bg

Samstag, 16. Dezember 2017

Keine weiße Weste

Weihnachtsgeschichte in 3 Akten

1.

„Iss noch was, Bub!“ Sie stellte eine Schale mit Früchten auf den Tisch.
„Mama, ich bin schon groß!“
„Musst du wirklich jetzt noch in die Stadt? Es ist kalt draußen und unwirtlich. Und man sagt, dass es in der Stadt sehr gefährlich ist. So bleib doch zu Hause, Bub!“
„Mama, ich bin schon groß.“
„Paperlappap, du bist immer noch mein kleiner Harry. Was willst du denn überhaupt in der Stadt? Wir haben es so gemütlich hier draußen!“
„Ich will gerne noch ein paar Weihnachtsgeschenke besorgen“, log er. In Wahrheit wollte er hier nur raus.
„Aber wir haben doch schon einen schönen Christbaum.“
„Ja, einen, den die Kleinen immer leer fressen. Mach dir keine Sorgen, Mama!“
„Zieh das über, Bub, bitte.“ Sie reichte ihm die Weste.
„Mama! Das ist peinlich! Die lachen mich aus, wenn sie mich so sehen.“
Sie begann bitterlich zu weinen.
„Was ist jetzt wieder los, Mama?“
„Geht schon wieder. Ich musste nur an Henriette denken. Als sie damals von dem Auto niedergefahren wurde in dieser nebligen Winternacht. Weißt du noch?“
Als könnte er das jemals vergessen. Seine Schwester hatte ihn mit rehbraunen Augen angeschaut, bevor sie diese für immer geschlossen hatte.
„Ich pass schon auf mich auf, Mama.“
„Versprochen.“
„Und keine Schlägereien, ja?“
„Mama! Ich bin jung, männlich und stark. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Ich weiß mich zu verteidigen.“



2.

„So, so, ein Hirsch in Warnweste hat Sie angegriffen?“ Der Kriminalobermeister nagte an seinem Bleistift. „Sie waren vorher nicht zufällig an einem Punschstand? Ich sag das jetzt nur einmal, Gnädigste: Wenn Sie noch einmal aufs Revier kommen und der Polizei in betrunkenem Zustand die Zeit stehlen, zieht das schwere Strafen nach sich.“

„Das ist die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe. Und getrunken hab ich nichts, das schwöre ich auch! Ich war ja mit den Kindern unterwegs. Da trinke ich nie!“
„Ich schick Sie dann noch zur Blutabnahme“, kündigte er an. „Drogentest“. Die Frau begann zu weinen.
„So beruhigen Sie sich doch.“ Er reichte ihr ein Taschentuch. „Jetzt erzählen Sie mal ganz langsam.“
„Also, ich war mit meinen Kindern spazieren, als der Hirsch auf uns zu gerannt kam. Meine Tochter wollte ihn streicheln, da griff er plötzlich an. Ich stellte mich schützend vor meine Kinder, da wurde ich von den Hufen des auf den Hinterbeinen aufgerichteten Tieres im Rücken getroffen.“

„Hat der Angreifer etwas gerufen, als er Sie getreten hat?“, mischte sich der Polizeihauptwachtmeisteranwärter ein. „Allahu Akhbar oder so?“ Und - an seinen Vorgesetzten gewandt: „Sollen wir den Verfassungsschutz informieren?“
„Mach mal halblang, Junge!“, sagte dieser.

„Haben Sie Verletzungen?“, fragte der Kriminalobermeister.
Sie zog die Jacke aus, schob den Pullover hoch und präsentierte dem Polizisten die Kratzspuren auf ihrem Rücken.
„Alles klar“, sagte der Polizist und klopfte etwas in die Tastatur.
„Sie glauben mir also? Gott sei Dank!“ Die Frau knüllte das Taschentuch in ihrer Hand zusammen und seufzte.
„Natürlich nicht. Aber ich hab Verständnis für Ihre Situation. Sie haben also eine Affäre. Ihr Liebhaber hat Sie während des Schäferstündchens leidenschaftlich gekratzt und jetzt wissen Sie nicht, wie Sie das Ihrem Mann verklickern sollen. Keine Angst, das kriegen wir schon hin! Ein Hirsch in Warnweste hat Sie überraschend angegriffen.“ Er kicherte. Auch er hatte einmal eine Affäre gehabt und seiner Frau das Blaue vom Himmel vorgelogen.




3.

„Wir müssen erst einmal Ihre Generalien aufnehmen.“
„Sie müssen meine Genitalien aufnehmen?“ Er bedeckte sein Geschlecht. Na ja, groß war das schon.
„Name?“
„Hirsch. Harry Hirsch. Aber dafür kann ich nichts. Wir haben in unserer Familie alle Namen, die mit H beginnen.“
„Adresse?“
„Ich wohne draußen im Damwildgehege.“
Der Polizeihauptwachtmeisteranwärter lachte hämisch: „Im Darmwindgehege? Ho, ho, ho.“ Ihm entwich ein Darmwind.
Harry Hirsch rollte die Augen. Der Kriminalobermeister tat es ihm gleich.
„Nationalität?“
„Ursprünglich komme ich aus Vorderasien.“
„Wo war noch mal Vorderasien?“, fragte er den Polizeihauptwachtmeisteranwärter.
„Vor Asien. Also Syrien, Palästina, Iran und so weiter.“ Der Polizeihauptmachtmeisteranwärter kam langsam in Fahrt. „Hab ich‘s nicht gesagt? Wahrscheinlich ist er über die Balkanroute geflüchtet und jetzt hirscht er wie ein Wahnsinniger mit Warnweste durch die Nacht und greift auch noch eine unschuldige deutsche Frau mit ihren Kindern an! Denken Sie an die Silvesternacht in Köln!“
„Gusch, Kollege! So, und jetzt kommen wir zur wesentlichen Frage. Dem Tatmotiv. Was hat Sie bewogen, in Warnweste eine Frau anzugreifen?“

„Das war sicher so eine b’soffene Gschicht“, mutmaßte der Polizeihauptwachtmeisteranwärter, der merkte, dass die Flüchtlingstheorien bei seinem Vorgesetzten nicht gut ankamen. „Ein paar Schnäpse und dann fängt einer von den Hirschen an zu sagen: ‚Das traust du dich nie!’
„Standen Sie zum Zeitpunkt der Tat unter dem Einfluss von Jägermeistern?“ Der Kriminalobermeister schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, um den Hirschen einzuschüchtern. Er wollte nach Hause, mit seiner Familie Weihnachten feiern, unterm Christbaum Weihnachtslieder singen, gut essen und nicht hier mit einem wildgewordenen Hirschen und einem größenwahnsinnigen Polizeihauptwachtmeisteranwärter diskutieren. „Warum verdammt noch mal haben Sie eine Warnweste angezogen?“, brüllte er.

