Unser drittes Stück, die dritte Aufführung. Wenn ihr es bisher noch nicht geschafft habt, es mit Freunden noch einmal sehen möchtet und euch von der Kritik von Steppenhund nicht abschrecken habt lassen, sondern euch ein eigenes Bild machen möchtet, auf nach Stockerau:

testsiegerin - 20. Mai, 10:11
Falls ihr am Donnerstag noch nichts vor habt...

testsiegerin - 13. Mai, 21:04
Ich schreibe ja nicht nur, ich spiele ja auch Theater. Und schreibe für die Theaterworkshops Szenen, die wir dann spielen. Jetzt versuche ich, aus diesen Szenen Geschichten zu machen. Mal sehen, ob es gelingt.
Im aktuellen Theaterprojekt geht es um göttliche Archetypen. Um welche Göttin handelt es sich in dieser Geschichte?
„Danke, dass Sie so schnell gekommen sind, Frau Doktor, ich wollte Sie wirklich nicht belästigen.“ Der Bankdirektor persönlich schüttelt Herta, die ihren akademischen Titel durch Heirat erworben hat, die Hand und bedeutet ihr, sich zu setzen. Sie aber bleibt stehen.
„Dann tun Sie das auch nicht. Glauben Sie, ich habe nichts anderes zu tun?“ In Wahrheit hat sie tatsächlich nichts anderes zu tun, zumindest nichts sinnvolles, aber das gesteht sie nicht einmal sich selbst ein. Sie vertrödelt ihre Tage damit, ihr Personal herumzukommandieren, geht zur Kosmetikerin, zum Friseur oder zur Fußpflege. Sie wartet auf ihren Mann. Bis er von seiner Arbeit nach Hause kommt, oder von einer Auslandsreise, und ein Stück seines Ruhms auf sie herabfällt. „Um die Bankgeschäfte kümmert sich mein Gatte.“
„Genau das ist das Problem. Ich kann ihn nicht erreichen.“
Ich auch nicht, denkt Hera. Er hat nicht abgehoben, als sie nach dem Anruf der Bank versucht hat, ihn zu erreichen. Er hat auf ihre SMS und Mails nicht geantwortet, obwohl sie geschrieben hat, dass es wirklich dringend ist. Er ist nie erreichbar, wenn er unterwegs ist. Er brauche Ruhe und seine ganze Konzentration für die Arbeit, sagt er, wenn er das Haus verlässt und küsst sie auf die Wange. Sie kann sich nicht erinnern, wann er sie zuletzt auf den Mund geküsst hat.
„Er ist wieder in Amerika. Botulintoxin-Kongress in Baltimore.“ Sie sonnt sich in seinem Glanz. „Warten Sie eben, bis er wieder zu Hause ist. Ich kenne mich nicht aus mit Aktien und Anleihen und Wertpapieren. Kaufen – verkaufen, was weiß ich?“ Bei ihren Kleidern und Schuhen entscheidet sie sich immer für Kaufen, mit der goldenen Kreditkarte des Gatten. Man gönnt sich ja auch sonst alles.
Der Bankdirektor steht auf, nestelt nervös an seinem Sakko und kommt auf sie zu. Seine Stimme ist warm und ruhig, aber sie hört die Anspannung darin. „Also… es… es gibt keine Aktien und Wertpapiere mehr.“
„Wie bitte?“
„Alles weg.“
Es zieht ihr den Boden unter den Füßen weg. Alles weg? Sie setzt sich. In ihrem Kopf rattern die Gedanken, ein Zahnrad versucht, sich in das nächste einzufügen und so etwas wie Logik in Bewegung zu setzen, aber die Zahnräder berühren einander nicht und die Gedanken gehen im Kreis.
„Das verstehe ich nicht“, sagt sie und meint ausnahmsweise, was sie sagt. Neben der Angst nimmt ganz am Rand die Hoffnung Platz. Die Hoffnung, dass das alles nichts mit ihrem Leben, nichts mit ihrem Mann zu tun hat. „Hat Ihre Bank Liquiditätsprobleme?“
„Ich fürchte, Sie haben Probleme, Frau Doktor.“ Der Bankdirektor windet sich bei jedem Wort und hält sich an seinen Händen fest.
