Vier Blaue und ein Rosaroter
Herta hat heute Geburtstag. Am Vormittag hat sie eingekauft, fürs Abendessen. Beim Bäcker war sie und beim Fleischhauer und im Bauernladen. Herta kauft nie im Supermarkt ein. Sie kennt sich mit den Zahlen nicht so gut aus, und mit den Buchstaben auch nicht. Ein paar Jahre hat es gedauert, bis Emma Rogner das kapiert hat. Emma Rogner ist die Sachwalterin von Frau Herta, seit vielen Jahren schon.
Erst, als Herta einmal in der Pizzeria die Speisekarte verkehrt gehalten und ein Schnitzel bestellt hat, obwohl gar kein Schnitzel auf der Karte stand, hat Emma gemerkt, dass Herta Analphabetin ist. Herta hat sich geschämt, und Emma hat sich auch geschämt, weil sie ihrer Klientin schon ein paar Mal Tiefkühlkost aus dem Supermarkt mitgebracht und sich bei ihrem nächsten Hausbesuch gewundert hat, dass die Packungen mit den Gemüseleibchen und Cevapcici ungeöffnet im Mistkübel gelegen sind. Herta kann nicht lesen, wie man sie richtig zubereitet. Deshalb kauft sie lieber beim Fleischhauer ein. Der bedient nicht nur, der bedient sich auch selbst. Aus ihrer Brieftasche. Darfs ein bisserl mehr sein?
Fürs Mittagessen braucht sie diesmal nichts, erzählt sie dem Fleischhauer, heute geht sie nämlich essen.
Heute ist Herta sechzig.
Herta kennt viele Leute im Ort, nicht nur den Fleischhauer. Auch die Friseurin, den Bankbeamten, den Besitzer vom Würstelstand, an dem ihr Verblichener viel zu viel Bier trank, die Verkäuferin vom Bäcker, die Eigentümerin der Tierboutique.
Sie sind alle nett zu Herta, grüßen freundlich, fragen, wie es geht und überhören höflich, dass es ihr schlecht geht. Sie mögen Herta. Aber ihren Geburtstag feiern will keiner mit ihr.
Deshalb feiert sie ihren Geburtstag mit Emma Rogner. Die hat ihr einen großen Blumenstrauß mitgebracht, aus lachsrosa Gerbera und gelben Nelken. Nelken sind die Lieblingsblumen von Herta. Sie legt den Blumenstrauß zur Seite ohne ihn genau anzuschauen oder daran zu riechen. „Danke.“
„Finden Sie die Blumen schön?“
„Ja. Passt.“
Den Blumenstrauß hat Emma Rogner von Hertas Geld bezahlt, aber das sagt sie ihr nicht, weil es so traurig ist, dass die einzigen Blumen, die Herta zum Sechziger bekommt, von ihrem eigenen Geld bezahlt sind.
Emma liest ihrer Klientin aus der Speisekarte vor und weil heute ein ganz besonderer Tag ist, wählt Herta kein Schnitzel, sondern einen Grillteller. Den teilt sie mit ihrem Hund.
„Haben Sie sich extra Urlaub genommen, um mit mir zu feiern?“, fragt Herta und Emma nickt. Sie verschweigt, dass der Besuch für sie Arbeit ist und natürlich in der Dienstzeit stattfindet. Warum die Frau noch mehr enttäuschen als es das Leben ohnehin schon getan hat?
„Früher oder später wäre er sowieso draufgegangen“, sagt sie über ihren Lebensgefährten, der vor ein paar Monaten gestorben ist. Es ist, als spräche sie über einen altersschwachen Hamster, der das Zeitliche gesegnet hat. Dann weint sie, weil niemand da ist, wenn sie vom Einkaufen nach Hause kommt, außer dem Hund. Ein Spitz. Er ist auch nicht mehr der jüngste. „Wenn der auch draufgeht“, sagt sie, „dann leg ich mir aber einen neuen zu“, und meint den Hund, nicht den Mann.
Ein bisschen mehr Geld hätte sie gern zur Verfügung, sagt Herta beim Apfelstrudel, weil der Fleischhauer teurer geworden ist. „Der verlangt jetzt fünfzig für ein Menü.“
„Wie viel können sie im Moment wöchentlich beheben?“, fragt Emma nach.
„Vier Blaue und einen Rosaroten.“ Herta weiß Bescheid.
„Dann machen wir ab jetzt einen Grünen?“, schlägt Emma vor, doch Herta schüttelt energisch den Kopf. Einer ist ja viel weniger als viele.
„Fünf Blaue?“ Herta denkt kurz nach, dann lehnt sie erneut ab.
„Vier Blaue und zwei Rosorate?“ Das scheint ein Kompromiss.
„Ja. Passt.“
„Feiern wir den Siebziger auch wieder gemeinsam?“, will Herta zum Abschied wissen. „Also in vier Jahren?“
„In zehn Jahren“, korrigiert Emma.
