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Samstag, 13. Januar 2018

Sleepless im Weinviertel

Ich liege im Bett. Ich bin müde. Ich lese. Eine Romanbiografie über die junge Clara Schumann. "Das Mädchen am Klavier". Clara Wieck heißt das Mädchen, und ich bin erst auf Seite 200 draufgekommen, dass es um Clara Schumann geht. Obwohl sie Robert da längst kennengelernt hat.
Clara war grad in Wien und hat das Publikum begeistert. Aber jetzt wird sie wieder nach Hause nach Leipzig geschickt. Ihr Vater ist gegen die Beziehung mit Schumann. "Herr Schwärmerer" nennt er diesen.

Ich lege den E-Reader zur Seite. Hoffentlich kann ich heute einschlafen, denke ich und weiß gleichzeitig, dass das keine guten Voraussetzungen sind. Ich wälze mich hin und ich wälze mich her. Meine Ärztin hat mir ein Placebo verschrieben. Die Baldriantropfen stinken furchtbar, aber egal. Ich muss nur fest genug daran glauben. Und ein paar von den Nervenruh-Pillen hat mir die Ärztin, die zufällig auch eine Hausapotheke hat, auch wärmstens ans Herz gelegt. Kosten nur 20 Euro. Ich hätte einen Schnaps trinken sollen, denke ich, aber ich will nicht zur Alkoholikerin werden.

Ich atme ein und zähle bis 4, halte den Atem an und zähle bis 7, atme aus und zähle bis 8. Zunge an die oberen Vorderzähne. Und noch mal. Atmen ist wichtig. Von Nichtatmen kann man sogar sterben. Weil das Atmen nicht hilft, multipliziere ich 4 mal 7 und addiere 8. Macht 36. Ist aber nicht wichtig.
Mein schlechtes Gewissen meldet sich. Vielleicht hätte ich die Wolle für die Decke vorher nicht bestellen sollen, die war teuer. Und die Autoreparatur ist auch teuer. Für dieses Geld hätte ich 10 Decken stricken können. Aber was mach ich mit 10 Wolldecken? So kalt sind nicht mal meine Füße.
Atmen. Ich bin müde. Ich will einschlafen.
Ich nehme das Handy. Blaulicht. Also nicht draußen auf der Straße, sondern herinnen aus dem Handy. Wegen Schlaflosigkeit wird ja selten die Polizei gerufen. Obwohl... vielleicht sollen deshalb so viele neue Polizisten eingestellt werden? Die Polizei rast dann bei Schlafstörungen an den Tatort und verhaftet den Schlaf. Oder den Schlafräuber.
Ein hoher Blaulichtanteil ist übrigens ganz schlecht bei Schlafstörungen. Ich weiß mittlerweile alles über Schlafstörungen, aber das ist denen blunzenwurscht. Wahrscheinlich liegt es aber nicht am Blaulicht aus dem, sondern an den Nachrichten im Handy. Kickl und Strache fördern nicht die seelisch-geistige Harmonie.
Nachdem mich die chinesische Entspannungsmusik vorgestern nur aufgeregt hat, versuche ich etwas anderes. Hypnose. The Night is still long. Ich tue, was der Herr mit der sonoren Stimme mir empfiehlt. Ich lege mich entspannt hin, ich atme, ich entspanne mein Unterkiefer. Zum Glück sieht mich niemand, mein Mann ist auf dem Sofa eingeschlafen. Das verzeih ich ihm nie.

Der Herr im Handy wird jetzt gleich von zehn abwärts zählen. Und bei jeder Zahl werde ich mich ein bisschen mehr entspannen. Der Herr im Handy hat einen Sprachfehler. Wie bitte soll ich mich entspannen, wenn er jedes Mal statt einem sch ein ch sagt. Er sagt Fich und logich und typich. Ruhig und tief werde ich durchschlafen, verspricht er mir, nicht nur heute, sondern immer, wenn ich mich in mein Bett lege. Haftet er eigentlich für seine Versprecher und seine Versprechen? Ich werde ihn klagen.
Ich versuche trotzdem meine Gedanken loszulassen. Den Gedanken an die Buchteln mit Vanillesoße, die ich morgen backen werde, lasse ich ungern gehen.
Entspann dich, entspann dich, entspann dich gefälligst! schreie ich mich an und erinnere mich an den Typen, der mir die Unschuld und eine Menge Illusionen genommen hat. „Entspann dich Mädel, sonst tut es weh“, hat er gesagt. Krampfhaft habe ich versucht, mich zu entspannen, als er in mich eingedrungen ist. Es hat weh getan.

Ich bin von einer warmen Geborgenheit umgeben, sagt der Herr im Handy und ich hülle mich in eine Wolke aus Geborgenheit. Und in die zweite Decke, weil mir kalt ist. Wie gut, dass ich die Wolle bestellt hab. Aber das Wohlfühlen gelingt nur kurz, denn bald rollt eine Welle aus Wärme auf mich zu, die vermutlich nichts mit seinem Sprachfehler, sondern meinem Hormonhaushalt zu tun hat.
Er wird mich nach der Hypnose nicht wecken, sagt der Mann, und das will ich ihm auch geraten haben. Schließlich kann ich morgen endlich ausschlafen.

