Gedichte
Augen knurren raubtierhungrig
durch die satte Nacht
Lippen blitzen gierig wie Hyänen
das Feuer längst entfacht
Krallen sehnen und suchen
den willigen Leib
und der keuchende Krieger
kriecht aufs kochende Weib
Körper dampfen auf Tigerfellen
Lust drängt aus der Haut
und beißt sich
ins feuchte Fleisch der Braut
Im Warm und Nass der Höhle
macht sich Seligkeit breit
Ergießt sich im Raum
und verflüchtigt die Zeit
testsiegerin - 11. Okt, 18:55
Rom
Die Stadt der
Kirchen und Plätze
der Türme
und Bräute
La città
delle chiese e piazze
delle torri e spose
Die Stadt
der weißen Brautschleier
der schwarzen Hochzeitsanzüge
und bunten Sträuße
Rom
Die Stadt
des alten Brunnens
Fontana di Trevi
voll mit Münzen
von jungen Liebenden
In ihren Köpfen
La Dolce Vita
In ihren Herzen
der Wunsch
diese Liebe möge
nicht irgendwann
zu bröckeln beginnen
P.S. Ich war ja noch nie in Rom. Aber meine Tochter. Und für ihr Portfolio (Hafenfolie?) brauchte sie ein Gedicht, das ihre Gefühle widerspiegelt und einen Zusammenhang zu Rom hat. Und weil sie keines fand, hat sie gesagt: Schüttle doch eins aus dem Ärmel.
Was ihr besonders in Erinnerung geblieben ist, hab ich sie gefragt. Das Kolosseum, hat sie gesagt, und unheimlich viele Bräute.
So entstand dieses Gedicht.
"Kann deine Mama nicht für mich auch eins schreiben", hat eine Schulkollegin sie heute gefragt.
"Nein, frag doch deine eigene Mama."
testsiegerin - 5. Mai, 22:53
ich will deine weichen stellen
flüsterte er
und sie zog die notbremse
ich brauche niemanden
der mir die richtung
vorgibt
kein leben
auf schienen
sie schob ihn
auf das abstellgleis
geradeaus und hart
dabei wollte er
nur
ihre warmweichen kurven
testsiegerin - 28. Apr, 17:07
zögernd
die anker einholen
auftauchen
aus dem selbst
in die see/lee gerissenen dunkel
neid und leid
karte kompass / nadel
tränen und trauer
über bord werfen
vorsichtig
tag und luft
schnappen und riechen
und schmecken
nicht mehr getrieben sein
sondern
treiben lassen
von wind und wärme
(A.M.See)
Das war's literarisch von A.M.See. Jetzt wird Frau A.M.See in Gestalt von David Ramirer Zeichnungen anfertigen. Und irgendwann gibt es "Das Segel des Loches" in gedruckter Form. Zur Präsentation (voraussichtlich am See) seid ihr selbstverständlich herzlich eingeladen.
Mein besonderer Dank gilt natürlich David Ramirer, der mich mit seiner Klappentextausschreibung erst auf diese Idee gebracht, für mich einen Rippenbruch riskiert und mich mit Bildern vom See und Spaghetti inspiriert hat und an unser gemeinsames Projekt glaubt.
Danke euch allen fürs Lesen, für euer Feedback und die Kritik, die mich ermutigt haben, weiterzumachen, obwohl Frau A.M.See mich mit ihren depressiven Verstimmungen manchmal ganz schön hinuntergezogen hat.
testsiegerin - 27. Feb, 11:44
Wenn der Sommer
nur noch siecht
Die „MS Kaiserin Elisabeth“
die letzten Gäste
ausspuckt
und die Weite des Wassers
mit voller Wucht
auf die Enge in ihrer Brust
prallt
sehnt sie ein Ende herbei
Wenn die letzten Gäste
den späten Wein
kauen und ausspucken
anstatt ihn zu trinken
und der See
die aufgeschwemmten Leichen
des langen Sommers
anschwemmt
spuckt sie angewidert
ihr Sehnen
in den Schlamm
und geht nach Hause
Leben
(A.M.See)
testsiegerin - 25. Feb, 22:27
Ihr Leben
im Widerstand
La Resistance
haben die wenigen Freunde sie genannt
Seewinkler Resistance
Ihre Landkarte
ein Schlachtfeld
belagert von General Schuld
besetzt vom Dunkel der Nacht
Immer dagegen angekämpft
meistens vergeblich
Und jetzt
zum ersten Mal
mitten in ihrem Leben
mitten in ihrer Heimat
kämpft sie
für etwas
für die Erhaltung
der alten Windmühle
im Ort
(A.M.See)
Die Podersdorfer Windmühle ist die größere der beiden letzten Windmühlen in Österreich
testsiegerin - 22. Feb, 15:38
An diesem Morgen im Mai
nach dieser Nacht im Yachthafen
malt sie einen leuchtenden Heißluftballon
in den Postkartenhimmel
(für die Touristen gemacht) -
mit dem Pinsel aus Glück
und Marderhaar
Minuten der Freiheit
und Unbeschwertheit
An diesem Mittag im Mai
hängt sie -
mit dem Stift aus Kohle
und Misstrauen -
Ballast an den Korb
und schaut ihm beim
Sinken zu
(A.M.See)
testsiegerin - 17. Feb, 09:17
Keinen Staub aufwirbeln
steht in unsichtbaren Lettern
auf der Ortstafel von Frauenkirchen
und jeder hier weiß
Verstoße werden strengstens geahndet
Keinen Staub aufwirbeln
steht in den Gesichtern
der Frauen
die in der Tracht
aus Kittelschürze, Kummer,
Kopftuch und Gram
den Gehsteig kehren
Keinen Staub aufwirbeln
steht in den Augen
der Männer
wenn wieder einer von ihnen
besoffen und heldenhaft
in die Mauer
vom Serbenfriedhof rast
Irgendwann
krachen die Lügengebäude
zusammen
hofft sie
die frisch gestrichenen
und die alten, verfallenen
Irgendwann
wachsen hier noch Luftschlösser
testsiegerin - 12. Feb, 11:17
Wohin fliegen die Störche, Großmutter?
Nach Südafrika
Dort hat es im Winter Sommer
und ein Kap der guten Hoffnung
Nachts heimlich
den Finger auf den Globus
und den Pass in den Rucksack
gelegt
Johannisburg
schlottern ihre Knie
am Bahnhof von Eisenstadt
und das Sparschwein stirbt
Nach dreimal Umsteigen
vier Wurstbroten
und dreißig Stunden Fahrt
zwischen Heimweh und Sehnen
endlich ankommen
Warum ist es so kalt
in Südafrika?
fragt sie den Bahnhofsvorstand
von Pisz
Wo sind die Störche
und wo die Hoffnung?
A.M.See
Johannisburg (=Pisz) ist eine Kreisstadt in der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren (im Nordosten Polens) mit etwa 19.400 Einwohnern
testsiegerin - 8. Feb, 15:25
Gott hat ihn zu sich geholt
salbt der Pfarrer
dabei waren es Tod und Sturm
Sie sehnt sich
hinter den schwarzen Schleier
der wehklagenden Witwe
an seinem Sarg
bedeckt mit Segeltuch
Heimlich geliebt und gefickt
gelitten und gestritten
verziehen und versöhnt
Heimlich getrauert auch
Kein Mit-
kein Bei-
nur Leid
Reserviert
steht auf ihrem
Platz im Schatten
(A.M.See)
testsiegerin - 6. Feb, 20:22