Briefverkehr 24
Lieber Herwig,
sagtest du tatsächlich „eine Frau mittleren Alters“?
Ich bin noch nicht mal Mitte Vierzig, mein Lieber, und zwar übermorgen. Nix mittleres Alter, ich stehe in der Blüte meines Lebens und strotze vor jugendlicher Frische. Trotzdem brauchst du mich nicht wie ein kleines Kind zu behandeln, die Straße hätte locker einen Hunderter vertragen, die kenne ich wie meine Einkaufstasche. Vor dem Einkauf, wohlgemerkt.
Und das Licht ist seit kurzem kaputt, ich weiß, seit ein paar Wochen cirka, aber ich fahre ohnehin kaum nachts.
Ja, jetzt weißt du es also, dass ich gar nicht im Orient war. Kurz hab ich ja überlegt, dir jetzt ein paar grandiose Ausreden aufzutischen, wie zum Beispiel, dass ich mich mit der Sommer- und Winterzeit geirrt habe, aber ich bin ganz schlecht in Mathematik und ich weiß nie, ob es jetzt früher oder später ist, wenn die Uhr zurückgestellt wird, also hätte das nichts getaugt. Im Tag hätte ich mich irren können, oder den Twingo einer Freundin geborgt haben, aber das hätte auch blöd geklungen, weil du mich ja auf dem Bild erkannt hast. Na gut, ich hätte sagen können, jemand hat mein Auto gestohlen und hat sich während der Fahrt auf den Buschberg ein Foto vors Gesicht gehalten, auf dem ich grad meine Lippen bemale. (Das hab ich mal bei Colombo gesehen, und Colombo ist eh draufgekommen, weil er da ja noch eine Frage hatte.)
Also keine grandiose Lüge, Herwig, sondern die Wahrheit:
Ich bin nicht ins Orient gekommen, weil ich Angst hatte.
Angst davor, dass du mich – kaum angekommen – ans Bett fesselst, mir die Kleider vom Leib reißt, meine teure Unterwäsche kaputtmachst und deine perversen und gewalttätigen Triebe an mir auslebst. Meine Hilferufe hätten nichts genützt und wären vermutlich von den Herrschaften in den Nachbarzimmern als Lustschreie interpretiert worden, weil in so einem Etablissement gewiss mehr Damen schreien. Niemand hätte mich vermisst, weil ja niemand – oder fast niemand – von meinen Plänen gewusst hat.
Den Portier hättest du zu deinem Komplizen gemacht, indem du ihm erlaubt hättest, dass auch er sich an mir vergeht, bevor du mich auf bestialische Weise aufschlitzt und anschließend zerstückelst. Gegenüber der Presse und der Kriminalpolizei hätte dieser Komplizenportier gesagt, dass er beobachtet hat, wie ein bierbäuchiger, glatzköpfiger Bauer mit Waldviertler Akzent aus der Kaisersuite stürmte und die Flucht ergriff. Und du wärst seelenruhig aus dem Hotel gegangen, wärst am Montag ins Amt gefahren, als ob nichts geschehen wäre und hättest dir mittels Anonymverfügung dein nächstes Opfer gesucht.
Ja, ich konnte mit dieser Situation und deiner fiktiven Brutalität nicht gut umgehen. Verstehst du wenigstens, warum ich panische Angst hatte und stundenlang durch die Wälder des Buschbergs gestreift bin, um mich von diesem Schock zu erholen? Ich hätte dir ja so etwas nie zugetraut.
Eher hätte ich dir zugetraut, dass du den Mut verlierst und im Kaffeehaus einen warmen Kakao trinkst und Sachertorte mit Schlag isst, während ich mich zu Tode ängstige.
Auf deine Vorwürfe, ich würde dich wie ein Spielzeug behandeln und ich könnte keine Gefühle zulassen, gehe ich nicht ein, denn diese Anschuldigungen entbehren jeder Grundlage und sind einfach lächerlich.
Ist Angst etwa kein starkes Gefühl? Und hab ich diese Angst nicht am Samstag zugelassen? Obwohl ich mir damit Schwierigkeiten eingehandelt habe?