Wir sind bei der Zahl 4 angelangt. Ich entspanne mich doppelt so fest wie bei fünf. Ich habe das Gefühl, im Weltall zu schweben, in dunkelgrauen Nebelschwaden, dahinter blitzen die Sterne. Zwischen den Sternen fließt ein zäher Strom aus Vanillesoße. Darin flaumige Buchteln. Es ist tatsächlich ein wunderbar wohliges Gefühl da oben. Das will ich noch länger genießen, denke ich, und dann ist es weg. So ähnlich wie ein Orgasmus, der kurz vor seinem Erscheinen rechts abbiegt und jemand anderen beglückt. Vielleicht leidet er an Narkolepsie und ist eingeschlafen.
Ich darf mir gestatten, einzuschlafen, sagt der Mann. Und dann sagt er etwas, wo ich mir denke, das muss ich morgen gleich aufschreiben, aber dann ist es weg. Ich soll ihm gut zuhören, sagt er, aber das ist schwer, wenn ich auf dem linken Ohr liege, weil ich rechts so schlecht höre. Was, wenn ich jetzt einschlafe? Dann kann ich ihm nicht gut zuhören. Das ist egal, sagt er, denn der Mann im Handy kann Gedanken lesen. Mein Unterbewusstsein wird alle seine Wörter verstehen. Leider versteht auch mein Bewusstsein seine Wörter. Wörter von tiefer Entspannung. Im Hintergrund plätschert ein Wasser. Oder knistert ein Feuer? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist mein Handy in Vollbrand geraten und knistert.
Gleich werde ich ruhig, tief und fest schlafen, sagt der Mann, und für diesen Satz braucht er 20 Sekunden. Irgendwann sagt er nichts mehr, der Mann, sondern es knistert nur mehr das Wasser oder plätschert das Feuer. Irgendwann geht das Feuer aus. Und das Wasser erlischt. Und ich bin hellwach. Vielleicht hab ich ja einen Tumor im Gehirn und der drückt aufs Schlafzentrum, und vielleicht muss ich bald sterben und werde nie wieder träumen.

Nächster Versuch. Eine Hypnose zum Thema Luzides Träumen. Da merke ich, dass ich träume, sagt ein anderer Herr, und sein Stichwort wird „Pinguin“ lauten. Jedes Mal, wenn er „Pinguin“ sagen wird, werde ich merken, dass ich träume und mich an dem Traum erfreuen. Sagt er. Jedesmal, wenn er Pinguin sagt, muss ich lachen.
Ich muss aufs Klo. Aber bestimmt werde ich gleich danach tief und fest schlafen, bis zum Morgen.

Ich will wieder ins Universum, denke ich und stelle mir Sterne und Nebelschwaden vor. Und die Buchteln, die sich ihren Weg durchs den Weltraum bahnen.
Der Wecker klingelt. Aber er hat doch versprochen, mich nicht zu wecken. Es ist 8 Uhr. Ich hab vergessen, den Wecker abzuschalten. Ein bisschen noch liegenbleiben. Nur ein bisschen.
„Und wann stehst du endlich auf?“, fragt mein Sohn um elf.

Samstag, 16. Dezember 2017

Keine weiße Weste

Weihnachtsgeschichte in 3 Akten

1.

„Iss noch was, Bub!“ Sie stellte eine Schale mit Früchten auf den Tisch.
„Mama, ich bin schon groß!“
„Musst du wirklich jetzt noch in die Stadt? Es ist kalt draußen und unwirtlich. Und man sagt, dass es in der Stadt sehr gefährlich ist. So bleib doch zu Hause, Bub!“
„Mama, ich bin schon groß.“
„Paperlappap, du bist immer noch mein kleiner Harry. Was willst du denn überhaupt in der Stadt? Wir haben es so gemütlich hier draußen!“
„Ich will gerne noch ein paar Weihnachtsgeschenke besorgen“, log er. In Wahrheit wollte er hier nur raus.
„Aber wir haben doch schon einen schönen Christbaum.“
„Ja, einen, den die Kleinen immer leer fressen. Mach dir keine Sorgen, Mama!“
„Zieh das über, Bub, bitte.“ Sie reichte ihm die Weste.
„Mama! Das ist peinlich! Die lachen mich aus, wenn sie mich so sehen.“
Sie begann bitterlich zu weinen.
„Was ist jetzt wieder los, Mama?“
„Geht schon wieder. Ich musste nur an Henriette denken. Als sie damals von dem Auto niedergefahren wurde in dieser nebligen Winternacht. Weißt du noch?“
Als könnte er das jemals vergessen. Seine Schwester hatte ihn mit rehbraunen Augen angeschaut, bevor sie diese für immer geschlossen hatte.
„Ich pass schon auf mich auf, Mama.“
„Versprochen.“
„Und keine Schlägereien, ja?“
„Mama! Ich bin jung, männlich und stark. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Ich weiß mich zu verteidigen.“



2.

„So, so, ein Hirsch in Warnweste hat Sie angegriffen?“ Der Kriminalobermeister nagte an seinem Bleistift. „Sie waren vorher nicht zufällig an einem Punschstand? Ich sag das jetzt nur einmal, Gnädigste: Wenn Sie noch einmal aufs Revier kommen und der Polizei in betrunkenem Zustand die Zeit stehlen, zieht das schwere Strafen nach sich.“

„Das ist die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe. Und getrunken hab ich nichts, das schwöre ich auch! Ich war ja mit den Kindern unterwegs. Da trinke ich nie!“
„Ich schick Sie dann noch zur Blutabnahme“, kündigte er an. „Drogentest“. Die Frau begann zu weinen.
„So beruhigen Sie sich doch.“ Er reichte ihr ein Taschentuch. „Jetzt erzählen Sie mal ganz langsam.“
„Also, ich war mit meinen Kindern spazieren, als der Hirsch auf uns zu gerannt kam. Meine Tochter wollte ihn streicheln, da griff er plötzlich an. Ich stellte mich schützend vor meine Kinder, da wurde ich von den Hufen des auf den Hinterbeinen aufgerichteten Tieres im Rücken getroffen.“

„Hat der Angreifer etwas gerufen, als er Sie getreten hat?“, mischte sich der Polizeihauptwachtmeisteranwärter ein. „Allahu Akhbar oder so?“ Und - an seinen Vorgesetzten gewandt: „Sollen wir den Verfassungsschutz informieren?“
„Mach mal halblang, Junge!“, sagte dieser.