Die Angst rempelt die Hoffnung von der Bank. Die schlägt wild um sich und tobt und schreit. Herta möchte am liebsten mittoben und mitschreien, aber das gehört sich nicht für eine Frau ihres Standes. Sie streift ihr steifes Kleid glatt und steht auf. Die Nachricht kann sie nicht klein reden, also versucht sie es mit dem Überbringer. „Was erlauben Sie sich!“
Die Brust des Bankbeamten hebt sich, um einzuatmen. Gefühlte fünf Minuten später atmet er aus. „Ihr Mann hat alle Werte aufgelöst und auf ein Konto in Liechtenstein transferiert. Auch Ihr gemeinsames Konto ist leergeräumt.“
Vielleicht wurde ihr Mann erpresst und wollte sie nicht beunruhigen. Oder er hat das Geld ja nur aus Angst vor der Einführung der Vermögenssteuer in Sicherheit gebracht und ist noch nicht dazugekommen, mit ihr darüber zu reden. Er hat sich schließlich oft genug über diese linken Spinner aufgeregt, die den hart arbeitenden Leistungsträgern das Geld aus der Tasche ziehen wollen. „Das… das muss ein Irrtum sein! Das klärt sich bestimmt auf.“
„Ich fürchte nicht.“ Der Bankdirektor reicht ihr ein Schriftstück. „Ist das die Unterschrift Ihres Mannes?“
Herta reißt ihm das Blatt Papier aus der Hand und studiert sorgfältig die Unterschrift. Natürlich erkennt sie beim ersten Blick, dass die Unterschrift ihres Mannes echt ist. Der erste Buchstabe ihres gemeinsamen Familiennamens, der die anderen weit überragt und die Macht und Stärke ihres Mannes demonstriert. Die Macht und Stärke, aus der auch Herta ihre Lebensenergie zieht. Sie hält sich am Blatt fest und sinkt in den Stuhl.
„Ja, schon.“ Leise ist ihre Stimme jetzt, ihre Verletzlichkeit hat sich durch ihren Stolz gebohrt und dringt an die Oberfläche.
„Frau Doktor“, der Bankdirektor berührt sie tröstend am Oberarm, aber Herta schüttelt ihn zornig ab, der einzige, von dem sie sich berühren lässt, ist ihr Mann. „Wir können weder das Gehalt für Ihre Angestellten nicht mehr überweisen und Ihre Stromrechnung auch nicht“, fährt der Bankdirektor fort. „Da Sie selber kein Einkommen haben, können wir Ihnen auch keinen Kredit gewähren. Haben Sie bei einer anderen Bank Ersparnisse, um über die Runden zu kommen?“
Sie zuckt resigniert die Schultern, sie hat keine Ahnung, wie und wo ihr Mann ihr Vermögen angelegt hat. Bisher hat sie sich noch nie mit diesen Dingen auseinandersetzen müssen. Bisher hat es gereicht, seine Frau zu sein, die ihm den Rücken für die Karriere freihält, die schön und repräsentativ ist und sich im Hintergrund hält. „Aber… darum hat sich doch immer mein Mann gekümmert. Er ist ein berühmter Arzt, Professor für Psychiatrie und Neurologie, hat eine Menge Fachbücher geschrieben und…“ Sie beißt sich auf die Lippen, spürt, dass das im Moment alles nichts mehr zählt. Im Moment ist sie zurückgeworfen auf sich selbst. Aber wer ist sie ohne ihren Mann? Ihr ist, als würde sie sich auflösen.
„Das ändert nichts an der Tatsache, dass er ein Doppelleben geführt hat.“ Der Bankdirektor schluckt. „Unter uns gesagt, Frau Doktor, ich hab mir die Konten angesehen. Ich dürfte Ihnen das nicht sagen, aber seit drei Jahren überweist er regelmäßig größere Summen an eine Kathleen Miller.“ Pause. „Seit einem halben Jahr zusätzlich Unterhalt für Emily Miller.“
„Sie elender Lügner!“ Jetzt ist Herta egal, was sich für eine Dame ihres Standes gehört. Die mühsam aufrechtgehaltene Contenance verpufft. Da ist nur noch Schmerz. Schmerz und Wut. Wie rasend schlägt sie mit ihrer Handtasche auf den Bankdirektor ein. „Was sind das für Unterstellungen! Das würde er mir niemals antun, er liebt mich doch! Sie wissen vielleicht alles über Geld, aber was wissen Sie von Liebe?“ Sie tobt, schluchzt und schreit. „Der kann mir doch nicht einfach alles wegnehmen!“ Herta merkt nicht, dass der Bankdirektor zwei Angestellte um Hilfe gerufen hat, die sie zu Boden drücken. „Ich bring sie um, dieses Luder!“, brüllt sie, „diese Kathleen. Mitsamt ihrem Balg bring ich sie um!“
Dann wird ihr Körper, was sie längst ist. Ohnmächtig.
testsiegerin - 1. Mai, 22:37
Ich bin total glücklich. Und unendlich stolz darauf, Teil der Toll3sten Weiber zu sein.
