Freitag, 16. April 2010

10 jüdische Männer, 4 Frauen und ein Todesfall

Emma Rogner ist Sachwalterin. Sie ist Mitte vierzig, lebt allein mit ihrer kratzbürstigen Katze und liebt gelegentlich zu zweit mit Männern, die behaupten, Emma wäre noch kratzbürstiger als ihre Katze und die nach wenigen Wochen flüchten.

Judith Blumenthal ist Jüdin. Sie ist Anfang hundert, und geflüchtet ist sie schon oft im Leben. Damals nach Amerika, vor den Nazis. Viele Jahre und drei Ehen später wieder zurück in ihre Heimat. Daheim fühlt sie sich hier trotzdem nicht. Nicht nur wegen der FPÖ-Plakate an der Hauswand gegenüber. Jetzt noch zu flüchten, lohnte sich nicht mehr. Sie hätte auch gar nicht gewusst, wohin.


Frau Blumenthal werde von Tag zu Tag gebrechlicher, leide an beginnender Altersdemenz und verhalte sich zunehmend paranoid, stand im Sachwalterschaftsakt, sie verbarrikaridere sich in ihrer Wohnung und lasse nicht mal mehr die Nachbarin hinein. Die Gutachterin und den Richter auch nicht.

„So eine Überraschung aber auch“, Emma Rogner schüttelte den Kopf, als sie den Akt durchblätterte, „eine Hundertjährige, die ein bissl verwirrt ist. Eine Jüdin, die sich verfolgt fühlt. Was ist das für eine Gesellschaft, in der man nicht mal mit hundert seltsam sein darf, ohne einen Sachwalter zu bekommen?“ Fritz, ihr Lieblingskollege, ein paar Jahre jünger als sie, liebenswert, gelassen und witzig, hatte keine Antwort. Wenigstens brachte er ihr einen Kaffee und ein Stück Marzipanschokolade. „So reg dich doch nicht so auf, das schadet deiner Schönheit.“
Natürlich regte Emma Rogner sich auf. Zorn und Wut auf die herrschenden Verhältnisse, gepaart mit Mitgefühl für die Klienten gaben ihr auch nach zwanzig Jahren in dem Job die nötige Energie für ihre Arbeit. Manchmal überschritt sie ihre Kompetenzen ein wenig, aber immer zum Wohl ihrer Klienten und Klientinnen.
„Warum müssen manchmal zufriedene und geistig fitte Menschen jung sterben und die gebrechlichen, verwirrten werden hundert?“ Emma Rogner dachte an ihre Mutter, die vor ein paar Jahren tödlich verunglückt war.
„Vielleicht haben sie einfach vergessen, dass sie sterben müssen.“
„Du? Wenn ich mal hundert bin?“, fragte sie leise und rieb die Fingerspitzen an den Schläfen, „würdest du dann die Sachwalterschaft für mich übernehmen, damit ich nicht einen arroganten, schnöseligen Rechtsanwalt bekomme, der nur mein Geld will und mich in ein Heim steckt?“
„Welches Geld denn?“
„Na ja, das ich haben werde, wenn ich hundert bin.“
Fritz lachte. „Träum weiter.“
„Also was jetzt? Magst du dann mein Sachwalter sein? Versprich es mir. Bitte.“
„Mit Vorbehalt.“
„Was soll denn das wieder heißen?“
„Na ja, wenn ich mit zweiundneunzig nicht schon selbst einen habe.“


