Dreck an! Zitronenbäumchen sind besser als nackte Weiber auf glänzenden Maschinen.“
„Ich denke, ich bin nicht der Einzige, der das anders sieht als du. Sicher, dass es dir gut geht?“
„Ach lass mich, ich hatte einfach einen Scheißtag.“
„Du hast jeden Tag einen Scheißtag. Hast du wenigstens Bier im Haus oder müssen wir danach auch bohren?“ Als Olaf sich auf den weichen Sessel fallen ließ, quietschte das Kätzchen auf, auf dessen Schwanz er sich gesetzt hatte. „Was zum Teufel ist das?“
„Hat vier Beine, ein Fell, einen Schwanz und Schnurrhaare. Ich nehme also an, eine Katze?“
„Seit wann hast du eine Katze, Alter? Ich dachte, du hast eine Katzenallergie und hasst diese Viecher?“ Er kraulte versöhnlich den Kopf des Kätzchens: „Wie heißt sie?“
Darüber hatte Lutz sich noch keine Gedanken gemacht. „Miss Jon“, sagte er und nieste.

Fortsetzung folgt...

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

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