Er hat nur für mich gesungen. Das hat keiner gemerkt außer mir. Sie sollten es ja auch gar nicht merken, sonst hätten sie sich geärgert, dass sie so viel Geld bezahlt haben und dann singt der nur für mich. Ich hab ja nichts bezahlt, weil meine beste Freundin mir das Konzert geschenkt hat.
Und er hat mir einen der schönsten Abende meines Lebens geschenkt. Ja, gleich beim ersten Lied hat er mir zwischen den Zeilen - nein, in den Zeilen - mitgeteilt, dass das sein Geburtstagsgeschenk an mich ist.
Er singt für die, die suchen, hat er gesungen, und für die, die Zweifel haben und lauter Fehler machen und nicht wissen, was richtig und falsch ist und für die, die alles verprasst haben. Also für mich.
Und ich fand eh schön, dass keiner sonst gemerkt hat, dass er nur für mich gesungen hat. Fast vier Stunden lang.
Und da war es wieder. Das gleiche Gefühl, das ich als Vierzehnjährige gehabt habe, als ich ihn das erste Mal gehört hab. Gänsehaut. Aufgewühltheit. Tief ins Herz hat mir gesungen, und bei "so tief wie das Meer" ist das Herzblut über die Ufer getreten. Beim Lied über seinen Vater waren es die Tränen. Alles ist an diesem Abend über die Ufer getreten. Ich weiß, das klingt pathetisch, und das ist es wohl auch, aber was wäre das Leben ohne Kitsch und Pathos. Was wäre es ohne Liebe? Was wäre es ohne Wecker?
Genießen kann man nie zu viel, hat er gesungen und ich hab genickt und meine Freundin hat zweifelnd geschaut. Wenn der Sommer nicht mehr weit ist und der Himmel violett... jetzt nur noch Frau sein und bereit...
Danke, liebe I., für den Abend, den Sekt, das Essen, dafür, dass du meine Freundin bist. Die mit mir schon vor 30 Jahren auf einem Wecker-Konzert war und jetzt auch wieder. Lass uns - wenn Wecker dann noch lebt - auch in 30 Jahren beim Wecker-Konzert im Konzerthaus sitzen.
Und sollte ich irgendwann einmal sterben, was sehr wahrscheinlich ist, dann will ich "Genug ist nicht genug" hören. Auch wenn ich dann gar nichts mehr höre. Ein bisschen schwerhörig bin ich eh schon. Aber ich werde es fühlen. Und ihr, die ihr da oben steht und um mich weint und über mich lacht, ihr werdet es fühlen und hören.
Mei, woa des schee. Ich bin glücklich. Das war eines der schönsten Geschenke, die ich je gekriegt hab.
Und der Wecker an meinem Grab, der soll sich ruhig noch Zeit lassen. Ich will noch viel Zeit zum Scheitern haben. Ich will noch eine ganze Menge leben.
Und in diesem Leben wäre ich gerne ein kleines bisschen wecker. So mutig. So engagiert. So witzig. So politisch. So stark. So schwach. So poetisch. So voller Liebe. Und voller Pathos. So wecker halt.
Anders als wenn Freunde einem etwas schenken, haben Geschenke von Firmen ja meistens irgendwo einen Haken.
Da freut man sich über einen Gutschein, aber unter einem kleinen * steht dann bestimmt: Einzulösen bei einem Einkauf ab € 250,- oder so lange der Vorrat reicht oder ausgenommen Flugkosten oder so.
Vielleicht war ich deshalb misstrauisch, als ich vor ein paar Tagen beschlossen habe, einen Teil meines Geburtstags heute (Achtung: Zaunpfahl) in der Therme zu verbringen. Als ich nämlich im Internet auf Öffnungszeiten/Preise geklickt hab, stand da: Gratis Eintritt für Geburtstagskinder.
Ich suchte erst die Brille und dann das Kleingedruckte. Ich suchte eine Anmerkung wie Nur in Begleitung eines Reisebusses oder nur bei Anwendung sämtlicher Massagen und Beautypackungen oder etwas in der Art. Ah ja. Da war es, das Kleingedruckte:
Wir laden Sie am Tag Ihres Geburtstages auf den Thermeneintritt ein. Gültig für Kinder und Erwachsene. So feiern Sie noch entspannter.
Ich erwischte den Zipfel eines T-Shirts und putzte die Gläser. Wo war der Haken, verdammt noch mal? Oh. Bestimmt hier, in Klammern. (inklusive Saunawelt, Ausweis nicht vergessen.)
