Einen großen Teil unseres Lebens verbringen wir mit Warten. Moritz wartet auf den Zug, Maike wartet auf Moritz, Renate auf Rudi und Rudi auf die Rente. Jan wartet auf die große Liebe, Brigitte und Annabella auf Kundschaft, Karin auf Erfolg, Hannah aufs Leben und Gustl aufs Sterben.
Weil sie so beschäftigt sind mit Warten, verwechseln sie Schienen mit Abstellgleisen, erkennen nicht, dass die Weichen längst gestellt sind oder dass der Zug ohne sie abzufahren droht.
Eine tragisch-komische-lautleise-berührende-witzige Geschichte über Menschen, Leben und Warten. Von und mit den Toll3sten Weibern.
Kontakt: tolldreisteweiber@gmx.at
testsiegerin - 3. Mär, 11:41
Ich war eine Schönheit damals, auch wenn man mir das nicht mehr ansieht.
Von fernen Stränden und aufregenden Städten hab ich geträumt. Ich wäre gern Reisebüroangestellte geworden. Aber das nächste Reisebüro war in Zwettl, und nach Zwettl waren es 38 Kilometer und am Abend ging kein Bus mehr nach Hause. Also hab ich Koch/Kellner gelernt, beim Kirchenwirt im Nachbardorf.
Die Lehre hab ich abgebrochen, nachdem der Kirchenwirt nicht aufgehört hat, mich zu begrabschen.
Am schlimmsten war’s, als die Chefin schwanger war, wahrscheinlich hat’s ihn dann nicht mehr ranlassen. Kaum hat sie ihren Hintern zur Wirtsstube hinausbewegt, hat er mir auf den Busen gegriffen, während ich die Gläser gespült hab. Oder zwischen die Beine. „Du willst das ja auch“, hat er gesagt, aber das war gelogen. Ich wollte den Franz. Erzählt hab ich die Sache mit dem Chef niemandem, nicht einmal dem Franz. Hätt mir sowieso keiner geglaubt, das war damals nicht anders als heute. Wahrscheinlich hätten sie gesagt, dass ich selber schuld bin, wenn ich in dem kurzen Dirndl servier.
Das wollte ich auch nicht, das hat der Chef so von mir verlangt. „Da trinken die Gäste mehr“, hat er gesagt, und dass ich nicht so zimperlich sein soll.
Als die Mutter draufgekommen ist, dass ich nicht mehr dort arbeit, hab ich Watschen gekriegt. Es waren nicht die ersten.
Dann hab ich nicht mehr Gläser gespült, sondern Gläser hergestellt, in der Glasfabrik. Bis der Franz gesagt hat: „Lass uns nach Griechenland abhauen.“ Lange braune Haare hat er gehabt und ein rotes Stirnbandl. Vor allem aber einen umgebauten VW-Bus, mit gebatikten Vorhängen, einer Stereoanlage und weichen Matratzen.
„Wennst jetzt gehst, brauchst gar nicht mehr heimkommen“, hat meine Mama gesagt. Ich wollt eh nicht mehr heim zur Mama und zur Oma. Meinen Papa hab ich nie kennengelernt, in der Geburtsurkunde steht keiner. Wenn ich gefragt hab, haben sie zu heulen begonnen, die Mama und die Oma. Es gab Gerüchte im Dorf, dass es ein russischer Besatzungssoldat war, aber Genaues weiß man nicht.
„Is this the way to Amarillo“, haben Franz und ich im Bus gegrölt und uns frei und mutig gefühlt. In Spielfeld hat der VW-Bus dann noch ein paar Mal geächzt, und das war es dann mit Griechenland. Der Franz ist allein weitergestoppt, und ich bin mit dem Zug nach Hause gefahren. Später dann hab ich erfahren, dass der Franz nicht in der weiten, sondern in der Buckligen Welt gelandet ist.
Als ich nach Hause kam, waren meine Sachen schon gepackt. Die Mama hat wirklich ernst gemacht.
Da kam der Gustl mir grad recht. Der war Stammgast beim Kirchenwirt und hat mich bei sich schlafen lassen. Wir haben gesoffen und geredet und eins ergab das andere. So schnell hab ich gar nicht schauen können, war ich schwanger. Am Anfang hat der Gustl auch noch Träume gehabt und vom Reisen geredet. Nach Amerika wollt er, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Pah, Amerika. Das weiteste, wo wir je waren, war der Klopeinersee.
Ich war total überfordert mit dem Gschrapp, und der Gustl hat sich auch nie wirklich um die Hannah gekümmert. Wenigstens gearbeitet und Geld heimgebracht hat er. Gern gehabt hab ich ihn nie wirklich. „Das kommt schon mit der Zeit“, hat die Oma gesagt, "die Liebe ist nicht das Wichtigste in einer Ehe". Aber es ist nie gekommen. Ich bin nur wegen der Hannah nicht gegangen. Ich wollt unbedingt, dass sie es einmal besser hat als ich. Dass sie eine richtige Familie hat, eine mit einem Mann im Haus, dass sie eine Ausbildung fertig macht und es ihr gut geht.