Danke, Leben.
testsiegerin - 4. Apr, 10:04
Was mein Leben grad so richtig bereichert, ist das Warten. Das Arbeiten mit den Toll3sten an unserem mittlerweile dritten Programm. Drei Proben hatten wir in den letzten Tagen, drei Proben, gutes Essen, Prosecco und sehr intensive, aber auch sehr lustvolle Arbeit am Stück, das wir ja nicht nur gemeinsam spielen, sondern auch gemeinsam geschrieben haben.
"Schreiben wir doch mal eine gemeinsame Geschichte", hab ich vorgeschlagen und Lamamma, die Bescheidenheit in Person, hat gemeint: Warum nur eine Geschichte? Lieber gleich ein richtiges Stück!
Intensive Monate liegen hinter uns, wir sind alle drei total reingekippt ins Schreiben, in die Geschichte, manchmal war es gar nicht so einfach, die Figuren aus der Hand zu geben oder dass sie sich anders entwickelt haben, als man für sie vorgesehen hat.
Um den Figuren dann noch mehr Leben einzuhauchen, haben wir zu ihnen Geschichten geschrieben, die wir ja auch in unseren Blogs veröffentlicht haben. Diese Geschichten gibt es jetzt gesammelt als Band.
Die Generalprobe war ganz wunderbar. Wir waren so gut wie noch nie zuvor. Ich glaub nicht daran, dass eine gelungene Generalprobe zu einer verpatzten Premiere führt. Außerdem haben wir eh ein paar Mal gepatzt.
Noch ein paar Mal schlafen, dann ist die Premiere. Ausverkauft sind wir. Ich freu mich wahnsinnig darauf. Und gleichzeitig hab ich ein bisschen Angst. Nein, nicht vor der Aufführung, denn ich hab das Gefühl, das, was uns so Spaß gemacht hat, wird auch den Leuten gefallen. Was mir Angst macht ist das danach. Dass da was fehlt im Leben.
Ich glaub, so ähnlich ist das Gefühl, wenn Kinder flügge werden und ausziehen ;-)
testsiegerin - 28. Mrz, 20:00
Einmal, zweimal wichen ihre Augen meinem Blick aus, beim dritten Mal blieben sie an ihm hängen. Ihre Pupillen weiteten sich und ihre Regenbogenhaut schien zu flackern. Wir schauten und schwiegen, ich jedenfalls länger als sie.
„Ich kann Gedanken lesen“, sagte sie leise.
„Das glaube ich nicht“, antwortete ich noch leiser.
„Warum nicht?“
„Weil Sie nicht erröten.“
„Um mich zum Erröten zu bringen, müssten Ihre Gedanken schon ein bisschen schmutziger sein.“
Ihre Stimme und ihr Lächeln hatten sich jetzt so verändert, dass es mir ohnehin schwer gefallen wäre, an etwas weniger Schmutziges zu denken. Ich fixierte weiter ihre Augen, obwohl ich zu gern auf ihre Brüste oder ihre Schenkel geschaut hätte.
„Was finden Sie denn schmutzig?“
„Meine Fenster. Das Innere meines Autos. Den Küchenboden. Meine Strumpfhose ist auch schmutzig. Hier.“ Sie schob ihren Rock ein Stückchen höher. „Ich hab ich mich vorher in der Konditorei angepatzt. Passiert mir immer, meistens, wenn’s am wenigsten passt.“
„Und sonst? Was finden Sie sonst schmutzig? Also meine Gedanken betreffend?“
„Ich finde nichts, was mit Erotik und Sex zu tun hat, schmutzig.“
„Wer sagt, dass ich an Sex und Erotik gedacht hab?“
„Ich sagte doch, ich kann Gedanken lesen.“ Sie rieb die Spitzen ihrer Finger an den Schläfen, und schloss die Augen. „Sie Schlingel“, sagte sie jetzt und lachte. „Sie haben gedacht, dass Sie meine Beine auseinanderdrücken und mit Ihrer Hand meine Schenkel hochwandern wollen. Und dann Ihre Hand auf meine Scham legen. Aber Sie bewegen sie nicht, die Hand, sondern warten nur, bis ich ganz nass werde. Und dann haben Sie gedacht, dass Sie, wenn es wohlig warm und nass ist, einfach Ihren Finger in meine Möse schieben, ganz tief.“
Jetzt errötete ich, nicht sie. Ich fühlte mich ertappt. „Nein, das stimmt nicht. Das Wort Möse hab ich so nicht gedacht.“
„Warum nicht?“
„Weil Sie dazwischen geredet haben, bevor ich das denken konnte.“
„Lassen Sie sich nicht stören. Denken Sie ruhig daran.“
„Gefällt es Ihnen denn, wenn ich an Ihre Möse denke?“
Sie nickte. „Ja.“
„Ich denke, dass sie grad sehr feucht ist.“
„Nun ja. Feucht ist untertrieben.“
Während sie das sagte, schob sie den Rock ganz langsam immer weiter hoch, so dass ein dunkler Fleck auf ihrer Strumpfhose sichtbar wurde, ganz oben, wo sich ihre runden Schenkel aneinander schmiegten. Dort wo sich ihr Schamhügel und ihre Schamlippen jetzt durch Stoff ihrer Strumpfhose abzeichneten.
