Geschichten
Hier der dritte und letzte Teil der samstagabendlichen
Emma-Trilogie. Geschrieben von Rosi, 14 - Nachtrag: Rosi ist erst 13
Was ich da sah, faszinierte mich total. Vor mir stand ein roter Flitzer. So einer, den ich mir schon als kleiner Junge erträumt hatte. Es war Liebe auf den ersten Blick. Wenn ich schon kein schönes Mädchen fand, wollte ich zumindest ein schönes Auto. Ich musste diesen Wagen einfach haben. Aber der Preis! Ich könnte mir das nie leisten, mit meinem kleinem Einkommen. Ich sollte mir einen anderen Job suchen! Einen, der mir Spaß machte und bei dem ich mehr verdiente. Hmm... mal sehen...
„Hey, junger Mann! Wieso umarmst du mein Auto?“
Ich blickte hinauf. Vor mir stand eine massige Frau. Die musste mindestens sechzig sein. „Öhh... also... ich meine...“
„Schon gut, Junge.“
„Also eigentlich bin ich kein J...“
„Komm, mach Platz! Ich hab’s eilig“, sagte die Dame ganz ruhig, richtete sich ihre Sonnenbrille und stieg ins Auto.
Ich musste etwas unternehmen. Jetzt oder nie. „Warten... ähm... warten Sie! Würden Sie das Auto irgendwie vermieten, oder so?“
Die Frau nahm ihre Sonnenbrille ab und lachte. „Ach, Kleiner! Diese Schrottkiste willst du mieten? Aber bitte. Komm doch einfach mal vorbei“, sagte sie und reichte mir ihre Adresse.
Am nächsten Tag ging ich gleich nach dem Frühstück los. Burgundenstraße 53. Das war nicht weit. Zehn Minuten später stand ich vor einem riesigen, prächtigen Haus mit großem Garten, mit ganzen Feldern von roten Rosen und Orchideen. Als ich da so stand und staunte, kam die Frau von gestern heraus. „Oh hallo. Du bist der, der sich mein Auto ausborgen wollte, oder?“
„Hallo. Ähhh... ja, der bin ich.“
„Na, komm doch mal rein und dann machen wir ne Fahrt!“
Ich nickte und folgte der Frau ins Haus.
“Willst du ein’ Kaffee?“
„Tee wäre mir lieber. Entschuldigung, aber könnte ich Sie... äh... mal was fragen?“
„Ja, sicher Schatz, worum geht’s?“
„Was arbeiten Sie?“
„Ich bin Spionin.“
„Oh! Ich suche nämlich einen Job, aber...“
„Du möchtest Spion werden? Gerne! Wir brauchen eh Leute, ich könnte dich unterrichten. Fangen wir doch gleich mal an! Spioniere doch einfach mal jemandem nach!“ Die Augen der Dame funkelten wie die von einem kleinen Kind vor einem Riesengeschenk. „Sagen wir... meiner Tochter.“ Sie zwinkerte mit zu.
„Okay, gerne“, nuschelte ich mit dem Mund voll Gugelhupf.
Ich schlich ich hinter der verrückten Lady die Treppen hinauf. Sie zeigte mir die Tür ihrer Tochter und drückte mir einen Kugelschreiber in die Hand. „Ihnen ist doch hoffentlich klar, dass ich einen Bericht erwarte, werter Herr Spion.“
Ich stieß die Tür auf, die sich mit einem lauten Quietscher öffnete und die junge Frau erschrecken ließ. Sie ging aber Gott sei Dank nicht nachsehen. Das Mädchen saß in einem Schaukelstuhl auf einem weißen Fell und telefonierte. Es war das schönste Mädchen, das ich je gesehen hatte. An den Wänden hingen überall Briefe und Kuverts.
„Ich sammle eben gern Briefe, ist das so schlimm? Ich lache doch auch nicht über deine Fingerhutmanie!“
„Aber Briefe sind doch viel romantischer!“ Sie fummelte an ihrem wunderschönen braunen Haar herum. Dann ließ sie die Haare los und stand ruckartig auf. „Ich werde den nächsten Mann, der mir einen Brief schreibt...“
Mein Herz begann zu rasen.
„Küssen!“, rief das Mädchen. „Ja, genau. ich küsse den nächsten Mann, der mir einen Brief schreibt.“
Ich überlegte nicht lange, fischte ein leeres Kaugummipapier aus der Hosentasche und kritzelte ein paar Worte darauf. Dann faltete ich es zusammen und schoss es ins Zimmer.
„Ich freu mich schon, dich zu küssen. Liebe Grüße.“
testsiegerin - 2. Mrz, 23:57
Hier die zweite
Emma-Geschichte.
Geschrieben von meiner Tochter aka Dr.Blubb.
„Nein, bitte tu das nicht!“, rief sie und wischte sich eine Träne aus den Augen. Er reichte ihr wortlos ein Taschentuch. „Es tut mir leid, aber ich muss. Ich habe keine Wahl, das weißt du doch. Bitte nimm es nicht so schwer...“ Sie nickte stumm. Wollte etwas sagen, aber konnte es nicht in Worte fassen. „Mach’s gut.“, war das einzige, das sie heraus brachte.
Er deutete ein Winken an, nahm seinen Mantel und verschwand durch die Tür.
Noch lange stand sie da und starrte ins Nichts. Plötzlich zuckte sie zusammen, löste sich aus der Spannung und setzte sich an den Computer. Sie hatte einen Entschluss gefasst und tippte nun wie wild in die Tasten. Um nicht das kleine Fünkchen Mut zu verlieren, drückte sie, ohne das Geschriebene noch einmal durchzulesen, auf den „Senden“-Button. Sie hatte es geschafft! Endlich!
Er war nun fast fertig, er hatte sich sogar sehr beeilt. Extra für sie. Ahja, die Spaghetti nicht vergessen. Warum sie jedesmal so ein Drama daraus machte, wusste er nicht. Möglicherweise wusste sie das nicht einmal selbst. Als er alles hatte, was er brauchte, machte er sich auf zur Kassa. Warum müssen immer alle am Samstag einkaufen gehen, dachte er, als er die Leute vor sich betrachtete. Gerne dachte er sich Geschichten über sie und ihr Leben aus. Die Blonde zum Beispiel, die gerade Katzenfutter und Duschgel aufs Förderband legte, war Sekretärin und lebte seit Jahren allein mit ihrer Katze in einer Wohnung im Gemeindebau. Heute hatte sie ein Blinddate mit einem jungen Friseur aus dem Internet. Schade nur, dass dieser schwul war. Sie tat ihm fast schon leid...
„Machen Sie weiter, Sie halten ja alles auf!“ Oh scheiße, er hatte völlig aufs Aufladen vergessen! „Tut sorry“, murmelte er und lief rot an. Die Frau an der Kassa lächelte ihn an, wie man ein Kind anlächelt, das gerade etwas kaputt gemacht hat und sich jetzt furchtbar dafür schämt. Als er bezahlt hatte, beeilte er sich nach draußen. Es war ziemlich windig, er zog seinen Mantel fester zu. War DAS eben peinlich! Schon wieder! Und die Dame an der Kassa war die gleiche gewesen wie beim letzten Mal.
Sie hatte gerade das Badezimmer fertig geputzt und nun nichts mehr zu tun. Da musste sie wieder an ihn denken und sofort schossen Tränen in ihre grünen Augen, für die er früher so geschwärmt hatte. Auch das war lange her. Nein, sie würde nicht heulen! Diesmal nicht! Es war jeden Samstag dasselbe. Er würde wiederkommen! Er war nicht wie ihr Vater. Aber warum zum Teufel brauchte er immer so lange? Hatte er etwas mit der Kassiererin? Oder etwa mit... Nein, daran wollte sie nicht denken.
Langsam bekam sie ziemlichen Hunger, wenn er nicht bald zurückkam, würde sie sich selbst etwas zu essen machen. Spaghetti, die gingen schnell. Da fiel ihr ein, dass keine Spaghetti mehr zu Hause waren. Es war eigentlich gar nichts Essbares zu Hause.
Wie jeden Samstag.
Sie musste wohl oder übel warten... Hoffentlich war er wenigstens schneller als sonst. Das war zwar bestimmt nicht der Fall, aber man dürfte ja wohl noch träumen.
Wie jeden Samstag.
„Schatz, ich bin zu Hause!“, tönte es durch den Flur. „Hast du endlich dieses blöde Bewerbungsschreiben verfasst?“
Sie sah auf die Uhr und staunte „Du bist heute schon ganze fünf Minuten früher da als letztes Mal. Ja, das Bewerbungschreiben ist weg und ich denke, sie werden mich nehmen. Was gibt’s zum Essen?“
„Toll! Ich wusste doch, dass du deine Facharztausbildung nicht umsonst erfolgreich abgeschlossen hast. Es gibt Spaghetti.“
Wie jeden Samstag.
„Weißt du eigentlich, dass du wunderschöne Augen hast?“
Wie früher.
testsiegerin - 2. Mrz, 14:57
Während Emma gestern tobte und wir das Gefühl hatten, dass gleich die Welt untergeht, saß ich mit den Mädels im Wohnzimmer. Ich bat sie, je drei erste Sätze auf ein Kärtchen zu schreiben, drei Berufe, und drei Handlungen.
Dann hat jede von uns aus jeder Kategorie ein Kärtchen gezogen und eine Geschichte geschrieben. Ich sag nur: Von wegen unkreative Jugend!
Die Mädels schlafen noch, ihre Geschichten folgen aber, wenn sie der Veröffentlichung zustimmen.
Hier ist mal mein Ergebnis:
Der jüngste Tag
Er schaute von seinem Buch auf und blickte sie unentwegt an.
„Ist was?“ Sie schlüpfte in die dünnen Baumwollhandschuhe und rollte den Strumpf vorsichtig über den Fuß entlang auf. In ihrer Position durfte sie sich weder Fehler noch Laufmaschen erlauben. Manchmal konnte sie beides nicht verhindern.
