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Samstag, 17. Januar 2015

Die Wörter sind weg

Manchmal sind die Wörter weg. Das macht mir Angst. Natürlich sind nicht alle Wörter weg, aber bestimmte. Blöderweise genau die, die ich gerade verwenden will. Ich krieche dann auf allen vieren in meinen verstaubten Hirnkammern herum und suche sie im Lurch, die Wörter, und manchmal auch die Zahlen. Dort finde ich zwar welche, aber oft nicht die richtigen, manchmal sind diese Passwörter oder Pins längst abgelaufen.
Die Butter lege ich in den Geschirrspüler und das Mail beantworte ich zum dritten Mal. Ich tröste mich damit, dass meine Festplatte im Hirn einfach zu voll ist und da schon mal was verloren gehen kann, aber es beunruhigt mich, wenn mein Arbeitsspeicher nicht darauf zugreifen kann. Erleichtert bin ich, wenn ich merke, dass es anderen Menschen auch so geht, und zwar Menschen in meinem Alter, nicht nur meinen dementen Klienten.
Sie wie ich verwenden viel Energie dafür, andere nicht merken zu lassen, dass wir uns nicht mehr alles merken. Das verbindet uns.

Frau W. zum Beispiel antwortet hauptsächlich in Sprichwörtern und Redewendungen. Wenn ich sie frage, ob sie mit mir ins Kaffeehaus geht, sagt sie „Ach, einen alten Baum soll man nicht verpflanzen“, wenn sie auf die Baustelle schaut, kichert sie und sagt "Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein", sie sagt Sachen wie „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ oder, wenn ich sie frage, ob das Apfelmus schmeckt, „der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“
Manchmal sagt sie aber auch so kluge Sachen wie „Ich hab mein ganzes Leben lang meine Erinnerungen gesammelt. Jetzt kann ich mich zwar nicht mehr an alles erinnern, aber ich zehre noch immer davon.“
„In Ihrem Alter darf man schon mal was vergessen“, sage ich laut und füge leise hinzu: "Aber in meinem noch nicht."
Ich soll nicht merken, dass sie sich nichts mehr merkt. Und so werden aus Menschen „der Dings“ und aus Dingen „das Dingsbums“, weil die Wörter geflohen sind. Beide tun wir so, als würde sie nicht längst gemerkt haben, dass ich gemerkt habe, dass sie sich nichts merkt.

Ich selbst ertappe mich auch dabei, dass ich – wenn ich über unseren Zivildienstleistenden erzähle – „unser Zivi“ sage, weil mir zwar die Namen der letzten fünf Zivis einfallen, nicht aber der des aktuellen. Ich ertappe mich dabei, dass ich immer öfter auf „Passwort vergessen?“ klicke.
„Älter werden tut nicht weh“, lüge ich meine Freundin, die ihren 50. Geburtstag feiert, an. Ich verschweige, dass die Haare, die Haut und die Knorpel in den Gelenken dünner, die Brillengläser und der Bauch dicker und nicht nur die Sprüche trockener werden. Ich wünsche mir die Hormone aus der Gattung der Lepidoptera zurück, die schwirrenden Schmetterlinge, die den Frühling ankündigen. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert.
Laut Heisenberg (den hab ich jetzt gegoogelt, mir ist sein Name nicht eingefallen) folgt die Aufmerksamkeit der Energie. Meine Freundin sagt: Die Energie fließt immer zum Leck. Und weil ich meinen Fokus beruflich so oft auf dieses Thema, auf die Lücken, lenke, beschäftigen sie mich auch bei mir selbst. Vielleicht beschäftigt das Thema aber auch Leute, die Blumen binden, die wenige Tage später verwelken oder rostige Autos reparieren.

Herr K. zum Beispiel (ich könnte jetzt natürlich so tun, als würde ich Herrn K. ausschließlich aus Gründen der Anonymisierung Herrn K. nennen und nicht deshalb, weil mir sein Name nicht einfällt), also Herr K. blickte in den Spiegel und erschrak fürchterlich. Das kennen wir bestimmt alle. Herr K. aber dachte nicht „was hast du für ein versoffenes, faltiges Gesicht“, sondern rief die Polizei an. „In meinem Badezimmer ist ein Einbrecher“, flüsterte er in den Hörer, „oder ein Untermieter, ich weiß nicht.“
„Wir kommen“, sagte der Polizist. Zumindest beim ersten Anruf.
„Wie hat er denn ausgesehen, der Einbrecher?“, fragte der Polizist wenig später an dem alten Küchentisch.
„Wie ich“, sagte Herr K., „nur älter. Da war noch ein Herbert, verstehen Sie?“

Wenn ich heute auf dem Geburtstagsfest meiner Freundin tanze, die Namen der anderen Gäste vergesse, schiebe ich es auf den Champagner, obwohl ich keinen Champagner trinken darf, weil nämlich der Zahn der Zeit auch an seinesgleichen, nämlich an meinem Eckzahn nagt (ein Kannibale sozusagen) und die Herrschaften Alkohol und Antibiotika sich besser aus dem Weg gehen sollten. Egal, ich werde tanzen und feiern und meiner Freundin sagen, dass es gar nicht weh tut, das Älterwerden, und wir nur schöner und begehrenswerter und reifer und erfahrener und klüger werden; aber die Wahrheit – die sie ohnehin längst kennt –, die werde ich ihr verschweigen. Nämlich, dass Älterwerden nichts für Weicheier ist.

Was wollt ich noch mal sagen? Ah ja. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.

