In dreißig Tagen um die Welt

Donnerstag, 1. Juni 2006

Der letzte Tag

Ich fühle mich sehr mächtig. Denn es liegt einzig und allein an mir, wie die Reise ausgeht. Ob ich das Taxi zum Flughafen versäume, im Duty free – Shop beim Klauen eines Lippenstiftes erwischt werde oder es zu dem unwahrscheinlichen Fall eines Druckverlustes in der Kabine kommt und ich die Sauerstoffmaske nicht finden kann.
Ich habe es in der Hand, oder besser gesagt, in meinen zehn Fingern, ob am letzten Tag noch etwas Dramatisches passiert, ob ich leidend und vergessen in der Ankunftshalle kauere oder ob es ein Happy End gibt.
Ich. Niemand sonst. Mir kann nichts geschehen, wenn ich das nicht will. Ich beschließe also, das teure Flugzeug nicht abstürzen zu lassen, auch wegen meiner Mitreisenden.

„Willkommen an Bord“, säuselt der blonde Flugbegleiter und überreicht mir einen Strauß warmgelber Sonnenblumen, „ich darf Sie als 1.000.000ste Passagierin unserer Boeing 787 begrüßen. Ich hoffe, es ist in Ihrem Sinn, dass wir Sie kostenlos upgegradet haben. Wenn Sie bitte in der Business Class Platz nehmen?“
Ich habe natürlich nichts gegen eine Aufwertung. Ich bin da durchaus tolerant, obwohl es mir ein bisschen peinlich ist, dass der Rucksack mit all den schlampig hineingestopften Erfahrungen und Abenteuern etwas streng riecht. Trotzdem strecke ich gemütlich die Beine aus, nippe am Champagner und stelle erfreut fest, dass die Paté von spanischen Arbequina Oliven beinahe so cremig schmeckt wie die bei der Botschafterin.
Der Flug vergeht wie in der Zeit.

Sie sind alle da. Meine Familie, meine Kollegen und Kolleginnen, meine Freunde. Ich werde gedrückt und geherzt. Sie haben mich vermisst, beteuern sie und klopfen mir glücklich auf die Schultern. „War es denn schön?“
Ich stottere: „Nun ... tja ... also ... schön ist vielleicht nicht das richtige Wort.“

Ein Mann mit Dreitagesbart steht etwas abseits und beobachtet durch eine edle Hornbrille interessiert die Begrüßungsszene.
„Und wer sind Sie?“ ziehe ich vergnügt die Augenbrauen hoch, wische mit dem Ärmel über die Öffnung der Champagnerflasche, die ich aus dem Flugzeug hab mitgehen lassen, und reiche sie ihm weiter.
„Ich bin Verleger“, antwortet er und nimmt einen kräftigen Schluck. „Ich möchte Ihre Reiseberichte gerne als Buch herausbringen. Hardcover, bunt bebildert, beste Qualität. Ich dachte an eine Erstauflage von 10.000 Stück. Fünfzehn Prozent des Nettoverkaufspreises für Sie. Geht das in Ordnung.“

„Zwanzig“, handle ich und grinse. „Zwanzig und geht das in Ordnung.“

Der vorletzte Tag

So. Der Flug ist bestätigt, die Depression verscheucht wie ein streunender Hund vom Mittagstisch und ich habe meine Siebensachen gepackt. Ähm ... gepackt ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Alles hineingepresst halt, die schönen Erinnerungen und abenteuerlichen Erfahrungen. Die schmutzigen Gedanken habe ich in ein Plastiksackerl gestopft, damit nicht alles feucht wird.
Morgen geht es also wieder zurück. Und weil ich will, dass meine Reise ein versöhnliches Ende nimmt, reise ich heute noch in den Teil von mir, den ich am liebsten mag.

In meine Liebesfähigkeit.
Ich schließe die Augen und lasse mich fallen. Die Liebe fängt mich auf und trägt mich. Manchmal tritt sie mich augenzwinkernd in den Arsch und sagt: Los, du musst schon auch etwas tun für mich. Aber sie meint es nicht so. Sie stellt nämlich keine Bedingungen. Sie ist einfach da. Sie will nur, dass ich hin und wieder sehe, was für ein großzügiges Geschenk diese Fähigkeit zu lieben und zu vertrauen ist. Sich selbst, anderen und dem Leben.

Ich halte inne. Irgendwie klingt alles kitschig, was man über die Liebe schreibt. Gänsehautkitschig. Magengeschwürkitschig. Die Liebe ist schuld daran, dass völlig talentfreie Menschen im Hormonrausch zur Feder greifen und Liebe auf Triebe und Herz auf Schmerz reimen. Dabei böte sich auch Kommerz an, oder Sterz, der macht sogar satt.