Jetzt wurde Harry Hirsch bockig. Er mochte es nicht, wenn man ihn anbrüllte. Sein Vater Hans hatte ihn auch immer angebrüllt, bevor er erschossen wurde. „Weil ich die weiße Weste dem Herrn Grasser geborgt habe.“ Da kam er auf eine Idee. „Ich würde jetzt gerne meinen Anwalt anrufen?“
„Gerne. Welchen?“
Keine Ahnung. Harry Hirsch kannte keine Anwälte, nur ein paar aus der Zeitung. „Manfred Ainedter?“
Der Kriminalobermeister lachte. „Der ist grad beschäftigt.“
„Dann halt irgendeinen Pflichtverteidiger. Ohne Anwalt sage ich kein Wort.“
Der Polizeihauptwachtmeisteranwärter indes hörte nicht auf zu reden. „Vielleicht wollte unser Hirsch Fluglotse werden und hat sich gedacht: ‚Dress for the job you want, not the job you have.’ Ha ha ha.“
In dieser Nacht schlief Harry Hirsch sehr schlecht. Nicht nur, weil die Pritsche ziemlich unbequem war und die Beamten ihm Heu verweigerten. Auch, weil es ihm peinlich war, die Wahrheit zu erzählen. Dass er ein verdammtes Muttersöhnchen war und sich von seiner Mama in diese blöde Weste hatte zwängen lassen. Dass er es nie schaffte, sich gegen sie zu wehren. Dass er versucht hatte, sich an der großen Eiche die Weste vom Leib zu reiben, ihm das aber nicht gelungen war. Und dass er total gekränkt war, als die Kinder bei seinem Anblick „Rudolph, The Red Nosed Rendeer“ gesungen hatten. Er war kein Rentier. Schon gar nicht mit einer roten Nase. Er konnte sich doch nicht alles gefallen lassen!
Harry war froh, als die Nacht endlich vorbei und der Anwalt, ein Herr mit einem schrillen, auffälligen Anzug, eingetroffen war. Warum durfte der sich so kleiden wie er wollte und Harry nicht, wie die Mama es wollte? Die Welt war nicht gerecht. Vielleicht hatte die Mama des Anwalts ihn ja auch gezwungen, diesen lächerlichen Anzug anzuziehen. Ein schwacher Trost für Harry.
Der Anwalt las sich kurz in den Akt ein und legte sogleich los. „Herr Hirsch widersetzte sich lediglich dem Vorhaben der Kinder, ihn wegen seiner hübschen leuchtenden Weste in die Weihnachtsdekoration im Vorgarten zu integrieren. Nicht nur, dass mein Mandant unschuldig ist und sich gegen böse, aggressive Kinder zur Wehr gesetzt hat, nein. Er war auch vorbildlich mit einer Warnweste unterwegs und hat dazu beigetragen, dass die Zahl der Wildunfälle in diesem Jahr zurückgeht.“
Der Polizist kratzte sich skeptisch am Kinn. „Nur weil jemand eine Weste trägt, heißt das noch lange nicht, dass es sich auch sonst um ein anständiges und gesetzestreues Individuum handelt! Egal, ob es sich um eine weiße Weste oder eine Warnweste handelt.“
Der Anwalt ließ sich nicht bremsen. „Davon abgesehen ist es in den USA üblich, beim Wandern Warnwesten zu tragen, um nicht irrtümlich von Jägern erschossen zu werden. Und was für amerikanische Wanderer gilt, wird wohl auch für einen Hirschen gelten, bei dem die Gefahr, von blutrünstigen Jägern erschossen zu werden, doch wesentlich größer ist.
Davon abgesehen war es extrem leichtsinnig von den Kindern, sich dem Tier zu nähern. Wildtiere sind deutlich gefährlicher als Raubtiere, weil sie dauernd irgendjemand fressen will. Das wirkt sich auf die Psyche aus! Wenn die keine Angst vor dem Menschen haben, wird er eben zwecks Rangfeststellung attackiert.“

Harry Hirsch verstand zwar nicht, was der Anwalt da brabbelte, aber er war sein Geld wert. Er atmete erleichtert auf, als er aus dem Polizeigewahrsam entlassen wurde. Mit einer Ermahnung und dem Versprechen, sich in Zukunft gesetzestreu zu verhalten. Trotz der Erleichterung hatte Harry aber auch Angst. Angst vor seiner Mama. Und vor ihren Tränen. Das würde ein trauriges Weihnachtsfest werden.

Auch der Polizist atmete auf, packte seine Aktentasche und schlüpfte in seine Daunenjacke. „Frohe Weihnachten, Herr Polizeihauptwachtmeisteranwärter. Aus Ihnen wird noch mal was.“ Er klopfte seinem jungen Kollegen auf die Schulter.
Fragt sich nur, was, fügte er in Gedanken hinzu.