Als ich wieder aufblickte, stellte ich fest, dass auch sie mir zwischen die Beine schaute.
„Würden Sie ihn gern anfassen?“
„Ja“, sagte sie, „möchte ich gern. Nicht nur anfassen. Ich würde ihn auch gern zwischen meine Lippen nehmen und daran schmecken. Ihn langsam hineingleiten lassen, genießen, wie er in meinem Mund noch härter wird und ihn lutschen und Ihnen das Hirn rausblasen.“
Nicht mehr notwendig, dachte ich, also das mit dem Hirn. Wie konnte sie diese Wörter mit einer Leichtigkeit aussprechen, mit der ich sie nicht einmal zu denken wagte? Während sie sprach, streichelte sie ihren Oberschenkel und leckte sich über die Lippen. Ich öffnete den obersten Knopf meines Poloshirts.
„Ja, das würde ich gerne“, fuhr sie fort, um im nächsten Augenblick abrupt die Hand zwischen Ihren Beinen hervorzuziehen und den Rock damit glattzustreichen. „Werde ich aber nicht. Wissen Sie, ich bin nicht so eine. Ich bin keine, die mit fremden Männern im Zug einfach so herumfickt.“
„Ich verstehe. Zeit, mich vorzustellen. Ich bin der Oliver.“
„Freut mich. Ich bin die Chantal.“
„Freut mich auch.“ Ich musste mich ziemlich zusammenreißen, um nicht blöd zu grinsen. Am liebsten hätte ich laut gelacht. Ein paar Tage zuvor hatte ich noch einen Artikel über Chantalismus und Kevinismus gelesen. Demzufolge wurden Schulkinder mit vergleichbaren Vornamen von ihren Lehrern für weniger intelligent gehalten und oft als verhaltensauffälliger eingeschätzt. Die Frau ihm gegenüber war aber weiß Gott kein Kind mehr. Chantal hießen erwachsene Frauen doch nur in drittklassigen Krimis, die im Rotlichtmilieu spielten.
„Ein richtiger Nuttenname, oder?“ Da sie vermutlich schon immer Chantal geheißen hatte, fiel ihr das Gedankenlesen jetzt besonders leicht. Und natürlich hätte ich jetzt entrüstet „Nein!“ sagen müssen.
„Ja“, presste ich stattdessen hervor.
Ich fürchtete eine Ohrfeige, aber sie lachte. „Meine Mutter liebte französische Literatur. Ich bin nach Marie de Rabutin-Chantal benannt, einer Adeligen und Autorin. Sie schrieb Briefe, zum Teil sehr... nun ja...für die damalige Zeit sehr delikate Briefe. Diese Begabung hab ich von ihr.“ Sie wühlte wieder in der geheimnisvollen Tasche und holte einen Notizblock und einen Kugelschreiber hervor. „Wenn Sie mir Ihre Adresse geben, beweise ich Ihnen das gerne, Oliver. Ich muss nämlich leider in Fulda aussteigen. “
Während ich schrieb, schob sie ziemlich provokant ihren Rock hoch und streichelte ihre Oberschenkel.
„Darf ich nochmal schauen – ein wenig länger als vorher?“, wurde ich jetzt mutiger. Ich hatte schließlich nichts zu verlieren.
„Gern, Oliver.“ Chantal spreizte die Beine und schob den Rock ganz hoch. Jetzt war da, wo vorhin ein dunkler Fleck war, alles weiß und glitschig.
Sie krallte ihre Finger in den Stoff und kratzte ein wenig mit den Nägeln daran. Dann riss sie abrupt ein Loch in die Strumpfhose. Noch im gleichen Moment tropfte der Saft aus ihr heraus und lief über Chantals Finger und Schenkel. Ich blickte auf ihre nackte Möse und hätte so gern hineingefasst, sie geleckt und dann gevögelt. Aber alles was ich tat, war schauen und atmen, wobei mir das Schauen in diesem Augenblick wichtiger erschien.