Keine Sorge, ich werde jetzt kein Gedicht über die Liebe schreiben. Das haben andere vor mir schon besser gemacht.
Ich schweige einfach. (Obwohl das ganz schön schwierig ist) Und genieße den warmen, sonnigen Tag in der schönsten Region meiner Welt.

Mittwoch, 31. Mai 2006

28. Tag - Think pink

Ankommen ist immer auch ein bisschen Abschied. So oder ähnlich hab ich am Anfang meiner Reise geschrieben. In wenigen Tagen komme ich an. Bei mir? Zu Hause? Und nehme schön langsam Abschied von meiner Reise.
Ich hocke in meiner Unruhe. Hab ich alles gesehen, was ich mir vorgenommen habe? Habe ich nicht vielleicht die Chance vertan und wesentliche Kontinente meiner Landkarte nicht betreten? War ich zu weich zu mir oder zu hart? Wer weiß, wann ich je wieder hierher komme. Zu mir.
Was ist mit all dem Verdrängten, das ich nicht entdecken und schon gar nicht herzeigen wollte? Das jetzt in irgendeiner Ecke meiner Welt vermodert und erst ans Tageslicht kommt, wenn meine Kontrolle nachlässt.

War die Reise nicht eine einzige große Lüge, weil ich ohnehin nur dort war, wo ich gewusst habe, diese Eindrücke kann ich verkraften. Aber was hätte es für einen Sinn gehabt, mich zu weit in mich hineinzulehnen? Mir selbst Schmerzen zuzufügen, mit denen ich nicht leben kann oder will?
Ich bin mitten in meiner Nachdenklichkeit. Und habe Reisefieber. Vor der Rückreise. Angst vor meinem Leben danach. Werde ich in eine Leere fallen, wenn die erste Wiedersehensfreude abgeklungen ist? Die Erinnerungen und Erfahrungen in das dicke Album kleben, es zuklappen und weiterleben wie bisher? Wird sich etwas ändern? Will ich überhaupt, dass sich etwas ändert?

Tief durchatmen, befehle ich mir. Stell jetzt keine Fragen, das Leben fragt täglich genug. Suche keine Antworten, es gibt sie nicht. Mach dich nicht fertig mit diesen Gedanken. Hör auf, dir und anderen ständig etwas beweisen zu wollen. Geh für ein paar Augenblicke in die Stille.
Ja.















Mein Herzschlag wird ruhiger. Ich höre die Vögel zwitschern, sehe, wie die Äste der Tannen sich im Wind wiegen. Sehe die Wolken vorbeigleiten. Sogar die rosarote ist dabei, die jemand vor unendlichen Zeiten für mich angemalt halt. Ich bette meine Ängste auf genau diese Wolke und lasse sie weiterziehen.
Nehme mich nicht mehr so wichtig.
Die Zukunft ist ernst, aber nicht hoffnungslos, sagt eine Stimme.

Nein, lächle ich, sie ist nicht hoffnungslos. Und schon gar nicht ernst.

Dienstag, 30. Mai 2006

27. Tag - Mehr schlecht als recht

Weil ich schon ein bisschen müde bin vom vielen Herumwandern in mir, nehme ich den Bus. Schleiche am Kontrollor vorbei, steige hinauf ins offene Oberdeck, setze Sonnenbrille und Kopfhörer auf und lasse mir den Wind durchs Haar wehen. Ein bisschen Bequemlichkeit darf ich mir ruhig hin und wieder gönnen.
„We welcome you warmly to our today’s trip“, haucht mir eine warme, männliche Stimme ins Ohr und ich fummle hektisch an der Fernbedienung herum. „Bienvenue ...“ chchch ....“Sdrasdwui ...“ chchchch ... „Herzlich willkommen ...“ Endlich. „Wir heißen Sie nochmals herzlich willkommen zu unserem kleinen Ausflug in das Innenleben. Sie haben die Wahl.“ Nicht schon wieder. Ich will keine Wahl, ich will, dass mir jemand sagt, wo es lang geht. „Um in die Liebenswürdigkeit abzubiegen, drücken Sie bitte den linken Knopf. If you decide to visit your gentleness, please press the left button.“
Au ja, das klingt nett. Ich freue mich auf mein liebenswertes Lächeln. Meine freundlichen, lobenden Worte. Weil ich aber neugierig bin, warte ich die zweite Möglichkeit ab. „Leider haben Sie keinen Knopf gedrückt“, ertönt es nach einer langen Pause. „Wir biegen daher rechts ab. In die Schlechtigkeit.“
Was hören meine Ohren? In die Schlechtigkeit?

