Erlebtes

Samstag, 25. März 2017

Tatort

„Herrn S. von der Mordkommission zurückrufen“, stand auf dem Telefonzettel, als ich heute früh ins Büro kam, „dringend“.

Mir zieht es den Boden unter den Füßen weg. In meinem Kopf legt der Filmvorführer den Film ein. Jemand aus meiner Familie wurde ermordet. Raubmord kann ausgeschlossen werden, das werde ich dem Inspektor sagen. Obwohl... hoffentlich ist mein Schmuck noch da. Als ich vor einer Stunde mein Haus verlassen hab, lag mein Mann friedlich im Bett und mein Sohn saß auf dem Traktor. Vielleicht hat der Täter nur abgewartet, bis ich aus dem Haus bin, weil er weiß, dass ich einmal einen Selbstverteidigungskurs besucht habe.

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Vielleicht ist aber jemand, den ich nicht so gerne mag, ermordet worden und ich stehe unter dringendem Tatverdacht. Hoffentlich habe ich ein Alibi. Ich gehe in Gedanken die letzten Tage durch und mir fällt nicht mehr ein, wo ich am Sonntag von 17 Uhr bis 18 Uhr 30 war. Ah ja. Im Wald joggen. Ich habe keine Zeugen. Die Schneeglöckchen werden ihre Köpfe senken und schweigen.
„Ist die Birgit da?“, frage ich die administrative Mitarbeiterin und bin über ihr „Ja“, nie erleichterter als jetzt.

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Und wenn jemand, den ich liebe, einen Mord begangen hat? Mein Mann einen Ikea-Mitarbeiter mit dem Inbusschlüssel erstochen hat, weil ein paar Schrauben gefehlt haben? Oder die Billa-Kassiererin erwürgt hat? Vielleicht hatte er einfach keine Lust, auf ihr dreitausendstes „Hamma Billakarte?“ die immer gleiche Antwort zu geben. „I hob kane, ob Sie ane hobn, waß i net.“

„Wir plädieren auf Tötung im Affekt“, werde ich ihm sagen. Hoffentlich kommt er nicht in die Justizanstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. Dort haben wir uns nämlich kennengelernt und es wäre mir ein bisschen peinlich, ihn dort besuchen und die mitleidigen Blicke der Justizwachebeamten ertragen zu müssen.

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Der Filmvorführer in meinem Kopf kann sich nicht entscheiden, ob er als nächstes die Filmrolle mit der Aufschrift „Komödie“ oder „Tragödie“ einlegt.

Wie gesagt, ich hab ja selber im Gefängnis gearbeitet und weiß, dass (fast) jeder von uns imstande ist, zu töten. Ich habe Mörder kennengelernt, über die man sagen würde „der kann doch keiner Fliege etwas zu leide tun.“ Mörder, die auch keiner Fliege etwas zuleide getan haben, aber Menschen.
„Schluss!“, schreie ich den Filmvorführer an, während ich mit zittrigen Fingern die Nummer wähle. Ihm fällt die Filmrolle aus der Hand.

Die Mama des Kommissars ist dement und er hätte gerne eine Beratung zum Thema Sachwalterschaft. Er wirkt erschöpft. Ich bin erleichtert.

So viele Gefühle immer.

Samstag, 28. Januar 2017

Die verschwundene Frau

Ihre Brüste sind riesige Akkus, prall gefüllt mit Energie. Der Säugling saugt sie ihr aus dem Leib, die Milch und die Energie. Die Brüste sind hartnäckig und füllen sich immer wieder neu. Um das Kind zu nähren. Vielleicht hoffen sie aber auch, dass irgendwann wieder ein bisschen Energie für die Frau übrig bleibt.

Seit der Geburt ihrer Kinder definiert die Frau sich nicht mehr als Frau, sondern als Muttertier. Dem Kind ist es egal, ob sie einen schlabbrigen Pullover oder ein schönes Kleid trägt. Das Kind spuckt drauf und sabbert alles voll. Wozu sich umziehen? Es wird wieder draufspucken, nachdem es ihre Brüste leergesaugt hat.