Sicherheitshalber packte ich neben den Badetüchern auch noch Geld ein. Zeigte an der Kasse meinen Ausweis her und war in Lauerstellung. Wartete auf den Haken.
"Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag", sagte die Dame und lächelte mich an. "Auch die Thermenleitung wünscht Ihnen alles Gute und einen schönen Aufenthalt."
Den hatte ich. Römisches Dampfbad, Solebecken, Aromastube, Ziegenmilchaufguss, Finnische Sauna, Kneippbad, Whirlpool, Aquagym, volles Programm. Am schönsten war das Wasserbett in der Höhle.
Beim Hinausgehen zahlte ich tatsächlich nur das, was ich konsumiert hatte, einen kleinen Salat und ein Getränk. Eine andere Dame als die vorher sagte: "Ich hoffe, Sie hatten einen schönen Geburtstag. Einen wunderschönen Abend noch."
Danke, liebe Thermenbetreiber. Ein Gläschen von der Flasche Sekt, die ich gleich öffne, trink ich auf euch. Eins auf mich. Eins auf meine Familie. Eins auf meine vielen und lieben Freunde und Freundinnen, die heute alle an mich gedacht haben, mich beschenkt, angerufen oder mir geschrieben haben. Eins auf den Wecker. Puh, ich glaub, ich brauche eine Magnum-Flasche.
Und die Neige trink ich auf die, die das getan hab, was ich ständig mit Geburtstagen mache. Vergessen. Die sind mir nämlich genauso lieb.
"Der springende Punkt ist, dass man im Leben ein Anrecht auf eine Beilage hat, entweder Krautsalat oder Kartoffelsalat, und dass man sich dem Terror des Sich-entscheiden-Müssens ausgesetzt sieht, in dem Bewusstsein, dass nicht allein unsere Zeit auf Erden begrenzt ist, sondern dass die meisten Küchen um zehn schließen." Woody Allen
Ich will Krautsalat und Erdäpfelsalat. Und ein Dessert. Ich bin glücklich darüber, dass es Küchen gibt, die nicht um zehn schließen. Ein ewiges Leben will ich nicht, ich glaube, ich kann manche Tage nur deshalb so genießen, weil ich weiß, dass es irgendwann keine mehr für mich gibt.
Wie geht es dir?, hat ein Kollege auf der Betriebsversammlung mich heute gefragt.
Wunderbar, hab ich gesagt. Aber hättest du mich dasselbe vorgestern gefragt, die Antwort wäre "beschissen" gewesen.
Der Kollege hat gelacht. Nickend. Wissend. War das Leben leichter, als wir jünger waren, fragen wir uns. Wahrscheinlich nicht. Wir haben nur mehr vertragen und gesagt, das wird schon irgendwann. Irgendwann kriegen wir das mit dem richtig leben schon noch hin. Aber das irgendwann ist kürzer geworden.
Das Leben ist launenhaft. Manchmal kotzt es mir auf den Teppich, den ich nicht habe, und an anderen Tagen beschenkt er mich reich. Heute war wieder Geschenkstag. Nicht nur mit Kaminfeuern, einem guten Essen, Vertrauen und schönen Gesprächen. Heute hat er mich auch mit einem Buch von Woody Allen, einer CD von Element of Crime und einer von Miss Platnum beschenkt.
Oft nerven mich meine vielen Fragen und Zweifel. Da sehne ich mich in das Leben von sattzufriedenen Biedermeierlandfrauen beim Kammermusikabend. Doch im nächsten Moment zweifle ich, ob die nicht genauso hungrig sind wie ich. Ob sie nicht die gleichen Fragen und Zweifel haben, nur mit geklöppelten Spitzen und Krauspetersilie auf dem Kartoffelsalat.
Fragt mich nicht, warum ich so einen Scheiß schreibe. Mir war einfach grad danach. Und Rapid ist Tabellenführer. Das ist nämlich wirklich wichtig im Leben.
Den Freitag abend verbringe ich mit dem Mann, den ich seit 33 Jahren liebe. Er macht mir noch immer Gänsehaut auf meiner Seele. Er weiß nur nichts davon, vermutlich ist ihm meine Liebe auch egal. Unkritisch und undifferenziert liebe ich ihn, trotz Lebenskrisen, Kokainkonsum und Gefängnis. Wegen seiner Musik liebe ich ihn, wegen seiner Haltung und wegen seiner Worte, die sich eingebrannt haben in mir: "Genug ist nie genug."
