Die Liste - 4
Nachdem er sich die Krawatte um den Hals gebunden hatte, trat er nervös einen Schritt zur Seite und betrachtete sich im großen Spiegel seines Kleiderschrankes.
Laut Listen Nr. 54 (Kleidung allgemein) – 2 (Oberbekleidung) – 1 (Hemden) und 54 – 6 (Krawatten und Fliegen), die er mit den Listen Nr. 214 (Mode allgemein) und Nr. 214 – 2 (Farben und wie sie harmonieren) kombiniert hatte, müsste er mit dem Ergebnis zufrieden sein. Er begann unten, bei seinen Füßen, die in schwarzen, bis zu den Knien hochgezogenen Strümpfen steckten, und wanderte mit den Augen langsam hinauf. Über seine dünnen, weißen Schienbeine, die beinahe unbehaarten Oberschenkel, seine labberige, weiße Unterhose; er hatte das Hawaii-Hemd nicht zugeknöpft, wollte lediglich prüfen, ob das Rot der Krawatte zu dem Blau passte. Er stellte fest, dass er keine Ahnung hatte. Trotzdem konnte er den Blick nicht von seinem Spiegelbild lösen. Er war so mager, dass er die Knochen seines Brustkorbes erkennen konnte. Auf seiner Brust sprossen ein paar vereinzelte, schwarze Härchen. Er versuchte, sich zu erinnern, wann er zum letzten Mal nackt vor einem Spiegel gestanden hatte. Ihm war bewusst, dass er keine Zeit hatte, er musste sich ja noch um so viele Dinge kümmern. Dennoch streifte er die Strümpfe ab, zog Unterhose und Hemd aus, vergaß beinahe die Krawatte, trat wieder vor den Kleiderschrank und sah sich so lange in die Augen, bis alles verschwamm und er nichts mehr erkannte. Erst dann traute er sich wieder, das mit Haut überzogene Skelett zu betrachten. Sofort brachte er sein krummes Rückgrat in Ordnung, streckte die Brust raus und zog die Schultern zurück. Er war so weiß. Überall. Genau an der Grenze, um nicht krank zu wirken. Oder tot, dachte er. Hatte sein Körper jemals die Sonne gesehen? Ein paar Muskeln in seinem Gesicht bewegten sich. Nur für eine Millisekunde. In tausendfacher Zeitlupe abgespielt, hätte man die Verachtung erkennen können, die über sein Gesicht huschte.
Vor Jahren, er musste so um die dreißig gewesen sein, verbrachten er und seine Mutter eine Woche am Gardasee. In ihrem Wohnwagen. Es war heiß gewesen. Am ersten Tag wollte er nur in Badehose mit ihr an den Strand. Sie hatte es ihm nicht direkt verboten. Verbote hatte sie sowieso so gut wie nie ausgesprochen. In weinerlichem Tonfall hatte sie gesagt: „Der Bruder von Gerda ist an Hautkrebs gestorben. Der war auch so blass wie du. Willst du an Hautkrebs krepieren?“ Sie war dicht vor ihn getreten, sodass er ihre feuchten Augen sehen konnte und hatte ihm stumm eine lange Stoffhose und einen Pullover gereicht. Dieses Bild, als seine Mutter streng, vorwurfsvoll, enttäuscht und traurig zugleich vor ihm stand, veränderte seine Miene für einen Wimpernschlag in eine Fratze. Er zwang sich, nicht weiterzudenken. Wie so oft. Wie immer. Sonst würde er nur wieder bei dem einen Wort ankommen. Freiheit. Und wie immer würde er nichts damit anzufangen wissen und ihm würde übel werden.
Außerdem wurde es endlich Zeit, einen Plan zu machen. Neue Listen mussten her, Zeitabläufe über den Haufen geworfen werden. Er musste endlich handeln.
Fortsetzung folgt
Laut Listen Nr. 54 (Kleidung allgemein) – 2 (Oberbekleidung) – 1 (Hemden) und 54 – 6 (Krawatten und Fliegen), die er mit den Listen Nr. 214 (Mode allgemein) und Nr. 214 – 2 (Farben und wie sie harmonieren) kombiniert hatte, müsste er mit dem Ergebnis zufrieden sein. Er begann unten, bei seinen Füßen, die in schwarzen, bis zu den Knien hochgezogenen Strümpfen steckten, und wanderte mit den Augen langsam hinauf. Über seine dünnen, weißen Schienbeine, die beinahe unbehaarten Oberschenkel, seine labberige, weiße Unterhose; er hatte das Hawaii-Hemd nicht zugeknöpft, wollte lediglich prüfen, ob das Rot der Krawatte zu dem Blau passte. Er stellte fest, dass er keine Ahnung hatte. Trotzdem konnte er den Blick nicht von seinem Spiegelbild lösen. Er war so mager, dass er die Knochen seines Brustkorbes erkennen konnte. Auf seiner Brust sprossen ein paar vereinzelte, schwarze Härchen. Er versuchte, sich zu erinnern, wann er zum letzten Mal nackt vor einem Spiegel gestanden hatte. Ihm war bewusst, dass er keine Zeit hatte, er musste sich ja noch um so viele Dinge kümmern. Dennoch streifte er die Strümpfe ab, zog Unterhose und Hemd aus, vergaß beinahe die Krawatte, trat wieder vor den Kleiderschrank und sah sich so lange in die Augen, bis alles verschwamm und er nichts mehr erkannte. Erst dann traute er sich wieder, das mit Haut überzogene Skelett zu betrachten. Sofort brachte er sein krummes Rückgrat in Ordnung, streckte die Brust raus und zog die Schultern zurück. Er war so weiß. Überall. Genau an der Grenze, um nicht krank zu wirken. Oder tot, dachte er. Hatte sein Körper jemals die Sonne gesehen? Ein paar Muskeln in seinem Gesicht bewegten sich. Nur für eine Millisekunde. In tausendfacher Zeitlupe abgespielt, hätte man die Verachtung erkennen können, die über sein Gesicht huschte.
Vor Jahren, er musste so um die dreißig gewesen sein, verbrachten er und seine Mutter eine Woche am Gardasee. In ihrem Wohnwagen. Es war heiß gewesen. Am ersten Tag wollte er nur in Badehose mit ihr an den Strand. Sie hatte es ihm nicht direkt verboten. Verbote hatte sie sowieso so gut wie nie ausgesprochen. In weinerlichem Tonfall hatte sie gesagt: „Der Bruder von Gerda ist an Hautkrebs gestorben. Der war auch so blass wie du. Willst du an Hautkrebs krepieren?“ Sie war dicht vor ihn getreten, sodass er ihre feuchten Augen sehen konnte und hatte ihm stumm eine lange Stoffhose und einen Pullover gereicht. Dieses Bild, als seine Mutter streng, vorwurfsvoll, enttäuscht und traurig zugleich vor ihm stand, veränderte seine Miene für einen Wimpernschlag in eine Fratze. Er zwang sich, nicht weiterzudenken. Wie so oft. Wie immer. Sonst würde er nur wieder bei dem einen Wort ankommen. Freiheit. Und wie immer würde er nichts damit anzufangen wissen und ihm würde übel werden.
Außerdem wurde es endlich Zeit, einen Plan zu machen. Neue Listen mussten her, Zeitabläufe über den Haufen geworfen werden. Er musste endlich handeln.
Fortsetzung folgt
testsiegerin - 14. Sep, 09:07