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Montag, 25. August 2008

Sonntag II

Sie rollte sich auf die andere Seite des Bettes und griff sich den Wecker. Dreiviertel zehn. Sie hatte kaum eine halbe Stunde geschlafen. Das Telefon läutete beharrlich weiter. Hoffentlich war nichts passiert. Blödsinn, Birgit fuhr immer so langsam mit dem Auto, dass sie zu jedem Zusammenstoß zu spät kommen würde. Und das Löwengehege im Zoo war durch Gitter so gesichert, dass nicht einmal die Cherokee hineinklettern konnten. Vielleicht war etwas mit Papa? Der hatte schon mal einen Schlaganfall gehabt. Und der würde eher seine Tochter als die Rettung anrufen. Mit einem Satz war Franziska auf den Beinen.

„Franziska Zapletal.“ Sie musste immer aufpassen, dass sie sich am Telefon daheim nicht mit „Schwes-ter Franzi, Station dreizehn“ meldete.
„Ja. Grüß Gott. Bitte legen Sie nicht auf.“
„Eh nicht. Ich hab ja grad erst abgehoben.“
„Danke. Vielen Dank. Es ist nämlich etwas kompliziert.“
Der Mann am anderen Ende war in Not, sagte ihr siebter Sinn. „Beruhigen Sie sich erst mal. Ich bin ja da. Ich leg auch nicht auf.“
Jetzt hörte sie ein erleichtertes Seufzen. Dann Atmen und Schnaufen.
„Hallo? Sind Sie eingeschlafen?“ Dafür hätte sie nämlich Verständnis gehabt.
„Nein. Ich kann so gar nicht schlafen. Mit dem Kopf nach unten. Ich hänge mit dem Fuß an der Dachrinne fest.“
Der Mann am anderen Ende war sogar in großer Not.
„Bleiben sie ganz ruhig. Sagen Sie mir einfach die Adresse. Ich schicke die Feuerwehr. Und versuchen Sie auf keinen Fall, den Schuh auszuziehen.“
„Mir ist nicht nach Witzen zumute.“ Es knackte. Allerdings nicht in der Leitung, sondern in der Stimme des Mannes. Ein Tiroler, schloss Franziska geistesgegenwärtig.
„Ja. Das verstehe ich. Entschuldigung. Nun, wo hän-gen Sie? Am Goldenen Dachl in Innsbruck?“
„Fast richtig. Sie müssen mir versprechen, weder die Feuerwehr noch die Polizei zu rufen, sonst kann ich ihnen nicht verraten, wo ich bin.“
„Alles klar.“ Das sagte Franziska mehr zu sich selbst. Zum Glück hatte sie auch Erfahrung mit Psychiatriepatienten.
Er schien ihre Gedanken zu erraten. „Ich bin nicht verrückt“, presste er hervor. „Versprechen Sie es?“
„Ja doch, ja.“ Es war leicht etwas zu versprechen, wenn man im schlimmsten Fall einfach auflegen konnte. „Gut, was soll ich tun? Gemeinsam mit Ihnen beten?“
„Sehr witzig. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Kennen Sie das?“
„Nun seien Sie mal nicht so zickig. Sie brauchen meine Hilfe, nicht umgekehrt.“
Wieder Atmen und Schnaufen. Franziska ging zurück ins Bett und kroch unter die Decke. Mit der Wärme kehrte auch die Sanftmütigkeit in sie zurück.
„Womit kann ich Ihnen helfen?“
„Sie brauchen nur eine Telefonnummer zu wählen und mit Sverre zu sprechen.“
„Warum rufen Sie dann mich an und nicht diesen Sverre?“
„Weil ich das nicht kann. Bei dem Sturz wurde mein Handy beschädigt. ich kann nur einen Teil der Ziffern wählen. Da hab ich auf gut Glück getippt.“

Tatsächlich hatte er schon etliche Male auf gut Glück getippt. Neunundzwanzig mal hatte er auf gut Glück getippt. Die meisten dieser Glücksnummern waren aber gar nicht mit einem Anschluss besetzt. Drei von diesen entsetzlichen Mailboxen hatte er erwischt. Dann einen Menschen, der vermutlich so etwas wie Albanisch sprach. Eine Pensionistin, die sich beim Hausputz gestört fühlte. Ein kurzes Gespräch mit einem pubertierenden Schüler hatte ihm Gewissheit darüber verschafft, dass seine Lage einfach nur endgeil war. Mit Franziska hatte er geradezu das große Los gezogen, das durfte er nicht leichtfertig verspielen.

