Kurzprosa

Donnerstag, 4. Juni 2009

Pachtvertrag

Sie trat aus dem Büro. Es war spät, es war dunkel, es war trüb, es war traurig. Es regnete, draußen und drinnen. Sie fluchte. Verdammte ihr kompliziertes, mickriges Leben und beneidete die, die es leicht hatten, die schön waren und die das Glück gepachtet hatten. Gleichzeitig schämte sie sich für ihren Neid, und dafür, dass sie so etwas überhaupt dachte, denn natürlich gab es solche Menschen gar nicht, und wenn sie bei klarem Kopf war, dann wusste sie das auch.

Es gab keinen unbefristeten Pachtvertrag für ein paar Quadratmeter Glück. Es gab nicht einmal einen befristeten für einen Quadratzentimeter. Es gab nur winzige Momente im Leben, auf denen stand das Wort Glück, und die fielen gelegentlich unerwartet vom Himmel und manchmal war das Wort in einer fremden Sprache geschrieben und man konnte es nicht verstehen und deshalb auch nicht sehen.

Heute war sie nicht bei klarem Kopf, sondern bei schlammig-trübem. Sie weinte, bemitleidete sich, bejammerte das, was sie für ihr Schicksal hielt. Kopf und Herz hielt sie gesenkt, weil sonst niemand sehen konnte, wie unglücklich sie war. Was aber war das für ein Unglück, wenn niemand es sehen konnte? Es zählte nur halb, oder noch weniger, vielleicht nur ein Viertel so viel wie sichtbares Unglück, es zählte genauso wenig wie ein Glück, das man nicht lesen konnte.

Beinahe wäre sie darüber gestolpert. Sie hob es auf und betrachtete es von allen Seiten. Es war wunderschön. Sie befühlte es mit ihren Fingern. Es war kühl und glatt und fühlte sich gut an. Sie schnupperte daran. Es duftete zwar nicht nach der Lichtkönigin Lucia, ihrer Lieblingsrose , aber wenigstens stank es nicht.
Das hat jemand verloren, dachte sie, das gehört nicht mir. Sie schaute nach allen Seiten, ob jemand sie beobachtete. Zögernd steckte sie es ein und ging langsam weiter. Doch als sie um die Ecke gebogen war, spürte sie einen stechenden Schmerz in der Brust. Das Gewissen hatte zugebissen. Sie machte kehrt, legte es wieder auf den Weg, und sicherheitshalber - und damit es nicht fror - deckte sie es mit ein paar Kieselsteinen zu.

Später konnte sie nicht schlafen, und diesmal lag es nicht an ihren dunklen Gefühlen, sondern an ihren wirren Gedanken. Das hat jemand extra für mich hingelegt, träumte sie. Ich hab das nicht verdient, träumte sie weiter. Vielleicht hab ich das doch verdient?, halbschlief sie.
Es gibt Menschen, die mich gernhaben. Mit dieser Gewissheit wachte sie auf.

Neugierig und aufgeregt verließ sie das Haus. Ihr Herz klopfte wie wild, als sie zu der Stelle kam. Es lag immer noch da. Nur die Kieselsteine, mit denen es zugedeckt war, lagen in der Wiese. Sie waren zu einem BITTE NIMM gelegt.
Das ist verrückt, dachte sie. Völlig verrückt. Ein Verrückter oder eine Verrückte musste es dahin gelegt haben und wollte, dass sie es fand. Ausgerechnet sie. Vielleicht bin ich es ja, die verrückt ist, starrte sie an sich herab und nickte. Oder wir beide? Aber wenn zwei verrückt waren, ergab das noch lange keinen Sinn. Warum ständig nach dem Sinn suchen, fragte sie sich dann und fand keine Antwort.

Langsam bückte sie sich, steckte es in ihre Tasche und wartete einen Moment. Auf den Biss. Aber der kam nicht. Nur ein wohlig-warmes Gefühl kam und malte ihr ein Lächeln ins Gesicht und Sonnenstrahlen in den Himmel.
Sie lächelte noch immer, als sie Stunden später das Büro verließ. Es war ein wunderschöner Tag gewesen, trotz der vielen Arbeit. Ihre Sekretärin hatte sich über den Kaffee gefreut, den sie ihr gekocht hatte, ihr Kollege über ihren kurzen Rock und die steilen Schuhe und ein Kunde hatte nicht nur ihre Professionalität, sondern auch ihre Freundlichkeit und ihr großes Herz gelobt.