Dienstag, 23. Dezember 2014

Eine wirklich stille Nacht

„Klausi!“ Seine Nachbarin Angela rüttelte ihn sanft. „Du musst aufstehen. Es ist kurz vor Weihnachten und du liegst hier herum! Und wie es da schon wieder ausschaut!“ Angela hielt sich die Nase zu. Neben kunstvoll verpackten Geschenken schimmelten Spaghetti Bolognese, Fischstäbchen, Topfenstrudel mit Vanillesoße und andere Fertiggerichte in Styroporbehältern vor sich hin, denn zum Kochen hatte Klaus schon seit Wochen keine Zeit mehr. Auf den Speckstreifen tummelten sich Maden. In der Ecke des Zimmers stand eine Batterie mit leeren Wein- und Wodkaflaschen.
„Jetzt aber raus aus dem Bett!“ Angela zog ihm die Decke weg. „Und in deinen Kleidern hast du auch schon wieder geschlafen.“ Sie riss das Fenster auf, um den Mief zu vertreiben. Klaus hielt sich die Augen zu, so sehr blendete ihn das gleißende Tageslicht.
„Erst vor ein paar Tagen hab ich gelesen, dass ein Briefträger aus der Südoststeiermark, der 24.000 Briefe gehortet hat, anstatt sie auszutragen, für drei Jahre in den Knast musste“, sagte Angela. „Willst du, dass dich das gleiche Schicksal ereilt?“
„Eh nicht“, sagte er, aber in Wahrheit war es ihm egal. In Wahrheit war ihm längst alles egal.
Er wusste aber, dass Angela nicht eher aufgeben würde, bevor er sich aus dem Bett quälte und sich an seine Arbeit machte.
Ein paar Tage später reichte es Angela. „Ich kann das nicht mehr mitansehen“, sagte sie, stopfte ihn in ihren Kleinwagen und brachte ihn in eine psychologische Praxis am Stadtrand.

Klaus ließ es einfach geschehen. Im Wartezimmer starrte er erst die Wand an und blätterte dann die Magazine auf dem Glastischchen durch. Das Glamour-Weihnachtsspecial. Er schmiss es zur Seite und blätterte die nächste Zeitschrift auf: Verschenk etwas Besonderes an die Frau, die schon alles hat. Wir haben originelle Weihnachtsgeschenke, niedrige Versandkosten und das Trusted Shops Zertifikat.
Warum sollte man Frauen, die alles haben, etwas schenken anstatt es den Menschen zu geben, die zu wenig haben? Und warum in Herrgottsnamen – Klaus biss sich auf die Zunge - mobile Waschmaschinen und Schlafkopfhörer?
Er riss die Seite in schmale Streifen.

„Herr Santer, was führt Sie zu mir?“
Er erschrak. „Wer, muss das heißen. Wer führt sie zu mir? Angela, meine Nachbarin, hat mich geführt.“
Sie lächelte ein professionelles Lächeln. „Was ist Ihr Anliegen?“
Er zuckte die Schultern. „Woher soll ich das wissen?“

„Ich möchte, dass Sie zunächst diesen Test hier ausfüllen“, sagte die Psychologin und reichte ihm einen Packen Papier.
Er wollte sie nicht enttäuschen. Nie wollte er jemanden enttäuschen, und doch passierte ihm genau das ständig. Ständig waren die Leute von ihm enttäuscht. „Na ja, wenn Sie unbedingt möchten. Geben Sie schon her!“

Der Test umfasste 23 Seiten und Klaus brauchte dafür eine knappe Stunde. Die ersten Fragen nach Geschlecht, Körpergewicht (bei der er ein wenig schummelte), Ess- und Suchtverhalten (bei denen er ein wenig mehr schummelte) waren noch halbwegs einfach zu beantworten. Wenigstens bei der Frage nach harten Drogen konnte er guten Gewissens „nie“ ankreuzen. Im nächsten Testteil ging es um Schmerzen. Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Rückenschmerzen... brav machte er seine Kreuzchen bei „ständig“.

„Entschuldigen Sie bitte, aber was hat das alles für einen Sinn?“, fragte er die Psychologin, als sie mit einem Kaffee vom Automaten vorbeikam.
„Wir unterhalten uns später. Machen Sie jetzt bitte mit dem Test weiter.“
Klaus versuchte sich wieder auf den Test zu konzentrieren, aber es fiel ihm in letzter Zeit immer schwerer, sich auf irgendetwas zu konzentrieren.

Stellen Sie sich häufig Fragen wie: „Was hat das alles für einen Sinn?“
Er lachte zynisch. Und schrieb: Würden Sie das an meiner Stelle nicht? Was hat das denn alles für einen Sinn? Meine Arbeit. Mein Leben. Alles.

Denken Sie häufig, trotz Ihres Einsatzes nichts bewirken zu können?
Die Antwortmöglichkeiten lauteten: Nie, selten, manchmal, häufig oder oft.
Klaus zeichnete ein zusätzliches Quadrat auf den Zettel, in das er ein Kreuz machte. Immer, schrieb er daneben.

Hat Ihr sexuelles Verlangen nachgelassen?
Klaus hielt inne. Welches sexuelle Verlangen denn? Er war eine asexuelle Person. Zumindest erwarteten das die Menschen von ihm. Na gut, früher, da hatte sich oft etwas geregt, wenn Angela mit ihm Kaffee trank, Kekse aß und lachte. In letzter Zeit regte sich gar nichts mehr. Er entschied sich für „eher ja“.

Machen Sie zynische Bemerkungen über Ihre Kunden/Kollegen/Mitmenschen?
Nein. Diese gierigen Gfraster haben meine Aufmerksamkeit überhaupt nicht verdient. Nichts ist genug. Immer mehr wollen sie, und je mehr sie bekommen, umso unglücklicher werden sie, die Erwachsenen wie die Kinder.

Vernachlässigen Sie Ihr äußeres Erscheinungsbild?
Das letzte Mal hatte er sich vor einem halben Jahr rasiert. Seine Arbeitskleidung war alt und zerschlissen, aber die Firma musste sparen und hatte kein Geld für neue. Und immer öfter schlief er in diesen Klamotten, weil seine Jeans nicht gewaschen waren und kein frisches Shirt im Schrank war. Und weil es ohnehin egal war.

Haben Sie sich von Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zurückgezogen?
Hohoho. Welche Freunde denn? Sein einziger Freund war sein Arbeitskollege Rudolph, und der war ein Rentier. Nein, kreuzte er an.