„Was würdest du tun“, fragte er unvermittelt, „wenn morgen die Welt unterginge?“
„Wie kommst du jetzt darauf? Gibt es irgendwelche konkreten Hinweise?“
Er klappte das Buch zu und legte es auf das Tischchen. „Reichlich, aber deshalb frage ich nicht. Martin Luther soll gesagt haben: Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“
„Ein Träumer, oder? Wenn alle tot sind, wem nützt dann noch ein Apfelbaum? Stell dir das mal plastisch vor: Eine Welt, verwüstet, verlassen und untergegangen, und mittendrauf blüht ein einsames Apfelbäumchen. Also, ich denke, ich würde heute Abend nicht zur Pressekonferenz gehen, um dort über Armut und Lebensmittelknappheit in manchen Gegenden Afrikas zu referieren und anschließend mit dem EU-Kommissar für Entwicklung und humanitäre Hilfe Champagner trinken und Gänseleber fressen. Stattdessen würde ich mich aufs Sofa wuchten, Desperate Housewives anschauen, eines der letzten von Omas Gläsern mit dem Apfelkompott auslöffeln und an meiner Petit-Point-Stickerei weiterarbeiten. Morgen früh würde ich endlich wieder einmal ausschlafen. Wenn ich Glück habe, verschlafe ich ja den Weltuntergang.“
Er schüttelte den Kopf. „Nein. Das würdest du nicht tun. Du liebst deine Arbeit. Und du brauchst sie.“
„Du hast ja recht“, seufzte sie und zwängte sich in ihre Kostumjacke. „Weißt du, was ich endlich tun würde? Mich für die vielen Fehler, die ich in meinem Amt gemacht habe und mit denen ich Menschen geschadet habe entschuldigen, nicht aber für meine Laufmaschen. Für all meine korrupten Kollegen würde ich mich gleich mitentschuldigen. Ansonsten würde ich genau das tun, was ich seit vielen Jahren mache. Versuchen eine gute Politikerin zu sein. Eine, die man Träumerin nennt und gelegentlich für ihren Idealismus belächelt. Ich würde mich aber nicht mehr darum scheren, was sie über mich schreiben und sagen, sondern alles dafür tun, dass wenigstens dieser letzte Tag für so viele Menschen wie möglich ein guter wird. Ich würde die Welt auch dann noch verbessern wollen, wenn ich wüsste, dass sie nicht mehr lange steht. Wahrscheinlich würde ich dazu nicht dieses kleinkarierte Kostüm anziehen, sondern Pulli und Jeans.“ Sie hielt inne und ihre Stimme wurde leiser. „Auf jeden Fall aber würde ich zu meiner Oma fahren.“ Vor lauter Terminen war sie in den letzten Monaten nicht dazu gekommen ihre Großmutter zu besuchen. Morgen, nahm sie sich vor, ganz bestimmt morgen, und plötzlich knüllte die Angst ihren Magen zusammen wie ein Blatt Papier. Hoffentlich war es morgen noch nicht zu spät. „Ich muss jetzt los, mein Lieber! Bin ich attraktiv genug für die Presse?“ Sie drehte sich einmal um die eigene Achse und sonnte sich in seinen bewundernden Blicken.
„Viel zu schade für die Presse“, sagte er. „Vergiss die Schuhe nicht, sonst steht das wieder in der Zeitung.“
Sie küsste ihn auf die Stirn, warf einen Blick in den Spiegel und zog Kajal und Lippenstift nach. Bevor sie das Haus verließ, tauschte sie die High Heels mit den Gummistiefeln und schlüpfte durch die Hintertür in den Garten. Der Wind pfiff ihr um die Ohren und zerstörte ihre Frisur, aber das war jetzt egal. Mit dem verrosteten Spaten stach sie in die Erde, die so hart war wie manchmal das Leben. Im Schweiße ihres Angesichts hob sie ein tiefes Loch aus.
Wegen des Apfelkompotts.
testsiegerin - 2. Mrz, 10:57
An jenem Freitag im Mai bog Horst Kleindienst an der Kreuzung beim Stadtbad nicht rechts in die Kirchdorfer Straße ab.
Er würde weder pünktlich am Bahnhof noch vor der Landesberufsschule sein. Das war Horst Kleindienst in seiner Laufbahn als Postautobuschauffeur erst wenige Male passiert. Einmal war ein Auffahrunfall, an dem er nicht beteiligt gewesen war, Grund für die Verspätung gewesen, zwei Mal Schneeverwehungen und einmal eine Straßensperre aufgrund einer unangemeldeten Demonstration. Immer waren äußere Umstände an Verspätungen schuld gewesen, nie innere. Bis auf jenen Freitag im Mai.
Für einen kurzen Augenblick hatte es ihn in den Fingern gejuckt und beinahe hätte er – wie jeden Tag – den Blinker eingelegt, aus Gewohnheit einerseits, aus Angst vor seinem Mut andererseits.
„Das ist mein kleiner Feigling“, hatte ihn seine Mutter ihren Freundinnen vorgestellt und ihm dabei die Wange getätschelt. „Er fürchtet sich sogar vor dem Nikolaus.“
„Ich kann nicht mehr, Horst“, hatte seine Frau nach nur achtzehn Monaten Ehe geseufzt, „du bist ein unheimlich lieber Kerl, aber ich langweile mich mit dir. Du bist ... wie soll ich sagen ... du bist so ... so berechenbar. Am Mittwoch gehst du zum Bauernschnapsen, am ersten Samstag im Monat zum Friseur und am Valentinstag schenkst du mir Blumen. Ich brauche mehr Leben in meinem Leben, verstehst du?“
Ja, er verstand.
Die Helden in den Büchern, die er abends oder an seinen freien Tagen verschlang, waren ganz anders als er. Die fuhren keine Postautobusse, sondern überfielen Postzüge, legten sich neue Identitäten zu und setzten sich nach Brasilien ab. Die erlegten in der sibirischen Taiga sibirische Tiger und liebten sich vor dem knisternden Kamin auf den selbst erlegten sibirischen Tigerfellen mit selbst erlegten russischen Geliebten.
Horst Kleindienst war kein Held. Zeitlebens war er ein Feigling, ein lieber Kerl, ein verlässlicher Angestellter gewesen. Er hielt sich an Gesetze, seinen Dienstplan und die Straßenverkehrsordnung. Er hatte einen Hamster namens Rambo und eine Ölheizung.
An jenem Freitag im Mai aber sollte Horst Kleindienst etwas völlig Verrücktes tun. Etwas, das niemand von ihm erwartete, schon gar nicht er selbst.
Tausendmal hatte er tausend verschiedene Filme in seinem Kopfkino abgespult.
In einem von ihnen – seinem liebsten - warf er alle Leute aus dem Bus – bis auf die Brünette, die immer in der ersten Reihe saß und nach wildem Jasmin roch. Ihren Namen wusste er nicht, denn es war ihm verboten, während der Fahrt mit den Fahrgästen zu sprechen. Seinen Bus der Linie L377 lenkte er in diesem Tagtraum auf die A2 und fuhr nach Italien. Kurz vor der Grenze überfiel er eine Tankstelle und kaufte sich in der Toskana mit dem erbeuteten Geld ein kleines Häuschen. Na ja, vielleicht ließ er den Raub aber auch einfach aus und mietete das Haus nur. Schließlich hatte sich in den letzten Jahren genug Erspartes auf seinem Konto angesammelt, um eine Zeitlang ohne Einkommen auszukommen. Dort wollte er sich also niederlassen, inmitten der Toskana, umgeben von Weinbergen; bei seinen italienischen Nachbarn würde er Speck, Käse und Oliven kaufen und jeden Sonntag mit der Brünetten ans Meer fahren.
Nach so einem aufregenden Leben sehnte er sich manchmal.
An jenem Freitag fuhr Horst Kleindienst an der Kreuzung Brucker Straße / Kirchdorfer Straße geradeaus. Vorbei am Hauptplatz, am Bezirksgericht, vorbei an der Autobusgarage, in der sein Chef vermutlich gerade den Dienstplan für Juni erstellte.
Im Bus regten sich Verwunderung und Fassungslosigkeit.
„Sagen Sie, wo fahren Sie überhaupt hin?“, fragte die Brünette und ihre Stimme schmeckte nach türkischer Rosenmarmelade.
Horst Kleindienst legte den Zeigefinger auf die Lippen und deutete mit einem Kopfnicken auf das Schild, das den Fahrgästen das Sprechen mit ihm strengstens untersagte.
Kurz nach der Ortstafel betätigte er den rechten Blinker und brachte den Bus am Straßenrand zum Stehen. Auf seiner Stirn glänzten Schweißperlen und sein Herz raste, wahrscheinlich vor Empörung über diese Ungeheuerlichkeit. Er griff nach dem Strauß mit den orangefarbenen Tulpen auf der Ablage, zog den Zündschlüssel ab, stieg aus dem Bus und schritt mit erhobenem Kopf durch das steinerne Tor.
„Siehst du, ich bin gar kein Feigling, Mutter.“ Horst Kleindienst legte den Tulpenstrauß auf die Grabplatte aus Marmor. „Bist du jetzt endlich stolz auf mich?“
Ohne die Antwort abzuwarten, drehte er sich um und verließ den Friedhof.
„Liebe Fahrgäste, aufgrund von inneren Umständen werden wir den Fahrplan heute nicht einhalten können und uns voraussichtlich um fünfzehn Minuten verspäten. Ich bitte höflich um Entschuldigung.“
Bevor er anfuhr, blickte er in den Rückspiegel. Die Frau mit der Rosenmarmeladenstimme lächelte.
testsiegerin - 10. Feb, 17:11
Laszlo lag auf dem Bett und wartete, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Sein Blick wanderte über die drei Meter entfernte Zimmerdecke. Er liebte den brüchigen Stuck, ebenso wie die hohen Rundbogenfenster, die dem Raum etwas Sakrales gaben, gerade jetzt, wo er fast leer war. Das schmiedeeiserne Bett war das einzige Möbelstück. Daneben stand ein Kübel mit Eis und einer Flasche Sekt. Zwei Gläser. Ein Dutzend Kerzen.
Er hörte sie bereits im Treppenhaus. Als die Tür mit einem leisen Klicken einschnappte, schloss Laszlo die Augen. Entspannt. Gespannt.
Es war still. Sie schaut sich um im leeren Raum, dachte er. Wahrscheinlich vermisst sie die Bilder an den Wänden. Den alten Schreibtisch. Den Flügel. Ob sie wohl Tränen in den Augen hatte? Gerne hätte er sie in den Arm genommen, tröstend vielleicht, liebend auf jeden Fall. Aber er tat nichts. Lag da und lauschte. Jetzt kam sie auf ihn zu. Ihre Schritte auf dem Parkettboden wurden von keinen Vorhängen und Möbeln verschluckt. Er wollte alles festhalten. Diesen Moment. Diese Frau. Und die Erinnerung an ihre Schritte.
Sie musste jetzt am Fußende angelangt sein. Zwei oder drei Minuten mochten so bereits vergangen sein, bevor Laszlo die Augen öffnete. Paula stand dort im halblangen schwarzen Kleid mit leicht gespreizten Beinen. Ihm wurde heiß, als sich ihre Blicke trafen. Sie zerbiss ein angedeutetes Lächeln auf der Unterlippe, dann öffnete sie den Mund, um tiefer und schneller atmen zu können. Laszlo beobachtete, wie sich ihre Brüste hoben und senkten. Sie öffnete die Knöpfe auf der Vorderseite des Kleides, langsam und gleichmäßig, einen nach dem anderen, bis der dunkle Stoff zu Boden glitt. Sie schlüpfte aus ihren Schuhen und kroch neben ihn auf das Laken, ohne ihn anzufassen.
Laszlo drehte sich zur Seite und schaute sie an. Betrachtete ihren Körper, den er so liebte. An dem er gar nichts, sie aber so viel auszusetzen hatte. Zu jeder Narbe hatte sie ihm eine Geschichte erzählt.
„Nein, bitte nicht“, flüsterte sie, als er mit einem Finger über ihren Hals streichen wollte. Er zog seine Hand wieder fort. Obwohl er sie nicht berührte, spürte er, wie ihr Körper bebte.
„Ich verstehe“, log er.