Und jetzt? Jetzt wirft sie mir vor, dass ich geblieben bin. Dass ich dadurch nicht nur mein, sondern auch ihr Leben kaputtgemacht hab. Undank ist der Welten Lohn. „Schau dich doch einmal an, Mama!“, sagt die Hannah. "Schau, was aus dir geworden ist."
Als hätt ich keinen Spiegel.
testsiegerin - 18. Feb, 16:52
Ich war die zweite von vier Töchtern. Meine Eltern hätten viel lieber einen Sohn bekommen. Ich wäre auch lieber der erste Bub gewesen als das zweite Mädchen.
Ich war eine gute Schülerin. In Englisch und Deutsch war ich Zweitbeste. „Deine Aufsätze sind immer so traurig“, hat die Deutschlehrerin gesagt, „schreib doch einmal was fröhliches, wie die Hanni.“ Ich hätte ihr erklären können, dass das Leben auch mit fröhlichen Aufsätzen nicht besser wird, aber es hätte nichts genützt.
Erst hab ich Blockflöte gelernt und dann Violine. Ich war richtig gut. Endlich einmal war ich in etwas richtig gut. Am liebsten mochte ich die Stücke von Mahler. Nach meinem Ellbogenbruch hab ich im Streichquartett nur noch die zweite Geige gespielt. Wie im Leben auch.
Und irgendwann kam Rudi. Schöne Augen hat er mir gemacht mit seinen schönen Augen, auf der Modellbaumesse. Er war aufmerksam und ein richtiger Gentleman, zwar wesentlich älter als ich, aber sehr attraktiv. Er hat mich hofiert, mir Komplimente gemacht und mich umschwirrt. Das hat so verdammt gut getan. Ehrlich gesagt, ich hab mich nicht für diese Miniaturlandschaften und -züge interessiert, ich hab mir halt während meines Germanistikstudiums auf diversen Messen Geld verdient. Auch auf der Briefmarken- und der Erotikmesse. Eine wie die andere. Sogar das Publikum war das gleiche.
Die halbe Nacht haben wir geredet. Sehr eloquent. Sehr klug. Sehr schön. Pointenreich.
„Du hast einen Vaterkomplex“, hat meine Freundin Brigitte gesagt, als ich sie angerufen und brühwarm von ihm erzählt hab. Brigitte ist Therapeutin.
„Wie schön, dass du nicht nur zu multiplen Sarkasmen fähig bist“, hat Rudi nach der anderen Hälfte der ersten Nacht gesagt und nicht mehr aufgehört, mich überall zu küssen.
In der zweiten Nacht hat er mir gestanden, dass er verheiratet ist. „Yeah, Zweite!“, hab ich gerufen und damit nicht nur die Reihenfolge unseres Kommens gemeint. Ich hab gelacht, dabei hätte ich heulen können. Aber ich wollte nicht, dass er geht.
Dass er sich sowieso gern scheiden lassen würde, hat er gesagt, sich aber Sorgen macht um die Renate, weil sie ja nichts gelernt hat und auf ihn angewiesen ist. „Sie braucht mich, verstehst du, mein Engel?“
Er hat mir versichert, dass er mit ihr nicht mehr schläft. Ich hab ihm das nicht geglaubt. Das erzählen die Männer ihren Geliebten doch alle, oder? Brigitte hat gesagt: „Das kannst du ihm schon glauben.“ Das hat sie bei ihrem Mann auch geglaubt, obwohl der jahrelang eine Affäre hatte. Alle haben sie es damals gewusst, nur die Brigitte nicht.
Einmal hab ich den Rudi nach dem Essen gefragt, warum er die Renate überhaupt geheiratet hat, wo er doch eh immer so schlecht über sie redet, dass sie nicht kochen kann und spießig ist und keinen Wert auf sexy Kleidung legt und so weiter.
„Wegen der Alliteration“, hat Rudi gesagt. „Ich habe gelesen, dass Ehen, in denen die Vornamen der Partner mit dem gleichen Buchstaben beginnen, glücklicher sind als andere. Da dachte ich, Rudolf und Renate Reinthaller, das wird die perfekte Ehe.“
Renate malt. „Volkshochschule, erstes Semester“, findet Rudi. Ich finde das nicht in Ordnung, aber das trau ich mich ihm nicht zu sagen. Rudi kann mit Kritik nicht gut umgehen. Von meinen Texten hält er auch nicht viel, das merk ich, auch wenn er mir dann übers Haar streicht und „das hast du schön geschrieben“ sagt.
Natürlich hab ich mir schon öfter überlegt, mich von ihm zu trennen. Zweitfrau zu sein ist nämlich nicht so aufregend wie es klingt. Zu Weihnachten immer allein. Im Urlaub immer allein. Keine Anrufe. Aber Rudi braucht mich. „Verlass mich nicht, mein Engel, meine Erfüllung, mein Leben“, sagt er oft. Dann küsst er mich und geht. Nach Hause zu seiner Frau.