Einen Nachmittag lang saß Emma Rogner auf der Türmatte vor Judith Blumenthals Wohnung. und sprach durch die geschlossene Tür. „Ich kann Sie gut verstehen, Frau Blumenthal“, begann sie, „wenn ich ehrlich bin, ich würde mir an Ihrer Stelle auch nicht aufmachen. Und wenn ich noch ehrlicher bin, dann kann ich mir auch etwas Besseres vorstellen, als hier zu sitzen und mit einer alten Flügeltür zu reden... Ich hätte einen Klienten besuchen können, der sich freut mich zu sehen... Ja, solche gibt es auch... Sogar im verrauchten Kaffeehaus wäre es gemütlicher als hier. Ich hätte mir heute Nachmittag einen richtig guten Film anschauen können, mit Popcorn und Cola light. Mögen Sie Kino?... Ach, egal.“ Emma Rogner kramte in ihrer Tasche nach der Nagelfeile, fand aber nur einen abgekauten Zahnstocher. Sie kratzte damit die Trauerränder aus den Fingernägeln. Mikrowellness im Zinshaus. „Ich hätte auch schwimmen gehen können, war ich schon ziemlich lang nicht und tät mir nicht schaden, wegen der Kreuzschmerzen. Aber was mach ich? Ich sitz hier, lass mich von Ihren Nachbarn für blöd halten und quassle vor mich hin.“ Weil grad kein Nachbar zu sehen war, zog Emma die Socken aus und nahm sich auch die Zehennägel vor. „Es ist nämlich so, Frau Blumenthal. Ich bin für Sie zuständig, das hat das Gericht so entschieden. Ich kann und will Sie natürlich nicht zwingen, mit mir zu reden. Ich schulde nicht den Erfolg, sondern das Bemühen, so steht es im Gesetz. Wem ich das schulde, seht nicht drin. Ich finde, ich bemühe mich redlich, was meinen Sie?... Hm... nichts meinen Sie also.“ Emma hatte keine Ahnung, ob Judith Blumenthal ihr zuhörte. Ob sie schlief. Ob sie überhaupt noch lebte. Irgendwann hatte sie auch keine Zahnstocher mehr.

Nach drei Stunden Selbstgeschwätz und vollendeter Mani- sowie Pediküre taten Emma Gesäß und Beine weh und sie wusste nicht mehr, wie sie sitzen sollte. „Also dann“, rief sie, schlüpfte wieder in Socken und Schuhe und rappelte sich auf, „ich geh dann wohl besser. Meine Katze ist bestimmt schon hungrig... Sie heißt Zora, wie die rote Zora, aber sie ist schwarz.“
Emma war bereits bei der Treppe angelangt, als sie das Scheppern der Türkette und dann das Quietschen der Tür hörte.
„Sie haben auch eine Katze? Mein Kater heißt Bagel.“

Emmas Katze musste sich an diesem Abend gedulden, denn ihr Frauchen verbrachte die nächsten Stunden in Judith Blumenthals Küche. Dafür brachte Emma Zora zum Abendessen Latkes mit, jüdische Kartoffelpuffer.
„Versprechen Sie mir, dass Sie mich nicht in ein Lager stecken?“, fragte Judith Blumenthal zum Abschied und Emma bekam eine Gänsehaut. Das heißt Pflegeheim oder Seniorenresidenz, nicht Lager, wollte sie sagen, aber sie biss sich auf die Zunge. Wenn Frau Blumenthal es so erlebte, würde sie ihr das nicht ausreden können.
Emma zögerte. Konnte sie so etwas tatsächlich versprechen? „Mit Vorbehalt“, sagte sie.
„Wenn Sie mit mir zusammenarbeiten, tue ich alles, was in meiner Macht steht.“


„Frau Blumenthal besitzt etwa ein komma vier Millionen Euro“, erklärte der Bankbeamte Emma, nachdem er den Gerichtsbeschluss dreimal im Kreis gedreht und dann auswendig gelernt hatte. „Angelegt vorwiegend in besicherten Schiffsanleihen, Wertpapieren und in Hybridanleihen.“
„Hybridanleihen?“ Emma verstand nur Bahnhof. Sie kannte sich weder mit Hybridmotoren noch mit Hybridanleihen aus.
„Eine Hybridanleihe ist eine eigenkapitalähnliche, nachrangige Unternehmensanleihe“, machte sich der Bankbeamte wichtig und Emma wäre am liebsten geflüchtet. So richtig wohl fühlte sie sich in Banken nie. Am wenigsten übrigens in ihrer eigenen. Geld war Emma einfach nicht wichtig genug. Und jetzt sollte sie Entscheidungen über ein derart großes, noch dazu fremdes Vermögen treffen.
„Ich möchte gerne alles auflösen und konservativ anlegen.“
Der Gesichtsausdruck des Bankbeamten wandelte sich von einem überheblichen Grinsen zu einem mitleidigen Lächeln. „Woran haben Sie denn gedacht?“
„Ein paar Kapitalsparbücher vielleicht. Und einen Bausparvertrag.“ Das schien ihr sicher. Einen Bausparvertrag hatte sie selbst auch.
„Einen Bausparvertrag mit ein komma vier Millionen, ja?“
„Nein?“
„Der hat eine Laufzeit von sechs Jahren. Glauben Sie tatsächlich, dass Frau Blumenthal so alt wird?“
Wenn du nicht sofort still bist, wirst du selber nicht alt, dachte Emma, lächelte aber verbindlich.