„Ihnen auch, Herr Kollege, was gibt es bei Ihnen dieses Jahr zu Weihnachten?“
„Hirschgulasch.“


Rezept:
Die Warnweste behutsam vom Tier lösen, reinigen und im Wasserbad beiseite stellen. Sie wird nachher noch zur Dekoration gebraucht.
Das Hirschfleisch in grobe Würfel zerteilen, die Zwiebel fein hacken. Das Hirschfleisch mit Salz und Pfeffer würzen. Schmalz erhitzen und das Hirschfleisch von allen Seiten scharf anbraten. Das Hirschfleisch mit den Bratenresten herausnehmen und rasten lassen.
In der Zwischenzeit die Zwiebel in derselben Pfanne goldgelb rösten. Tomatenmark unterrühren und etwas mitrösten. Mit Rotwein ablöschen und etwas einkochen lassen. Das Hirschfleisch mit den Bratrückständen und den Wildgewürzen hinzugeben und mit dem Wildfond aufgießen. Zugedeckt ca. 1 ½ – 2 Stunden köcheln lassen. Wildfond oder Wasser angießen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Falls nötig mit etwas Mehl eindicken.
Mit Warnweste garnieren und sofort servieren.

Donnerstag, 26. Oktober 2017

Ö-Slam

"Mir fehlen die Worte" könnte ich jetzt sagen, was natürlich gelogen ist, weil man, wenn einem die Worte fehlten, nicht schreiben könnte, dass einem die Worte fehlen. Abgesehen davon fehlt mir zwar manchmal die Orientierung und oft der Glaube, aber nur sehr selten fehlen mir die Worte.

Was ich in den letzten Tagen erlebt habe, zählt zu den besten Dingen, die ich je erlebt habe. Ja, als Mutter und Ehefrau muss ich jetzt natürlich noch hinzufügen, dass das Allerbeste die Geburt meiner Kinder und meine Heirat waren...

"Ich bin ja nicht so eine...
so eine Slammerin",
hab ich vor ungefähr zwei Jahren in einem Text geschrieben. Und Mieze hat schon damals gesagt: "Doch, du bist so eine!"
Vor ein paar Tagen hab ich mich als entfernte Tante der Slamily bezeichnet. "Du bist keine entfernte Tante", hab ich gestern ein paar Mal gehört, "sondern ein wichtiges Familienmitglied."
Ich hab zwar schon eine wunderbare Familie, aber was schadet es, noch eine zu haben?

Wir Frauen sind ja gewöhnt, uns ein bisschen kleiner zu machen, als wir sind. Jahrhundertealte Tradition. Jahrzehntelange Erziehung. Und fast hätte ich mich am Beginn dieses Beitrags dafür entschuldigt, dass ich schon wieder schreibe, wie glücklich ich bin. Aber ich mag mich nicht entschuldigen dafür. Ich mag es einfach genießen und dieses Glück mit euch teilen. Ich bin nicht nur glücklich, sondern auch stolz. Stolz darauf, dass ich mich dieser Herausforderung gestellt hab. Dass ich mich getraut hab, vor 600 Leuten auf der Bühne zu stehen und sie mit einem Text zu unterhalten oder zu berühren. Ja, ich hab mich schon ein bissl wie eine coole Sau gefühlt. Ohne Text in der Tasche. Mit Aufregung im Bauch. Ohne Netz. Mit Vertrauen in mich. Und mit meiner Freundin im Publikum. Das war ein schönes Gefühl, sie hier zu wissen.

Es war atemberaubend. Das Gefühl auf der Bühne. So muss sich Robbie Williams fühlen.
Ich hab in den letzten Tagen Menschen auf und hinter der Bühne kennengelernt, die fantastisch schreiben, ein riesengroßes Herz haben, liebenswert, lustig und schlagfertig sind.

Danke, liebe Slamily, dass ihr mich so aufgenommen habt.

Bei 54 Minuten könnt ihr meinen Auftritt sehen.
Aber schaut euch ruhig den ganzen Mitschnitt an.

https://www.facebook.com/fomp.vienna/videos/2028483724051088/

Liebe Frau Proll

Ich hab Ihren Beitrag zum Thema #metoo, in dem Sie Ihre Sicht der Dinge, nämlich #notme, anführen, gestern aufmerksam gelesen. Und frage mich seitdem, warum Frauen bei diesem Thema anderen Frauen in den Rücken fallen.
Antwort hab ich noch keine gefunden. Ein bisschen erinnert mich Ihre Äußerung an Eva Hermann, die unbedingt am Dritten Reich etwas Positives finden wollte.

Schön, dass Sie noch nie von einem Mann belästigt worden sind. Das meine ich ehrlich, weil ich weiß, wie es sich anfühlt. Nämlich beschissen. Und seit Ihrem Posting gestern fallen mir all die vielen Geschehnisse ein, die ich viele Jahre verdrängt habe. Offensichtlich nicht erfolgreich.

Sie schreiben, dass Sie sexuelle Annäherungsversuche von Seiten eines Mannes grundsätzlich erfreulich finden und einen solchen erst mal als Kompliment und nicht als Belästigung verstehen. Ich überlege jetzt krampfhaft, wie es mir mit 16 gelingen hätten sollen, es erfreulich zu finden, von einem Fremden auf dem Nachhauseweg vom Bahnhof überfallsartig an die Brust und zwischen die Beine gefasst zu werden.
Sie schreiben, dass Sie vielleicht einfach nicht attraktiv genug sind, um von einem Mann sexuell belästigt zu werden.
Ich fürchte, der Typ, der mich angefasst hat, hat gar nicht gesehen, wie ich aussehe, von hinten. An meiner Schönheit wird es also vermutlich nicht gelegen haben.

Auch der Grieche, der im Auto einfach seinen Schwanz herausgeholt und vor mir gewichst hat, wollte mir bestimmt nur ein Kompliment machen. Und ich frustrierte, frigide, junge Frau fand das nicht lustig. So was aber auch. Ja, es war leichtsinnig, Auto zu stoppen, aber ich wünsche mir, in einer Gesellschaft zu leben, in der das nicht als Einladung verstanden wird.

Ich weiß, so etwas hat in Ihnen höchstens Mitleid hervorgerufen und Sie würden sich schämen, damit hausieren zu gehen. Ich hab mich damals auch geschämt. Mich schuldig gefühlt. Aber ich hatte kein Mitleid, ich hatte Scheiß-Angst. Und ich gehe damit hausieren, und zwar nicht, um mich als Opfer darzustellen, denn ich weiß, dass viele, viele Frauen viel Schlimmeres erlebt haben als ich, aber ich will, dass junge Frauen, denen so etwas passiert, sich nicht schuldig fühlen. Sich nicht schämen dafür, dass Männer übergriffig sind.