„Zieh dich aus, bitte“, forderte sie ihn auf. „Ganz nackt.“
Laszlo tat, was sie verlangte. Natürlich konnte er sich nicht so aufregend schön ausziehen, wie Paula es vorher getan hatte.
„Ganz“, wiederholte sie bestimmt. Er sah sie fragend an.
„Die Socken“, raunte sie ihm zu.
Sie lagen auf dem Rücken und blickten jetzt gemeinsam an die Zimmerdecke. Lediglich ihre Fingerspitzen berührten sich. Paula und Laszlo kosteten die Minuten aus, in denen ihre Herzen aufeinander zu krochen. Sich vorsichtig aneinander schmiegten.
„Ich will deine Seele“, sagte Paula leise. „Ganz nackt.“
„Sie gehört längst dir.“ In seiner Stimme schwang Wehmut. „Und sie hat auch keine Socken an.“
„Dort, wo du hingehst, wirst du dicke Socken brauchen, Laszlo.“
„Ja. Und du wirst es schön warm haben. Darum beneide ich dich.“
„Ohne dich wird es in Burkina Faso aber genauso kalt sein wie in Litauen.“
Erst war der Anruf aus Vilnius gekommen. Sie wollten ihn. Als Dirigent des symphonischen Staatsorchesters. Laszlo hatte lange nachgedacht. Nicht der Kälte wegen, sondern wegen Paula. Er wollte mit ihr leben. Gemeinsam in einem Haus, und nicht in über zweitausend Kilometer Entfernung. An dem Tag, an dem er beschlossen hatte, das Angebot auszuschlagen, stand sie vor ihm. Aufgelöst. Strahlend. Zerzaust. Mit einem Brief in der Hand. Endlich eine Beschäftigung. Bei Ärzte ohne Grenzen. In Afrika. Mehr als zehntausend Kilometer würden sie nun trennen, zwei Jahre lang.
„Laszlo, du...“ Weiter kam Paula nicht, weil er ihr den Zeigefinger auf den Mund legte.
„Wenn ich dich nicht anfassen darf, dann darfst du nicht reden.“
„Du hast mich jetzt eh berührt“, erwiderte sie und küsste seine Finger. Laszlo zögerte nicht lange und schob sich durch ihre Lippen. Sie mochte den salzigen Geschmack und begann unwillkürlich zu lecken. Er mochte die Gier, die jetzt so offensichtlich aus ihren Augen funkelte.
„Und?“, flüsterte er im sicheren Gefühl des Sieges. „Was hättest du gern als nächstes in deinem Mund?“
„Sekt.“ Paula grinste. „Nun mach endlich die verdammte Flasche auf.“
„Martini Spumante“, schenkte er ein. „Du magst ja dieses klebrige Zeug.“
Sie saßen im Bett, die teuren Kristallgläser in der Hand. Schon oft hatten sie auf diese Art Abschied gefeiert, allerdings noch nie für so lange.
„Und du? Magst du es lieber extra dry?“
„Keine Ahnung.“ Er schmunzelte. „Ich kenn dich ja nicht mal halbtrocken.“
„Laszlo“, sie wischte sich eine Träne aus dem Auge. „Pass auf dich auf. Und auf mich auch, ja?“
Er nützte diese Schwäche aus, griff in ihre Haare und zog sie zu sich. Ein kleiner Rest Sekt floss ins Laken, als ihr das Glas aus der Hand kippte. Von einer Sekunde auf die andere stürzte Paulas Abwehr in sich zusammen. Eine Abwehr, die sie nur aufrechterhalten hatte, um diesen Augenblick des Zusammenbruchs mit allen Sinnen auszukosten.
Jetzt würde er sie gleich fest aufs Bett pressen und sich auf sie schieben. Erwartungsvoll spreizte sie ihre Schenkel, zwischen denen sich glitschige Wärme ausbreitete.
Doch dann spürte sie den Stoff im Gesicht, kühl und rau. Paula liebte es, eines ihrer Sinne beraubt zu sein. Sich aufs Fühlen zu konzentrieren, nicht abgelenkt zu werden von dem, was sie sah. Aber nicht heute.
„Nein, du. Bitte nicht.“ Sie schob das Tuch weg. „Ich will ein letztes Mal deine Lust sehen, wenn du eindringst in mich. Ich mag in deinen Augen ertrinken, wenn du gleich in meine Möse tauchst. Ich möchte sehen, wie du meine Seele fickst.“
Laszlo öffnete die Lippen, um etwas zu antworten, aber er kam nicht mehr dazu. Paulas Zunge drängte sich in seinen Mund.
Im Gegenzug schob er sich zwischen ihre Beine. Sie hielt den Atem an, um ihre Schreie für später aufzuheben. Spürte seine Schwanzspitze an ihrer Klit. Riss die Augen auf, damit er seinen Raubtierblick tief in ihr Inneres bohren konnte. Krallte ihre Hände in sein Fleisch. Erwartete seinen Stoß.
Aber Laszlo stieß nicht zu. Und als Paula ihm ihr Becken entgegendrängte, weil sie es nicht mehr aushalten konnte, drückte er sie fest gegen das Laken.
„Du wirst schön warten, Tiger“, sagte er.
„Bitte nicht. Ich muss dann eh zwei Jahre lang warten. Das ist genug. Ich will dich in mir. Jetzt.“
Er schüttelte den Kopf. „Geduld zählt wohl nicht zu deinen Stärken, wie?“
Nein. Definitiv zählte Geduld nicht zu ihren Stärken. Und Litauisch zählte nicht zu Laszlos Stärken.
„As tave myliu“, mühte er sich.
„Was bedeutet das, bitte?”
„Ich liebe dich.“
„Ja, das weiß ich doch, Laszlo. Aber was hast du da eben gesagt? Das klang hübsch.“
„Das war Litauisch.“ Er grinste. „Möchtest du etwas Langes und Hartes?“
„Oh ja!“ Paula konnte nicht still halten unter Laszlos Körper. „Gib es mir.“
Er holte tief Luft. Und dann gab er es ihr. Das längste litauische Wort. Er sprach es so hart aus, wie er konnte: „Nebeprisikiskiakopusteliaudavome.“
„Ohh“, sie seufzte vor Wonne. „Und was heißt das?“
Er grinste. „Ich glaube, das kann man sinngemäß übersetzen mit: Ich werde dich jetzt auf der Stelle aufficken. Gierig und voll Lust.“ Er griff ihre Hüften und dann stieß er zu. Endlich.
Während der nächsten Minuten sprachen die beiden kein Wort. Aber leise waren sie trotzdem nicht.
Laszlo kam zuerst. Kam in ihr. Keuchend und stöhnend. Dann leckte er sie. Hörte wie sie immer lauter wurde. Genoss ihr Schreien. Und Paula genoss es auch.
Danach lagen ihre feuchtwarmen Körper lange engumschlungen und sie schliefen zufrieden ein.
Als sie aufwachten roch das Bett nach Sex und Lust und Glück.
„Dreh dich zu mir“, bat Paula ihn. Sie hielten einander fest. „Une seule nuit“, sang sie leise. Eine einzige Nacht.
„Es war nicht die einzige, Kleines. Wir hatten schon viele und werden noch mehr haben.“
„Ich weiß. Ich übe nur. Das ist die Nationalhymne von Burkina Faso.“
„Fis“, besserte er sie aus. „Der zweite Ton muss ein Fis sein.“
Draußen ging die Sonne auf und drinnen drängte sich Traurigkeit zwischen Paula und Laszlo. Sie würde ihn nicht zum Flughafen begleiten, das tat sie nie. Das Letzte, an das sie sich erinnern wollte, wenn sie an den Abschied dachte, sollte ein intimer Moment mit viel Laszlo, viel Liebe und viel Haut sein, und kein verschämter Kuss vor der Passkontrolle.
Es war über Ostrau oder Kattowicz, oder schon über Czenstochau, als Laszlo das kleine Päckchen öffnete, das Paula ihm auf den Fenstersims gelegt hatte, bevor sie ging.
Ich will, dass du nie wieder die Socken beim Sex anlässt, stand auf einem kleinen Zettel. Also trag bitte immer Socken, während Du in Litauen bist. Diese hier hab ich bei Hugo Boss für Dich geklaut. Ich hatte ziemliche Angst. Aber das bist Du mir wert. In Liebe, Paula.
In einer schwülen Abflughalle irgendwo in Afrika wartete sie auf ihren Anschluss nach Ougadougou. Gespannt löste sie das Bändchen von ihrem Geschenk. Netzstrümpfe. Wo bitte sollte sie die anziehen? Sie würde ihre Nächte nicht in verrauchten Bars, sondern in armseligen Lehmhütten verbringen.
Trägst du die bitte für mich, wenn wir mal ungestört telefonieren?“, las sie. „Ich hab extra welche mit ganz großen Löchern gekauft, damit du nicht so schwitzt. Dein Laszlo.
P.S. Nebeprisikiskiakopusteliaudavome. (Das ist ein litauischer Zungenbrecher und heißt: Wir haben kein Hasenkraut gesammelt. Aber hätte dich das erregt?)
testsiegerin - 9. Feb, 11:37
In vier Tagen spielt Deutschland gegen Österreich.
Deshalb hier und heute: Cordoba
„Kleines? Könntest du mir eine Flasche Bier mitbringen, bevor das Match beginnt?“ Sie klappte den Laptop zu. Der Artikel für ihre wöchentliche Kolumne in der Zeitung „Weiberwirtschaft“ war fertig. Über eine Winzermeisterin hatte sie geschrieben und deren Liebe zum Wein. Aber jetzt gab es keinen Wein. Jetzt gab es Fußball, und Fußball bedeutete Bier. Bier, Erdnüsse und Zeit fürs Zehennägel Lackieren. Sie schnalzte mit der Zunge, als ihr Mann mit zwei Flaschen und einer Schale Erdnüsse ins Wohnzimmer kam. Er trug sein Werder Bremen-Trikot. Dabei gab es heute Deutschland gegen Österreich, aber das Nationaldress war in der Wäsche. Er war erst wenige Stunden vorher vom Biochemikerkongress aus Baltimore zurückgekommen. Obwohl sein Anblick sie auch nach fünf Jahren Ehe noch immer erregte, hatte sie abgewinkt, als er ihr langes dunkelbraunes Haar zur Seite legte und sie liebevoll in den Nacken biss. Der Artikel musste noch heute in der Redaktion sein.
Wie immer, wenn es gegen Österreich ging, waren im Sektor mit den deutschen Fans zahlreiche Transparente mit hämischen Kommentaren zu lesen, wie: „30 Jahre nach Cordoba – Ösis frei zum Abschuss!“ Oder für die noch schlichteren Gemüter: „Zeigt’s den Schluchtenscheißern!“ Aber Jogi Löw verkündete vor den Mikrofonen artig seinen Respekt. „Das nächste Spiel ist immer das Schwerste.“ Rosalind liebte solche abgedroschenen Fußballweisheiten. Sie unterstrichen den archaisch-maskulinen Charakter dieses Sports. Dabei musste ihre Einstellung durchaus als radikalfeministisch bezeichnet werden.
