Schuldig
Der Staatsanwalt plädiert selbstzufrieden auf Schuldig im Sinne der Anklage.
„Welcher Verbrechen habe ich mich schuldig gemacht?“
Der Richter lächelt milde, obwohl er mich hart bestrafen wird. „Denken Sie einmal scharf nach, Frau Lehner.“
Ich denke scharf nach, obwohl mir das um diese Uhrzeit schwer fällt. Ich fühle mich augenblicklich schuldig, wie ich mich schuldig fühle, wenn ich ein Polizeiauto sehe oder einen eingeschriebenen Brief bekomme oder einen Anruf der Bank. Mir fällt kein konkretes großes Vergehen ein, gegen das ich verstoßen haben soll, nur viele kleine. Vielleicht ist es ja die Summe dieser Vergehen, die das Fass zum Überlaufen gebracht hat wie ein sanfter, sanfter Regenguss, auf den eine schreckliche Mure folgt.
„Die sieben Todsünden und so?“, schlage ich vor. Mit denen bin ich auf Du und Du. Auch wenn mir manchmal ihre Namen nicht einfallen.
Die Wollust, die ist leicht. Die wichtigste. Die schönste auch. Die Trägheit. Liegt grad neben mir im Bett. Nein, ich meine nicht meinen Mann. Der hat es gut. Er ist nie an irgendetwas schuld, zumindest fühlt er sich nie schuldig; zumindest tut er so, weil er die Schuld, sobald sie auch nur in seine Nähe kommt, brüsk von sich stößt und diese mit aller Wucht auf mich fällt. Also Wollust und Trägheit. Stolz, natürlich. Und wie stolz ich auf alles bin. Auf meine Erfolge, meine Kinder, meine Talente, meinen Rhabarberstrudel. Wollust, Trägheit, Stolz. Drei haben wir schon. Fehlen noch vier. Wie konnte ich auf die Maßlosigkeit vergessen? Genug ist nie genug. Ich halte gern ein Maß.
Der Richter trommelt mit den Fingerkuppen auf die alte Richterbank aus Mahagoni. „Na Frau Lehner?“
„Die Ungeduld. Ich bekenne mich der Ungeduld schuldig.“
Jetzt wird das Lächeln des Richters spöttisch. „Sie sind so einfältig.“
Einfalt auch? Ungeduld und Einfalt gehören doch gar nicht zu den Big Seven. Trotzdem nervt sie, die Ungeduld, mit allen, die langsam, dumm und ahnungslos sind.
„Ich gelobe Besserung, Herr Rat.“ Vielleicht erhöht das meine Chancen auf eine milde Strafe. „Neid?“, frage ich unsicher. „Neid und Geiz?“
„Wie jetzt“, seine Ungeduld wird größer, „entscheiden Sie sich!“
„Beides. Ich entscheide mich für beides“, klaue ich das Lieblingswort meiner Freundin. Ich beneide sie um ihr Lieblingswort. Meines ist Liebe. Beides klingt viel verwegener, unbescheidener, so viel maßloser als die abgeschmackte Liebe. Die wir abgeschmackt haben, weil wir ihr Wort und ein bisschen auch sie selbst täglich missbrauchen. Aber Wollust als Lieblingswort war auch schon vergeben, das hat die andere Freundin sich gegrabscht. Hätte ich Zeit zum Nachdenken gehabt, ich hätte mir ein anderes Wort als Lieblingswort ausgesucht. Habseligkeiten vielleicht, oder ein anderes vom Aussterben bedrohtes Wort. Die Liebe ist auch vom Aussterben bedroht. Irgendwann wird sich niemand mehr daran erinnern können, sie niemand mehr sehen wollen, weil sie durch die ständigen Vergewaltigungen unansehnlich und bedeutungslos geworden ist.
