Stellen Sie sich vor, jemand in Ihrer Umgebung droht damit Amok zu laufen, wenn dies oder jenes passiert. Sie aber wissen, es ist unausweichlich, dass dies oder jenes passiert. Und zwar nicht irgendwann, sondern sehr bald.
Zucken Sie die Schulter und sagen: "Wer es ankündigt, tut es eh nicht?"
Sind Sie zwar kurz entsetzt, denken dann aber: "Es geht mich eigentlich nichts an. Ich mische mich da lieber nicht ein"?
Stellen Sie sich vor, Sie wenden sich an die Polizei. Stellen Sie sich vor, der Polizist ist zwar freundlich und nett, sagt Ihnen aber, dass er erst handeln kann, wenn der Betroffene bereits Amok gelaufen ist?
Sie wenden sich an die zuständige Behörde. "Ich lass mich nicht zum Schuhlöffel des Zuständigen machen", sagt der eine. "Ich kann keine akute Selbst- oder Fremdgefährdung erkennen", die andere, "und überhaupt bin ich bald auf Urlaub."
"Ich habe nur meine Pflicht getan", werden sie später sagen, wenn es vielleicht zu spät ist. "Unsere Behörde hat keine Fehler gemacht."
Sie alle tun nur ihre Pflicht. Aber wie steht es mit der Kür?
testsiegerin - 5. Mai, 21:55
Ganz Europa jagt, sammelt und pickt.
Kleine und große Menschen kaufen kleine Päckchen mit Bildern von großen Stadien und kleinen und großen Fußballspielern.
Die einen sammeln spar- und langsam. Sie gönnen sich hin und wieder eines dieser Päckchen, öffnen es behutsam und freuen sich über Ballack, Milan Baros oder die französische Mannschaft. Sie blättern im Album nach der richtigen, noch leeren Stelle und kleben das Bildchen sorgsam ein. Sie seufzen still, wenn ihnen beim Öffnen der dritte Stranzl entgegenlächelt. Vielleicht ist Henri ja morgen dabei. Oder übermorgen.
Andere wieder kaufen die Sticker stapelweise, überlegen sich ein eigenes Sortiersystem und wickeln die Angelegenheit ausgesprochen professionell ab.
Weil ganz Europa jagt, sammelt und pickt, jage, sammle und picke auch ich.
Erfahrungen, Eindrücke, Bilder und Gefühle klebe ich in mein Album. Ich reiße die Päckchen gierig auf, denn ich kann es nicht erwarten, von meinen Emotionen überrascht zu werden.
Die Mannschaft Das erste Mal ist schon ziemlich voll, der erste Kuss klebt neben dem ersten Schultag und unter dem ersten Toten, den ich gesehen hab. Sie spielen im Stadion Erinnerungen. Das erste Mal Sex hab ich doppelt, weil ich mich nicht entscheiden konnte, welches der beiden erste Male das richtige erste Mal war. Das schönere, hab ich beschlossen, aber wegwerfen kann ich die Erinnerung ans nicht so schöne erste Mal auch nicht.
Die Erinnerung an die erste Geburt nimmt viel Platz ein, wesentlich mehr als die erste eigene Wohnung oder das erste selbstverdiente Geld. Irgendwie bin ich beruhigt, dass noch nicht alle ersten Male belegt sind. Welche wohl noch auf mich zukommen?
Das Team Schuldgefühle und Ängste ist mein Angstgegner. Vielleicht, weil die Mannschaft aus so vielen gefährlichen und unberechenbaren Spielern besteht. Sie spielen oft foul und unbarmherzig, es ist ihnen völlig egal, ob sie ihren Gegenspieler verletzen. Einer neben dem anderen grinst aus dem Album. Angst vor Verlust, Angst vor Versagen, Angst vor dem Tod. Das schlechte Gewissen, fett und trotzdem durchtrainiert. Das Gefühl, eine schlechte Mutter zu sein. Das Gefühl, den anderen und mir selbst nicht gerecht zu werden. Angst vor Versagen. Sie alle picken da Schulter an Schulter. Neben der Existenzangst. Die hab ich schon viermal. Ich würd sie gern eintauschen, drei Existenzängste gegen eine Lust und eine Liebe, aber niemand will tauschen. Die Angst ist nicht so viel wert, mit ihr verhält es sich wie mit den österreichischen Spielern für die ausländischen Sammler.