Ich hab Angst, dass er sich etwas antut, wenn ich ihn verlasse, er wirkt oft so depressiv. Manchmal denke ich, es wäre schön, einmal im Leben Nummer Eins im Leben eines Menschen zu sein. „Fang bei dir selber an“, sagt Brigitte dann, „sei Nummer Eins in deinem Leben.“
Ausgerechnet sie sagt das.
testsiegerin - 15. Feb, 18:57
Wir saßen beim Italiener. Mama, meine zwei Schwestern, Mamas neuer Freund und ich. Meine Schwestern sind in Wahrheit nur meine Halbschwestern, wir haben drei unterschiedliche Väter. Eine Schwester einen New Yorker Maler mit jüdischen Wurzeln und die andere einen Geschäftsführer eines All-inclusive-Clubs in Djerba. Mein Vater war Arzt in Amsterdam. Irgendwie kann ich verstehen, dass keiner der drei es länger als zwei Jahre mit Mama ausgehalten hat.
Trotz der Entfernung sind sie alle ihre Freunde und unsere Väter geblieben. „Ich liebe sie immer noch“, sagte Mama oft, und jedes Mal, wenn sie das sagte, zuckte Klaus, ihr Neuer zusammen. „Vielleicht hätte ich sie nicht verlassen sollen“, sagte sie auch hin und wieder, dabei waren es immer die Männer gewesen, die gegangen waren. Mama war schön, bunt und schrill. Klaus war höflich und lieb, aber ein bisschen spießig. Er passte nicht zu uns.
Mama war Schauspielerin. Sie hatte zufällig gerade ein Engagement und daher Geld in der Tasche. Wie immer, wenn sie Geld in der Tasche hatte, lud sie uns zum Nobelitaliener ein. Wenn sie keines hatte, was viel häufiger vorkam, oder wenn der Unterhalt für uns Kinder nicht pünktlich eintraf, gab es Spaghetti in allen Variationen. Mit Tomatensoße, Aglio und Olio, mit Thunfisch, Carbonara, Bolognese. Oder Pizza aus dem Tiefkühlfach.
Es passierte zwischen Antipasti und Primo Piatto. Die erste, große Gier war gestillt, doch der Hunger noch lange nicht, die Vorfreude auf das, was noch kommen sollte, war groß. Es war einer dieser Momente, in dem alle Sinne und Poren aufnahmebereit sind. Ich schwöre, ich hatte es nicht geplant, irgendwann vielleicht, aber nicht für diesen Abend. Doch als Paolo Contes Max durch den Raum waberte, spürte ich, dass dieser Augenblick der richtige, ja, der einzig mögliche war.
Enrico, der schöne Oberkellner mit der Elvis-Tolle und dem verschmitzten Lächeln, hatte gerade die Vorspeisenteller abserviert, auf meiner Zunge lag noch der Geschmack von gerösteten Babycalamari auf Ruccola und gerösteten Pinienkernen. Ich verstand nicht, wovon Paolo Conte sang, aber das Lied erzeugte Gänsehaut auf meiner Seele. Nur ein paar Worte fing mein Geist auf, und unter diesen Worten waren vor allem zwei, die meine Aufmerksamkeit und mein Herz erregten. Max und segredo. Geheimnis.
Ich trank einen Schluck Sauvignon Blanc, obwohl mir Wein nicht schmeckte, und kratzte meinen Mut zusammen.
Im Kopf war ich diese Szene schon unzählige Male durchgegangen. „Ich bin draufgekommen, dass ich homosexuell bin“ klang zu steril. „Ich bin ein stolzer, schwuler Mann“ zu pathetisch und hätte wahrscheinlich Lachanfälle meiner Familie ausgelöst. „Ich hab mit einem Kerl gevögelt“ war zu ordinär und die Wahrheit - nämlich „ich habe mich in Max verliebt“ - zu romantisch.
„Ach ja, hab ich vergessen zu sagen“, sagte ich so beiläufig wie Ich hab eine Zwei minus in Mathe, „ich bin schwul.“
Enrico stellte die Linguine mit Parmesancreme mit Trüffel vor mich. Ich schwöre, er hat mich noch eine Spur verschmitzter als sonst angelächelt.
„Armer Kleiner“, sagte Jacoba, meine große Schwester und strubbelte mir durchs Haar. Sie wusste, dass ich beides nicht leiden konnte, das Strubbeln und das Kleiner. „Das gibt nur Probleme, glaub mir. Ich weiß, wovon ich rede.“
„Du weißt, wovon du...?“
„Sicher. Ich steh schließlich auch auf Männer. Die sind so ungeheuer kompliziert.“ Sie rollte die Augen und wickelte die Nudeln auf die Gabel.
Meine kleine Schwester konzentrierte sich auf ihr Smartphone und ich dachte erst, sie suchte nach einer Taste, mit der sie sich aus dieser peinlichen Situation wegbeamen konnte. „Ich hab’s!“, rief sie plötzlich und las einen Spruch aus Facebook vor: „Niemand sucht sich Herkunft, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung aus. Aber jeder kann wählen, ob er ein Arschloch ist.“
„Jamaal!“, sagte Mama.
„Ich hab doch nur gemeint, dass Jan ganz bestimmt kein Arschloch ist. Er ist einer von den Guten.“
„Danke, Süße.“ Sie konnte es nicht leiden, wenn ich sie Süße nannte.