„Wehe, das ist so ein Quatsch, wo sie die Leute anrufen und einen Schmarrn erzählen und nächste Woche läuft das im Radio und ich hab mich hier zum Affen gemacht. Wer sind Sie überhaupt?“
„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Rufen Sie jetzt bitte Sverre an und sagen Sie ihm, er soll sofort kommen.“
„Wohin soll er kommen?“
„Er weiß das schon. 0699 1532078.“
Franziska notierte die Nummer, doch dann hielt sie inne. „Ich muss wissen, worum es geht. Vielleicht sind Sie ja ein Schwerverbrecher und ich mache mich zur Komplizin, wenn ich diesen Sverre anrufe.“
„Ich bin kein Krimineller, verdammt noch mal. Ganz im Gegenteil. Ich versuche ein Verbrechen zu verhindern.“
„Warum dann keine Polizei?“
„Puh. Zum Glück hab ich so eine gute Kondition.“ Er stöhnte genervt. „Also gut, ich bin in der Königlich Norwegischen Botschaft. An der Königlich Norwegischen Botschaft.“
„Darf ich fragen, was Sie dort machen außer an der Dachrinne festzuhängen? Sind wir mit Norwegen im Krieg? Habe ich wieder was verpasst?“
„Ich rette Wale.“
Franziska rollte die Augen. „Klar, das liest man in letzter Zeit überall, dass die österreichischen Wale vom Aussterben bedroht sind.“
„Und Sie? Leisten Sie einen Beitrag zu einer besseren Gesellschaft?“ Jetzt wurde der Kerl auch noch frech.
„Ich rette Menschen. Üblicherweise im Krankenhaus. Jetzt aber grad irgendeinen Idioten, der auf fremden Botschaften herumturnt.“
„Großartig. Ich habe wirklich Glück heute. Ein Gutmensch also. Wären Sie jetzt bitte so freundlich?“
„Ich bin schon freundlich genug, finde ich. Hören Sie, ich hatte Nachtdienst und habe in den letzten zwanzig Stunden so gut wie nicht geschlafen. Ich war so freundlich aus dem Bett aufzustehen. Ich war so freundlich mit Ihnen zu sprechen. Und ich war bisher so freundlich nicht aufzulegen.“
„Ja. Danke.“
„Bitte.“
Es folgte eine Minute des Schweigens. Manchmal ist Schweigen viel kommunikativer als Reden.
„Wie heißen Sie eigentlich?“
„Das tut nichts zur Sache. Sverre weiß schon, um wen es geht, wenn Sie ihn zur Botschaft schicken.“
„Oh nein. So nicht, mein Lieber. Entweder Sie sagen mir jetzt wie Sie heißen, oder Sie bleiben hängen, wo Sie sind. Ich habe keine Lust mich verarschen zu lassen."
„Puh, sind Sie hartnäckig. Also gut, mein Name ist Silberhügl.“
„Gregor Silberhügl? Der berühmte Schispringer? Echt?“
Er stöhnte abermals. „Echt.“
„Boahh, ich werd narrisch! Gregor Silberhügl. Können Sie mir ein Autogramm schicken? Nein, drei lieber, für die Buben auch, bitte. Die werden ausflippen, wenn ich ihnen das erzähle. Wissen Sie, die üben immer Schispringen, vom Couchtisch, und unsere Schiflugweltmeisterschaft findet vom Küchentisch statt, der ist höher. Ich hab ja meine aktive Karriere beendet, seit ich mir den Knöchel verknackst habe dabei, ich bin jetzt Wertungsrichterin. Eine strenge Wertungsrichterin, so wie der Finne. Beim Telemark hapert es nämlich noch arg bei den Buben. Der finnische Wertungsrichter, der war übrigens total ungerecht letztens in Zakopane. Ihre Landung war viel schöner als die von dem Polen, und trotzdem haben Sie nur eine Achtzehn-fünf gekriegt. Aber in Oberstdorf, bist du deppert, der Sprung war grenzgenial, ich hab schon geglaubt, Sie wollen oben bleiben. Und dann der Aufsprung, da hat der Pole die Ohren angelegt. Schade, dass Sie das selbst nicht sehen konnten. Ich muss gestehen, bei der Siegerehrung hab ich geweint. Weinen Sie eigentlich nie, wenn Sie die Bundeshymne hören?“
„Ja. Doch. Sicher. Hören Sie.“
„Ja?“
„Sverre. Würden Sie den jetzt bitte anrufen?“
„Ach ja. Sverre. Der wird sich freuen, wenn ich ihn vom Gregor Silberhügl grüße.“
„Sie sollen ihn nicht grüßen. Sie sollen ihm was ausrichten.“
„Selbstverständlich. Ausrichten. Wird gemacht.“
„Tausend Dank. Und anschließend hier wieder anrufen, geht das?“
„Klar geht das. Geht alles.“
Die Tatsache, dass am anderen Ende der Leitung der beste Schispringer des Landes hing – im wahrsten Sinne des Wortes – beflügelte Franziskas Tatendrang. Es ging um Gregor Silberhügl, die große Goldmedaillenhoffnung für die nächsten Olympischen Spiele. Es ging um Österreich. Land der Berge, Land am Strome, summte sie mit feuchten Augen, als sie die Ziffern in die Tastatur tippte.
„Tuuuut – tuuuut – tuuuut – God dag, Sverre Solskjær.“ Dann folgte ein endloser Monolog in norwegischer Sprache. „Piep.“
„Ja. Grüß Gott. Hier ist Franziska Zapletal. Sie kennen mich nicht und ich kenne Sie auch nicht. Sie werden nicht erraten, mit wem ich gerade telefoniert habe. Mit dem Gregor Silberhügl, dem berühmten Schispringer. Er will mir Autogramme schicken. Aber nicht sofort. Er hängt nämlich an der Botschaft. An der Norwegischen. Wir müssen ihn retten. Rufen Sie mich zurück, wenn Sie Fragen haben. Wollen Sie auch ein Autogramm?“
Sie nannte noch ihre Telefonnummer. „Beeilen Sie sich. Es ist dringend.“

Franziska wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es war ganz schön anstrengend und aufregend, das Leben eines Schispringers zu retten. Zum Glück war Silberhügl durchtrainiert und hatte so eine gute Kondition. Und Gott sei Dank war der Gute ein bisschen magersüchtig, ein Sumoringer hätte es da oben bestimmt nicht so einfach gehabt. Sie hatte große Lust, Birgit anzurufen und ihr von dem Abenteuer zu erzählen. Aber das ging nicht. Erstens, weil die Leitung frei bleiben musste für Sverre, zweitens, weil Birgit nicht die Klappe halten konnte. Obwohl – Franziska schloss die Augen. Krankenschwester rettet Sprungstar, sah sie schon die Schlagzeile der Kronen Zeitung, dabei las sie sonst nie die Krone. Und daneben ein großes Foto, von ihr und Gregor Silberhügl.
Als Dankeschön lud er sie natürlich zu den Olympischen Spielen ein. Sie träumte davon, in einem schönen Hotel in Vancouver zu schlafen. Die Betten brauchte sie nicht selber zu machen. Auf der Ehrentribüne saß sie neben dem kanadischen König und nippte am Champagner. Und an Gregors freiem Tag zwischen den Bewerben gingen sie gemeinsam zum Wildlachs-Fischen.