Schön auch, dass Sie nie so abhängig von einem Mann waren, dass Sie sich so etwas gefallen lassen haben. Ich war abhängig von meinem Job. Und wusste, dass mir niemand glaubt. Oder es immer wieder Männer – und wie man sieht – sogar Frauen gibt, die so etwas nicht schlimm finden.

Ich hab es auch nicht als Ausdruck eines Komplimentes erlebt, als ich auf der Rolltreppe stand und sich der Mann vor mir nach hinten und der Mann hinter mir nach vorne gebeugt und die beiden mich zwischen ihnen eingeklemmt haben. Ich fand das so unlustig, dass ich dem einen eine geknallt hab. Danach ins Gesicht gespuckt zu werden, war für mich kein Zeichen meiner großen sexuellen Anziehungskraft, sondern eklig und demütigend. Hat mir jemand der Umstehenden geholfen? Nein.

Ich habe oft Nein gesagt, aber das Nein wurde nicht gehört. Das lag nicht an körperlichen Beeinträchtigung und einem mangelnden Hörvermögen, nein. Die Männer wollten mein Nein nicht hören. Die sind davon ausgegangen, dass ich mich – wenn ich mich zum Essen einladen lasse – auch von ihnen ficken lasse. Es hat sich verdammt noch mal nicht gut angefühlt, vom Onkel einer Freundin im Badezimmer eingesperrt und betatscht zu werden. Oder von einem Lehrer zu hören: "Und ich dachte, du bist eine Frau, dabei bist du nur ein zickiges Mädchen."

Ich bin übrigens weder lustlos noch hasse ich Männer ... ich hab sogar einen geheiratet. Nein, die Welt wäre nicht besser ohne Sex, aber sie wäre besser ohne sexuelle Gewalt. Und wenn Sie uns unterstellen, nicht allzu viel von Männern zu halten, dann kann ich nur entgegnen: Offensichtlich trauen Sie den Männern nicht zu, den Unterschied zwischen Komplimenten, Flirten und Übergriffen zu verstehen. Ich glaub, die meisten von ihnen schaffen das sehr wohl. Die, die uns trotzdem belästigen, die gegen unseren Willen unsere Grenzen überschreiten, die wollen nicht Sex. Die wollen schon gar keine Erotik, wenn sie Frauen kleinmachen, ohne Zustimmung an intimen Stellen anfassen und als „Sozialfut“ beschimpfen. Die wollen Macht.

Liebe junge Frauen, lasst euch nicht entmutigen durch Männer oder Frauen, die euch als lustlose Schnepfen oder humorbefreite Männerhasserinnen bezeichnen, wenn ihr sexuelle Übergriffe, egal ob verbal oder durch Handlungen als das bezeichnet, was sie sind. Sexuelle Gewalt. Macht den Mund auf und schämt euch nicht. Ihr seid nicht schuld, wenn jemand euch Gewalt antut. Niemals.

Im Leben hat sich durch Schweigen noch nie etwas verändert.

Freitag, 20. Oktober 2017

Poetry - Slam

Ich wurde ja für die Österreichische Poetry-Slam-Meisterschaft nominiert, und hab gestern an der Vorrunde teilgenommen. Lest und seht, wie es mir gegangen ist ;-)


https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=875748729248862&id=100004412293872

Samstag, 26. August 2017

I proudly present...

Ich hab da übrigens eine neue Webseite und freu mich sehr darüber.

https://www.silben-silber.at/

Viel Spaß beim Schmökern!

Dienstag, 22. August 2017

Eine feine Gesellschaft

Gestern bin ich über einen Artikel gestolpert, in dem eine über 50-jährige Frau meint, sie müsse gar nichts. Sich nicht die Haare färben, keinen Kopfstand beim Yoga machen, kein Smartphone besitzen und sich nicht altersentsprechend kleiden. Sie rechtfertigt sich dann einen ganzen Artikel dafür, warum sie das alles nicht muss, mit über 50.

Im ersten Moment habe ich genickt und gesagt: Eh klar.
Im zweiten Moment habe ich mich gefragt: Warum kommen die Frauen eigentlich mit 50 drauf, was sie wollen und nicht wollen? Warum nicht mit 37 oder 42? Das Leben ist reichhaltiger geworden mit über 50, es bietet mehr Falten, mehr schlaflose Nächte, mehr Hitzewallungen. Sonst hat sich nichts geändert.

Im dritten Moment hab ich mich gefragt, wie das denn in meinem Leben so ist. Ob ich mache, was die Gesellschaft von mir erwartet oder mich dagegen wehre. Und wer denn diese Gesellschaft überhaupt ist.
Noch nie hat mich die Fleischhauerin gezwungen, einen Kopfstand beim Yoga zu machen, nein, noch nicht mal den Sonnengruß, noch nie hat mich jemand dazu überredet, mir die Haare rot zu färben oder mich zu einem Waldlauf genötigt. Die Leute, die mich umgeben, lassen mich einfach so sein, wie ich bin.
Niemand schreibt mir vor, dass meine Röcke übers Knie reichen sollten und keine Sau möchte, dass ich in meinem Garten Thujen pflanze. Dem Bäcker ist es egal, ob ich das Brot in High Heels oder in Jogginghose kaufe. Oder in beidem. Niemand verlangt von mir, täglich Staub zu saugen. Also niemand außer meiner Tochter, aber die ist zwar eine wunderbare Gesellschaft, aber eben nicht DIE Gesellschaft. Außerdem bittet sie mich meistens ganz lieb, alle paar Monate. Oder saugt selbst.

Ich erlebe in meinem Alltag und in meinem Beruf weniger Vorurteile, als man so glauben möchte. Die demente ehemalige Bäuerin im Pflegeheim wirft einen Blick auf meine Latzhose und erzählt aus ihrem Leben in Armut. Der Richter bemerkt meine silbernen Sneakers nicht einmal, sondern überlegt die Route seiner für das Wochenende geplanten Radtour. Die Gutachterin ignoriert meine Speckröllchen im engen Kleid und fragt sich, ob sie es rechtzeitig zur Ballettaufführung ihrer Tochter schafft.