Sind Sie in den letzten sechs Monaten vergesslicher geworden?
Ja, in letzter Zeit vertauschte er immer öfter Pakete und konnte sich keine Namen mehr merken. Erst gestern hatte er zu Rudolph Ronald gesagt. Ronald. Rudolph hatte ihn gekränkt mit seiner roten Nase weggestupst.

Auf Seite 23, bei Frage 345.1a, nämlich Fühlen Sie sich innerlich leer, ausgelaugt und erschöpft?, schlief Klaus ein.

Die Psychologin beutelte ihn behutsam an den Schultern. „Herr Santer? Alles klar bei Ihnen?“
Er nickte und folgte ihr in das Sprechzimmer. Auf dem Tischchen lagen Tannenzweige und flackerte eine Kerze aus Bienenwachs. Die Psychologin überflog den ausgefüllten Testbogen, setzte sich ihm gegenüber in den weichen Ledersessel und schwieg. Plötzlich liefen ihm Tränen über die Wangen und verfingen sich im verfilzten Bart.

„Sie haben ein Burnout-Syndrom, Herr Santer.“ Sie blies die Kerze, die beunruhigend weit heruntergebrannt war, aus.
„Ist... ist das gefährlich, dieses Burn...?“ Davon hatte Klaus noch nie etwas gehört.
„Burnout beschreibt den Zustand des körperlichen und emotionalen Ausgebranntseins. Es kommt sehr häufig bei Menschen in helfenden Berufen vor. Gefährlich ist es, wenn Sie nicht dagegen angehen. Sie müssen etwas Grundlegendes in Ihrem Leben ändern. Außerdem müssen Sie prüfen, ob Ihre Lebenssituation noch Ihren Bedürfnissen entspricht oder wichtige Bedürfnisse unberücksichtigt bleiben.“
Seine Bedürfnisse. Was hatte er denn für Bedürfnisse, außer sich Abend für Abend zuzudröhnen?

„Erzählen Sie doch: Was haben Sie denn vor Ihrer Erkrankung gerne gemacht.“
Er dachte nach. Es schien ewig her zu sein. „Ich bin Schlittenrennen gefahren“, sagte er und seine Augen begannen zu leuchten. „Und stundenlang durch den Wald marschiert. In meinem Sack hatte ich Nüsse und eine Rute und kein Einhorn-Dosenfleisch und Blutbad-Duschgel. Schön war das.“

„Ich schreibe Sie jetzt krank, Herr Santer. Zunächst einmal für drei Monate. Und zweimal wöchentlich kommen Sie zu mir zur Therapie.“
„Aber“, entgegnete Klaus, „ich muss doch...“
„Sie müssen gar nichts. Sie schauen jetzt bitte einfach nur auf sich.“


Das Gerücht, dass es dieses Jahr keine Weihnachtsgeschenke geben sollte, verbreitete sich rasch. Die Menschen waren aufgebracht und schrieben Beschwerdebriefe und der Handel stöhnte über massive Umsatzeinbrüche. Die Stimmung war so aufgeheizt, dass die Psychologin und Angela sich gezwungen sahen, vor die Presse zu treten, eine Erklärung abzugeben und die Menschen um Entschuldigung zu bitten.

Klaus Santer an Burnout erkrankt

titelten die Zeitungen am nächsten Morgen. „Er muss sich schonen!“
Die Menschen, unter deren Freunden und Kollegen viele ebenfalls an Burnout litten, reagierten nachdenklich und betroffen. Sie fühlten sich mitschuldig am Gesundheitszustand von Klaus Santer. Also verschenkten sie dieses Jahr selbstgebackene Kekse, Aufmerksamkeit und Zeit, und trippelten auf Zehenspitzen durch die Stadt, um den Weihnachtsmann durch den Lärm nicht zusätzlich zu belasten.

Dieses Weihnachtsfest ging als stillste und friedlichste in die Geschichte ein.


Ich wünsche euch allen stille, friedliche und wunderschöne Feiertage!


Samstag, 20. Dezember 2014

Sabine und die Ess-Störung

Diese Geschichte hab ich für eine Freundin zum Geburtstag geschrieben.



Hätte Sabine nur nicht diesen Makel gehabt, ihr Leben wäre völlig anders verlaufen. Das ist oft so, denn es sind nicht die großen Schicksalsschläge, die unser Leben und den Lauf der Welt bestimmen, sondern Kleinigkeiten. Würde Karl Kevin heißen und wäre Herbert nicht bei der falschen Bushaltestelle ausgestiegen, ihr Leben hätte andere Wendungen genommen als die, für die es sich entschieden hat. Wäre Helene Fischer nicht nur atem-, sondern auch stimmlos gewesen und hätte Adolf jüdische Vorfahren gehabt, wäre auch der Welt einiges erspart geblieben.
Wie auch immer, Sabine hatte eine S-Störung, daran war nicht zu rütteln. So mancher Englischschüler wäre froh gewesen, ein derart sauberes th auszusprechen wie sie, aber Sabine sprach kein Englisch.
Vielleicht hätte ihr Makel sie auch gar nicht gestört, würde sie Herta heißen, aus Wien kommen und in einem Hinterzimmer eines Blumenladens Blumen binden.

Sabine aber hieß Sabine Saurer-Samwald, wohnte in Sierndorf und war Silberschmiedin. Seit zwei Wochen arbeitete sie nicht nur in der Werkstatt, sondern auch im Verkauf. Sabine liebte ihren Beruf, aber sie hasste die mitleidigen Blicke der Menschen, denen sie Silberringe verkaufte. Obwohl Siegfried, ihr Mann, ihr versicherte, dass er sie trotz dieses Sprachfehlers, ja vielleicht sogar deswegen liebte, weil ihre Aussprache so süß und scheu war, beschloss Sabine, etwas an ihrem Leben zu ändern.

„Thind thie Thilke?“, fragte sie die Sprechtechniktrainerin am Telefon und ersparte ihr so die Frage nach dem Grund des Anrufs.