„Ja?“
„Ich bin’s. Die Franziska.“ Unglaublich. Jetzt waren sie schon fast per Du.
„Ja und? Was sagt er?“
„Ich weiß nicht. Es war alles Norwegisch.“
„Norwegisch?“
„Auf dem Anrufbeantworter. Er hat nicht abgehoben.“
„Mist.“
„Ja. Und nun? Soll ich nicht doch die Rettung rufen?“
„Nein. Ich hab keine Lust morgen früh mein Gesicht auf der ersten Seite der Kronen Zeitung zu sehen. Und als Schlagzeile: Schispringer bricht in Norwegische Botschaft ein.
„Verstehe.“ Er hatte Recht. Keine Sau würde sich für die unbekannte Retterin interessieren. „Ich hab aufs Band gesprochen, dass er mich anrufen soll. Mehr konnte ich nicht tun.“
„Noch mal danke, Franziska. Sie sind netter, als ich erst dachte. Tut mir leid, dass ich vorhin so grantig war. Aber ich häng nicht so oft an Regenrinnen von fremden Ländern.“
„Schon gut, Gregor. Ich muss jetzt auflegen, sonst kann Sverre nicht zurückrufen.“
„Ja. Bitte rufen Sie in einer Viertelstunde wieder an, falls er sich nicht meldet. Ich denk solange weiter nach.“

Sie starrte auf das Mobilteil in ihrer Hand. Los, du blöder Wikinger, ruf endlich an und hilf mir, die österreichische Ehre zu retten. Aber das Telefon in ihrer Hand machte keine Anstalten zu läuten. Deshalb versuchte Franziska es noch einmal. Wieder erzählte die Stimme auf dem Anrufbeantworter ihr eine norwegische Geschichte.
Verdammt. Was sollte sie jetzt tun? Schlafmangel machte nicht gerade erfinderisch. Sie wählte die Telefonnummer, die ihr seit Jahren die vertrauteste war.

Fortsetzung folgt...

Sonntag, 24. August 2008

Eine Woche im Bett - Sonntag

Ein Bett, ein Bett! Gebt mir endlich ein Bett! Das war seit ein paar Stunden der wichtigste Gedanke in Franziskas Gehirn. Dabei war sie die ganze Nacht von Betten geradezu umzingelt gewesen. Fremde Betten, in denen fremde Menschen lagen und fremde Träume träumten. Kranke Menschen, die ihre Hilfe brauchten. Und an jedem dieser Betten befand sich ein magischer roter Knopf, der den Kranken Erleichterung und Franziska noch mehr Arbeit verschaffte.
Um kurz vor sechs waren endlich die Kolleginnen vom Tagdienst eingetrudelt, denen sie mit trockener Zunge von der Nacht berichtet hatte. Angesichts ihrer geistigen Verfassung und des technischen Zustandes ihres Polos war es ein Wunder, dass sie nach den Nachtdiensten stets unfallfrei ihre Wohnung erreichte. Ein Wunder, das die Medaille des heiligen Christopherus am Armaturenbrett seit vielen Jahren vollbrachte.
Sie öffnete die Haustür mit der immer noch gleichen Sehnsucht nach Erlösung: Ein Bett!

Franziska ließ achtlos Mantel und Tasche fallen und fluchte, weil offenbar jemand ebenso achtlos ein Mondfahrzeug hatte fallen lassen, über das sie stolperte. Die Übeltäter hießen Florian und Johannes, waren drei und vier Jahre alt und die Söhne ihrer Lebensgefährtin. Franziska wünschte sich nicht nur in ihr Bett, sie wünschte sich auch so einen magischen roten Knopf wie an den Betten der Patienten, mit dem sie die Kinder mitsamt dem verdammten Weltraumauto auf der Stelle zum Mond schießen konnte. Zu ihrem Glück schliefen sie noch. Und das wollte sie jetzt auch tun.
„Wie war dein Dienst, Franzi?“ Birgit küsste sie auf den Mund, schnitt einen Apfel in Spalten und strich Jausenbrote.
„Scheiße“, kam die erwartete Antwort.
„Ich geh heute mit den Kindern in den Zoo, ja? Dann kannst du ausschlafen und dich ein bisschen erholen.“
„Danke. Aber erst noch duschen. Ich geh so ungern mit dem Krankenhausgeruch am Körper ins Bett. Ich muss schrecklich stinken.“
„Gar nicht stinkst du.“ Birgit strich ihr durch die zerzausten roten Haare.

Franziska genoss das Prasseln des warmen Wassers auf der Haut und wusste irgendwann gar nicht mehr, wie lange sie da unter der Dusche stand. Vermutlich hatte sie zwischenzeitlich schon im Stehen geschlafen. Ihr Kopf hatte sich von der Welt verabschiedet, vermutlich ebenso wie es bei den Patienten der Fall war, denen sie nach der Operation die Infusion mit den Schmerzmitteln anhängte. Ein Bett, kam es ihr wieder in den Sinn. Deshalb stand sie ja unter der Dusche, damit sie sich nicht in fremden und eigenen Ausdünstungen und in Gesellschaft widerwärtiger Krankenhausbakterien in ihren Laken wälzen muss-te. Sie trocknete sich notdürftig ab und ließ das Ba-dehandtuch auf den Boden gleiten. Zum Überstreifen des Schlafshirts fehlte ihr die Kraft, also kroch sie nackt und dampfend unter ihre Decke.