DANKE, stand aus Kieselsteinen gelegt in der Wiese.
WOFÜR?, legte sie daraus, pfiff ein falsches Lied und ging hüftschwingend ins Kaffeehaus.
Am nächsten Morgen lagen ganz viele Steinchen in der Wiese.

Dafür, dass du nicht nur geben, sondern auch nehmen kannst.

„Sagen Sie mal“, sagte die Chefin, „ich sehe Sie in den letzten Tagen ständig selig vor sich hinlächeln. Sie scheinen das Glück ja gerade gepachtet zu haben.“

Donnerstag, 28. Mai 2009

Neues aus meinem Kanzleramt

„Lassen Sie uns eine kurze Pause machen. Ich bin müde“, murmelte die Ministerin für Faulheit und Müßiggang in meinem Herzen,noch bevor die Sitzung überhaupt begonnen hatte und biss ins Kanzlerkipferl.
Die Staatssekretärin für Zweideutigkeiten klopfte sich auf die Schenkel und lachte.

„So, genug gescherzt“, die Ministerin für Vernunft und Disziplin rief zur Ordnung. Die Innenministerin nickte bestätigend und war ganz in ihrem Element. „Ja, Ordnung muss sein.“
„Worum geht es heute überhaupt“, wollte die Ministerin für Ahnungslosigkeit wissen.
„Um mich.“ Sektionschef Sinn stand auf und klopfte sich anerkennend und ein wenig größenwahnsinnig auf die Schulter. „Es geht um mich. Es geht immer um mich.“
„Wer sind Sie überhaupt?“ Die Sekretärin der Sektion Zweifel zog die Augenbrauen hoch. „Ich habe Sie hier noch nie gesehen.“
„Ein Hochstapler! Lui arretez!“ Madame Misstrauen sprang auf. „Ich abe geört, es gibt gar keinen Sinn.“

„Ich will hier raus. Mein Leben ist ein Wahnsinn. Ich fühle mich in ihm gefangen. Ich brauche Veränderung, zeitliche und räumliche.“ Die Außenministerin griff zu ihrem Mobiltelefon, pflegte Kontakte zu den Botschaftern von befreundeten Ländern und beantragte Asyl.

„Wenn ich um Ordnung bitten dürfte?“ Die Innenministerin blieb aufrecht und hart. „Sehen Sie, das haben wir davon. Wir haben zu viel Fremdheit in unser Leben gelassen. Das verunsichert die heimischen und anständigen Gefühle.“ Der Minister für Anstand und Langeweile küsste sie dafür auf die Wange und lächelte verunsichert.

„Stimmen wir doch einfach ab“, schlug die Staatssekretärin für Unentschlossenheit vor.
„Worüber?“
„Egal.“
Alle gaben ihre Stimmen ab.

„Remis“, flüsterte der Wahlleiter nach dem Auszählen der Wahlkarten. Auch er hatte seine Stimme abgegeben. „Ein klarer Sieg für die Unentschiedenheit.“

Die Ministerin für Faulheit und Müßiggang war längst eingeschlafen, mit dem Zipfel des Kanzlerkipferls in der Hand. Der Hofrat der Abteilung Lebenslust und Gier biss ab und leckte ihr anschließend die Brösel von den Fingern.

Dem Minister für Anstand und Langeweile blieb die Luft weg. So sehr blieb ihm die Luft weg, dass er tot umfiel.
Der Wahlleiter warf die Stimme des Anstandsministers aus dem Fenster und strahlte. „Kein Remis mehr!“ Er kletterte auf den Tisch und tanzte. „Ein knappe Niederlage für die Vernunft“, verkündete er, „und ein glatter Sieg für das Leben.“
"Vielleicht könnten wir das bei uns behalten? Und nach außen hin geschlossen auftreten? Sonst nützt das nur der Opposition, die uns stürzen will."
Sie unterzeichneten ein Geheimpapier, das geheimer war als jedes Geheimnis zuvor.

Im Pressefoyer traten die Pressesprecher der verfeindeten Gefühle mit zusammengepressten Lippen vor die versammelte Presse.
„Es war eine sehr konstruktive und harmonische Sitzung“, pressten sie hervor und die Presse presste diese Pressungen anderntags auf Papier.