Es war nicht die Zahnfehlstellung, die den S-Fehler verursachte , fand Silke schnell heraus, sondern die Tatsache, dass Sabine unsicher war und sich schwer tat, loszulassen. „Raus!“, forderte Silke sie während einer Stunde auf. Sabine schaute entsetzt, packte die Brille in die Handtasche und eilte zur Tür. In ihre Augen schlichen sich Tränen. „Nicht Sie“, sagte die Sprechtechniktrainerin, als sie das Missverständnis bemerkte, „nur die Wörter! Lassen Sie die Wörter raus. Und die Gefühle auch!“

In den nächsten Wochen und Monaten setzte Sabine sich mit ihrem Atem auseinander, ließ ihn fließen, stärkte das Zwerchfell, indem sie hechelte wie bei der Geburt von Drillingen, fühlte, wie ein Strahl vom Herzen des Himmels ins Herz der Erde jagte, mitten durch ihr Herz und sie mit dem Universum und den Wurzeln verband. Sie schaute auf die nahe Burg Kreuzenstein, öffnete die Arme und schickte A’s und O’s auf den Turm.
Sie liebte Silke. Nicht auf eine erotische, begehrende, sondern eine bewundernde, aufschauende Art. Sie liebte ihren Ausdruck, ihr elfenhaftes Wesen, ihre Geduld und die Warmherzigkeit, mit der sie sie aufbaute, wenn Sabine wieder in sich zusammenfiel.
Sie war eine fleißige Schülerin. Sie übte in der Werkstatt beim Silberschmieden, zu Hause in der Küche, manchmal auch im Ehebett. Sie ertappte sich dabei, dass sie „Thuper Thex Thiegfried“, sagte, und korrigierte sich schnell: „Sssuper Ssssex, Siegfried“ Ihr Mann freute sich, dabei war ihm die Aussprache vermutlich egal.
Klangen ihre Sätze am Anfang noch so: In Thibirien isth eth thaukalt oder Ich thitze im Thessel und ethe Thalat mit Nüthen und Thonnenblumenkernen, wurden daraus mit der Zeit solche Gebilde:

Ich bin Sabine, bin stolz, skurril und selbstsicher. Ich bin süchtig nach Selleriesuppe. Ich singe gerne Soul, am liebsten Songs von Percy Sledge. Seit sieben Sonntagen spiele ich sogar Saxophon. Ich sehne mich nach der sonnigen Südsee, genieße Samt, Satin und Seide und – an der Stelle musste sie immer kichern – stehe auf versauten, sündigen Sex.
Und jedes Mal, wenn sie vor dem Spiegel sagte „Ich bin stolz, skurril und selbstsicher“, glaubte sie es ein bisschen mehr.


„Wie wäre es mit diesem sündteuren Silberring mit Saphir?“, präsentierte Sabine der Kundin stolz ihr Lieblingsstück.
Die schüttelte den Kopf. „Ich suche einen Slangenring mit einem smucken, sönen Stein.“ Sabine sah, wie die Frau errötete und fühlte mir ihr. Sie war auch immer rot geworden vor Scham. „Sie müssen es rauslassen“, sagte sie, „das SCH und die Gefühle.“ Sie kramte in einer Lade. „Warten Sie, ich hab da was zum Üben.“ Sie überreichte der Frau einen Korken.
„Von einer Sektflasse?“, fragte die.
„Champagner“, sagte Sabine. „Darf ich fragen, wie Sie heißen?“
„Sarlotte.“
„Schöner Name. Also, Charlotte sprechen Sie mir nach: Ich schwärme für schaukelnde Schiffe, schneeverwehte Schluchten, schöne Spiegel, schwarze Strumpfhosen, sprudelnde Springbrunnen und strahlende Sterne.“
„Ich swärme für saukelnde Siffe, sneeverwehte Sluchten, söne Spiegel“, versuchte es Charlotte und verzweifelte an der Aufgabe. „Seiße.“
„Sie sind im Tiefstatus, meine Liebe. Da müssen Sie dringend raus! Brust hervor, Schultern zurück. Vielleicht doch den Silberring mit dem Saphir?“, hakte sie nach. „Der Saphir stärkt die Entschlossenheit und fördert Heilungsprozesse.“ Das wusste sie von Silke, die sich mit Heilkräften von Steinen auskannte.
Tränen liefen über Charlottes Wangen. Sabine überreichte ihr ein Taschentuch und eine Visitenkarte von Silke. „Gehen Sie zu ihr. Sie wird Ihnen helfen.“

„Was bilden Sie sich eigentlich ein, Frau Sauer-Samwald?“, fragte die Chefin, die gerade zur Hintertür reinkam, als Charlotte das Geschäft verließ. „Das ist ein Juwelier, kein Esoterikladen. So leid es mir tut, ich werde Sie kündigen müssen.“
„Das klingt nicht authentisch“, sagte Sabine, „sagen Sie es mit Ihren eigenen Worten!“
„Raus!“, sagte die Chefin leise, und Sabine wusste, dass sie weder Gefühle noch Wörter meinte.
Alles im Leben hat einen Sinn, dachte Sabine, packte ihre Siebensachen und ging. Schon lange hatte sie überlegt, einen eigenen Laden aufzumachen, vielleicht hatte das Schicksal ihr eben zugewinkt.

„Sie brauchen mich nicht mehr, Sabine“, sagte Silke eines Tages. „Ihr S ist eines der reinsten, das ich je gehört habe. Und auch das K, das F, das A und O, das Z, ja, sogar das Ypsilon. Mit Ihrer Aussprache können Sie Nachrichtensprecherin werden.“
Bei Sabine strömten die Tränen. Das hier war viel schlimmer als die Kündigung. „Natürlich brauche ich Sie“, schluchzte sie.
„Was mach ich nur mit Ihnen?“, überlegte Silke, schnipste mit den Fingern und sagte: „Ich hab’s!“



Seit kurzem spielt Sabine Theater. Sie schüttelt sich zu Kundalini, kriecht auf allen Vieren und brüllt wie ein Löwe, improvisiert und lernt komplizierte Texte auswendig. Intensiv setzt sie sich mit den Figuren auseinander. Sie streicht sich durchs Haar wie die Figur, die sie spielt, sie spricht wie sie, sie geht wie sie, sie isst sogar wie sie. „Silke sagt, man muss die Figuren kennenlernen und spüren, verstehst du?“, erklärt sie ihrem Mann.
„Ich will dich auch wieder spüren, aber in deinem Kopf ist nur noch Platz fürs Theater“, sagt Siegfried. „Und für diese Silke“, fügt er hinzu, doch das hört Sabine nicht mehr.