Mit ihrer Gesinnung nahmen es die beiden ohnehin oft nicht so genau, so wie damals, als sie an der Treibjagd teilgenommen hatten. Konrads schneidiger Anblick im reaktionären grünen Loden hatte Rosalind dazu verleitet, ihn gierig ins Gebüsch zu zerren, wobei ihm der einzige Schuss an diesem Tag gelungen war, der sein Ziel nicht verfehlte.
Das deutsche Team trug Schwarz-Weiß, während die Österreicher in Rot-Weiß-Rot antraten. Zur Halbzeit lagen die Schwarz-Weißen 2:0 in Führung und Rosalinds Zehennägel waren schwarzkirschenrot.
„Schade eigentlich, dass sie die Hemden nicht auch zur Halbzeit tauschen.“ Ihre Hände krochen unter den grün-weißen Stoff und spürten warmes nacktes Fleisch. Sie betrachtete die durchtrainierten Körper der Stars auf dem Weg in die Kabinen und knetete den Ring am Bauch ihres Mannes, in dem sich seit Jahren das Fett der Erdnüsse ablagerte.
„Magst du das Trikot tauschen mit mir?“ schlug Konrad begeistert vor.
„Später, Liebes. Ist ein wichtiges Match heute.“ Sie küsste ihn flüchtig auf den Mund und zog die Hand wieder zurück. Er nickte und freute sich auf später. Hoffentlich trug sie die grüne Unterwäsche, die er ihr zur neuen Saison geschenkt hatte.
„Aus der prachtvollen Kulisse des Ernst Happel-Stadions begrüßen wir Sie zurück zur zweiten Hälfte, meine Damen und Herren“, ertönte die leicht überdrehte Stimme des Kommentators, die Rosalind jedes Mal aufs Neue erregte. Ihre und Konrads Fingerspitzen suchten und fanden einander in der Schale mit den Erdnüssen.
„Abseits!“ rief sie, als der Linienrichter die Fahne nach oben riss, und Konrad strahlte. Er liebte es, wenn seine Frau begann, ihm die Regeln zu erklären.
„Oh ja, Baby, sag es mir. Ich will es hören. Bitte!“ schmachtete er sie an.
„Eine Abseitsstellung liegt vor, wenn im Moment der Ballabgabe ein Spieler der angreifenden Mannschaft in der gegnerischen Hälfte näher zur Torlinie steht als zwei Spieler der verteidigenden Mannschaft“, zitierte Rosalind und platzierte lächelnd ein paar halbe Erdnüsse als Angreifer und Verteidiger und eine ganze als Ball auf dem Tisch. „Die Abseitsregel ist außer Kraft gesetzt, wenn der Ball vom Gegner zuletzt berührt wurde und wenn er unmittelbar von einem Eckball oder einem Einwurf kommt.“
Jetzt steckte sie verführerisch und ein wenig lasziv ein paar Spieler in den Mund. Konrad hing an den Lippen seiner Liebsten. Aber deren Aufmerksamkeit galt Josef Hickersberger, der an der Seitenauslinie stand und seinen Burschen Anweisungen zubrüllte: „Geht’s zuwe!“
Es war eine typische zweite Halbzeit. Abseitsstellungen wechselten mit Fehlpässen und auf dem Boden liegenden Akteuren, die zu Rosalinds Freude stets in Nahaufnahme gezeigt wurden. Sie hatte ihre rasierten Beine auf Konrads Schoß gelegt und ließ sie sich von ihm streicheln und massieren. Zum Ausgleich hatte sie seine Erdnussversorgung übernommen. Einmal schoben sich seine Hände etwas unter ihren Rock, was sie mit einem unmissverständlichen „Foul an der Strafraumgrenze!“ und fünfminütigem Erdnussentzug quittierte.
Die löchrige Abwehr der Österreicher bescherte den Deutschen noch eine Hand voll bester Gelegenheiten, die sie aber leichtfertig vergaben. „Tore, die man nicht schießt, die bekommt man“, überbrückte der Sprecher eine Verletzungsunterbrechung. Rosalind grinste, als habe er einen anzüglichen Witz gemacht und leckte sich einen Erdnusskrümel von den fett-salzigen Lippen.
Sie ärgerte sich, als Löw ausgerechnet den jungen Clemens Fritz heraus nahm und durch den wenig attraktiven Hilbert ersetzte. Sie fand, dass Fritz durchaus eine gute Figur gemacht hatte.
„So verlieren wir noch“, sagte sie und rieb unruhig ihren Fuß auf Konrads Oberschenkel. Der griff nach ihren Fesseln und dirigierte sie ein bisschen höher und weiter ins Mittelfeld. Als Rosalind spürte, wie seine alte Muskelverhärtung wieder aufbrach, schmiegte sie ihre Sohle ein wenig fester an ihn. Er schaute sie vorwurfsvoll an. „Gefährliches Spiel!“
Sie hörte aber nicht auf mit dem Schmiegen.
„Wir erkennen auf Vorteil!“ sagte sie und grinste herausfordernd. „Du bist ja im Ballbesitz.“ Mit den Zehen machte sie ihm klar, welche Bälle sie meinte. Durch das langweilige Geschiebe auf dem Bildschirm und das ganz und gar nicht langweilige Forechecking seiner Frau wurde auch Konrad mutiger.
„Revanchefoul!“ Er schob seine Finger unter ihren Pulli und sie ließ ihn gewähren, obwohl das klares Handspiel war.
„Alles sieht nach einem sicheren Sieg für unsere Elf aus, aber vergessen wir eines nicht...“ Die Kicker droschen planlos das runde Leder durch die Luft und der Sprecher die nächste Phrase: „Der Ball ist rund.“
„Plural, mein Lieber, Plural!“ Ballverliebt spielte Konrad weiter, während Rosalind offensiv in die Spitze ging. Sie schaute ihm dabei in seine braunen Augen. Ganz in ihre Blicke und in ihre spannende Begegnung vertieft, zuckten sie zusammen, als Österreich den Anschlusstreffer erzielte.
„Da haben wir den Salat!“ Schmollend zog sie ihren Fuß aus seinem Schoß und seine Hand unter ihrem Pulli zurück. Er war über das abrupte Ende ihrer ganz privaten Abtastphase viel enttäuschter als über den Gegentreffer.
„Metzelder!“ benannte er vorwurfsvoll den in beiderlei Hinsicht Schuldigen, dessen peinlicher Fehlpass in der eigenen Verteidigung das Tor ermöglicht hatte. Konrad wusste, dass mit Rosalind in einer solchen Situation nicht gut Erdnussessen war, und vertiefte sich ohne große Begeisterung wieder in das Geschehen auf dem Monitor.
Jogis Mannen hingegen konzentrierten sich immer weniger auf das Spiel und so häuften sich die brenzligen Situationen. In der fünfundsiebzigsten Minute säbelte Frings den flinken Harnik zwanzig Meter vor dem Tor einfach um und erhielt die rote Karte. „Ein sensationeller Freistoß! Ein traumhaftes Ballgefühl!“ schwärmte der Reporter bei Ivanschitzs Ausgleichstreffer in der Zeitlupe.
Rosalind hielt sich die Hände vors Gesicht. Ihr Mann umarmte sie tröstend von hinten und inhalierte den Melonenduft ihrer Körperlotion.
„Ich will auch sofort wieder traumhaftes Ballgefühl haben. Und dann einen Freistoß!“ flüsterte er ihr lüstern ins Ohr. Für ein paar Sekunden rührte sie sich nicht, und er bereitete sich auf einen Feldverweis vor.
„Aber Konrad! Ausgerechnet in dieser wichtigen Phase?“ Er sah aber ihre Augen blitzen und ihre Mundwinkel bewegten sich leicht nach oben.
„Och, möchtest du etwa auf die Verlängerung warten? Dabei wäre er doch schon lang genug“, neckte er sie.
„Aber der Ton bleibt an, ja?“ Rosalind drehte sich um und küsste ihn. Kaum spürbar erst, ganz sanft auf die Lippen. Dann ein kleines bisschen heftiger. Sie spielte mit seiner Zunge und zeigte als Schmankerl ein technisch sauberes Dribbling. Ihre Gedanken waren aber gar nicht mehr sauber, ebenso wenig wie die verschwitzten Trikots beider Mannschaften.
„Jetzt scheinen sie noch einmal alles zu geben, die Österreicher!“ dröhnte es aus dem Lautsprecher und Rosalind flüsterte: „Gibst du mir auch alles, was du hast?“
Konrad nickte, nahm sie in seine kräftigen Biochemiker-Arme und legte sie auf die Ersatzbank. Ihre Abwehr war längst außer Gefecht, als er ihr den Rock höher und den hellgrünen Slip zur Seite schob. Den Fernsehkommentar nahmen beide jetzt nur noch als Wortfetzen wahr. „Schauen Sie nur, wie da am Stoff gezerrt wird!“ Gemeint war allerdings das Trikot von Ballack, der inzwischen nur noch über den Platz humpelte. „Es wird Zeit, dass er rausgenommen wird.“ Das fand Rosalind allerdings auch und knöpfte freudig Konrads Hose auf. „Wir bräuchten jetzt jemanden, der zupacken kann. Das täte dem Spiel gut.“ Rosalind konnte. Und Konrad tat es gut. „In dieser Situation muss Löw Fingerspitzengefühl beweisen.“
Die Beiden auf der Ersatzbank mussten nichts mehr beweisen. Sie fühlten die Fingerspitzen des anderen und schauten sich gierig und leise stöhnend in die Augen. Was dann folgte war gleichermaßen Kellerduell und Spitzenspiel. Konrad wurde offensiver, und Rosalind konnte und wollte seinen Angriffen nichts mehr entgegensetzen. Sie warf ihren Kopf nach hinten und schrie auf. Konzentrierte sich nur noch auf ihren Körper. Seine Hände. Ihre Lust. Seine Zunge. Er genoss es, wenn seine Frau so die Kontrolle über sich verlor.
„Gib ihn mir. Bitte gib ihn mir. Du!“ bettelte sie.
„Was soll ich dir geben?“ fragte er, während er sie nun streichelte. Ganz liebevoll und sanft, nur mit der Sturmspitze sozusagen. „Was willst du denn, Baby?“
„Die Latte!“, tönte es aus dem Fernseher und Rosalind nickte nur.
„Ja, genau. Das will ich.“
Konrad ließ sie noch etwas schmoren. Er liebte es, sie durch kleine Phallrückzieher verrückt zu machen und auf Zeit zu spielen. Er würde schon noch auf seine Kosten kommen. Wie hatte Hickersberger in der Pause so schön gesagt: „Wir werden die Wuchtel schon noch im Netz versenken.“
Sie spreizte einladend die Beine, aber Konrad wollte sich vorher noch ein bisschen warmlaufen und sein Spieler drängte sich zwischen ihre weichwarmen Brüste, die ihn jedoch sofort in die Zange nahmen.
