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Donnerstag, 4. Juni 2015

Kurkolumne, der letzte Tag

„Die Kur hat dich von der Krankheit kuriert, aber wer kuriert dich von der Kur?“, hat Marie Ebner von Eschenbach gefragt.
Mich braucht niemand zu kurieren. Mir geht’s wunderbar.

Wäre das hier keine Kur, sondern ein Esoterikseminar, wir würden am letzten Abend im Sesselkreis sitzen und in der Mitte würde ein Blumenstrauß und eine brennende Kerze stehen, zur Fokussierung. Die Seminarleiterin würde uns einladen, einander die Hände zu reichen, die linke Hand empfangend, die rechte gebend. „3 Wochen sind jetzt vorbei“, würde sie sagen, als ob wir das nicht längst wüssten, und salbungsvoll hinzufügen: „Was nehmen wir mit? Was lassen wir da? Wer immer beginnen mag, der beginnt.“
Wir würden in das Flackern der Kerze, auf die Blumen oder auf den Boden starren und das Muster des Teppichs auswendig lernen. Ich würde denken: „Schöne Sonnenblumen.“ Sonnenblumen sind nämlich meine Lieblingsblumen.

Alle würden betreten und verlegen schweigen, bis Brigitte sich erbarmen und ein Herz fassen würde: „Ich nehme viele schöne Erinnerungen mit und die Tipps der Diätologin und die Buchtipps der Psychologin und die Fotos von der Kirche. Was ich hier lasse? Hier lasse ich das Gefühl, immer für die anderen da sein zu müssen und alles auf meiner Liste erledigen zu müssen. Danke!“ Brigitte würde nach diesen Worten aufstehen und zur Tür gehen. „Ich muss mich leider jetzt schon verabschieden, mein Mann wartet draußen, wir müssen noch auf den Friedhof, das Grab meiner Ururgroßmutter besuchen. Die kränkt sich, wenn wir nicht kommen.“

Pedro, der Taxitänzer, würde nur die Augen rollen und weder etwas mitnehmen noch dalassen. Er versteht nicht, was das hier soll.

„Ich nehme das Wasserbett mit dem Masseur innen drinnen mit, und das Körperfett lasse ich da“, würde ich das neuerliche Schweigen brechen, „und die Sonnenblumen nehme ich auch mit.“ Mit diesen Worten würde ich mir der Blumenstrauß greifen. „Ah ja: Und in meinem Herzen nehme ich die Heike mit.“ Beim Gedanken an sie wird mir ganz warm ums Herz.

Gustl lässt nichts da, das wäre ja noch schöner, er nimmt alles mit, was er hergebracht hat. Auch seine Dummheit.

Laura freut sich auf die Baustelle und lässt die Illusion da, die Wolfgang mit den türkisblauen Augen eine Woche lang in ihr erzeugt hat.
Susanne nimmt Abstand zu all dem Schmarrn zu Hause mit und lässt 5 Kilo da.

Die Seminarleiterin lächelt gequält und wirkt mitgenommen, obwohl sie dagelassen wird.

Weil es sich hier weder um ein Seminar noch um Urlaub handelt, gibt es keinen Sesselkreis und keine Seminarleiterin. Und so sitze ich mit der Handvoll Frauen, die ich liebgewonnen hab, in der Kurkonditorei. Wir scheißen auf die Kurkalorien, essen Heidelbeertorte, Punschkrapfen und Eiskaffee und jagen den Blutzuckerspiegel in ungeahnte Höhen. Wir reden über den Tod, übers Leben und über Marion, die Frau des ehemaligen Fabrikanten, die dem Zimmerservice verbietet zu putzen, weil ihr hier langweilig ist und sie die Dusche selber putzen möchte, damit die Zeit vergeht. Sie hat auch angeboten, unsere Duschen zu putzen.

A propos Dusche: Geduscht und gebadet hab ich in den letzten beiden Jahren nicht so oft wie hier. Zwischen meinen Fingern bilden sich Schwimmhäute und an meinem Körper wachsen Schuppen. Körper und Seele sind rein wie von der Jungfrau Maria. Susanne lacht bei diesem Vergleich laut, ich weiß nicht, warum.
Noch vor 200 Jahren hat Napoléon seiner Joséphine geschrieben: „Wasch dich nicht, ich komme.“ So ändern sich die Zeiten.

Nachdem ich das letzte Mal die 45 Stufen zu meinem Zimmer gegangen bin, packe ich in meine vielen Koffer hauptsächlich Ruhe, jede Menge Gelassenheit und eine fröhliche Zufriedenheit. Vor allem packe ich die Gewissheit ein, dass ich richtig bin, wie ich bin, auch mit zu viel Körperfett und einer Zahnlücke. (Dafür war ich die Heldin des Koordinationstrainings, yeah! In den ersten Reifen einen Schritt, in den zweiten zwei Schritte, in den dritten drei... Man glaubt gar nicht, wie viele Leute damit überfordert sind.)

Den Ausdruck der metabolischen Waage verbrenne ich in einem kleinen Ritual auf dem Balkon und der Ausdruck in meinem Gesicht hellt sich dabei auf, nicht nur vom Feuerschein. Fettverbrennung ganz ohne Anstrengung, so mag ich sie. Ich hoffe, dass der Brandmelder nicht los geht und die Feuerwehr nicht aufgrund meines Körperfetts ausrücken muss. Das kostet 500 Euro, hat der Kurdirektor bei seiner Antrittsrede betont. Egal, Freiheit kostet eben.
Ich atme tief aus, verscheuche den Rauch mit meinen Händen und fächle mir bei jedem Einatem frische Luft zu. Dabei wiederhole ich dreimal: „Alles Schlechte weg von mir, alles Gute her zu mir.“

In der Früh gebe ich meinen Schlüssel zurück. Die Rezeptionistin legt die Lade mit den Gehirnen an die Theke und sagt: „Suchen Sie sich eins aus.“
Ich schaue mir die Gehirne der hochbegabten und tiefbegabten Kurgäste noch einmal genau an, um nicht irrtümlich das von Pedro oder Gustl zu erwischen.
Da ist meines! Rosig durchblutet, gut erholt und wunderschön. Zwischen den Windungen Witz und Ironie. Das will ich, und kein anderes.

Im Auto hat es 38 Grad. Vielleicht hätte ich doch in die Kältekammer... ? Vielleicht beim nächsten Mal.

Ich starte und drehe den Radio auf. Aus den Lautsprechern ertönen The Cure („Die Kur“). Wie passend. Ich lasse die Scheiben herunter und singe ganz laut mit:

You
Soft and only
You
Lost and lonely
You
Just like heaven!



Ende



Danksagung und Epilog:
Ich bedanke mich bei der Pensionsversicherungsanstalt, die meine Beiträge für diese Kur verwendet hat. Ich danke meiner Familie, die auch ohne mich überleben kann. Vor allem aber danke ich euch, meine lieben Leser und Leserinnen, denn ohne euch hätte es diese Kurkolumne nie gegeben. Aus den anfänglich dahingerotzte Gedanken, die ich teilen wollte, wurde eine tägliche Routine, die nie zur Routine wurde. Danke für die vielen Likes und Kommentare, die mich ermutigt haben, weiterzuschreiben. Für mich war es ein spannender Prozess, und ich habe in den letzten drei Wochen wieder gemerkt, dass ich zwar nicht vom Schreiben leben, aber vom Leben schreiben kann. Vor allem aber, dass ich ohne Schreiben nicht leben kann.
Es hat mir unglaublich viel Spaß gemacht, zwischen den Anwendungen die 45 Stufen in mein Zimmer zu laufen und meine Gedanken auf Papier oder den Bildschirm zu bringen. Sie sind mir nie ausgegangen. Diese Kolumne hat sich quasi von selbst geschrieben.
Jetzt muss ich nur noch meine Mitdreisten davon überzeugen, mit mir eine Bühnenfassung der Kurkolumne auf die Beine zu stellen.
Danke!

Eure Kurtisane

Mittwoch, 3. Juni 2015

Kurkolumne, die Zehnte

So eine Kur fühlt sich an, als hätte jemand eine riesige Käseglocke über das Leben gestülpt. Das Leben spielt sich fortan ausschließlich unter der Glocke ab, und alles was draußen ist, ist weit weg und dringt nicht durch. Der Alltag mit all seinen Sorgen, der volle Terminkalender in den kommenden Wochen, die Schneckenplage im Garten, das Loch im Dach, alles unwichtig.
Hier zählt die Kurkarte, die Bibel der Kurgäste, ohne die man sein Zimmer nicht verlässt. Sie dient nicht nur zur Orientierung, sondern ist gleichzeitig Grundlage für sämtliche Gespräche.
„Was hast du jetzt?“
„Badewanne, und selbst?“
„Wart mal... um 8:40 Interferenz, 9:30 Unterwassergymnastik, 10:10 Teilkörpermassage und 13:30 Hydroelektrisches 4-Zellenbad.“ (Ich lerne jeden Tag ein neues Wort dazu.)
„Ah, ich hab heut um 11:20 Druckkreiselmassage, da kann ich erst um zwölf zu Mittag essen.“
Man beachte: ERST um zwölf. Erst um zwölf frühstücke ich zu Hause manchmal.