„Und was ist jetzt mit mir?“ fragte Sektionschef Sinn beinahe ein bisschen verzweifelt und schaute in den Spiegel.
Niemand beachtete ihn. Nicht einmal sein Spiegelbild.

Donnerstag, 19. März 2009

Der Alte

Vor ein paar Wochen hab ich mit ihm Schluss gemacht. „Es tut mir leid", hab ich gelogen, "aber wir passen einfach nicht mehr zusammen."
Das wollte er nicht hören. An all die schönen Zeiten hat er mich erinnert, an die Spaziergänge im Schnee und das Glitzern in Natur und Augen und gefleht, dass er bleiben darf. „Ich liebe dich nicht mehr“, hab ich gesagt und gewusst, es muss ziemlich hart geklungen haben. Die Wahrheit wäre noch viel härter gewesen. Ich habe ihn nie geliebt. Ich habe ihn akzeptiert, wir haben uns arrangiert, aber geliebt, nein, geliebt hab ich ihn nie.
Beleidigt, wütend und schluchzend ist er abgezogen. „Du wirst noch von mir hören“, hat er gedroht. Und sollte recht behalten.

Heute früh war er wieder da. Mit Gepäck. Ich hätte besser durch den Spion schauen sollen, aber vertrauensselig wie ich nun mal bin, habe ich ihm ahnungslos geöffnet. Es hätte ja auch sein können, dass es der Mann von der Lottogesellschaft ist oder wenigstens der Hausverstand, mit einem Blumenstrauß.
Ich wollte schnell zumachen, aber er war wieder einmal schneller und hatte schon einen Fuß in der Tür. „Hier bin ich wieder, Liebes“, hat er gegrinst und seine schweren Taschen abgestellt. „Schau, ich hab dir was mitgebracht.“
„Hau ab. Ich will deine Geschenke nicht. Ich brauche dich nicht mehr. Und ich liebe dich auch nicht mehr, das hab ich doch schon mal gesagt. Was willst du also hier?“
„Aber ich liebe dich.“ Als würde das reichen, um wieder hier einzuziehen. „Ich habe dich immer geliebt.“
Es kostet mich viel Kraft, die Tür zuzudrücken, aber ich werde es nicht zulassen, dass er sich wieder hier breit macht.
„Neue Schuhe?“ Er blickt auf meine Sandalen und grinst.
„Das geht dich gar nichts an.“
„Komm schon, Süße“, säuselt er jetzt, „lass mich rein, es ist kalt.“
„Ich weiß. Selber Schuld. Außerdem… außerdem geht das nicht…“
„Und warum nicht, wenn ich fragen darf.“
„Es gibt da einen Neuen.“
„Du konntest es wohl gar nicht erwarten, wie? Ist er wenigstens gut im… du weißt schon…?“
Am liebsten würde ich ihm ins Gesicht spucken, aber ich weiß aus Erfahrung, dass er dann erst recht bockig und trotzig wird. „Er ist zärtlicher als du“, sage ich deshalb nur, „und wärmer.“
„Und wo ist der Neue?“
„Er schläft noch. Aber er wird bald aufstehen. Besser du verziehst dich, sonst wird er sauer.“
„Und wie heißt er, der Neue?“
„Frühling.“

"Hohoho, der war gut!"
Der Winter ist ein zynisches Arschloch.

Dienstag, 30. Oktober 2007

Herbstzerreißend

Alles wird leichter, wenn erst der Herbst kommt, hat sie im Sommer gedacht. Man muss die Früchte nicht mehr festhalten, nicht die Blätter und nicht das Glück. Alles wird leichter, weil es nicht die Vergänglichkeit ist, die Angst macht, sondern die Angst davor.

Der Herbst kommt und es wird nicht leichter. Die Angst nicht weniger. Die Zuversicht nicht größer. Dem Abschied wohnt kein Zauber inne. Nur ein billiger Taschenspielertrick.
Im Frühling war die Zukunft rosig und der Himmel blau, nicht ihre Seele.

Warum hören traurige Menschen keine glücklichen Lieder?, fragt das trotzige Kind in ihr und und stimmt ein fröhliches Frühlingslied an.
Weil sie so unendliche Lust am Leid haben, schiebt sie eine melancholische Scheibe in ihr Herz und lässt Selbstmitleid in die Wanne laufen. Sie wirft Kleider und Träume ab und steigt hinein. Alles wird gut, wenn erst der Winter da ist, denkt sie. Denn dann ist der Herbst vorbei und die Angst vor ihm.