Er streichelte dabei sanft Rosalinds lindrosa Brustwarzen. Als der Druck immer stärker wurde, verwarnte sie ihn: „Die Begegnung droht etwas einseitig zu werden, Darling!“
Gehorsam änderte er seine Taktik und suchte den direkten Weg zum Tor. Während seine Hände so fest nach ihrem Po griffen, wie Jens Lehmann nach dem Ball, spielte er mit der Zunge gefühlvoll in die Tiefe. Durch das Stadion ging ein Raunen, als Martin Stranzl den Pfosten traf, durch das Wohnzimmer ging Rosalinds Stöhnen.
In Wien entwickelte sich die Auseinandersetzung zusehends zur regelrechten Fehde. Immer offensichtlicher wurde gefoult und schließlich flog auch der Österreicher Standfest vom Platz. „Wer so von hinten einsteigt, der muss einfach Rot sehen“, stellte der Sprecher fachkundig fest. Wenn es so war, wollte Konrad auch Rot sehen. Seine Frau kniete sich auf den Teppich, so dass beide einen guten Blick auf den Fernseher hatten.
Der Reporter sah nun „Torchancen hüben wie drüben“, das Spiel auf ein Tor im Wohnzimmer sah er aber nicht. „Jetzt ist alles drin!“ kam es aus dem Lautsprecher, und das spürte auch Rosalind beim nächsten Tempogegenstoß. Längst war das Stadionpublikum aufgewacht. „Da kommt sie endlich, die La-Ola-Welle“, brachte der Kommentator seine unvermeidliche Tautologie. Auch bei Rosalind kamen sie endlich, die ersehnten Wellen, die ihr aus der Möse durch Bauch, Brust und Rückenmark bis ins Gehirn liefen und von dort mehrfach zurückschwappten. Der gute Blick auf den Bildschirm war dabei zweitrangig, und der Ton war ohnehin nicht mehr zu hören.
Konrad befand sich somit bereits in der Nachspielzeit, als Harnik sich in der eigenen Hälfte den Ball erkämpfte und zu einen atemberaubenden Solo ansetzte. „Was für ein brillanter Techniker! Jetzt könnte er frei zum Schuss kommen!“ Das ließ sich Konrad nicht zweimal sagen.
„Jaaaaa!“ entfuhr es ihm befreit.
„Neeeiiin!“ schrie Rosalind gleichzeitig.
Nicht, dass sie ihm seinen Orgasmus nicht gegönnt hätte, ganz im Gegenteil. Aber während er gekommen war, hatte auch Harnik einen Treffer gelandet, genau in den rechten Torwinkel.
Konrad ließ sich erschöpft nach hinten fallen und zog sie in seine Arme. Rosalind weinte. Aber sie weinte oft nach einem Höhepunkt, wenn die ganze Spannung sich auflöste und Nähe und Vertrautheit die Erregung ablösten.
„Der Geist von Cordoba ist auferstanden! Eine blamable Niederlage, wenn auch nur in einem Freundschaftsspiel.“
Die Beiden hingegen genossen erschöpft den gemeinsamen Sieg in ihrem Liebesspiel. Konrad drückte auf die Eject-Taste des Videorekorders. Deutschland-Österreich 2008 stand auf dem abgegriffenen Etikett der Kassette.
„Immer wieder spannend, oder?“ Rosalind lächelte zufrieden.
testsiegerin - 2. Feb, 12:05
In der Savanne lebte ein Löwe. Ein prächtiger Löwe mit mächtiger Mähne. Er war der schönste weit und breit, der stolzeste, und er brüllte lauter und tiefer als sämtliche Tiere der Steppe.
Der Löwe liebte eine Gazelle. Eine Damagazelle, sie war im Gegensatz zu ihren unifarbenen Artgenossinnen gemustert und hatte einen weißen Fleck an der Kehle, der sie zu etwas ganz Besonderem machte. Der Löwe nannte sie zärtlich „meine Dramagazelle“, denn er liebte nicht nur die Gazelle und das Leben, er liebte auch das Drama. Tiefe Leidenschaften, große Gefühle, heftige Szenen. Großes Theater - wie es sich für den König der Savanne ziemte.
Auch die Gazelle liebte den Löwen von ganzem Herzen, sie schätzte das Vertraute und bewunderte das Fremde in ihm. Die Gier, mit der er die Fleischlieferung verschlang, die vom Lastwagen fiel, der das nahe Hotel belieferte. Sie beneidete ihn um seinen Hang zum Müßiggang und die Leichtigkeit seines Seins, die – aber das entdeckte die Gazelle erst später – oft mehr Schein als Sein war. Während die anderen Bewohner der Savanne jagten und sammelten, ums Überleben kämpften oder auf der Flucht waren, lehnte der Löwe an einem Baum und philosophierte.
In die Bewunderung der Gazelle mischte sich manchmal die Angst. Nämlich dann, wenn er seine Pranken ausfuhr, sie zärtlich damit kraulte und ihr ins Ohr flüsterte: „Ich hab dich zum Fressen gern.“
Als eines Tages der Löwe wieder einmal in der Sonne lag, sich von Hyänen und Erdmännchen bewundern und befürchten ließ und ihnen Abenteuer aus seinem Leben erzählte, hüpfte die Gazelle, die das Stillsitzen nicht gewohnt war, über die grasbedeckten Hügel an einen nahen See. Und ohne dass der Löwe eingreifen konnte, nahm die Geschichte ihren Lauf. Noch ehe die Sonne untergegangen war, waren Gazelle und Springbock ein Paar.
„Mein Dramagazellchen hat mir Hörner aufgesetzt“, vergaß der stolze Löwe seinen Stolz und schluchzte. So heftig schluchzte er, dass der trockene Boden zitterte.
„Hilfe! Ein Erdbeben!“ Die Erdmännchen, die das Paar seit vielen Jahren kannten und schätzten, krochen aus ihren Löchern. Sie sahen den leidenden Löwen und hatten großes Mitleid mit ihm.
„Wenn es wenigstens ein anderer Löwe wäre!“, fauchte der Löwe wütend, „aber nein, ein Bock. Ein geiler Bock. Ein Pflanzenfresser! Der weiß ja nicht einmal, wie man eine Hyäne reißt!“
„Die Damagazelle war sehr, sehr böse“, raunten die Erdmännchen dem Löwen zu, „weil sie dir so weh getan hat. Sie wird sich bestimmt bald besinnen, dass der Neue nicht zu ihr passt und dass du viel schöner und klüger bist als dieser Bock, der so seltsam über Stock und Stein springt.“
Der Affenbrotbaum, an dem der Löwe Tag für Tag sein Fell rieb, lauschte den Worten der Erdmännchen und schüttelte ein paar Blätter ab. Viel hatte er gesehen hier in der Savanne in den letzten tausend Jahren, und viel hatte er erlebt. An manches aber würde er sich nie gewöhnen.
„Kein Baum sagt einem anderen, wie er wachsen soll“, dachte er, „wann verstehen das die Vier- und Zweibeiner endlich?“
Der Löwe klagte allen Tieren des Landes sein Leid.
„Schau her“, zeigte er dem Tiger das Schlammloch, das er sich aus Kummer gegraben und mit Tränen gefüllt hatte, „schau, wie dreckig es mir geht. Bring mir die Gazelle wieder zurück, du bist doch ihr Freund. Und meiner. Wir Raubkatzen müssen jetzt zusammenhalten!“
„Hm“, knurrte der Tiger und wusste keinen Rat, denn für die Weisheit war die Schleiereule zuständig, die ganz oben im Geäst des Baumes lebte, aber nur am ersten Vollmond im Jahr Gäste empfing. „Ich will doch nur“, fuhr der Tiger fort, „dass die Gazelle glücklich ist, egal mit wem. Und ich will, dass auch du glücklich bist, auch egal mit wem. Vor allem aber will ich, dass ich glücklich bin. Nicht egal, mit wem.“
In einer Höhle im afrikanischen Baobab, wie der Affenbrotbaum heißt, hockte ein Langflügelpapagei und sang ein trauriges, aber wunderschönes Lied. „Das Glück ist ein Vogerl“, flötete er, „wenn es bei dir ist, kannst du es kurz fest halten, aber du darfst es nicht festhalten, sonst erstickt es. Du musst es fliegen lassen“, und schon flog er davon, der Papagei mit den bunten Kleidern und der schönen Stimme.
Keiner kann mir helfen, grummelte der Löwe und schlief traurig ein.
Nur ich selbst kann mir helfen, dachte er, als er aufwachte, denn er hatte bemerkt, dass die Traurigkeit für jemanden, der das Leben und die Lust liebte, auf die Dauer alles andere als lustig war. Außerdem fühlte er sich nicht mehr wohl in seiner schlammverkrusteten Haut und mit seiner verklebten Mähne. Bestimmt sah er richtig jämmerlich aus.
Als die Sonne aufging, stapfte er zur Quelle und spülte sich den Kummer vom Körper. Als er sauber war, besah er seinen Löwenleib im Wasserspiegel. Das Fell glänzte wieder und sein Schwanz war geschmeidig und weich. Sein Körper war voller Narben, die das Leben ihm zugefügt hatte. Und ich habe sie alle überlebt, dachte er stolz. Jede einzige. So oft, wie ich hingefallen bin, bin ich auch wieder aufgestanden.
Er trank von dem klaren Wasser und blickte in die Weite der Savanne. In der Ferne erkannte er die funkelnden Augen einen Gepardin.
Bevor er sich auf den Weg machte, blickte er noch einmal zurück. Zurück auf seine Vergangenheit und die aufregende Zeit mit der Gazelle. Es tat noch immer weh. Trotzdem sagte er: „Ich wünsche dir alles Glück der Welt.“
testsiegerin - 24. Jan, 20:49
„Bitte die Fahrscheine vorweisen!“
Charlotte Paulsen streckte dem Schaffner die beiden Tickets entgegen.
„In Bologna müssen Sie umsteigen. Ich wünsche den Herrschaften eine angenehme Reise.“
Das wünschte Charlotte sich auch. Dreizehn Stunden Anreise im Zug und zwei Tage Aufenthalt in Alessandria lagen vor der Geschäftsführerin von Hab & Hut. Fliegen wäre natürlich schneller und bequemer gewesen, aber Charlotte litt unter entsetzlicher Flugangst. Sie litt auch unter Bauchweh vor der gemeinsamen Reise mit ihrem Hutdesigner, aber Herr Heinrich Hab, der Firmenbesitzer, hatte darauf bestanden, dass sie gemeinsam die Modistenmesse besuchten.
„Waren Sie schon mal im Piemont?“ Ludger Safranski bot ihr einen Kaugummi an.
„Nein, noch nie. Es ist ja auch die erste Hutmesse in Alessandria.“
Anlass der Messe war der 175. Geburtstag von Giuseppe Borsalino, dem Begründer der berühmten Hutfabrik.
„Es gibt aber doch sicher aufregendere Gründe ins Piemont zu reisen als eine Hutmesse.“
„Da haben Sie Recht.“ Charlotte Paulsen repetierte ihr Reiseführerwissen. „Skilaufen in Sestriere. Romantische Bootsfahrten auf dem Lago Maggiore. Trüffelsuche in der Langhe. Mode-Shopping in Turin.“
Den aufregendsten Grund, warum sie hier und jetzt ins Piemont reiste, verschwieg sie aber. Der saß ihr gegenüber und hielt ihr noch immer einen Kaugummi entgegen.