„Warum gibst du den Fall nicht ab?“, fragten die Kollegen sie bei der Teambesprechung. „Die kann sich eh einen Anwalt oder Steuerberater als Sachwalter leisten.“
„Weil Frau Blumenthal kein Fall ist.“ Emma verschränkte die Arme vor dem Körper. Und weil ich ihr etwas versprochen habe, dachte sie. „Und weil... ach nichts“, schwieg sie.
„Lassen Sie doch das Geld, wo es jetzt ist“, riet die Richterin am Telefon, „das ganze Theater mit dem Veranlagen lohnt sich in dem Fall ja ohnehin nicht mehr.“
„Das werden sie über uns auch irgendwann sagen“, rührte Emma in ihrem Kaffee und teilte Fritz das Milchpackerl. „Dass sich irgendetwas nicht mehr lohnt. Ein Urlaub ins Ausland? Ach, das lohnt sich nicht mehr. Ein neues Sofa? Nicht dein Ernst Oma, oder? Ein künstliches Hüftgelenk? Ich bitte Sie, das lohnt sich doch nicht mehr. Und weißt du was, Fritz? Wenn ich ehrlich bin, frag ich mich das ja selber auch oft. Zum Beispiel, ob sich eine neue Beziehung noch lohnt, in meinem Alter.“


Judith Blumenthal hielt ihren Teil der Vereinbarung ein. Sie arbeitete mit Emma zusammen, so gut sie konnte. Murrend öffnete sie die Tür, wenn Emma kam, meistens jedenfalls. „Ich brauch keine Hilfe“ sagte sie als Begrüßung. Murrend zeigte sie ihr die Dokumentenmappe und murrend ließ sie schließlich zu, dass zwei slowakische Pflegerinnen abwechselnd bei ihr wohnten und sie betreuten. Natürlich unterstellte sie den Frauen immer wieder, ihre Unterwäsche zu stehlen oder Milch und Butter im Schuhschrank zu verstecken. Zum Glück verstanden die beiden Frauen ohnehin nur schlecht Deutsch. „Stellen Sie sich vor, die können nicht mal anständigen Gefüllten Fisch kochen“, beschwerte sie sich einmal bei Emma. Die stellte kurzerhand eine jüdische Köchin ein, obwohl sie genau wusste, dass Judith Blumenthal kaum noch etwas aß, schon gar keinen Gefüllten Fisch. Höchstens ein oder zwei Becher Joghurt am Tag, mehr brauchte ihr Körper nicht mehr. Aber Bagel war ziemlich verfressen, und die beiden Slowakinnen auch.

Zu Judiths Blumenthal 103. Geburtstag kamen der Bürgermeister, der Chef der jüdischen Kultusgemeinde und ein paar Herren von der Presse. Die hatten die Rechnung ohne Wirtin gemacht.
„Keine Fotos“, bestimmte die Jubilarin bestimmt und hielt die Hände energisch vor die Objektive wie eine Diva, die von Paparazzi belagert wird, „ich schau auf Bildern immer so alt aus. Außerdem lohnt sich das gar nicht mehr. Scheren Sie sich zum Teufel!“ Judith Blumenthal griff nach ihrem Stock und war drauf und dran, die Fotografen aus der Wohnung zu prügeln. „Die sind eh nur wegen der Latkes da, nicht ihretwegen“, flüsterte Emma ihr ins Ohr und brachte sie zum Lachen.