Nun bin ich ja das, was die schlechten Menschen so abfällig einen Gutmenschen nennen. Immer auf Seiten der armen, alten, schwarzen, alleinerziehenden, lesbischen, kriminellen, behinderten Rollstuhlfahrerinnen.
Es gibt nicht viele von ihnen, leider, deshalb merken manche Leute meine Gutmenschlichkeit gar nicht. Und ausgerechnet ICH reise jetzt in meine Schlechtigkeit, es ist nicht zu fassen.
Nun gut, denke ich, ich bin in bester Gesellschaft, denn sogar Robin Hood nahm den Reichen und gab den Armen. Ich bin halt selber arm, na und? Schuldhaft in Not geraten.

„Rechts zwischen den Büschen können Sie die Reliquien einer diebischen Vergangenheit sehen“, vernehme ich durch die kleinen Knöpfe in meinem Ohr. Ich erröte und schäme mich in Grund und Boden, aber ich wage einen Blick. Hinter dem Hollerbusch stapeln sich die Sonntagszeitungen, viele von ihnen noch ungelesen. Ein Lippenstift aus England. Ich erinnere mich an das Herzklopfen, als ich – knapp 15jährig – in London an der Kassa stand, den Lippenstift in meiner Tasche.
An einem Baum hängt ein dickes Buch von Ulla Hahn. Mit Widmung. Ich habe es auf der Frankfurter Buchmesse geklaut. Aus Notwehr, denn ich wollte es erwerben (es gibt sogar eine Zeugin), aber die haben es mir nicht verkauft, obwohl da tausende davon herumlagen, einfach so. Die Widmung habe ich mir selbst auf dem Klo hineingekritzelt, weil ich Angst vor einer Kontrolle hatte.
„Fahren Sie bitte schneller!“, schreie ich dem Busfahrer zu, aber der zuckelt langsam durch meine kleinen Vergehen und Verbrechen. Ein paar gefälschte Unterschriften aus der Schulzeit fliegen herum und eine Schadensmeldung an die Versicherung. Auf jedem zweiten Baum pickt ein Aufkleber mit der Aufschrift Schwarzfahrerin. Plötzlich reißt eine Windböe mir meine Sonnenbrille vom Gesicht. Sie bleibt in den Blättern eines Johannisbeerstrauches hängen. Hoffentlich kriegt sie keine Kratzer ab. Ja, ich gestehe, ich hab vergessen, sie zu bezahlen. Wirklich vergessen, ich schwöre! Seitdem sehe die Welt durch eine gestoh... vergessene Brille, glauben Sie mir, das ist Strafe genug. Ich schleudere die Kopfhörer aus dem Bus und presse meinen Kopf zwischen die Knie. Aufhören! Bitte! Ich will nicht damit konfrontiert werden.
Die Stimme lässt sich nicht abdrehen. Sie kommt jetzt aus riesigen Lautsprecherboxen. Alle können hören, wie ich wirklich bin. Sie zeigen mit den Fingern auf mich. Sie verachten mich.
Ich heule.

„Die Rundfahrt ist zu Ende. Bitte alles aussteigen.“ Ich bleibe sitzen, denn ich möchte mit diesem Gefühl nicht schlafen gehen. Ich schenke Ulla Hahn mein nächstes Buch, nehme ich mir vor. Die englische Verkäuferin von 1977 werde ich wohl nicht mehr auftreiben. Ich kann nur hoffen, dass sie den Lippenstift nicht aus ihrer eigenen Tasche bezahlen musste.
„Bitte alles aussteigen!“, wiederholt der Busfahrer.
Vielleicht kann ich ihn überreden, mit mir noch eine Runde zu fahren. Ich werde auch ganz bestimmt den linken Knopf drücken.
Und das Ticket bezahlen.


Liebe Grüße!
Die Karte habe ich gekauft.
Ich schwöre.

Montag, 29. Mai 2006

26. Tag - Markttag

Heute ist Markttag. Also schlendere ich langsam die Fußgängerzone hinunter zum Marktplatz.
Am Jahrmarkt meiner Eitelkeiten bleibe ich stehen und bewundere, wie eine von ihnen mit bunten Bällen jongliert. Mit zwei Bällen, einem roten und einem blauen. Allerhand. Hin und wieder fällt einer der zwei Bälle zu Boden. Das kann passieren, sagt die Jongleurin schnippisch und schupft munter weiter. Ich applaudiere frenetisch und denke darüber nach, warum man sonst nichts im Leben frenetisch macht außer so zu applaudieren. Die andere Eitelkeit steht auf einer Bühne, verbeugt sich theatralisch und trägt ein Gedicht vor. Ein schlechtes Gedicht, aber sie blickt derart überzeugt in die Menge, dass niemand sich traut, ihr das zu sagen. Ich schaue flehend in den Himmel und hoffe, dass irgendjemand diese peinlichen Vorführungen unterbindet. Der Regen zum Beispiel.