Als sie am Abend Sex haben und Siegfried in sie eindringt, sagt Sabine: „Größer! Man muss spüren, dass es um etwas geht!“


„Ein Pferd“, tönt sie laut, während sie den Salat wäscht, denn bald würden ihre Schwiegereltern klingeln. „Ein Pferd! Mein Königreich für ein Pferd!“
„Wir haben kein Pferd, Schatz. Hast du die Gurken für das Tsatsiki besorgt?“ Siegfried ist gereizt.
Nein, hat sie nicht, sie hat das Gemüse vergessen, weil sie mit König Richard III. beschäftigt war. Vor ein paar Monaten noch wäre sie in so einer Situation zerknirscht in ihre Turnschuhe geschlüpft, hätte sich entschuldigt und gemurmelt: „Thorry. Ich bethorg schnell welche.“
Jetzt fasst sie sich mit dramatischer Geste ans Herz.
„Schlimm ist die Welt, sie muss zu Grunde gehen;
denn die graden, grünen Gurken fehlen.
Eine Gurke! Mein Königreich für eine Gurke! “
Sie küsst ihn auf die Wange und grinst. „Dann machen wir halt ein Tsatsiki ohne Gurken.“
„Was ist nur aus meiner thüßen, kleinen Thabine geworden?“, ätzt Siegfried.
„Eine selbstbewusste, souveräne Sabine“, sagt sie, „und damit kannst du offensichtlich nicht umgehen.“
Sie geht ins Wohnzimmer, greift nach einem Fläschchen und drückt das Ventil des Zerstäubers.
„Was machst du da?“ Siegfried steht in der Tür, „Im November gibt es keine Stechmücken.“
„Das ist ein Aura-Spray mit der Blütenessenz des Kreosotenbusches. Silke sagt, der gibt Schutz und tiefgehende Reinigung.“ Sie atmet tief ein und presst ihre Handflächen vor dem Körper zusammen. „Ich reinige mich tiefgreifend von deinen negativen, seelischen Energien. Mein Herz wird leicht und meine Worte klar.“


„Sabine, ich halte das nicht mehr aus.“ Siegfried seufzt und geht nervös im Wohnzimmer auf und ab.
„Leg die Unruhe in deine Stimme, nicht in deinen Körper“, sagt Sabine, „dann wirkt sie viel stärker.“
„Ich ... glaube, du hast ... mich ... nicht verstanden, Sabine.“
„Besser so, viel dichter die Emotion, jetzt spürt man, dass es um etwas Existenzielles geht. Aber verzichte auf die Pausen zwischen den Worten. Mach es flüssiger. Probier es gleich noch mal. Silke sagt ...“
„Sabine!“, er schreit jetzt. „Verdammt noch mal, ich kann nicht mehr! Es ist aus!“
„Bei dem Wort aus muss die Stimme runter, sonst kapiert das Publikum nicht, dass es zu Ende ist. Das Aus musst du hinsetzen wie einen Punkt.“
Er fasst mit seinen Händen an ihren Hals und schüttelt sie. Er ist in Rage, und seine Stimme bebt. „Es ist aus. Vorbei. Punkt.“
„Das war richtig, richtig gut“, sagt sie zufrieden. Ihr Mann drückt langsam und fest zu. „Silke wäre stolz auf dich“, stöhnt Sabine kaum noch hörbar und lächelt. Dann bricht sie zusammen.

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Die „Keimzelle des Staates“ oder „Was da so keimt“

Weihnachten.. Friede. Freude. Vanillekipferl. Besinnlichkeit. Zeit für die Familie. Pustekuchen. Außendienst.

Frau Sch., 93 Jahre alt, lebt seit ein paar Monaten im Heim. Wohl fühlt sie sich da nicht. Bei der Tochter und dem Schwiegersohn hat sie sich aber auch nicht wohl gefühlt. Den Schwiegersohn hat sie einmal angezeigt, das kann er ihr nicht verzeihen. „Meine Schwiegermutter ist eine böse Frau!“, sagt der Schwiegersohn. Über die zweite Tochter sagt Frau Sch., die in der Schraubenfabrik gearbeitet hat: „Die ist ein Muster ohne Wert!“

Schnitt

Herr Z. ist auch schon über 90. Er hat keine Familie mehr. Ob das ein Glück ist oder nicht, kann man nicht sagen. Er lebt im Haus eines Bekannten, der gut zu ihm ist. „Er war immer total sparsam“, erzählt dieser. Seit er eine Haushaltshilfe hat, die ihm beim Aufräumen und beim Duschen hilft, sind € 20.000,- vom Sparbuch verschwunden. „Ich hab ihr wohl zu unrecht vertraut“, sagt Herr Z.

Schnitt

Frau P. ist 91, sie lebt gemeinsam mit ihrem 60jährigen Sohn, der eine Behinderung hat, in einem verrußten, kleinen Häuschen. Sie ist zwar Sachwalterin von ihrem Sohn, kennt sich aber selbst nicht mehr so gut aus. Einmal im Monat kommt der Enkelsohn, angeblich ein Spieler. Frau P. hebt ihre Pension ab und gibt sie ihm zum Einkaufen. Es sind allerdings keine Einkäufe da.

