Dienstag, 20. April 2010

Frieda ist kein D-Zug

„Schmeißen’s mir das weg!“, sagt Frieda Kurz knapp und reicht Emma Rogner einen Stapel nasser Zeitungen über den Zaun. „In die rote Tonne“.
Emma Rogner schaut sich um. Da ist eine braune Tonne (Bio) und eine schwarze (Restmüll). Keine rote. Eine rote Tonne tät für einen Packen nasses Papier eh nicht taugen, also stopft Emma den Stapel kurzerhand in die Restmülltonne.
„Haben Sie’s eh in die richtige g’schmissen?“ Frieda Kurz ist misstrauisch.
„Ja, ja, Frau Kurz. Ich bin Emma Rogner, Ihre Sachwalterin, ich tät mich gern ein wenig mit Ihnen unterhalten. Würden Sie mich bitte hineinlassen?“
Frieda nestelt an ihrem Schlüssel herum, findet nach Minuten schließlich ins Schloss und murmelt: „Eine alte Frau ist kein D-Zug.“
„Kein Problem, ich hab Zeit.“ Auch Emma ist kein Intercity mehr.

„Warum waren Sie eigentlich in der Psychiatrie?“, will Emma wissen, als sie ein paar Wollstrümpfe vom Sessel entfernt hat und die beiden am Tisch sitzen.
„Weil ich angeblich zu jemanden gesagt hab, dass ich nicht mehr leben will. Und die haben mich angezeigt und dann haben sie mich ins Krankenhaus gebracht.“
„Stimmt das denn?“
„Das hab ich damals gesagt und heute sag ich das auch und morgen auch. Ich will nicht mehr leben. Aber zum Leben nehmen hab ich ehrlich gesagt nicht den Mumm.“
Frieda klopft mit dem Zeigefinger auf das gerahmte Foto ihres verstorbenen Mannes, das vor ihr steht: „Oida“, sagt sie, „i hob g’sogt, i kumm und bin kumman und do bin i und do bleib i.“ Vor ein paar Jahren hätten sie die Gnadenhochzeit gefeiert. 70 Jahre verheiratet, immer mit dem gleichen Mann. „Überhaupt war er der einzige“, sagt sie und ein paar Tränen suchen ihren Weg über die Wangen.
Emma weiß nicht, ob Frieda weint, weil es nur einer war, oder weil es jetzt gar keiner mehr ist. Sie greift in ihre Tasche und reicht Frau Kurz ein Papiertaschentuch. Zum Glück hat sie gestern im Drogeriemarkt eine Hunderterpackung gekauft. Damit sie ihrem Kollegen nicht das Hemd vollrotzt. Auch eine Nagelfeile und eine Nagelschere hat sie erstanden, für den Fall, dass sie wieder vor einer versperrten Haustür steht und die Zeit totschlagen muss.
„70 Jahre mit ein und demselben“, wiederholt Frieda, „das können Sie sich nicht vorstellen, was?“ Frieda hat recht. Emma kann sich nicht mal ein halbes Jahr mit ein und demselben Mann vorstellen, und offensichtlich kein Mann mit ihr.

Schön wäre es nicht gewesen auf der Psychiatrie, obwohl die alle sehr lieb und lustig waren, erzählt Frieda. „Als Gesunde tut man sich schon schwer unter all den Kranken.“
Vergesslich sei sie geworden, sagt sie, „man hat das Gefühl, dass einem direkt ein Stückerl fehlt.“ Jetzt fehlt ihr grad die Brille. Und die zweireihige Perlenkette mit Biedermeierschließe. "Die Schließe war so teuer wie die ganze Kette. Und die Unterwäsche ist auch weg.“ Die wäre ihr gestohlen worden. Alles weggekommen, während sie weg war.
Das Haus macht nicht den Eindruck, als wäre hier eingebrochen und nach Schmuck und Stützstrümpfen gesucht worden. Emma fragt sich, was die Einbrecher wohl mit den Tonnen Damenunterwäsche machen, die sie ihren Klientinnen ständig klauten.
„Wenn’s wieder kommen, können wir dann das Sackerl mit der Wäsche durchschauen?“ Frieda hält Emma für eine Betreuerin des ambulanten Dienstes. „Da gehört ein bissl was gestopft..“
Emma kann nicht Socken stopfen und erklärt ihr ihre Funktion und Aufgaben. „Ich werde das mit dem Geld regeln und dafür sorgen, dass Sie immer ein bisschen Bares bei sich haben“, verspricht sie, aber Frieda will „nicht ein bissl Bares, sondern anständig.“ Mit ein paar Hundertern gäbe sie sich nicht zufrieden.
„Haben Sie heut schon was gegessen, Frau Kurz?“
„Was Sie alles wissen wollen. Ziemlich neugierig sind Sie. A Brot hab ich gessen, und später koch ich mir Schinkenfleckerl. Oder Hörnchen.“ Essen auf Rädern komme ihr nicht ins Haus. Hochkant hinausschmeißen würde sie die, sie habe 75 Jahre gekocht und das werde Sie auch weiterhin tun.
„Die Damen vom ambulanten Dienst werden für Sie einkaufen“, lenkt Emma ab, aber das kommt für Frieda nicht in Frage. „Die dürfen mich gern ins Geschäft begleiten, aber ohne mich brauchen die nicht gehen. Keine Frau will, dass jemand anderer für sie einkaufen geht. Das muss ich ja sehen und angreifen“, sagt sie und auch einen Schlüsselsafe, damit die Heimhelferinnen reinkommen, lehnt Frieda ab. Es ist ihr egal, dass die Krankenschwester heute früh über den Zaun klettern musste, weil sie sie nicht gehört hat. "Wird ihr nicht geschadet haben."

Emma steht auf. Es hat keinen Sinn, das heute zu diskutieren. „Ich finde gut, dass Sie so genau wissen, was Sie wollen und was Sie nicht wollen.“
„Ich bin ja alt genug, um das zu wissen, oder?“
"Sicher. Schön haben Sie es hier“, sagt Emma und streicht über den alten Flügel. "Spielen sie Klavier, Frau Kurz?"
„Ach was. Mein Mann hat gespielt. Nach seinem Tod wollt ich den Flügel der Musikschule schenken.“, sagt sie, „aber die hatten keinen Platz oder kein Interessse, was weiß ich. Also is er dageblieben. Macht eh nix, so a Klavier frisst ja ka Brot.“

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

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Wie geht es unserer Testsiegerin?
Wie geht es unserer Testsiegerin?
Lo - 5. Feb, 17:25
Vielen Dank! Du findest...
Vielen Dank! Du findest mehr von mir auf facebook ;-)
testsiegerin - 30. Jan, 10:40
Kurschatten ' echt keinen...
auch wenn diese deine Kur schon im Juni...xx? war,...
kontor111 - 29. Jan, 09:13
zum entspannen...Angel...meint
wenn ich das nächste Mal im Bett liege, mich verzweifelt...
kontor111 - 29. Jan, 08:44
"Pinguin"
"Pinguin"
bonanzaMARGOT - 11. Mär, 11:11
Sleepless im Weinviertel
Ich liege im Bett. Ich bin müde. Ich lese. Eine Romanbiografie...
testsiegerin - 13. Jan, 11:30
... ich könnte mal wieder...
... ich könnte mal wieder eine brasko-geschichte schreiben.
bonanzaMARGOT - 8. Jan, 07:05
OHHH!
OHHH! Hier scheint bei Twoday etwas nicht zu stimmen. Hoffentlich...
Lo - 7. Jan, 13:36

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