Zwei Wochen später war Judith Blumenthal tot.
Emma wusste, was zu tun war. Verwandte, die sie hätte verständigen müsste, gab es nicht. Judith Blumenthal hatte sich ein jüdisches Begräbnis gewünscht. Deshalb hatte Emma die Kosten für die Bestattung schon vor zwei Jahren bei der jüdischen Kultusgemeinde eingezahlt.
„Wir brauchen für die Beerdigung noch zehn Männer“, sagte der Rabbiner.
„Oh“, sagte Emma, „mir würde einer reichen.“
Sie würde Fritz fragen, der spielte jeden Donnerstag Fußball, der konnte bestimmt bis morgen zehn athletische Jungs auftreiben.
„Nicht irgendwelche Männer“, sagte der Rabbiner „für eine jüdische Beschneidung, einen jüdischen Gottesdienst und eine jüdische Beerdigung braucht es zehn jüdische Männer.“
„Und wo nehm ich die her?“
„Wir können die gerne für sie organisieren. Aber das kostet halt extra, Frau Rogner.“

„Du darfst kein Geld mehr von ihrem Konto beheben, das weißt du genau. Die Sachwalterschaft endet mit dem Tod. Wer betont das ständig?“ Fritz ging im Besprechungsraum auf und ab. Sie hatte ihn selten so wütend erlebt.
„Dann zahl ich die zehn Kerle halt von meinem Geld.“
„Bist du übergeschnappt? Das ist völlig unprofessionell.“
„Ich weiß. Dann sollen sie mich halt hinausschmeißen.“
„Ach, Emma. Du hast in den letzten Jahren alles für sie getan. Vor allem hast du ihr den wichtigsten Wunsch erfüllt, nämlich den, zu Hause zu sterben. Was spielt es jetzt noch für eine Rolle, ob da zehn jüdische Jungs in der Leichenhalle beten? Das kann dir doch scheißegal sein.“
„Ist es aber nicht. Das bin ich ihr schuldig.“
„Warum?“
Emma schossen die Tränen in die Augen. „Weil...“, sie schüttelte den Kopf, „darüber kann ich nicht reden.“
„Komm mal her“, Fritz drückte sie an sich und ließ sich sein neues Hemd vollrotzen. Ganz unprofessionell.


Am Grab standen Emma, die jüdische Köchin und die beiden slowakischen Frauen. In dem Katzenkorb, der zu Emmas Füßen stand, trauerte Bagel. Hoffentlich würde Zora wenigstens halbwegs nett zu ihm sein.

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

Neu

Wie geht es unserer Testsiegerin?
Wie geht es unserer Testsiegerin?
Lo - 5. Feb, 17:25
Vielen Dank! Du findest...
Vielen Dank! Du findest mehr von mir auf facebook ;-)
testsiegerin - 30. Jan, 10:40
Kurschatten ' echt keinen...
auch wenn diese deine Kur schon im Juni...xx? war,...
kontor111 - 29. Jan, 09:13
zum entspannen...Angel...meint
wenn ich das nächste Mal im Bett liege, mich verzweifelt...
kontor111 - 29. Jan, 08:44
"Pinguin"
"Pinguin"
bonanzaMARGOT - 11. Mär, 11:11
Sleepless im Weinviertel
Ich liege im Bett. Ich bin müde. Ich lese. Eine Romanbiografie...
testsiegerin - 13. Jan, 11:30
... ich könnte mal wieder...
... ich könnte mal wieder eine brasko-geschichte schreiben.
bonanzaMARGOT - 8. Jan, 07:05
OHHH!
OHHH! Hier scheint bei Twoday etwas nicht zu stimmen. Hoffentlich...
Lo - 7. Jan, 13:36

Web Counter-Modul


Briefverkehr mit einem Beamten
Erlebtes
Femmes frontales
Forschertagebuch
Gedanken
Gedichte
Geschichten
Glosse
In dreißig Tagen um die Welt
Kurzprosa
Lesungen
Menschen
Sex and the Country
Toll3ste Weiber
Vita
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren

kostenloser Counter