Ja, so aufregende Gespräche haben wir hier drin.
Manche Leute ärgern sich, wenn sie zwischen Kryojet und Melissenbad eine halbe Stunde warten müssen und schauen ständig auf die Uhr. Sie haben in den vergangenen Wochen nicht gelernt, die geschenkte Zeit zu genießen. Einfach in die Luft zu schauen, durchzuatmen und zu sein, anstatt zu tun.

Das Leben während einer Kur ist bei weitem nicht so entspannend, wie es hier wirken mag, denn Wir-sind-hier-nicht-auf-Urlaub und es herrscht ein unerbittlicher Wettstreit unter den Kurgästen. Weil wir sonst nichts zu tun haben, vergleichen wir alles und jedes miteinander, nicht nur die Ausdrucke der metabolischen Waage.
Vergleiche machen Menschen nicht glücklicher, sondern unglücklicher. Weil wir uns ja in der Regel nicht mit denen vergleichen, die ein verrostetes Auto, kein Swimmingpool und keinen Schulabschluss haben, sondern mit denen, die auf die Buttermilchseite des Lebens gefallen sind.
„Ich bin 6,5 Kilometer genorditschwalkt.“
„Ich 8,9, aber bergauf.“
„Ich bin 42 Kilometer mit dem Rad gefahren, bergauf und bergab.“
„Ich bin 98 Längen geschwommen.“
„Ich hab 3 Kilo abgenommen.“
„Ich 4, und zwar viszerales Fett.“
„Ich hab auf dem Laufband 321 Kalorien verbrannt.“
„Ich hab 4 Kilo Fett in Muskelmasse umgewandelt.“
„Ich hab heut früh 160 Blutdruck gehabt.“
„Ich 220.“
„Ich habe 10 Stunden geschlafen“, sage ich, um den Wettstreit zu beenden.

Ich bin nicht wieder auf die böse Waage gestiegen, und ich hab mich zwar ein paar mal in den Finger gestochen, aber immer noch nicht kapiert, wie man den Zuckerstreifen richtig in das Gerät steckt. Puls hab ich, das ist das wichtigste.
Ich bin froh, dass es keine Waage gibt, die Glück und Zufriedenheit messen kann, sonst würden die Leute auch diesbezüglich in Konkurrenz gehen.
„Ich hab 7,5 Glücksmomentpunkte.“
„Ich dafür 9 für chronische Zufriedenheit.“
„Mein Impedanzwert zwischen Gelassenheit und Nachdenklichkeit liegt bei 128.“

Meinen Kurkollegen gegenüber wollte ich nicht angeben, aber euch kann ich es verraten: 45 Stufen sind es vom Erdgeschoß in mein Zimmer. Im Schnitt bin ich sie acht plus zwei mal täglich hoch und wieder runtergestiegen, die zwei mal extra, weil ich die Kurkarte oder das Handtuch im Zimmer vergessen habe. Das sind insgesamt 9450 Stufen. Oder 17,73 mal den Kölner Dom bis zur Turmspitze. Ich bin von meiner eigenen Leistung beeindruckt. Außerdem klingt das gut. „Wo warst du in den letzten drei Wochen?“
„Ach, ich bin 17,73 mal den Kölner Dom hinaufgeklettert.“

*

„Kannst du dir den Ultraschall selber machen?“, fragt die Therapeutin, da eine Kollegin von ihr heute ausgefallen ist.
„Sicher. Ich lass mir dann auch das Bad selber ein und massier mir die Lendenwirbelsäule.“
Ich tiefenwärme mit dem Ultraschallgerät mein Knie und starre auf den Bildschirm. Ich hoffe, dass da ein undefinierbares Gebilde auftaucht und die Therapeutin - in diesem Fall ich – sagt:. „Herzlichen Glückwunsch, Frau Lehner, Sie bekommen einen Knorpel!“
Aber sie schüttelt enttäuscht den Kopf und sagt: „Oh je, sehen Sie, er ist abgegangen. Es tut mir sehr leid für Sie. Für einen neuen sind Sie zu alt.“ Das hört man gerne.
„Aber mit den heutigen medizinischen Möglichkeiten, kann man da nicht...In Vitro und so?“, frage ich verzweifelt.
„Nein. Auch ein Leben ohne Knorpel kann sehr glücklich sein, Frau Lehner. Stellen Sie sich bitte darauf ein. Suchen Sie sich Hobbys.“
„Kann ich einen Knorpel adoptieren? Vielleicht aus Afrika? Einen armen Waisenknorpel? Ich werde ihn mit Hyaloronsäure füttern und behandeln, als wäre es mein eigener.“
Pieps.
„So, das war’s für heute.“

*

Die Käseglocke über dem Kuralltag sorgt dafür, dass der Ballast, die Sorgen und die Ignoranz von draußen nicht herein und der Gestank nach Schwefel, Butter und Ignoranz von drinnen nicht hinausdringt.
Morgen wird sich die Glocke lüften, die Gerüche von draußen und drinnen werden erst hart aufeinanderprallen und sich dann zu einem neuen Duft vermischen.
Alles, was hier 3 Wochen lang unwichtig war, der ungemähte Rasen, die ungeliebte Ehefrau, das ungelebte Leben zeigen auf und schreien: „Hier sind wir!“

*

Zum Abschluss wird noch ein Gruppenfoto mit Herrn Direktor Schnösel gemacht. Zuhause werden wir das Foto herzeigen und sagen: „Schau, die mit den roten Locken, das ist die Susanne, und das ist die Laura, die ihren Freund gar nicht betrogen hat, weil der Sex so schlecht war, und das ist die Brigitte, die drei Wochen vorgekocht hat und das der Generikum-Italiener.
„Und wer ist die in den peinlichen Leopardenleggings?“
„Keine Ahnung, wie die heißt, aber von Sternzeichen ist sie Schnepfe, Aszendent Dumpftussi.“

*

Morgen werden wir abreisen, ich werde die letzte Kurkolumne schreiben und nichts wird sich ändern.
Frische Gäste werden ankommen, im Gepäck Sehnsüchte, Schmerzen, Ängste und Hoffnungen. Sie werden Buttermilch trinken und Linsen mit Tofu essen und in der Konditorei heimlich über eine Kardinalschnitte herfallen. Sie werden wildfremden Menschen ihre Kranken- und Lebensgeschichten anvertrauen und Muskelpartien stärken, von denen sie nicht gewusst haben, dass diese existieren. Sie werden zu „Atemlos“ tanzen und in Augen fallen, die nur im Discolicht türkisfarben leuchten.
Sie werden sich von Meister Toni durchkneten und „Madalan“ nennen lassen und für Kathrin im Pool in die Knie gehen und ertrinken. Kathrin wird dazu lächeln und sagen: „Und jetzt spannen wir die Beckenbodenmuskeln an.“
Und irgendwie freue ich mich, dass wir die letzte Gruppe waren, die Heike kennenlernen durfte. Was die wohl jetzt macht?

Wir Abreisenden werden Adressen austauschen, die wir nach einem Jahr in den Tiefen unserer Handtaschen finden und uns fragen werden, wer noch mal Birgit Pospischil war.

*

„Freust du dich schon auf zu Hause?“
„Hast du schon gepackt?“
Das sind die am meisten gestellten Fragen heute.
„Wenn ich hier bin, freue ich mich hier zu sein“, antworte ich weise, „und wenn ich zu Hause bin, freue ich mich zu Hause zu sein. Wenn ich ein letztes Mal Aquafit brutal mache, mache ich Aquafit brutal und schwitze im Wasser. Packen tu ich zehn Minuten vor der Abreise.“

Mein neues Mantra gefällt mir.

Wir lesen uns morgen. Ein letztes Mal.

Dienstag, 2. Juni 2015

Kurkolumne, die Neunte

Tut mir leid, liebe Leser und Leserinnen, ich hab ernsthaft darüber nachgedacht, es für euch zu tun, aber die Sache mit der Kältekammer hat sich endgültig erledigt. Als die Psychologin beim Gesundheitsvortrag fragt, in welchen Situationen wir Stress empfinden, meldet sich Werner zu Wort und erzählt von der Kältekammer. Allein in einem kleinen Kühlhaus im Kreis gehen, weil die anderen beiden Angemeldeten abgesagt haben. „Wenigstens der Richtungswechsel hat so keine Probleme gemacht“, sagt Werner. Nach einer Minute ein Panikanfall. Nach eineinhalb Minuten aufgrund von zahlreichen Tatortfolgen die Gewissheit, dass jemand den Griff von außen zudreht und man einen entsetzlichen Tod stirbt. Nach zwei Minuten Schmerzen in den Muskeln. Nach zweieinhalb Minuten erste Erfrierungserscheinungen und das Gefühl, dass drei Minuten eine Ewigkeit sind.
Ja, ich bin ein Weichei. Da lasse ich lieber bei der Beckenbodengymnastik Eier ins Mezzanin (Halbstock) flutschen.

