Verlassen
Meine Frau hat mich nach 25 Jahren Ehejahren verlassen, schreibt er.
Warum geht eine Ehefrau nach 25 Jahren?
„Schatz, ich hab nachgedacht und bin draufgekommen, das zwischen uns war nichts. Mach’s gut.“ Oder vielleicht: „Ich möchte noch einmal von vorne anfangen, bevor es zu spät ist.“ Oder: „Ich will alleine sein, und frei. 25 Jahre lang war ich für dich und die Kinder da, jetzt will ich mein eigenes Leben, ich will mich selbstverwirklichen, denn ich weiß nicht mal mehr, wer ich selbst bin.“ Vielleicht hat sie aber auch das Gegenteil von Freiheit gesucht. „Ich hab mich verliebt, Liebes. Ja, schau nur, das geht auch im greisen Alter von 50 noch. Und du wirst es nicht glauben, auch er liebt mich. Du hast mich nicht mehr wahrgenommen, so wie man nach 25 Jahren nicht mehr wahrnimmt, dass die Sesselleisten fehlen. Ich hab mich wie eine fehlende Sesselleiste gefühlt, obwohl ich da war, verstehst du?“
Er wird nichts verstanden haben, gar nichts.
Vielleicht ist sie auch gegangen, weil er gegangen ist... fremd. „Ach, das war doch nur eine Affäre“, wird er gesagt haben, „das hat überhaupt nichts bedeutet.“ „Es war eine nach der anderen“, wird sie geantwortet haben, „ich wusste von jeder einzelnen. Ich hätte dir mehr Geschmack zugetraut, Schätzchen.“
Vielleicht hätte sie ihm aber auch eine Affäre gewünscht, damit er sich nicht so an sie geklammert hätte. „Ich fühle mich so erstickt von deiner allumfassenden Liebe, ich kann nicht mehr arbeiten und nicht mehr atmen, wenn du in meiner Nähe bist. Ich kann dich auch nicht mehr riechen.“
Warum mache ich mir Gedanken darüber, warum eine Frau, die ich gar nicht kenne, sich von einem Mann, den ich vor 35 Jahren gekannt habe, verlässt? Ich weiß es nicht. Weil Abschiede Angst machen, auch wenn es die der anderen sind, vielleicht.
Vielleicht hat sie gar nichts gesagt. Vielleicht hat sie ihm nur einen Zettel geschrieben: „Merci für alles, ich gehe.“
Er wird dagesessen sein, mit Tränen in den Augen und dem Zettel in der Hand. Das gleiche Papier, auf dem sie vor kurzem noch geschrieben hat: „Die Glühbirne im Vorzimmer ist kaputt. Bitte tausch sie aus.“ Oder „Frederica hat um 5 Klavierstunde. Vergiss nicht, sie abzuholen.“ Oder „Denk an die Bananen und die Butter.“ Auf das gleiche Papier, auf das sie früher einmal „ich liebe dich“, geschrieben und es auch so gemeint hat, und noch früher „Wir sind schwanger! Ich weiß noch nicht, ob ich mich darüber freuen oder Angst haben soll.“ Noch früher hat sie nicht auf Papier, sondern mit Lippenstift auf seinen Spiegel geschrieben. „Ich begehre dich.“
Er wird dagesessen haben, mit diesem letzten Zettel von ihr, dem irgendwann „ich will die Scheidung“ folgen würde. Der gemeinsame Film wird vor ihm abgelaufen sein und vor dem Ende reißen.
Vielleicht war alles ganz anders. Vielleicht hat sie dem sanften Mann mit der sanften Stimme das teure Geschirr nachgeschmissen, weil sie seine Sanftheit nach 25 Jahren nicht mehr ertragen konnte. Vielleicht ist er phlegmatisch dagesessen, hat die Scherben aufgesammelt und gemurmelt „So reg dich bitte nicht so auf, Kleines. Wir können doch über alles reden“.
Vielleicht war alles ganz undramatisch. „Wir haben uns auseinandergelebt. Tut mir leid. Ich liebe dich immer noch, aber ich muss gehen.“ Vielleicht hat er genickt und gemeint: „Es ist bestimmt besser so. Besser du gehst jetzt als nie.“
Aber er hat nicht geschrieben „wir haben uns getrennt“, sondern „sie hat mich verlassen“.
Vielleicht saß er da mit der Zeitung, in den Sportteil vertieft, und sie hat geweint. Er hat kurz aufgeblickt und gesagt: „Was hast du schon wieder?“ Und sie: „Krebs.“ Vielleicht hat er geschluckt und die Zeitung zur Seite gelegt und gesagt: „Wir stehen das gemeinsam durch.“ Vielleicht wollte sie nicht die Arme, die Leidende sein, vielleicht wollte sie sein Mitleid und sein Mitgefühl nicht und hat gesagt: „Mach dir keine Sorgen, ich schaff das alleine.“
Und sich keine Sorgen gemacht, ob er das auch alleine schaffen würde. Nach 25 Jahren.
Vielleicht war aber auch alles ganz anders.
Warum geht eine Ehefrau nach 25 Jahren?