„Für wen soll ich mich denn schön machen“?, brüllt sie in den Spiegel.
„Für dich selbst“, flüstert der Spiegel, aber die Frau kann ihn nicht hören, weil das Kind gerade die Klospülung drückt. Vorher hat es die Socken hineingeschmissen und gesagt: „Mama hilft Wäsche wascht.“

Aus „Wie geht‘s dir?“ ist „Wie geht‘s den Kindern?“ geworden. Die Frau verschwindet hinter ihrer Brut, wird als Frau unsichtbar. Es ist so, als würde es sie als Individuum nicht mehr geben, nur im Doppelpack mit Kind. Sie wird nicht mehr gefragt, welches Buch sie liest - wozu auch, zum Lesen hat sie ohnehin kaum noch Zeit - , man will nicht mehr ihre Wortspenden zum Zeitgeschehen oder ihrem Liebesleben - wozu auch, für ein Liebesleben hat sie ohnehin keine Energie - nein, alles, was interessiert ist, ob das Kind jetzt endlich geschissen hat oder an Verstopfung zugrunde geht.

Hilfe, möchte sie schreien! "Ich gehe zugrunde, die körperliche Über- und geistige Unterforderung verstopft meine Lebendigkeit, wenn ihr mich nicht mehr als Frau, als Freundin, als Kollegin wahrnehmt, sondern nur noch als Mutter." Aber sie schreit nicht, sie lächelt, und tut so, als würde sie sich über vollgeschissene Windeln und Zähne, die es an die Oberfläche geschafft haben. Das erwartet man von Müttern. Es wäre unfair zu schreien, denkt sie, denn sie hat es gut erwischt, sie hat einen Mann, der nicht nur Schnitzel panieren und Karotten pürieren kann, sondern der auch Minizehennägel schneidet, Miniwunden verarztet und Minihäuser aus Duplo baut. Einen Mann, der nachts aufsteht und mit dem Minimenschen im Arm eine Runde auf dem Trampolin hüpft, damit sie wieder einschläft. Aber sie kann nicht einschlafen, weil sie sich schuldig fühlt, weil sie das Gefühl hat, als Mutter versagt zu haben.

Sie liebt ihre Kinder. Sie sind das beste, was ihr passiert ist. Am meisten Liebe für die Kinder spürt sie, wenn sie schlafen. Trotzdem sehnt sie sich danach, dass ihr Körper wieder ihr gehört. Dass sich niemand an sie klammert und schreit. Das Kind denkt, es heißt „Klotzenbein“. Wenn jemand die Frau plötzlich nach dem Namen fragt, sagt sie "Mama“, denn der am häufigsten gehörte Satz in ihrem Leben, das früher richtig spannend und abwechslungsreich war, ist: „Mama, schau!“ Und die Frau schaut, sie schaut auf Sandburgen, Plastilinmännchen und wie das Kind über die Treppen hüpft. Manchmal fallen ihr beim Schauen die Augen zu, wegen des chronischen Schlafmangels.

Manche Freundinnen der Frau haben plötzlich ganz wenig Zeit und einen völlig anderen Lebensrhythmus haben. Manche sagen geradeheraus , dass es sie stört, dass die Kinder der Frau ihre Gedanken und Gespräche unterbrechen. Als würde die Frau das unterhaltsam finden. Es gibt Freundinnen, die meiden die Frau, weil sie sie um ihr glückliches, trautes Leben mit Heim und Ofen und Kind beneiden. Die Frau beneidet sie um ihren Urlaub auf Hawaii.