Mama leckte sich einen Krümel aus dem Mundwinkel, schenkte allen Wein nach und sagte: „Danke, dass du es uns gesagt hast, Jan. Ich hab mir so etwas Ähnliches eh schon gedacht“. Sie sagte es im gleichen Tonfall wie sonst Reichst du mir bitte mal das Salz rüber? Was bitte war etwas Ähnliches wie schwul?, dachte ich und wollte fragen. Aber Mama lächelte mich an und sagte nur: „Reichst du mir bitte mal das Salz rüber?“
Ich weiß nicht, was ich erwartet habe. Kein Erdbeben, keine Tränen und keine Vorwürfe, dazu war meine Familie viel zu durchgeknallt und tolerant – oder war es bloß Gleichgültigkeit, weil alle mit sich selbst beschäftigt waren? Dass mein Outing sie weniger überraschte als hätte ich soeben gestanden, bei den Pfadfindern zu sein, das verblüffte – und kränkte mich jedoch. Ich hätte mir mehr Aufmerksamkeit für diesen denkwürdigen Moment gewünscht, in dem ich mich vor mir und meiner Familie zu meiner Sexualität bekannte. Vor allem von Mama.
Es war nämlich so: Auch, wenn ich es mir vormachte – es war doch nicht normal, schwul zu sein! Es machte mir Angst, verwirrte mich, wirbelte mich durcheinander. Ich wollte mich erklären, kämpfen, reden, mich rechtfertigen. Aber Mamas Aufmerksamkeit galt der Kalbsleber nach Borgo Art mit Zwiebeln, Sellerie und Polenta. „Heute hat der Koch sich wieder selbst übertroffen“, sagte sie.
Einzig und allein Klaus, Mamas biederer, lieber Freund, erkannte meine Notsituation und versuchte mich zu retten. Er hörte auf zu essen und legte das Besteck zur Seite. „Aber Jan, das kann man in dem Alter doch noch gar nicht so genau wissen“, sagte er und zwinkerte mir aufmunternd zu, „das geht bestimmt vorbei. Spätestens, wenn die Richtige kommt.“
testsiegerin - 9. Feb, 18:40
„Du kannst nicht schon wieder was vorlesen, Mama“, sagt sie. „ Du warst schon fünfmal da und hast jedesmal etwas vorgelesen. Teil halt einmal etwas anderes. Das, was du schreibst, interessiert die Leute nicht.“ Wahrscheinlich hat meine Tochter Recht, denn während ich zu lesen beginne, beginnen zwei Gäste eine angeregte Unterhaltung.
Es gibt viele hier, die besser schreiben können, witziger, sprachgewandter, pointierter. Aber was soll ich sonst teilen? Ich könnte über den Spaß am Theaterspielen und die Arbeit und das Vergnügen mit den Toll3sten erzählen, aber das wissen die meisten ohnehin. Oder wie sehr ich im Flow versinke, wenn ich Silberschmuck schmiede. Ich könnte etwas Selbstgekochtes mitnehmen, ich kann gut kochen. Aber das ist nichts besonderes, es gibt viele hier, die wesentlich besser kochen.
Was könnte ich teilen? Ich kann mir keinen Trüffel leisten und die vorletzte Flasche Hofer-Champagner hab ich getrunken, als Ernst Strasser verurteilt wurde. Die letzte brauch ich für Grasser, die kann ich nicht hergeben.
Ich reise nicht viel, also kann ich nicht mal mit preiswerten jemenitischen Ziegenaugen aufwarten. Das weiteste, wo ich je war, ist Lanzarote. Einen Lavastein von dort hab ich noch, aber was ist ein simpler Vulkanstein gegen das Sehorgan eines vorderasiatischen, widerkäuenden Paarhufers?
Wofür es sich zu leben lohnt? Na fürs Leben halt. Weil es einfach da ist, und wo es schon einmal da ist, ist es doch besser, es so zu leben, dass es sich lohnt, als ständig darunter zu leiden, oder? O.k., an mir ist keine grandiose Philosophin verloren gegangen.
Für meinen Beruf lohnt es sich zu leben - aber abgebaute, einbeinige Alkoholiker, die ihrer Familie mit dem Umbringen drohen, demente Damen, unter deren versifften Matratzen ich nach Sparbüchern suche oder Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, deren Intelligenz immerhin ausreicht, jede Woche einen neuen Handyvertrag abzuschließen und mir immer einen Schritt voraus sind, sind für andere nur bedingt spannend.
Für meine Kinder lohnt es sich zu leben, aber mit Kindern ist es wie mit Katzen, man mag sie, man hasst sie oder man ist allergisch. Wenn man sie mag, dann hauptsächlich die eigenen.
Plötzlich habe ich das Gefühl, dass alles in meinem Leben entsetzlich banal ist und alle anderen im Gegensatz zu mir ein richtig aufregendes Leben führen. Sie sind Musiker, Filmschaffende, Schriftsteller, Philosophen, Lebemenschen und Lebensmenschen. Oder wenigstens so richtig cool.
Ich arbeite und ernähre meine Familie, gehe dreimal die Woche ins Fitness-Studio, schaue am Wochenende gern Schirennen oder Fußball, je nach Jahreszeit und – ja, ich gestehe - lästere jeden Donnerstag bei Austrias next Topmodel ab. Ich schäme mich dafür, dass ich mich nicht einmal schäme dafür.