Unten an der Ecke kehre ich in die kleine Geheimniskrämerei ein. In dem dunklen und engen Laden haben sich Staub und Spinnweben breit gemacht und es riecht muffig. Tausend Tiegel stehen herum, mit tausend kleinen Geheimnissen, die längst niemanden mehr interessieren.
„Wo sind die großen, wichtigen, spannenden?“, frage ich und meine Blicke suchen die Bude nach den sperrigen Teekisten ab, die früher hier in der Ecke standen. In einer Kiste waren die schönen, in der anderen die gefährlichen Geheimnisse. Fest verschlossen war diese Kiste, und gut bewacht.
„Ach, die wurden schon vor längerer Zeit abgeholt. Wir können keine großen Geheimnisse bei uns behalten. Erstens sind sie zu schwer, ich bin eine alte Frau und kann sie nicht mehr tragen. Außerdem sind nicht sicher hier. Sie können sich ja gar nicht vorstellen, was auf dem Markt getratscht wird. Und geklaut. Die klauen sogar Geheimnisse.“

Wieder draußen, am Obst- und Gemüsestand tausche ich Meinungen aus und möchte abgetragenen Klatsch und Tratsch kaufen, doch meine Geschwätzigkeit und Redseligkeit lassen mich nicht zu Wort kommen. "Haltet doch endlich die Klappe", sage ich, als ich den Gestank rieche. Oder stinkt man den Gestank und riecht nur den Geruch? Egal. Es stinkt.
Ist etwas faul in mir?, schnuppere ich an meiner Bluse. Bin ich in den vergangenen Jahren nicht gereift, sondern verdorben? Ist meine Seele endgültig verloren?

„Ach, machen Sie sich keine Sorgen, das kommt nur aus der Gerüchteküche“, beruhigt mich die Marktfrau, „heute kocht der Verrat. Er bricht das Vertrauen und mischt Lügen dazu.“ Angewidert halte ich mir die Nase zu, schleiche aber langsam in die Richtung, aus der mir der Geruch entgegenschlägt. Ich schäme mich für meine Neugierde und presse ein Ohr gegen die dünne Holzwand.
Sie reden über mich. Ich habe es geahnt. Schade, dass man nicht zwei Ohren gleichzeitig an eine Wand pressen kann, denke ich, denn ich verstehe nur ein paar Brocken: „... schon gehört? ... die Barbara ... und der ... nicht weitersagen - großes Geheimnis ... so was von ... pervers ...“

Widerlich. Klatsch ist wirklich widerlich, vor allem, wenn er mich betrifft. Ich spucke auf den Boden.
Kehre zurück zu meinen Eitelkeiten. Die eine hat den blauen Ball zur Seite gelegt und spielt selbstverliebt mit dem roten. Der anderen fällt kein Gedicht mehr ein, aber sie verbeugt sich trotzdem ständig.

Sie sind harmlos, denke ich, als ich sie eine Weile beobachte. Tollpatschig, lieb irgendwie und harmlos. Nicht so hinterhältig wie der Verrat.
Ich kaufe noch eine Ansichtskarte und spaziere zum Bahnhof. Dort geht meine Reise morgen weiter. Nur noch vier Tage, denke ich und das Heimweh vermischt sich mit Wehmütigkeit, dass die Reise bald zu Ende ist.

Ich hoffe, ihr kriegt die Karte, bevor ich zu Hause bin.
Was ich euch jetzt sage, ist nämlich wichtig.
Passt gut auf eure Geheimnisse auf.

Sonntag, 28. Mai 2006

Tag 25 - Luxuria & Gula

Vor knapp zwei Wochen hab ich ihnen in meinem Leichtsinn versprochen, sie auf meiner Reise noch zu besuchen. Zwei meiner Todsünden, die mir so ans Herz gewachsen sind. Luxuria, die Wollust und Gula, die Maßlosigkeit.
Sie wohnen unterirdisch, zwischen dem Sumpf- und Vulkangebiet in einer dunklen und feuchten Spelunke. Vor dem Eingang ein massiger Türsteher, der nicht jeden hineinlässt, der rein will. Und hier wollen viele rein, denn die Schlange ist lange.
Ich verwickle den Türsteher in ein Gespräch. Wer muss draußen bleiben?
„Die Anständigen“, grinst er dreckig und legt seine Hand auf meinen Hintern, „also keine Angst. Und die Vertreter der Kirche. Ständig versuchen ein paar von ihnen, hier vorzudringen und die Höhle abzufackeln oder auszuräuchern. Mit Weihrauch und einem riesigen Kreuz. Hier herrsche Gesetzlosigkeit, werfen sie uns vor. Unerlaubtes Glücksspiel. All das halt.“