„Nein danke, ich kaue nicht. Davon bekomme ich Muskelkater im Kiefer. Waren Sie schon mal dort?“
„Ja. In Turin.“ Er schaute zu Boden.
„Und?“
„7. März 2006.“ Ludger Safranski winkte ab.
Oh je. Offensichtlich war an diesem Tag in Turin etwas Schlimmes passiert. Vielleicht war seine Verlobte mit einem Italiener durchgebrannt. Oder sein brandneues Cabrio hatte im norditalienischen Verkehrsgewühl einen Totalschaden erlitten. Und er hatte dabei womöglich noch einen Menschen überfahren. Charlottes Magen krampfte sich zusammen. Aus Mitgefühl einerseits, andererseits aber auch, weil sie jetzt nicht bis Venedig traurige Geschichten hören wollte.
„Das tut mir leid“, sagte sie, ohne eine Ahnung davon zu haben, was ihr überhaupt leid tat.
Er nickte. „Ja, mir auch. Werder war die bessere Mannschaft. Und dann lässt Wiese kurz vor Schluss einfach den Ball fallen. Unglaublich.“
Charlotte atmete auf. Nicht etwa, weil sie gern über Fußball redete. Aber lieber über Fußball als über Verblichene oder Verflossene.
„Ich wusste nicht, dass Sie ein Fan von Werder Bremen sind. Ich dachte, Sie stammten aus dem Ruhrgebiet?“
„Aus Paderborn. Das ist zwar Westfalen, aber nicht im Ruhrgebiet.“
Sie errötete leicht. Dabei war ihr klar, dass auch Ludger Safranski noch vor einem Jahr St. Pölten für ein Zentrum des alpinen Schitourismus gehalten hätte. „Und Paderborn liegt bei Bremen?“
„Global betrachtet schon. 250 Kilometer sind ja keine Entfernung. Wir sind nach Bremen gezogen, als ich zwölf war.“
Charlotte überlegte, wie er wohl mit zwölf ausgesehen haben mochte. Hatte die Nase schon damals so viel Platz in seinem Gesicht eingenommen? Waren die Haare so struppig in alle Richtungen gestanden wie jetzt? Oder hatte Mama Safranski dafür gesorgt, dass sie stets sorgfältig frisiert und gescheitelt waren?
„Wollten Sie schon damals Hutdesigner werden?“
„Nein. Ich war fantasielos, wie alle Jungs in dem Alter. Ich wollte Mittelstürmer bei Ajax Amsterdam werden.“ Er grinste. „Amsterdam lag nämlich auch so gut wie um die Ecke. 350 Kilometer sind ja keine Entfernung.“
Zwischen Charlottes und Ludgers Augen lagen etwa neunzig Zentimeter. Und Charlotte konnte nicht sagen, ob ihr das zu weit entfernt oder zu nahe war.
Seit fünf Monaten spielten die beiden nun bereits mit der Distanz und mit der Nähe. Schon am ersten Tag hatten sie einander sympathisch gefunden, als Heinrich Hab sie als „Frau Paulsen“ und „Herr Safranski“ vorgestellt hatte. Eben dieser Heinrich Hab, der in seiner Firma kein Techtelmechtel zwischen seinen Mitarbeitern duldete, der sogar den eigenen Neffen aus der Firma geworfen hatte, weil der sich mit dem Lehrmädchen auf dem Donauinselfest getroffen hatte. Er wünschte es auch nicht, dass einer seiner Hutmacher eine Vorgesetzte duzte. Ludger war es seit der Kindheit gewohnt, sich mit dem Gebaren der Obrigkeit zu arrangieren, ohne deren Ansichten zu übernehmen. Schließlich hatte er die streng katholische Grundschule am Paderborner Dom besucht und war dennoch zu einem gesunden Jungen herangereift. Charlotte arbeitete seit einundzwanzig Jahren in der Firma und fühlte sich ebenfalls jung, reif und gesund.
Sie hielten sich brav an die Regeln und legten umso mehr Betonung auf das „Sie“, je näher sie sich kamen. Seitdem sie erfahren hatten, dass sie gemeinsam nach Italien fahren würden, betonten sie ganz besonders nachdrücklich.
Es knisterte.
Ludger wühlte in seiner Sporttasche und brachte eine Packung Erdnusslocken zum Vorschein.
Charlotte lehnte ab. „Von Erdnüssen bekomme ich so ein Kratzen im Hals.“
„Klar. Darf ich Sie etwas fragen?“
„Wenn es sich nicht um das Ergebnis eines Champions League-Finales handelt, gerne.“
„Sie sind Geschäftsführerin einer Hutfabrik und ich habe Sie noch nie mit einem Hut gesehen. Tragen Sie keine Hüte?“
„Würden Sie eine ähnliche Frage auch stellen, wenn wir in einer Fabrik für Unterwäsche beschäftigt wären?“ Sie amüsierte sich über sein Erröten. Gleichzeitig ermahnte sie sich, nicht zu weit zu gehen. Natürlich hatte sie Spaß daran, mit einem um zehn Jahre jüngeren und spannenden Mann zu flirten. Natürlich hatte sie Lust auf mehr. Auf seine Entwürfe und Trendansagen konnte sie sich verlassen, aber auch auf seine Diskretion? Eine kleine Bemerkung hier, ein verräterisches Lächeln da, und schon wäre ihr Job beim Teufel. Das war kein Mann wert.
„Soll das etwa heißen, Sie tragen keine Unterwäsche?“ Ludger hatte die Fassung schnell wieder gefunden.
„Interessiert Sie das?“ Sie genoss den Blick in seine dunklen Augen.
„Ja.“
Plötzlich war alles dunkel, nicht nur seine Augen. Der Zug war in einen Tunnel eingetaucht. Wie nah mochte er jetzt sein? Sie hielt den Atem an. Der Zug schaukelte sie sanft hin und her.
Er saß im Dunkeln und wagte nicht, sich zu rühren. Er wagte nicht, sie zu berühren. Er spürte den Blick von Heinrich Hab im Nacken, die strengen Augen, die ihn durch die unfehlbare schwarze Hornbrille beobachteten, hier im stockfinsteren Zug zwischen Bruck und Leoben.
Genauso plötzlich, wie es zuvor dunkel geworden war, wurde es jetzt hell.
Charlotte begann wieder zu atmen und schaltete einen Gang zurück: „Sie haben mich vorhin gefragt, warum ich nie Hüte trage.“
Ludger zog die Augenbrauen hoch und schmunzelte. „So? Habe ich das?“
„Haben Sie.“
Er legte den Zeigefinger auf seine Lippen. „Pssst. Sagen Sie nichts. Lassen Sie mich raten: Sie glauben, Sie haben kein Hutgesicht?“
„Ich glaube nicht. Ich weiß.“
Er zog Zeichenblock und Stift aus der Tasche. „So ein Unsinn. Jede Frau hat ein Hutgesicht. Es passt nur nicht jeder Hut zu jedem Gesicht. So wie nicht jeder Deckel auf jeden Topf und nicht jeder Spieler in jede Mannschaft passt. Oder können Sie sich Ronaldinho bei Zhenis Astana vorstellen?“
„Wer ist Zhenis Astana?“
„Kommen Sie näher“, lockte er sie und sie kam näher.
„Zhenis Astana ist kasachischer Fußballmeister“, flüsterte er ihr ins Ohr.
„Schade. Ich hatte gehofft, Zhenis Astana wäre eine aufregende Frau.“
„Du lieber Himmel. Was sollte eine schöne Frau von Ronaldinho wollen?“ Ludger kaute zur Illustration mit Hasenzähnen auf der Unterlippe.
„Muss eine Frau denn schön sein, um aufregend zu sein?“ Auch Charlotte biss sich auf die Unterlippe, was allerdings sehr viel attraktiver wirkte.
„Es gibt Frauen, die sind schön und aufregend.“ Mit geübten Strichen skizzierte er ihr Gesicht.
„Gibt es die?“
Er hörte auf zu zeichnen und blickte ihr tief in die Augen. „Ja.“
„Ist hier noch frei?“ Eine Dame, die vor fünf Jahrzehnten schön und aufregend gewesen sein mochte, betrat das Abteil.
„Ja, natürlich.“ Ludger legte Stift und Papier zur Seite und wuchtete den Koffer der Frau auf die Gepäckablage. „Kompliment zu Ihrem Hut“, sagte er anerkennend, „der Stetson steht Ihnen wirklich gut.“
Die Dame nahm gerührt neben Ludger Platz. „Wissen Sie, ohne Hut fühle ich mich irgendwie nackt.“
Ludger lächelte triumphierend. „Meine Rede. Man behauptet sich leichter, wenn man sich be-hauptet.“
Charlotte richtete sich auf. „Ich behaupte ja gar nicht das Gegenteil. Ich finde Hüte sehr schön. Es ist nur wegen des Hutgesichts.“
Sie wusste nicht, ob sie der Frau für ihr Auftauchen böse oder dankbar sein sollte. Böse, weil sie die angenehme Spannung unterbrochen hatte, oder dankbar, weil sie ohne es zu wissen dazu beitrug, dass zwei Menschen ihren Arbeitsplatz behielten.
„Darf ich Ihnen ein Schweizer Konfekt anbieten?“ Die alte Dame hielt Charlotte ein Holzschächtelchen unter die Nase.
„Das ist ganz lieb“, lehnte Charlotte ab, „aber ich bin allergisch auf Kakaobutter.“
Die Dame verzog das Gesicht, als litte Charlotte unter einer unheilbaren Krankheit, was bei einer Kakaobutterallergie vermutlich auch der Fall war. Ihre Miene heiterte sich aber rasch wieder auf, als Ludger begeistert zugriff.
„Darf ich Ihnen im Gegenzug ein Stück Lübecker Marzipan anbieten?“
„Kommen Sie etwa aus Lübeck?“
„Nein, aus Bremen. Aber 200 Kilometer sind...“
„...sind ja keine Entfernung“, ergänzte Charlotte, die sich langsam ein wenig ausgeschlossen fühlte und keineswegs mehr in Betracht zog, dankbar zu sein. „Wohin reisen Sie?“
Das war die höfliche Umschreibung für: „Wann steigen Sie endlich wieder aus?“
„Ich fahre nach Friesach“, lautete die erleichternde Antwort.
„Friesach ist wundervoll“, befand Charlotte, die nun hoffte, die Nacht im Liegewagen mit ihrem Hutmacher allein zu verbringen. Heinrich Hab war nicht nur streng, sondern vor allem auch geizig. Charlotte hatte den Auftrag die Reisekosten so gering wie möglich zu halten. Deshalb auch keine Fahrt im Erste-Klasse-Waggon und kein komfortables Bett im Schlafwagen, statt dessen eine schmale Pritsche in einem Abteil für sechs Personen. So eine Pritsche konnte man gar nicht teilen, selbst wenn man wollte.
Die beiden anderen tauschten Höflichkeiten, Naschwaren und Visitenkarten aus, und Ludger versprach, die Frau Magister demnächst in Friesach zu besuchen. Charlotte mühte sich damit, sich auf ihren Krimi zu konzentrieren.