Ich habe das Gefühl, überhaupt nichts so richtig gut zu können. Ich weiß, darum geht es nicht, nicht im Leben und schon gar nicht im Salon. Man muss da nichts beweisen, sondern nur etwas teilen. Aber mein Gefühl schert sich einen Dreck darum, ob es darum geht, sondern drängt sich deppert dazwischen und macht sich wichtig. A propos: deppert sein kann ich ziemlich gut, aber sogar dabei werde ich von den meisten hier locker überrundet.
Teilen soll ich und würde ich auch gern, aber ich weiß nicht, was, wo doch die ganze Welt ohnehin alles per Facebook teilt, vor allem Katzen, Kinder und Kochen. Katzen kochen wäre vielleicht noch was. "Die hundert besten Katzenrezepte des Weinviertels" oder "Kinder kochen Katzen".
Zum Glück gibt es Menschen in meinem Leben, eine Handvoll vielleicht oder zwei, mit denen kann ich teilen, wie es sich anfühlt, sich nicht gut genug zu fühlen. Wie es ist, wenn das Leben und die Bank einem manchmal richtig Angst einjagen. Zum Glück gibt es Freundinnen, die ich um drei Uhr früh anrufen kann, weil ich geträumt habe, dass mir die Buchteln verbrannt sind, weil die Bremsen bei meinem Auto versagt haben. Und welche, die verstehen, dass es bei uns reinregnet, weil ich mir letztens in Linz lieber das Kleid gekauft hab als neue Dachziegel. Acht Quadratmeter Dachziegel hätte ich für dieses Kleid gekriegt.
Meine Freude teile ich mit diesen Freunden, meine Gedanken und meine idiotischen Selbstzweifel. Das teile ich auch hier. Weil ich tief drin weiß, dass hier auch andere Menschen mit einem Dachschaden sind. Da riskiere ich sogar, dass jemand sich beim nächsten Mal über weibliche Betroffenheitsliteratur lustig macht.
testsiegerin - 2. Feb, 01:10
Sie war wahnsinnig schön, als sie im Sarg lag. Schöner als je zuvor. Ich schwöre, sie hat mich angelächelt, mit ihren roten Lippen. Sie sah aus wie Schneewittchen. Als Papa sich zu ihr hinunterbeugte, war ich überzeugt davon, dass sie die Augen aufschlägt, wenn er sie küsst. Er hat sie nicht geküsst, sondern nur die Haare aus ihrem schönen Gesicht gestrichen. Außerdem war der Sarg nicht aus Glas und Schneewittchen nicht Dornröschen.
Ich war 14, als meine Mutter starb. Ich war hin- und hergewürfelt zwischen Kindheit und Erwachsensein, zwischen Märchen und Michael Jackson. Hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung, Mama möge nach dem schrecklichen Unfall wieder lebendig sein und der Gewissheit, dass nichts je wieder so sein würde, wie es war.
Papa wollte mir den Anblick meiner toten Mutter ersparen. Ich sollte sie so in Erinnerung behalten, wie ich sie zuletzt gesehen hatte. Zwei Tage lang aß ich nichts und sperrte mich in mein Zimmer ein. Ich hörte Mozarts Requiem in Endlosschleife. Nie wieder wollte ich herauskommen, nicht aus meiner Daunendecke und nicht aus der Musik, die mich umspülte.
Erst, als Papa an die Tür klopfte und sagte: „Zieh dich an, wir fahren zu Mama“, beendete ich meinen Hungerstreik und meine freiwillige Gefangenschaft. Die Kinder- und Jugendpsychologin, an die Papa sich in seiner Verzweiflung gewandt hatte, fand, dass es wichtig für mich wäre, meine Mutter noch einmal zu sehen, wenn ich mich von ihr verabschiedete.
Als ich an Mamas Sarg stand und über das glatte Ahornholz strich, fühlte ich mich auf eine eigenartige Weise getröstet. Sie lächelte mich an. Die Traurigkeit über ihren Verlust war zwar enorm, aber mit einem Mal hatte der Tod seinen Schrecken für mich verloren. Er hatte nicht die Macht, dem Leben seine Schönheit zu nehmen; das beruhigte mich. Friedlich und zufrieden sah Mama aus. Vielleicht sogar zufriedener als am Tag ihres Unfalls, da hat sie sich in der Früh über mich geärgert, weil ich verschlafen hatte und sie mich zur Schule bringen musste.
Sie war wunderschön in ihrem Sargbett, ein wenig blass, doch das Rouge brachte ihre Wangenknochen gut zur Geltung.
Noch am selben Abend beschloss ich Bestatterin zu werden.
Mein Papa litt sehr unter dem Tod meiner Mama. Ich natürlich auch, aber mindestens genauso litt ich darunter, dass seine Fröhlichkeit und sein Humor mit ihr gestorben war. Während meine Freundinnen herumzickten und sich von zu Hause abnabelten, bemühte ich mich, ein liebes, fröhliches Mädchen zu sein. Ich setzte alles daran, meinen Papa wieder zum Lachen zu bringen und war glücklich, wenn es funktionierte. Die glückliche, junge Frau zu spielen, die andere mit ihrem Lachen ansteckte, ging mir so sehr in Fleisch und Blut über, dass ich es irgendwann tatsächlich war. Es ist nachgewiesen, dass man sich besser fühlt, wenn man lacht, auch wenn einem eigentlich nicht zum Lachen zumute ist. Versuchen Sie mal, einen Hampelmann zu machen und dazu zu schreien: „Ich bin traurig!“ Das klappt einfach nicht. So lernte ich, das Positive und Schöne im Leben und in den Menschen zu sehen und nicht das Traurige und ihre Defizite.
