Sonntag, 18. August 2013

Martin will nicht stören

Martin ist unglücklich verheiratet. „Ich weiß, damit bin ich nicht alleine“, sagt er. Seine Frau wäre eine wunderbare Mutter ihrer gemeinsamen Tochter, aber sie interessiere sich nicht für Sex oder Zärtlichkeiten. Nur für den Schrebergarten und die Gartenzwerge, und wenn Martin das erzählt, klingt er ein wenig verbittert. Er habe doch nur ganz normale männliche Bedürfnisse, sagt er.
Früher, vor dem Kind, da war das ein bisschen besser, aber auch nicht viel. Da ging noch hin und wieder was, und außerdem war da noch die Hoffnung.
Die Mutter seiner Frau nämlich, also seine Schwiegermutter, die wäre sehr temperamentvoll - als Martin das erzählt, verschwindet die Traurigkeit für ein paar Momente aus seinen Augen. Nein, er habe natürlich nicht mit der Schwiegermutter, er lacht, niemals hätte er so etwas getan, obwohl gedacht habe er schon daran. Die Hoffnung habe er wegen der Gene gehabt. Gehofft habe er halt, dass seine Frau ein bisschen mehr Charaktereigenschaften von ihrer Mutter entwickle, wen sie älter würde. Na ja, war wohl nichts.

Manchmal geht Martin in einen Club. In „Angelikas Wunderland“. Nein, seine Frau wisse nichts davon. Seine mausgraue Frau mit dem mausgrauen Haar, mausgrauen schmalen Lippen und dem mausgrauen Namen Helga habe keine Ahnung davon.

Das einzig Bunte in Helgas Leben sind die Zipfelmützen ihrer Gartenzwerge. Damit sie schön glänzen, putzt sie die Kerle und ihre Mützen mit Kernseife, die vertragen sie gut. Zweimal im Jahr werden sie frischgestrichen, im Frühjahr und im dunkelblauen Herbst. Die Helga hat die schönsten Gartenzwerge vom ganzen Schrebergartenverein.
Was Martin nicht weiß: Helga ist gar nicht so mausgrau, wie er denkt; aber nur, wenn Martin nicht da ist. Wenn Martin sagt, dass er Kegeln geht oder Bauernschnapsen, und in Wahrheit hinaus ins Industriegebiet, in den Club fährt, treibt Helga es mit dem stellvertretenden Schriftführer vom Schrebergartenverein. Was Martin außerdem nicht weiß: Herbert, der stellvertretende Schriftführer vom Schrebergartenverein, hat beim Sex mit Helga eine Zipfelmütze auf. Das entlockt ihr nämlich die spitzesten Lustschreie aller Frauen des Schrebergartenvereins, aber das wissen weder Martin noch Helga selbst, die glaubt, sie wäre die einzige, der Herbert Schreie so spitz wie die Zipfelmützen entlockt. „Steck mir deinen Zipfel in meine Elfenhöhle“, sagt Helga und während sie solche Dinge sagt, wechselt ihre Gesichtsfarbe von einem blassen Mausgrau zu einem glühenden Rot.

Martin geht manchmal in den Club. Er ist ein höflicher, zurückhaltender Mensch, auch im Club. Meistens schaut er nur. Martin will nicht stören. Vor kurzem hat er in Angelikas Wunderland ein Paar kennengelernt. Er lernt oft Paare kennen dort, erzählt ihnen ein bisschen von seinem Leben als EDV-Spezialist und von seiner unglücklichen Ehe mit Helga. Die Menschen, denen er das erzählt, haben dann Mitgefühl mit Martin. „Ach, du Armer“, sagen sie, „du hast es auch nicht leicht.“ Sie haben Verständnis für seine Clubbesuche und waschen ihn damit ein bisschen von seiner Schuld frei.
Martin fühlt sich trotzdem schuldig. Er ist keiner von den Männern, die auswärts essen, weil es ihnen zu Hause nicht schmeckt. Er ist einer von denen, die heimwärts verhungern.
Zweimal im Monat oder so, erzählt er, das würde ihm doch schon reichen, er erwarte auch keine besonderen Perversionen, aber Helga sage immer: „Nicht jetzt, die Kleine“, oder - wenn die Kleine bei ihrer Mutter schlafe - nur „nicht jetzt.“

Martin weiß nicht, dass Helga mit dem stellvertretenden Schriftführer des Kleingartenvereins „Zur goldenen Zukunft“ fickt. Früher, als Herbert noch nicht stellvertretender Schriftführer, sondern noch Kassaprüfer war, hat sie mit seinem Vorgänger, dem damaligen stellvertretenden Schriftführer, geschlafen. Auch für ihn hat sie Zipfelmützen gestrickt. Ein Fetisch von Helga. Sie hat eine Schwäche für stellvertretende Schriftführer. Für Gartenzwerge. Und für Zipfelmützen. Drei Schwächen.

Martin sucht keine wilden Orgien in Angelikas Wunderland. Er sucht Menschen, die ihn verstehen. „Ihr seid ein schönes Paar“, sagt er zu dem schönen Paar, welches das erste Mal im Club ist, und das schöne Paar freut sich. Das wiederum freut Martin, weil er Menschen gerne eine Freude bereitet.
„Ich hoffe, meine Anwesenheit stört euch nicht“, sagt er zu dem schönen Paar, denn Martin will nicht stören.
Er schaut zu, wie der Mann des schönen Paars vor der Frau des schönen Paars in die Knie geht und sie leckt. Martin schaut nur, er fasst sich auch nicht an dabei, aus Angst, es könnte das schöne Paar stören. Er würde die schöne Frau gerne berühren oder gar lecken, aber er fragt nicht. Helga möchte nicht geleckt werden. „Das ist ja pervers, wenn du mich da untenrum küsst“, hat sie gesagt, als er es einmal versucht hat.

Martin will das schöne Paar nicht stören. Als er merkt, wie ineinander versunken sie sind und wie die schöne Frau den Kopf des schönen Mannes gegen ihren Unterleib presst, schleicht er sich leise davon. Still freut er sich über das Glück des schönen Paars, das sich alles andere als still daran erfreut.
Martin schaut noch ein paar anderen Paaren zu, erzählt ein wenig von seiner unglücklichen Ehe und dass er nicht stören will.
Dann fährt er nach Hause zu seiner Frau. Helga schläft schon. Als seine Hand sich behutsam zwischen ihre Schenkel drängt, presst sie diese abrupt zusammen und sagt: „Nicht jetzt. Die Kleine!“

„Irgendwann“, nimmt Martin sich mutig vor, bevor er einschläft, „irgendwann frag ich so ein schönes Paar einfach, ob ich die schöne Frau auch ein wenig lecken darf.“
Oder – und das wagt er beinahe nicht zu denken – oder seine Schwiegermutter.

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

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