Ich krieg ja total gern Geschenke. Weil nehmen genauso selig ist wie geben. Weil beides im Leben wichtig ist. Würden alle Menschen nämlich nur immer geben und keine Sau mehr nehmen, dann wäre das ziemlich blöd. Wohin dann mit all den gegebenen und gespendeten Dingen, die keiner mehr will?
Das schönste Geschenk, das Freunde mir geben können, ist ihr Vertrauen. Das nehme ich behutsam entgegen, weil es Erschütterungen nicht so gut verträgt. Es ist ein Irrglaube, dass es unerschütterliches Vertrauen gibt.
Manchmal muss man es sich verdienen, man kann es gewinnen, umso schöner ist es, wenn es einem einfach so in den Schoß fällt, wie es mir passiert ist. Ich genieße das geschenkte Vertrauen. Ich freue mich an ausgeschütteten Herzen und gebe acht, dass ich keinen Tropfen davon verschütte.
Viele Geheimnisse sind in den Herzen, die man mir ausschüttet. Schöne Geheimnisse, glitzernde, verzweifelte, gefährliche. Lauter sehr geheime Geheimnisse. Ich bewahre sie alle sorgfältig voneinander getrennt auf, dabei würde es mich manchmal sehr reizen, sie ein bisschen durcheinander zu mischen, kräftig zu schütteln und wieder aufzuteilen.
Wie die Bankbeamtin, die von den Reichen ein paar Millionen an die Armen überwiesen hat, um zu helfen.
Auch ich würde mich nicht an den Geheimnissen bereichern, ich würde nur dafür sorgen, dass die gelangweilten Menschen aufregende Geheimnisse kriegen und die traurigen lustige. Ich würde nur dafür sorgen, dass die Welt ein bisschen gerechter wird.
Aber das mach ich nicht. Weil ich damit das mir geschenkte Vertrauen missbrauchen würde. Ich verstecke die Geheimnisse einfach in den hintersten Winkeln meiner Seele, wärme mich daran und schenke auch etwas von mir her.
Jetzt lass mich bitte mal ausreden. Immer redest du mir dazwischen. Genau wie dem Papa. Ja, ich weiß, dass du dich schämst wegen der Polizei im Haus. Und wegen der Nachbarn. Nun hör doch bitte mal zu, Mama. Wenigstens fünf Minuten. Ja, von mir aus stell die Uhr.
Ich hab’s auch für uns getan, Mama, weißt du? Und für Arnold. Ich wollte, dass wenigstens er einmal Erster wird und du einen Grund hast stolz zu sein. Nicht immer erster Verlierer, so wie ich. Ich hab doch gemerkt, wie sehr es dich gekränkt hat, dass sie diese Fot...diese... diese... Steiner gewählt haben statt mich. Eine Frau als Obmann, wo gibt’s denn so was.
Und ich bin Obmannstellvertreter. Stellvertreter. Wer hat denn all die Jahre den Verein nach vorne gebracht, Mama? Wer war das denn? Sogar der Bezirkssekretär hat mir das gesagt. Erwin, hat er zu mir gesagt, Erwin, in den anderen Ortsvereinen reden sie alle nur von dir. Und dass wir jetzt den Zuschlag für den Bezirksbewerb bekommen haben, das ist doch nicht der Steiner ihr Verdienst, ihrer.
Undankbare Gfraster. Wahrscheinlich hätte unser Arnold gegen Jessy und Jenny eh keine Chance gehabt. Du hättest sehen sollen, wie die aufgeputzt waren, widerlich war das. Widerlich. Richtig nuttig haben sie ausgeschaut, und alle haben sie süß gefunden mit ihren Piepsstimmchen. Der Arnold ist sowieso zu fett für den Bewerb, hat der Huber gesagt. Der braucht reden mit seinem Backhendlfriedhof. Ach, ein abgekartetes Spiel war das, das hab ich schon seit Wochen gemerkt. Die Steiner und der Huber, die haben doch seit Jahren ein Techtelmechtel, wahrscheinlich treiben sie es immer nach der Sitzung. Dass das die Alte vom Huber nicht merkt, das will mir nicht in den Kopf, aber das soll meine Sorge auch nicht sein. Jedenfalls ist der Arnold richtig durchtrainiert, der rackert sich ja auch Tag und Nacht ab mit seinem Radl.