Zum Glück gibt es auch Freundinnen im Leben der Frau, die sie aushalten. Die sie halten. Mit denen sie über zahnende Kinder und den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf reden kann. Über ihre Brustentzündung und über den Liebeskummer. Freundinnen, denen sie erzählen kann, wie einsam und erschöpft sie sich manchmal fühlt, trotz der Kinder. Wegen der Kinder. Freundinnen, die sie verstehen.
Freundinnen, die in der Stadt wohnen und sie manchmal besuchen.

Denn in dem Dorf, in dem die Frau lebt, ist sie fremd, eine Zugeraste. Sie hat keine Vorhänge, wählt die falsche Partei, geht nicht zum Feuerwehrfest und gehört nicht dazu. Hier ist ihr Haus, aber hier ist sie nicht daheim. Die Sandkistenmütter sind ein kleiner Trost. Aber sie ersetzen ihre Freundinnen nicht.

„Ich arbeite jetzt wieder“, erzählt sie den Sandkistenmüttern irgendwann stolz. Ein Kind ist 2 Jahre alt, das andere 6 Monate.
„Und das erlaubt dein Mann?“, fragen die Sandkistenmütter entsetzt.
„Ich weiß nicht. Ich hab ihn nicht gefragt", sagt die Frau.

*

Mehr als zwanzig Jahre ist das jetzt her. Obwohl ich so eine Rabenmutter war, sind meine Kinder großartige Menschen geworden. Meine Tochter „Klotzenbein“ ist nach Dänemark ausgewandert und ich vermisse sie sehr. Mein Sohn wohnt immer noch hier. Und er wäscht immer noch die Wäsche. Zum Glück nicht im Klo.

Mittwoch, 10. September 2014

Freedom’s Just Another Word

Er ist ein attraktiver Mann, 49 Jahre alt, dunkles, längeres Haar. Er hat etwas Verwegenes. „Lassen Sie mich in Ruhe“ sagt er, bietet mir aber einen Sessel an, „ich sag sowieso nichts.“
Ich erkläre ihm den Grund meines Kommens. Sein Pensionsantrag wurde abgelehnt, laut Gutachter könne er trotz seiner Persönlichkeitsstörung arbeiten, wäre da nicht der Alkohol. Der Richter zweifelt an seiner Prozessfähigkeit. Ich zweifle am Gutachter. Der Mann ist verzweifelt.
„Das ist mir viel zu schnell“, sagt er, und als ich es langsamer erzählen will, unterbricht er mich: „Es interessiert mich sowieso nicht. Wissen Sie, meine Gedanken sind nicht gerade.“
Ziele hat er keine und Interessen auch nicht. Ein paar Bier, ein paar Stamperl und Fernsehen, das ist sein Lebensinhalt. In seinem Zimmer im Haus der Mutter, weil draußen regt ihn alles auf. Die Frauen haben ihn beschissen, sein Arbeitgeber hat ihn beschissen, und das Leben sowieso. „Solche Kabeln hab’ ich“, sagt er und deutet auf seinen Hals ¬– ich kann die Kabeln förmlich sehen – und schimpft über die „Tschusch’n“, die an allem schuld sind, mit Worten, die ich hier besser nicht erwähne. Wenn jemand im Wartezimmer des Arztes oder in der Straßenbahn solche rassistischen Äußerungen von sich gibt, sage ich meine Meinung. Das bin ich mir schuldig. Jetzt schweige ich. Das bin ich mir auch schuldig. Ich mag mein Leben. Ich spüre die Angst hinter seiner Aggression. Sie ist so ansteckend wie Masern.
Die alte Mutter sitzt in der Ecke der Küche und mischt sich immer wieder ein. Ich bin trotzdem froh, dass sie da ist.
„Eins sag ich Ihnen“, sagt er, „wenn ich geh, dann geh ich nicht allein. Ich nehm jemanden mit. Wenn man das nicht will, soll man mich in Ruhe lassen. Ich hab nichts zu verlieren.“ Der Satz trifft mich, und er macht mich nachdenklich. Ich hab so viel zu verlieren, denke ich.
„Was ist mit der Freiheit, die Sie zu verlieren haben?“ Kaum habe ich es ausgesprochen, beiße ich auf meine Unterlippe.
„Was denn für eine Freiheit?“, sagt er und denke ich gleichzeitig.