Schwer sank ihr Kopf ins Kissen und die Augen fie-len augenblicklich zu. Ihre Füße brannten und hin-derten sie daran, den letzten Schritt ins Reich der Träume zu tun. Ich hab die Patientendokumentation von der Diabetikerin mit dem amputierten Fuß nicht fertig geschrieben, meldete sich ihr Schwesterngehirn zurück. Mitten im Satz hatte das Telefon geklingelt, irgendwelche Angehörigen, die eine Auskunft wollten. Mit Sicherheit hatte sie auch noch andere Dinge vergessen. Solche Gedanken waren ihr zwar mittlerweile vertraut, hinderten sie aber nach wie vor am Einschlafen. Erneut sehnte sie sich nach einem magischen roten Knopf, der auf Druck alle quälenden Gedanken aus ihrem Kopf absaugte und ihn leer machte.

„Ich bin müde“, redete Franziska auf sich ein. „Mein Atem geht ruhig und gleichmäßig. Mein linker Arm wird ganz schwer.“ Ihre Fähigkeiten zur Autosuggestion waren seit jeher begrenzt. Schon in jungen Jahren war es ihr nicht gelungen, die Stimmen der Verstorbenen zu hören, wenn sie mit ihren Freundinnen am großen runden Tisch saß und deren Geister anrief. Und doch hatte ausgerechnet sie sich jahrelang eingeredet, dass sie in einen Mann verliebt war. Um ein Haar hätte sie ihn geheiratet. Bei Birgit waren sogar vier Jahre Ehe und die Geburt zweier Kinder vergangen, bevor ihr endgültig klar wurde, dass sie lesbisch war.
War jetzt ihr linker Arm schon schwer oder der rechte? Gab es wirklich Leute, die sich mit diesem Blödsinn entspannen und dabei sogar in Tiefschlaf fallen konnten?

„Heeeeyyyy!“ Tapptapptapptapptapp. Aha. Auch Johannes hatte seine Träume offensichtlich ausge-träumt.
„Meine Ohren sind stocktaub und meine Großhirn-rinde wurde vollständig narkotisiert“, versuchte sie es ein verzweifeltes letztes Mal, als die Schlafzim-mertür aus den Angeln gesprengt wurde.
„Spider-Määään!“ Spinnenmann Florian landete wie ein besonders fettes kurzbeiniges Exemplar dieser Gattung auf ihrem Bett. Die Kinder sahen eindeutig zu viel und zu spät Fernsehen.

Was nützte es, dass Franziska sich vor Jahren ganz bewusst für ein selbstbestimmtes Leben und gegen eigene Kinder entschieden hatte? Wenn sie jetzt tat, wonach ihr zumute war, nämlich einen hysterischen Schreianfall kriegen und wütend und hilflos um sich schlagen, dann bedeutete das stundenlange Diskussionen mit Birgit über die Erziehung. Also durchatmen, „macht nichts, ich hab ohnehin noch nicht geschlafen“ murmeln, durch Kinderköpfe strubbeln und mit ernster Miene sagen: „Ab sofort seid ihr Indianer vom Stamm der Cherokee, schleicht auf Fuchspfoten durchs Haus und achtet darauf, dass kein Laut in mein Tipi dringt. Und steckt die Hände nicht wieder in den Bärenkäfig, sonst sind sie ab.“
„Was sind Cherokee-Indianer? Erzähl uns was von denen!“
Franziska versuchte ein Lächeln und schluckte ihre Ohnmacht hinunter. Vielleicht sollte sie der Ohn-macht eine Schlaftablette hinterher werfen.
Ein Gähnen aus tiefster Seele gab ihr die Gewissheit, dass die Müdigkeit noch immer da war und ein Schlafmittel pure Verschwendung gewesen wäre. Sie legte sich auf den Bauch und genoss ihre nun immer tiefer werdenden Atemzüge.
„Die schnarcht ja“, stellte der Cherokee Florian mit dem Ohr an der Tür fest, aber das hörte Franziska schon nicht mehr.
Sie schlief jetzt tief und fest, nur ab und zu stram-pelte sie mit den Beinen, weil sie den Patienten mit den frischen Hüftoperationen im Traum eine Bettpfanne bringen musste. Wenig später bretterte sie mit einem roten Cabrio über die kurvenreiche Landstraße. „Abseits“, schrie ihr Ex-Mann vom Straßenrand. „Abseits ist, wenn...“, begann sie zu dozieren, „... wenn das Telefon klingelt.“

Franziska wachte auf und schaute sich verwundert im Zimmer um. Wie spät war es nur? Und wer war so verrückt, mitten am helllichten Tag anzurufen? ...

Fortsetzung folgt

Donnerstag, 21. August 2008

Wer A. sagt...

... oder Wie das A. in meinen Namen kam

Es war einmal ein Mann, der war mein Urgroßvater. Er war ein armer russisch-jüdischer Fischer, der nie auch nur einen Fisch gefangen hat im Bajkalsee. Nur einmal, es war in einer kühlen Novembernacht und am Himmel stand der abnehmende Mond, da hatte er ein A im Netz, an dem hing ein Punkt dran. Ein einzelnes, einsames A Punkt. Er schenkte es seiner Frau zum Geburtstag, einer ebenso verarmten, aber übergewichtigen Malerin, die bei zunehmendem Mond Tag und Nacht aß, hauptsächlich Borschtsch. Bei abnehmendem Mond aß sie auch, aber nur tagsüber, nachts malte sie den abnehmenden Mond. In ihrem ganzen Leben hat sie kein einziges anderes Motiv gemalt und in ihrem ganzen Leben hat sie kein einziges Bild verkauft, weshalb das russisch-jüdische Paar arm blieb.

Sofia Schoschanah Serajofowitschova knallte ihrem Mann das A. wütend an den Kopf. "Was ich mache mit so a A., du Paßkudnjak, du Schurke?", kreischte sie, "hättest du wenigstens a S. gefangen, oder noch besser zwei A und ein L, weil Aal hätten wir können essen! Und überhaupt, hat meine Name eh viele Buchstaben, bin ich gestraft genug damit, brauch ich net noch a A. Warum du mir nicht schenken schönes Ring aus Gold? Was ich mache mit so ein lächerliche A.?"