Liebe Grüße
Barbara
sagtest du tatsächlich „eine Frau mittleren Alters“?
Ich bin noch nicht mal Mitte Vierzig, mein Lieber, und zwar übermorgen. Nix mittleres Alter, ich stehe in der Blüte meines Lebens und strotze vor jugendlicher Frische. Trotzdem brauchst du mich nicht wie ein kleines Kind zu behandeln, die Straße hätte locker einen Hunderter vertragen, die kenne ich wie meine Einkaufstasche. Vor dem Einkauf, wohlgemerkt.
Und das Licht ist seit kurzem kaputt, ich weiß, seit ein paar Wochen cirka, aber ich fahre ohnehin kaum nachts.
Ja, jetzt weißt du es also, dass ich gar nicht im Orient war. Kurz hab ich ja überlegt, dir jetzt ein paar grandiose Ausreden aufzutischen, wie zum Beispiel, dass ich mich mit der Sommer- und Winterzeit geirrt habe, aber ich bin ganz schlecht in Mathematik und ich weiß nie, ob es jetzt früher oder später ist, wenn die Uhr zurückgestellt wird, also hätte das nichts getaugt. Im Tag hätte ich mich irren können, oder den Twingo einer Freundin geborgt haben, aber das hätte auch blöd geklungen, weil du mich ja auf dem Bild erkannt hast. Na gut, ich hätte sagen können, jemand hat mein Auto gestohlen und hat sich während der Fahrt auf den Buschberg ein Foto vors Gesicht gehalten, auf dem ich grad meine Lippen bemale. (Das hab ich mal bei Colombo gesehen, und Colombo ist eh draufgekommen, weil er da ja noch eine Frage hatte.)
Also keine grandiose Lüge, Herwig, sondern die Wahrheit:
Ich bin nicht ins Orient gekommen, weil ich Angst hatte.
Angst davor, dass du mich – kaum angekommen – ans Bett fesselst, mir die Kleider vom Leib reißt, meine teure Unterwäsche kaputtmachst und deine perversen und gewalttätigen Triebe an mir auslebst. Meine Hilferufe hätten nichts genützt und wären vermutlich von den Herrschaften in den Nachbarzimmern als Lustschreie interpretiert worden, weil in so einem Etablissement gewiss mehr Damen schreien. Niemand hätte mich vermisst, weil ja niemand – oder fast niemand – von meinen Plänen gewusst hat.
Den Portier hättest du zu deinem Komplizen gemacht, indem du ihm erlaubt hättest, dass auch er sich an mir vergeht, bevor du mich auf bestialische Weise aufschlitzt und anschließend zerstückelst. Gegenüber der Presse und der Kriminalpolizei hätte dieser Komplizenportier gesagt, dass er beobachtet hat, wie ein bierbäuchiger, glatzköpfiger Bauer mit Waldviertler Akzent aus der Kaisersuite stürmte und die Flucht ergriff. Und du wärst seelenruhig aus dem Hotel gegangen, wärst am Montag ins Amt gefahren, als ob nichts geschehen wäre und hättest dir mittels Anonymverfügung dein nächstes Opfer gesucht.
Ja, ich konnte mit dieser Situation und deiner fiktiven Brutalität nicht gut umgehen. Verstehst du wenigstens, warum ich panische Angst hatte und stundenlang durch die Wälder des Buschbergs gestreift bin, um mich von diesem Schock zu erholen? Ich hätte dir ja so etwas nie zugetraut.
Eher hätte ich dir zugetraut, dass du den Mut verlierst und im Kaffeehaus einen warmen Kakao trinkst und Sachertorte mit Schlag isst, während ich mich zu Tode ängstige.
Auf deine Vorwürfe, ich würde dich wie ein Spielzeug behandeln und ich könnte keine Gefühle zulassen, gehe ich nicht ein, denn diese Anschuldigungen entbehren jeder Grundlage und sind einfach lächerlich.
Ist Angst etwa kein starkes Gefühl? Und hab ich diese Angst nicht am Samstag zugelassen? Obwohl ich mir damit Schwierigkeiten eingehandelt habe?
Liebe Grüße
Barbara
testsiegerin - 24. Nov, 16:40
WUNDERBAR!!!