„Was du nicht besiegen kannst, mach dir zum Freund“ hatte Mama immer gesagt. Mit Mathe und meinem Mathelehrer war mir das nicht gelungen, vielleicht gelang es mir ja mit dem Tod.
Der Bestatter staunte nicht schlecht, als ich ein paar Wochen später vor seiner Tür stand und darum bat, bei ihm arbeiten zu dürfen. „Du werd’ erst mal erwachsen!“, sagte er und lachte, „so ein junges Mädel sollte sich mit schöneren Dingen als dem Tod beschäftigen“.
Ich kam am nächsten Tag wieder. Und am übernächsten und überübernächsten Tag auch. „Der Tod schert sich auch nicht darum, ob jemand erwachsen ist oder nicht“, sagte ich. Irgendwann wurde er weich und ich kam jeden Samstag. Am Anfang ließ er mich noch nicht an die Leichen, sondern teilte mich für Büroarbeit ein. Bald wusste ich alles über Särge und ihre Preise, über Grabsteingravuren und Friedhofsgebühren. Aber ich blieb hartnäckig, und nach und nach bemerkte er, dass ich auch gut mit Menschen umgehen konnte, mit Trauernden und mit Toten. Die Angehörigen fühlten sich mit ihren Ängsten und Schuldgefühlen von mir verstanden und angenommen, obwohl ich noch so jung war.
Nach der Matura hab ich nicht nur am Samstag in der Bestattung ausgeholfen, sondern wurde fix dort angestellt. Mein Papa hätte mich zwar lieber als Flugbegleiterin gesehen, aber auch er war machtlos. Er spürte, dass mein Beruf mich glücklich machte und so, wie ich wollte, dass Papa glücklich war, wollte auch er, dass ich es war und akzeptierte meine Berufswahl.
Vor allem die Thanatopraxie ist meine Leidenschaft, ich hab etliche Seminare zu dem Thema besucht. Dort lernte ich die Vorbereitung der Leichen für die Beisetzung. Am liebsten mag ich die optische Wiederherstellung von Unfallopfern.
Vor ein paar Tagen hatten wir eine Frau da, die beim Bergsteigen abgestürzt ist. War ganz schön viel Arbeit. „Bringen Sie das Kind mit“, sagte ich zum skeptischen Vater, „es ist wichtig.“
„Glauben Sie wirklich?“
„Ja“.
Sie sieht aus wie Schneewittchen, dachte ich, als ich mein Werk vollendet hatte. Ich wischte mir eine Träne aus den Augenwinkeln und lächelte zufrieden.
„Sie können sich jetzt von ihr verabschieden“, sagte ich zum Ehemann, der seine kleine Tochter an der Hand hatte, und begleitete die beiden zum Sarg.
„Papa, schau mal, wie schön Mama wieder ist! Sie sieht aus wie Katy Perry.“
testsiegerin - 5. Jan, 23:29
Judith und ich waren seit sieben Monaten ein Paar. Sie hatte einen aufregenden und trainierten Körper, den ich Tag für Tag gerne neu entdeckte, einen scharfen Verstand, mit dem sie mich in Diskussionen oft forderte, sie war sportlich, witzig und warmherzig. Beruflich war sie als Dozentin für Audioproduktion an der FH erfolgreich und bei den Studenten beliebt. Judith liebte ihren Beruf. Ich liebte vor allem die Töne, die ich ihr beim Sex entlockte.
Kurz: Judith war meine Traumfrau.
Ich vertraute ihr. Zum Teil, weil ich von Natur aus kein misstrauischer Mensch war, zum anderen Teil, weil ich – ohne überheblich wirken zu wollen - überzeugt von meinen Qualitäten als Mann und Partner war, Qualitäten, die es durchaus mit denen von Judith aufnehmen konnten. Abgesehen davon schätzte ich Frauen, die ihr eigenes Leben lebten und die sich nicht über ihren Partner definierten.
Warum also hätte ich etwas dagegen haben sollen, als Judith im Frühling damit anfing, an den Samstag- oder Sonntagnachmittagen regelmäßig wegzugehen, um sich mit ihrer Freundin zu treffen, zum Shoppen, ins Kino oder Kaffee trinken.
Um ehrlich zu sein, ich war keineswegs unglücklich darüber. Denn im Frühling blühte nicht nur die Natur auf, auch die Bundesliga erwachte aus ihrem endlos scheinenden Winterschlaf. Das bedeutete, dass Walter und Erwin kamen und wir gemütlich das eine oder andere Gläschen und Tor konsumierten und kommentierten. Wir hatten uns nach unseren wilden Jahren zu dem entwickelt, was Spötter Komfortzonen-Fans nannten, aber wir fanden, mit 40 Plus hatten wir uns das redlich verdient. Sofa vorm Ofen anstatt Tribüne und feuchte Kälte, 50 Zoll mit Nahaufnahmen statt ein schlechter Blick aufs Spielfeld, ein guter Barrique aus dem Riedel Glas statt Bier aus dem Plastikbecher. Eine jahrzehntelange Freundschaft verband Walter, Erwin und mich. Was uns noch verband, waren die Veilchen, also die Wiener Austria.