Schnitt

Frau O. ist noch jung, erst 75. Sie ist - laut Angabe der Behörde - „sprachgewandt, unkooperativ und eigensinnig“. Vielleicht wird man das auch einmal von mir behaupten. Was ist das Gegenteil von eigensinnig? Fremdsinnig. Ihre Tochter ist gestorben.
„Ich bin nur noch zu Weihnachten da, und dann bin ich weg!“, schreit ihr Sohn. Er mache viel für die Mutter, sagt er, aber sie sage nicht einmal Danke. Das könne sie nicht. Und das Haus soll der Neffe bekommen. „Schleich dich!“, sagt Frau O., „bist eh zu nix zu gebrauchen.“
„Bevor ich einmal so werde wie du, nehm ich einen Strick und häng mich auf.“

Schnitt

Frau T. ist 77, dement und hatte einen Schlaganfall. Sie liegt im Bett und röchelt. Von 5 Kindern kümmert sich nur einer um sie. „Möchten’s tauschen?“, fragt er aggressiv, als ich ihm sage, dass ich mir die Situation ganz schön schwierig vorstelle. Ein harter Kerl, von außen. Ein wenig später beginnt er zu weinen. „Ich vertraue niemandem“, sagt er, und „ich hab keine Freunde. Meine Freunde sind die Hunde. Wenn man zu denen lieb ist, mögen sie einen, nicht so wie die Menschen.“
„Ich hab andere Erfahrungen“, sage ich.
„Dann sind Sie eine glückliche Frau“, sagt er.

Ich weiß.

Dienstag, 4. November 2014

Der Idiot

Freiheit ist das Recht, auf eigene Kosten Dummheiten zu machen. Und so, wie jeder von uns chronisch mehrfach normalen Menschen (CmnM – bald gibt es bestimmt einen ICD-Code dafür) unreflektiert und lustvoll Fehler machen darf – die falsche Frau heiraten, Schulden machen, sein Geld versaufen oder verspielen – genauso muss das auch für Menschen mit kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen gelten. Aber wir bevormunden sie. Bevormundung. Vor dem Mund. Bevor der Mensch den Mund aufmacht, macht sein Vertreter ihn auf. Spricht für ihn. Vertritt ihn. Tritt ihn.

Manchmal lernen wir aus unseren Dummheiten. Meistens aber nicht. Das gehört auch zur Freiheit. Menschen mit Behinderung nimmt man die Chance, aus Fehlern zu lernen – oder aber auch nicht.
Diese Menschen brauchen vielleicht ein Mehr an Unterstützung und Zeit, aber sicher nicht an Bevormundung. Anstatt dass man uns diese Zeit für die notwendige Unterstützung gibt, treibt man uns mit Leistungskennzahlen und Zielvereinbarungen in den Wahnsinn. Dabei sind diese sogenannten Vereinbarungen in etwa so freiwillig und beidseitig wie die Vereinbarung: „Wir haben ausgemacht, dass du heute endlich dein Zimmer aufräumst. Jetzt ist die Mama aber traurig.“
Weil wir nicht wollen, dass die Mama traurig ist, weil wir alle glückliche Mamas wollen, die stolz auf uns sind, räumen wir unsere Zimmer auf und erfüllen die angeordneten Zielvereinbarungen. Wir treten in die Pedale unseres Hamsterrades, damit die Mama uns liebhat. Immer kräftiger und immer schneller treten wir, schneller noch als die anderen, damit die Mama uns mehr lieb hat als die anderen. Wir blicken dabei aufs Mehr. Mehr Leistung. Mehr Geschwindigkeit. Mehr Liebe. Vor lauter Treten und Schwitzen übersehen wir, dass wir den Hamster längst zu Tode geschleudert haben. Wir meinen es doch nur gut. Wir wollen ihn doch nur motivieren schneller zu laufen, weil in unserer Gesellschaft nur mitkommt, wer fit und dynamisch ist.
Wir sind umgeben von rasendem Stillstand.

Weil wir den Anblick des toten Hamsters nicht ertragen können, baden, kämmen und föhnen wir ihn und setzen ihn zurück in den Käfig. Wir legen ihm täglich ein frisches Salatblatt hinein und wundern uns, weil er nicht fressen mag. „Na, Hansi, bist du gar nicht hungrig? Jetzt ist die Mama aber traurig.“
Wir merken nicht, dass der Hamster wir selbst sind. Unsere Ideale, die wir zu Tode getreten haben. Er konnte nicht Schritt halten mit unseren Erwartungen, unser blauäugiger, flauschiger Hamster, mit den Erwartungen der Gesellschaft an ihn. Dabei sind wir angetreten, um die Welt zu retten. Die Erde. Das Land. Die Menschen. Ein paar wenigstens. Die Wahrheit ist: Wir können uns nicht einmal selbst retten.

Jetzt liegen sie unbeweglich im Käfig, unsere Ideale von Freiheit und Gerechtigkeit. Und diese Ideale, die einst so hungrig waren, so stark und kämpferisch, haben einen starren Blick und sind steif und kalt. Sie wollen unser Salatblatt nicht mehr. Da wird die Mama traurig sein.
Nicht mal, als sich süßlicher Verwesungsgeruch breit macht, nehmen wir ihren Tod wahr. Wir kriechen zu unserem Hamster in den Käfig und warten darauf, dass er wieder frisst. Wo wir uns doch so viel Mühe gegeben haben. Wir warten, dass er wieder atmet, wieder lebt. Wir warten und liegen da, erschöpft und leer, wie unser Hamster. Wir schaffen es nicht mehr, zum Kühlschrank zu gehen, um ein Bier für uns und Löwenzahn für den Hamster zu holen. Wir liegen nur da, decken uns mit Heu zu und schmiegen uns an das kalte Tier.

Wir fühlen uns wie Dostojewskis Idiot. Psychiater sollten Weltliteratur lesen statt Manualen, denken wir. Einsam und gefangen fühlen wir uns, dabei sind wir selbst es, die die Tür des Käfigs versperrt haben, um den Hamster vor der lauten Welt mit ihren unsäglichen Erwartungen und der Anforderung frei und individuell zu sein, zu beschützen. Und so leben oder schweben wir in der Blase der Idiotie, bis sie platzt. Heraus quellen eitrige, stinkende Neurosen – die Krankheit der Disziplinargesellschaft - und ansteckende Depressionen – die Krankheit der Kontrollgesellschaft. Immer tiefer gleiten wir in die Entschleunigung der Depression.