Sonntag, 15. Dezember 2013

Antidepressivum

Wenns draußen grau und nebelig ist und in mir der Saboteur hockt, mit einen breiten Pinsel und einem großen dunklen Farbtopf, und es mir nicht gelingt, ihn von der Leinwand fernzuhalten, dann lese ich diese Nachricht, die mir vor kurzem die R. (die beste Freundin meiner Tochter und ein bisschen auch meine Tochter, die grad in Nicaragua weilt) geschickt hat:


als ich dem g. zum ersten mal was von dir erzaehlt hab, hat er gefragt "wer ist die barbara?". und da musste ich nachdenken. einfach waere gewesen zu sagen "die mama von der t.". aber das stimmt nicht. also ja, stimmt schon. aber das ist keine, sagen wir mal adaequate beschreibung.

du machst es mir ein bisschen schwer, dich vorzustellen, weil du eben nicht ganz einfach "die mama meiner besten freundin" bist. dass du auch meine freundin bist, das ist eh klar. aber das auch das triffts nicht ganz. weil der begriff "freund" ist viel zu weitreichend - von der freundlichen sitznachbarin, ueber fortgehbekannschaften bis zur t.

und du, du bist ein bisschen auch meine mama. die einem tee kocht, wenn man halsweh hat. flucht, wenn man glaeser zerbricht. die stolz auf einen ist nach einer tanzaffuehrung und die einem hin und wieder den staubsauger in die hand drueckt.

aber auch: der man jeder zeit bei einem glas prosecco sein herz ausschuetten kann. die einem lippenstift borgt, und im farbton beraet. der man peinliche dinge erzaehlen kann, ohne dass sie peinlich sind. die einem entgegengeht, wenns windig und dunkel ist...

danke fuer das alles. das klingt grad alles ziemlich kitschig, ich weiss. und in wirklichkeit weisst du das eh alles. aber ich glaub, es schadet nie, es einmal oefter zu schreiben, als "notwendig". und ein bisschen kitsch brauchen wir alle .

ich hab dich lieb. deine R.

Samstag, 10. August 2013

Alles im Lot

Mein jährliches Highlight - das Schmuckschmiedeworkshop in Kärnten. Eine Woche lang mit dem Hammer auf Silber geklopft anstatt Worte in die Tasten. Wunderbar war es.

Und das sind die Ergebnisse:

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Fotos: Lamamma

Dienstag, 20. November 2012

Zehren

Das Fest liegt hinter, der Geburtstag vor mir. Dazwischen liegt Zehren. Und mit denen, die nicht dabei waren, teil ich wenigstens ein paar Bilder.


Die höchste Erhebung im Weinviertel. Erhebend!



torte
eines von beiden ist essbar
quetschn

rosen1
natürlich viele strumpfhosen ;-)

bartherlou
und generationen

hannahcello1
und eine musikalische verwandtschaft

da-fraunz-und-i2
und der beste papa der welt


ich hab jetzt sogar eine eigene playboyausgabe. aus 2017. was ich euch jetzt schon verraten kann: ich bin dann berühmt. als erotikbestsellerautorin. die 50 grautöne werden dann ein klacks gegen das gewesen sein, was ich geschrieben haben werde.

Sonntag, 21. Oktober 2012

70

Gestern feierten Frau Dr. Blubb und ich unseren 70. Geburtstag. Sie hatte ihren im September, ich hab meinen im November, also feierten wir im Oktober. Im goldenen Oktober. Mit Freunden und Verwandten, einer Wanderung, Essen, Tanzen, Singen, in den Nachthimmel schauen...

toll3stherbst

"Jetzt reichts dann schön langsam mit dem Dankbarsein", hat heute ein Freund zu mir gesagt. Ich finde, es reicht nicht. Ich hab nämlich wieder mal gemerkt, dass ich die wunderbarste Familie und die besten Freunde und Freundinnen der Welt hab. Wie schön, dass die miteinander feiern können. Wie schön, dass da Hirsch-Lederhosen und verrückte Strumpfhosen Bein an Bein gehen.