Dann tauchte sie zwei Finger in ihr glitschig glänzendes Loch und streckte sie mir entgegen. „Möchten Sie kosten? Damit Sie sich an mich erinnern?“
„Wir erreichen in Kürze Fulda“, tönte es durch die Lautsprecheranlage. „Wir wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt und danken, dass Sie für Ihre Reise die Deutsche Bahn gewählt haben.“
Ich saß wieder allein im Abteil und dankte auch. Die Stille jetzt war eine völlig andere als die im Kloster. In meinen Ohren noch ihre Worte „Das nächste Mal gibt’s mehr, Oliver.“ Ihr herzhaftes Lachen. In meinem Kopf das gerahmte Kunstwerk ihrer Möse. Ihr Blick, als ich an ihren Fingern leckte. In meiner Nase ihr Geruch. In meinem Mund ihr kostbarer Geschmack, süßlich und betörend.
Und in ihrer Tasche meine Mailadresse.
testsiegerin - 19. Mrz, 22:49
Sondern schaute mich mit offenem Blick an und fragte: „Was macht Sie so traurig?“
Aha, traurig. Ich war also nicht nur humorlos, sondern auch noch ein unübersehbarer Trauerkloß. Ein öffentliches Ärgernis. Eine Spaßbremse vor dem Herrn. Natürlich hatte ich allen Grund traurig zu sein. Meine Arbeit war anstrengend, unerfreulich und unterbezahlt. Meine Ehe so langweilig, wie man dies nach über zwanzig Ehejahren erwarten konnte. Meine Kinder waren verwöhnt und versnobt. Unser Hund nicht minder. Und mein Fußballverein steckte wie immer unten drin und kämpfte erfolglos gegen den dritten Abstieg in Folge. Das waren Gründe genug, um in Depressionen zu versinken und dem Friseur oder dem Arzt mit meinem Gejammer auf die Nerven zu gehen. Trotz allem war ich nicht traurig.
„Die Erderwärmung. Die Bevölkerungsexplosion. Und das Vorabendprogramm“, bot ich ihr trotzdem zur Auswahl an.
Sie lachte. Aus ihren Augen blitzte Fröhlichkeit und eine Leichtigkeit, um die ich sie beneidete, aus ihrem Mund blitzten zwei Goldplomben. „Gegen die Erderwärmung und die Bevölkerungsexplosion kann ich nichts tun“, sagte sie, „obwohl...“ Sie fing wieder an in ihrer Handtasche herumzukramen und ich wunderte mich, dass da immer noch etwas zum Vorschein kam, obwohl ich das Gefühl hatte, dass der gesamte Inhalt bereits ausgebreitet auf ihrem Nachbarsitz lag. „Hier“, sie drückte mir ein Päckchen in die Hand, „gegen die Bevölkerungsexplosion.“ Ich starrte auf die Kondome. Und weil ich beinahe eine Woche nicht in Übung war, was geistreiche Konversation betraf, fehlten mir die Worte. Zum Glück fiel das nicht weiter auf, da die Stimme des Zugführers aus den Lautsprechern verkündete, dass wir in Kürze den nächsten Bahnhof erreichten und das Mädchen im Abteil aufsprang, ihren Rucksack schnappte und grußlos hinausstürmte.
Die Rothaarige und ich waren jetzt allein im Abteil, und wir hatten – Glück? Pech? Wie auch immer, es stieg niemand zu.
„Wo waren wir stehengeblieben?“ fragte sie. „Ah ja, beim Vorabendprogramm. Vielleicht kann ich ja etwas gegen Ihre Traurigkeit tun?“ Sie öffnete den obersten Knopf ihrer Bluse, schob den Rock ein wenig höher und ließ die Knie auseinanderfallen. „Mögen Sie Rosen?“
Einen Beitrag im Kampf gegen die Erderwärmung leistete sie damit jedenfalls nicht. Mir wurde warm.
„Rosen. Ja. Selbstverständlich. Welcher Mann freut sich nicht über Rosen?“
Sie streichelte eine Rose auf ihrem Knie. „Die sind hübsch, nicht wahr? So rosig. Und so weich.“
Ich nickte. „Und gar nicht stachelig.“
„Eh nicht stachelig. Ich hab sie heute Morgen erst rasiert. Die Beine, nicht die Rosen.“
„Gut so. Rosen sollte man erst im Spätherbst rasieren.“
„Ich bin noch gar nicht im Herbst. Ich bin im Spätsommer, in der Zeit, wenn die Früchte reif sind.“ Sie kramte wieder in ihrer Handtasche. „Wollen Sie eine Zwetschge?“
Ich hielt ihr das Kondom hin. „Gern, tauschen wir. Bevor ich zur Zweigniederlassung Ihrer Handtasche werde.“
„Oh, das ist meine letzte. Dann teilen wir.“ Sie drückte die dunkelblaue Frucht am oberen Ende zusammen, bis sie ein wenig aufplatzte, zog die beiden Hälften auseinander und reichte mir mein Stück. Ihre Finger klebten ein bisschen an meinen, als sie mich berührte.