„Warum haben die so viel Angst vor den Beiden?“, will ich wissen, und ein paar der Angestellten (nein, sie sind nicht hier angestellt im Sinne eines Dienstverhältnisses, sie warten nur auf Einlass) räuspern sich, weil sie es nicht mehr aushalten.
Der Mann vom Sicherheitsdienst fährt sich durch die dichte Glatze. „Es geht um die Kontrolle“, sagt er. „Die meisten Menschen fürchten, sie könnte ihnen entgleiten. Sie glauben, die zwei Mädels sind Schuld daran. Was man so fürchtet, muss man verachten.“
Er öffnet mir die Tür. Ein schmieriger Fettwanst will sich vordrängen, aber der bullige Glatzkopf stellt sich ihm in den Weg. „Sie darf zuerst“, sagt er und bedeutet mir, einzutreten. „Eine Freundin des Hauses.“ Er schubst mich hinein. „Los, sie warten schon auf dich!“

Ich trete ein und schließe die Augen. Man reicht mir einen Becher schweren Weines, der mich trunken machen und Verstand und Gewissen auf der Stelle betäuben wird, das weiß ich aus Erfahrung. Ich könnte ablehnen, natürlich. Doch ich trinke gierig und schließe die Augen. Jetzt nur noch spüren. Hände auf meiner Haut. Lippen. Zungen. Haar. Die Wollust fesselt mich, doch ganz anders als damals die Wut. Zärtlich und fordernd zieht sie mich in die Tiefe der Triebe und macht mich wehrlos.
„Sie will mehr, mehr, mehr!“, flüstert die Maßlosigkeit und schenkt nach. „Wir müssen dringend nachbestellen. Siehst du, sie kann nicht genug kriegen.“
„Ja“, stöhne ich und wälze mich – so gut das gefesselt möglich ist – von einer Seite auf die andere. Von der Wollust zur Maßlosigkeit. Fühle, wie ich fließe, wie alles fließt, aber das wird Heraklit nicht gemeint haben.
Der Wein rinnt mir aus den Mundwinkeln, oder ist es die Lust, die Gier, der Hunger, der endlich gestillt wird? Dabei bin ich alles andere als still.

Verschwitzt und ein kleines bisschen verschämt schleiche ich am Türsteher vorbei. „Wie war’s?“, fragt er anzüglich und die Angestellten begaffen mich neidisch.
„Ach, fickt euch doch selbst!“


Wunderschönen Guten Abend,
Das mit der Wollust ist eine wunderbare Sache. Schade, dass sie eine Sünde ist.
Sie macht nämlich Spaß, sogar wenn man – wie ich – gar nicht stricken kann.

24. Tag - Just in time

Ich bin pünktlich am Flughafen, zum Gück. Es ist halb elf, mein Flieger geht um vier. Sicher ist sicher.
Man weiß ja nicht. Es hätte schließlich passieren können, auf halbem Weg umkehren zu müssen, weil ich meinen Pass vergessen habe. Oder der Sprit geht nicht nur mir aus, sondern auch der Tankstelle. Ich hab zwar noch nie davon gehört, dass das irgendwo auf der Welt schon mal geschehen ist, aber vielleicht ausgerechnet heute. Dann steh ich an der Zapfsäule und die Tankwartin sagt mit einem entschuldigenden Lächeln: „Oh, Normal bleibfrei ist ausverkauft, der ältere Herr im Volvo hat den letzten genommen. Darf’s auch Diesel sein?“
Aber ich habe – wie gesagt – Glück. Ich habe Ausweis und Zahnbürste dabei und auf der Landstraße ist auch heute kein Stau. Die Tankwartin schwenkt die Säule, damit der letzte Rest Normalbenzin in meinen Tank rinnt, ich habe den Anschluss nicht versäumt und stehe jetzt am Flughafen.
„In meine Pünktlichkeit, bitte“, zeige ich Pass und Ticket vor.
„Tut mir leid, die hat heute Verspätung.“
Macht nichts, ich bin das Warten gewöhnt. Wenn man pünktlich ist, so wie ich, wartet man immer. Auf Bahnhöfen, in Cafés, auf dem Amt, vor dem Fernseher auf die Millionenshow. Oder darauf, dass die Schulglocke läutet, dass die Oma kommt, auf den Mann fürs Leben oder die Erleuchtung. Im Schnitt warte ich zwei Stunden am Tag. Ich rechne. 31.390 Stunden in meinem jungen Leben habe ich bisher gewartet. Das sind knapp drei Jahre und sieben Monate. Ich hätte viel Sinnvolles erledigen können in der Zeit. Ein Studium abschließen, noch ein Kind kriegen, wickeln und stillen, Geschichten schreiben. Ich hätte aber auch viel Sinnloses tun können in all den Jahren. Ein Studium abschließen, noch ein Kind kriegen, wickeln und stillen, Geschichten schreiben.

