Mit ausgestreckten Armen stand ich in der Ecke. Auf den ausgestreckten Armen lag die mit Büchern vollgestopfte Schultasche. Die Übung war nicht Teil eines perversen Fitnesstrainings, sondern eine perverse Strafe. So lange müsse ich dort stehen, verlangte die Lehrerin, bis ich mich entschuldigte.
Ich entschuldigte mich nicht, weil ich mir keiner Schuld bewusst war. Irgendwann ging mir die Kraft aus und die Schultasche fiel zu Boden. Zu Hause schimpfte meine Mama, weil eines der Bücher eine abgestoßene Ecke hatte.
Ich weiß nicht mehr, was ich angestellt habe, bestimmt nicht Schlimmes, ich war ein eher braves, vielleicht ein wenig freches Mädchen. Vielleicht lagen ein paar verschimmelte Apfelbutzen in meinem Bankfach.
Was ich damals gelernt habe?
Dass LehrerInnen mehr Macht haben als Kinder. Dass sie manchmal verdammt ungerecht sind und ihre Fehler nicht einsehen. Dass sie von Kindern Entschuldigungen erwarten, sich selbst jedoch nie entschuldigen.
Was ich durch solche Sanktionen sicher nicht gelernt habe: Respekt vor ihnen zu haben.
Mein Bruder kam mit roten Ohren von der Schule nach Hause. Nicht, weil es draußen so kalt war, sondern weil der Lehrer sie ihm eingedreht hat, so weit es ging. Jeder wusste, dass der Lehrer das machte, keiner unternahm etwas dagegen. Was mein Bruder angestellt hat? Keine Ahnung, sicher nichts Schlimmes.
Aus uns beiden sind rechtschaffene Menschen geworden, mehr oder weniger. Eher mehr. Nicht wegen dieser Unterrichtsmethoden, sondern trotzdem. Wegen unseres starken Rückgrats. Weil wir uns durch Muskelkater in den Armen und verbogenen Ohren nicht verbiegen haben lassen.
Einleitung Ende.
Die Lehrergewerkschaft möchte Straf- und Sanktionsmöglichkeiten gegenüber Schülern ausweiten, hab ich heute gelesen. Sie hätten ein Recht auf Respekt, aber beim Setzen von Grenzen wären ihnen ebensolche gesetzt.
Natürlich haben sie ein Recht auf Respekt. Jeder und jede hat das. Sogar SchülerInnen.
Liebe LehrerInnen,
Respekt ist nichts einseitiges, sondern ein Geben und Nehmen. Lehrerinnen, die ihre Schülerinnen respektvoll behandeln, schreien nicht nach Sanktionsmöglichkeiten. Irgendwie bin ich total entsetzt. Ich arbeite ja auch in der Sozialbranche, und ich hab unter meinen KlientInnen auch welche, die mitunter schwierig, laut, aggressiv sind. Ihr Verhalten hat Konsequenzen. Wenn sie nicht rechtzeitig aufs Arbeitsamt gehen, wird ihnen die Notstandshilfe gestrichen. Das ist keine Sanktion, sondern eine Konsequenz. So ist das Leben. Wenn sie einen Bankbeamten nach dem anderen wüst beschimpfen, werden sie irgendwann kein Konto mehr haben. Blöd, aber eine Konsequenz, keine Strafe.
Wenn ich mit schwierigen KlientInnen nicht zurechtkomme (und das passiert schon mal) bespreche ich die Situation im Team. Reflektiere, wie ich anders hätte mit der Situation umgehen können. Nehme mir ein paar Stunden Supervision. Besuche Fortbildungen und Kurse, um mich besser zu rüsten.
Das vermisse ich bei den LehrerInnen. Oder ist der Schrei nach mehr Fortbildungsangeboten, nach einer besseren Ausbildung, nach Ideen für einen kreativen Umgang mit Konflikten, einer gelingenden Kommunikation etc. nicht bis an mein schwerhöriges Ohr gedrungen?
Fast 80 Prozent der LehrerInnen fordern mehr Straf- und Sanktionsmöglichkeiten. Und wenn wir schon dabei sind, Eltern, die nur mangelhaft kooperieren, die sollen auch bestraft werden. Sind wir bei der Stasi oder in der Schule?
Einen Gehörschutz hätten sie auch gern, die LehrerInnen, weil es in den Klassen so laut ist.