Traurig steckte Ibrahim Serajofowitsch das A. in ein schmuckes Schmuckkästchen und bewahrte es dort viele Jahre auf. Nach seinem Tod erbte es seine jüngste Tochter Chenia, aber auch die wollte das A. nicht. Sie fand abgekürzte Buchstaben im Namen einfach dämlich, so dämlich wie romantische Geschichten über verarmte Fischer und Malerinnen bei und von abnehmendem Mond.

Nach dem Tod meiner Großeltern überreichte der Notar mir mit einem anzüglichen Lächeln das Schmuckkästchen. Schmuck war keiner drin, den hatten meine habgierigen Verwandten sich schon unter den Nagel gerissen. Nur ein einsames, trauriges, ein wenig verstaubtes A. lag auf dem samtigen Boden der Schatulle.

Aus Mitgefühl und zu Ehren meiner verarmten russisch-jüdischen Vorfahren nahm ich den Buchstaben heraus, pustete den Staub von ihm und steckte ihn zwischen meine beiden Namen.
"Das A. steht für Ambivalenz", sage ich, "oder für Anzüglichkeit, Attraktivität, Abenteuer, Angst, je nachdem."

Manchmal steht es aber einfach auch für Anna. Und vielleicht war die Geschichte vom A Punkt eine ganz andere. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mittwoch, 20. August 2008

Muße statt Muse

Ich hatte viel vor in meinem Urlaub. Das Schlafzimmer neu ausmalen, in einem mediterranen Orangeton, die Türen streichen, in einem polaren Weißton, schreiben, in wortgewaltigem Sprachton, Manuskripte an Verlage schicken, Werbung für Femmes frontales machen und Wellnesshotels anrufen (nicht um dort Urlaub zu machen, sondern um dort aufzutreten), Knöpfe wollte ich annhähen und meine Texte ordnen, ein paar neue Hefte für die Lesungen binden, Sport betreieben, den Keller aufräumen und lauter so unheimlich sinnvolle Sachen wollte ich tun.

Geschrieben hab ich wenig. Was soll man auch schreiben, wenn das aufregendste, das man tagsüber erlebt, ein Gespräch mit dem Bäcker ist? Was soll man erzählen, wenn man keinen Stress hat, sondern mit den Kindern am Lagerfeuer sitzt und Kukuruz brät? Was soll man schreiben, wenn einem nicht mal speckessende, fleischallergische Vegetarier oder solche, die mein Schnitzel als „verwesendes Leichenteil“ verunglimpfen, das Leben schwer machen?

Ein Wellness-Hotel hab ich angerufen. Als die gesagt haben, sie haben kein Interesse, setzte ich mich mit einem Glas Prosecco traurig in den Garten und beschloss, mir so eine Schmach kein zweites Mal anzutun. Deshalb hab ich auch keine Manuskripte an Verlage geschickt. Ich bin für Niederlagen einfach nicht geboren. Keine Ahnung, warum sie trotzdem immer wieder ungebeten eintreten.

Keine einzige Wand hab ich gestrichen, denn erstens hab ich die Farbe nicht gefunden und außerdem war ich nach dem Aufräumen des Schlafzimmers völlig erschöpft. Mein Sohn hat mir dabei keine Pausen gegönnt.

Sport hab ich nicht getrieben. Entweder war das Wetter schlecht oder der Boden matschig oder Besuch da. Zwar keine Niederlagen, aber mein innerer Schweinehund lümmelte auf der Couch rum und wollte, dass ich ihm Gesellschaft leiste. Leider war er grad auf Urlaub, als ich im Hochseilgarten war. Da hat er seinen Kusin, den Ehrgeiz vorbeigeschickt.

Ich musste mich über fast nichts ärgern, außer über den Mann und das Wetter, aber beides kann ich nicht ändern, weshalb das Ärgern irgendwie nur kostet und nichts bringt und ich beschlossen habe, lieber in Gummistiefel und Gelassenheit zu schlüpfen.
Keine Termine, keine drohenden Schularbeiten, sogar mein Auto sprang an, wenn ich es gebraucht hab.

Der Keller ist noch immer nicht aufgeräumt. Aber seien wir mal ehrlich, welcher Besuch geht schon in den Keller und sieht dort nach, ob aufgeräumt ist? Nicht mal meine Mutter hätte das gemacht.

Was ich getan hab in den letzten Wochen? Lang geschlafen, in die Wolken geschaut (da gab es viel zu schauen), Schmuck geschmiedet, Katzen gestreichelt, Eis gegessen, das Lektorat für die Masterthese einer Freundin gemacht, damit sie nicht nur ein Mag. vor dem Namen, sondern auch ein Master of Science nach dem Namen hat, Schwammerl gesucht und gefunden, eingekauft und an der Kassa Kindern, alten Damen und jungen Männern den Vortritt gelassen, gekocht, Kräuter gepflanzt, Tomaten gepflanzt, Unkraut gezupft, Hecken stümperhaft zurückgeschnitten, Kräuter geerntet (das Kräutergießen wurde mir von oben abgenommen), Tomaten gegessen, gekocht, gepuzzelt, gespielt, im Internet gesurft, gebacken, gelesen, Diskuswerfen, Tischtennis und Synchronschwimmen geschaut.
Ja, mich hat die Muße geküsst, nicht die Muse. Ein orthographischer Irrtum mit Folgen.

Ich war nicht tüchtig in meinem Urlaub. Ich habe nichts geschafft. Vielleicht war das gut so.