„Wir erreichen in Kürze Friesach“, befreite die Stimme aus dem Lautsprecher sie von ihren Qualen. „We will shortly arrive in Friesach.“
Ludger half dem Koffer von der Gepäckablage und der alten Frau aus dem Zug. Dann machte er es sich wieder auf seinem Sitz gemütlich, grad so, als ob nichts geschehen wäre. Aus seiner Tasche zauberte er zunächst einen Kühlbeutel und aus diesem wiederum eine Flasche Sekt. Gekonnt entkorkte er die Flasche, ganz ohne Knallen. Charlotte war sofort bereit ihm seine Unaufmerksamkeit während der letzten Stunde zu verzeihen. Er wickelte eine Sektflöte aus einem Tuch. Eine. Er schenkte sich ein und hob das Glas.
„Prost, Frau Paulsen. Auf schöne Tage in Italien.“
Sie konnte es nicht fassen. „Das ist aber freundlich von Ihnen, mir auch ein Gläschen anzubieten“, schnappte sie beleidigt.
„Ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen.“ Er nippte vom Sekt. „Sie sind doch bestimmt überempfindlich gegen die Perlen, nicht wahr?“
„Warum glauben Sie das?“
„Sie vertragen doch weder Kaugummi, noch Erdnüsse oder Kakaobutter. Ich musste davon ausgehen, dass Sie sich von destilliertem Wasser und sterilisierter Astronautenkost ernähren.“
„So? Mussten Sie das? Und wenn Ihre Annahme nun falsch ist?“
„Machen wir die Probe aufs Exempel.“ Ludger öffnete erneut seine Tasche und befreite ein weiteres Sektglas aus dem Tuch.
„Ich habe übrigens gar keine Allergie gegen Kakaobutter. Ich kann nur die Schweizer nicht leiden, da wollte ich kein Konfekt von dort. Haben Sie vielleicht noch etwas Marzipan für mich?“
„Aber gern. Vorausgesetzt, Sie haben nichts gegen Hanseaten.“ Er goss den Sekt in ihr Glas und schaute sie verführerisch an.
„Wollen Sie mich mit dem Alkohol etwa gefügig machen?“
„Nein. Lieber mit dem Marzipan.“
Charlotte trank Sekt. Erst in kleinen, dann in größeren Schlucken. Der Alkohol erreichte ohne Umschweife ihr Gehirn und prickelte darin. Sie kostete vom Marzipan und leckte sich anschließend langsam die Finger ab, sogar die, die gar nicht damit in Berührung gekommen waren. Ludger saß aufrecht in seinem Sitz, in einer Hand sein Glas, in der anderen die Flasche, aus der er Charlotte hin und wieder nachschenkte. Zwischendurch stellte er die Flasche zur Seite und fütterte sie mit Marzipanhappen, sorgsam darauf bedacht, weder ihre Lippen noch ihre Zunge zu berühren. Charlotte legte den Kopf in den Nacken und strich nun mit dem Zeigefinger vom Kinn abwärts, über ihren Hals, bis zur Perlenkette, mit der sie spielte.
„Sagen Sie mir bitte, wenn Sie so weit sind?“
Sie hielt in ihren Bewegungen inne. „Wie weit?“
„Na gefügig.“
„Möchten Sie etwa wieder eine Probe aufs Exempel machen?“
Sie hafteten mit den Blicken aneinander wie zwei Hypnotisierte und ließen ihren Gedanken schweigend freien Lauf, als der Zug in den Bahnhof von Villach einrollte und neben einer Reklamewand zum Stehen kam.
Seien Sie auf der Hut, lautete der Slogan, und kein geringerer als Heinrich Hab selbst hatte sich als Träger seines eigenen Produktes auf dem Plakat ablichten lassen. Seine grauen Augen drangen tief hinein in das Liegewagenabteil des EuroNight-Zuges Allegro Tosca, der in Kürze Italien erreichen sollte.
Erst als sie die Grenze überschritten hatten, griff Ludger wieder nach Block und Bleistift und setzte sein Werk – noch immer wortlos – fort. Diesen Hut hatte er schon seit ein paar Monaten in seinem Kopf mit sich herumgetragen, auf ihrem Kopf.
Er widmete sich ihren Augen, deren Grün er mit dem Kohlestift in Grauschattierungen auf das Papier bannte. Das linke Lid zuckte und er bemerkte, wie Charlotte versuchte, die Kontrolle zu behalten. Aber in der Tiefe loderte ein Feuer. Seine kühle, souveräne Vorgesetzte brannte. Die Haut über den hohen Wangenknochen glühte. Ihre Lippen blieben zwar geschlossen, aber er konnte genau hören, was sie ihm zuflüsterten. „Ludger“, raunten sie in seiner Fantasie, „berühren Sie mich endlich.“
Und er berührte sie. Auf dem Zeichenblatt. Er verwischte allzu strenge Konturen und ihr Gesichtsausdruck wurde unter seinen Fingern weich und warm. Versunken in sein Modell und das Bild zeichnete Ludger, während Charlotte ihm bewegungslos gegenübersaß und der Zug sich Kilometer um Kilometer Venedig näherte.
„Schon fertig?“
Er schüttelte den Kopf und konzentrierte sich auf den Hut.
„Gibt es so viel an mir zu zeichnen?“
Er lächelte vieldeutig. „Ja. Und nein.“
„Stört es Sie, wenn ich die Augen schon ein wenig schließe?“
„Keineswegs. Schließen Sie nur.“
Und Charlotte schloss die Augen. Hörte das Rauschen des Zuges. Träumte von Venedig und vom Piemont. Von Ludgers Körper und ihrem eigenen. Von prickelndem Sekt, köstlichem Marzipan und gierigem Sex. Ein leichtes Ruckeln riss sie aus den Träumen. Sie fand ihren Körper nicht in seinen Armen, sondern unter einer wärmenden Decke wieder. Ihr gegenüber saß Ludger, schlafend, den Zeichenblock im Schoß. Vorsichtig, damit sie ihn nicht weckte, griff sie danach.
Charlotte sah und staunte. Ein Damenhut ohne Krempe, im 50er-Jahre-Stil mit einer großen, aber schlichten Blume an der Seite, dazu ein schmales Lederbändchen mehrmals lässig um den Hut gewickelt. Wollfilz vom Merinoschaf, bordeauxrot mit weißer Maulbeerseide, hatte er dazugekritzelt. Mit dieser Kopfbedeckung könnte sie sich tatsächlich anfreunden, und nicht nur damit. Er hatte sie schmeichelhaft abgebildet, die Fältchen um Augen und Mund nur angedeutet, und selbst die kleine Narbe am Kinn hatte er dankenswerterweise weggelassen.
Sanft strich sie über die Zeichnung, löste das Blatt aus dem Block, faltete es zusammen und steckte es in ihren Ausschnitt. Sie fragte sich, woher er von dem Muttermal an ihrem rechten Oberschenkel wusste. Aber alles wusste er scheinbar nicht. Sonst hätte er ihre Brustwarzen größer gezeichnet. Den Rest hatte er sich ein wenig schöner als die Realität vorgestellt, fand sie und kroch mit Herzklopfen unter die Decke.
testsiegerin - 20. Jan, 00:10
Eine Freundin hat sich von mir eine Geschichte über ihre Geschichte gewünscht. Da ich im Moment ohnhin nichts schenken kann, das mit Kosten verbunden ist, sondern höchstens meine Zeit, hab ich das gerne getan. Hier ist sie:
Against the wind
Well I'm older now and I'm still running
Against the wind...
(Against the wind – Bob Seger)
Mit sechzehn steht sie an der Bundesstraße, den Daumen nach oben. Wie alle Sechzehnjährigen träumt sie von der Freiheit, der Ferne und der ewigen Liebe.
Irgendwann setzt sie sich auf den Gehsteigrand und legt ihr Ohr auf die Straße. Sie hört den vorbeirasenden Motorrädern zu. Das Brummen der Motoren und die Reibung der Reifen auf dem Asphalt vibrieren auf ihrer Haut. Manche nennen diese Melodie ahnungslos Lärm. Sie können die Musik nicht hören, denkt sie und lauscht der Symphonie der Straße.
Einer der Biker hält und klappt das Visier seines Helms nach oben. In ihren Augen sieht er die Sehnsucht nach Freiheit, Ferne und ewiger Liebe.
She's harley and
She's bad say yeah
Can I take you for a ride
On my motorbike
(Harley – The Jackson 5)
Sie steigt auf und stellt fest: Manchmal dauert die Ewigkeit nur wenige Wochen. Manchmal ist das gut so.
Männer und Ewigkeiten kommen und gehen, die Liebe zum Motorrad bleibt. Irgendwann wird sie ihr eigenes haben. Daran glaubt sie. Dafür spart sie. Doch kaum ist der Boden ihres Sparschweines mit Münzen bedeckt, kommt auch schon etwas dazwischen. Ein Mann, ein Kind, ein Haus. Eine Trennung, kein Haus mehr, Schulden. Sogar der Tod mischt sich in ihr Leben und will ihre Träume zerstören. Die wanken zwar bedrohlich, aber sie sterben nicht. Sie sind stärker.
Right now I'm just learning to ride, man
Oh but I'll have a Harley someday.
(David Allan Coe – A Harley Someday)
Weil es mit den großen Zielen nicht klappen will, setzt sie sich kleine. Wenn schon keine Harley für sich allein, dann wenigstens viele, die anderen gehören. Mit dem Zug reist sie in den Süden, zum Harley-Treffen am See. Im Gepäck Vorfreude und die alte Sehnsucht.
Ihre Samtstulpen hat sie gegen lederne Bikerhandschuhe eingetauscht, die hochhackigen Schuhe gegen Boots. In der Hand den Helm, der Zugehörigkeit demonstriert.
Inmitten des Duftes von Leder, Rauch und Freiheit ist sie endlich angekommen. Wie eine Bienenkönigin fühlt sie sich im Gewühl von blitzenden und surrenden Maschinen und Menschen. Menschen, die unterschiedliche Sprachen sprechen und trotzdem alle die gleiche, die keine Worte braucht. Nur Chrom, Benzin und Motoröl.
I like smoke and lightning, heavy metal thunder,
racing with the wind and the feeling that I'm under.
Yeah, darling, gonna make it happen.
(Born to be wild – Steppenwolf)
Am Abend schlürft sie anstatt Nektar Prosecco. Rundherum fließen Bier und Wein, in ihr fließen tausend Glückshormone. Wild und frei ist sie. Ihre Ängste, ihre Sorgen und ihren Alltag hat sie zu Hause gelassen, im Wissen, dass die dort geduldig auf sie warten.
Denn endlich ist sie wieder da. Diese unbändige Lust aufs Leben. Und weil ihr nach Tanzen zumute ist, tanzt sie. Einen Unbändige-Lust-aufs-Leben-Tanz tanzt sie.
Look at her now, look at her go
Out from the shadows, into the show
Ridin it hard, ridin it low
Flyin her colors, she's ready to roll
(Haley’s got a Harley – Van Zant)
Mitten im Tanz verfangen sich ihre Blicke in blauen Augen.