Dieses Vorabendprogramm fing an mir zu gefallen. War es die kulinarische und körperliche Enthaltsamkeit im Kloster, die jetzt dazu führte, dass eine simple Zwetschge
besser schmeckte als ein Menü im Haubenlokal und die kurze Berührung unserer Finger mir durch Mark und Knochen fuhr? Auch zu Hause hatte sich ein beinahe klösterlicher Umgang zwischen meiner Frau und mir eingeschlichen. Als ich der Rothaarigen in die Augen sah, traf mich ihr Blick, empfangend und warm. All die Oberflächlichkeit, die ich ihr vorhin zugeschrieben hatte, war aus diesem Blick verschwunden und ich erkannte etwas Tiefes, Verletzliches darin. Vielleicht sollte ich meine Vorurteile bei Gelegenheit überdenken. Jetzt hatte ich keine Gelegenheit zum Denken, denn sie leckte mit der Zunge ihre Oberlippe sauber, auf eine liebenswerte, natürliche Art, nicht so, als wollte sie mich provozieren.
Auch an meinen Händen hatte der Saft der Zwetschge seine Spur hinterlassen, genau genommen an meinem Mittelfinger. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihn abzuschlecken, was ihr offensichtlich gefiel.
„Schön machen Sie das. Ich könnte Ihnen noch lange beim Schlecken zuschauen“, sagte sie zur Bestätigung, als ich fertig war.
„Wollen Sie auch mal?“ In einem Anflug von Übermut hielt ich ihr meinen sauber gelutschten Finger hin.
„Wo kämen wir denn hin, wenn Männer und Frauen in einem Zugabteil einfach machten, was sie wollten?“
Aber irgendwie machte sie trotzdem, was sie wollte, nur dass sie nicht meinen, sondern ihren eigenen Mittelfinger in den Mund steckte. Ganz langsam ließ sie ihn zwischen ihren frisch bemalten Lippen verschwinden, die wieder ein verführerisches „O“ geformt hatten, bewegte ihn ein bisschen hin und her und zog ihn dann ebenso langsam wieder heraus. Sie betrachtete den verschmierten Lippenstift darauf und glitt mit ihrer Zunge von unten nach oben daran entlang. Dann betrachtete sie ihren ausgestreckten Mittelfinger versonnen.
„So was, jetzt ist er ganz steif geworden“, raunte sie mir mit Augenaufschlag zu.
Sie hatte Recht, das war er. Ich spürte mein Erröten. Wie beiläufig nahm ich ein Buch (Die Entdeckung des Schweigens: Vom Glück der Stille in einer Welt, die den Mund nicht mehr hält) aus meiner Tasche, gab kurz vor, darin zu lesen und legte es so unauffällig wie möglich auf meinen Schoß.
„Entschuldigung“, sagte sie.
„Wofür?“
„Dass ich Ihre Stille und damit Ihr Glück gestört habe.“
„Sie müssen sich nicht entschuldigen. Mein Glück wird durch ganz andere Dinge gestört.“
Am Morgen hatte ich mit dem festen Entschluss das Kloster verlassen, in meinem Leben Ordnung zu machen und mich zu finden. Jetzt wollte ich mich nicht finden, sondern verlieren. In den Armen dieser Rothaarigen, und nicht nur in ihren Armen. Ich wollte ihr Haar riechen, ihren Hals schmecken, ihre weichen Brüste fühlen. Für den Anfang. Später dann wollte ich ihr sanft die Beine auseinanderdrücken und die Innenseiten ihrer Oberschenkel streicheln. Meine Hand auf ihrer Scham ruhen lassen, ohne sie zu bewegen. Nur leicht dagegen drücken und genießen, wie sie langsam feucht wurde und zu beben begann. Irgendwann dann wollte ein Finger mutiger werden und in sie eindringen, nass und glitschig. Dabei wollte ich ihr in die Augen schauen und ihrem Blick standhalten. Vielleicht war es Feigheit, vielleicht Vernunft, auf jeden Fall ließ ich es beim letzten bewenden. Ich schaute ihr in die Augen.
„Glück wird sowieso überbewertet“, unterbrach sie mein Wollen, „zumindest das individuelle.“
Das kollektive Glück und philosophische Diskurse darüber waren mir im Moment ziemlich egal. Ich wollte diese Frau gerne glücklich machen. Und mich.