Aber ich will nicht verallgemeinern. Es gibt auch PädagogInnen, die so spannend unterrichten, dass die Kinder automatisch bei der Sache sind. Es gibt Lehrerinnen, die hängen einen Gong in der Klasse auf, und jedes Kind, dem es zu laut ist, schlägt den Gong. Dadurch senkt sich der Pegel wieder auf ein erträgliches Maß, ganz ohne Eingreifen oder Sanktion der LehrerInnen.
Ah ja. Und Verhaltensnoten möchten sie auch gern wieder einführen. Ja, das hilft bestimmt. Ich erinnere mich, dass ab einem gewissen Alter diejenigen mit den schlechtesten Beurteilungen in Betragen für die anderen die coolsten und mutigsten waren. Die wurden von den Strebern bewundert und angehimmelt.
Mich hat niemand angehimmelt. Dafür war ich dann doch wieder zu brav.
Runde Frauen wolle niemand sehen, sagt Lagerfeld und verteidigt seine Bulimie- und Anorexie-Models. Die Welt der schönen Kleider habe schließlich mit Träumen und Illusionen zu tun.
Was sind das bitte für Träume? Was ist das für eine Welt, in der schlanke Frauen für fett befunden werden, weil man nicht alle Knochen des menschlichen Skeletts mit freiem Auge erkennen kann? Was ist das für eine Welt, in der sich Mädels mit Kleidergröße 36 zu dick fühlen, weil sie nicht wie Kate Moss und Victoria Beckham aussehen?
Und was ist das für ein Mann, der so einen Scheiß daher redet? Wahrscheinlich einer, der Frauen nicht leiden kann und möchte, dass sie schön langsam so dünn werden, dass sie überhaupt von der Bildfläche verschwinden.
Lieber Herr Lagerfeld, auch ich habe Träume und Illusionen. Mit Magersucht, ausbleibender Periode bei jungen Frauen, Ablehnen von allem, was rund, weiblich, weich, mütterlich ist, mit Knochengerüsten und schweren psychischen Krankheiten haben meine Träume nichts zu tun. Sie haben auch nichts mit Männern mit dunklen Brillen und einem schütteren weißen Zopf zu tun.
Was meine Träume und Illusionen sind, wollen Sie wissen, Herr Lagerfeld?
Nun ja, die Stiefel zum Beispiel, über die ich geschrieben hab (trotz meiner fetten, pardon, trotz meiner trainierten muskulösen Waden passen sie mir nämlich). Ein Urlaub auf West-Samoa, ohne Erdbeben und Tsunami. Einmal so richtig gut essen zu gehen.
Aber das sind Peanuts. In Wahrheit träume ich von einer Welt, in der die Menschen friedlich miteinander leben, Rücksicht nehmen und solidarisch sind, einer Welt, in der nicht ein paar Reiche das Vermögen unter sich aufteilen und die anderen nix zum Fressen haben. Ich träume von einer Welt, in der Frauen es nicht nötig haben, sich aufgrund irgendwelcher Illusionen und perverser Vorgaben von einer Handvoll Modeschöpfer krank zu hungern.
Ich träume von einer Welt, in der Frauen nicht aufgrund ihres Äußeren wertgeschätzt, geliebt und begehrt werden. Ja, auch von einer Welt, in der alte, lispelnde und nuschelnde Männer es nicht notwendig haben, ihr wahres Alter zu verschleiern. Wir verstehen uns, Herr Lagerfeld, nicht wahr?
So ganz nebenbei bemerkt. Ich hab ja die Erfahrung gemacht, dass Männer mit Verstand und Witz mehr auf Frauen mit Verstand und Witz stehen als auf Klappermodels. Aber das können Sie natürlich nicht wissen, Herr Karl.
Danke an die Frauenzeitschrift Brigitte, die beschlossen hat, in Zukunft nur noch „echte“ Frauen und keine Mager- oder Photoshopmodels mehr abzubilden. Und da ist mir völlig egal, ob es eine Sparmaßnahme ist oder darum geht, die Auflage zu steigern. Es ist ein Weg, der in die richtige Richtung geht.
"Die Nobel-Gang hat gerade einen Selbstmordanschlag auf sich selbst verübt."