Der Gesellschaft rund um mich ist - auch wenn diese Erkenntnis weh tut - in Wirklichkeit wahrscheinlich blunzenwurscht, ob ich ayurvedischen Frühstücksbrei oder Eier mit Speck esse und ob ich Shopping Queen oder eine GEO-Reportage sehe. Die Gesellschaft da draußen hat nämlich ganz andere Sorgen. Dem Menschen ist nichts so interessant wie er selbst. Wir nehmen uns da vielleicht ein bisschen zu wichtig, in dem wir uns vormachen, die Gesellschaft schreibe uns vor, wie wir zu ticken und uns zu benehmen haben.

Ich glaub, diese Gesellschaft, die ständig Dinge von uns erwartet, die uns nicht erlaubt, in Flipflops ins Büro zu gehen und will, dass wir Sport betreiben anstatt Tiramisu zu essen, diese Gesellschaft, die ist nicht um uns herum, sondern in uns. Diese mieselsüchtigen, lustlosen Gesellen hocken in unseren Köpfen, in ihren Wollkostümchen und grauen Anzügen, umrandet von Thujenhecken. Sie trinken Kräutertee und stallieren uns aus. Haben ja auch sonst nichts zu tun.

Es liegt aber an uns, welche Gesellen wir einladen, da oben zu wohnen. Was wir ihnen zu trinken anbieten und womit wir sie füttern, mit Ängsten und Vorurteilen oder mit einem satten Gefühl. Wenn die Champagner trinken, das Leben in unseren Hirnen genießen und sich wohlfühlen, dann lassen sie uns auch mit ihren komischen Vorschriften in Ruhe.

Prost.

Samstag, 25. März 2017

Tatort

„Herrn S. von der Mordkommission zurückrufen“, stand auf dem Telefonzettel, als ich heute früh ins Büro kam, „dringend“.

Mir zieht es den Boden unter den Füßen weg. In meinem Kopf legt der Filmvorführer den Film ein. Jemand aus meiner Familie wurde ermordet. Raubmord kann ausgeschlossen werden, das werde ich dem Inspektor sagen. Obwohl... hoffentlich ist mein Schmuck noch da. Als ich vor einer Stunde mein Haus verlassen hab, lag mein Mann friedlich im Bett und mein Sohn saß auf dem Traktor. Vielleicht hat der Täter nur abgewartet, bis ich aus dem Haus bin, weil er weiß, dass ich einmal einen Selbstverteidigungskurs besucht habe.

Schnitt

Vielleicht ist aber jemand, den ich nicht so gerne mag, ermordet worden und ich stehe unter dringendem Tatverdacht. Hoffentlich habe ich ein Alibi. Ich gehe in Gedanken die letzten Tage durch und mir fällt nicht mehr ein, wo ich am Sonntag von 17 Uhr bis 18 Uhr 30 war. Ah ja. Im Wald joggen. Ich habe keine Zeugen. Die Schneeglöckchen werden ihre Köpfe senken und schweigen.
„Ist die Birgit da?“, frage ich die administrative Mitarbeiterin und bin über ihr „Ja“, nie erleichterter als jetzt.

Schnitt

Und wenn jemand, den ich liebe, einen Mord begangen hat? Mein Mann einen Ikea-Mitarbeiter mit dem Inbusschlüssel erstochen hat, weil ein paar Schrauben gefehlt haben? Oder die Billa-Kassiererin erwürgt hat? Vielleicht hatte er einfach keine Lust, auf ihr dreitausendstes „Hamma Billakarte?“ die immer gleiche Antwort zu geben. „I hob kane, ob Sie ane hobn, waß i net.“

„Wir plädieren auf Tötung im Affekt“, werde ich ihm sagen. Hoffentlich kommt er nicht in die Justizanstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. Dort haben wir uns nämlich kennengelernt und es wäre mir ein bisschen peinlich, ihn dort besuchen und die mitleidigen Blicke der Justizwachebeamten ertragen zu müssen.

Schnitt

Der Filmvorführer in meinem Kopf kann sich nicht entscheiden, ob er als nächstes die Filmrolle mit der Aufschrift „Komödie“ oder „Tragödie“ einlegt.

Wie gesagt, ich hab ja selber im Gefängnis gearbeitet und weiß, dass (fast) jeder von uns imstande ist, zu töten. Ich habe Mörder kennengelernt, über die man sagen würde „der kann doch keiner Fliege etwas zu leide tun.“ Mörder, die auch keiner Fliege etwas zuleide getan haben, aber Menschen.
„Schluss!“, schreie ich den Filmvorführer an, während ich mit zittrigen Fingern die Nummer wähle. Ihm fällt die Filmrolle aus der Hand.

Die Mama des Kommissars ist dement und er hätte gerne eine Beratung zum Thema Sachwalterschaft. Er wirkt erschöpft. Ich bin erleichtert.

So viele Gefühle immer.

Samstag, 28. Januar 2017

Die verschwundene Frau

Ihre Brüste sind riesige Akkus, prall gefüllt mit Energie. Der Säugling saugt sie ihr aus dem Leib, die Milch und die Energie. Die Brüste sind hartnäckig und füllen sich immer wieder neu. Um das Kind zu nähren. Vielleicht hoffen sie aber auch, dass irgendwann wieder ein bisschen Energie für die Frau übrig bleibt.

Seit der Geburt ihrer Kinder definiert die Frau sich nicht mehr als Frau, sondern als Muttertier. Dem Kind ist es egal, ob sie einen schlabbrigen Pullover oder ein schönes Kleid trägt. Das Kind spuckt drauf und sabbert alles voll. Wozu sich umziehen? Es wird wieder draufspucken, nachdem es ihre Brüste leergesaugt hat.