Vielleicht fühlt sich so Freiheit an? Nichts mehr zu müssen, nichts mehr zu können. Nur noch Warten.
Freiheit ist das Recht, auf eigene Kosten Dummheiten zu machen. Vielleicht können wir die Welt nur retten, indem wir sie beschützen. Vor zu viel Freiheit.

Sonntag, 28. September 2014

Zwischenernte

Eine Zeitlang war ich sehr diszipliniert. Jeden Morgen ins Forschertagebuch geschrieben, mich drei Mal die Woche im Fitnessstudio gequält, schlecht bezahlte Überstunden gemacht. Ein bisschen war ich stolz auf mich, weil ich eigentlich ein Faultier bin, weil ich genieße zu schlafen, mich auszuruhen, mir Gutes zu tun.
Und diesen Sommer ist irgendetwas passiert. Vielleicht hat es mit der Mitte des Lebens zu tun und dass mir bewusster geworden ist, dass die Tage gezählt sind, vielleicht mit dem vierten Stern von links, vielleicht mit dem Ton, mit dem die Birnen in die Wiese fallen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich im Urlaub gemerkt habe, wie sehr ich mein Leben, meine Familie und meine Freunde genieße, auch wenn ich nicht arbeite oder schreibe. Und dass ich geliebt werde, auch wenn ich nichts leiste. Einfach so.

Ich muss nicht. Ich darf. Ich muss nicht im Halbschlaf sensationelle Gedanken zu Papier bringen, ich darf bis zu Mittag schlafen und am Nachmittag schreiben, oder gar nicht. Ich muss keinen Bestseller verfassen wie E.L.James, ich darf einfach so vor mich hin tippen und mich daran freuen, wenn jemand sich mit mir über das Geschriebene freut. Zweimal die Woche Fitnessstudio tröstet das schlechte Gewissen fast genauso gut wie dreimal und trägt ausreichend dazu bei, dass ich mich halbwegs fit fühle. Ich muss mich nicht mit all den Schönen, Fitten und durchtrainierten Frauen vergleichen. Ich muss mich überhaupt nicht vergleichen.

Und nachdem die Revision kritisiert hat, dass ich zu viele Stunden im Büro bin und zu wenig „Output“ habe (zufriedene Klienten und Angehörige, die sich gut beraten und geschult fühlen, sind kein „Output“, nur Zahlen zählen, Fallzahlen, Leistungskennzahlen, Score, Durchlauf... bis einem der Schädel wackelt und man ausgebrannt ist), bin ich eben nicht mehr zu viel im Büro, sondern geh einfach nach Hause, sitz im Garten und lese, backe Brot, bereite Kürbishummus und Birnenziegenkäsetarte und freu mich, wenn es schmeckt. Ich hab mir einfach so eine Woche Urlaub genommen, war bei einer Freundin in Zell am See, bin um den See gewandert und hab von der Terrasse des Grand Hotels Araberinnen beobachtet und mich gefragt, was wohl hinter den Burkas vorgeht – was diese Frauen über uns denken, wie sie leben und fühlen.
Eine Geschichte hab ich geschrieben für eine Freundin zum Geburtstag. Mit einer anderen Freundin hab ich wieder einen Kalender gemacht, der wunderschön geworden ist. Viel gelesen hab ich. Einen neuen Rekord bei Temple Run aufgestellt. Die Sonnenstrahlen im Gesicht und auf der Seele genossen.

Vielleicht ist nach dem vielen Pflügen, Eggen, Säen und Gießen jetzt Ernte angesagt. Eine kleine Zwischenernte. Um Kraft zu sammeln für die nächsten Jahre.

Mittwoch, 10. September 2014

Freedom’s Just Another Word

Er ist ein attraktiver Mann, 49 Jahre alt, dunkles, längeres Haar. Er hat etwas Verwegenes. „Lassen Sie mich in Ruhe“ sagt er, bietet mir aber einen Sessel an, „ich sag sowieso nichts.“
Ich erkläre ihm den Grund meines Kommens. Sein Pensionsantrag wurde abgelehnt, laut Gutachter könne er trotz seiner Persönlichkeitsstörung arbeiten, wäre da nicht der Alkohol. Der Richter zweifelt an seiner Prozessfähigkeit. Ich zweifle am Gutachter. Der Mann ist verzweifelt.
„Das ist mir viel zu schnell“, sagt er, und als ich es langsamer erzählen will, unterbricht er mich: „Es interessiert mich sowieso nicht. Wissen Sie, meine Gedanken sind nicht gerade.“
Ziele hat er keine und Interessen auch nicht. Ein paar Bier, ein paar Stamperl und Fernsehen, das ist sein Lebensinhalt. In seinem Zimmer im Haus der Mutter, weil draußen regt ihn alles auf. Die Frauen haben ihn beschissen, sein Arbeitgeber hat ihn beschissen, und das Leben sowieso. „Solche Kabeln hab’ ich“, sagt er und deutet auf seinen Hals ¬– ich kann die Kabeln förmlich sehen – und schimpft über die „Tschusch’n“, die an allem schuld sind, mit Worten, die ich hier besser nicht erwähne. Wenn jemand im Wartezimmer des Arztes oder in der Straßenbahn solche rassistischen Äußerungen von sich gibt, sage ich meine Meinung. Das bin ich mir schuldig. Jetzt schweige ich. Das bin ich mir auch schuldig. Ich mag mein Leben. Ich spüre die Angst hinter seiner Aggression. Sie ist so ansteckend wie Masern.
Die alte Mutter sitzt in der Ecke der Küche und mischt sich immer wieder ein. Ich bin trotzdem froh, dass sie da ist.
„Eins sag ich Ihnen“, sagt er, „wenn ich geh, dann geh ich nicht allein. Ich nehm jemanden mit. Wenn man das nicht will, soll man mich in Ruhe lassen. Ich hab nichts zu verlieren.“ Der Satz trifft mich, und er macht mich nachdenklich. Ich hab so viel zu verlieren, denke ich.
„Was ist mit der Freiheit, die Sie zu verlieren haben?“ Kaum habe ich es ausgesprochen, beiße ich auf meine Unterlippe.
„Was denn für eine Freiheit?“, sagt er und denke ich gleichzeitig.