Wie geht es dir?, kritzelt sie auf das Ahornblatt.
Zerrissen, schreibt sie auf das Blatt der Trauerweide, reißt es in tausend Stücke und lässt es ins warme Wasser fallen.

Samstag, 13. Oktober 2007

Besetzt

Mein Körper ist besetzt.

In meinem Nacken hockt der Schalk und duelliert sich mit der Angst, bis mir der Kragen platzt. Wieder einmal bleibt die Angst Sieger und schnürt mir mit ihren rostigen Ketten die Kehle zu. Der Frosch im Hals wird grausam erwürgt, das Lachen bleibt im Aufzug stecken und die Stimme erbricht. Ich schreie, aber meine Schreie finden kein offenes Ohr.
Dabei will ich weder Gesicht noch den Kopf verlieren.

Auf meiner Schulter lastet die Verantwortung. Für mich, meine Familie, meine Klienten, mein Land. Für die ganze Welt. Ich kann sie nicht auf die leichte Schulter nehmen, die Kälte und die Intoleranz gehen mir Hand in Hand an die Nieren. Mein Zorn spuckt Gift und Galle.
Die Laus trainiert ausgerechnet auf meiner Leber für den New York Marathon und meine Selbstzweifel fallen mir immer wieder in den Rücken.
Alles in mir ist aus den Fugen geraten, das Herz auf der eisigen Glätte aus- und in die Hose gerutscht. Im Bauch wütet die Wut, im Hintern Hummeln. Ich wünsche mir ein dickeres Fell auf meiner Gänsehaut, in der ich nicht stecken will.
Der Misserfolg ist mit dem Paternoster in meinen Kopf gerast.
Ich will mich wehren.
Aber ich beherrsche die Technik immer noch nicht.
Die der Ellbogen.

Was soll dieses Bauchgrummeln?
Trotz des Chaos in mir spaziert die Liebe ganz gerührt mitten durch den Magen und macht sich in mir breit. Bringt mein Blut zum Brodeln und verdreht mir den Kopf. Meine Knie werden butterweich und es zieht mir den Boden unter den kalten Füßen weg. Der schwere Stein fällt vom erfrischten Herzen, verwandelt sich im Fallen in tausendschöne Schmetterlinge und lässt mich fliegen.

Auf und davon zu mir.

Montag, 8. Oktober 2007

Herbsttag - trocken

Auf Chaldiki saßen wir am Strand und tranken Samos, du und ich, bis ich hinter das grüne Fischerboot kotzte. Du konntest dich schon damals besser beherrschen. Picksüßen, schweren Wein haben wir gesoffen. So picksüß und schwer wie das Leben wenn man jung ist und alle glauben, es wäre leicht.
Heute sitzen wir am Ufer der Donau und trinken trockenen Wein. Du immer noch meine beste Freundin und das Leben immer noch nicht leicht.

Wir beide sind irgendwo dazwischen, zwischen Sommer und Herbst. Allerhöchstens Spätsommer, sage ich, um dir ein bisschen entgegenzukommen.
Frühherbst, meinst du.
Lass uns noch mal in voller Fülle blühen, sage ich und sehne mich nach dem Frühling, der alles noch vor sich hat.
Lass uns fallen anstatt gefallen, sagst du.
Ja. Lass dich endlich fallen. Frau, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Der leichte Wein macht meinen Kopf schwer und dich mutig.
Das pralle Leben hat mich abgeschürft und aus meinen Worten sprießt Abgeklärtheit. Man muss eben Kompromisse schließen, sage ich und erkenne mich nicht wieder. Du schüttelst energisch den Kopf. Die Jahrzehnte der Rücksicht sind vorbei. Keine Kompromisse mehr. Keine faulen und keine fleißigen. Ich bin endlich reif, lächelst du. Jetzt muss mich nur noch jemand pflücken.
Die Flasche ist leer. Wir nicht.
Nein. Nicht pflücken lassen. Nicht warten, bis es zu spät ist. Ich weiß, wovon ich rede.

Du bist es, die pflücken muss, sage ich trocken.

