Mittwoch, 22. Dezember 2010

Schnitzelsterne und Gümüs

„Komm schon, das brauchen wir nicht.“
„Ja, Mama.“
Artig, aber traurig legte Paul die Marzipankartoffeln zurück ins Regal. Ebenso die Zimtsterne und die Lebkuchenherzen.
„Ach Paul“, seine Mutter ging in die Knie und nahm sein Gesicht in ihre Hände. „Wir feiern Weihnachten wie immer. Wir hängen selbst gemachte Leckerbissen an den Baum und heute Abend basteln wir eine Krippe, ja? Das hat dir doch auch sonst immer Spaß gemacht.“
„Es ist halt nur, weil am Feiertag Besuch kommt. Das hatten wir sonst nie.“
„Du hast dir den Besuch doch gewünscht und Nilüfer und ihre Eltern eingeladen. Freust du dich nicht darauf?“
„Ja, schon. Aber ich mag nicht, dass die denken, wir feiern gar nicht gescheit Weihnachten.“
„Das sind doch eh Türken, Paul. Ich glaube, die interessieren sich gar nicht dafür. Und jetzt lass uns Schnitzelsterne backen.“

Nilüfer war erst seit ein paar Wochen in seiner Klasse. Er wusste nicht, ob ihr Weihnachten egal war. Aber er wusste, dass es ihr überhaupt nicht egal war, wenn die anderen Kinder Nil-Ufer zu ihr sagten. Dann blitzten ihre dunklen Augen gefährlich.

Während die Sterne in der Pfanne brutzelten, rollten Paul und seine Mutter kleine Kugeln aus Faschiertem.
„Die schauen doch aus wie Marzipankartoffeln, oder? Nur schöner.“
Paul seufzte. Nur zu gern hätte er ein paar Süßigkeiten genascht. Was konnte er denn dafür, dass sein Vater Fleischhauer war und seine Eltern den Ehrgeiz hatten, alles selbst herzustellen?
„Hier kommt der Baumschmuck.“ Mit einer großen Metallschüssel betrat Fleischermeister Braunschweiger die Küche.
Frankfurter Würstel waren da drin, Cabanossi, die Fleischbällchen und Salamischeiben auf silbernen Schnüren. „Hmm“, sagte Pauls Vater und steckte sich einen Christbaumbehang in den Mund. „Soll die Currywurst auch auf den Baum?“
„Nein, die essen wir heute zu Abend“, sagte Pauls Mutter. „Wenn wir fertig sind mit der Krippe.“
Den Stall und die Krippe stellte Papa aus langen dünnen Salamis her, die von Zahnstochern zusammengehalten wurden. Während dessen formte Mama jede Menge Köpfe, Arme, Beine und Körper aus Leberpastete. Paul durfte das Jesuskind erschaffen. Dazu hatte er sich Zwiebelstreichwurst ausgesucht. Er legte es in die Salamikrippe und deckte es mit einer Scheibe luftgetrocknetem Schinken zu.
„Und nicht wieder was aufessen“, ermahnte seine Mutter ihn und sie lachten. Vor zwei Jahren, da war Paul nach dem Eislaufen so hungrig gewesen, dass er den Josef auf eine Schnitte Brot geschmiert hatte.

Weil Paul den ganzen Tag weder Engel, Hirten, oder Könige noch den Josef oder die Maria angerührt hatte, knurrte ihm am Heilgen Abend der Magen. Er verdrückte drei Currywürste, bevor er sich über seine Geschenke hermachte.
Als erstes packte er ein Kinderbuch aus: „Zwei Krakauer auf Wanderschaft.“ Ein Computerspiel lag auch unter dem Christbaum, „Fred, der Fleischer“ hieß es und man musste Würstel zählen und sortieren und ans richtige Geschäft ausliefern.
Das schönste aber war ein richtiger Verkaufsstand mit Wursttheke und Grill. Dazu gehörte eine Schürze mit der Aufschrift „Pauls Brathendl“ und eine weiße Mütze. Den ganzen Abend verkaufte Paul seinen Eltern die selbst gemachten Köstlichkeiten und langte selbst auch ordentlich zu.
Ein richtig schönes Weihnachtsfest war das.

In der Nacht darauf jedoch bekam Paul Bauchweh. Nicht wegen der Currywürste, die waren von bester Qualität, sondern weil er sich auf Nilüfer freute. Und sein Bauch zwickte noch ein wenig fester, als ihm einfiel, dass sie die einzige in der Klasse war, die nie von seinen Leberkässemmeln abbeißen wollte.