Es bereitet mir Unbehagen, dass diese Seite noch immer nicht voll ist. Wann ist genug endlich genug?
Ich blättere um und streiche zärtlich über das Team Hoffnungen und Träume. Ein bunt zusammengewürfeltes Team, das zwar mit viel Spaß und Fantasie, aber ohne Trainer und reichlich unkoordiniert spielt. Seine Chance, das Tournier zu gewinnen, ist gleich Null. Ich mag diese Mannschaft trotzdem und verliere mich im Anblick der Spieler, die das Spiel genießen, ohne an den Sieg zu denken.
Man kann die Sticker auch einzeln kaufen, meint ein Pragmatiker, dann erspart man sich das mühsame Tauschen.
Ich lächle geduldig, dabei hab ich die Geduld noch immer nicht. Sie spielt für die Tugenden und die haben sich nicht qualifiziert.
Meine Lieblingsmannschaft hab ich mir für den Schluss aufgehoben. Das Album wird nur wertvoll, wenn man nicht schief klebt, hat meine Freundin gesagt. Vorsichtig ziehe ich die Folie ab und klebe die Zuversicht konzentriert neben das Lachen. Die Lust am Leben neben die Liebe.
Ob ich eine von denen doppelt habe, will jemand wissen. Erst schüttle ich den Kopf und horte die wertvollen Torschützen in der Schachtel mit dem Optimismus, aber dann schenke ich die überzähligen Glücksmomente einfach her. Hier – ein bisschen Genuss für dich. Und da – Lustschreie für dich. Wir könnten sie ja auch gemeinsam... Darf ich Ihnen ein Lächeln schenken?
Herschenken gilt nicht, schreit einer der fundamentalisitschen Sammler, das ist geschummelt, nur tauschen gilt. Er bietet mir wahlweise Neid oder Eifersucht an. Aber die hab ich doch schon, sage ich, die spielen im Sturm der Mannschaft Hass und Hässlichkeit.
Außerdem will das Leben manchmal beschummelt sein für ein schönes Spiel.
Ziemlich abgegriffen ist es schon, mein Album. Den Schutzumschlag lehne ich trotzdem ab.
testsiegerin - 24. Apr, 20:32
Eigentlich wollte ich ja längst über die globalen Ereignisse der vergangenen Tage und wichtige Frauen schreiben. Über das Dekolleté der deutschen Kanzlerin, durch das man plötzlich entdeckt, dass die Frau nicht nur Kanzlerin, sondern eben auch Frau ist. Über die pazifistische schwangere Verteidigungsministerin Spaniens und die zukünftige Familien- und Frauenministerin Italiens und über Berlusconis blöde Bemerkung über das Frauenkabinett Zapateros, das er für zu rosa hält. Lauter kluge Sachen wollte ich schreiben.
Dann aber kam der Blinddarm meiner Tochter dazwischen und ich weiß nicht mehr, wer ich bin. ich schlafe schlecht, stehe um sechs auf, um vor Arbeitsbeginn noch mit meinem Kind im Krankenhaus Trivial Pursuit zu spielen, ich eile ins Büro, fahr auf Außendienst, leite Teams, und eile wieder ins Spital, um bei ihr zu sein. Eigentlich mag ich jetzt einfach ins Bett. Aber nicht ohne vorher über eine großartige Frau zu schreiben.
Diese großartige Frau ist in Wahrheit ziemlich klein. So um die eins fünfzig. Sie heißt Frau Rosi. Ihr Dekollete ist nicht wirklich erwähnenswert und regt niemanden auf. Noch nicht. Die Frau ist auch erst vierzehn. Eine Träumerin, der auf fünf Meter Weg sieben Sachen aus der Hand fallen. Eine, deren Kopf aus Fantasie und dunklen Locken besteht, die wunderbare Geschichten erfindet (das hat sie von ihrer Oma, die Kinderbuchautorin ist), eine, die für mich seit vielen Jahren einfach zur Familie gehört, mit uns nach England mitfliegt und an den meisten Wochenenden hier wohnt. Mein Röschen.
Meine Tochter hat zwar nun keinen Wurmfortsatz mehr, aber sie hat etwas, um das viele Mädchen sie beneiden. Die beste beste Freundin der Welt, seit mehr als sieben Jahren nun schon. Nämlich die Frau Rosi.
Bevor sie meine Tochter aka Frau Dr. Blubb in der Nacht in den OP schoben, hat sie noch gesagt: Ruf die Rosi an, aber erschreck sie nicht, sonst hat sie Angst um mich.