"Muße, nicht Arbeit, ist das Ziel des Menschen"
(Oscar Wilde, Der Sozialismus und die Seele des Menschen)

Freitag, 15. August 2008

Zum Abschied

Lieber Otto,

seit gestern bist du also Asche. Ich mag dir trotzdem noch ein paar Worte sagen, auch wenn du sie nicht mehr hörst, aber solche Abschiede sind ja immer mehr was für die, die bleiben als für jene, die für immer gehen.
Du sitzt vielleicht eh grad mit einem Glas Wein am Lagerfeuer, zum ersten Mal seit langem ohne Schmerzen, ohne dieses blöde Geschwür in deinem Bauch, und freust dich daran, die Ebenen gewechselt zu haben. Ich werd jetzt ein Glas auf dich trinken. Prost, Otto.

So richtig gut kannte ich dich ja gar nicht, aber muss man Menschen so richtig gut kennen, um sie gern zu haben? Gestern an deinem Sarg hätte ich gern laut „Pfiat di, Otto, danke, dass du da warst“ gesagt, aber natürlich versagte meine Stimme und ich hab nur geschwiegen und mir ein paar Tränen aus den Augen gewischt.

Man sagt ja, dass in Österreich die Steigerung von Feind „Parteifreund“ lautet, aber für dich galt das nicht. Dir ist es nie darum gegangen, in der ersten Reihe zu stehen, du hast dich nicht wichtig gemacht, obwohl du wichtig warst, nicht nur als Bezirskgeschäftsführer, sondern vor allem als Mensch.

Ich werde dich vermissen bei unseren Sitzungen, Otto. Meistens waren wir ja der gleichen Meinung, aber während mich manche Einstellungen unserer Genossen wütend und zornig gemacht haben, bist du gelassen geblieben. Das hab ich bewundert an dir, wie du zu deiner Meinung gestanden bist, aber immer auch das Andere gelten lassen hast. Weil du nicht die Menschen ändern wolltest, sondern ihre Lebensbedingungen.

Verdammt, warum musstest du schon abhauen, du warst doch noch nicht mal fünfzig. Only the good die young, sagt man, aber das ist natürlich auch ein Schwachsinn, weil erstens die Bösen oft genauso früh sterben, weil man mit 49 auch nicht mehr sooo jung ist und weil drittens eh niemand genau sagen kann, wo die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft.

Die Welt ist voller Leiden, stand auf deinem Partezettel, aber auch voller Möglichkeiten Leiden zu überwinden. Deine eigenen hast du jetzt überwunden, indem du dich aus dem und zu Staub gemacht hast, für die Leiden der anderen Menschen hast du dich immer mit deiner ganzen Kraft und Liebe eingesetzt. Für dich waren sozialdemokratische Werte nicht nur sozialdemokratische Worte, sie waren dir ein Herzensanliegen, vor allem die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen. Vielleicht, weil du selbst immer jung geblieben bist und es in deinen Augen immer so frech geblitzt hat.

Ein paar deiner Genossen waren gestern im roten SPÖ-Shirt beim Begräbnis. Manche der anderen Gäste haben den Kopf geschüttelt, aber dir hätte das getaugt, Otto, hab ich Recht? Dir war nämlich das Innere immer wichtiger als das Äußere.

Zurzeit bin ich – wie viele ÖsterreicherInnen – ziemlich sauer auf die Partei. Den Hut aber, den hau ich nicht drauf. Den ziehe ich vor Menchen wie dir, vor Menschen, welche die sozialdemorkatische Idee jeden Tag mit Leben füllen, die zeigen, dass sich Solidarität, Toleranz und Gleichberechtigung noch lange nicht überlebt haben und wichtiger sind denn je. Menschen wie du geben mir die Kraft weiterzumachen. Und die Zuversicht, dass es sich lohnt.

Pfiat di, Otto. Danke, dass du da warst.
Freundschaft.

Barbara

Montag, 11. August 2008

Hoch hinaus

Eines vorweg. Ich kann ziemlich gut klettern. Ich hab nämlich erst vor kurzem (also in etwa vor 20 Jahren) einen Kletterkurs besucht. Nach einer Trennung hab ich damals auch den Bodenkontakt verloren und begab mich paragleiternderweise in die Lüfte. Von den schönsten Berggipfeln Österreichs bin ich geflogen. Zum Glück habe ich keine Höhenangst, was auch kein Wunder ist, weil ich schließlich im zehnten Stock eines Hochhauses großgeworden bin. Beim Paragleiten landete ich einmal auf dem falschen Fußballplatz. Ich war überrascht, dass da so viele Leute waren, die Zuschauer dachten, ich wäre eine bezahlte Pauseneinlage. Aber das ist eine andere Geschichte.
„Mutti, du bist irgendwie so... so muttig“, sagte mein großes Kind gestern. Und weil ich vermutete, er hat nicht ein m mit einem n verwechselt, sondern irrtümlich ein zweites t dazugeschummelt, hab ich heute meinen Mut bewiesen.
Hab ich schon erwähnt, dass ich total gut klettern kann?
Deshalb waren wir – also Frau Dr. Blubb, Frau Rosi und ich – heute da, im Herzen des Weinviertels, also ums Eck.

Da waren viele Väter mit Kindern und die Mütter sagten: Oh nein, das ist nichts für mich. Ich les lieber ein Buch oder vertrete mir ein wenig die Füße.
Nicht so die Testsiegerin. Die kann nämlich wahnsinnig gut klettern.

Es hätte mir zu denken geben sollen, dass ich schon beim Einsteigerparcours in lächerlichen zwei Metern Höhe Herzklopfen gekriegt hab und das Seil, auf dem ich balanciert bin, heftigst gewackelt hat. Aber als ich dann in vier Meter Höhe über schwankende Heurigenbänke und Weinfässer geschritten bin, das hat mich so übermuttig gemacht, dass ich auch in fünf Metern Höhe mit dem Rad auf einer sehr hängenden Hängebrücke von Baum zu Baum gefahren bin.

Und weil ich irre super gut klettern kann, war auch der Fortgeschrittenenparcours ein Klacks für mich. Was sind schon sieben Meter? Was sind schon wacklige Holzstreben und Stricke? Lächerlich.



