Samstag, 13. Januar 2018

Sleepless im Weinviertel

Ich liege im Bett. Ich bin müde. Ich lese. Eine Romanbiografie über die junge Clara Schumann. "Das Mädchen am Klavier". Clara Wieck heißt das Mädchen, und ich bin erst auf Seite 200 draufgekommen, dass es um Clara Schumann geht. Obwohl sie Robert da längst kennengelernt hat.
Clara war grad in Wien und hat das Publikum begeistert. Aber jetzt wird sie wieder nach Hause nach Leipzig geschickt. Ihr Vater ist gegen die Beziehung mit Schumann. "Herr Schwärmerer" nennt er diesen.

Ich lege den E-Reader zur Seite. Hoffentlich kann ich heute einschlafen, denke ich und weiß gleichzeitig, dass das keine guten Voraussetzungen sind. Ich wälze mich hin und ich wälze mich her. Meine Ärztin hat mir ein Placebo verschrieben. Die Baldriantropfen stinken furchtbar, aber egal. Ich muss nur fest genug daran glauben. Und ein paar von den Nervenruh-Pillen hat mir die Ärztin, die zufällig auch eine Hausapotheke hat, auch wärmstens ans Herz gelegt. Kosten nur 20 Euro. Ich hätte einen Schnaps trinken sollen, denke ich, aber ich will nicht zur Alkoholikerin werden.

Ich atme ein und zähle bis 4, halte den Atem an und zähle bis 7, atme aus und zähle bis 8. Zunge an die oberen Vorderzähne. Und noch mal. Atmen ist wichtig. Von Nichtatmen kann man sogar sterben. Weil das Atmen nicht hilft, multipliziere ich 4 mal 7 und addiere 8. Macht 36. Ist aber nicht wichtig.
Mein schlechtes Gewissen meldet sich. Vielleicht hätte ich die Wolle für die Decke vorher nicht bestellen sollen, die war teuer. Und die Autoreparatur ist auch teuer. Für dieses Geld hätte ich 10 Decken stricken können. Aber was mach ich mit 10 Wolldecken? So kalt sind nicht mal meine Füße.
Atmen. Ich bin müde. Ich will einschlafen.
Ich nehme das Handy. Blaulicht. Also nicht draußen auf der Straße, sondern herinnen aus dem Handy. Wegen Schlaflosigkeit wird ja selten die Polizei gerufen. Obwohl... vielleicht sollen deshalb so viele neue Polizisten eingestellt werden? Die Polizei rast dann bei Schlafstörungen an den Tatort und verhaftet den Schlaf. Oder den Schlafräuber.
Ein hoher Blaulichtanteil ist übrigens ganz schlecht bei Schlafstörungen. Ich weiß mittlerweile alles über Schlafstörungen, aber das ist denen blunzenwurscht. Wahrscheinlich liegt es aber nicht am Blaulicht aus dem, sondern an den Nachrichten im Handy. Kickl und Strache fördern nicht die seelisch-geistige Harmonie.
Nachdem mich die chinesische Entspannungsmusik vorgestern nur aufgeregt hat, versuche ich etwas anderes. Hypnose. The Night is still long. Ich tue, was der Herr mit der sonoren Stimme mir empfiehlt. Ich lege mich entspannt hin, ich atme, ich entspanne mein Unterkiefer. Zum Glück sieht mich niemand, mein Mann ist auf dem Sofa eingeschlafen. Das verzeih ich ihm nie.

Der Herr im Handy wird jetzt gleich von zehn abwärts zählen. Und bei jeder Zahl werde ich mich ein bisschen mehr entspannen. Der Herr im Handy hat einen Sprachfehler. Wie bitte soll ich mich entspannen, wenn er jedes Mal statt einem sch ein ch sagt. Er sagt Fich und logich und typich. Ruhig und tief werde ich durchschlafen, verspricht er mir, nicht nur heute, sondern immer, wenn ich mich in mein Bett lege. Haftet er eigentlich für seine Versprecher und seine Versprechen? Ich werde ihn klagen.
Ich versuche trotzdem meine Gedanken loszulassen. Den Gedanken an die Buchteln mit Vanillesoße, die ich morgen backen werde, lasse ich ungern gehen.
Entspann dich, entspann dich, entspann dich gefälligst! schreie ich mich an und erinnere mich an den Typen, der mir die Unschuld und eine Menge Illusionen genommen hat. „Entspann dich Mädel, sonst tut es weh“, hat er gesagt. Krampfhaft habe ich versucht, mich zu entspannen, als er in mich eingedrungen ist. Es hat weh getan.