„Haben Sie Verletzungen?“, fragte der Kriminalobermeister.
Sie zog die Jacke aus, schob den Pullover hoch und präsentierte dem Polizisten die Kratzspuren auf ihrem Rücken.
„Alles klar“, sagte der Polizist und klopfte etwas in die Tastatur.
„Sie glauben mir also? Gott sei Dank!“ Die Frau knüllte das Taschentuch in ihrer Hand zusammen und seufzte.
„Natürlich nicht. Aber ich hab Verständnis für Ihre Situation. Sie haben also eine Affäre. Ihr Liebhaber hat Sie während des Schäferstündchens leidenschaftlich gekratzt und jetzt wissen Sie nicht, wie Sie das Ihrem Mann verklickern sollen. Keine Angst, das kriegen wir schon hin! Ein Hirsch in Warnweste hat Sie überraschend angegriffen.“ Er kicherte. Auch er hatte einmal eine Affäre gehabt und seiner Frau das Blaue vom Himmel vorgelogen.




3.

„Wir müssen erst einmal Ihre Generalien aufnehmen.“
„Sie müssen meine Genitalien aufnehmen?“ Er bedeckte sein Geschlecht. Na ja, groß war das schon.
„Name?“
„Hirsch. Harry Hirsch. Aber dafür kann ich nichts. Wir haben in unserer Familie alle Namen, die mit H beginnen.“
„Adresse?“
„Ich wohne draußen im Damwildgehege.“
Der Polizeihauptwachtmeisteranwärter lachte hämisch: „Im Darmwindgehege? Ho, ho, ho.“ Ihm entwich ein Darmwind.
Harry Hirsch rollte die Augen. Der Kriminalobermeister tat es ihm gleich.
„Nationalität?“
„Ursprünglich komme ich aus Vorderasien.“
„Wo war noch mal Vorderasien?“, fragte er den Polizeihauptwachtmeisteranwärter.
„Vor Asien. Also Syrien, Palästina, Iran und so weiter.“ Der Polizeihauptmachtmeisteranwärter kam langsam in Fahrt. „Hab ich‘s nicht gesagt? Wahrscheinlich ist er über die Balkanroute geflüchtet und jetzt hirscht er wie ein Wahnsinniger mit Warnweste durch die Nacht und greift auch noch eine unschuldige deutsche Frau mit ihren Kindern an! Denken Sie an die Silvesternacht in Köln!“
„Gusch, Kollege! So, und jetzt kommen wir zur wesentlichen Frage. Dem Tatmotiv. Was hat Sie bewogen, in Warnweste eine Frau anzugreifen?“

„Das war sicher so eine b’soffene Gschicht“, mutmaßte der Polizeihauptwachtmeisteranwärter, der merkte, dass die Flüchtlingstheorien bei seinem Vorgesetzten nicht gut ankamen. „Ein paar Schnäpse und dann fängt einer von den Hirschen an zu sagen: ‚Das traust du dich nie!’
„Standen Sie zum Zeitpunkt der Tat unter dem Einfluss von Jägermeistern?“ Der Kriminalobermeister schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, um den Hirschen einzuschüchtern. Er wollte nach Hause, mit seiner Familie Weihnachten feiern, unterm Christbaum Weihnachtslieder singen, gut essen und nicht hier mit einem wildgewordenen Hirschen und einem größenwahnsinnigen Polizeihauptwachtmeisteranwärter diskutieren. „Warum verdammt noch mal haben Sie eine Warnweste angezogen?“, brüllte er.