„Schatz, ich hab nachgedacht und bin draufgekommen, das zwischen uns war nichts. Mach’s gut.“ Oder vielleicht: „Ich möchte noch einmal von vorne anfangen, bevor es zu spät ist.“ Oder: „Ich will alleine sein, und frei. 25 Jahre lang war ich für dich und die Kinder da, jetzt will ich mein eigenes Leben, ich will mich selbstverwirklichen, denn ich weiß nicht mal mehr, wer ich selbst bin.“ Vielleicht hat sie aber auch das Gegenteil von Freiheit gesucht. „Ich hab mich verliebt, Liebes. Ja, schau nur, das geht auch im greisen Alter von 50 noch. Und du wirst es nicht glauben, auch er liebt mich. Du hast mich nicht mehr wahrgenommen, so wie man nach 25 Jahren nicht mehr wahrnimmt, dass die Sesselleisten fehlen. Ich hab mich wie eine fehlende Sesselleiste gefühlt, obwohl ich da war, verstehst du?“
Er wird nichts verstanden haben, gar nichts.
Vielleicht ist sie auch gegangen, weil er gegangen ist... fremd. „Ach, das war doch nur eine Affäre“, wird er gesagt haben, „das hat überhaupt nichts bedeutet.“ „Es war eine nach der anderen“, wird sie geantwortet haben, „ich wusste von jeder einzelnen. Ich hätte dir mehr Geschmack zugetraut, Schätzchen.“
Vielleicht hätte sie ihm aber auch eine Affäre gewünscht, damit er sich nicht so an sie geklammert hätte. „Ich fühle mich so erstickt von deiner allumfassenden Liebe, ich kann nicht mehr arbeiten und nicht mehr atmen, wenn du in meiner Nähe bist. Ich kann dich auch nicht mehr riechen.“
Warum mache ich mir Gedanken darüber, warum eine Frau, die ich gar nicht kenne, sich von einem Mann, den ich vor 35 Jahren gekannt habe, verlässt? Ich weiß es nicht. Weil Abschiede Angst machen, auch wenn es die der anderen sind, vielleicht.
Vielleicht hat sie gar nichts gesagt. Vielleicht hat sie ihm nur einen Zettel geschrieben: „Merci für alles, ich gehe.“
Er wird dagesessen sein, mit Tränen in den Augen und dem Zettel in der Hand. Das gleiche Papier, auf dem sie vor kurzem noch geschrieben hat: „Die Glühbirne im Vorzimmer ist kaputt. Bitte tausch sie aus.“ Oder „Frederica hat um 5 Klavierstunde. Vergiss nicht, sie abzuholen.“ Oder „Denk an die Bananen und die Butter.“ Auf das gleiche Papier, auf das sie früher einmal „ich liebe dich“, geschrieben und es auch so gemeint hat, und noch früher „Wir sind schwanger! Ich weiß noch nicht, ob ich mich darüber freuen oder Angst haben soll.“ Noch früher hat sie nicht auf Papier, sondern mit Lippenstift auf seinen Spiegel geschrieben. „Ich begehre dich.“
Er wird dagesessen haben, mit diesem letzten Zettel von ihr, dem irgendwann „ich will die Scheidung“ folgen würde. Der gemeinsame Film wird vor ihm abgelaufen sein und vor dem Ende reißen.
Vielleicht war alles ganz anders. Vielleicht hat sie dem sanften Mann mit der sanften Stimme das teure Geschirr nachgeschmissen, weil sie seine Sanftheit nach 25 Jahren nicht mehr ertragen konnte. Vielleicht ist er phlegmatisch dagesessen, hat die Scherben aufgesammelt und gemurmelt „So reg dich bitte nicht so auf, Kleines. Wir können doch über alles reden“.
Vielleicht war alles ganz undramatisch. „Wir haben uns auseinandergelebt. Tut mir leid. Ich liebe dich immer noch, aber ich muss gehen.“ Vielleicht hat er genickt und gemeint: „Es ist bestimmt besser so. Besser du gehst jetzt als nie.“
Aber er hat nicht geschrieben „wir haben uns getrennt“, sondern „sie hat mich verlassen“.
Vielleicht saß er da mit der Zeitung, in den Sportteil vertieft, und sie hat geweint. Er hat kurz aufgeblickt und gesagt: „Was hast du schon wieder?“ Und sie: „Krebs.“ Vielleicht hat er geschluckt und die Zeitung zur Seite gelegt und gesagt: „Wir stehen das gemeinsam durch.“ Vielleicht wollte sie nicht die Arme, die Leidende sein, vielleicht wollte sie sein Mitleid und sein Mitgefühl nicht und hat gesagt: „Mach dir keine Sorgen, ich schaff das alleine.“
Und sich keine Sorgen gemacht, ob er das auch alleine schaffen würde. Nach 25 Jahren.
Vielleicht war aber auch alles ganz anders.
testsiegerin - 16. Jul, 22:00
Grad bei Partnerschaften und Ehen sollte man sich nie zu sehr auf Gewesenem ausruhen weil jeder Tag ist mehr oder weniger Neubeginn denk ich.
Ich hab ja grad den 31. gehabt, also Hochzeitstag, und kann von uns sagen, alles ändert sich im Lauf der Zeit. Wenn du da nicht ebenfalls zu Bewegung bereit bist, da bleibst du schon einmal draußen oder es wird ein sehr ruhiges Nebeneinander, was ja auch keine Lösung ist.