Ich hab es zwar versucht, aber es ist mir nicht gelungen. Rosi erschrak und hatte Angst.
Gleich am nächsten Tag hat Rosi sich eine Entschuldigung für den Turnunterricht schreiben lassen, weil sie ihre beste Freundin im Krankenhaus besuchen musste. Mit dem Autobus fuhr sie eine Stunde in die Stadt und verirrte sich im Labyrinth der Chirurgischen Abteilung.
Als ich das Krankenzimmer betrat, bot sich mir ein vertrautes Bild. Frau Dr. Blubb und Frau Rosi lagen nebeneinander in dem schmalen Bett.
Frau Dr. Blubb leichenblass und leidend ihre Narbe präsentierend, Frau Rosi tröstend. Den ganzen Nachmittag verbrachte sie dort, obwohl mit Frau Dr. Blubb nicht viel anzufangen war. Auch heute kam Rosi mit dem Bus und blieb viele Stunden lang. Zum Glück war Frau Dr. Blubb schon rosiger und Rosi blubbiger.
Beim Nachhausefahren hab ich der Frau Rosi mit Tränen der Rührung in den Augen gesagt, wie schön ich das finde, dass sie wieder gekommen ist, obwohl ihr Papa heute nach drei Wochen wieder nach Hause gekommen ist und sie sich schon total gefreut hat. „Das ist selbstverständlich“, hat sie nur gesagt, „Blubbi hätte das auch für mich getan.“ Was wohl wahr ist.
Danke Röschen, dass du bist. Dass du bist, wie du bist. Und dass du die Freundin meiner Frau Dr. Blubb bist. Und ein bisschen auch meine.
testsiegerin - 16. Apr, 21:20
Ein englisches Gedicht musste meine Tochter für den Englisch-Unterricht schreiben. Zum Thema "Breakfast". Ich weiß ja nicht genau, warum Frühstück auf englisch "Schnelles Erbrechen" heißt, aber die Engländer werden es schon wissen.
Auf jeden Fall haben wir beim Spazierengehen ein bisschen braingestormt und das ist dabei herausgekommen.
Healthy breakfast
In the morning I like black strong coffee
Chewing gum, crisps and a cake with toffee
But as I know this is bad for my belly,
I prefer toast with some cherry jelly
I prepare a big pot of herbal tea
Because this is much better for me
Then I peel an apple and a carrot
cut them into slices and feed my parrot
Sunny Sunday
The sun warms my soul
and the oven the milk
On the table a candle
and napkins made of silk
In yesterday’s papers
there are only good news
We enjoy the champagne
and liver from the goose
We drink strong coffee
share soft kisses and embraces
Hava a wonderful morning
with bright smiles on our faces
Ja, und heute hat meinem Kind der Belly wehgetan. Ganz ohne Chips und Kaugummi und Gänseleber zum Frühstück. Appendix.
Bis zum OP hab ich ihr grad die Hand gehalten, und obwohl sie schon fast sechzehn ist, war sie in dem Moment wieder mein kleines Mäuschen. Mein Mäuschen mit Tränen in den Augen, weil sie Angst hatte und Schmerzen.
Soll ich dir morgen früh was mitbringen?, hab ich gefragt. Den Computer, hat sie gesagt. Und die Katzen.
testsiegerin - 14. Apr, 23:05
Gestern hat der Frühling an meine Tür geklopft.
„Willst du mich wieder nur täuschen?“, frage ich, denn vor ein paar Wochen war er schon mal hier, und ich dachte damals, in seinem Rucksack wären Frühlingsgefühle und Schmetterlinge. Als er aber die Bänder gelöst hat, kam der Winter herausgekrochen, mit matschigen Schneeflocken und einem Strauß aus Eisblumen.
„Diesmal meine ich es ernst“, strahlt der Frühling mich an und schwört. Ich aber bin misstrauisch. Wer weiß, ob er nicht hinter seinem Rücken die Finger gekreuzt hat.
„Dann zeig mir deine Geschenke.“
Der Frühling reicht mir Pflanzen, Apfelminze und Lungenkraut, Pfingstrosen und Lilien, Primeln und Orangensalbei.
Er hat sie geteilt, erzählt er, für mich. Weil es mit den Pflanzen so ist wie mit der Freundschaft. Indem man sie teilt, vermehren sie sich.