*

Am Wochenende hab ich auch Besuch bekommen. Als ich an der Rezeption darum bat, auch den zweiten Teil meines Doppelbettes zu beziehen, fragte die Rezeptionistin: „Wie heißt er?“
„Irene.“

Ich habe Irene selbstverständlich dazu genötigt meine Kurkolumne zu lesen. Sie hat beim Stoffwechsel laut gelacht, bei Birne Helene Fischer geschmunzelt und mit Heike gelitten.
„Ich versteh nicht, warum du nicht längst Erfolg hast“, sagt sie, und da ich weiß, wie kritisch sie ist, strahle ich über ihr Lob wie der hellste Stern am Firmament. „Du schreibst mindestens so gut wie diese... wie heißt die Schriftstellerin mit den vielen Kindern?“
„Bettina von Arnim? Die Brieffreundin von Goethe und Clemens Brentano?“ Ihrer Ehe mit Achim entsprangen sieben Kinder. Wann bitte ist die Frau zum Schreiben gekommen?
„Nein, wart mal, ich habs gleich... Hera Lind.“
Der Stern stürzt in das Kaltwasserbecker im Saunabereich und erlischt zischend.
„Ich hab ja Erfolg“, versuche ich mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, „ich hab auf Facebook 23 regelmäßige Leser und Leserinnen und es macht mir wahnsinnig Spaß. Ist das kein Erfolg?“

*

Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass ich nicht nur Expertin für Trost und Rat, sondern auch eine große Kurphilosophin bin. Das liegt möglicherweise daran, dass ich ständig mein kleines schwarzes Buch mit mir herumführe und – während die anderen am Pool liegen und 50 Shades of Grey lesen – darin schreibe.

„Was schreibst du da immer?“, werde ich gelegentlich gefragt.
Ich könnte sagen: Ich beobachte die Leute, vor allem die skurrilsten unter ihnen und schreibe eine Kurkolume, über die meine Leser und Leserinnen dann herzhaft lachen. Über mich auch?, würden sie fragen und ich würde antworten: Ja, hauptsächlich über dich, aber lass dich nicht stören. Sei einfach so, wie du bist. Authentisch.
(Was immer dieses Wort authentisch auch bedeuten mag. Wann bin ich authentisch? Wenn ich auf der Bühne stehe und eine Rolle spiele? Wenn ich im Bett liege? Mit der Kollegin streite? Das alles sind Facetten von mir, und sie sind alle echt.)
Weil die Wahrheit natürlich mein Konzept, nämlich Leute, die sich unbeobachtet glauben, zu beobachten, völlig über den Haufen werfen würde, sage ich nur: „Ach, dies und das. Lebensweisheiten, die mir so in den Sinn kommen.“

Seitdem stellen sie sich bei mir an und bitten Meisterin Barbara um eine Audienz. Sie haben keine Ahnung, dass ich vom Leben nicht mehr verstehe als sie. Aber das lasse ich mir nicht anmerken.
„Du wirkst so entspannt und zufrieden“, sagt Brigitte, als sie an der Reihe ist „was tust du, um glücklich zu sein?“
Nichts, denke ich, ich bin es halt. Viel Glück gehabt im Leben. Ich hab einen Mann, dem ich nicht drei Wochen vorkochen musste, sondern der kochen und einen Klobesen verwenden kann, einen Sohn, der die Wäsche wäscht und eine Tochter, die den Staubsauger einschalten kann. Aber diese Erklärung klingt natürlich viel zu simpel.

„Wenn ich im Jahrtausende alten Moor liege, dann liege ich im Moor, wenn ich auf die Alm gehe, dann gehe ich auf die Alm, wenn ich Gymnastik mache, dann turne ich, wenn ich Kabeljau ohne Fett im Ofen gegart, (423 Kalorien) esse, dann esse ich Kabeljau ohne Fett im Ofen gegart.“
„Verarsch mich nicht“, sagt Brigitte, „das tu ich doch auch. Was tust du wirklich?“
Ich gebe ihr die gleiche Antwort noch einmal. Und füge hinzu: „Wenn du im Jahrtausende alten Moor liegst, denkst du daran, dass du auf den Friedhof gehen willst. Wenn du auf den Friedhof gehst, denkst du daran, dass du eine Kerze anzünden wirst. Wenn du die Kerze anzündest, denkst du, dass du noch die Zeitung lesen musst. Wenn du die Zeitung liest, denkst du an den Kneippguss und beim Kneippguss ans Essen.“
Leider fällt mir die Pointe der Parabel nicht ein, weil beim Stichwort Essen mein Magen knurrt. Vielleicht hat die Geschichte auch gar keine Pointe, sondern genau das ist das Geheimnis. Das zu tun, was man tut, und zwar ganz. Was ich Brigitte natürlich nicht sage, ist, dass ich – während ich ihr die Welt erkläre – studiere, in welche Worte ich unser Gespräch für die Kurkolumne fasse.

„Wie viel kriegst du dafür?“, fragen meine Schüler nach der Audienz und zücken die Geldbörse.
„Was du geben willst.“ Diese Antwort wirft sie völlig aus der Bahn, denn sie sind gewohnt, das alles seinen Preis hat.

*

Ionthophorese bei Meister Toni. Er geht vor mir in die Knie.
„Nein“, sage ich schnell, bevor er mich fragen kann, ob ich ihn heiraten will. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen Heiratsantrag bekommen und könnte damit nicht umgehen. Damals, vor 25 Jahren, hab ich unter Alkoholeinfluss herumerzählt, dass ich heirate. Als ich wieder nüchtern war, war mir das peinlich. „Heiraten wir halt“, hat mein jetziger Mann, Romantiker vor dem Herrn, gesagt.
Als ich sieben Monate vor der geplanten Hochzeit zur Testsiegerin wurde, indem der Schwangerschaftstest einen deutlichen blauen Streifen angezeigt hat, war ich zunächst verzweifelt. „Was machen wir denn jetzt?“, schluchzte ich und mein Mann sagte: „Jetzt kriegen wir halt ein Kind.“
Das Leben kann manchmal so einfach sein, wenn wir es nicht kompliziert machen.

Meister Toni wickelt Klarsichtfolie um mein Knie.

*

„Iontophorese? Was ist das denn?“, fragt meine Tochter am Telefon.
„Ich sitze auf einem Sessel, bekomme ein Schmerzmittel und werde dann elektrisch aufgeladen.“
„Und wozu das Schmerzmittel?
„Wegen der Schmerzen, Kind.“
„Tut das Aufgeladenwerden so weh? Ist das so etwas wie ein elektrischer Stuhl?“
„So ähnlich. Ich bekomme die schmerzstillende Salbe aufs Knie und werde dann an Elektroden gehängt. Und morgen bekomm ich wieder Ultraschall im Knie.“
„Bist knieschwanger? In deinem Alter?“

Nein, meine Tochter ist nicht dumm, nur witzig. Wie ich.

Montag, 1. Juni 2015

Kurkolumne, die Achte

Heute habe ich von Heike geträumt.
Sie marschiert in hohen Lederstiefeln und mit Peitsche am Beckenrand auf und ab und gibt Kommandos. Ihre Kollegin Kathrin ist auch im Wasser und will immer in die Hocke gehen, obwohl sie kleiner ist als ich.
„Linkes Knie zum rechten Ellbogen“ schreit Heike im Tonfall von Seargant Gunnery Emil Foley aus dem Film Ein Offizier und Gentleman.
„Yes!“ antworten wir.
„Wie bitte?“
„Yes, Ma’am!“, tönt es unisono aus dem Wasser.
„Lauter!“
„YES, MA’AM!“
„Mehr Tempo!“, „Der Herr mit dem einen Bein läuft im Kreis, aber Dalli!“. Und dann sagt sie: „Beine grätschen. Arme zur Seite. Wir machen einen Hampelmann!“
„YES MA’AM!“
Als alle Kurgäste hampeln, ordnet Ma’am Heike an: „Und jetzt brüllen wir alle ganz laut: „Ich bin depressiv!“
„Ich bin depressiv!“
„Ich bin depressiv!“
„Ich bin depressiv!“
„Ich auch!“ Dabei ist es in Wahrheit total schwer, depressiv zu sein, wenn man dabei lachen muss.
Kathrin verschluckt sich am Schwefelwasser und erstickt daran. „Liebe Katrhin, dir fehlt es an der Attitude“, lächelt Heike, „ich habe heute leider kein Foto für dich.“

*

In Ermangelung eigener amourösen Kurerfahrungen nehmen wir großen Anteil an den Erlebnissen von Kurküken Laura, 30 (metabolische 40). Die Frau, die das Haus mehr liebt als ihren Freund. Vor ein paar Tagen wollte sie auf der Stelle nach Hause fahren. Nicht, weil das Verlangen nach ihrem Freund sie in die Heimat trieb, sondern weil die neuen Fenster eingebaut worden sind. „Ich hab so Sehnsucht nach der Baustelle“, hat sie uns bei einem Glas geschwefelten Rotwein anvertraut.

Laura ist ja in die türkisblauen Augen von Kurgast Wolfgang gefallen, dessen Kur aber schon vorbei ist und der wieder mit seiner Frau am Frühstückstisch sitzt, über das weiche Ei, das nicht weich genug ist, meckert und ihr aus der Zeitung vorliest. Weil seine Frau heute Dienst hat, besucht er Laura am Vormittag in der Kuranstalt. Durch den Hintereingang, damit man ihn an der Rezeption nicht sieht und fragt, ob er vorige Woche etwas vergessen hat. So lange Wolfgang gekurt hat, blieb es zwischen den Beiden beim Reden und Kuscheln, weil Laura das alles viel zu schnell ging. Weil sie sich nach Romantik gesehnt hat, die sie von ihrem biertrinkenden Freund nicht kriegt, und nicht nach Sex. Nach Zärtlichkeit, einfühlsamen Gesäusel und leuchtendverliebten Augen.