Jetzt wurde Harry Hirsch bockig. Er mochte es nicht, wenn man ihn anbrüllte. Sein Vater Hans hatte ihn auch immer angebrüllt, bevor er erschossen wurde. „Weil ich die weiße Weste dem Herrn Grasser geborgt habe.“ Da kam er auf eine Idee. „Ich würde jetzt gerne meinen Anwalt anrufen?“
„Gerne. Welchen?“
Keine Ahnung. Harry Hirsch kannte keine Anwälte, nur ein paar aus der Zeitung. „Manfred Ainedter?“
Der Kriminalobermeister lachte. „Der ist grad beschäftigt.“
„Dann halt irgendeinen Pflichtverteidiger. Ohne Anwalt sage ich kein Wort.“
Der Polizeihauptwachtmeisteranwärter indes hörte nicht auf zu reden. „Vielleicht wollte unser Hirsch Fluglotse werden und hat sich gedacht: ‚Dress for the job you want, not the job you have.’ Ha ha ha.“
In dieser Nacht schlief Harry Hirsch sehr schlecht. Nicht nur, weil die Pritsche ziemlich unbequem war und die Beamten ihm Heu verweigerten. Auch, weil es ihm peinlich war, die Wahrheit zu erzählen. Dass er ein verdammtes Muttersöhnchen war und sich von seiner Mama in diese blöde Weste hatte zwängen lassen. Dass er es nie schaffte, sich gegen sie zu wehren. Dass er versucht hatte, sich an der großen Eiche die Weste vom Leib zu reiben, ihm das aber nicht gelungen war. Und dass er total gekränkt war, als die Kinder bei seinem Anblick „Rudolph, The Red Nosed Rendeer“ gesungen hatten. Er war kein Rentier. Schon gar nicht mit einer roten Nase. Er konnte sich doch nicht alles gefallen lassen!
Harry war froh, als die Nacht endlich vorbei und der Anwalt, ein Herr mit einem schrillen, auffälligen Anzug, eingetroffen war. Warum durfte der sich so kleiden wie er wollte und Harry nicht, wie die Mama es wollte? Die Welt war nicht gerecht. Vielleicht hatte die Mama des Anwalts ihn ja auch gezwungen, diesen lächerlichen Anzug anzuziehen. Ein schwacher Trost für Harry.
Der Anwalt las sich kurz in den Akt ein und legte sogleich los. „Herr Hirsch widersetzte sich lediglich dem Vorhaben der Kinder, ihn wegen seiner hübschen leuchtenden Weste in die Weihnachtsdekoration im Vorgarten zu integrieren. Nicht nur, dass mein Mandant unschuldig ist und sich gegen böse, aggressive Kinder zur Wehr gesetzt hat, nein. Er war auch vorbildlich mit einer Warnweste unterwegs und hat dazu beigetragen, dass die Zahl der Wildunfälle in diesem Jahr zurückgeht.“
Der Polizist kratzte sich skeptisch am Kinn. „Nur weil jemand eine Weste trägt, heißt das noch lange nicht, dass es sich auch sonst um ein anständiges und gesetzestreues Individuum handelt! Egal, ob es sich um eine weiße Weste oder eine Warnweste handelt.“
Der Anwalt ließ sich nicht bremsen. „Davon abgesehen ist es in den USA üblich, beim Wandern Warnwesten zu tragen, um nicht irrtümlich von Jägern erschossen zu werden. Und was für amerikanische Wanderer gilt, wird wohl auch für einen Hirschen gelten, bei dem die Gefahr, von blutrünstigen Jägern erschossen zu werden, doch wesentlich größer ist.
Davon abgesehen war es extrem leichtsinnig von den Kindern, sich dem Tier zu nähern. Wildtiere sind deutlich gefährlicher als Raubtiere, weil sie dauernd irgendjemand fressen will. Das wirkt sich auf die Psyche aus! Wenn die keine Angst vor dem Menschen haben, wird er eben zwecks Rangfeststellung attackiert.“

Harry Hirsch verstand zwar nicht, was der Anwalt da brabbelte, aber er war sein Geld wert. Er atmete erleichtert auf, als er aus dem Polizeigewahrsam entlassen wurde. Mit einer Ermahnung und dem Versprechen, sich in Zukunft gesetzestreu zu verhalten. Trotz der Erleichterung hatte Harry aber auch Angst. Angst vor seiner Mama. Und vor ihren Tränen. Das würde ein trauriges Weihnachtsfest werden.

Auch der Polizist atmete auf, packte seine Aktentasche und schlüpfte in seine Daunenjacke. „Frohe Weihnachten, Herr Polizeihauptwachtmeisteranwärter. Aus Ihnen wird noch mal was.“ Er klopfte seinem jungen Kollegen auf die Schulter.
Fragt sich nur, was, fügte er in Gedanken hinzu.

„Ihnen auch, Herr Kollege, was gibt es bei Ihnen dieses Jahr zu Weihnachten?“
„Hirschgulasch.“


Rezept:
Die Warnweste behutsam vom Tier lösen, reinigen und im Wasserbad beiseite stellen. Sie wird nachher noch zur Dekoration gebraucht.
Das Hirschfleisch in grobe Würfel zerteilen, die Zwiebel fein hacken. Das Hirschfleisch mit Salz und Pfeffer würzen. Schmalz erhitzen und das Hirschfleisch von allen Seiten scharf anbraten. Das Hirschfleisch mit den Bratenresten herausnehmen und rasten lassen.
In der Zwischenzeit die Zwiebel in derselben Pfanne goldgelb rösten. Tomatenmark unterrühren und etwas mitrösten. Mit Rotwein ablöschen und etwas einkochen lassen. Das Hirschfleisch mit den Bratrückständen und den Wildgewürzen hinzugeben und mit dem Wildfond aufgießen. Zugedeckt ca. 1 ½ – 2 Stunden köcheln lassen. Wildfond oder Wasser angießen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Falls nötig mit etwas Mehl eindicken.
Mit Warnweste garnieren und sofort servieren.

Donnerstag, 26. Oktober 2017

Ö-Slam

"Mir fehlen die Worte" könnte ich jetzt sagen, was natürlich gelogen ist, weil man, wenn einem die Worte fehlten, nicht schreiben könnte, dass einem die Worte fehlen. Abgesehen davon fehlt mir zwar manchmal die Orientierung und oft der Glaube, aber nur sehr selten fehlen mir die Worte.

Was ich in den letzten Tagen erlebt habe, zählt zu den besten Dingen, die ich je erlebt habe. Ja, als Mutter und Ehefrau muss ich jetzt natürlich noch hinzufügen, dass das Allerbeste die Geburt meiner Kinder und meine Heirat waren...