„Für wen soll ich mich denn schön machen“?, brüllt sie in den Spiegel.
„Für dich selbst“, flüstert der Spiegel, aber die Frau kann ihn nicht hören, weil das Kind gerade die Klospülung drückt. Vorher hat es die Socken hineingeschmissen und gesagt: „Mama hilft Wäsche wascht.“

Aus „Wie geht‘s dir?“ ist „Wie geht‘s den Kindern?“ geworden. Die Frau verschwindet hinter ihrer Brut, wird als Frau unsichtbar. Es ist so, als würde es sie als Individuum nicht mehr geben, nur im Doppelpack mit Kind. Sie wird nicht mehr gefragt, welches Buch sie liest - wozu auch, zum Lesen hat sie ohnehin kaum noch Zeit - , man will nicht mehr ihre Wortspenden zum Zeitgeschehen oder ihrem Liebesleben - wozu auch, für ein Liebesleben hat sie ohnehin keine Energie - nein, alles, was interessiert ist, ob das Kind jetzt endlich geschissen hat oder an Verstopfung zugrunde geht.

Hilfe, möchte sie schreien! "Ich gehe zugrunde, die körperliche Über- und geistige Unterforderung verstopft meine Lebendigkeit, wenn ihr mich nicht mehr als Frau, als Freundin, als Kollegin wahrnehmt, sondern nur noch als Mutter." Aber sie schreit nicht, sie lächelt, und tut so, als würde sie sich über vollgeschissene Windeln und Zähne, die es an die Oberfläche geschafft haben. Das erwartet man von Müttern. Es wäre unfair zu schreien, denkt sie, denn sie hat es gut erwischt, sie hat einen Mann, der nicht nur Schnitzel panieren und Karotten pürieren kann, sondern der auch Minizehennägel schneidet, Miniwunden verarztet und Minihäuser aus Duplo baut. Einen Mann, der nachts aufsteht und mit dem Minimenschen im Arm eine Runde auf dem Trampolin hüpft, damit sie wieder einschläft. Aber sie kann nicht einschlafen, weil sie sich schuldig fühlt, weil sie das Gefühl hat, als Mutter versagt zu haben.

Sie liebt ihre Kinder. Sie sind das beste, was ihr passiert ist. Am meisten Liebe für die Kinder spürt sie, wenn sie schlafen. Trotzdem sehnt sie sich danach, dass ihr Körper wieder ihr gehört. Dass sich niemand an sie klammert und schreit. Das Kind denkt, es heißt „Klotzenbein“. Wenn jemand die Frau plötzlich nach dem Namen fragt, sagt sie "Mama“, denn der am häufigsten gehörte Satz in ihrem Leben, das früher richtig spannend und abwechslungsreich war, ist: „Mama, schau!“ Und die Frau schaut, sie schaut auf Sandburgen, Plastilinmännchen und wie das Kind über die Treppen hüpft. Manchmal fallen ihr beim Schauen die Augen zu, wegen des chronischen Schlafmangels.

Manche Freundinnen der Frau haben plötzlich ganz wenig Zeit und einen völlig anderen Lebensrhythmus haben. Manche sagen geradeheraus , dass es sie stört, dass die Kinder der Frau ihre Gedanken und Gespräche unterbrechen. Als würde die Frau das unterhaltsam finden. Es gibt Freundinnen, die meiden die Frau, weil sie sie um ihr glückliches, trautes Leben mit Heim und Ofen und Kind beneiden. Die Frau beneidet sie um ihren Urlaub auf Hawaii.

Zum Glück gibt es auch Freundinnen im Leben der Frau, die sie aushalten. Die sie halten. Mit denen sie über zahnende Kinder und den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf reden kann. Über ihre Brustentzündung und über den Liebeskummer. Freundinnen, denen sie erzählen kann, wie einsam und erschöpft sie sich manchmal fühlt, trotz der Kinder. Wegen der Kinder. Freundinnen, die sie verstehen.
Freundinnen, die in der Stadt wohnen und sie manchmal besuchen.

Denn in dem Dorf, in dem die Frau lebt, ist sie fremd, eine Zugeraste. Sie hat keine Vorhänge, wählt die falsche Partei, geht nicht zum Feuerwehrfest und gehört nicht dazu. Hier ist ihr Haus, aber hier ist sie nicht daheim. Die Sandkistenmütter sind ein kleiner Trost. Aber sie ersetzen ihre Freundinnen nicht.

„Ich arbeite jetzt wieder“, erzählt sie den Sandkistenmüttern irgendwann stolz. Ein Kind ist 2 Jahre alt, das andere 6 Monate.
„Und das erlaubt dein Mann?“, fragen die Sandkistenmütter entsetzt.
„Ich weiß nicht. Ich hab ihn nicht gefragt", sagt die Frau.

*

Mehr als zwanzig Jahre ist das jetzt her. Obwohl ich so eine Rabenmutter war, sind meine Kinder großartige Menschen geworden. Meine Tochter „Klotzenbein“ ist nach Dänemark ausgewandert und ich vermisse sie sehr. Mein Sohn wohnt immer noch hier. Und er wäscht immer noch die Wäsche. Zum Glück nicht im Klo.

Montag, 19. Dezember 2016

Kommando Fünfter Advent

Tief unter Tag, in einem geheimen Bunker in einem geheimen Winkel der Welt, werden von einer geheimen Regierungsmannschaft die Geschicke eben dieser Welt geleitet.

„Heute ist alles anders als früher“, erklärte der Pressesprecher in einer Mailaussendung. „Früher haben wir hier die Fäden gezogen und die Marionetten auf der Erde tanzen lassen. Heute machen wir das alles über Computerprogramme. Nur der Minister für Krieg und Schrecken beharrt auf seiner antiquierten Methode.“

Der Angesprochene saß in sich versunken vor einer Weltkarte, vor sich eine Menge Playmobil-Figuren, die er auf dem Spielbrett aufbaute und die er mit vielen Tschinns und Krachs und Bumms aufeinander losgehen ließ. Er schien großen Spaß an der Sache zu haben. Hin und wieder warf er mit geschlossenen Augen eine Bombe auf die Karte und hielt sich die Ohren zu. Eine lange Kolonne von Männchen baute er zwischen Syrien und Deutschland auf.

Ein fetter Typ tippte in der Kommandozentrale etwas in die Tastatur und auf einem Bildschirm begannen Zahlenkolonnen zu tanzen.