Noch immer traue ich dem Frieden und dem Frühling nicht. Wer sagt mir, dass die Triebe überleben? Was wenn sie erfrieren? Verwelken? Verdorren? Ertrinken? Oder sonst einen schrecklichen Tod sterben?
Der Frühling reicht mir eine Garantieerklärung. „Dann bekommst du neue“, sagt er und erst jetzt sehe ich, dass der Frühling das Gesicht meiner Freundin hat, deren Frühling längst vorbei ist. Dann teilt er mit mir Sekt und Gedanken, und ich mit ihm Wein und Krautfleckerl.
Der Frühling und der Alkohol machen mich gesprächig und philosophisch. Über das Leben philosophieren wir, und wie wir
Emma erklären können, was denn diese besonders im Frühling besungene Liebe wirklich ist. Riecht sie nach Maiglöckchen, nach Sonnentagen und Seifenblasen oder schmeckt sie nach aufgewärmtem Erdäpfelgulasch am Mittwoch. Der Frühling – obwohl er nicht mehr ganz jung ist und jede Menge Erfahrungen in Herz und Bauch hat – weiß es auch nicht. Das tröstet mich.
„Warum wird eigentlich der Sekt nicht mehr, wenn man ihn teilt?“, frage ich ihn, als ich die letzten Tropfen aus der Flasche presse.
„Weil der Hofer sonst nichts an uns verdienen würde.“
Muss der Frühling immer so unromantisch und pragmatisch sein?
testsiegerin - 13. Apr, 11:31
Das Jahr 1968 feiert gerade seinen 40. Geburtstag. Sehr heftig feiert es und in den Zeitungen entkommt man seiner Party nicht.
Anlass für mich, meine Erinnerung in die Vergangenheit reisen zu lassen und mein ganz persönliches 1968 Revue passieren zu lassen.
Es war ein Jahr der Revolution fü rmich, denn das, was man gemeinhin „Ernst des Lebens“ nannte, begann. Die Schule. Ich war erst fünf, aber ich brannte darauf, endlich lesen, rechnen und schreiben zu lernen. Fürs Brav- und Tüchtigsein gab es Sternderl, und ich tat so ziemlich alles für ein Sternderl, sogar extra Zierzeilen unter die Hausaufgabe malen.
Ein bisschen überschattet wurden die Sternderl von den schwarzen Punkten, die man fürs Frech- und Schlampigsein bekam. Schwarze Pädagogik halt.
Es war eine Zeit des Aufbruchs. Mein Bruder und ich brachen in der Früh in die Schule auf, mein Papa in die Gummifabrik und meine Mama mit meiner kleinen Schwester in den Konsum.
1968 war auch in anderer Hinsicht ein revolutionäres Jahr für mich, denn ich war zum ersten Mal verliebt. Hätte ich damals gewusst, welche emotionalen Achterbahnfahrten ich mir damit einhandle, vielleicht hätte ich verhindern können, dass ich auch für den Rest des Lebens in irgendwen oder irgendetwas verliebt sein sollte. Wahrscheinlich hätte ich es trotzdem nicht verhindert.
Meine erste große Liebe hieß Waltraud und war meine Lehrerin. Manchmal durfte ich ihr die Hefte nach Hause tragen. Meine zweite große Liebe hieß Dieter, war blond und ich trug ihm die Schultasche. Zum Glück wohnte er direkt gegenüber der Schule. Für ihn schrieb ich mein erstes Gedicht. Der Beginn einer wunderbaren Karriere.
Fernseher hatten wir noch keinen, der kam erst ein Jahr später und das erste, was ich darin sah, war der Start von Apollo 14.
Ich hab zwar in der Schule viele neue Wörter gelernt, doch ich kannte weder The Who noch das Wort Flower Power. Flower Power hatte mit dem geblümten Kleid meiner Mama in etwa so viel zu tun wie Jimi Hendrix mit Caterina Valente.
Eine Straßenschlacht gab es bei uns nur, wenn sich zwei Autos auf der Bundesstraße ineinander verkeilten. Öffentliches Gruppenkuscheln vor der Semperit war unvorstellbar. Die Droge unserer Eltern war der Alkohol, unsere Drogen hießen Tutti frutti und Bensdorp. Einen Schilling kostete so eine Tafel Schokolade. Die Schleifen der Schokoriegel sammelten wir, denn für gefühlte tausend Schleifen gab es eine Packung Bensdorp gratis.