Judith hätte nie böse Bemerkungen über unser Hobby gemacht wie Walters Frau, die Woche für Woche „Fußball ist dir also wichtiger als unsere Beziehung?“ keifte, wenn er das Haus verließ. Walter antwortete immer diplomatisch mit „das kann man so nicht sagen“, anhand mit einem ehrlichen „Ja“. Früher hatte sie jedes Mal pünktlich nach dem Schlusspfiff angerufen und gefragt, wo er bliebe, bis Walter Erwins Rat folgte und das Handy einfach ausschaltete.
Das würde Judith nie tun, dachte ich, mir hinterhertelefonieren und mir meinen Spaß nicht gönnen. Ich vertraute ihr, und sie vertraute mir. So einfach war das. Nun ja, um ehrlich zu sein, ich weiß gar nicht, wie Judith reagiert hätte, sie war ja meistens schon weg, wenn meine Jungs kamen.
Wahrscheinlich hätte sie sich gelangweilt in ihr Studio zurückgezogen und die Tonaufnahmen ihrer Studenten angehört. Vielleicht hätte sie vorher noch augenzwinkernd in unsere Richtung bemerkt, dass wir ja doch zu Emotionen fähig wären. Vielleicht hätte sie auch „Was war noch mal ein Abseits?“ gefragt und spöttisch gegrinst, weil keiner von uns Dreien – wir waren allesamt Akademiker - ohne Zuhilfenahme von Bleistift und Zettel ein Abseits erklären konnte.
Wie gesagt, ich war von Natur aus nicht misstrauisch. Ich wurde es auch nicht, als Walter – Junuzovic netzte gerade ins linke Kreuzeck ein - bemerkte, dass Judith von ihren ausgedehnten Shopping-Touren nie mit Einkäufen zurückkam. Erwin – der bisweilen unter seinem Singledasein litt, fügte sarkastisch hinzu: „Vielleicht hast du sie falsch verstanden. Vielleicht hat sie ja Poppen gesagt und nicht Shoppen.“
Solche blöde Bemerkungen konnten mich nicht aus der Ruhe bringen. Ich versuchte mich wieder auf den Bildschirm zu konzentrieren. Unkonzentriert war leider Ortlechner, der den Ball anstatt ihn zum Torwart zurückzuspielen an diesem vorbei ins eigene Tor schoss.
Wie gesagt, ich vertraute Judith, aber hatte sie da nicht aufgeregte rote Flecken im Gesicht? „Ganz schön kühl draußen“, lächelte sie und küsste meine Bedenken weg.
Niemals hätte ich mich – wie andere Männer - dazu hinreißen lassen, heimlich in ihren SMS nach verräterischen Nachrichten zu suchen. Solche Aktionen machten Beziehungen kaputt. Misstrauen machte die Liebe kaputt, darin waren Judith und ich uns einig. Ich wollte nichts kaputtmachen. Aber ehrlich, was würden Sie tun, wenn Ihre Freundin ihr IPhone zu Hause liegen lässt und es nicht aufhört zu klingeln, während Emir Dilaver mit einem Zuckerpass auf Hosiner das 1:0 einleitet? Ich schwöre, ich griff ihr Handy nicht an, sondern warf nur einen schnellen Blick auf das Display. „Sandra ruft an“, stand dort. Sandra. War Judith nicht mit Sandra im Zoo?
„Wie war’s mit Sandra im Zoo?“, fragte ich so beiläufig wie möglich, als wir am schön gedeckten Tisch saßen und Steaks vom argentinischen Angus-Rind, ihre Lieblingsspeise, aßen. Dazu gab es Folienkartoffel und Zuckerschoten. Ich hatte für sie gekocht, um ihr eine Freude zu machen. Ich hatte nämlich ein klein wenig Angst, sie zu verlieren, und ich wollte meine Traumfrau nicht verlieren. Immer öfter schlich sich der Gedanke in mein Hirn, sie könnte mich betrügen. Ich würde um sie kämpfen, schwor ich mir, selbst wenn es da jemand anderen in ihrem Leben gab. Vielleicht war es zwischen ihr und diesem Kerl, wenn es einen gab, ja nur Sex, während Judith und mich viel mehr verband als körperliche Anziehungskraft. Was auch immer passiert war, ich wollte ihr dieses Foul verzeihen und nicht die rote Karte zücken.
„Wie es im Zoo war? Ach, wie es im Zoo halt so ist. Viele Tiere. Der Tiger war das Beste.“ Es fühlte sich an, als würde jemand ein Messer in meine Brust rammen. Im nächsten Moment spürte ich ihre Hand in meinem Schritt. „Diese Geschmeidigkeit und Kraft. Magst du mein Tiger sein?“
Konnte Judith tatsächlich so abgebrüht sein und ohne Skrupel aus den Armen eines Liebhabers direkt in die meinen stolpern? Meine Lust war stärker als meine Zweifel und ich beschloss, dass es bestimmt eine Erklärung für alles gab. Aber ich wollte sie nicht hören. Noch nicht.