Es war der ehemalige Staatssekretär für Dummheit und Zynismus, der - nachdem er die Ministerkollegen bestochen und erpresst hatte - einstimmig zum Präsidenten gewählt worden war und die Macht übernommen hatte.
„Ich hab eine Idee", verlautete er. „Wir lassen die Menschheit dieses Jahr so richtig durchknallen.“
„Was daran ist neu?“, fragte eines der Regierungsmitglieder. „Haben wir das nicht die letzten Jahre auch gemacht?“
„Da geht noch mehr.“ Der Präsident goss Wodka in die Gläser seiner Regierungsmannschaft. Ein Allheilmittel. „Prost.“
„Und wie sollen wir das machen?“
„Wir lassen die Dummen und Zynischen die Macht übernehmen.“
„So wie hier?“, fragte die Ministerin für Gerechtigkeit und Toleranz, die einzige Frau in der Regierung. Kaum hatte sie ausgesprochen, lag sie auch schon gefesselt und geknebelt in einer Ecke des Bunkers. Kritik war neuerdings nicht mehr erlaubt.

„Die Dummen und Zynischen die Macht übernehmen lassen?“, räumte der Aufsichtsratvorsitzende ein, „aber das haben wir doch schon. Erdogan, Orban,...“
„Da geht noch mehr“, brüllte der Präsident und rieb sich die Hände. „Ich will die Welt brennen sehen!“

Die Ministerin für Gerechtigkeit und Toleranz wälzte sich verzweifelt auf dem Boden. Sie versuchte ihre Fesseln zu lösen und stöhnte.

„Ihre Berichte bitte, meine Herren!“ Die Frauen waren nach und nach aus der Regierungsmannschaft gedrängt worden. „Die sollen sich um die Brutpflege kümmern“, waren die herrschenden Herren sich einig.

Der Klimaminister legte den Bericht des vergangenen Jahres auf den Tisch. „Die Welttemperatur ist auch im vergangenen Jahr wieder um ein paar Grad gestiegen“, sagte er.
„Macht nichts. Dreh einfach als Ausgleich die soziale Wärme zurück“, befahl der Präsident, „oder schalte sie überhaupt aus. Und baut Kohlekraftwerke. Die Welt braucht mehr Kohlekraftwerke!“
„Kohlekraftwerke? Paradoxe Intervention?“
„Hä?“, fragte der ehemalige Staatssekretär für Dummheit und Zynismus, der so komplizierte Wörter nicht kannte.

Der Weltsekretär für Leben und Tod mischte die Karten. „So, wer wird dieses Jahr dran glauben müssen?“
„Nimm ein paar Musiker. Kultur und Musik sind Opium für das Volk“, befahl der Präsident für Dummheit und Zynismus.
„Du meinst, ich soll Andreas Gabalier und Helene Fischer einfach sterben lassen?“
„Ich sagte Musiker. Prince, David Bowie, Leonard Cohen.“
„„Das wird die Leute aber traurig machen.“
„Das ist ja der Sinn der Sache.“
„Zu Befehl“, der Weltsekretär für Leben und Tod warf die Karten mit den Bildern der Musiker ins Feuer. „Hallelujah“, sang er leise. „Bob Dylan auch?“
„Nein, der kriegt den Nobelpreis.“ Der Präsident lachte über seinen eigenen Scherz.
„Es gibt keinen Nobelpreis für Musik, Sir.“
„Mir doch egal. Dann halt Mathematik, Chemie oder Physik.“
„Es gibt auch keinen Nobelpreis für Mathematik, Herr Präsident. Und Dylan hatte schlechte Noten in Physik und Chemie.“
„Dann nimm eben Literatur, aber hör endlich auf mich zu nerven!“ Der Weltsekretär für Leben und Tod senkte zerknirscht den Kopf. „Ja, Herr Präsident.“
„Und nimm Yasaturo Koide.“
„Wer ist das?“
„Ein Japaner, der älteste Mann der Welt. Sonst glauben die Leute noch, sie wären unsterblich. Und Fidel Castro und Muhammed Ali, die sind lang genug auf der Welt.“
„Wird erledigt. Was machen wir mit diesem Donald Trump? Den auch?“
„Um Gottes Willen!“ Der Präsident riss ihm die Karte aus der Hand. „Den brauchen wir noch. Den machen wir zum Präsidenten von Amerika.“
Der Minister für Leben und Tod starrte ihn mit offenem Mund an. „Den werden die Leute doch niemals wählen. So dumm sind nicht einmal die Amerikaner“.
„Du wirst dich wundern, was alles möglich ist. Wir haben die Idioten umprogrammiert. Die sind bisher aus Blödheit nicht wählen gegangen. Jetzt werden sie gehen, und jetzt sägen sie den Ast ab, auf dem sie sitzen. Wetten, dass das klappt? Sowohl beim Brexit als auch bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl?“
„Und wie soll das funktionieren?“
„Establishment! Wir erwähnen so oft wie möglich das Wort Establishment. Ho ho ho! Das kommt an bei den einfachen Leuten.“

„Was ist das?“ Der Präsident hielt seinen Zeigefinger auf ein kleines Land mitten in Europa. „Was ist damit?“
„Das ist Österreich. Dort lassen wir von Mai bis Dezember einen Bundespräsidenten wählen.“ Der Senator für auswärtige Angelegenheiten drückte ein paar Knöpfe. Auf einem der Monitore erschien eine TV-Konfrontation.
„So wahr mir Gott helfe!“, sagte der Mann mit Kornblume und diabolischem Grinsen. Die gesamte Mannschaft im Bunker lachte lauthals. „Es gibt immer noch Leute, die nichts von unserer Existenz wissen und glauben, dass Gott die Geschicke der Welt lenkt?“
„Oder Allah“, fügte der Senator hinzu.

„Lügner... Lügner... Lügner...“, tönte es aus dem Lautsprecher.
„Scheiße“, schrie der Senator, „mir ist eine Taste steckengeblieben. Der hört nicht mehr auf damit! Das könnte ihn den Sieg kosten, verdammt noch mal!“
„Lügner... Lügner... Lügner...“

Der Präsident rief den Beauftragten für private Schicksalsschläge zu sich.
Der sah ziemlich fertig und überarbeitet aus.