Ich hoffe, ich kriege diesen Reisetagebucheintrag pünktlich zu Ende.
„Pünktlichkeit ist Respekt vor der Zeit der anderen“, sagt mein Über-Ich. Ich nicke, wie immer, wenn es mir etwas reindrücken will, denn es duldet keinen Widerspruch. Aber in Wahrheit weiß ich: Das ist es nicht. Meine zwangsneurotische Pünktlichkeit ist nicht Höflichkeit oder gar Respekt. Es ist die blanke Angst, irgendetwas Wichtiges oder Unwichtiges im Leben zu versäumen. Das Gefühl, den Anschluss zu verlieren. Die Panik, ich könnte es nicht wert sein, dass jemand auf mich wartet, wenn ich mich verspäte.
Ich habe versucht, keine Uhren mehr zu tragen und gehofft, meine Erkrankung würde von selbst heilen. Aber sie haben überall riesige Zeitmesser für mich aufhängt und sogar heimlich in meine technischen Geräte eingebaut. Ich sehe auf dem Bahnhof, wie spät es ist, auf dem Computer und sogar auf meinem Mobiltelefon.
So, ich muss aufhören. Damit die Karte noch zur Post kommt. Die schließt nämlich um sechs.
In wenigen Minuten ist es drei Uhr.



Ich komme in sechs Tagen zurück. Aber macht euch bitte keine Umstände mit dem Abholen. Ich warte einfach, bis ihr da seid. Auch schon wurscht.

Mittwoch, 24. Mai 2006

23. Tag - Gefährliches Terrain

Man hat mich gewarnt. „Von dort kommt keiner unbeschadet zurück“, haben sie gesagt. „Leg dich in deiner Gelassenheit an den Strand und gönne dir einen bunten Cocktail, aber verdammt noch mal, lass diese Etappe aus. Sie werden dich kidnappen und dir alles abnehmen, was du hast.“

Ich habe nicht auf sie gehört. Ich habe keinen Alles-Inklusive-Urlaub mit Sonnengarantie gebucht, damit ich zu Hause stolz die Fotos vom türkisblauen Meer herzeigen kann, sondern ich befinde mich auf einer Weltreise. Ich bin neugierig. Ich will auch die Schattenseiten sehen.
Was sollen sie mir denn schon rauben? Meine Unschuld? Meine Wertsachen? Ich hab ja nichts.

Sicherheitshalber leere ich meine Taschen, tausche meine H & M - Jeans gegen eine ausgebeulte Latzhose, damit man mich nicht für eine Touristin hält, und begebe mich auf gefährliches Terrain.

Es ist hässlich hier. Sehr hässlich. Seltsame unansehnliche Gestalten, die einen ekelhaften Gestank verbreiten, drängen durch den Asphalt und versuchen, mich zu umklammern.
Langsam setze ich einen Schritt vor den anderen und schaue mich um.
„Was suchst du hier?“, herrscht mich meine Aggressivität unvermittelt an, obwohl ich ihr gar nichts getan habe.
„Ich komme in friedlicher Mission“, antworte ich und strecke ihr meine leeren Hände entgegen. Das funktioniert meistens in den Filmen. Aber das Leben ist kein Kino. Die Alte hört mir nicht zu und spuckt mich mit einem ansteckenden Sekret an. „Wo sind die Geschenke?“, krächzt sie. „Wer in friedlicher Mission kommt, der bringt Geschenke.“
Ich schenke ihr – obwohl es mir schwer fällt - ein Lächeln. Sie will es nicht. Eine große Portion Zynismus mischt sich in ihre Stimme. „Steck dir dein falsches Lächeln in den Arsch“, flucht sie, „vielleicht schlägt es ja Wurzeln!“ Ich zucke zusammen. Scheiße, ich bin solche Ausdrücke nicht gewöhnt.

Es ist kalt hier, deshalb ziehe ich meine Weste fester um meinen Leib und senke den Kopf, um den boshaften Blicken der Bewohner auszuweichen. Ich hätte die Warnungen ernst nehmen sollen. Aber jetzt muss ich hier durch, jetzt gibt es kein Zurück mehr, das haben sie mir an der Grenze gesagt.
„Warum bekommt die Aggressivität ein Geschenk und wir nicht?“, beschweren sich Neid und Eifersucht. Sie bilden ein Spalier, stellen mir immer wieder ein Bein und machen mir den Weg schwer.
Ich versuche, noch ein Lächeln hervorzuwürgen, doch nur ein verkrampftes Grinsen verlässt meine Lippen. Die beiden sind unzufrieden, aber das sind sie immer.