*

„Was um alles in der Welt ist denn hier passiert?“ Der Fleischermeister stand fassungslos im Wohnzimmer und betrachtete kopfschüttelnd den Weihnachtsbaum. „Hildegard? Warst du das?“
„War ich was? Warum soll ich immer alles gewesen sein? Worum geht‘s denn überhaupt? Du machst immer ein Geschrei wegen jedem...“ Die Fleischermeisterfrau verstummte. Schnaufte. Holte tief Luft.
Zwischen all den wunderbaren Würsteln und Salamis baumelten Karotten, Salatblätter und Fisolen. Unter den Ästen stand sogar eine Schüssel mit Äpfeln und Bananen. Pauls Mutter brach in Tränen aus. So laut heulte sie, dass sie Paul mit ihrem Schluchzen weckte.
„Aber Mama!“, erklärte Paul. „Das ist doch nur, weil Nilüfer und ihre Familie Vegaterrianer sind.“
Jetzt konnten sich Pauls Eltern ein Lachen nicht verkneifen. „Vegetarier heißt das“, erklärte Papa.
Plötzlich wurde Mama wieder ernst. „Willst du damit etwa sagen, die essen kein Fleisch?“
„Nein. Das essen sie nicht. Nilüfer beißt nicht mal in eine Wurstsemmel.“
Pauls Papa kratzte sich am Kinn. Knetete sein Ohrläppchen. Runzelte die Stirn. Er dachte nach. „Vielleicht essen sie ja nur kein Schweinefleisch“, hoffte er. „Wegen ihrer Religion. Die Schnitzel sind ja aus Kalbfleisch und im Kühlhaus hab ich noch Lamm. Türken mögen Lamm. Das braten sie doch in jedem Hinterhof, soviel ich weiß.“
„Ja, Nilüfer mag Lamm. Aber nur zum Streicheln. Wir waren letzte Woche mit der Schule bei einem Schäfer. Ich werde übrigens auch mal Schäfer. Das ist total lässig.“
„Wo bitte ist das lässig? Bei jedem Sauwetter im Regen stehen und Schäferhunde dressieren. Du übernimmst natürlich das Geschäft.“

*

Pünktlich um zwölf klingelte es. Familie Gümüs stand vor der Tür. Vollbepackt mit Schüsseln, Pfannen und Töpfen.
„Danke für den Einladung“, sagte Herr Gümüs. „Wir haben uns sehr gefreut.“
Paul bekam Herzklopfen und feuchte Hände, als er Nilüfer sah. „Komm, ich zeig dir meine Geschenke!“, rief er und zog sie in sein Zimmer.

„Ich hab auch ein Geschenk für dich“, säuselte sie, als er ihr den Hendlstand und das Computerspiel gezeigt hatte. Paul bekam einen roten Kopf. An ein Geschenk für Nilüfer hatte er gar nicht gedacht vor lauter Aufregung.
„Ich muss mal schnell aufs Klo“, log er deshalb, rannte aus dem Zimmer und schloss sich im Badezimmer ein. Wo sollte er jetzt so schnell ein Geschenk herbekommen? Eins das für Nilüfer taugte. Und eins, das auch noch aussah wie ein Weihnachtsgeschenk. Paul öffnete das kleine Schränkchen mit Mamas Schätzen.
Nein, Augenmalfarbe und Lippenstift brauchte Nilüfer nicht. Eine glitzernde Haarspange fand er, die könnte ihr gefallen. Paul lief in die Küche, wo Frau Gümüs seiner Mama die türkischen Speisen erklärte. Paul zupfte an Mamas Kleid und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie nickte und gab ihm sogar ein eine kleine leere Schachtel aus der Schublade.

„Jetzt hätte ich doch fast mein Geschenk für dich vergessen.“ Paul hielt ihr das Schächtelchen hin und Nilüfer strahlte.
„Mann, ist die cool! So eine hab ich mir schon immer gewünscht. Danke!“ Sie drückte Paul ganz fest. „Und jetzt mach deins mal auf.“
„Ach ja.“ Paul fasste sich an den Kopf. Er war so durcheinander, dass er sein eigenes Geschenk ganz vergessen hatte.
Hastig rupfte er das Goldband ab und riss das bunte Papier auf.
„Oah… boah…“, verschlug es ihm die Sprache.