„Nimm sofort den Magneten weg“, sagt sie und denkt: „Zieh mich an. Zieh mich hin. Zieh mich aus.“
Auch er spricht eine fremde Sprache, denn er ist Deutscher. Aber manchmal braucht es ohnhin nicht viel Gesagtes.
Anstatt in ihr Glas, lässt sie den Eiswürfel in sein Shirt fallen.
„Kalt?“
Er schüttelt den Kopf. „Nein. Heiß. Sehr heiß.“
Nicht nur der Eiswürfel schmilzt.
Vielleicht ist es falsch, was sie tun. Aber warum fühlt es sich dann so verdammt richtig an?
Highway lady, high on wheels
make you smile again
How she feels
(Ufo)
Am nächsten Morgen sitzt sie auf dem Sozius seiner Harley-Davidson und hält sich an ihm fest. High Wheels statt High Heels. Sie gewährt ihm Einblicke in ihre Welt. Serpentinen hinauf und hinunter. Ein Kaffee bei der Mutter. Berge. Wiesen. Seen. Kärntner Kasnudeln bei einer lieben Freundin. Sie teilt ihm ihre Gedanken mit und teilt mit ihm ihre alte Heimat. Noch ahnt sie nicht, dass ihr Herz gerade im Begriff ist, eine neue zu finden. Das Leben teilt großzügig Geschenke aus und sie breitet beide Arme aus, um sie einzufangen.
Moses used to sniff the lines
Noah used to rock the boat sometimes
Mary used to get undone
Jesus rode a Harley Davidson
(Jesus rode a Harley – Ugly Kid Joe)
Nachts gewährt sie ihm Ausblicke in ihre Seele. In dem kleinen Zelt hören sie „Du bist vom selben Stern“. Auf der schmalen Matratze kann er ihren Herzschlag hören. Während Ich + Ich vom Du singen, werden er und sie zum Wir.
Zärtlich streichelt sie über den Harley-Motor auf seinem Oberarm, zaghaft kriechen Körper aufeinander zu, gierig gleiten Hände, süchtig suchen Münder.
„Bist du gekommen?“ fragt sein unverschämtes Lächeln, als die Sonne aufgeht.
„Ja. Um zu bleiben.“
Dann sagt ihr: "Schau! The end is near now
bitte face your final curtain."
Aber wir sind schlau,
wir bleiben hier für die Gesichter, die empörten
Diese Geister singen schief
und sind nicht einfach auszutreiben.
Enschuldigung ich sagte:
"Wir sind gekommen um zu bleiben"
(Gekommen um zu bleiben – Wir sind Helden)
*
In ihren Augen blitzt die Liebe, wenn sie ihn anschaut. Die Sehnsucht nach Freiheit ist immer noch da, und sie ist immer noch so stark wie damals, als sie sechzehn war und am Straßenrand saß. Aber jetzt ist sie Hand in Hand mit der Gewissheit gekommen, dass sie bei ihm zugleich frei und daheim sein kann.
Wenn sie zärtlich über den glatten, kühlen Körper seiner Geliebten streicht, dann blitzt und donnert sie besonders heftig. Die Hoffnung, dass diese Liebe ewig hält.
testsiegerin - 11. Nov, 13:12
„Hat es geklopft?“, fragte Britta und die anderen verstummten oder ließen ihre Instrumente sinken.
„Ich hab nichts gehört.“ Dorothea, die Diva, wie die anderen sie nannten, fühlte sich gestört. Gerade diese Stelle war so schwierig. Jetzt musste sie noch mal von vorne anfangen. Dabei war sie hungrig und wollte nach der Probe noch mit Susi essen gehen.
Aber jetzt hörte auch sie das leise Klopfen an der großen Holztür. „Könnte jemand von euch aufmachen?“, fragte sie in einem Tonfall, wie er sich für eine Diva gebührte. Britta rollte zwar die Augen, legte aber die Geige zur Seite, ging zum Eingang und öffnete.
„Hallo“, sagte ein junger Mann, hübsch anzusehen. „Hier bin ich!“ In seiner Hand hielt er einen Notenständer und einen Instrumentenkoffer.
Britta lächelte ihn freundlich an.
„Ich bin Kurt“, sagte der groß gewachsene, gut gebaute Mann. „Ein Freund hat mir von eurem Orchester erzählt. Und ich möchte gerne hier mitspielen!“
„Herzlich willkommen“. Sie begleitete ihn zur Bühne.
Dorothea sah seine dunkelbraunen Augen und leckte sich die Lippen. Au ja, dachte sie, ich möchte auch gern mit dir spielen.
„Welches Instrument?“, fragte Richard mit seiner Bassstimme neugierig.
Der Fremde mit den schwarzen Locken lächelte verlegen. „Posaune. Könnt ihr eine Posaune brauchen?“
„Po-sau-ne hat uns noch ge-fehlt!“, trällerte die Diva ihre A-Dur Tonleiter. Und wieder hinab ganz leise. „Und so ein hüb-scher noch da-zu.“
Susi grinste. Sie hatte Dorothea nicht ausstehen können, früher. Weil sie sich so wichtig machte. Weil sie glaubte, die Beste zu sein. Zugegeben, sie sang gut und war recht witzig, aber Susi hasste es, wenn sie sich so in den Mittelpunkt drängte. Und kein Verständnis hatte für die, die nicht jeden Ton trafen. Wenn sie hier singt, dann höre ich auf , hatte Susi gesagt. Aber ihr Stolz war stärker als ihr Trotz und ihre Neugierde auch. Und irgendwann hatte sie Dorothea als hilfsbereite, liebenswerte Frau kennen gelernt.
„Wunderbar“, riss der Neue sie jetzt aus ihren Erinnerungen und packte seine Posaune aus. „Dann wollen wir mal loslegen.“
Und er legte los.
Die Klarinettistin versteckte sich hinter Dorothea, kramte in der Handtasche und stopfte sich Ohropax in ihre Gehörgänge. Der Trompeter räusperte sich kurz und schaute hilflos zu seinem Freund an der Pauke. Der verzog das Gesicht und flüsterte dem Mann mit den Becken etwas ins Ohr.
Niemand sagte etwas.
„Und?“, strahlte Kurt stolz in die Runde, und als niemand etwas sagte: „Es ist das erstes Mal, dass ich wo vorspiele.“
„Ähm“, setzte Richard an, sah aber Brittas Blick und entschied sich, zu schweigen. Die anderen taten es ihm gleich.
„Es war Scheiße“, durchbrach Dorothea schließlich die Stille. „Kein einziger Ton war richtig. Aber du schaust verdammt gut aus.“
Susi kicherte und Britta schaute die Diva voller Verachtung an. Die ließ sich aber nicht unterbrechen.
„Ich will ehrlich sein, Kurt. Du kannst leider nicht spielen, und du hast überhaupt kein Rhythmusgefühl“, meinte sie verärgert. „Ich schlag vor, du gehst jetzt nach Hause, nimmst ein paar Jahre lang Unterricht und dann kommst du wieder.“
„Dooooo – reeeee – miiiiii – faaaaaaa .....“, Richard begann zu singen, denn die Situation war ihm peinlich.
Dorothea sah, dass Kurt sich verschämt ein paar Tränen aus dem Gesicht wischte. Jetzt tat er ihr leid. Vielleicht war sie ja doch etwas zu schroff gewesen?
„Soll ICH blasen?“, versuchte sie einen Witz, aber Kurt verstand ihn entweder nicht oder aber er hatte keinen Sinn für Humor.
„Also ich find schön, dass du bei uns bist“, lächelte Britta ihn warmherzig an. „Und ich hoffe, du fühlst dich wohl bei uns.“
Er aber zerlegte seine Posaune, packte sie in den Koffer und rannte damit zur Tür hinaus. „Ich spiele überhaupt nie wieder einen Ton!“, schrie er, bevor er die Tür zuknallte.
Vielleicht auch besser so , dachte Dorothea, schluckte es aber hinunter, um ihn nicht noch mehr zu kränken.
„Ich muss mit dir reden.“ Britta nahm die Diva zur Seite.
„Ja?“
„So geht das wirklich nicht, Doro“, sagte sie. „Siehst du denn nicht, wie du Kurt verletzt hast?“
„Aber“, verteidigte Dorothea sich, „hast du denn nicht gehört, wie falsch der gespielt hat? Das geht doch auf keine Kuhhaut.“ Sie schüttelte sich. „Nur hübsch auszuschauen ist ein bissl zu wenig.“
„Du hättest ihm das viel netter sagen können. Oder hättest du halt einfach nicht hingehört! Es ist zwar nicht von Nachteil, wenn jemand ein Instrument beherrscht, wenn er hier mitmacht, aber es muss doch nicht unbedingt sein. Jetzt hast du sein Selbstwertgefühl zerstört!“
„Sind wir eine Therapiegruppe oder ein Orchester?“, schnappte die Diva schnippisch und stopfte wütend die Noten in ihre Tasche.
„Natürlich sind wir ein Orchester. Ein Hobby-Orchester. Aber wir sind hier weder bei den Sängerknaben noch bei den Wiener Philharmonikern“, belehrte Britta sie. „Sogar Richard trifft hin und wieder einen Ton nicht.“ Offensichtlich hielt sie musikalische Dissonanzen besser aus als menschliche. „Verstehst du das denn nicht? Hier sollen sich alle wohl fühlen und auch die eine Chance haben, die nicht so gut sind. Wir müssen ihnen helfen!“
Dorothea hatte keine Lust, weiter zu diskutieren. Ihre Stimme musste sie nicht mehr einpacken, sie warf sich nur die Jacke über und lief hinaus.
Auf den Stufen hockte Kurt.
„Es tut mir Leid. Ich wollte dich nicht kränken.“ Dorothea reichte ihm ein Taschentuch, aber er winkte ab. Sie steckte das Taschentuch wieder ein und ersetzte es durch eine Visitenkarte.
„Hier. Mein Bruder unterrichtet alle möglichen Blasinstrumente. Ruf ihn einfach mal an, ja?“
Er nickte.
„Darf ich mich zu dir setzen?“
Er nickte noch einmal. Dorothea betrachtete ihn von der Seite. Er hatte schöne Lippen. Viel zu schade für eine Posaune.
„Warum willst du unbedingt mitspielen?“ wollte sie von ihm wissen.
„Ach, vielleicht war es blöd von mir. Aber ich hab mich in ein Mädchen verliebt, das auf Musiker steht.“
Jetzt war sie es, die nickte. Ah ja. Dafür hatte sie Verständnis. „Und was machst du, wenn du nicht Posaune spielst?“
„Ich habe ein kleines Restaurant beim Prater“, erzählte er. „Außerdem spiele ich Basketball.“
Ihr Hunger meldete sich wieder. „Weißt du?“, sie dachte nach. „Ich kann auch nicht kochen. Und Im Supermarkt treffe ich nicht mal mit den Tomaten in den Einkaufskorb. Wie wäre es, wenn du dich in eine Musikerin verliebst, die auf Köche steht, die Basketball spielen?
testsiegerin - 17. Okt, 13:41