So hat Rush Limbaugh (ein Talkshowgastgeber) die Verleihung des Nobelpreises an Barack Obama kommentiert. So ähnlich haben auch die Republikaner mit ihrem zwanghaften Beißreflex reagiert und damit bewiesen, dass konfliktfreie Kommunikation nicht zu ihren Stärken zählt.
Viel zu früh, sagen viele. In der Tat haben sie alle Recht, die Nobelpreisverleihungskritiker - Obama hat bis jetzt nichts Fassbares erreicht. Sein größter Verdienst liegt möglicherweise auch nur darin, einfach das nicht zu tun, was zahlreiche seiner Vorgänger so gern getan haben. Konsequenterweise hätte man den Preis also Obama und Bush gemeinsam verleihen müssen. (Aus dem Standard.at-Forum: „Wenn man einen Koffer wie George W. als Vorgänger hat, dann ist man automatisch eine strahlende Figur der Hoffnung.“)
Viel zu früh?
Willy Brandt hat den Preis 1971 bekommen. Da hatte er auch nicht viel mehr geleistet, als ein bissel in Polen herumzuknien. Die Ostpolitik war damals auch mehr gedacht als getan.
Und auch Bertha von Suttner hat den Friedensnobelpreis hauptsächlich aufgrund ihrer Haltung, ihrer Werte und ihrer Worte ("Die Waffen nieder") bekommen.
Viel zu früh? Wenn man die Hasstiraden gegenüber Obama verfolgt, dann muss man befürchten, dass jeder Tag später „posthum“ sein könnte.
Manche Menschen bevorzugen offensichtlich amerikanische Präsidenten, die mit Schuhen anstatt mit Auszeichnungen beworfen werden. Und bei George Bush wird niemand - nicht mal ein verkappter Kommunist in den Reihen der Nicht-Republikaner - auch nur den leisesten Zweifel daran hegen, dass er sich den Bewurf mit einem Paar dreckiger Latschen als angemessene Würdigung seines Lebenswerkes voll und ganz verdient hatte.
Obama gebührt der Nobelpreis. Weil er den Mut hatte, sich der Wahl zu stellen. Und die Kraft, die republikanischen Zombies aus dem weißen Haus zu vertreiben. Weil er kein zynisches Arschloch ist, sondern den Menschen gibt, was sie am meisten brauchen: Hoffnung.
"Los, kauf sie dir", sagt meine Kollegin, "sonst sind sie weg."
"Wir haben eh kein Geld", sagt meine Tochter, "beim Deichmann gibts schon welche für 29 Euro".
"Probier sie mal, vielleicht passen sie ja eh nicht", sage ich und probiere.
"Sie schauen verdammt geil aus", sagt die Freundin.
"Ja", sage ich.
"Wann hast du dir die letzten Stiefel gekauft?", fragt die Kollegin.
"Hm. Vor drei Jahren. Die aus Plastik für die Lesungen. Um 29 Euro."
"Und richtige Lederstiefel?"
Ich denke nach. "Ich glaub, noch nie."
"Du arbeitest wie verrückt, machst Überstunden, hältst Vorträge, machst Lesungen. Kauf sie dir, verdammt noch mal."
"Wozu brauchst du eigentlich neue Stiefel?", fragt die Tochter.
"Hm. Ich weiß nicht. Zum Gehen?"
"Ich brauche neue Gartenhandschuhe", sagt der Sohn, "zum Arbeiten".
"Ich eine neue Schultasche", sagt die Tochter, "zum Lernen."
"Denken Sie an Ihr Konto, Frau Lehner", sagt der Bankbeamte in meinem Kopf.
"Denk an dich", sagt die Freundin.
"Mir is wurscht", sagt der Ehemann.
"Ich denk drüber nach", sage ich, "vielleicht entscheide ich mich noch vor dem Frühling."
Ich war in meinem Leben noch nicht auf vielen Konzerten. Meistens kann ich sie mir nicht leisten und höre Musik lieber auf CDs.
Eines meiner wenigen Konzerte, und gleichzeitig das beeindruckendste war, als Konstantin Wecker gemeinsam mit Mercedes Sosa im Konzerthaus in Wien aufgetreten ist.
Zwei Menschen mit Idealen, mit Rückgrat, mit Kraft und Mut, mit einer politischen Meinung.
Einer von den beiden ist heute gestorben. Mercedes Sosa.