„Was ist denn mit der los? Bilde ich es mir nur ein oder sieht sie heute ziemlich zerzaust aus?“, fragte Erwin ein paar Wochen später, als Judith nach Hause kam und ohne Begrüßung sofort ins Badezimmer stürmte. Meine Laune war ohnehin im Keller, denn meine Austria war drauf und dran, gegen die Bullen zu verlieren. Ausgerechnet Franz Schiemer, ein Ex-Austrianer, hatte mit einem Fallrückzieher das 3:1 gemacht. Ein sensationelles Tor, wie ich zugeben musste.
Nach dem Schlusspfiff ging ich ins Bad. Judith war gerade aus der Dusche gestiegen und hatte ein Handtuch um ihren wunderschönen Körper gewickelt. Sie roch nach Mandeln und Orangen. Vor dem Spiegel versuchte sie, ein golfballgroßes Hämatom am Auge mit Make-up zu überschminken. Auch auf ihrem Oberarm waren Kratzer und Blutergüsse.
„Hat der Tiger seine Krallen ausgefahren?“ fragte ich und meine Eifersucht fletschte die Zähne.
„Der Kofferraum“ sagte sie, „angerannt. ich dachte, du stehst auf Veilchen?“
Ich würde den Kerl, der ihr das angetan hatte, umbringen, beschloss ich und verwarf den Plan sofort wieder. Ich verabscheute Gewalt. Und ich liebte Judith. Die wirkte alles andere als unglücklich, eher aufgeregt und - im wahrsten Sinne des Wortes - aufgekratzt. Vielleicht hatte es ihr ja gefallen. Vielleicht sollte ich sie auch einmal härter anfassen und nicht nur zärtlich zum Orgasmus lecken. Vielleicht war ich ihr zu wenig Raubtier und zu sehr Schmusekater. Die Einschätzung – oder war es Überschätzung - meiner Qualitäten als Liebhaber wankte plötzlich bedrohlich.
Meine eine Hand drängte sich besitzergreifend zwischen ihre Beine, die andere griff ihr ins Haar und zog sie zu mir. Judith presste die Knie zusammen und sagte: „Jetzt nicht. Ich hab meine Tage.“
„Judith?“
„Ja?“
„Möchtest du darüber reden?“ Ich hoffte, sie würde Nein sagen, denn ich wollte nicht reden. Ich wollte nur, dass alles wieder wie früher war, dass wir einander vertrauten und uns ineinander geborgen fühlten.
„Mach dir keine Sorgen!“, sagte sie und küsste mich auf den Mund. „Alles in Ordnung. Du würdest es nicht verstehen. Ich liebe dich.“
Natürlich machte ich mir Sorgen. Gar nichts war in Ordnung. Vielleicht würde ich es ja doch verstehen. „Ich liebe dich auch“, sagte ich nur.
Anlässlich des Derbys hatten wir eine besonders gute Flasche geköpft, einen Leoville Poyferre 2011er.
Walter sah sie zuerst. „Schau mal!“, er drückte geistesgegenwärtig auf eine Taste der Fernbedienung und das Bild fror ein. „Judith!“, sagte Erwin und stellte sein Glas ab. Ich sagte nichts. Ich fror auch ein. Mir stockte der Atem und fehlten die Worte.
Judith hatte Recht gehabt. Ich verstand es nicht. Meine Judith - zwischen zwei bulligen, tätowierten und glatzköpfigen Ärmelbären, die zu einer seltsamen Choreographie hüpften und Fangesange brüllten. Meine Judith - mitten im Ultra-Fanblock. Sie hielt das Ende eines Transparents, das den „Sinn des Lebens“ verkündete, hinter ihr loderten bengalische Feuer. Ihre Wangen waren in den Vereinsfarben bemalt und ihr Mund offen.
Schockiert drückte ich die Aus-Taste. „Ich werde mich von ihr trennen“, flüsterte ich und Tränen liefen über meine Wangen. „Ich fühle mich so hintergangen.“
„Spinnst du, du Idiot?“ Ich hatte Walter noch nie so aufgebracht erlebt, höchstens, als Philipp Hosiner in der Euro League den Elfmeter verschossen hatte. „Du hast eine Frau, um die dich alle Männer beneiden, sie ist nicht nur wunderschön, klug und liebenswert, sondern steht auch noch auf Fußball. Du kannst dich doch nicht von ihr trennen, nur weil sie im Gegensatz zu uns ihren Arsch hochkriegt und die Mannschaft im Stadion supportet anstatt wie wir satt und bequem vor dem Fernseher zu hocken!“
„Nein. Nicht deshalb. Aber warum gerade grün-weiß? Wie kann nur Rapid der Sinn ihres Lebens sein?“
testsiegerin - 20. Dez, 21:42
Wer im Vorweihnachtsstress ein paar Stunden abschalten und sich unterhalten lassen will
wer Weihnachten mag, wer Weihnachten hasst oder wem Weihnachten egal ist
Wer lachen, sich berühren oder erregen lassen will
Wer dabei schöne Bilder betrachten und guten Wein trinken will
Wer mit uns unseren 2jährigen Geburtstag feiern will
der ist am Montag abend herzlich willkommen!
(Und alle anderen auch)
testsiegerin - 15. Dez, 21:57