Uns haben sie reich beschenkt, vor allem mit ihrer Nähe, ihren Talenten und auch mit Geschenken materieller Natur. Mit Glück.
Würde ich mich jetzt bei jedem von ihnen öffentlich bedanken, hätte ich eine weitere schlaflose Nacht. Das mach ich also lieber persönlich.

Öffentlich mach ich allerdings die Rede, die sich Frau Dr. Blubb von mir gewünscht hat.

Mein Mäuschen,

du hast dir eine Rede von mir gewünscht, also kriegst du sie auch. Eine Lesungsrede halt, weil ich nach dem Sekt etwas zum Festhalten brauche.
Ich kann dich natürlich nicht losgelöst von mir betrachten, also geht es in der Rede nicht nur um dich, sondern auch um mich, um unsere Beziehung. Du wärst ja nicht ohne mich, und ich wäre ohne dich nicht die, die ich bin.

Außerdem hast du mir verboten, mir selber eine Rede zu schreiben – Moni hätte sie schön und pathetisch vorgetragen. Aber du fandest, dass ich bitte nicht peinlicher als unbedingt notwendig sein soll.
Als die Hebamme „Willkommen, Theres“, gesagt hat, hab ich geweint. Dein Vater hat gemeint: „So schlimm ist es auch wieder nicht.“ (Exkurs: Es war so schlimm, zumindest in den ersten Jahren. Ich – und vermutlich auch das Unfallkrankenhaus –sind total froh, dass du heute nicht mehr mit dem Kopf durch den Steinboden willst, sondern ihn lieber auf ein weiches Kissen bettest.

Ja, als ich dich also damals das allererste Mal in meinen Armen hielt, da hab ich mir gewünscht, dass wir irgendwann einmal, wenn du erwachsen bist und ich alt bin, miteinander am Fensterbrett sitzen und reden und lachen und einander nahe sind, so von Frau zu Frau. Jetzt bist du halbwegs erwachsen und ich halbwegs alt und auf dem Fensterbrett sitzen wir nicht, weil das erstens total staubig ist, zweitens Grünpflanzen darauf stehen und und ich drittens bei meiner
Tollpatschigkeit längst aus dem Fenster gefallen wäre. Deshalb liegst du auf dem Sofa, zugedeckt mit drei Katzen, und ich sitz vor dem Feuer, mit Laptop am Schoß. Aber es vergeht kein Tag, an dem wir nicht miteinander reden, uns nahe sind und miteinander lachen, meistens über die gleichen Dinge – oder du über mich.
Anhänglich warst du immer schon. Als du noch klein warst, hast du dich an meinen Beinen festgeklammert und warst lange davon überzeugt, dein Name wäre „Klotzenbein“.

Klug warst du auch immer schon. Bereits mit drei hast du kapiert, dass in anderen Kulturen andere Sitten und Regeln gelten. „Bei der Oma im Waldviertel darf man nicht mit Gummistiefel im Bett hupfen“, hast du festgestellt. Mit sechs warst du die einzige, die am ersten Schultag bei der Frage, wer denn hier schreiben, lesen und rechnen lernen will, nicht die Hand gehoben hat. „Ich kann das schon“, hast du gesagt und nicht begriffen, was daran witzig gewesen sein soll.

Von wem du deine Coolness in Liebesdingen hast? Keine Ahnung. Von mir ganz bestimmt nicht. Ich wäre an deiner Stelle in Berlin geblieben. Aber ich bin froh, dass du zurückgekommen bist. Weil niemand sonst mir sagt, dass ich mich anständig benehmen, keine perversen Texte lesen und viel Wasser trinken soll, um die Demenz hinauszuzögern.