„In zehn erst? Das erleb ich eh nimmer.“
"Dann feiern wir halt nächstes Jahr wieder."
"Ja. Passt."
Erst, als Herta einmal in der Pizzeria die Speisekarte verkehrt gehalten und ein Schnitzel bestellt hat, obwohl gar kein Schnitzel auf der Karte stand, hat Emma gemerkt, dass Herta Analphabetin ist. Herta hat sich geschämt, und Emma hat sich auch geschämt, weil sie ihrer Klientin schon ein paar Mal Tiefkühlkost aus dem Supermarkt mitgebracht und sich bei ihrem nächsten Hausbesuch gewundert hat, dass die Packungen mit den Gemüseleibchen und Cevapcici ungeöffnet im Mistkübel gelegen sind. Herta kann nicht lesen, wie man sie richtig zubereitet. Deshalb kauft sie lieber beim Fleischhauer ein. Der bedient nicht nur, der bedient sich auch selbst. Aus ihrer Brieftasche. Darfs ein bisserl mehr sein?
Fürs Mittagessen braucht sie diesmal nichts, erzählt sie dem Fleischhauer, heute geht sie nämlich essen.
Heute ist Herta sechzig.
Herta kennt viele Leute im Ort, nicht nur den Fleischhauer. Auch die Friseurin, den Bankbeamten, den Besitzer vom Würstelstand, an dem ihr Verblichener viel zu viel Bier trank, die Verkäuferin vom Bäcker, die Eigentümerin der Tierboutique.
Sie sind alle nett zu Herta, grüßen freundlich, fragen, wie es geht und überhören höflich, dass es ihr schlecht geht. Sie mögen Herta. Aber ihren Geburtstag feiern will keiner mit ihr.
Deshalb feiert sie ihren Geburtstag mit Emma Rogner. Die hat ihr einen großen Blumenstrauß mitgebracht, aus lachsrosa Gerbera und gelben Nelken. Nelken sind die Lieblingsblumen von Herta. Sie legt den Blumenstrauß zur Seite ohne ihn genau anzuschauen oder daran zu riechen. „Danke.“
„Finden Sie die Blumen schön?“
„Ja. Passt.“
Den Blumenstrauß hat Emma Rogner von Hertas Geld bezahlt, aber das sagt sie ihr nicht, weil es so traurig ist, dass die einzigen Blumen, die Herta zum Sechziger bekommt, von ihrem eigenen Geld bezahlt sind.
Emma liest ihrer Klientin aus der Speisekarte vor und weil heute ein ganz besonderer Tag ist, wählt Herta kein Schnitzel, sondern einen Grillteller. Den teilt sie mit ihrem Hund.
„Haben Sie sich extra Urlaub genommen, um mit mir zu feiern?“, fragt Herta und Emma nickt. Sie verschweigt, dass der Besuch für sie Arbeit ist und natürlich in der Dienstzeit stattfindet. Warum die Frau noch mehr enttäuschen als es das Leben ohnehin schon getan hat?
„Früher oder später wäre er sowieso draufgegangen“, sagt sie über ihren Lebensgefährten, der vor ein paar Monaten gestorben ist. Es ist, als spräche sie über einen altersschwachen Hamster, der das Zeitliche gesegnet hat. Dann weint sie, weil niemand da ist, wenn sie vom Einkaufen nach Hause kommt, außer dem Hund. Ein Spitz. Er ist auch nicht mehr der jüngste. „Wenn der auch draufgeht“, sagt sie, „dann leg ich mir aber einen neuen zu“, und meint den Hund, nicht den Mann.
Ein bisschen mehr Geld hätte sie gern zur Verfügung, sagt Herta beim Apfelstrudel, weil der Fleischhauer teurer geworden ist. „Der verlangt jetzt fünfzig für ein Menü.“
„Wie viel können sie im Moment wöchentlich beheben?“, fragt Emma nach.
„Vier Blaue und einen Rosaroten.“ Herta weiß Bescheid.
„Dann machen wir ab jetzt einen Grünen?“, schlägt Emma vor, doch Herta schüttelt energisch den Kopf. Einer ist ja viel weniger als viele.
„Fünf Blaue?“ Herta denkt kurz nach, dann lehnt sie erneut ab.
„Vier Blaue und zwei Rosorate?“ Das scheint ein Kompromiss.
„Ja. Passt.“
„Feiern wir den Siebziger auch wieder gemeinsam?“, will Herta zum Abschied wissen. „Also in vier Jahren?“
„In zehn Jahren“, korrigiert Emma.
„In zehn erst? Das erleb ich eh nimmer.“
"Dann feiern wir halt nächstes Jahr wieder."
"Ja. Passt."
testsiegerin - 7. Apr, 18:21