Auch von Love and Peace war weit und breit nichts zu erkennen. Wenn wir Kinder stritten oder rauften, wurden wir – ohne vorherige Gerichtsverhandlung, wer der/die Schuldige war – alle der Reihe nach übers Knie gelegt. Danach mussten wir am Fenster knien, bis wir uns entschuldigten. Ich kniete oft sehr lang, weil ich fand, dass man sich nicht für etwas, woran man nicht schuld war, entschuldigen konnte.
Das richtige 1968, also das mit den Rolling Stones, mit Afrolook und Räucherstäbchen und Tigerbalsam, das hat sich bei uns auf dem Land um etwa zehn Jahre verspätet. Es konnte ja auch nicht überall gleichzeitig sein.
Wie war euer ganz persönliches 1968?
testsiegerin - 6. Apr, 11:09
Die Party war auf dem Höhepunkt, als es klopfte. Deshalb reagierte auch niemand auf das Klopfen. Kevin, Jasmin und Jennifer vergnügten sich bei Doktorspielen im Schlafzimmer, der fette Julian hatte zu viel von diesem Kuchen gegessen und kotzte, Erika hielt ihm dabei fürsorglich die Hand. Pamela, Paris und Kate tanzten zu seltsamen Klängen. Der rothaarige Felix hockte in einer Ecke und schmollte, er hätte auch gern mit Jasmin und Jennifer rumgemacht, aber die hatten sich für den dämlichen Kevin entschieden, weil der ihnen eingeredet hatte, er wäre Arzt, dieser blasierte Kerl.
Hannah, Beate und Monika saßen in der Küche, lachten und rauchten.
Es klopfte heftiger. Wieder reagierte niemand.
Erst als die Musik für einen Augenblick aussetzte und Lisa-Maria als einzige wie belämmert da stand, weil sie auf der Reise nach Jerusalem keinen Platz gefunden hatte, hörten sie die Geräusche an der Tür. Diesmal war es nicht bloß ein harmloses Klopfen, nein, die Tür wurde brutal aufgebrochen. Fünf uniformierte Polizisten stürmten die Wohnung und richteten die Waffen auf die Partygäste. Die kreischten hysterisch.
Beate murmelte „Shit, eine Razzia“, dämpfte ihre selbstgedrehte Zigarette aus und warf sie nervös aus dem Fenster. Lediglich Hannah, die aus der Küche geeilt war, behielt die Ruhe.
„Ja bitte?“
„Landeskriminalamt Es liegt eine Anzeige vor“, sagte der eine Beamte.
Felix, der endlich beweisen konnte, wie mutig er war, ging hinter dem Sofa in Deckung und zielte auf den Beamten. Zu seinem Leidwesen und zum Glück des Beamten war die Waffe jedoch nicht geladen.
„War es der alten Wondratschek schon wieder zu laut? Pam? Dreh doch ein bisschen leiser, ja?“ DJ Ötzi verstummte.
Der zweite Beamte schüttelte den Kopf. „Wir ermitteln wegen fahrlässiger Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten. Wenn Sie bitte die Ausweie vorweisen?"
Beate kramte nach ihrem Reisepass, Monika zeigte ihren Führerschein und Pamela hatte ihren Schülerausweis dabei.
"Nicht diese Ausweise. Wenn ich um die Impfpässe bitten darf!“
Hannah wandte sich an die anderen Frauen. „Habt ihr zufällig die Mutter-Kind-Pässe eurer Kinder dabei? Ich wusste nicht, dass man sich auf Kindergeburtstagen neuerdings ausweisen muss.“
Erika, die noch immer neben ihrem Sohn kniete, der wiederum vor dem Klo kniete und hineinkotzte, schrie hinaus: „Julian ist geimpft. Ich kann seinen Vater anrufen, damit der den Impfass vorbeibringt.“
„Ich hab Jenny und Jasmin grad geimpft!“, strahlte der fünjährige Kevin, „im Schlafzimmer.“ Er zeigte den Beamten stolz seine Spritze.
Einer der Beamten hatte den kleinen Felix hinter dem Sofa entdeckt. „Vorsicht, geht nicht zu nah an ihn heran!“, rief er seinen Kollegen zu. „Er ist gefährlich.“
Hatten Sie tatsächlich die Legolaserpistole in seiner Hand gesehen?