Gespannt warten Susanne und ich, bis Laura endlich auftaucht.
„Und, wie war’s?“, fragen wir wie aus einem Mund.
„Geht so. Schinkenfleckerl. Wie Schinkenfleckerl halt so schmecken“, sagt Laura.
„Boahh... Nicht das Essen! Du weißt schon!“
„Ach so. Erzähl ich euch am Abend.“
Ich erwisch sie grade noch am Zipfel ihres Shirts. Wir wollen nicht länger warten. „So sag doch wenigstens "ja" oder "nein"."
„Ja“, sagt sie und grinst. Weg ist sie und lässt uns mit unseren Fragen und Fantasien alleine.

*

Gestern wollte ich mir eine Nagelschere kaufen. Ich war in der Drogerie, in der Apotheke und in der Billigparfümerie... nichts. Alle ausverkauft.
Später, beim Norditschwalking ist mir klargeworden, warum das so ist. Die Leute im Tal brauchen sie zum Rasenschneiden. Hier wächst nichts in den Himmel, keine Sehnsüchte und schon gar kein Unkraut. In der linken Hand haben sie das Lineal, in der rechten die Nagelschere.
„Du Hermann?“, fragt Adolf, der auf seinem gepflegten Rasen auf dem Bauch liegt und Grashalme abschneidet. „Wia fül sein sie denn bei dir?“
„Lei 4 Millimeter“, antwortet Hermann, „und bei dir, Dolfi?“
„I hon 3,5. Oba da Heini drübn hot lei 3,3! Do miass ma uns onstrengan!“

Dort, wo kein Gras mehr wächst, sind Kieselsteine geometrisch angeordnet und gefärbter Rindenmulch verteilt. Das Auge isst schließlich mit. Hier hat alles seine Ordnung. Ordnung und Disziplin sind hohe Werte im Tal.
Die Gärten sind allesamt aus der Zeitschrift "Mein schöner Garten" abgepaust. Keine Nistplätze für Igel, keine Wildkräuter, keine Unregelmäßigkeiten. Vor allem aber keine Faulheit und Schlamperei.
Die Kärntner sind ein fleißiges Volk und ein bisschen anders. Sogar die Nudeln hier sind keine langen, dünnen Teigfäden, wie wir sie aus Italien und China kennen, sondern mit Topfen und Minze gefüllte ovale Taschen mit gekrendeltem Rand. (Als Krendeln wird das Abdichten durch zackenartiges Zusammendrücken der gegeneinander liegenden Teigränder beschrieben.) Hier gilt immer noch: „A Dirndl, dås nit krendeln kån, kriegt kan Månn“.

*

Sehnsüchtig erwarten wir Laura, wollen mitnaschen an ihrer Aufregung und ihrem Glück.
„Keine Details, welches Stück?“, fragt Susanne, dabei hätte ich durchaus Interesse an Details.
„Ja, wir haben es getan“, sagt Laura. „Zuerst waren wir eine Stunde im Kaffeehaus quatschen, um uns wieder anzunähern, und dann sind wir in mein Zimmer.“
So lass uns doch nicht so zappeln, Mädel!
„Auf einer Skala von 1 bis 10, wie war er?“
Laura muss nicht lange nachdenken. „Minus 1“, sagt sie. Die türkisblauen Augen haben sich als schlammtrüb entpuppt. „Rein, hin und her, er ist gekommen, dann hatte er plötzlich keine Zeit mehr und ist unter die Dusche. Grad als ich endlich ein bisschen geil geworden bin. Als er weg war, musste ich aufpassen, nicht den nächstbesten Kerl in mein Bett zu zerren.“
„Arschloch!“, sage ich, „das geht ja gar nicht. Er hätte auch dafür sorgen können, dass du kommst und dann keine Zeit mehr haben.“

Ich umarme Laura mitfühlend und tröstend. Ich weiß nicht was ich sagen soll. Als mein Blick auf den wöchentlichen Kurnewsletter fällt, lese ich einfach das Zitat ab: „Erfahrung ist nicht das, was mit einem Menschen geschieht, sondern das, was er daraus macht... Aldous Huxley“, füge ich noch hinzu.
„Boahh, bist du klug", bewundert Heike meine Fülle an Weisheit. Das ist das Gute an solchen Zitaten, man kann sie für jede Lebenslage anwenden. Laura aber braucht keinen Trost. „Wisst ihr, was das Schöne daran ist?“
Zwei geschüttelte Köpfe.
„Das Schönste daran ist, dass ich überhaupt kein schlechtes Gewissen hab.“
„Und wenn es nicht minus eins, sondern ein Sechser oder gar ein Zehner gewesen wäre?“
„Da ginge es mir jetzt total schlecht, ich hätte Schuldgefühle und würde alles in Frage stellen, mein Leben und meine Beziehung und ich würde mir überlegen, es meinem Freund zu beichten. Aber diese Lächerlichkeit von Sex ist nicht beichtenswert.“

Darüber muss ich noch sinnieren.

Sonntag, 31. Mai 2015

Kurkolumne, die Siebente

Unterwassertherapie u.E. mit Physiotherapeutin Kathrin.
„Quäle mich“, denke ich, „ich will mit einem fettreduzierten und muskelbepackten Körper in meinen Berufsalltag zurückkehren.“ Leider taugt Kathrin nicht einmal ansatzweise zur Domina, sondern ist einfach ein liebes Mädchen. Ein einfaches, liebes Mädchen. Von Unterwassertherapie versteht sie so viel wie ich von elektrischen Fernthermometern und Askese. „Planschen für Anfänger“ nennen wir ihren Kurs.

In der Früh öffnet sie den Schrank mit den Requisiten für die Unterwassergymnastik und greift nach Zufallsprinzip eine Kiste heraus. Heute sind es die Froschhandschuhe, die haben Schwimmhäute zwischen den Fingern. Quaaak. Für maximalen Wasserwiderstand. Quaaak. Es ist aber völlig egal, was sie herausnimmt, ob die Hanteln, die Scheiben, die Bälle oder die Fußfesseln, Kathrin spult dasselbe Programm herunter wie im Gymnastikraum. Kurz überlege ich, wozu Froschände für die unteren Extremitäten wichtig sind, aber im nächsten Augenblick hüpfen wir auch schon in die Höhe (was den Froschhänden ziemlich egal ist), oder wir strecken die Froschhände in die Luft, setzen einen Ausfallschritt nach hinten und machen Kniebeugen. Die Kleinen von uns ertrinken dabei. Kathrin macht weiter, als wäre nichts geschehen. Ich bin gespannt, wann ich mich im Wasser auf den Rücken legen und mit den Froschhandschuhen gerade Crunches für die Bauchmuskeln machen muss.

Nach dieser anstrengenden Einheit schwimmen Susanne und ich, und zwar 123 Längen. Wobei ich zugeben muss, dass es sich bei den Längen eher um Kürzen als um Längen handelt. Jedes Mal, wenn wir uns entgegenkommen, wechseln wir ein paar Worte miteinander.

„Die Frisur hält“, sagt sie bei einer Länge.
„Wessen Frisur?“, frage ich bei der nächsten.
„Deine nicht“, sagt sie bei der übernächsten.
„Sondern?“ Ich bei der überübernächsten.
„Rat mal.“ Sie bei der überüberübernächsten.
„Ah, von der Fönwelle da drüben.“
„Yepp.“
So geht das 123 Längen lang.

Die tätowierte Fönwelle da drüben hat gestern auch zu Andrea Berg getanzt und mitgesungen. Im Camp David Hemd und mit schwerer Goldkette. Das Camp David Hemd hat er beim Schwimmen nicht an.

*

Wenn Meister Toni mich zärtlich „Madalan“ nennt, verzeih ich ihm das. Weil er meine Rücken- und Gesäßmuskeln so schön durchknetet. Diesem Mann würde ich alles verzeihen. Dem Gustl verzeih ich es nicht, wenn er die Terrasse betritt und „Wos is mit eich, Girls!“, sagt. Er reagiert nicht auf höfliche Ablehnung in Form von Augenrollen und Schweigen, nur auf ein deftiges „Schleich di!“
Gustl ist ein tollkühner Typ und stellt sich auf die metabolische Waage, meinen Angstgegner. Viszeraler Fettanteil, Muskelmasse, Wasseranteil, BMI, Kaloriengrundumsatz, das Stoffwechselalter... diese Wunderwuzziwaage kann alles ausrechnen (Aber ich muss nicht alles wissen. Mir ist wichtig, dass ich mich in meinem Körper wohl fühle, aber manche Menschen vertrauen einer Waage mehr als ihrem Körpergefühl).
Gustl, zur Untergruppe der Blitzgneißer gehörig, starrt verwundert auf das Blatt Papier, das die Waage ausspuckt. Dann holt er sich einen Stift, addiert manche und multipliziert andere Zahlen auf dem Zettel und dividiert dann das Produkt durch sein Lebensalter. Vielleicht will er uns beweisen, dass er rechnen kann.
„Was soll denn der Scheiß?“, beschwert er sich bei der Diätologin, „ich bin 127?“