„Kinder, Essen ist fertig!“ tönte es aus der Küche. Aber Paul saß mit seligem Gesichtsausdruck da, die Dose in der Hand. Es war nicht irgendeine Dose, sondern eine mit Spongebob Schwammkopf drauf. Und in der Dose war ein Schwamm. Natürlich nicht irgendein Schwamm, sondern einer mit Händen, Hose und dem Gesicht von Spongebob.
„Mama? Darf ich heute noch baden?“


„Ooooh, ist das schön.“ Nilüfers Augen glänzten. Auf dem großen runden Esstisch brannten ungefähr fünfzig Kerzen und Teelichter. Nilüfer und Paul saßen zwischen ihren Mamas. Auf der Seite der Eltern Gümüs standen die vegetarischen Speisen und bei den Braunschweigers die fleischigen.
„Guten Appetit!“
„Afiyet olsun!“

Pauls Papa schaufelte Schweinsbraten mit Kraut und Knödel auf seinen Teller, seine Mama nahm sich Rosmarinlamm mit Speckbohnen. Frau Gümüs schöpfte Kichererbsensuppe in ihre Suppentasse und ihr Mann bediente sich am Zucchini-Auflauf.
Nilüfer schaute. Erst auf die vielen verschiedenen Speisen und dann fragend zu ihrer Mutter.
„Ja, Nilüfer?“
„Darf ich einen Schnitzelstern haben?“
„Kein Schweinefleisch“, beeilte sich Herr Braunschweiger zu sagen. „Das sind Kalbsschnitzerl.“
Frau Gümüs blickte zu Herrn Gümüs. Der nickte.

„Du Mama. Von der Gans kann ich ja die nächsten Tage noch was haben. Du bist eh nicht böse, wenn ich das türkische Essen koste?“
„Aber nein, Pauli. Iss nur!“
Paul zwinkerte Nilüfer zu und kostete als erstes ein gefülltes Weinblatt.
„Reis, Pinienkerne und Rosinen sind da drin“, erklärte Frau Gümüs.
„Hmmm.“ Mehr traute er sich mit vollem Mund nicht zu sagen. „Und was ist das?“
„Imambayildi.“
Und schon stopfte er sich ein großes Stück davon in den Mund.
„Aber Vorsicht“, sagte Nilüfer. „Das bedeutet: Der Imam fiel in Ohnmacht.“
„Wer ist Imam“, fragte Paul. „Dein Bruder?“
Nilüfer lachte. „Das ist ein Vorbeter.“


Paul fiel nicht in Ohnmacht. Die gefüllten Melanzani schmeckten nämlich köstlich.
„Entschuldigung, dass wir kein Fleisch essen“, sagte jetzt Herr Gümüs, als schien er es zu bedauern. „Aber darf ich bitte probieren von die Knödel und Sauerkraut?“

Papa Braunschweiger wandte sich von der Waldviertler Weihnachtsgans ab und ließ seinen Blick über die türkisch-vegetarische Tischhälfte schweifen. „Sind das da Palatschinken?“
„Gözleme heißen die. Gefüllt mit Schafkäse und Spinat.“ Frau Gümüs lud ihm drei davon auf den Teller.
Er schnitt ein Stück ab und biss zögerlich hinein, nickte kurz und verspeiste dann den Rest in Nullkommanix.
„Können Sie meiner Frau bitte das Rezept geben, Frau Gümüs? Das schmeckt ja hervorragend.“

Die beiden Kinder schlichen sich davon. „Ich glaub, die brauchen uns nicht mehr“, sagte Paul. „Weißt du, Erwachsene tun sich manchmal ein bisschen schwer mit neuen Freunden und fremden Sitten.“

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

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Wie geht es unserer Testsiegerin?
Wie geht es unserer Testsiegerin?
Lo - 5. Feb, 17:25
Vielen Dank! Du findest...
Vielen Dank! Du findest mehr von mir auf facebook ;-)
testsiegerin - 30. Jan, 10:40
Kurschatten ' echt keinen...
auch wenn diese deine Kur schon im Juni...xx? war,...
kontor111 - 29. Jan, 09:13
zum entspannen...Angel...meint
wenn ich das nächste Mal im Bett liege, mich verzweifelt...
kontor111 - 29. Jan, 08:44
"Pinguin"
"Pinguin"
bonanzaMARGOT - 11. Mär, 11:11
Sleepless im Weinviertel
Ich liege im Bett. Ich bin müde. Ich lese. Eine Romanbiografie...
testsiegerin - 13. Jan, 11:30
... ich könnte mal wieder...
... ich könnte mal wieder eine brasko-geschichte schreiben.
bonanzaMARGOT - 8. Jan, 07:05
OHHH!
OHHH! Hier scheint bei Twoday etwas nicht zu stimmen. Hoffentlich...
Lo - 7. Jan, 13:36

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