"Ich bin ja nicht so eine...
so eine Slammerin",
hab ich vor ungefähr zwei Jahren in einem Text geschrieben. Und Mieze hat schon damals gesagt: "Doch, du bist so eine!"
Vor ein paar Tagen hab ich mich als entfernte Tante der Slamily bezeichnet. "Du bist keine entfernte Tante", hab ich gestern ein paar Mal gehört, "sondern ein wichtiges Familienmitglied."
Ich hab zwar schon eine wunderbare Familie, aber was schadet es, noch eine zu haben?

Wir Frauen sind ja gewöhnt, uns ein bisschen kleiner zu machen, als wir sind. Jahrhundertealte Tradition. Jahrzehntelange Erziehung. Und fast hätte ich mich am Beginn dieses Beitrags dafür entschuldigt, dass ich schon wieder schreibe, wie glücklich ich bin. Aber ich mag mich nicht entschuldigen dafür. Ich mag es einfach genießen und dieses Glück mit euch teilen. Ich bin nicht nur glücklich, sondern auch stolz. Stolz darauf, dass ich mich dieser Herausforderung gestellt hab. Dass ich mich getraut hab, vor 600 Leuten auf der Bühne zu stehen und sie mit einem Text zu unterhalten oder zu berühren. Ja, ich hab mich schon ein bissl wie eine coole Sau gefühlt. Ohne Text in der Tasche. Mit Aufregung im Bauch. Ohne Netz. Mit Vertrauen in mich. Und mit meiner Freundin im Publikum. Das war ein schönes Gefühl, sie hier zu wissen.

Es war atemberaubend. Das Gefühl auf der Bühne. So muss sich Robbie Williams fühlen.
Ich hab in den letzten Tagen Menschen auf und hinter der Bühne kennengelernt, die fantastisch schreiben, ein riesengroßes Herz haben, liebenswert, lustig und schlagfertig sind.

Danke, liebe Slamily, dass ihr mich so aufgenommen habt.

Bei 54 Minuten könnt ihr meinen Auftritt sehen.
Aber schaut euch ruhig den ganzen Mitschnitt an.

https://www.facebook.com/fomp.vienna/videos/2028483724051088/

Liebe Frau Proll

Ich hab Ihren Beitrag zum Thema #metoo, in dem Sie Ihre Sicht der Dinge, nämlich #notme, anführen, gestern aufmerksam gelesen. Und frage mich seitdem, warum Frauen bei diesem Thema anderen Frauen in den Rücken fallen.
Antwort hab ich noch keine gefunden. Ein bisschen erinnert mich Ihre Äußerung an Eva Hermann, die unbedingt am Dritten Reich etwas Positives finden wollte.

Schön, dass Sie noch nie von einem Mann belästigt worden sind. Das meine ich ehrlich, weil ich weiß, wie es sich anfühlt. Nämlich beschissen. Und seit Ihrem Posting gestern fallen mir all die vielen Geschehnisse ein, die ich viele Jahre verdrängt habe. Offensichtlich nicht erfolgreich.

Sie schreiben, dass Sie sexuelle Annäherungsversuche von Seiten eines Mannes grundsätzlich erfreulich finden und einen solchen erst mal als Kompliment und nicht als Belästigung verstehen. Ich überlege jetzt krampfhaft, wie es mir mit 16 gelingen hätten sollen, es erfreulich zu finden, von einem Fremden auf dem Nachhauseweg vom Bahnhof überfallsartig an die Brust und zwischen die Beine gefasst zu werden.
Sie schreiben, dass Sie vielleicht einfach nicht attraktiv genug sind, um von einem Mann sexuell belästigt zu werden.
Ich fürchte, der Typ, der mich angefasst hat, hat gar nicht gesehen, wie ich aussehe, von hinten. An meiner Schönheit wird es also vermutlich nicht gelegen haben.

Auch der Grieche, der im Auto einfach seinen Schwanz herausgeholt und vor mir gewichst hat, wollte mir bestimmt nur ein Kompliment machen. Und ich frustrierte, frigide, junge Frau fand das nicht lustig. So was aber auch. Ja, es war leichtsinnig, Auto zu stoppen, aber ich wünsche mir, in einer Gesellschaft zu leben, in der das nicht als Einladung verstanden wird.

Ich weiß, so etwas hat in Ihnen höchstens Mitleid hervorgerufen und Sie würden sich schämen, damit hausieren zu gehen. Ich hab mich damals auch geschämt. Mich schuldig gefühlt. Aber ich hatte kein Mitleid, ich hatte Scheiß-Angst. Und ich gehe damit hausieren, und zwar nicht, um mich als Opfer darzustellen, denn ich weiß, dass viele, viele Frauen viel Schlimmeres erlebt haben als ich, aber ich will, dass junge Frauen, denen so etwas passiert, sich nicht schuldig fühlen. Sich nicht schämen dafür, dass Männer übergriffig sind.

Schön auch, dass Sie nie so abhängig von einem Mann waren, dass Sie sich so etwas gefallen lassen haben. Ich war abhängig von meinem Job. Und wusste, dass mir niemand glaubt. Oder es immer wieder Männer – und wie man sieht – sogar Frauen gibt, die so etwas nicht schlimm finden.