*

Von Karin hab ich noch nicht erzählt. Karin ist Mitte Vierzig, wunderschön, ihr Haar so schwarz wie Ebenholz und die Lippen rot wie Blut. Sie ist immer hinreißend gekleidet mit dazu passenden High Heels, in denen sie sogar gehen kann. Ich würde sie gern dafür verachten, dass die Natur ihr alles gegeben hat und manchen nichts, aber das geht nicht, denn Karin hat für jeden ein freundliches Lächeln und ein aufmunterndes Wort auf den Lippen. Alle Kurmänner lieben Karin, also natürlich außer die, die mit ihren Frauen da sind, die dürfen Karin nicht lieben, sondern lieben nur die „Meinige“, die sie, wenn sie in der Sauna unter sich sind, abfällig als „mei Oide“ bezeichnen.
Beim Kurkonzert ist Karin ständig auf der Tanzfläche, jedes Mal mit einem anderen Mann, nicht nur mit Pedro, diesem schleimigen Italo-Generikum, der fast alle Frauen zum Tanzen auffordert. Wenn Pedro nicht tanzt, spaziert er mit einem kurzen Hoserl und Tank Top herum, lässt seine Muskeln spielen und sich bewundern. Ich finde solche Männer abstoßend.
Die Tanzkarte von Karin ist vorne und hinten restlos ausgefüllt. Meine ist leer.
Auch alle Frauen mögen Karin, nie lästert sie über andere, nie hört man ein böses Wort von ihr, immer lächelt sie.

Wie schaffen manche Menschen das, frage ich mich, die ich das nie hingekriegt habe, obwohl ich mich so angestrengt habe. Mich haben sie in der Schule, während des Studiums, im Gefängnis, in der Arbeit immer entweder gemocht oder gehasst. Ich hab immer polarisiert, weil ich zu laut, zu frech, zu undiplomatisch und zu schroff war. Mein ganzes Leben lang hab ich die Mädels beneidet, die jeder gern gehabt hat. Mit denen jeder tanzen und danach ins Bett wollte.

Karin beneide ich nicht. Karin hatte Krebs. „Ich wollte immer von allen geliebt werden“, erzählt sie, „schon als Kind. Ich war immer die hübsche, brave, liebe Karin. Als mein Mann eine andere geliebt und sich scheiden lassen hat, bin ich krank geworden. Selbst da war ich zu allen lieb, habe sie trösten müssen, weil es ihnen so schlecht ging, weil ich krank war.“
Vielleicht ist es doch nicht so erstrebenswert, von allen geliebt zu werden.

*

Ich muss euch ein Geständnis machen. Nein, kein Kurschatten. Wo keine Sonne, kein Schatten, wie Brigittes Kusine und nun auch wir wissen. „Das Leben verfolgt uns wie unser eigener Schatten. Nur wenn alles Schatten ist, ist kein Schatten. Das Leben verfolgt uns nur dann nicht, wenn wir uns ihm ausliefern.“ Aus Ferdinand Pessoa, Das Buch der Unruhe. Bildungsauftrag Ende.
Ich hab es getan. Ich habe mich dem Leben und der Waage ausgeliefert. Ich war ein schwaches Weib und habe dem Gruppendruck der Menschen am Frühstückstisch und in der Bar, die ihre metabolischen Ausdrucke vergleichen und über Impedanz und viszerales Bauchfett reden, nicht standgehalten. Ja, ich habe mich – nach einigen Hindernissen – auf die Wunderwuzziwaage gestellt. In der Früh und mit entleerter Blase, wie die Diätologin es uns gezeigt hat.
Es war ein Fehler. Ich schäme mich zutiefst wegen meiner Disziplinlosigkeit, meinem Vorsatz, dieses Unding nicht zu betreten, untreu geworden zu sein.
Zunächst muss ich das geschätzte Gewicht meiner Bekleidung eingeben. So ein Bademantel wiegt ganz schön, sag ich euch. 4 Kilo, tippe ich ein, gehe auf die Clearingtaste und ändere auf 5. Wegen des Gürtels. Und nach den Dehnungsübungen bin ich immer zirka 1,65.
Vielleicht ist in der Waage ein Lügendetektor eingebaut, denn plötzlich beginnt sie zu piepsen. Zum Glück kommt grad jemand vorbei. Zum Pech ist es Pedro, der Casanova für Arme.
„Kennst du dich da aus?“, frage ich.
„Ja.“
„Kannst du mir bitte helfen?“
„Nein.“ Sprichts und geht weiter. Er hat anscheinend nicht nur seine 225 Gramm Gehirn bei der Rezeption abgegeben, sondern auch seine guten Manieren.
Ich bin so verblüfft, dass ich ihm nicht einmal ein gepflegtes „Arschloch“ mit auf den Weg geben kann.

Wie ich später beim vormittäglichen Ablästern erfahre, ist Pedro Taxitänzer. Nein, er tanzt nicht in Taxis. Er wird von Hotels gebucht, um das Eis zu brechen und ist deshalb immer als erster auf der Tanzfläche. Während Gustl, der halt gern tanzt und sich für unwiderstehlich hält und das umsonst macht, ist Pedro so eine Art männliche Nutte für Cha cha cha.
„Unser Kodex erlaubt keine Zutraulichkeiten“, steht auf der Homepage der Taxitänzer. Papier und Computerbildschirme sind geduldig. Wie er die Wasserstoffblonde zwischen den Tänzen angesehen und angegriffen hat, ich schwöre, das hatte nichts mit professioneller Distanz zu tun.
Ich hab ja nix gegen Wasserstoffblondinen, aber...

Wahrscheinlich hätte ich ihm Geld bieten müssen, damit er mir diese Waage erklärt.

Ich hab’s dann doch noch geschafft. Wäre aber besser gewesen, wenn nicht. Gestern hab ich euch ja noch großspurig erzählt, dass ich auf meinen Körper und nicht auf eine hirnlose Waage höre und mich in meinem Körper wohl fühle, so wie er ist. Sogar das Norditsch Walken für Fortgeschrittene hab ich mit Auszeichnung bestanden. Überheblich hab ich am Frühstückstisch getönt, dass man dem Gewicht nicht zu viel Gewicht beimessen sollte, weil Zahlen nichts über Menschen und ihre inneren Werte aussagen.
Heut sitz ich da mit dem Ausdruck und heule. Es fällt mir ganz schön schwer, meinen Fokus auf das Positive im Leben und an meinem Körper zu lenken. Mein Auto fährt, meiner Familie geht’s gut, mein Herz schlägt, der Muskelanteil ist in Ordnung, immerhin. Blutzucker und Blutdruck auch, das hab ich gleich gemessen, wo ich schon mal an der Messstation bin.
Aber wozu bitte lasse ich diverse Eier dreimal den Donauturm hinauf- und hinunterzischen, wenn meine gestählte Beckenbodenmuskulatur dann den Rest meines Körpers doch nicht zur Fettverbrennung einlädt?
Wenn ich 20 Kilo abnehme, bin ich ideal, sagt die Arschlochwaage. Es ist der Sinn der Ideale, dass sie nicht verwirklicht werden können, sagt Fontane. Wenn ich zwanzig Kilo abnehme bin ich frustriert, abgemagert, todtraurig und lustlos, sage ich. Ich finde, ich bin eine großartige Philosophin.

Ich hab eine Idee. Ich mach es wie die ÖVP im Untersuchungsausschuss. Ich werde den Fettanteil einfach schwärzen. Was man nicht sieht, ist nicht da. Oder ich mach es wie Gustl und addiere und subtrahiere und multipliziere und dividiere, bis irgendeine unmögliche Zahl herauskommt. Und dann beschwere ich mich bei der Diätologin.
Oder ich verbringe eine Nacht in der Kältekammer. Ich freue mich, dass ich so viele Wahlmöglichkeiten habe.

Heut hab ich meine Tochter gefragt, ob mein Mann mich schon sehr vermisst. Er ist ja eine coole Sau und kann es nicht zugeben am Telefon. Da sagt er auf diese Frage nur: „Na und wie“ und lacht und irgendwie klingt das nicht ganz ehrlich. Also hab ich mein Kind gefragt, wie sie seine seelische Verfassung während meiner Abwesenheit einschätzt.
„Er weint viel“, sagt sie, „aber mach dir keine Sorgen, er schafft das!“

Freitag, 29. Mai 2015

Kurkolumne, die Sechste

Ich hab dem Kurkonzert eine zweite und dem Kurorchester namens Black & White eine erste Chance gegeben, denn ich halte nichts von Sippenhaftung. Die erste Enttäuschung: Black & White sind keine internationale Bluesband, sondern ein Duo und beide weiß. Vielleicht hat einer von ihnen bei der letzten Wahl schwarz gewählt oder der Pianist und Sänger pfuscht in seiner Freizeit als Friseur.
Den Blues hatten auf jeden Fall nicht sie, sondern ich.
Die zweite Enttäuschung: Es handelte sich um eine ähnliche Kurschattenanbahnungszeremonie wie die erste Veranstaltung dieser Art.