Fortsetzung folgt
testsiegerin - 18. Mrz, 21:05
Der dicke Glatzkopf hörte auf an seinem Ohr zu kratzen und erhob sich, griff nach seinem schwarzen Köfferchen und verließ das Abteil. Nun waren wir noch zu dritt und die Rothaarige hatte ihre Seite für sich allein. Sie kramte in der Tasche und holte nacheinander ein Buch, einen Laptop, eine Zeitung, eine Mineralwasserflasche, einen Taschenspiegel, ein Glas Marmelade, ein Handy und einen Lippenstift heraus, verteilte alles wahllos auf den Sitzen zu ihrer Rechten, betrachtete es mit prüfendem Blick und dachte offensichtlich nach. Die junge Frau neben mir seufzte zum soundsovielten Male und drückte auf ihrem MP3-Player herum.
Draußen zog die Landschaft an mir vorüber. Obwohl - in Wahrheit zog ich an der Landschaft vorüber, sie blieb, wo sie immer schon gewesen war. Der Mensch nimmt sich so wichtig, dass er glaubt, alles bewegt sich rund um ihn, obwohl nur er selbst es ist, der keine Ruhe findet. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen, als die Rothaarige sich erst die Lippen bemalte und aufeinanderpresste, das überschüssige Rot in einem Taschentuch abtupfte, einen Schluck aus der Flasche nahm, die Lippen abermals nachzog, den Laptop aufklappte und zur Zeitung griff.
Ich stellte sie mir in dem Kloster vor, aus dem ich gerade kam. Sie hätte die Schweigeexerzitien vermutlich nicht länger als eine halbe Stunde durchgehalten. Schweigen im Kloster bedeutete nämlich nicht nur, nichts zu sprechen, sondern auch das Tun auf das Notwendige zu reduzieren. Ins Innen zu schauen anstatt in den Fernseher, nichts lesen, nichts schreiben.
Das Handy der Rothaarigen tat das, was es schon ein paar Mal getan hatte und offensichtlich immer wieder tun musste. Es läutete und spielte eine blecherne Melodie aus den Charts. Sie kramte in der Handtasche, obwohl das Handy immer noch auf dem Polster neben ihr lag, allerdings versteckt unter der Zeitung. Ich hätte ihr das natürlich sagen können, aber ich wollte nicht in ihre Welt eingreifen und das darin herrschende Chaos zerstören. Vor allem wollte ich nicht, dass sie schon wieder minutenlang telefonierte.
Meine Wünsche wurden erhört und Lady Gaga war mit dem Dudeln fertig, noch bevor die Rothaarige fündig geworden war.
Was hat dich bloß so zynisch werden lassen, Oliver?, fragte ich mich, obwohl ich die Antwort natürlich kannte. Mein Beruf war mir längst keine Berufung mehr, in meiner Ehe hatte Routine die Leidenschaft rechts überholt, ich ging auf die Fünfzig zu, und stellte mir die Frage nach dem Sinn. Im Kloster hatte ich zwar nicht die erhoffte Antwort, aber zumindest Ruhe gefunden.
Eine Woche lang hatten Stille, Leere und Gebete mein Leben bestimmt. Das und die bescheidene und gelassene Zufriedenheit der Mönche hatten mich in einen Kokon gehüllt.
Ich wollte diese Stille noch ein wenig genießen, bevor die Hektik des Alltags und die Erwartungen meiner Frau, meiner Kinder und meiner Kunden mich wieder in den Würgegriff nehmen würden. Ich mahnte mich zu mehr christlicher Toleranz und entschuldigte mich bei meinem hyperaktiven Gegenüber für meine gehässigen Gedanken mit einem freundlichen Lächeln.
Mein freundliches Lächeln wurde ebenso freundlich erwidert. Freundlich und ein bisschen überrascht, so als hätte sie mir ein freundliches Lächeln gar nicht zugetraut. Die einwöchige Askese hatte dazu geführt, dass meine Regungen und meine Mimik sich auf ein Minimum reduziert hatten. Bestimmt würde ich am nächsten Tag Muskelkater vom vorübergehenden Lächeln haben.
„Shit, ey, shit!“ Das Mädchen neben mir war unsanft aus ihren MP3-Träumen erwacht und riss sich die Kopfhörer aus den Ohren. Ein schriller Pfeifton war zu hören. „Boah, ey,
nee.“ Sie klopfte mit dem Zeigefinger auf dem pinkfarbenen Kästchen herum und schüttelte immer wieder ungläubig den Kopf. Ich schwieg. Die Rothaarige natürlich nicht.