Ich fürchte, so hab ich dann auch auf die Zuseher gewirkt, als ich das erste Mal ins Seil gefallen bin. Aber Frau Dr. Blubb und Frau Rosi, die längst auf der sicheren Seite des Steiges waren haben mich angefeuert: „Mama, du schaffst das!“ Ich hab in diesem Moment völlig vergessen, dass ich nur die Mama von einer der Beiden bin.
Irgendwie hab ich es geschafft, mich wieder hoch zu ziehen und von Sprosse zu Sprosse zu hanteln.

Ich war die einzigste Muttige, die Szenenapplaus bekommen hat. Gut, ich hab ihn eingefordert, aber der stand mir wirklich gut, ich schwöre.
Blut und Schweiß hab ich geschwitzt, bei den nächsten Herausforderungen, die Dinge waren einfach nicht wirklich gut befestigt, sondern alles sehr lose und zum Teil weit auseinander.



Ja, und jetzt gestehe ich es reumuttig: An diesen hängenden Baumstämmen hing ich und hatte keine Kraft mehr in den Händen. Tippen hält offensichtlich nicht wirklich fit und stärkt die Unterarme nur marginal. Alle „Mama-du-schaffst-es“-Rufe halfen nichts. Mit Tränen in den Augen, mit zitternden Fingern und Knieen versagte ich. Wie ein Häufchen Elend hing ich im Gurt und konnte weder vor noch zurück.

Ich hatte Glück. Ich wurde gerettet und abgeseilt. Und ich hatte noch mal Glück. Keine Sau hat mich ausgelacht, und schon gar nicht die Mädels. Die sagten nur: „Wir hatten solche Angst um dich.“
Obwohl ich wirklich sensationell gut klettern kann, habe ich auf den Meisterparcours in zehn Meter Höhe (bewältigbar nur aus einer Mischung aus Fitness und Mut) verzichtet.
Die Mädchen haben nicht auf den Start verzichtet. Trotz meiner mütterlichen Warnung: „Überlegt euch das bitte vorher, ob ihr das schaffen könnt? Nicht, dass euch dann jemand runterholen muss.“ haben sie gewagt.



Und gewonnen. Wenigstens sie.

Samstag, 9. August 2008

Mutterliebe

Ganz friedlich liegen die Kleinen neben mir und brummen. Nein, nicht meine Kinder. Von denen ist einer längst auf dem Feld und die anderen beiden schlafen noch... Moment mal... Ich kann mich doch nur an zwei Geburten erinnern? Ah so. Die Frau Rosi, eh klar.
Wer so friedlich neben mir liegt, als könnte er/sie keiner Fliege etwas zuleide tun, das sind vier Kätzchen. Rynn, die kleine Katze und die drei kleinen Kater namens Herta, Janosch und Farin. (Bald werden zwei von ihnen andere Namen haben, aber das wird sie vermutlich nicht kratzen, weil sie ohnehin nicht darauf hören, wenn sie kratzen.)


(im Bild: Janosch)

Hermes, die Götterbotin, ist ihre Mutter. Sie bringt nicht nur Botschafen, sondern vor allem auch Nahrung. An all die Mäuse, Ratten und Amseln, die sie in die Wohnung schleppt, selbst nicht anrührt, sondern ihren Kindern serviert, hab ich mich ja schon halbwegs gewöhnt. Wann aber werde ich mich an die Hasen gewöhnen?
Seit drei Tagen nämlich hat Hermes ihre Liebe zu diesen Tieren entdeckt und serviert ihrer Brut täglich Hasenbrüste und –keulen. Im Ganzen.
Ich denke an Bruno und frage meine Tochter: „Hat jemand unserer Nachbarn neuerdings Kaninchen?“
„Boahh, das ist kein Kaninchen, sondern ein Feldhase. Das erkennt man an den Ohren.“
Den Kleinen ist dieser Unterschied vermutlich egal, denn sie zerren das Feldhasenkaninchen gewaltsam durch die Katzentüre und beginnen, es zu zerfleischen. Als ich mich ihnen nähere, knurren sie mich böse an und nichts erinnert mehr an das sanftmütige Schnurren, als sie mir vorhin in der Halsbeuge lagen.



„Können wir das Tigerbaby nicht mit nach Hause nehmen?“ haben die Kinder gestern im Tiergarten gefragt und waren angetan, von dem niedlichen Jungen, das glubschäugig den Hasen zerfleischte.
„Lieber nicht, ich fürchte, das wächst noch, und das Tigerbaby sieht zwar süß aus, aber Tiger sind Raubtiere.“

Wie Herta, Farin, Janosch und Rynn. Ich glaube, die wachsen auch noch. Vielleicht sind sie irgendwann größer als die Hasen, die sie zerlegen. Ich fürchte schon den Augenblick, in dem sie Eisbären an den Ohren ins Badezimmer ziehen. Für ihre Jungen.

Ich bin da vergleichsweise harmlos. Denn ich gehe jetzt in den Wald und jage ein paar Pilze. Die esse ich selber.

Dienstag, 5. August 2008

Briefe an meine Kinder

Brief an mein großes Kind

Wahrnehmungsstörungen haben sie dir damals diagnostiziert, die Ärzte. Ich weiß schon, was sie damit meinen, aber manchmal, wenn ich dich so beobachte, dann frage ich mich, wessen Wahrnehmung da gestört ist.
Du nimmst nämlich genau wahr, wenn der Traktor diesen Sommer anders bereift ist als im Sommer vor fünf Jahren. Du merkst dir die Namen von fünfunddreißig Kühen und Kälbern und dem Hirschen Hansi. Du weißt genau, an welcher Stelle im Garten wir im Frühjahr die Erdäpfel eingegraben haben.
Du konntest zwar mit sieben noch nicht mal deinen Namen schreiben, aber du wusstest, wie man Kartoffelvollernter und Rübenreinigungslager buchstabiert. Wenn es um den Unterschied zwischen einem John Deere 6920 S und einem Fendt 930 Vario oder einer Scheiben- und Schweregge ging, konnte dir sowieso keiner etwas vormachen.