Freitag, 28. September 2007

Auf der Flucht

Leichenblass stand der junge Psychiater vor dem leeren Bett.
„Na? Was ist denn passiert?“ wollte die Oberärztin wissen.
„Er ist weg.“ Seine Stimme war tonlos. „Stellen Sie sich vor, er ist weg.“
„Wer ist weg?“
„Der ... Der ... Der Wahnsinn...“, stotterte er.
„Na wo ist er denn?“, hänselte sie ihn.
„Er ist ausgebrochen.“
Der lockere Tonfall der Frau wechselte in die professionell-helfende-ich-bin-ein-guter-Mensch-aber-ich-nehme-Sie-nicht-ganz-ernst-Stimmlage. „Bei Ihnen, Herr Doktor?“
„Nein, natürlich nicht bei mir. Hier aus der Klinik. Er ist getürmt. Sogar aus der geschlossenen Abteilung. Ich weiß nicht, wie ihm das gelingen konnte. Hier ist doch alles vergittert und versperrt.“
„Der Wahnsinn lässt sich nicht aufhalten, Herr Kollege, das sollten doch ausgerechnet Sie wissen. Er kriecht durch jede noch so kleine Ritze “ Mit einer Hand ahmte sie die geschmeidigen Bewegungen einer Schlange nach. „Und wenn wir nicht mit ihm rechnen...“ Sie hielt inne.
„Was dann?“
„... dann packt er uns.“ Sie fasste den Arzt im Genick.
Er schüttelte sie ab. „So machen Sie sich doch nicht darüber lustig. Seine Existenz ist unsere Daseinsberechtigung. Ohne Wahn kein Sinn.“
„Ach, Sie hätten jetzt endlich Zeit, sich auf Ihre Forschungsarbeit zu konzentrieren. Ich kann Ihnen dabei gerne zur Hand gehen.“
„Wir müssen ihn suchen, verdammt noch mal!“ Der Arzt stieg hektisch von einem Fuß auf den anderen.
„Ist er denn allein ausgebrochen?“
„Nein. Gemeinsam mit dem Chaos.“ Dann griff er sich an die Wange. „Und mit meiner Zahnplombe.“
Die Ärztin klopfte ihm tröstend auf die Schulter. „Sie Armer! Sollen wir die Polizei verständigen?“
„Wegen ein bisschen Amalgams?“
„Natürlich nicht. Wegen des Wahnsinns.“
„ Glauben Sie, er hält sich bei der Polizei versteckt?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Nicht versteckt.“ Ihre Hand ruhte noch immer auf seinem Oberarm.
„Wir könnten ein Phantombild von ihm anfertigen“, zog er Stift und Notizblock aus der Brusttasche. „Was wissen wir über ihn? Hat der Wahninn einen Namen? Egal, er ist auf jeden Fall völlig verrückt. Und er ist hell, genau. Der helle Wahnsinn.“
„Ich weiß nicht.“ Sie zögerte. „Der Wahnsinn hat viele Gesichter, auch dunkle. Vielleicht geht es ihm gut in Freiheit und er fühlt sich wohl in der weiten Welt?“
„Nein. Das ist ganz und gar unmöglich. Wir müssen ihn kriegen und behandeln. Er ist schließlich gefährlich.“
Sie rollte die Augen und über ihre Lippen huschte ein Lächeln. „Nicht gefährlicher als die Liebe.“
*


Weit weg von alldem, unbeobachtet von unserem Psychiater und der Oberärztin, an einem kleinen Waldviertler Weiher im Winter, schmiegte sich der ganz normale Wahnsinn ans Genie. Wie so oft lagen sie dicht beieinander, wärmten ihre Seelen und erzählten einander Geschichten. Ihre Lieblingsgeschichte war die von der Oberärztin und dem jungen Psychiater, der die Liebe in ihren Augen übersah, weil er nur den Wahnsinn im Kopf hatte.

Mittwoch, 26. September 2007

Der Schirm

Auf besonderen Wunsch (und weil es für mich auch grad passt) noch einmal eingestellt:

Ich kann dich nicht beschützen, mein Kind. Mein mütterlicher Schirm hält nur die Tropfen ab, die der Himmel sanft von oben auf dich herabwirft. Aber der Sturm peitscht dir das Wasser von vorne ins Gesicht, von der Seite ins Herz, schleicht sich heimtückisch von hinten heran und kriecht dir ins Genick. Unter deinen Beinen steigt die Flut, will dir den Boden unter den Füßen wegreißen, dich entwurzeln.
Und ich? Kämpfe verzweifelt gegen alles an, was das dich bedroht, benütze den Schirm bald als Degen, bald als Stock. Ich drehe mich im Kreis, lautlos brülle ich dabei und verjage die Gespenster der Unwetter. Aber sie kommen wieder. Der Sturm reißt den Schirm in tausend Stücke. Ich verjage und versage.
Ich hab geahnt, dass du es schwerer haben wirst als andere Kinder. Du hast meine Ahnungen mit Leichtigkeit und Fröhlichkeit in den Wind geblasen. Dabei konntest du nicht einmal die vier Kerzen auf deiner Geburtstagstorte ausblasen. Jetzt kommen sie zurück, die Ahnungen, im Gegenwind. Als kalte, beißende Schauer kommen sie zurück.

Nein, ich weine nicht. Nicht vor dir. Nur heimlich, und wenn du mich dabei ertappst, dann schiebe ich es auf die Zwiebel. Du sollst glauben, ich wäre stark. Meistens bin ich das auch, mein Kind. Du sollst nicht sehen, dass sie in Wahrheit mich treffen, mit ihrem Spott, mit ihren Aggressionen, mit ihrer Überlegenheit. Sie sind dir nicht überlegen, sage ich dir und mir und halte uns, in Wahrheit sind sie schwach. So schwach wie du und ich, möchte ich hinzufügen, doch diese Worte schlucke ich gemeinsam mit meinen Tränen hinunter und drücke dich fest an mich, damit du fühlst, wie stark wir sind. Wie stark du bist.
Sie wollen dir deinen Optimismus kaputt trampeln, sie werfen Schatten in deinen Sonnenschein. Sie spucken deinem Vertrauen ins Gesicht, dem wichtigsten, das du hast. Nachts hoffe ich schlaflos, dass die Verletzungen mich mehr treffen als dich und erinnere mich an endlose Diskussionen, weil du im Winter barfuß in den Schnee wolltest, da du die Kälte nicht gespürt hast. Vielleicht spürst du sie immer noch nicht, die Kälte, weil du so ein großes, warmes Herz hast.

Lass dir das Vertrauen nicht nehmen, bitte. Ich möchte nicht, dass du den Hass lernst, weil sie die Liebe nicht leben können. Bleib wie du bist und werde jeden Tag ein bisschen anders. Ach, das bist du längst, anders. Das warst du immer.

Du wirst nass werden, weil es keinen Schirm gibt, der vor Kränkungen und Verletzungen schützt, mit denen sie dich anspritzen. Das nennt man Leben. Es tut manchmal verdammt weh, das Leben. Aber es ist auch wunderschön, meistens. Ich wünsche dir die Kraft und das Vertrauen, dass du danach wieder einen Schritt in die Sonne machen kannst.

Irgendwann werde ich dir gestehen, was du wahrscheinlich längst weißt: In Wahrheit kann ich dich nicht beschützen, mein Kind. Nicht mal mich selbst.

Alles, was ich tun kann ist zu lieben. Dich. Mich. Das Leben. Und überhaupt.

Donnerstag, 6. September 2007

miss(herzens)bildung

Ich weiß, diese Miss-Geschichte ist ein bissl kitschig und rührig. Ich bin auch manchmal kitschig und rührig. Drum stell ich sie trotzdem rein.


"Ihre Tochter hat eine seltene Missbildung des Herzens", sagte der Arzt zur neugeborenen Mutter. "Das Herz ist zu groß. Es hört nicht auf zu wachsen. Ich fürchte, Sie wird die nächsten Jahre nicht überleben."
Die Mutter reagierte, wie alle Mütter reagieren würden. Sie fluchte, sie weinte, sie haderte. "Warum ausgerechnet sie!" brüllte sie, und "warum ausgerechnet ich?", bekam aber keine Antwort.
Der Vater blickte in die Ferne und murmelte: "So weit sind wir also schon. Es ist gefährlich, in dieser Welt ein großes Herz zu haben."
Das kleine Mädchen verhielt sich wie die meisten Kinder. Es wachte und schlief, schaute neugierig in die Welt und lächelte. Mit ihren Blicken trocknete sie Tränen, mit ihrem Lächeln berührte sie Seelen und machte harte Herzen weich. Zufrieden wandte sie sich dem Leben zu.
Das Mädchen mit dem großen Herzen, wie es von allen genannt wurde, war eine große Lehrmeisterin. Es lehrte die Menschen, ihr Schicksal anzunehmen und nicht dagegen anzukämpfen. Wenn es lachte, und es lachte oft, dann hörten die Menschen auf zu hadern und begannen zu lieben.
Das Kind. Sich selbst. Das Leben. Die Zufriedenheit im Land wuchs, und das Glück tat es ihr gleich.