„Aber, aber, aber...“ murmelte sie, während sie ihren Kopf in der Handtasche vergrub und ein Kabel hervorzauberte. „Hier, das müsste eigentlich passen. Und hier“, sie klappte die Armlehne hoch, „ist eine Steckdose. Hab ich auch erst vor kurzem entdeckt.“ Sie trug anscheinend ihren halben Hausrat in der Tasche und ihr ganzes Herz auf der Zunge. Ungefragt, und wohl auch unerhört - denn die junge Dame hatte ihre Ohren wieder zugestöpselt - erklärte sie, dass sie immer wieder mal Handys und Ladekabel in Hotels vergesse und deshalb sicherheitshalber stets Reservehandys und -kabel bei sich hatte.
Ich war genervt. Ich war aber auch fasziniert. Ich hatte das Gefühl, in den letzten beiden Stunden mehr über diese Fremde erfahren zu haben als in den letzten dreißig Jahren über meine Frau. Doch dieses Wissen war nur oberflächlich, so oberflächlich wie ihr Geplapper. Was verbarg sich wohl hinter der Oberfläche? Welche Leere versuchte sie mit Lärm und Geschäftigkeit zu übertönen? Als sie in meine Richtung schaute, legte ich den Zeigefinger an meine Lippen und bedeutete ihr zu schweigen. Sie hielt mitten im Wort inne.
Ich senkte beschämt meinen Blick, der zufällig auf ihre Beine fiel, die in sehr ausgefallenen Strumpfhosen steckten. Die Frau schwieg zwar jetzt, aber ihre Strumpfhose erzählte mehr als genug. Von altrosafarbenen Blüten und Blütenträumen. Große Blüten und vermutlich auch große Träume. Auf die Darstellung der Dornen hatte der Strumpfhosenhersteller sicher bewusst verzichtet. Das Auge fühlt ja bekanntlich mit.
Offensichtlich aß die Rothaarige gern, wirkte aber auch ganz gut trainiert, denn sie hatte kräftige Beine, die die Strumpfhose prall ausfüllten. Kleine bräunliche Krümel und winzige Einrisse am rechten Knöchel ließen mich spekulieren, dass sie vor der Zugfahrt noch einen Waldspaziergang gemacht hatte. Danach hatte sie irgendwo einen Kaffee getrunken und ein Stück Erdbeertorte gegessen. Jedenfalls sprachen die Spuren am linken Oberschenkel dafür.
Die Erdbeeren passten nicht so recht zu dem Lippenstift, den sie sich jetzt auf das stumme „O“ malte. Dann grinste sie mich an und Sekunden später wusste ich warum. Während ich sie beobachtete, hatte ich in einem Anflug von unterbewusster Empathie meine eigenen Lippen ebenfalls zu einen „O“ geformt. Spiegelneuronen, fiel mir ein.
Sie hielt mir lachend den Lippenstift hin. „Möchten Sie auch?“
Hätte mir irgendjemand gesagt, dass meine ersten Worte nach den Schweigeexerzitien ausgerechnet „Danke, aber ich steh mehr auf Pastelltöne“ sein würden, ich hätte fassungslos den Kopf geschüttelt oder hemmungslos losgelacht. Das hemmungslose Lachen übernahm die Rothaarige für mich. „Dabei schauen Sie gar nicht so witzig aus“, stellte sie fest, als sie sich wieder beruhigt und einen bösen Blick der jungen Dame geerntet hatte. Ich war mir nicht sicher, ob ich diese Aussage als Kompliment werten sollte. Vielleicht hätte ich besser geschwiegen, denn sie veränderte ihre Körperhaltung und wandte sich mir zu. Die Beine hielt sie nun nicht mehr übereinandergeschlagen, sondern öffnete sie leicht. Oh je, dachte ich. Ah ja, dachte ich aber auch und war ein wenig irritiert. Offenbar interpretierte sie mein Danke-aber-ich-steh-mehr-auf-Pastelltöne als Einladung auf ein Gespräch. Ich wappnete mich innerlich, denn ich rechnete mit eine Fragenattacke nach Alter, Beruf, Urlaubsdestination und Lieblingsspeisen und überlegte, wie ich diese Fragen bestimmt, aber höflich – und witzig, denn ich muss zugeben, dass mich ihre Einschätzung, dass ich gar nicht so witzig aussähe, ein wenig kränkte - parieren könnte. Sie wollte nichts von alldem wissen. Sondern schaute mich mit offenem Blick an und fragte: „Was macht Sie so traurig?“
Fortsetzung folgt
testsiegerin - 17. Mrz, 22:06
Wenn der Künstler beim Signieren im privaten Kreis fragt "Was soll ich reinschreiben?" und man sagt "Für Barbara" anstatt "Deine Telefonnummer."
testsiegerin - 17. Mrz, 13:31