Ich will es kurz machen. Same procedure as last week. Same procedure as every week. Gleiches Repertoire wie Gerry. Ich kann für nichts garantieren, werde dich heut verführen...
Der männliche Teil von Black & White war multitaskingfähig, denn er schaffte es, gleichzeitig am Keyboard zu spielen und mit seiner Partnerin zu quatschen. Die saß die ganze Zeit auf einem Hocker, hatte eine von ihrer Oma gestrickte Weste an, in die sie sich kuschelte und sagte mit der Begeisterung eines Feldwegs die nächste Nummer an. "Und weiter geht’s mit einer schönen Insel – La Isla Bonita.“ Wenigstens erzählten Black & White keine Witze.

Und während die junge Laura – der die Musik wieder voll gut gefiel und die Sängerin für eine neue Madonna hielt – und die ältere Susanne rauchen waren, saß ich da allein in einer Ecke, in meinem schönsten Rock und mit der Schmetterlingsstrumpfhose. Ich litt. Und da war es wieder, mein Balltrauma.

Bei meinem ersten Ball saß ich nämlich in meinem schönsten Kleid an einem Tisch. Ich wollte so gerne anders sein, anders als die andern; und anders als ich war, wollte ich auch sein. Wenn ich auch damals noch nicht wusste, wie. Anders halt. Und gleichzeitig war da diese Sehnsucht, dazuzugehören, angenommen zu werden im Anderssein.
Ich nippte an meiner Cola-Rot – bei meinem ersten Ball – und wartete darauf, endlich zum Tanzen aufgefordert zu werden (Damals wusste man noch nichts von Helene Fischer, sondern tanzte zu „You are the one that I want“ oder „Rivers of Babylon“ und „Ein Bett im Kornfeld“) Links - rechts - Wechselschritt.
Wenn dann endlich ein junger Mann auf mich zukam, betete ich zu Gott, an den ich damals noch glaubte, dass dieser Kelch an mir vorübergehen möge. Er ging an mir vorüber, obwohl ich so schön und so abweisend und so anders war und forderte die unscheinbare Gerti aus der 6 B auf. Warum gerade die? Warum nicht mich?

Dieses Trauma, das ich längst hinter mir glaubte, brach gestern Abend mit voller Wucht auf. Da saß ich, nippte an meinem Aperol Spritz (280 Kalorien, alkohollastig, aber nicht genug für R,A,U,S,C,H), schaute den Leuten beim Links - Rechts - Wechselschritt zu und fühlte mich unendlich einsam. Dass die jungen Männer mich mittlerweile höchstens um Feuer fragen, damit kann ich leben.
Als als aber ein anderer, älterer Einsamer (nein, das platte Wortspiel erspar ich euch) auf mich zukam, hielt ich mir schnell die Hand aufs – wie ich später bemerkte – falsche Knie und sagte von weitem: „Tut mir leid. Arthrose. Stufe 3. Deshalb bin ich ja hier.“ Dabei wollte der Kerl nur die Frau vom Nebentisch, die der unscheinbaren Gerti von damals zum Verwechseln ähnlich sah, auffordern.
Und dann war da noch Gustl, der an einen ältlichen Animateur eines Kreuzfahrtschiffs nammens Giovanni erinnert, der dafür bezahlt wird, die Witwen und alleinreisenden Damen jeder Altersstufe zum Tanz aufzufordern.
So tief bin ich wirklich noch nicht gesunken.
„Tut mir leid. Arthrose. Stufe 5 von 4 möglichen“, sage ich.

So groß war die Wucht, mit dem mein Trauma gestern auf mich prallte, dass ich eine rauchen gegangen bin, obwohl ich Nichtraucherin bin.
Vielleicht besprech ich das mit der Kurpsychologin.

*

Die Kurpsychologin hat seit gestern nämlich auch ein Trauma. Sie hält für jeden Durchgang einen Vortrag über den Zusammenhang von seelischer und körperlicher Gesundheit und der Entstehung von und dem Umgang mit Stress. Das will die Krankenkasse so. Manche Kurgäste fühlen sich dadurch in ihre Schulzeit, die einerseits lange her, andererseits offensichtlich sehr kurz war, zurückversetzt. Weil man auf so einer Kur ziemlich regrediert, benehmen sie sich wie in der Schule, stören den Unterricht und finden das total lustig. Der kleine Hubert (49) schläft ein und schnarcht, die lustige Gaby (61) stellt saublöde Fragen und widerlegt damit die Aussage der Psychologin, dass es keine dummen Fragen, sondern nur dumme Antworten gibt. Herta, alterslos, wahrscheinlich Gewerkschafterin, startet eine Petition, dass die Vorträge der Psychologin nicht verpflichtend, sondern auf freiwilliger Basis erfolgen.
„Ich behandle Sie mit Respekt“, sagt die Pschologin, „und Sie mich bitte auch.“
Aber mit so komplizierten Fremdwörtern kennen Hubert, Gaby und Herta sich nicht aus.

*

Brigitte stürzt während des Frühstücks auf mich zu: „Ich hab Stoff für dich!“, flüstert sie mir ins Ohr. Ich schaue nach Osten und Westen, ob uns wohl niemand hört.
„Stoff?“, frage ich, „seh ich aus, als ob ich nähen könnte?“. Dann beginnt mein unterbeschäftigtes Hirn zu rattern. Drogen? Brigitte hält mich für einen Junkie auf Entzug, denke ich. Vielleicht meint sie aber auch den Kärntner Reindling, der vor mir steht und den mir jemand spendiert hat, wahrscheinlich, weil ich mittlerweile mindestens 2,20 kg abgenommen habe und dieser jemand sich Sorgen um mich macht. Zur Erklärung für die Ausheimischen: Ein Kärntner Reindling ist ein Hefekuchen mit Zimt, in Rum getränkten Rosinen und Zucker. In Kärnten isst man den zu Schinken, Käse und Kren.

Gut, die Kärntner haben auch Jörg Haider zum Landeshauptmann gewählt und den Villacher Fasching erfunden, im Gegensatz dazu ist der Reindling ein Segen.
„Stoff?“, frage ich noch einmal, weil mein Gehirn das Denken nicht mehr gewöhnt ist. Ich frage mich, was wohl mit ihm passiert, in der Lade mit den anderen Gehirnen in der Rezeption. Hoffentlich wird es nicht irrtümlich verwechselt und bekomme am Ende das von Gustl.
„Ja, Stoff! Für deine Kurgeschichten!“
„Oh ja!“ Ich strecke ihr meinen ausgestreckten Arm hin und binde mir den Oberarm mit der Stoffserviette ab. „Ich hab nämlich heute mit meiner Kusine telefoniert, die ist auch grad auf Kur. Und als ich sie nach dem Kurschatten gefragt habe, hat sie gemeint: Das Wetter ist zu schlecht für einen Kurschatten. Wo keine Sonne, da kein Schatten. Ist das nicht großartig?“
Ich werde sehen, wo ich das einbauen kann.

Donnerstag, 28. Mai 2015

Kurkolumne, die Fünfte

„Ich bin seit 10 Jahren geschieden“, erzählt die Frau auf der Liege neben mir.
„Aha.“
„Ja, er hat sich eine andere gefunden.“
„Oh je.“
„Er hat gesagt, wenn sich heut nix abspielt im Bett, sucht er sich eine andere. Und es hat sich nichts abgespielt.“
„Arschloch.“

Hab ich grad ein Deja-vu? Diesen Dialog haben wir doch vor zehn Tagen genauso geführt. Ihr neuer Freund, wesentlich älter als sie, ist mit seiner Ex auf Urlaub. Jetzt überlegt sie, ob sie dafür mit dem Kollegen... Und so weiter. Ich weiß sogar noch, wie er ausgeht, unser Dialog. Die Frau auf der Liege neben mir erzählt offenbar jedem die gleiche Geschichte und fragt jeden um Rat. Wahrscheinlich gibt ihr jeder einen anderen. Rat kommt ja von Raten.
Ich sag ihr nicht, dass ich die Geschichte schon kenne, sondern höre wieder zu. Berufskrankheit. Zeit hab ich ja genug, und ein bisschen neugierig bin ich auch, ob sich in den letzten zwei Wochen bei ihr etwas getan hat. „Ich bin so gekränkt“, sagt sie. Das war sie vor zehn Tagen auch schon.
„Was würdest du an meiner Stelle tun?“, fragt sie.
Nicht mehr drüber reden, denke ich, sondern etwas an meinem Leben ändern.
„Keine Beziehungen führen, die mich mehr unglücklich als glücklich machen. Auf mich schauen, die Kur genießen und meine Zufriedenheit nicht von Männern abhängig machen.“
„Aber ich liebe ihn doch“, sagt sie. Hopfen und Malz, denke ich.
„Hast du schon mit der Kurpsychologin darüber gesprochen?“, frage ich.
„Ja, die hat mir aber keinen Rat gegeben, sondern nur gefragt. Was ich will. Und was mein Herz sagt.“
„Und? Was sagt es?“
„Wenn ich das wüsste...“

Da könnte man einen Liedtext drüber schreiben. Also ich nicht, aber Birne Helene Fischer. Über Herzen, die schweigen.

"Wenn die Birken sich im Winde neigen
Und die Herzen pochend schweigen
Wenn nie geweinte Tränen rollen
Weil sie nicht wissen, was sie wollen

Wenn du mir die Flügel brichst
Mit Worten scharf ins Herz mir stichst
Wenn die Sonne nicht mehr scheint
Weil sie’s nicht gut mehr mit uns meint

Refrain:
Wenn das Herz schweigt im Aufruhr
Dann spazier durch die Natur
dreh zurück die alte Uhr.
Sei nicht stur, fahr auf Kur!"


