Samstag, 15. September 2012

Die Liste - 5

Eineinhalb Jahre lang hatte alles reibungslos funktioniert. Eineinhalb Jahre lang hatte er auch nicht vergessen, etwas Wichtiges in die Liste einzutragen.
Der Tod seiner Mutter war völlig überraschend eingetreten, sie hatte weder an Übergewicht, Bluthochdruck noch Diabetes gelitten, ganz im Gegenteil, sie war drahtig und dürr, und diese Statur hatte sie ihm vererbt, leider. Sie war auch nicht am gefürchteten Hautkrebs erkrankt, denn wie er mied sie das Sonnenlicht.
Eines Morgens war sie einfach tot im Bett gelegen, ganz ohne sein Zutun. Frank hatte zum Telefonhörer gegriffen um den Arzt anzurufen, das machte man wohl so. Er fragte sich, woher jeder wusste, was in so einer Situation zu tun ist, obwohl man im Leben nur sehr selten in Situationen wie diese geriet, als plötzlich mit voller Wucht eine ungestüme Welle der Verzweiflung über ihn schwappte. Er ließ den Telefonhörer sinken und weinte. Nicht aus Trauer über den Tod seiner Mutter, die fühlte sich nicht annähernd so schlimm an wie beim Tod seines Hamsters vor dreißig Jahren. Die Welle bestand aus purem Selbstmitleid. Was wird jetzt aus mir?, fragte er sich, wieder und wieder. Was wird jetzt bloß aus mir?
Da die Antwort auf sich warten ließ, lebte er erst einmal einfach so weiter wie bisher. Wenn man über das Geschehene nicht nachdachte, es einfach einmal zur Seite legte, dachte Frank, würde es von seiner Bedrohlichkeit verlieren.
Er holte also wie jeden Morgen vom Bäcker einen Liter Milch und drei Brötchen, eines für seine Mutter, zwei für sich, und frühstückte. Nach dem Frühstück setzte er sich an den Computer und arbeitete an seinen Listen weiter, während seine tote Mutter unter der dünnen Decke im Bett lag. Das hätte ihr gefallen, dachte er, diese Alliteration. Oder dunkelblaue, dünne Daunendecke. Wenigstens motzte sie nicht.

Erst vier Tage nach dem Tod seiner Mutter wurde Frank bewusst, dass der Tod sich nicht einfach zur Seite schieben ließ. „Riechen Sie das auch?“, hatte ihn eine Nachbarin im Stiegenhaus gefragt.
Panik war in ihm aufgestiegen. Seine Unfähigkeit, Gerüche wahrzunehmen, war oft von Vorteil gewesen, nach dem Turnunterricht in der Garderobe zum Beispiel, oder beim Kloputzen. Jetzt nicht.
„Vielleicht tote Ratten im Keller“, hatte er geantwortet, „hat wieder wer Rattengift ausgelegt.“ Danach war er in sein Zimmer gestürzt und hatte eine Liste geschrieben, die er vor dem Ausdrucken alphabetisch sortieren ließ.
Eimer, Hammer, Keller, Kies, Maurerkelle, Wasser, Wasserwaage, Zement.

Eineinhalb Jahre lang war alles gutgegangen. Hätte er bloß nicht vergessen, den Termin für die Untersuchung wegen der Höhe des Pflegegelds für seine Mutter in die Liste einzutragen. Hatte er aber. Jetzt hatte er den Termin und damit sämtliche damit verbundenen Vorbereitungen versäumt. Der Arzt hatte für übermorgen einen Hausbesuch angekündigt. Übermorgen. Wie sollte er das alles so kurzfristig auf die Reihe kriegen?

Neue Liste öffnen. Ohne Tabelle auf dem Bildschirm konnte er nicht nachdenken. Obwohl die Tabellen ständig vor seinen Augen waren, sogar im Traum. Es spielte jetzt keine Rolle, auf welcher Seite der Gitterstäbe er sich befand. Dämlicher Therapeut, der hatte keine Ahnung vom Leben. Die Liste öffnete sich. Das Wichtigste zuerst.
Erstens: Mutter.
Er brauchte dringend eine neue Mutter. Keine, die vorwurfsvoll „Immer lässt du mich allein“ seufzte, wenn er jeden ersten Montag im Monat zum Treffen der Münzenfreunde, einem Verein für Numismatiker, ging. Sondern eine, die der medizinische Sachverständige untersuchen konnte. Vielleicht ja ein schwachverständiger Sachverständiger.

Die arbeitslose ältere Schauspielerin, die er bereits zweimal für ähnliche Gelegenheiten engagiert und gut bezahlt hatte, urlaubte auf Mallorca. Wo sollte er auf die Schnelle eine andere Mutter hernehmen?

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

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Wie geht es unserer Testsiegerin?
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Lo - 5. Feb, 17:25
Vielen Dank! Du findest...
Vielen Dank! Du findest mehr von mir auf facebook ;-)
testsiegerin - 30. Jan, 10:40
Kurschatten ' echt keinen...
auch wenn diese deine Kur schon im Juni...xx? war,...
kontor111 - 29. Jan, 09:13
zum entspannen...Angel...meint
wenn ich das nächste Mal im Bett liege, mich verzweifelt...
kontor111 - 29. Jan, 08:44
"Pinguin"
"Pinguin"
bonanzaMARGOT - 11. Mär, 11:11
Sleepless im Weinviertel
Ich liege im Bett. Ich bin müde. Ich lese. Eine Romanbiografie...
testsiegerin - 13. Jan, 11:30
... ich könnte mal wieder...
... ich könnte mal wieder eine brasko-geschichte schreiben.
bonanzaMARGOT - 8. Jan, 07:05
OHHH!
OHHH! Hier scheint bei Twoday etwas nicht zu stimmen. Hoffentlich...
Lo - 7. Jan, 13:36

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