Die Liste - 8
„Der findet sich in der Tat überall. Vermutlich auch hinter dieser Tür.“ Das waren die ersten Worte, die er von Frau Leitner zu hören bekam. Nach den Regeln eines normalen Dialoges war Frank jetzt an der Reihe. Aber der hatte nach seinem bisher einzigen gesprochenen Wort noch nicht einmal den Mund wieder geschlossen und starrte hemmungs- und fassungslos auf sein Gegenüber. Frau Leitner schnipste mit den Fingern. Direkt vor seiner Nase. Der erwünschte Effekt trat umgehend ein. Frank erwachte aus seiner Hypnose, blinzelte ein paarmal, klappte den Unterkiefer nach oben, räusperte sich und überwand sich, in ihre Augen zu schauen. Er spürte, wie heiße Röte in seine Wangen strömte. Ihm fiel nichts ein, was er sagen konnte, seine auswendig gelernten Begrüßungs-Floskeln waren wie weggeblasen. Frau Leitner wirkte inzwischen eine Spur genervt. „Haben Sie einen Termin? Oder möchten Sie einen? Ansonsten… der Tierarzt befindet sich im Erdgeschoss.“ Mit den Augen suchte sie seine nähere Umgebung hoffnungsvoll nach irgendeinem Haustier ab. Aber da waren weder Hund an der Leine, Hamster im Käfig noch Fisch im Aquarium.
Bei dem Wort ‚Arzt‘ sprang sein Kopfmotor endlich wieder an. „Guten Tag. Mein Name ist Frank Frodor. Ich wohne im Haus gegenüber und möchte Sie um einen Gefallen bitten. Hier, bitte, schöne Blumen für Sie.“ Er sagte seine Formel vollkommen mechanisch auf, monoton wie ein Roboter und sah dabei zur Decke. Das Roboter-Gehaben verfestigte sich noch, als er ruckartig einen Arm ausstreckte und ihr einen kleinen Strauß Grünzeug mit Bunt drin vor die Brust hielt. Die Frau schien eine Sekunde lang fassungslos, dann hallte ihr heiseres Lachen durch das Treppenhaus. Ihr ganzer Körper schüttelte sich, die goldenen Ringe an ihren Armen klingelten, die Ringe in ihren Ohren, die genauso groß waren wie die an ihren Armen, schlackerten hin und her; Frank hatte Angst, dass der große, schwarze Rabenvogel auf ihrer wogenden Schulter in einem Anfall von Panik auf die Idee kommen könnte, ihm das eine oder andere Auge auszuhacken. Sein Krächzen war schrecklich und übertönte sogar die Lachsalven seiner Herrin. Ganz hinten in dem fast völlig schwarzen Flur sah er zwei rote Punkte aufblitzen.
Als Frau Leitner fertiggelacht hatte, stützte sie sich im Türrahmen ab. Die schwarzen Ränder unter ihren Augen waren tränenverschmiert, sie schluckte die letzten Gluckser runter und machte sich einen frischen Knoten in ihr rotes Kopftuch, das ihr fast über die Augen gerutscht war. Der Vogel hatte eine Kralle darin vergraben, um seinen Schulterthron nicht aufgeben zu müssen. „Na, Sie machen mir Spaß.“ Sie kämpfte immer noch mit ihrem Atem. Die zwei roten Punkte stellten sich als Augen heraus. Eine schwarze Katze schmiegte sich mittlerweile um Frau Leitners Beine und sah zu ihm hoch. Die Frau nahm die Blumen und deutete ihm mit der Hand, in die Wohnung zu kommen. „Sie haben fünf Minuten.“
Der Rabe, der schwarze Flur, die Katze, ihre ganze Aufmachung. Nichts von all dem fand sich in irgendeiner seiner Listen. Und doch war es ganz unverkennbar die Frau von gegenüber. Verkleidet. Ohne Brille; mit Kopftuch statt Dutt; mit glänzendem, grünem Wickelrock statt Jeans. Mit einem Raben auf der Schulter. Frank wollte am liebsten wegrennen. Lauf, Fodor, lauf!
Stattdessen fragte er: „Sind Sie eine Hexe?“
Fortsetzung folgt
Bei dem Wort ‚Arzt‘ sprang sein Kopfmotor endlich wieder an. „Guten Tag. Mein Name ist Frank Frodor. Ich wohne im Haus gegenüber und möchte Sie um einen Gefallen bitten. Hier, bitte, schöne Blumen für Sie.“ Er sagte seine Formel vollkommen mechanisch auf, monoton wie ein Roboter und sah dabei zur Decke. Das Roboter-Gehaben verfestigte sich noch, als er ruckartig einen Arm ausstreckte und ihr einen kleinen Strauß Grünzeug mit Bunt drin vor die Brust hielt. Die Frau schien eine Sekunde lang fassungslos, dann hallte ihr heiseres Lachen durch das Treppenhaus. Ihr ganzer Körper schüttelte sich, die goldenen Ringe an ihren Armen klingelten, die Ringe in ihren Ohren, die genauso groß waren wie die an ihren Armen, schlackerten hin und her; Frank hatte Angst, dass der große, schwarze Rabenvogel auf ihrer wogenden Schulter in einem Anfall von Panik auf die Idee kommen könnte, ihm das eine oder andere Auge auszuhacken. Sein Krächzen war schrecklich und übertönte sogar die Lachsalven seiner Herrin. Ganz hinten in dem fast völlig schwarzen Flur sah er zwei rote Punkte aufblitzen.
Als Frau Leitner fertiggelacht hatte, stützte sie sich im Türrahmen ab. Die schwarzen Ränder unter ihren Augen waren tränenverschmiert, sie schluckte die letzten Gluckser runter und machte sich einen frischen Knoten in ihr rotes Kopftuch, das ihr fast über die Augen gerutscht war. Der Vogel hatte eine Kralle darin vergraben, um seinen Schulterthron nicht aufgeben zu müssen. „Na, Sie machen mir Spaß.“ Sie kämpfte immer noch mit ihrem Atem. Die zwei roten Punkte stellten sich als Augen heraus. Eine schwarze Katze schmiegte sich mittlerweile um Frau Leitners Beine und sah zu ihm hoch. Die Frau nahm die Blumen und deutete ihm mit der Hand, in die Wohnung zu kommen. „Sie haben fünf Minuten.“
Der Rabe, der schwarze Flur, die Katze, ihre ganze Aufmachung. Nichts von all dem fand sich in irgendeiner seiner Listen. Und doch war es ganz unverkennbar die Frau von gegenüber. Verkleidet. Ohne Brille; mit Kopftuch statt Dutt; mit glänzendem, grünem Wickelrock statt Jeans. Mit einem Raben auf der Schulter. Frank wollte am liebsten wegrennen. Lauf, Fodor, lauf!
Stattdessen fragte er: „Sind Sie eine Hexe?“
Fortsetzung folgt
testsiegerin - 20. Sep, 20:43