O.k., ich muss noch ein bisschen üben, aber das krieg ich hin.

(Ihr müsst euch die Bridge und den Refrain selbstverständlich gesungen vorstellen)

*

Heute bei der Druckkreiselmassage (man liegt auf einem Wasserbett, und im Wasserbett drinnen, also im Wasser, liegt der Masseur und massiert einem von unten den Rücken – sehr angenehm, also für den Massierten, für den Masseur wahrscheinlich nicht so), ich liege also so da und fühle mich privilegiert und bin sehr dankbar. Jetzt, wo ich Zeit habe, über mein Leben nachzudenken, mich auch mit Unangenehmem und meinen Schattenseiten und Verdrängtem zu konfrontieren, merke ich, dass da keine Schatten sind. Nicht mal Kurschatten. Ich spüre, dass ich mit mir im Reinen bin, und das liegt nicht an den Schwefel- und Rosmarinbädern und der Aquafitness und der Unterwassergymnastik o.E. Wenn das alles auch dazu beiträgt, dass ich mich von Tag zu Tag mehr entspanne und nicht mehr das Bedürfnis habe, meine Badeschlapfen an den Lautsprecher zu pfeffern, aus dem die chinesische Entspannungsmusik düdelt. Sicher auch so eine Idee von Direktor Schnösel, in dem ein kleiner Sadist steckt.
Ich möchte nach der Kur in meinem Leben nichts anders machen als vorher, außer vielleicht Nüsse statt Äpfel zwischen den Mahlzeiten zu essen. Und so einen Masseur von unten hätte ich auch gern.

Wenn ich meine Kurkolumne, die natürlich maßlos übertrieben und überspitzt ist, so lese, dann frag ich mich, ob ich ein arrogantes, zynisches Arschloch bin. Und dann antworte ich mir: Nein, bist du nicht. Ich fühl mich nicht als etwas Besseres. Oder nur ein bisschen. Was mich wirklich wütend macht, und was mir auch Angst macht, weil ich merke, wie verbreitet und akzeptiert sie ist, ist die Ausländerfeindlichkeit. Von der merke ich in meinem Alltag höchstens aus den Zeitungsforen, weil die Leute, mit denen ich mich umgebe, zum Glück ähnlich denken und empfinden wie ich.
Aber alle anderen menschlichen Schwächen und Skurrilitäten, über die ich hier schreibe und die ich belächle, die mag ich irgendwie. Weil sie das Leben bunt machen und mir auch den Spiegel vor Augen halten und ich mich in ihnen erkenne. So abhängig war ich vor ein paar Jahrzehnten, so noch vor ein paar Jahren. So bin ich vielleicht in ein paar Jahren. Oder: So möchte ich nie sein.

Ich mag die Menschen (natürlich nicht alle, aber so im Großen und Ganzen), und ich bin froh, einen Blick in völlig andere und spannende Lebensentwürfe werfen zu dürfen. Frauen jeden Alters, die ihren Männern vor der Kur für drei Wochen vorgekocht haben, damit diese nicht verhungern, und die das Gefühl haben, dass ihnen alles zu viel wird und nicht wissen, warum. Männer, die mit zwei T-Shirts in drei Wochen auskommen, dafür aber schlechte Witze schlecht erzählen können. Frauen, die mit 60 das erste Mal länger als drei Tage alleine von zu Hause weg sind. Männer, die die Gabel wie eine Mistschaufel halten und in zwei Wochen einen – zugegeben ziemlich verzichtbaren –Satz von sich geben. Frauen, die mit Mitte 50 noch an den Märchenprinz glauben und zahllose Frösche küssen, anstatt sie gegen die Wand zu schmeißen, wie im Original.

Menschen eben.
*

„Heute ist irgendwie ein trostloser Tag“, sagt Susanne, die mich an meine Freundin D. erinnert, weil sie auch immer so Sachen sagt wie „Scheiß di nix, vergönn dir was!“ und „in der Ruhe liegt die Kraft“.
„Oh je, woran liegt das?“
„Wahrscheinlich, weil ich heute nur Reis und Apfelkompott krieg“, sagt sie. Sie hat einen Entschlackungstag eingelegt, wie von der Kurleitung empfohlen.
Wie so oft habe ich einen guten Rat parat, der die trostlose Susanne aber nicht wirklich tröstet: „Iss was gscheit’s!“
Es gibt wenige Dinge, die ich in meinem Leben noch nicht ausprobiert hab. Entschlacken gehört definitiv dazu. Mein Darm ist schließlich nicht das Ofenrohr eines Stahlwerks, an dem sich die Gifte und Schlacken festgesetzt haben und das hin und wieder anständig mit dem Rohrreiniger (in diesem Fall Reis oder Erdäpfel) durchgeputzt werden muss. Ich vertrau meinem Körper, dass er das mit der inneren Reinigung ganz allein hinkriegt. Wäre ich ein schlichtes Gemüt, ich würde sagen: Scheiß drauf!
Ich glaub, die Entschlackungsempfehlung vom Kurhotel dient nur dazu, ein bisschen Geld für die Steaks einzusparen.

*

Mittwoch und Donnerstag sind Frische-Gäste-Tage.
Ich sitze in der Lobby und beobachte die Anreisenden. Sie sind irgendwie so wahnsinnig unentspannt, gehen nervös an der Rezeption auf und ab und warten darauf, dass ihr Zimmer bezugsfertig ist.
Sie überlegen, ob der Herd zu Hause abgedreht und der Ficus Benjamin gegossen ist und ob sie die Nagelschere, mit der sie die Rasenkanten geschnitten haben, wieder zurück in die Lade gelegt haben.
Sie studieren eifrig die Wanderkarte, die an der Rezeption aufliegt und überlegen, welche großen Berg- und Radtouren sie in ihrer Freizeit machen und wo sie abends hingehen zum Tanzen.
In spätestens einer Woche werden auch sie einfach da sitzen und zwischen Moorpackung und Kneippguss in die Luft schauen. Das Kreuzworträtsel aus der Kronenzeitung wird ihnen zu anstrengend sein. Sie werden ihre guten Vorsätze wie Seifenblasen an sich vorüber schweben sehen und ihnen beim Platzen zuschauen. Dabei werden sie entspannt lächeln. Aber so weit sind sie noch lange nicht. In den ersten Tagen werden sie mit der Leere nicht umgehen können und Langeweile für eine tödliche Krankheit halten, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. Irgendwann aber, vielleicht beim abendlichen Kurkonzert von Gerry aus Kärnten, vielleicht in der Badewanne beim Heublumenbad, werden sie draufkommen, dass die Pausen in der Musik genauso wichtig sind wie die Noten. Dass ein Lattenzaun ohne Zwischenraum kein Lattenzaun, sondern nur eine Bretterwand ist. Dass Langeweile etwas unglaublich Schönes und Kreatives ist.

In der nordnordöstlichen Ecke der Lobby sitzt eine frischangekommene Frau mit Buch und Stift in der Hand. Sie schaut und schreibt. Hey, möchte ich ihr das Buch aus der Hand reißen, es kann nur eine Kurkolumnistin hier geben. Und diese eine bin ich. Alles klar?
Ihr Schreiben irritiert mich, es ist, als würde ein Fotograf den Fotografen fotografieren, der ihn gerade fotografiert.
Was sie wohl über mich schreibt?
„Da drüben sitzt eine Frau mit roten Haaren und großen Ringen auf den Fingern. Sie wirkt konzentriert und legt die Stirn in Falten. Schöne Strumpfhose. Die sieht etwa so unauffällig aus wie...“ jetzt knabbert sie an ihrem Stift und sucht nach einer passenden Metapher. „So unauffällig wie ein Porsche Cabrio“, schreibt sie.
Oh je. Ganz falsch, Süße, schlechte Metapher. Meine Strumpfhose ist weder protzig noch geschmacklos und während ein Porsche irgendwie billig wirkt, obwohl er teuer ist, schaut meine Strumpfhose gut aus und war preiswert. Wahrscheinlich kennt die Autorin da drüben keine anderen Automarken, wie den Skoda Joyster oder einen Lancia Thesis.
„Sie schreibt und lächelt dabei“, schreibt sie über mich. „Dabei sieht man ihre Zahnlücke. Also mir wäre das peinlich.“
Mir nicht, du blöde Kuh.
„Sie wirkt ein wenig arrogant“, schreibt sie weiter. „So, als würde sie sich über die Leute hier lustig machen.“
Ich will aufspringen und ihr das bunte Buch aus der Hand reißen, als mir – gerade noch rechtzeitig – einfällt, dass ich ihr die Worte in den Stift gelegt habe. Wahrscheinlich schreibt sie die Einkaufsliste für ihren Mann. Oder den letzten Bericht für den Chef.