Sonntag, 27. Juli 2014

Botschaften

Jeden Sonntagmorgen liegt eine Botschaft unter meinem Kopfpolster. Sinnbildlich natürlich, in Wahrheit ist sie in meinem Mailpostfach. Diese Botschaften lassen mich schmunzeln oder heftig mit dem Kopf nicken, manche regen mich zum Nachdenken an und manche regen mich auf. Sie sind mir ein liebgewordenes Ritual.

Es sind Botschaften wie „Gelassenheit to go“ - 70 Mini-Übungen für mehr inneren Frieden im Alltag, 15 abwechslungsreiche Methoden für Sie, mit denen Sie wieder neue Energie und Lebenslust tanken können; manchmal sind es kleine Geschichten, Kalendersprüche (Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann) oder eine Selbstcoaching-Frage: Gibt es Probleme oder Konflikte in meinem Leben, die wieder und wieder auftreten? Welche sind das?
Ja, die gibt es, fragen Sie meinen Bankberater oder meine Kollegin.

Die heutige Hauptbotschaft lautete: Lebensmitte – Lebenslust oder Lebensfrust.
Zielgruppe der Botschaft bin ich. Also Menschen zwischen 40 und 60. Das find ich irgendwie beruhigend – oder vielleicht doch beunruhigend, dass ich möglicherweise 120 Jahre alt werde. Auf jeden Fall definieren wir uns in dieser Lebensphase angeblich noch einmal neu. Ich sitz also unterm Birnbaum und definiere mich neu. Wer bin ich? Wohin will ich? Mit wem will ich dorthin?

Nach drei Minuten habe ich erste Antworten: Ich bin ich.
Auf der bunten Blumenwiese
Geht ein buntes Tier spazieren...

Ich will bleiben. Unter dem Birnbaum. Die Hirschkäfer beim Vögeln beobachten, dem Gras beim Wachsen zuhören, die Sonnenstrahlen und Gelsenstiche auf der Haut spüren, drei Katzen mit 11 Beinen streicheln, Ribisel naschen und am Rosmarin riechen.
Und ich will meinen Weg mit den Menschen weitergehen, mit denen ich ihn auch jetzt gehe. Eigentlich ist sogar der Bankberater in Wirklichkeit ein netter Typ und stockt meinen Überziehungsrahmen auf. Und meine Kollegin geht vor mir in Pension.

Bin ich unreflektiert und ein wenig simpel gestrickt? Was ist auf meinem Lebenskonto und was habe ich noch nicht gelebt?, soll ich mich fragen, sagt die Botschaft. Mein Lebenskonto ist im Gegensatz zu meinem Bankkonto prall gefüllt mit Erinnerungen, Erfahrungen, Erlebnissen und vor allem wunderbaren Menschen.
Klar, das Leben ist im Fluss, es verändert sich. Aber muss ich meine Rolle neu definieren? Ich spiele so viele Rollen in meinem Leben und manchmal kommen neue dazu und andere fallen weg, nicht nur beim Theaterspielen. Mein Körper verändert sich. Oder – wie eine Freundin von mir zu sagen pflegt: Ich habe die Magersucht überwunden.
Die Männer, die mir nachpfeifen, werden weniger und älter. Irgendwann werden sie nicht mehr pfeifen, weil sie zahnlos nicht mehr pfeifen können. Manchmal vergesse ich Namen und Orte. Mein Knie schmerzt jeden Tag ein bisschen mehr, ich werde vermutlich nicht mehr Paragleiten oder einen Marathon laufen. Den 6er im Hochseilgarten hake ich ab, den überlass ich meiner Tochter. Kollegen, die wesentlich jünger sind als ich, werden plötzlich meine Vorgesetzten. That’s life, scheißt's euch nicht an!

Nein, ich werde nicht den Jakobsweg gehen, um mich selbst zu finden, weil ich mich nie verloren habe, sondern auf den Buschberg und rund um den Semmelberg, weil es da so schön ist. Irgendwann werde ich ein Hausboot mieten, eine Kreuzfahrt machen oder nach Westsamoa reisen. Aber wenn nicht, dann halt nicht, dann ist mein Leben trotzdem nicht verpfuscht. Immer wieder werde ich Dinge zum ersten Mal machen, wie ich das ständig gemacht habe. Vor kurzem war ich zum Beispiel bei meiner ersten Tupperparty, fragt mich nicht warum. Vermutlich auch bei meiner letzten. Ich bin das erste Mal auf einer großen Bühne gestanden und hab nicht gelesen, sondern erzählt. Ich habe das erste Mal in einem Baumhotel geschlafen. Es reizt mich ständig, neue Erfahrungen zu machen, auch ohne Lebensmitte.
Was ist überhaupt diese ominöse Lebensmitte? Ich weiß ja nicht einmal, ob ic h die nicht schon mit 27 hatte oder mit 32.

Ja, und irgendwie fühle ich mich jetzt trotz des Reflektierens schlecht und unreflektiert. Weil ich mein Leben trotz gelegentlicher Hitzewallungen nicht infragestelle, sondern einfach genieße, dass ich keine kalten Füße habe. Weil ich nicht überlege, meine Arbeitszeit zu reduzieren zugunsten meines Freizeitkontos und dafür auf Luxus zu verzichten, weil meine Arbeit mir Freude bereitet und Sinn gibt. Meistens. Überhaupt: Auf welchen Luxus eigentlich? Ich werde auch nicht damit anfangen, mehr auf mich selbst zu schauen und weniger für andere da zu sein. Vielleicht weil ich immer gut auf mich selbst geschaut habe und andere für mich da sind?

Aber eines werde ich. Ich werde weiterhin am Sonntag Botschaften unter meinem Kopfposter finden, unterm Birnbaum sitzen, mir Gedanken machen und sie aufschreiben.

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

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