„Seht ihr die vielen Tüpfelchen in seinem Gesicht? Wir sind tatsächlich auf einer Masern-Party gelandet. Diese verantwortungslosen Eltern.“
Felix begann zu heulen. Immer war er schuld. Dabei litt er schon seit Jahren unter diesen blöden Sommersprossen.
testsiegerin - 5. Apr, 10:49
Heute Nacht habe ich mit Alfred Gusenbauer verbracht.
Wir trafen uns vor dem Parlament. „Hast du Lust, mit mir essen zu gehen?"
Oh ja, warum nicht? Wann hat man schon die Gelegenheit, mit seinem Parteivorsitzenden und Bundeskanzler unter vier Augen zu sprechen?
„Ich kenn ein kleines Wirtshaus im Prater“, schlage ich vor. Das ist Alfred aber zu weit. "Hier im Keller ist das Taj Mahal", sagt er.
Wir gehen die Stufen hinunter, er vor mir, wie es sich gehört. Er stolpert und als er die Tür öffnen will, sind die Stiegen im Weg. „Falscher Eingang“, tönt es aus der Küche.
„Das passiert mir immer“, grinst Alfred und ich verkneife mir ein „Wenigstens bist du nicht umgefallen.“ Wahrscheinlich findet er das nicht mehr lustig.
Ich bin – und das kommt selten vor – gar nicht hungrig. Ich habe nämlich im Büro einen Linseneintopf mit Lauch und Tomaten gekocht. Zwei Euro fünfzig, pro Person. Aber weil es unhöflich wäre, Alfred beim Essen zuzuschauen, bestelle ich Erdbeercreme mit Weißbrot.
Er ist schon hungrig, er entscheidet sich für Lammcurry in Mandelsoße.
„Was hältst du eigentlich von mir?“, fragt er mit vollem Mund.
Kurz halte ich inne und denke daran, wie gekränkt mein Geschäftsführer letztens war, als ich ihm gesagt habe, was ich von seinen Visionen halte. Dass sie keine Bilder bei mir auslösen, dass sie fantasie- und lustlos und abgehoben sind. Aber Alfred Gusenbauer ist nicht mein Chef, er kann mich nicht kündigen, sondern höchstens aus der SPÖ ausschließen. Das wird er nicht tun, bei den wenigen Mitgliedern, die der Partei noch geblieben sind.
Er neigt seinen Kopf zur Seite und lächelt mich lieb an. Puh. Wie soll ich so Kritik üben? Trotzdem. Jetzt oder nie. „Meine 83jährige Tante findet noch immer, dass du ein gescheiter Mann bist. Aber sie findet auch...“, ich stammle, „... sie findet, dir fehlt das Charisma.“ So, jetzt ist es heraußen.
„Und du?“, fragt Alfred, „was findest du?“ Er spielt mit meinem Haar.
„Ich finde, meine 83-jährige Tante hat recht. Du musst dich mehr durchsetzen, gegenüber diesem schwarzen Gsindel.“ (Das mit dem schwarzen Gsindel ist auch von meiner Tante, nicht von mir.)
Alfred seufzt. „Ach, wenn das nur so einfach wäre.“
„Und weißt du“, fahre ich fort, „mir ist es wurscht, mit welchem Flieger du fliegst und ob du mit Joghurtbechern oder mit einem I-Phone telefonierst, aber Upgraden und teure Rotweine trinken kommt nicht gut bei den Westenthalern dieser Welt. Und davon gibt es reichlich.“
Er schenkt sich indischen Wein nach. „Ich muss jetzt gehen“, sagt er, „die Eva wartet schon. Danke für alles.“
Ich schaue auf die Uhr. Mein letzter Bus ist längst weg. Zum Glück hat das Taj Mahal Hotelzimmer, mit wunderschönen Duschen. Ich dusche lange.
Als ich das Haus heute morgen verlassen will, hält eine dicke, indische Frau mich zurück. Sie müssen noch bezahlen“, sagt sie, „das Essen, die Getränke und das Zimmer. Sie haben lange geduscht, nicht wahr? Zweihundertsechzig Euro, bitte.“
Ich schlucke. „Hat Alfred denn nicht...?“
Sie schüttelt den Kopf. "Er bezahlt nie."
Ich öffne meine Geldbörse, obwohl ich genau weiß, dass sich darin keine zweihundertsechzig Euro versteckt haben. „Brauchen Sie vielleicht eine Küchenhilfe?, frage ich leise. „Ich kann Linseneintopf kochen. Mit Lauch und Tomaten.“
testsiegerin - 26. Mrz, 08:59