Aber auch das Herz des Mädchens wuchs und wuchs, bis es schließlich keinen Platz mehr in dem kleinen Körper hatte.

Die Trauergäste trauerten, weinten und lächelten.

Miss Herzensbildung, stand auf dem kleinen Grabstein.


und hier: http://whatamiss.vo-agentur.de/ könnt ihr eure eigenen miss-geschichten veröffentlichen. oder für die, die es schon gibt, abstimmen.

Donnerstag, 23. August 2007

Wo Licht ist, ist auch Schatten

Es war einmal eine Mutter, die hatte ein Kind. Das ist nichts Ungewöhnliches bei Müttern. Mutter und Kind gingen spazieren. Auch das ist nicht weiter verwunderlich.
Das Kind hopste hinter dem Rücken der Mutter hin und her.
„Was machst du da?“, fragte die Mutter.
„Ich springe über deinen Schatten. Keine Angst, ich passe auf, dass ich dir nicht auf den Kopf trete.“
Das Kind hüpfte weiter und die Mutter wurde langsam nervös. „Geh doch in die Sonne“, schlug sie vor.
„Sie blendet mich. Sie ist so heiß, dass sie mich verbrennt. Hier in deinem Schatten ist es angenehm kühl.“
„Gut, ein bisschen noch. Aber du kannst dich nicht ewig in meinen Schatten stellen.“
„Warum nicht?“
„Weil du nicht wachsen kannst ohne Licht.“ Und ich kann auch nicht wachsen, dachte die Mutter, wenn du an mir klebst wie mein Schatten. Aber das sagte sie nicht. "Außerdem will ich nicht, dass du ein Schattendasein führst."
„Macht alles einen Schatten?“, wollte das Kind wissen. „Auch der Wind? Engel? Feen? Zwerge?“
„Wenn die Sonne tief steht, selbst die. Sogar ein einziges Haar wirft Schatten.“ Das Kind staunte und riss sich sogleich eines vom Kopf.

„Wie wäre es, wenn du über deinen eigenen Schatten springst?“, schlug die Mutter vor.
Das Kind lachte. „Ach, Mama. Das hab ich schon versucht, aber es klappt nicht. Egal, wie hoch oder weit ich hüpfe, der Schatten springt immer mit. Vielleicht schauen deshalb so viele Leute so traurig, weil ihnen eingeredet wird, sie sollen über ihren Schatten springen, dabei kann das gar nicht funktionieren. Man kann nicht vor ihm davonlaufen und nicht drüberspringen, deshalb sollte man ihn sich zum Freund machen und mit ihm springen. Aber das muss den Erwachsenen endlich mal jemand sagen.“

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

Neu

oh je. I see. jetzt verstehe...
oh je. I see. jetzt verstehe ich, warum die geschichte...
testsiegerin - 7. Nov, 15:46
ich hab die liste aller
in österreich vergebener vornamen seit 1984 aus...
la-mamma - 7. Nov, 15:13
du meinst, heinz wäre...
du meinst, heinz wäre ein altmodischer name? ;-)
testsiegerin - 7. Nov, 10:43
ich würd zwar eher...
ich würd zwar eher als herzig statt heiß...
la-mamma - 6. Nov, 21:57
mehr davon gibt es in...
mehr davon gibt es in dem heft "heiße geschichten",...
testsiegerin - 6. Nov, 21:45
bitte mehr davon :-))
bitte mehr davon :-))
murmel (Gast) - 6. Nov, 08:04
yäh...... lust.......
yäh...... lust.... genau.....nö.... also...
rosmarin - 5. Nov, 23:49
Alles nette Sachen, doch...
Alles nette Sachen, doch irgendwie gab es da noch ein...
steppenhund - 5. Nov, 21:30

Web Counter-Modul


Briefverkehr mit einem Beamten
Erlebtes
Femmes frontales
Gedanken
Gedichte
Geschichten
Glosse
In dreißig Tagen um die Welt
Kurzprosa
Lesungen
Menschen
Sex and the Country
Veröffentlichungen
Vita
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren

kostenloser Counter