Ich musste es tun, Mama, es war wie... wie ein... wie ein Zwang irgendwie. Und sie haben’s ja auch verdient. Hör auf zu weinen, Mama, die Caritas wird sich um dich kümmern, wenn ich nicht mehr da bin. Warum ich die anderen auch...?
Ich weiß nicht, der Druck in der Brust war so groß. Alles, was sich aufgestaut hat, die ganze Wut, die Demütigungen, das musste einfach mal raus. Jetzt ist es vorbei. Und weißt was, Mama, weißt was, mir geht’s gut dabei. Auch jetzt noch. Und besonders als ich es getan hab. Die Jessy und die Jenny, die waren zuletzt dran. Die sollten das alles mit ansehen. Einen nach dem anderen hab ich abgemurkst. Mit bloßen Händen. Mit meinen bloßen Händen. Du hättest sehen sollen, wie die kleinen Körper gezuckt haben unter meinen Händen. Und weißt, was ich gefühlt hab dabei, Mama? Nichts hab ich gefühlt. Gar nichts.
Den Verein werden sie jetzt sicher auflösen. Und wenn es keinen Verein mehr gibt, kann die Steiner auch nicht mehr Obmann sein. Das geschieht ihr recht.
Ich muss jetzt runter, Mama, die Polizei wartet auf mich, ich wollte mich nur noch verabschieden von dir und ein paar Sachen holen. Ist mein Pyjama schon gewaschen?
Und kümmere dich bitte um den Arnold. Er kann ja nichts dafür. Der liebe gute Arnie. Aber lass ihn nicht raus, sonst entwischt er dir. Du hast so schlechte Augen, Mama. Am Ende verhungert er dir. Ach so, ja. Im Keller, im großen weißen Schrank. Ganz rechts unten, gleich neben den Schachteln mit den Autogrammkarten, da steht das Hamsterfutter.
Bei einem Hausbesuch hat mir meine Lieblingsklientin ein paar vollbeschriebene Seiten in die Hand gedrückt. "Allein selber geschrieben", stand links oben in ihrer fast unleserlichen Handschrift.
"Sie sind ja Autorin", sagt sie. "Machen Sie bitte was draus."
"Darf ich das dann auch veröffentlichen?", frage ich.
Sie strahlt. "Aber natürlich."
Er erhebt sich
zur Mitternachtssperrstund
getrieben vom Wirt
und vor Wut
Das Glasschwer alles kruzifix hin
gebrochen
Scherben klirren durch die Nacht
und der wirtslaute Schrei
Es schneit
Bei der Kälte
jagt man keinen Hund
in die sternhagelvolle Wintersnacht
wimmert er
doch das Schicksal hat kein Erbarmen
Der Wirt auch nicht
Morgen Früh
wird er Ordnung in der Gaststube machen
und morgen Abend
wird es frische Gäste
schneien
Gute Gäste Das Lumpenpack soll draußen bleiben
wird auf der Schiefertafel stehen
unter der Gerösteten Leber
Um die Ecke steht ein G’schmierter
und weiße Mäuse *
reiten mit blauen Lichtern
auf schweren Feuerrössern durch die Nacht
Fast fällt er
Wie der Augustin, denkt er
Alles ist hin
Das ist meine Grabesgrube
Der Doktorzauber wirkt nicht mehr
und sie ziehen dir den
steifen Holzpyjama an
begleitet mit Blasmusik
Oder als Häufchen Asche
in der Urne am Kamin
so denkt er auf seinem letzten Weg
und wankt weiter
Es spukt in seinem Hirn
es spuckt aus seinem Mund
Bier Wein Schnaps
ein Gespenst mit einem Glas Wein
lehnt an der Laterne
und prostet ihm zu Das ist mein letzter Rausch, sagt er Imwahrstensinnederwörter
Die letzte Kellerspaßnacht
er/brach
ein später alter Hund
(wie er bei dieser Kälte in die Nacht gejagt)
leckt
die Speibspeise auf
Das ist mein letzer
Rausch, röchelt er und stirbt
Es schneit
Er rutscht am matschigen Leben aus
die Straßenlaterne hält nicht
was sie verspricht
Der Schlüssel passt
nur noch ins letzte Loch
Er schließt die Tür zum ewigen Bund auf Ja, ich will, lallt er und ich werde dich lieben und achten
und dir treu sein bisdassderTodunsscheidet
Zu spät erkennt er
hinter dem Schleier der Braut
den Tod
* ein G'schmierter = Polizist
* weiße Maus = Polizist auf einem (weißen) Motorrad