Weißt du, wir Mütter, wir glauben ja, an allem schuld zu sein, an der Fußballniederlage gegen Deutschland, der Weltwirtschaftskrise und sogar am Benehmen unserer Kinder.

Als deine Oma fand, dass du ein schlecht erzogenes Kind wärst, hast du trotzig gesagt: „Ich bin nicht schlecht erzogen, ich bin überhaupt nicht erzogen.“ Wie schön, dass aus dir trotzdem – oder deswegen?– so eine liebenswerte, warmherzige, feinfühlige, schlagfertige, wunderbare, witzige junge Frau geworden ist.

Wunderschön finde ich es, mit dir gemeinsam Geburtstag zu feiern. Weil manche meiner Freunde und Freundinnen längst auch deine geworden sind. Und manche von deinen gehören sowieso seit gefühlten hundert Jahren zur Familie. Was die Wahl unserer Freunde angeht, haben wir nämlich beide ein gutes Händchen.

So, jetzt muss ich dir noch etwas wünschen, das gehört sich so. Und mir auch.
Ich wünsche dir – Achtung Pathetikalarm! – das Leuchten der Sterne, die Freiheit des Meeres, das Lodern des Feuers, das wohlige Schnurren der Katzen und leuchtende Augen des X. Irgendwann eine eigene Familie, die genauso laut, schräg und lebendig ist wie unsere. Und bis dahin – jetzt weniger pathetisch – aufregende Männer, lustvolle Erfahrungen, Spaß im Leben und am Studium. Vor allem aber wünsche ich dir, das es dir mit deinen Freunden und Freundinnen genauso geht wie mir mit meinen. Dass sie mit dir feiern, blödeln, lachen, dein Glück teilen und dein Unglück reduzieren. Aber ich glaub, das werden sie eh.

Mir wünsche ich, dass wir auch in vielen Jahren noch am Fensterbrett... ähm... am Feuer sitzen und einander nahe sind.

Happy Birthday, Mäuschen.

Samstag, 4. August 2012

Werke und Worte

Diese Woche ist ja ein Fixpunkt im Jahreskreis. Schmuckwoche in Knappenberg, auf 1000 Meter Höhe wird gearbeitet, gelacht, gelebt, gegessen. Was für Menschen in der Gruppe. Wie z.B. die 84-jährige Roswitha, die - trotz Osteoporose - jeden Winter Schi fährt und "mich hauts eh nicht hin" sagt.
Boahh und die Eierschwammerl und Steinpilze. Welche Glücksgefühle im Wald. Am Abend gutes Essen und ein Schnaps.

Ich merke, dass ich mich im Tun und im Sein am besten erhole.

Und das sind meine diesjährigen Werke:


g-punkt-anhaenger
G-Punkt
(das Elfenbein stammt von einer Klaviertaste, dem zweigestrichenen G. Der Punkt war mal Teil eines Bremslichts. Der Rest ist Silber, ein wenig Messing)

bernsteinanhaenger
Elektron
(Den Bernstein hat Josef - Roswithas Ehemann und ebenfalls 84 - in Bitterfeld gefunden und extra für mich geschliffen) Der Rest ist aus Kostengründen nicht aus Gold und Silber, sondern aus Messing und Alu)

erde-wasseranhaenger
Ring: Earth & Water
(oder Perlisander)

erdeundwasseranhaenger
Anhänger: Earth & Water

doppeldeckerring
Doppeldecker mit Labyrinth
(Silber, geschwärzt)

Sonntag, 3. Juni 2012

Los.lassen

Ich bin eine Rabenmutter. Ich hab mein Kind aus dem Nest geworfen, damit es fliegen lernt. „Nütz die Chance und geh für drei Monate nach Berlin“, hab ich gesagt, obwohl ich weiß, wie sehr mein Rabenjunges sein Nest liebt.
Jetzt ist sie weg. „Hast du ihr wenigstens gesagt, dass sie sich warm anziehen soll?“, hat ein Freund mich heute geneckt.
Nein, ich hab es nicht gesagt, nur gedacht, als ich sie gestern am Bahnhof verabschiedete, in kurzen Hosen. Sie hat gefroren in der Nacht, erzählt sie heute am Telefon, es war total kalt im Zugabteil.