„Waren wir jetzt schon durch mit den Todsünden?“, schaue ich zum Richter hoch und zähle sie alle noch einmal auf Stolz, Trägheit, Maßlosigkeit, Wollust, Neid, Geiz, Ungeduld und Einfalt. Was noch? Mir fällt keine mehr ein. "Ich werde später die Todsünden lernen, und zwar so, dass ich sie mir auch bestimmt merke“, verspreche ich dem Richter, dem das egal zu sein scheint.
Er klopft mit dem Hammer auf die Stelle der Richterbank, die vom vielen Verurteilen, von vielen Vorurteilen, schon eine tiefe Delle hat. Zum Ersten, zum Zweiten... Ich denke nach. Soll ich noch höher gehen?
„Ich bin Mutter“, presse ich hervor, „damit bin ich per Definitionem an allem schuld.“
„Und zum Dritten.“
Stille im Verhandlungssaal. „Frau Lehner ist schuldig im Sinne der Anklage“. Der Staatsanwalt klopft sich stolz an die Brust. Der Richter rollt mein prallgefülltes Vorstrafenregister auf. Ich halte mir Augen und Ohren zu, aber das will nicht klappen, mit 2 Händen und 4 Sinnesorganen.
„Mildernd ist die tätige Reue.“
Nein, ich bereue nichts, denke ich, nicke aber theatralisch zu den Worten des Richters. Ich bereue nur, worauf ich mich nicht eingelassen habe. Aber das gebe ich nicht zu.
„Mildernd wirkt auch das Geständnis der Angeklagten. Frau Lehner, Sie haben das letzte Wort.“
Mein Verteidiger, denke ich, wo ist mein Verteidiger? Sie haben mir keinen zur Seite gestellt, nicht mal einen klitzekleinen, unfähigen Pflichtverteidiger in Ausbildung.
Stroboskopblitze im Saal. Journalisten mit Plüschmikrofonen. Alle warten darauf, dass ich etwas sage.
Geschwätzigkeit, denke ich, Geschwätzigkeit ist meine siebente Todsünde.
Und schweige.
„Welcher Verbrechen habe ich mich schuldig gemacht?“
Der Richter lächelt milde, obwohl er mich hart bestrafen wird. „Denken Sie einmal scharf nach, Frau Lehner.“
Ich denke scharf nach, obwohl mir das um diese Uhrzeit schwer fällt. Ich fühle mich augenblicklich schuldig, wie ich mich schuldig fühle, wenn ich ein Polizeiauto sehe oder einen eingeschriebenen Brief bekomme oder einen Anruf der Bank. Mir fällt kein konkretes großes Vergehen ein, gegen das ich verstoßen haben soll, nur viele kleine. Vielleicht ist es ja die Summe dieser Vergehen, die das Fass zum Überlaufen gebracht hat wie ein sanfter, sanfter Regenguss, auf den eine schreckliche Mure folgt.
„Die sieben Todsünden und so?“, schlage ich vor. Mit denen bin ich auf Du und Du. Auch wenn mir manchmal ihre Namen nicht einfallen.
Die Wollust, die ist leicht. Die wichtigste. Die schönste auch. Die Trägheit. Liegt grad neben mir im Bett. Nein, ich meine nicht meinen Mann. Der hat es gut. Er ist nie an irgendetwas schuld, zumindest fühlt er sich nie schuldig; zumindest tut er so, weil er die Schuld, sobald sie auch nur in seine Nähe kommt, brüsk von sich stößt und diese mit aller Wucht auf mich fällt. Also Wollust und Trägheit. Stolz, natürlich. Und wie stolz ich auf alles bin. Auf meine Erfolge, meine Kinder, meine Talente, meinen Rhabarberstrudel. Wollust, Trägheit, Stolz. Drei haben wir schon. Fehlen noch vier. Wie konnte ich auf die Maßlosigkeit vergessen? Genug ist nie genug. Ich halte gern ein Maß.