Ich hab es auch nicht als Ausdruck eines Komplimentes erlebt, als ich auf der Rolltreppe stand und sich der Mann vor mir nach hinten und der Mann hinter mir nach vorne gebeugt und die beiden mich zwischen ihnen eingeklemmt haben. Ich fand das so unlustig, dass ich dem einen eine geknallt hab. Danach ins Gesicht gespuckt zu werden, war für mich kein Zeichen meiner großen sexuellen Anziehungskraft, sondern eklig und demütigend. Hat mir jemand der Umstehenden geholfen? Nein.

Ich habe oft Nein gesagt, aber das Nein wurde nicht gehört. Das lag nicht an körperlichen Beeinträchtigung und einem mangelnden Hörvermögen, nein. Die Männer wollten mein Nein nicht hören. Die sind davon ausgegangen, dass ich mich – wenn ich mich zum Essen einladen lasse – auch von ihnen ficken lasse. Es hat sich verdammt noch mal nicht gut angefühlt, vom Onkel einer Freundin im Badezimmer eingesperrt und betatscht zu werden. Oder von einem Lehrer zu hören: "Und ich dachte, du bist eine Frau, dabei bist du nur ein zickiges Mädchen."

Ich bin übrigens weder lustlos noch hasse ich Männer ... ich hab sogar einen geheiratet. Nein, die Welt wäre nicht besser ohne Sex, aber sie wäre besser ohne sexuelle Gewalt. Und wenn Sie uns unterstellen, nicht allzu viel von Männern zu halten, dann kann ich nur entgegnen: Offensichtlich trauen Sie den Männern nicht zu, den Unterschied zwischen Komplimenten, Flirten und Übergriffen zu verstehen. Ich glaub, die meisten von ihnen schaffen das sehr wohl. Die, die uns trotzdem belästigen, die gegen unseren Willen unsere Grenzen überschreiten, die wollen nicht Sex. Die wollen schon gar keine Erotik, wenn sie Frauen kleinmachen, ohne Zustimmung an intimen Stellen anfassen und als „Sozialfut“ beschimpfen. Die wollen Macht.

Liebe junge Frauen, lasst euch nicht entmutigen durch Männer oder Frauen, die euch als lustlose Schnepfen oder humorbefreite Männerhasserinnen bezeichnen, wenn ihr sexuelle Übergriffe, egal ob verbal oder durch Handlungen als das bezeichnet, was sie sind. Sexuelle Gewalt. Macht den Mund auf und schämt euch nicht. Ihr seid nicht schuld, wenn jemand euch Gewalt antut. Niemals.

Im Leben hat sich durch Schweigen noch nie etwas verändert.

Freitag, 20. Oktober 2017

Poetry - Slam

Ich wurde ja für die Österreichische Poetry-Slam-Meisterschaft nominiert, und hab gestern an der Vorrunde teilgenommen. Lest und seht, wie es mir gegangen ist ;-)


https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=875748729248862&id=100004412293872

Samstag, 26. August 2017

I proudly present...

Ich hab da übrigens eine neue Webseite und freu mich sehr darüber.

https://www.silben-silber.at/

Viel Spaß beim Schmökern!

Dienstag, 22. August 2017

Eine feine Gesellschaft

Gestern bin ich über einen Artikel gestolpert, in dem eine über 50-jährige Frau meint, sie müsse gar nichts. Sich nicht die Haare färben, keinen Kopfstand beim Yoga machen, kein Smartphone besitzen und sich nicht altersentsprechend kleiden. Sie rechtfertigt sich dann einen ganzen Artikel dafür, warum sie das alles nicht muss, mit über 50.

Im ersten Moment habe ich genickt und gesagt: Eh klar.
Im zweiten Moment habe ich mich gefragt: Warum kommen die Frauen eigentlich mit 50 drauf, was sie wollen und nicht wollen? Warum nicht mit 37 oder 42? Das Leben ist reichhaltiger geworden mit über 50, es bietet mehr Falten, mehr schlaflose Nächte, mehr Hitzewallungen. Sonst hat sich nichts geändert.

Im dritten Moment hab ich mich gefragt, wie das denn in meinem Leben so ist. Ob ich mache, was die Gesellschaft von mir erwartet oder mich dagegen wehre. Und wer denn diese Gesellschaft überhaupt ist.
Noch nie hat mich die Fleischhauerin gezwungen, einen Kopfstand beim Yoga zu machen, nein, noch nicht mal den Sonnengruß, noch nie hat mich jemand dazu überredet, mir die Haare rot zu färben oder mich zu einem Waldlauf genötigt. Die Leute, die mich umgeben, lassen mich einfach so sein, wie ich bin.
Niemand schreibt mir vor, dass meine Röcke übers Knie reichen sollten und keine Sau möchte, dass ich in meinem Garten Thujen pflanze. Dem Bäcker ist es egal, ob ich das Brot in High Heels oder in Jogginghose kaufe. Oder in beidem. Niemand verlangt von mir, täglich Staub zu saugen. Also niemand außer meiner Tochter, aber die ist zwar eine wunderbare Gesellschaft, aber eben nicht DIE Gesellschaft. Außerdem bittet sie mich meistens ganz lieb, alle paar Monate. Oder saugt selbst.

Ich erlebe in meinem Alltag und in meinem Beruf weniger Vorurteile, als man so glauben möchte. Die demente ehemalige Bäuerin im Pflegeheim wirft einen Blick auf meine Latzhose und erzählt aus ihrem Leben in Armut. Der Richter bemerkt meine silbernen Sneakers nicht einmal, sondern überlegt die Route seiner für das Wochenende geplanten Radtour. Die Gutachterin ignoriert meine Speckröllchen im engen Kleid und fragt sich, ob sie es rechtzeitig zur Ballettaufführung ihrer Tochter schafft.