In meinem Leben ist grad Loslassen angesagt. Im Februar musste ich meinen lieben Kollegen loslassen, der plötzlich starb, jetzt meine Lieblingskollegin, die ein Baby kriegt und meine Tochter, die kein Baby kriegt, sondern für einen Sommer nach Berlin geht. Und so ganz nebenbei noch einiges, das mir wichtig ist.

Ja, ich weiß, es ist lächerlich. Es ist normal, wenn junge Frauen das Haus verlassen und ihr eigenes Leben leben. Drum hab ich sie ja rausgetreten, sozusagen. Außerdem verlässt sie ja noch nicht mal das Haus, sondern macht einfach ein Praktikum in Berlin und kommt im September wieder, wenn ich auf Kur bin. In ein paar Wochen werde ich sie besuchen. Trotzdem heulen die beste Freundin meiner Tochter und ich im Auto, als wir sie in den Zug gesetzt haben, mit zwei Koffern und zwei Taschen. „Sie kommt ja wieder“, tröste ich die beste Freundin, die längst Teil der Familie ist. „Schon, aber... sie fehlt mir jetzt schon.“
Mir auch.

Einen wunderschönen Abend haben wir verbracht am Freitag, bei Katiza im Salon. Weltberühmt in Österreich, mittlerweile. So schön ist das, wenn die Menschen nicht nur miteinander feiern, sondern ganz bewusst etwas miteinander teilen. Sich öffnen.
Ich sehe dort meine Tochter mit anderen Augen als die der Mutter. Eine tolle junge Frau ist das, denke ich. Und ich hab ein bisschen Anteil daran. Mein Mann hat großen Anteil daran, weil er derjenige war, der immer für sie da war und ist, der sie gewickelt, die Zehennägel geschnitten und verarztet hat, wenn sie sich verletzt hat. Der sie vor allem immer so angenommen hat, wie sie ist. „Wenn es dir nicht gutgeht, hol ich dich“, sagt er, und wir wissen, dass er es ernst meint. Die D., die meine Tochter als Wahloma ausgesucht hat, sagt das selbe. Wir wissen, dass auch sie es ernst meint. Die beste Freundin, seit fast 15 Jahren, mit der sie sich so gut ergänzt. All die anderen Menschen rund um sie, die sie lieben.

Sie nimmt viel mit, nach Berlin, was sie gut brauchen wird in der großen Stadt. Nicht nur die zwei Koffer und Taschen. Vor allem viel Liebe nimmt sie mit. Ihre starke Persönlichkeit und ihr großes Herz. Ihren schwarzen Humor.
Bestimmt rollt sie mit den Augen, wenn sie das hier liest. Roll du nur, Kind. Aber zieh dich warm an, damit du nicht frierst. Und iss wenigstens hin und wieder auch etwas Gesundes, ja? Man ernährt sich nicht von Kaugummis. Und wenn du wiederkommst, gibt es Milchreis. Versprochen.