Ich atme auf, als ich mich an ihnen vorbeigekämpft habe. Im nächsten Moment höre ich sie hämisch lachen. Und dann spüre ich es. Die Wut packt mich im Genick und schleudert mich mit Gewalt zu Boden.
„Ich gebe dir alles, was ich habe!“, schluchze ich, und vergesse, dass ich nichts habe. „Lass mich bitte los!“ Doch die Wut ist taub. In Gebärdensprache bedeute ich ihr, mich freizulassen und sich ein anderes Opfer zu suchen, ein reiches, aber die Wut ist nicht nur taub, sie ist auch blind.
Mit sicheren Griffen fesselt sie mich an einen Baum. Ich möchte schreien, doch die Angst vor ihr schnürt mir die Kehle zu.
Ich kämpfe gegen sie an. Es ist ein ungleicher Kampf, den ich nur verlieren kann. Sie ist viel stärker als ich. Obwohl ich nicht gläubig bin, schicke ich ein Gebet, aber ich weiß nicht wohin. Ich flehe, dass sie Mitleid hat mit mir und mich gehen lässt, aber die Wut kennt kein Mitgefühl. Die Wut kennt nur sich selbst.

Irgendwann werde ich ohnmächtig.

Als ich wieder aufwache, ist sie weg. Sie hat sich in Rauch aufgelöst. Ich bin völlig erschöpft, spüre die Einschnitte der Schnüre auf meiner Haut, rieche noch ihren Mundgeruch und habe Angst, sie könnte wiederkommen. Ich werde mich noch ein wenig ausrasten und schauen, dass ich hier wegkomme.

Meine Lieben,
Ja, ich weiß, ihr habt mich gewarnt. Doch ich wollte es wissen. Nächstes Mal werde ich auf euch hören.
Das verspreche ich.
Vielleicht.

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Dienstag, 23. Mai 2006

Tag 22 - Leicht & Sinn

Mit diesem Gefühl, dass mir nichts passieren kann auf der Welt, weil ich stark und sicher bin, setze ich meine Reise fort.
Ich möchte meinen Mut besuchen, dem oft ein Über, und manchmal ein Hoch vorangeht. Ich würde gern in aller Ruhe mit ihm plauschen, bei einem Häferl Kaffee und einer Topfengolatsche, mich mit ihm über all die Verrücktheiten in meinem Leben austauschen und mich bedanken, weil er mir geholfen hat, meine Angst vor dem Versagen zu besiegen. (Ich gebe zu, hin und wieder kriecht sie immer noch aus ihrem Loch, aber ich überzeuge sie dann davon, dass es hier im Tageslicht viel zu gefährlich ist für sie. Meistens taucht sie dann schreckhaft wieder unter und lässt sich längere Zeit nicht blicken)
Der Mut ist nicht zu Hause, es hätte mich auch gewundert. Er ist ständig in Bewegung, unterwegs zu neuen Abenteuern. Während die Feigheit vor dem warmen Ofen sitzt und Socken strickt, fliegt der Mut im Hängegleiter über Berge und Täler, stürzt sich – am Seil der Sicherheit – in tiefe Schluchten und sucht neue Herausforderungen.

Na gut, dann nicht. Ich treffe ihn bestimmt unterwegs. Zwischen Mut und Leichtsinn verläuft nur ein schmaler Grat, die Dummheit. Gut gesichert strecke meine Arme aus und balanciere behutsam darüber, damit ich nicht falle. Tief in mir spüre ich nämlich: Ich bin gar nicht unverwundbar. Davon zeugen die vielen blauen Flecken auf Körper und Seele. Natürlich weiß ich, dass ich abstürze, wenn alle Stricke reißen. Dass ich mich verbrenne, wenn ich zu nah an der Sonne fliege. Doch wenn die Abenteuerlust mich in ihren Klauen hat, dann hat die Vorsicht Pause, denn die Lust saugt mir das Hirn aus dem Kopf und reicht das Zepter weiter an den Bauch (und bisweilen noch eine Station tiefer).

Mister Leichtsinn führt mich gelegentlich in brenzlige Situationen, vor allem dann, wenn Miss Geschick uns begleitet. Sie begleitet uns gerne, deshalb bin ich immer wieder auf die Nase, den Kopf, den Ellbogen gefallen. Ich habe mich häufig am Leben verletzt. Aber genauso oft, wie ich gefallen bin, bin ich auch wieder aufgestanden. Hab mir den Dreck abgeputzt, die Wunden geleckt und den Kopf hoch getragen. Später stolz meine Narben präsentiert, die spannende Geschichten erzählen.