Ich bin von einer warmen Geborgenheit umgeben, sagt der Herr im Handy und ich hülle mich in eine Wolke aus Geborgenheit. Und in die zweite Decke, weil mir kalt ist. Wie gut, dass ich die Wolle bestellt hab. Aber das Wohlfühlen gelingt nur kurz, denn bald rollt eine Welle aus Wärme auf mich zu, die vermutlich nichts mit seinem Sprachfehler, sondern meinem Hormonhaushalt zu tun hat.
Er wird mich nach der Hypnose nicht wecken, sagt der Mann, und das will ich ihm auch geraten haben. Schließlich kann ich morgen endlich ausschlafen.

Wir sind bei der Zahl 4 angelangt. Ich entspanne mich doppelt so fest wie bei fünf. Ich habe das Gefühl, im Weltall zu schweben, in dunkelgrauen Nebelschwaden, dahinter blitzen die Sterne. Zwischen den Sternen fließt ein zäher Strom aus Vanillesoße. Darin flaumige Buchteln. Es ist tatsächlich ein wunderbar wohliges Gefühl da oben. Das will ich noch länger genießen, denke ich, und dann ist es weg. So ähnlich wie ein Orgasmus, der kurz vor seinem Erscheinen rechts abbiegt und jemand anderen beglückt. Vielleicht leidet er an Narkolepsie und ist eingeschlafen.
Ich darf mir gestatten, einzuschlafen, sagt der Mann. Und dann sagt er etwas, wo ich mir denke, das muss ich morgen gleich aufschreiben, aber dann ist es weg. Ich soll ihm gut zuhören, sagt er, aber das ist schwer, wenn ich auf dem linken Ohr liege, weil ich rechts so schlecht höre. Was, wenn ich jetzt einschlafe? Dann kann ich ihm nicht gut zuhören. Das ist egal, sagt er, denn der Mann im Handy kann Gedanken lesen. Mein Unterbewusstsein wird alle seine Wörter verstehen. Leider versteht auch mein Bewusstsein seine Wörter. Wörter von tiefer Entspannung. Im Hintergrund plätschert ein Wasser. Oder knistert ein Feuer? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist mein Handy in Vollbrand geraten und knistert.
Gleich werde ich ruhig, tief und fest schlafen, sagt der Mann, und für diesen Satz braucht er 20 Sekunden. Irgendwann sagt er nichts mehr, der Mann, sondern es knistert nur mehr das Wasser oder plätschert das Feuer. Irgendwann geht das Feuer aus. Und das Wasser erlischt. Und ich bin hellwach. Vielleicht hab ich ja einen Tumor im Gehirn und der drückt aufs Schlafzentrum, und vielleicht muss ich bald sterben und werde nie wieder träumen.

Nächster Versuch. Eine Hypnose zum Thema Luzides Träumen. Da merke ich, dass ich träume, sagt ein anderer Herr, und sein Stichwort wird „Pinguin“ lauten. Jedes Mal, wenn er „Pinguin“ sagen wird, werde ich merken, dass ich träume und mich an dem Traum erfreuen. Sagt er. Jedesmal, wenn er Pinguin sagt, muss ich lachen.
Ich muss aufs Klo. Aber bestimmt werde ich gleich danach tief und fest schlafen, bis zum Morgen.

Ich will wieder ins Universum, denke ich und stelle mir Sterne und Nebelschwaden vor. Und die Buchteln, die sich ihren Weg durchs den Weltraum bahnen.
Der Wecker klingelt. Aber er hat doch versprochen, mich nicht zu wecken. Es ist 8 Uhr. Ich hab vergessen, den Wecker abzuschalten. Ein bisschen noch liegenbleiben. Nur ein bisschen.
„Und wann stehst du endlich auf?“, fragt mein Sohn um elf.

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

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