Der Richter trommelt mit den Fingerkuppen auf die alte Richterbank aus Mahagoni. „Na Frau Lehner?“
„Die Ungeduld. Ich bekenne mich der Ungeduld schuldig.“
Jetzt wird das Lächeln des Richters spöttisch. „Sie sind so einfältig.“
Einfalt auch? Ungeduld und Einfalt gehören doch gar nicht zu den Big Seven. Trotzdem nervt sie, die Ungeduld, mit allen, die langsam, dumm und ahnungslos sind.
„Ich gelobe Besserung, Herr Rat.“ Vielleicht erhöht das meine Chancen auf eine milde Strafe. „Neid?“, frage ich unsicher. „Neid und Geiz?“
„Wie jetzt“, seine Ungeduld wird größer, „entscheiden Sie sich!“
„Beides. Ich entscheide mich für beides“, klaue ich das Lieblingswort meiner Freundin. Ich beneide sie um ihr Lieblingswort. Meines ist Liebe. Beides klingt viel verwegener, unbescheidener, so viel maßloser als die abgeschmackte Liebe. Die wir abgeschmackt haben, weil wir ihr Wort und ein bisschen auch sie selbst täglich missbrauchen. Aber Wollust als Lieblingswort war auch schon vergeben, das hat die andere Freundin sich gegrabscht. Hätte ich Zeit zum Nachdenken gehabt, ich hätte mir ein anderes Wort als Lieblingswort ausgesucht. Habseligkeiten vielleicht, oder ein anderes vom Aussterben bedrohtes Wort. Die Liebe ist auch vom Aussterben bedroht. Irgendwann wird sich niemand mehr daran erinnern können, sie niemand mehr sehen wollen, weil sie durch die ständigen Vergewaltigungen unansehnlich und bedeutungslos geworden ist.
„Waren wir jetzt schon durch mit den Todsünden?“, schaue ich zum Richter hoch und zähle sie alle noch einmal auf Stolz, Trägheit, Maßlosigkeit, Wollust, Neid, Geiz, Ungeduld und Einfalt. Was noch? Mir fällt keine mehr ein. "Ich werde später die Todsünden lernen, und zwar so, dass ich sie mir auch bestimmt merke“, verspreche ich dem Richter, dem das egal zu sein scheint.
Er klopft mit dem Hammer auf die Stelle der Richterbank, die vom vielen Verurteilen, von vielen Vorurteilen, schon eine tiefe Delle hat. Zum Ersten, zum Zweiten... Ich denke nach. Soll ich noch höher gehen?
„Ich bin Mutter“, presse ich hervor, „damit bin ich per Definitionem an allem schuld.“
„Und zum Dritten.“
Stille im Verhandlungssaal. „Frau Lehner ist schuldig im Sinne der Anklage“. Der Staatsanwalt klopft sich stolz an die Brust. Der Richter rollt mein prallgefülltes Vorstrafenregister auf. Ich halte mir Augen und Ohren zu, aber das will nicht klappen, mit 2 Händen und 4 Sinnesorganen.
„Mildernd ist die tätige Reue.“
Nein, ich bereue nichts, denke ich, nicke aber theatralisch zu den Worten des Richters. Ich bereue nur, worauf ich mich nicht eingelassen habe. Aber das gebe ich nicht zu.
„Mildernd wirkt auch das Geständnis der Angeklagten. Frau Lehner, Sie haben das letzte Wort.“
Mein Verteidiger, denke ich, wo ist mein Verteidiger? Sie haben mir keinen zur Seite gestellt, nicht mal einen klitzekleinen, unfähigen Pflichtverteidiger in Ausbildung.
Stroboskopblitze im Saal. Journalisten mit Plüschmikrofonen. Alle warten darauf, dass ich etwas sage.
Geschwätzigkeit, denke ich, Geschwätzigkeit ist meine siebente Todsünde.
Und schweige.
testsiegerin - 19. Jul, 10:15