Tagsüber sammle ich Pilze, Kräuter und Beeren und Holz. Hole Wasser von der nahen Quelle. Spaziere hinauf zur Lichtung und schaue hinab ins Tal.
Abends ziehe ich mich in die Höhle zurück. In meine Höhle.
Davor geht ein schwarzer Panther auf und ab und bewacht den Eingang. Er schmiegt sich an meine Beine und lässt mich hinein. Er ist mein treuer Begleiter, seit vielen Jahren. Er ist all das, was ich so gerne wäre. Schön, stark, stolz, unabhängig. Und jedesmal, wenn ich über sein Fell streiche, schenkt er mir etwas von seiner Schönheit, von seiner Stärke, seinem Stolz, seiner Freiheit.
Aus Tannenzapfen und vertrockneten Zweigen mache ich ein Feuer, später lege ich Buchenholz nach. Ich mag das Lodern, das Brennen, das Glühen, das Feuer in all seinen Schattierungen. Manchmal werfe ich Rosmarinzweige in die Glut und atme den Duft ein. Brate die Pilze oder ein Stück Wild, das der Panther für mich gerissen hat. Esse Beeren und trinke Wasser.
In einer Felsnische habe ich mein Lager, es ist mit Fellen ausgelegt und weich und wohlig warm.
Meistens bin mir selbst genug. Hin und wieder darf jemand mein Lager, meine Nächte und mein Leben mit mir teilen.
Manchmal im Morgengrauen schmiegt der Panther sich an mich und gibt mir Wärme.
In einer anderen Nische sprudelt eine heiße Quelle. Darin bade ich, trete danach nackt und dampfend aus der Höhle und spreche mit dem Mond. Ich habe viele Fragen an ihn. Fragen über den Sinn, die Sehnsucht, die Liebe. Als ich mit meinen Fragen fertig bin, geht er unter. Es ist tröstlich, dass er nichts besser weiß als ich.
Ich bin glücklich in meiner Höhle. Ich habe keine Angst. Ich habe nichts zu verlieren.
Trotzdem flüchte ich mich immer wieder hinaus ins laute, lärmende Leben. In ein Leben, in dem ich mich klein, überfordert, unzulänglich fühle. In dem ich ständig suche. Noch mehr Glück suche, noch mehr Kraft, noch mehr Stolz. Aber davon finde ich da draußen nur Bruchstücke. Die sammle ich ein, für die stillen, zufriedenen Abende in meiner Höhle.
„Ich muss noch mal hinaus“, sage ich zum Panther, „mir fehlen noch ein paar Stücke, bis das Bild vollständig ist.“ Er weicht zur Seite und schweigt. Wie der Mond.
C. macht grad eine Ausbildung, C. macht - wie in der ersten Folge von Sex & the Country bereits erwähnt - ständig eine Ausbildung, meistens für Berufe, in denen sie aufgrund von körperlichen Mängeln wie Kurzsichtigkeit oder chronischen Rückenschmerzen nicht arbeiten kann. Aber das macht nichts, denn danach lässt sie sich einfach vom Arbeitsamt umschulen.
Diesmal zum Beispiel zur Altenpflegerin. In die Lebens- und Gedankenwelt von alten Menschen kann sie sich gut einfühlen, denn ihre Patienten und Patientinnen sind – wie sie – fast blind und leiden unter chronischen Kopf-, Rücken- und sonstigen Schmerzen. Beste Voraussetzungen also.
Diese Woche macht C. ein Praktikum.
„Guten Tag, Frau Friedrich“, sagt sie. „Sie haben doch nichts dagegen, dass ich Sie für heute ein bisschen schön mache?“
Frau Friedrich hat nichts dagegen, deshalb beginnt C. behutsam, ihr schütteres Haar zu bürsten und daraus einen Zopf zu flechten. „Sie sind ja ganz blass“, stellt sie fest und greift zu Make-up und Rouge, „ich werde Sie schminken, damit die Kinder zufrieden sind.“ Sogar, Wimperntusche, Lippenstift und türkisblauen Lidschatten trägt sie auf, es ist schließlich ein besonderer Tag.
Wahrscheinlich wird die Tochter trotzdem meckern, denkt C., und ein paar Krokodilstränen vergießen, aber das sagt sie nicht laut, obwohl sie natürlich weiß, dass Frau Friedrich sie nicht hören kann. Und der Sohn – ein arbeitsloser Herr Doktor der Philosophie – wartet bestimmt schon auf das Zahngold, denkt sie weiter.