Samstag, 3. März 2012

Abschied - einmal anders

Gestern wurde mein Kollege M. zu Grabe getragen.
Seine Freundin hatte zu einer „etwas anderen Abschiedsfeier“ geladen. Wie anders, das konnte aber auch sie nicht ahnen.
Ich fand es berührend, wie viele da waren, um sich von M. zu verabschieden. Ein schönes Gefühl, wie vielen anderen Menschen er auch wichtig war. Kein Pfarrer, das hätte er nicht gewollt. Kein professioneller Redner, der über ihn erzählte, ohne ihn zu kennen. Musik von Bob Dylan. Den hat er immer geliebt. Dann hab ich den Brief an ihn vorgelesen. Es war die herausfordernste Lesung, die ich je hatte. Kurz vorher pochte mein Herz so laut und so schnell, dass ich dachte, gleich würde sich jemand umdrehen und fragen, woher dieses Klopfen käme. Was, wenn ich da vorne umfalle, dachte ich.
Geh bitte, scheiß dich nicht an, hätte M. gesagt. Also las ich, lächelte ihn dabei an, verhaspelte mich kein einziges Mal und auch die Tränen der Menschen brachten mich nicht aus dem Konzept. Danach flossen die Tränen.
Wieder Musik.
Dann begleitet der Konvoi den Sarg zum Grab. Der Trauerzug stockt. Von vorne nach hinten Getuschel. Was ist los?
Etwas ist passiert, von dem man – liest man es in einer Geschichte – sagt: Da ist dem Autoren die Fantasie durchgegangen, so etwas passiert im richtigen Leben nicht. Aber das Leben schreibt manchmal die skurrilsten Geschichten.

Sie haben das falsche Grab ausgehoben. Das daneben. Seine Freundin bemerkt es, als sie den Wagen mit dem Sarg über das ausgehobene Loch stellen wollen. „Moment“, sagt sie, „das ist das falsche.“ Auf dem richtigen Familiengrab daneben steht der Name von M. und seiner Familie. Ratlosigkeit. „Wir könnten das richtige ausheben und ihn in einer halben Stunde beerdigen“, schlägt einer der Männer vor. Die Familie lehnt ab. „Die Menschen wollen sich jetzt an seinem Grab von ihm verabschieden.“ Also wird der Wagen mit dem Sarg einfach auf anstelle der Sarg ins Grab gestellt. „Geh bitte“, hätte M. gesagt und mit den Augen gerollt, „scheißt’s euch nicht an.“
Die Trauer vermischt sich mit Kopfschütteln und Grinsen. „Der M. hat das sicher so organisiert“, sagt einer. „Der wollte, dass wir uns auf Augenhöhe von ihm verabschieden und nicht auf ihn herabblicken.“ Vielleicht arbeiten ein paar unserer Klienten dort, die weder lesen, noch schreiben können, da kann so etwas passieren. Gut, dass auch sie Chancen auf einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt haben.
Vermutlich hat die Friedhofsverwaltung ja ebenfalls eine Organisationsentwicklung hinter sich, überlegen wir, mit überforderten Personen an wichtigen Positionen und jetzt schiebt jeder die Verantwortung auf den anderen ab und keiner weiß mehr, was zu tun ist.
Ich glaub, M. hätte diese etwas andere Art der Verabschiedung gefallen. Der peckt sich da unter der Föhre bestimmt ab und sagt: "Sagenhaft."

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

Neu

;-)))
;-)))
la-mamma - 26. Mrz, 20:30
Tatort
„Herrn S. von der Mordkommission zurückrufen“,...
testsiegerin - 26. Mrz, 12:44
was sich der kopf nicht...
was sich der kopf nicht alles ausdenkt... schön...
bonanzaMARGOT - 26. Mrz, 12:25
Bei Anruf Mord.
Oder zumindest Herzklopfen. Was einem da alles durch...
Lo - 25. Mrz, 13:26
Kumpulan Cerita Seks...
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Cerita Sex (Gast) - 27. Feb, 03:16
traurig aber wahr: man...
traurig aber wahr: man kann man nicht alles haben.
bonanzaMARGOT - 18. Feb, 18:07
Vielleicht müsste...
Vielleicht müsste man den persischen Spruch noch...
steppenhund - 30. Jan, 14:10
"Meine Mutter hatte einen...
"Meine Mutter hatte einen Haufen Ärger mit mir,...
wortmischer - 30. Jan, 14:04

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