Briefverkehr 25
Liebe Barbara,
ich beglückwünsche dich zu deiner Menschenkenntnis. Ja, ich gestehe, genauso wie du es dir ausgemalt hast, genauso wäre es passiert. Wärst du nicht gewandert und hätte ich nicht Kaffee getrunken.
Ich hatte alles minutiös geplant. Mit dem Portier hab ich mich abgesprochen, das ging schnell, es war ja nicht das erste Mal, dass wir gemeinsam eine attraktive, naive Frau aufs Kreuz legten und anschließend wegschafften.
In meinem Aktenkoffer hatte ich das notwendige Werkzeug, fein säuberlich sortiert, ich bin nämlich ein ziemlich ordentlicher Mensch, zum Unterschied von dir. (Ist dein Twingo schon mal in Berührung mit Waschwasser gekommen?)
Die Handschellen waren im Koffer, Fesseln und Nylonseile, die zwölfschwänzige Peitsche, ein paar präzise geschliffenen Küchenmesser und die handliche, zusammenklappbare Kettensäge. Ein schwarzer Kunststoffsack zum Entsorgen deiner Leiche auch.
Ganz im Geheimen glaube ich ja, du hättest Spaß gehabt, bis auf das Aufschlitzen natürlich. Das Zerstückeln hättest du ohnehin nicht mehr gespürt.
Im Büro nennen sie mich übrigens „Wig, the Ripper“ (obwohl ich nie Perücke trage).
Ja, und dann kam alles anders. In der Innenstadt montierten sie gerade die Weihnachtsbeleuchtung, es roch nach Lebkuchen und Punsch und nach Friede und Freude. Und da war dieser Duft nach frisch geröstetem Kaffee und nach Topfentorte, als ich am Café Central vorbeikam, also ging ich hinein. „Herwig“, hab ich mir gesagt, „verschiebe die Sache und lass uns erst mal einen Espresso trinken.“ Ich kann es nicht genau erklären, Barbara, aber mir war in diesem Moment einfach nicht nach einem sexuellen Ritualmord.
Meine Güte, Barbara, bist du deppert! Aber gleichzeitig macht dich dein Hang zur Dramatik und deine Phantasie nur noch reizvoller für mich. Hast du schon mal überlegt, die Aufnahmeprüfung am Max Reinhardt-Seminar zu machen?
Anbei ein kleines Büchlein, Barbara. Und ein kleiner Tipp: Schau nicht so viele fern, oder wenigstens ein bisschen harmlosere Sachen, Musikantenstadl vielleicht oder Starmania.
Dein Herwig
P.S. Beinahe hätte ich dich jetzt auf einen kleinen Adventspaziergang eingeladen, aber dann dachte ich, wahrscheinlich fürchtest du dich dabei ohnehin vor den Weihnachtsmännern. Und schweigen kann ich auch allein.
ich beglückwünsche dich zu deiner Menschenkenntnis. Ja, ich gestehe, genauso wie du es dir ausgemalt hast, genauso wäre es passiert. Wärst du nicht gewandert und hätte ich nicht Kaffee getrunken.
Ich hatte alles minutiös geplant. Mit dem Portier hab ich mich abgesprochen, das ging schnell, es war ja nicht das erste Mal, dass wir gemeinsam eine attraktive, naive Frau aufs Kreuz legten und anschließend wegschafften.
In meinem Aktenkoffer hatte ich das notwendige Werkzeug, fein säuberlich sortiert, ich bin nämlich ein ziemlich ordentlicher Mensch, zum Unterschied von dir. (Ist dein Twingo schon mal in Berührung mit Waschwasser gekommen?)
Die Handschellen waren im Koffer, Fesseln und Nylonseile, die zwölfschwänzige Peitsche, ein paar präzise geschliffenen Küchenmesser und die handliche, zusammenklappbare Kettensäge. Ein schwarzer Kunststoffsack zum Entsorgen deiner Leiche auch.
Ganz im Geheimen glaube ich ja, du hättest Spaß gehabt, bis auf das Aufschlitzen natürlich. Das Zerstückeln hättest du ohnehin nicht mehr gespürt.
Im Büro nennen sie mich übrigens „Wig, the Ripper“ (obwohl ich nie Perücke trage).
Ja, und dann kam alles anders. In der Innenstadt montierten sie gerade die Weihnachtsbeleuchtung, es roch nach Lebkuchen und Punsch und nach Friede und Freude. Und da war dieser Duft nach frisch geröstetem Kaffee und nach Topfentorte, als ich am Café Central vorbeikam, also ging ich hinein. „Herwig“, hab ich mir gesagt, „verschiebe die Sache und lass uns erst mal einen Espresso trinken.“ Ich kann es nicht genau erklären, Barbara, aber mir war in diesem Moment einfach nicht nach einem sexuellen Ritualmord.
Meine Güte, Barbara, bist du deppert! Aber gleichzeitig macht dich dein Hang zur Dramatik und deine Phantasie nur noch reizvoller für mich. Hast du schon mal überlegt, die Aufnahmeprüfung am Max Reinhardt-Seminar zu machen?
Anbei ein kleines Büchlein, Barbara. Und ein kleiner Tipp: Schau nicht so viele fern, oder wenigstens ein bisschen harmlosere Sachen, Musikantenstadl vielleicht oder Starmania.
Dein Herwig
P.S. Beinahe hätte ich dich jetzt auf einen kleinen Adventspaziergang eingeladen, aber dann dachte ich, wahrscheinlich fürchtest du dich dabei ohnehin vor den Weihnachtsmännern. Und schweigen kann ich auch allein.
testsiegerin - 25. Nov, 13:10
Welches Büchlein?
Ich habs ja noch nicht.