C. wäscht Frau Friedrichs zerfurchten Körper und rasiert ihr die Achselhaare und Beine. Darauf hat die alte Dame immer viel Wert gelegt.
Sie schneidet ihr die Finger- und Zehennägel und zieht ihr ein dunkelrotes Samtkleid über den Kopf. „Oh. Entschuldigung“, murmelt C., als sie bemerkt, dass sie die Frau etwas unsanft angefasst hat. Sie lächelt, „so machen Sie sich doch nicht gar so steif.“ Frau Friedrich schweigt.
„Herr Rudi?“, fragt sie Ihren Vorgesetzten, „könnten Sie mir vielleicht beim Umbetten helfen. Ich schaff das nicht alleine, wegen dem Kreuz.“
Herr Rudi hilft, trotzdem stößt C. mit dem Ellbogen gegen das schwere Möbelstück. „Au! Scheiße“, vergisst sie die anderen Anwesenden und die guten Manieren und lässt Frau Friedrich beinahe fallen.
„Birnenholz“, sagt Herr Rudi in einer Mischung aus Mitleid für C. und Bewunderung für den Sarg, „ein ziemlich hartes Holz. Und ziemlich teuer.“
Die Anarchistin in C. kriecht aus ihren Schlupflöchern. „Scheiß reiches Pack, verdammtes. Als ob es ein Fichtensarg zum Verbrennen nicht getan hätte.“
Herr Rudi nickt verständnisvoll. „Sicher“, sagt er, „ist aber gut fürs Geschäft.“
Schweigend arbeiten sie weiter. C. legt der Toten den Schmuck um und eine riesige Sonnenblume in die Hände. Die Lieblingsblume von Frau Friedrich, das weiß sie aus dem Heim.
„Wissen Sie, was mich beruhigt, Herr Rudi?“
„Nein.“ Herr Rudi ist kein Schwätzer. Das mag C. so an ihm.
„Dass im Tod alle gleich sind. Zumindest gleich blass, gleich steif und gleich tot. Trotz Birnensarg und kiloweise Gold im Mund.“
C. gefällt es an ihrer Praktikumsstelle. Sie mag die Menschen dort, den Frieden im Gesicht des lebendigen Herrn Rudi und den im Gesicht der toten Leichen. (Nun gut, der Alkoholiker, den man erst nach vierzehn sommerlich-heißen Tagen gefunden hatte, der roch nicht mehr so gut und auch der Friede war ihm abhandegekommen.)
Sie mag die Stille, die würdevolle Atmosphäre und die Achtung, die man den Toten entgegenbringt. Auch die Tatsache, dass die nicht schreien und fluchen, wenn sie gekämmt und gepflegt werden. Die einzige, die hier hin und wieder flucht, ist sie selbst.
Wenn Sie die Ausbildung zur Altenpflegerin abgeschlossen hat, wird sie sich umschulen lassen. Sie weiß auch schon, wozu. Zur Bestattungsunternehmerin.
„Stell dir vor, ich bin geflogen“, sagt B. zu C.
„Scheiße.“ C. zieht an der Zigarette. „Hast du Geld unterschlagen? Hat es sich wenigstens gelohnt?“ Sie hält die Hand auf.
„Nicht so geflogen. Ich bin ja noch im Urlaub. Da kann man kein Geld unterschlagen. Richtig geflogen. Ich hab das Weinviertel von oben gesehen, voll idyllisch. Den Hofer, das Kalkwerk, mein Auto, meinen Garten mit den Holzhaufen.“
„Ich träum auch öfter vom Fliegen. Ist geil, oder?“
Rückblende:
„Hast du Lust zu fliegen?“, fragt Ch.
„Au ja. West Samoa?“
„Na ja, ich dachte eher an Stockerau“, macht Ch. die große Seifenblase kaputt und bläst eine neue, kleinere. „Weißt du, der Typ mit dem Mercedes, er bumst nicht nur gut, er hat auch einen Pilotenschein. Und er lädt uns zum Fliegen ein.“
„Bist du sicher, dass er Fliegen nicht mit Vögeln verwechselt? Weil Vögel fliegen ja..."
"Also, fliegst du mit?"