Der Gesellschaft rund um mich ist - auch wenn diese Erkenntnis weh tut - in Wirklichkeit wahrscheinlich blunzenwurscht, ob ich ayurvedischen Frühstücksbrei oder Eier mit Speck esse und ob ich Shopping Queen oder eine GEO-Reportage sehe. Die Gesellschaft da draußen hat nämlich ganz andere Sorgen. Dem Menschen ist nichts so interessant wie er selbst. Wir nehmen uns da vielleicht ein bisschen zu wichtig, in dem wir uns vormachen, die Gesellschaft schreibe uns vor, wie wir zu ticken und uns zu benehmen haben.

Ich glaub, diese Gesellschaft, die ständig Dinge von uns erwartet, die uns nicht erlaubt, in Flipflops ins Büro zu gehen und will, dass wir Sport betreiben anstatt Tiramisu zu essen, diese Gesellschaft, die ist nicht um uns herum, sondern in uns. Diese mieselsüchtigen, lustlosen Gesellen hocken in unseren Köpfen, in ihren Wollkostümchen und grauen Anzügen, umrandet von Thujenhecken. Sie trinken Kräutertee und stallieren uns aus. Haben ja auch sonst nichts zu tun.

Es liegt aber an uns, welche Gesellen wir einladen, da oben zu wohnen. Was wir ihnen zu trinken anbieten und womit wir sie füttern, mit Ängsten und Vorurteilen oder mit einem satten Gefühl. Wenn die Champagner trinken, das Leben in unseren Hirnen genießen und sich wohlfühlen, dann lassen sie uns auch mit ihren komischen Vorschriften in Ruhe.

Prost.

Samstag, 25. März 2017

Tatort

„Herrn S. von der Mordkommission zurückrufen“, stand auf dem Telefonzettel, als ich heute früh ins Büro kam, „dringend“.

Mir zieht es den Boden unter den Füßen weg. In meinem Kopf legt der Filmvorführer den Film ein. Jemand aus meiner Familie wurde ermordet. Raubmord kann ausgeschlossen werden, das werde ich dem Inspektor sagen. Obwohl... hoffentlich ist mein Schmuck noch da. Als ich vor einer Stunde mein Haus verlassen hab, lag mein Mann friedlich im Bett und mein Sohn saß auf dem Traktor. Vielleicht hat der Täter nur abgewartet, bis ich aus dem Haus bin, weil er weiß, dass ich einmal einen Selbstverteidigungskurs besucht habe.

Schnitt

Vielleicht ist aber jemand, den ich nicht so gerne mag, ermordet worden und ich stehe unter dringendem Tatverdacht. Hoffentlich habe ich ein Alibi. Ich gehe in Gedanken die letzten Tage durch und mir fällt nicht mehr ein, wo ich am Sonntag von 17 Uhr bis 18 Uhr 30 war. Ah ja. Im Wald joggen. Ich habe keine Zeugen. Die Schneeglöckchen werden ihre Köpfe senken und schweigen.
„Ist die Birgit da?“, frage ich die administrative Mitarbeiterin und bin über ihr „Ja“, nie erleichterter als jetzt.

Schnitt

Und wenn jemand, den ich liebe, einen Mord begangen hat? Mein Mann einen Ikea-Mitarbeiter mit dem Inbusschlüssel erstochen hat, weil ein paar Schrauben gefehlt haben? Oder die Billa-Kassiererin erwürgt hat? Vielleicht hatte er einfach keine Lust, auf ihr dreitausendstes „Hamma Billakarte?“ die immer gleiche Antwort zu geben. „I hob kane, ob Sie ane hobn, waß i net.“

„Wir plädieren auf Tötung im Affekt“, werde ich ihm sagen. Hoffentlich kommt er nicht in die Justizanstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. Dort haben wir uns nämlich kennengelernt und es wäre mir ein bisschen peinlich, ihn dort besuchen und die mitleidigen Blicke der Justizwachebeamten ertragen zu müssen.

Schnitt

Der Filmvorführer in meinem Kopf kann sich nicht entscheiden, ob er als nächstes die Filmrolle mit der Aufschrift „Komödie“ oder „Tragödie“ einlegt.

Wie gesagt, ich hab ja selber im Gefängnis gearbeitet und weiß, dass (fast) jeder von uns imstande ist, zu töten. Ich habe Mörder kennengelernt, über die man sagen würde „der kann doch keiner Fliege etwas zu leide tun.“ Mörder, die auch keiner Fliege etwas zuleide getan haben, aber Menschen.
„Schluss!“, schreie ich den Filmvorführer an, während ich mit zittrigen Fingern die Nummer wähle. Ihm fällt die Filmrolle aus der Hand.

Die Mama des Kommissars ist dement und er hätte gerne eine Beratung zum Thema Sachwalterschaft. Er wirkt erschöpft. Ich bin erleichtert.

So viele Gefühle immer.

Samstag, 28. Januar 2017

Die verschwundene Frau

Ihre Brüste sind riesige Akkus, prall gefüllt mit Energie. Der Säugling saugt sie ihr aus dem Leib, die Milch und die Energie. Die Brüste sind hartnäckig und füllen sich immer wieder neu. Um das Kind zu nähren. Vielleicht hoffen sie aber auch, dass irgendwann wieder ein bisschen Energie für die Frau übrig bleibt.