Da war so viel, von dem wir geglaubt haben, du schaffst es nie. Du aber hast uns immer wieder überrascht.
Weißt du noch, wie du lesen gelernt hast, mein Kind? Auf dem Pferd bist du herumgeturnt, so, dass ich geglaubt hab, du fällst jeden Moment herunter, und das Pferd ist mit dir im Kreis geritten und auf die Stadelwand war mit dem Beamer ein Gedicht projiziert. Der Rhythmus des Pferdes und des Gedichtes wurden irgendwann in deinem Kopf eins.
Du hast Radfahren gelernt und Schwimmen und jetzt hast du sogar den Hauptschulabschluss geschafft, ein paar Jahre später halt als üblich, aber was spielt das für eine Rolle?

Wahrnehmungsstörungen. Pah. Du nimmst wahr, wenn ich heimlich ein Stück Wäsche umgehängt habe, weil du grad Rüben erntest. Du nimmst als einziger hier wahr, wenn ich die Fenster geputzt habe, durch die du aufs Feld schaust.
Und den Menschen, denen herinnen und denen auf dem Feld draußen, denen blickst du mitten ins Herz.

Natürlich mach ich mir manchmal Sorgen um dich, weißt du, das macht jede Mutter, das hat gar nicht viel mit diesen sogenannten Störungen zu tun. Du wirst deinen Weg gehen, wie auch bisher. Du wirst Schlagermusik hören, die niemandem in der Familie außer dir gefällt, aber das ist dir ohnehin egal, du wirst auch weiterhin das Gute in den Menschen sehen und genau das werden sie dir zeigen, weil du ihnen so offen gegenübertrittst. Mauern brauchst du nicht, du schützt dich mit der Kraft der Liebe, die dich umgibt.

Ich wünsche dir, dass du einmal eine Frau findest, die dich so liebt wie du bist. (Und wenn sie einen Bauernhof hätte, dann wäre das auch praktisch.) Die das an dir wahrnimmt, was dich ausmacht. Dein großes Herz, dein breites Lachen, das Glück, das du in dir trägst. Du suchst nicht ständig den Sinn im Leben, weil der Sinn tief in dir wohnt.
Kannst du dich erinnern, als ich dich mal gefragt hab, ob du denn nie traurig oder unglücklich bist. „Warum sollte ich?“ hast du lächelnd geantwortet. Ja, warum solltest du? Und warum sollten wir? Und trotzdem sind wir es immer wieder, obwohl die Sonne scheint, der Lavendel blüht und der Weizen reif ist.
Ich wünsche dir eine Frau, der es egal ist, wenn auf der einen Wäscheleine ausschließlich rote und auf der anderen ausschließlich gelbe Wäscheklammern angebracht sind, weil das für dich wichtig ist. Eine, die sich drüber freut, dass du ihr jeden Morgen das Bett machst und die Bücher, die sie liest, nach Größe und Farben sortierst.

Puh, ziemlich schwülstig klingt das alles, Kind. Aber du wirst es eh nicht lesen, weil grad Erntezeit ist und da gibt es wirklich Wichtigeres als Schleimereien der eigenen Mutter. Ich muss jetzt sowieso raus, Wäsche aufhängen. Bittte schimpf nicht mit mir, wenn nicht Kante auf Kante hängt.


Brief an mein kleines Kind

Was soll ich einem Persönchen schreiben, mit dem ich sowieso täglich stundenlang rede? Ob das Leben Sinn hat, haben wir gestern besprochen, und du hast gemeint, eher nein. Dass du aber auch nicht danach suchst, weil es keinen Sinn hat, etwas zu suchen, das es nicht gibt. Dass du nicht auf der Welt bist, um Sinn zu haben, sondern weil ich dich gekriegt hab, und aus.
Meine kleine Philosophin, mein Leben hat jede Menge Sinn. Vor allem, weil es euch gibt.

Und als ich das hier heute noch mal in Ruhe angeschaut hab, das Geschenk, das du für deine beste Freundin gemacht hast, da hab ein paar Tränen der Rührung zerquetscht.
Sieh es mir nach. Und verzeih mir bitte meinen unverbesserlichen Optimismus. Ich weiß, das Glas ist weder halb voll noch halb leer, sondern doppelt so groß wie notwendig.
Obwohl... wenn es nur halb voll ist, kann man nachgießen. Und dann ist es voll. Das Glas. Das Leben. Und überhaupt.

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

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Wie geht es unserer Testsiegerin?
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Lo - 5. Feb, 17:25
Vielen Dank! Du findest...
Vielen Dank! Du findest mehr von mir auf facebook ;-)
testsiegerin - 30. Jan, 10:40
Kurschatten ' echt keinen...
auch wenn diese deine Kur schon im Juni...xx? war,...
kontor111 - 29. Jan, 09:13
zum entspannen...Angel...meint
wenn ich das nächste Mal im Bett liege, mich verzweifelt...
kontor111 - 29. Jan, 08:44
"Pinguin"
"Pinguin"
bonanzaMARGOT - 11. Mär, 11:11
Sleepless im Weinviertel
Ich liege im Bett. Ich bin müde. Ich lese. Eine Romanbiografie...
testsiegerin - 13. Jan, 11:30
... ich könnte mal wieder...
... ich könnte mal wieder eine brasko-geschichte schreiben.
bonanzaMARGOT - 8. Jan, 07:05
OHHH!
OHHH! Hier scheint bei Twoday etwas nicht zu stimmen. Hoffentlich...
Lo - 7. Jan, 13:36

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