Die frischen Gäste an der Rezeption kommen miteinander ins Gespräch. „Ich hoffe, ich hab nichts vergessen“, sagen sie, und stellen die schlimmste Frage, die man auf einer Kur stellen kann: „Und warum sind Sie hier?“
„Stütz- und Bewegungsapparat. Ich hab mir beim...“ Zum Glück ruft die Rezeptionistin die Gefragte an die Theke, bittet um den Reisepass und tauscht Hirn gegen Schlüssel.
Ich finde, die Frage nach dem Grund der Kur sollte per Hausordnung strengstens verboten sein. Verbotener als der Bademantel bei Mittag- und Abendessen. Bis jetzt hat sich mir noch nicht erschlossen, warum mir der Anblick von Menschen in schlabbrigen Bademänteln zwar in der Früh auf nüchternen Magen zugemutet wird, nicht aber zu Gemüsesuppe, in der Folie gegarter Forelle (438 kcal, eiweißlastig, D, H) und Buttermilch mit Zimt. Dabei bin ich zu jeder Tageszeit belastbarer als am frühen Morgen, vor oder nach der Beckenbodengymnastik.

Die frischen Gäste rufen ihre Angehörigen an, teilen mit, dass sie gut angekommen sind und fragen nach, ob der Herd abgedreht und die Blumen gegossen sind. Gleich werden sie ihre Zimmer beziehen, sich am höhenverstellbaren Pflegebett erfreuen und über das einlagige Klopapier ärgern. Bei Frühstückseiern werden sie völlig unvoreingenommen an Frühstückseier denken und nicht, was man noch alles mit ihnen anstellen kann. Sie werden sich mit fremden Menschen an einen Tisch setzen, den sie die nächsten Wochen teilen werden, höflichen Smalltalk betreiben oder verlegen schweigen, während wir Kurroutinieres längst völlig abgeklärt schweigen. Sie werden sich über die Salatdressing mit der homöopathischen Kernöldosis D 12 wundern und darüber, dass man bei der Unterwassertherapie in die Hocke gehen soll.

Ein paar Tage wird es dauern, bis das alles nicht mehr wichtig ist, bis überhaupt nichts mehr wichtig ist, vor allem nicht, ob zu Hause die Blumen gegossen sind.

Nur eines ist ihnen nicht mehr gegönnt, aber im Gegensatz zu mir werden sie nicht wissen, was ihnen fehlt. Die fröhliche Heike, meine Heldin der Therapeutinnen.

Dienstag, 26. Mai 2015

Kurkolumne, die Vierte

Das Kurkonzert der vergangenen Woche geht mir nicht aus dem Kurkopf. Zum einen frage ich mich, warum man offensichtlich der Meinung ist, dass ein Kurgast an der Rezeption neben dem Reisepass auch das Gehirn abgibt. („Passen Sie gut darauf auf, ich brauch es nach drei Wochen wieder“) Morgen hat Herr Direktor Schnösel Sprechstunde, vielleicht frag ich das dann nicht mich, sondern ihn. „Ich weiß ja, Herr Direktor“, werde ich sagen, „dass wir hier keine schwere Kost serviert bekommen dürfen, wegen der Krankenkasse und wegen des Bewegungsapparates.“ (Ein richtig romantisches Wort ist das übrigens für unseren Körper. Vielleicht kann ich das in meinen erotischen Roman einbauen: Sie stand am Fenster, durch welches die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen schickte und ihr Kleid glitt an ihr herab. Nackt wie die Evolution und die Esterhazyschnitte sie geschaffen hatten, stand sie vor ihm. „Gefalle ich dir?“, hauchte sie. „Und wie!“, stöhnte er, „dein Stütz- und Bewegungsapparat ist wunderschön! Und deine langen unteren Extremitäten extrem sexy!“)
Der Herr Direktor wird nicken und ich werde fortfahren: „Aber muss es ausgerechnet Birne Helene Fischer sein?“

Ich werde ihm vorschlagen, statt Gerry eine Autorin oder noch besser drei Autorinnen zu engagieren, die das Publikum mit einer Mischung aus klugen, witzigen und berührenden Geschichten, die zum Teil in einer Kuranstalt spielen, unterhalten. Sind halt bestimmt nicht so billig wie Gerry aus Kärnten, Qualität hat eben ihren Preis. Dann aber erinnere ich mich an die entrückten Gesichtsausdrücke in Gerrys Publikum und denk, dass das vielleicht doch keine so gute Idee ist. Außerdem müsste ich meine Texte unbedingt vorher selbst zensieren, weil Herr Direktor Schnösel wahrscheinlich keinen Hang zur Selbstironie hat und daher vermutlich keinen großen Wert darauf legt, als Direktor Schnösel in die Geschichte(n) einzugehen.

Die Terzen und Reime sind aber nicht der einzige Grund, warum mich das Kurkonzert noch immer beschäftigt. Es ist auch der Text.
„Ich schließe meine Augen, lösche jedes Tabu“ lautet eine Zeile aus Atemlos, die noch seltsamer klingt, wenn man sie nicht gesungen, sondern gesprochen hört – ohne unter Einfluss von Buttermilch zu stehen.
Man lasse sich das auf der Zunge zergehen wie den Kaiserschmarrn, den es heute zu Mittag gibt (570 Kalorien, A, C, G, kohlehydratlastig). Ich schließe meine Augen, lösche jedes Tabu.
Und so lieg ich Nacht für Nacht im Kurbett (ein Niederflurbett für Pflegebedürftige, das zum Glück – noch - keine Seitenteile hat), schließe meine Augen und überlege, wie das geht. Wie ich alle Tabus löschen kann, indem ich die Augen schließe. Es klappt nicht. Ich finde die Delete-Taste für Tabus nicht.
Früher hat man Tabus gebrochen und nicht gelöscht, aber heute will sich ja keiner mehr die Finger schmutzig machen.

Heute hab ich mich fürs Nordic Walken uE und oE Gr. angemeldet und kurz überlegt, ob ich das Kreuz bei Anfänger oder Fortgeschrittene machen soll. Nachdem ich aber bereits seit mehr als 50 Jahren gehe (ein vom Aussterben bedrohtes Wort für walken), hab ich mich für die Fortgeschrittenengruppe entschieden. Dabei müsste es richtigerweise wohl Fortschreitende heißen, denke ich, so wie Fahrradfahrende oder zu Fuß Gehende und nicht Fußgänger. Ich bin Gängerin, wie klingt das denn?

Wann entwickelt sich eigentlich Southic Walken zu einer Trendsportart? In Flipflops auf den Berg, bei Touristen schon jetzt sehr beliebt. Und warum heißt Nordic Walking Nordic Walking und nicht Northern Walking? (Ihr seht, so eine Kur wirft einiges an Fragen auf, obwohl man das Gehirn abgegeben hat. Wenn man geistig nicht gefordert wird, fordert man sich eben selbst.) Der Polarstern heißt Northern Star und nicht Nordic Star. Eastern und Eastic? Im Deutschen gibt es auch kein südisch, westisch oder ostisch.
Gestern hab ich im Radio gehört, dass es zwar in allen Sprachen Begriffe für oben und unten, aber nicht für rechts und links gibt. Auf Kuuk Thaayorre zum Beispiel, das man – wie wir wissen – in Pormpuraaw spricht, verwendet man statt rechts und links die Himmelsrichtungen.
„Meiniger, hast du die Walkingsocken gesehen?“
„Ja, die sind in der obersten Lade südsüdwestlich von den Unterhosen.“
Vielleicht würde so etwas Menschen mit Rechts-Links-Schwäche das Leben erleichtern. Ein Freund von mir wohnt übrigens in Ostwestfalen, nicht in Linksrechtsfalen.

Ha! Jetzt weiß ich es. Nordic Walking ist in Wahrheit kroatisch (also das nordic, nicht das Walken), jemand hat nur das Hatschek vergessen und man spricht es nordič (norditsch) aus.

Als ich letztens mit zwei Kurfrauen Norditsch Walken war, ging es die ganze Zeit „Klack – klack – klack – klack.“ Die Geräusche kamen von mir und waren ziemlich nervenaufreibend.
„Wenn du auf dem Asphalt walkst, brauchst du so Gummistöpsel, dann hört man das nicht“, hat Laura gesagt. Also hab ich mir welche gekauft und in die Ohren gesteckt. Laura hatte Recht. Seitdem höre ich nichts mehr.

Ich glaub, nach dem Nordic Walking brauch ich einen Southern Comfort. Oder Southic Comfort? Für Fortgeschrittene.

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

Neu

klingt nach einer gelungenen...
klingt nach einer gelungenen kur!!
bonanzaMARGOT - 9. Jul, 17:13
Heißer Tipp bei...
Schade, dass die Kur vorbei ist, denn momentan stehen...
Lo - 3. Jul, 09:06
Herrlich und Danke!
Und wenn es einer Fortsetzung dienlich wäre, würde...
blinkyman (Gast) - 5. Jun, 16:55
Danke
Herzlichen Dank für die amüsanten Betrachtungen...
Markus Feer (Gast) - 4. Jun, 19:35
Danke!
und das mit der zahnlücke kriegst du auch noch...
Lisa (Gast) - 4. Jun, 17:56
Kurkolumne, der letzte...
„Die Kur hat dich von der Krankheit kuriert,...
testsiegerin - 4. Jun, 13:54
*kratz*
Nr.11 - bitteeeeeeee!
Lisa (Gast) - 4. Jun, 09:49
SCHADE!!!
ich plädiere für eine verlängerung!!!
Lisa (Gast) - 3. Jun, 12:16

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