Seit der Geburt ihrer Kinder definiert die Frau sich nicht mehr als Frau, sondern als Muttertier. Dem Kind ist es egal, ob sie einen schlabbrigen Pullover oder ein schönes Kleid trägt. Das Kind spuckt drauf und sabbert alles voll. Wozu sich umziehen? Es wird wieder draufspucken, nachdem es ihre Brüste leergesaugt hat.

„Für wen soll ich mich denn schön machen“?, brüllt sie in den Spiegel.
„Für dich selbst“, flüstert der Spiegel, aber die Frau kann ihn nicht hören, weil das Kind gerade die Klospülung drückt. Vorher hat es die Socken hineingeschmissen und gesagt: „Mama hilft Wäsche wascht.“

Aus „Wie geht‘s dir?“ ist „Wie geht‘s den Kindern?“ geworden. Die Frau verschwindet hinter ihrer Brut, wird als Frau unsichtbar. Es ist so, als würde es sie als Individuum nicht mehr geben, nur im Doppelpack mit Kind. Sie wird nicht mehr gefragt, welches Buch sie liest - wozu auch, zum Lesen hat sie ohnehin kaum noch Zeit - , man will nicht mehr ihre Wortspenden zum Zeitgeschehen oder ihrem Liebesleben - wozu auch, für ein Liebesleben hat sie ohnehin keine Energie - nein, alles, was interessiert ist, ob das Kind jetzt endlich geschissen hat oder an Verstopfung zugrunde geht.

Hilfe, möchte sie schreien! "Ich gehe zugrunde, die körperliche Über- und geistige Unterforderung verstopft meine Lebendigkeit, wenn ihr mich nicht mehr als Frau, als Freundin, als Kollegin wahrnehmt, sondern nur noch als Mutter." Aber sie schreit nicht, sie lächelt, und tut so, als würde sie sich über vollgeschissene Windeln und Zähne, die es an die Oberfläche geschafft haben. Das erwartet man von Müttern. Es wäre unfair zu schreien, denkt sie, denn sie hat es gut erwischt, sie hat einen Mann, der nicht nur Schnitzel panieren und Karotten pürieren kann, sondern der auch Minizehennägel schneidet, Miniwunden verarztet und Minihäuser aus Duplo baut. Einen Mann, der nachts aufsteht und mit dem Minimenschen im Arm eine Runde auf dem Trampolin hüpft, damit sie wieder einschläft. Aber sie kann nicht einschlafen, weil sie sich schuldig fühlt, weil sie das Gefühl hat, als Mutter versagt zu haben.

Sie liebt ihre Kinder. Sie sind das beste, was ihr passiert ist. Am meisten Liebe für die Kinder spürt sie, wenn sie schlafen. Trotzdem sehnt sie sich danach, dass ihr Körper wieder ihr gehört. Dass sich niemand an sie klammert und schreit. Das Kind denkt, es heißt „Klotzenbein“. Wenn jemand die Frau plötzlich nach dem Namen fragt, sagt sie "Mama“, denn der am häufigsten gehörte Satz in ihrem Leben, das früher richtig spannend und abwechslungsreich war, ist: „Mama, schau!“ Und die Frau schaut, sie schaut auf Sandburgen, Plastilinmännchen und wie das Kind über die Treppen hüpft. Manchmal fallen ihr beim Schauen die Augen zu, wegen des chronischen Schlafmangels.

Manche Freundinnen der Frau haben plötzlich ganz wenig Zeit und einen völlig anderen Lebensrhythmus haben. Manche sagen geradeheraus , dass es sie stört, dass die Kinder der Frau ihre Gedanken und Gespräche unterbrechen. Als würde die Frau das unterhaltsam finden. Es gibt Freundinnen, die meiden die Frau, weil sie sie um ihr glückliches, trautes Leben mit Heim und Ofen und Kind beneiden. Die Frau beneidet sie um ihren Urlaub auf Hawaii.

Zum Glück gibt es auch Freundinnen im Leben der Frau, die sie aushalten. Die sie halten. Mit denen sie über zahnende Kinder und den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf reden kann. Über ihre Brustentzündung und über den Liebeskummer. Freundinnen, denen sie erzählen kann, wie einsam und erschöpft sie sich manchmal fühlt, trotz der Kinder. Wegen der Kinder. Freundinnen, die sie verstehen.
Freundinnen, die in der Stadt wohnen und sie manchmal besuchen.

Denn in dem Dorf, in dem die Frau lebt, ist sie fremd, eine Zugeraste. Sie hat keine Vorhänge, wählt die falsche Partei, geht nicht zum Feuerwehrfest und gehört nicht dazu. Hier ist ihr Haus, aber hier ist sie nicht daheim. Die Sandkistenmütter sind ein kleiner Trost. Aber sie ersetzen ihre Freundinnen nicht.

„Ich arbeite jetzt wieder“, erzählt sie den Sandkistenmüttern irgendwann stolz. Ein Kind ist 2 Jahre alt, das andere 6 Monate.
„Und das erlaubt dein Mann?“, fragen die Sandkistenmütter entsetzt.
„Ich weiß nicht. Ich hab ihn nicht gefragt", sagt die Frau.

*

Mehr als zwanzig Jahre ist das jetzt her. Obwohl ich so eine Rabenmutter war, sind meine Kinder großartige Menschen geworden. Meine Tochter „Klotzenbein“ ist nach Dänemark ausgewandert und ich vermisse sie sehr. Mein Sohn wohnt immer noch hier. Und er wäscht immer noch die Wäsche. Zum Glück nicht im Klo.

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

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