„Diese Frau Lehner, aus diesem kleinen Österreich, die schaut so glücklich und überheblich aus, wie sie da mit ihren Katzen unter dem Birnbaum sitzt. Der braten wir eins über.“
„Aber“, begann der Beauftragte, „wir haben die Schicksalsschläge für diese Region fast alle für ihre Freunde verbraucht. Herzinfarkte, Probleme mit den Kindern und der Arbeit, so Dinge halt.“

„Na gut, aber einen kleinen Denkzettel werden wir ihr doch verpassen können. Sie soll sich nicht so sicher fühlen, diese linke Zecke!“
„Ich kümmere mich darum.“ Der Beauftragte für private Schicksalsschläge griff zu seinem Baseballschläger.
„Nicht so plump. Wir machen das subtiler. Was ist ihr denn wirklich wichtig?“
„Die Kinder.“ Er klickte auf seinem Bildschirm auf eine hübsche junge Frau und zog sie aus dem Weinviertel nach Kopenhagen. „Oder soll ich Südafrika nehmen?“
„Nein, nein, Kopenhagen ist in Ordnung. Finnland ist weit entfernt genug.“
Der Beauftragte für Schicksalsschläge räusperte sich, wagte aber nicht, dem Präsidenten zu widersprechen.
„Was ist ihr noch wichtig?“
„Die Sprache.“
Er klickte auf auf ein paar Wörter und gab den Befehl „mischen“.
„Erdbeeren willst Zucker du Joghurt haben und mit “, lallte ich. Die Idioten in ihrem Bunker klopften sich auf die Schenkel und tranken noch mehr Wodka. Ich wurde auf der Neurologie aufgenommen.

*

Auf dem Birnbaum in meinem Garten leuchtet eine dänische Lichterkette. An seinen Ästen und Zweigen hängen Christbaumkugeln aus Holz und eine Weihnachtsgurke. Leise fallen die ersten Schneeflocken und glitzern im weihnachtlichen Licht. Unter dem Birnbaum sitzen - warm eingehüllt in dicke Jacken und Decken - wir. Wir, das sind Edward Snowden, Papst Franziskus, Meryl Streep und ich.
„Ich fand das übrigens voll cool“, sage ich zu Meryl, „die Sache, wie du dich als Donald Trump verkleidet und ihn lächerlich gemacht hast.“
„Das macht Donald Trump doch auch“, gibt sie lächelnd zurück, „sich als Donald Trump verkleiden und sich lächerlich machen.“ Wir lachen. So schön könnte der Adventabend sein, wenn nicht...
„Wir können nicht mehr weiter zuschauen, wie Idioten die Welt regieren“, beschließen wir alle vier und wärmen uns mit Glühwein.
„Wir müssen die Regierung hacken“, schlägt Edward vor.
„Ich kann nicht hacken“, sagt Jorge Mario, der Papst.
„Ich hab eine Hacke“, sage ich und hole das Werkzeug aus der Einfahrt. „Wir müssen die Ministerin für Gerechtigkeit und Toleranz befreien.“ Ich kremple die Ärmel hoch, doch dann halte ich inne. „Woher wissen wir überhaupt, wo sich der Regierungsbunker befindet?“
„Wir ignorieren die Realität“, schlägt Meryl vor, „wir scheißen auf die Fakten, das tun die anderen ja auch!“
Edward nimmt meinen Laptop, tippt konzentriert etwas ein und gibt uns die Koordinaten. Zum Glück ist der Bunker ganz in der Nähe.

„So wahr mir Gott helfe“, murmelt der Papst und ergreift Hacke und Schaufel.
„Gern“, murmelt Gott zurück.

Fast lautlos dringen wir in den Bunker ein. Ein unglaublicher Gestank nach den Ausdünstungen von Hass, Dummheit und Krieg erfüllt den Raum. Die Regierungsmannschaft liegt betrunken auf dem großen Sitzungstisch. Während Meryl die Schnüre durchschneidet, mit denen die Ministerin für Gerechtigkeit und Toleranz gefesselt worden ist und ihr den Knebel entfernt, legt Edward das Computersystem lahm und den Schalter für soziale Wärme auf ON. Er dreht ihn spürbar höher. „Bekomme ich bei dir Asyl?“, fragt er mich.
„Frohe Weihnachten“, wünscht Jorge Mario, als wir wieder unter dem Birnbaum sitzen und meine Katzen um seine Beine streifen. „Und ein Gutes Neues Jahr.“

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

Neu

Keine weiße Weste
Weihnachtsgeschichte in 3 Akten 1. „Iss noch...
testsiegerin - 16. Dez, 20:31
ignorier das und scroll...
ignorier das und scroll weiter nach unten.
testsiegerin - 27. Okt, 16:22
Wie guckt ihr das nur?...
Wie guckt ihr das nur? Bei mir kommt immer so'n Anmeldeformular...
iGing - 27. Okt, 16:21
Wouw!!!!
Das war ganz großes Kino, liebe Barbara! Dein...
Lo - 27. Okt, 13:03
aber wir gehören...
aber wir gehören wenigstens zu den guten, meinst...
bonanzaMARGOT - 27. Okt, 11:00
... und dann noch die...
... und dann noch die frauen, die männer sexuell...
bonanzaMARGOT - 27. Okt, 10:47
nicht mein ding - aber...
nicht mein ding - aber hut ab!
bonanzaMARGOT - 27. Okt, 10:41
die Fehlentwicklung des...
Mittlerweile melden sich allerorten Frauen, die von...
steppenhund - 26. Okt, 22:26

Web Counter-Modul


Briefverkehr mit einem Beamten
Erlebtes
Femmes frontales
Forschertagebuch
Gedanken
Gedichte
Geschichten
Glosse
In dreißig Tagen um die Welt
Kurzprosa
Lesungen
Menschen
Sex and the Country
Toll3ste Weiber
Vita
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren

kostenloser Counter