Ich könnte mir einen Panzer zulegen, der meine dünne Haut und meine Knochen schützt. Ich tue es nicht. Der Panzer kostet zu viel. Meine Freiheit kostet er, und meine Lust aufs Leben.
Außerdem heilen die Wunden an der Luft viel schneller. Deshalb bleibe ich offen und verletzbar. Mutig, leicht und sinnig (und ein bisschen dumm) balanciere ich weiter. Und bin gespannt, wo meine Reise mich noch hinführt.

Meine Lieben,
Ich mag sie, die Strudel des Lebens, die einen hinabziehen und einwickeln. Aus denen man gestärkt wieder auftaucht.
Apfelstrudel, Mohnstrudel, Topfenstrudel.
Die B.

Montag, 22. Mai 2006

Tag 21 - Panther und Lamm

Die letzten Tage waren anstrengend (vor allem der Tanz mit dem Generalkonsul) und nicht nur erfreulich. Heute werde ich mir also etwas Ruhe gönnen, Kraft tanken und Energie.

Was würde sich besser dafür eignen als mein Wald?
Ich umarme zwar lieber Menschen als Platanen, aber zum Anlehnen sind die starken Schultern meiner Kraftbäume ideal. Hier habe ich Ruhe, hier bin ich in mir. Laufe barfuß in der feuchten Wiese auf der kleinen Lichtung, stecke mir dann und wann eine Himbeere in den Mund, bade im Teich, wasche mir Mühsal und Stress von der Seele.

Gut versteckt im Wald wohnt meine Höhle. Manchmal ziehe ich mich in sie zurück. Hierher flüchte ich, wenn das Leben draußen zu schnell und zu fordernd ist. Niemand erwartet etwas von mir, nicht mal ich. Hier muss ich nicht tun, hier darf ich sein. In meinem Feuer liegen trockene Birkenscheite, und rund um mich brennend tausend Kerzen. Von der hinteren Felswand plätschert Quellwasser. Es riecht nach frischgemähtem Gras im Frühling, nach Rosmarin im Sommer. Im Herbst duftete es nach Rosenblättern und im Winter nach Zimt. Es riecht immer danach, wonach ich gerne hätte, dass es riecht.

Vor der Höhle geht geschmeidig ein schwarzer Panther auf und ab. Er ist mein Stolz und meine Kraft und beschützt mich vor den Gefahren des Alltags und ungebetenen Gästen. Abends, wenn das Feuer erlischt und ich auf dem Schaf-Fell einschlafe, kriecht er zu mir und wärmt mich mit seinem samtigen Fell. Manchmal begleite ich ihn in der Nacht nach draußen und wir heulen gemeinsam das Mondlicht an. Er heult wunderschön. Doch ich muss mich nicht messen, muss nicht schöner singen als der Panther, nicht höher wachsen als die Bäume, nicht lauter prasseln als das Feuer und nicht heller leuchten als der Mond. Ich muss nichts.

Hin und wieder kommen Freunde und bringen Geschenke. Ihr Lachen bringen sie mir, ihre Liebe und ihre Lust. Alles, was sie mir schenken, teilen wir. Auch die Flasche Rotwein und das Lamm. Das braten wir auf dem Feuer, werfen Kartoffeln in die Glut und würzen mit Rosmarin.

Wenn ich ausgeruht bin, wenn ich mich wieder stark genug fühle für die Welt mit ihren Hürden und Stolpersteinen, gieße ich den restlichen Wein ins Feuer, blase die Kerzen aus, streiche über das Fell meines Krafttiers und mache mich auf den Weg.
Nur das Gefühl nehme ich mit. Das Gefühl, dass mir nichts passieren kann da draußen.

Es gibt Lamm.

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

Neu

:)
*kicher* aber nur kurz !
datja (anonym) - 17. Mai, 19:03
Gibt's das auch bald...
Gibt's das auch bald als Podcast-Edition?
die_ginny - 17. Mai, 16:50
mit der flasche an den...
mit der flasche an den lippen ginge es noch besser.
herold - 17. Mai, 16:40
Wildkrautgedankenwuchs
Die Sonne wärmt Leib und Seeele, neue Herausforderungen...
testsiegerin - 17. Mai, 16:33
Ich glaube, dass da sehr...
Ich glaube, dass da sehr wenig vorgeht.
testsiegerin - 10. Mai, 09:52
@ lonely rider woman...
@ lonely rider woman + rosmarin ich denke, keiner...
testsiegerin - 10. Mai, 09:51
Was ich noch verstehen...
Was ich noch verstehen kann, ist die Überforderung...
testsiegerin - 10. Mai, 09:48
Es ist tatsächlich...
Es ist tatsächlich schwer, den Zusammenhang zu...
testsiegerin - 10. Mai, 09:45

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