"Nur, wenn ihr versprecht, im Flieger nicht zu vögeln.“
B. verkleidet sich auf mondän, ganz in weiß und schminkt sich. „Ich will wenigstens im Tod so richtig schön sein.“ Ihren Sohn, der überhaupt noch nie geflogen ist, nimmt sie mit.
Der Mercedes hält vor dem Häuschen. Die Beifahrerseite ist völlig zerkratzt. In B. regt sich ehrliches Mitleid. Zum Glück hat ihren Lupo niemand so zugerichtet. „Oh je. Wann ist das denn passiert?“
„Vor zehn Wochen“, sagt der Mercedes-Fahrer und tröstet B., "es ist nur ein Auto." Er trägt Jeans. Anscheinend ist ihm nicht wichtig, dass er im Tod so richtig gut aussieht.
B. rechnet nach. Shit. Anfang Juni war C. da. Und C. liebt die Anarchie und hasst scheißprotzige Autos. Sie hasst auch Manolo Blahniks, wie die anderen Frauen aus Sex and the Country, die beschlossen haben zu verachten, was sie sich selbst nicht leisten können.
„Ist der Stern noch dran?“, fragt B.
„Ja.“
Sie atmet auf. Dann war es also nicht ihre Freundin C. Die hätte den Stern niemals drangelassen.
„Oh, wir fliegen mit einer Cessna?“ B. tut, als würde sie sich auskennen, als sie vor dem kleinen Flieger stehen. In Wahrheit ist die Cessna das einzige Flugzeug, das sie beim Namen kennt. Beinahe, denn sie verrät ihre Unwissenheit, indem sie Cessna wie Tschesna ausspricht anstatt wie es sich gehört Tsesna.
Ch. schweigt nobel, ebenfalls in Weiß, und zündet sich vor dem Einsteigen eine Zigarette an.
Es explodiert.
Oder besser: Er explodiert. Der Mercedesfahrer.
Trotzdem hebt er mit ihnen ab, schließlich stehen die Frauen aus Sex and the Country für die gelungenen Mischung aus Horror und Humor, Spaß und Schrecken, Leid und Leidenschaft. Und schließlich will er mit einer von ihnen - der neben ihm - heute noch vögeln. Im Mercedes, vielleicht.
Unter B. das malerische Weinviertel. Neben ihr der kotzende Sohn, der lieber in einem der Mähdrescher da unten säße.
B. blickt neidisch auf die vielen Swimmingpools in ihrem Ort. „Unglaublich“, schnaubt sie, „sogar die Schmieds, die Maiers und die Müllers haben eins. Nur wir haben keins.“ B. hasst protzige Swimmingpools, selbstverständlich.
Der Mercedesfahrer hält die Knüppel der Maschine und freut sich am Fliegen. Ch. hält den Mund und freut sich auf seinen Knüppel. Der sohn hält den Kopf in die Tüte und freut sich auf festen Boden unter seinen Füßen. B. hält die Kotztüte und freut sich am Leben.
Unter ihnen Burgen und Schlösser mit Burghöfen und Schlossgärten. „Kotz da hinunter“, sagt die B. zu ihrem Sohn, „die gehören den Reichen und Mächtigen.“
„Was tun wir eigentlich, wenn wir uns verirren?“ B. ist besorgt. Die Kotztüten neigen sich dem Ende. Hoffentlich der Mageninhalt des Sohnes auch.
„Entweder die Raiffeisen- oder die Billa-Methode“, sagt der Cessna-Flieger-Mercedes-Fahrer trocken.
„Und die wäre?“
Bei der Raiffeisenmethode fliegen wir runter zum nächsten Lagerhaus und schauen, was draufsteht.“ Beim Wort Lagerhaus blickt der Sohn kurz auf, widmet sich dann aber wieder seiner Hauptaufgabe des Fluges.
„Und bei der Billa-Methode?“
„Da fliegen wir noch ein bisschen tiefer und schauen, was auf den Billa-Sackerln steht.“
B. ist nicht wirklich beruhigt.
„Schau“, tröstet der Pilot sie und telefoniert zum wiederholten Mal mit Charly. Charly dürfte sein Freund sein. „Es gibt schlechte Landungen, gute und sehr gute. Bei der schlechten überlebt niemand, bei der guten kommen die Insassen mit dem Schrecken davon und bei der sehr guten kann man die Maschine noch einmal fliegen.“