Das Fremde
Je näher das Fremde, umso mehr zieht es mich an. Und was liegt näher als das Fremde in mir?
Was ist mir an mir fremd? Ist mir noch etwas fremd an mir? Oder liege ich nach Jahren der Reflexion, Supervision, Therapie, nach Jahren des Schreibens und dem Ringen um Worte, mit Worten, liege ich nach diesen Jahren der Auseinandersetzung mit meinem Innersten nicht ohnehin ausgebreitet vor mir wie ein Buch? Kann ich nicht beliebig in mir blättern, zustimmend nicken, sagen: „Spannendes Kapitel“, oder „na ja, nicht sehr aufregend“, kann ich manche Seiten hastig überblättern, murmeln „diesen Stil kann ich zwar überhaupt nicht leiden, aber so ist sie nun mal“?
Oder gibt es da doch noch ein paar Seiten, die zugeklebt sind, in denen wichtige und geheime Informationen versteckt sind, so geheim, dass nicht einmal die NSA darauf Zugriff hat?
Was könnte darin stehen? Will ich sie mit einem scharfen Stanleymesser aufschneiden und mich damit konfrontieren? Oder ignoriere ich sie genauso wie meinen Kontostand? Lasse ich die zugeklebten Seiten bis zu meinem Tod verschlossen? Und was dann?
Brüten dann meine Erben über dem Buch und lassen die Seiten in Anwesenheit eines Notars oder Psychoanalytikers öffnen? Sagen sie dann: „Puh.... genauso viele Belastungen wie auf dem Konto“ oder „Lächerlich, das habe ich ohnehin alles gewusst, nur sie vielleicht nicht.“
Sind sie gar ein wenig enttäuscht, weil das Erbe so mager ausfällt? Weil so wenig Verstecktes, Vergrabenes, Gehütetes ans Licht kommt? So wenig Neues? Wird meine Tochter frustriert sein und seufzen: „Das Buch So war sie wirklich – Die Schattenseiten meiner Mutter kann ich mit diesem dürftigen Material vergessen.“
Mein Sohn wird einen kurzen Blick in die verborgenen Seiten werfen und sagen: „Eh gut“. Mit dem selben Tonfall und den selben Worten, mit dem er die Frage, wie das Essen schmeckt, beantwortet. Mein Mann wird kurz darin blättern „So viele unnötige Worte“ raunzen, „wo ich doch keine Bücher lese.“ Oder „das geht mich nichts an, das sind ihre Seiten, nicht meine.“
Meine beste Freundin wird den Kopf schütteln und sagen: „Mich wundert schon lange nichts mehr bei ihr.“
Vielleicht sind die verklebten, unerforschten Seiten in meinem Buch einfach leer. Vielleicht wird irgendjemand erstaunt ausrufen: „Seht euch das an! Sie war in Wahrheit ein unbeschriebenes Blatt!“
Das wäre das entsetzlichste, das passieren könnte. Deshalb schneide ich sie auch nicht auf, diese Seiten.
Was ist mir an mir fremd? Ist mir noch etwas fremd an mir? Oder liege ich nach Jahren der Reflexion, Supervision, Therapie, nach Jahren des Schreibens und dem Ringen um Worte, mit Worten, liege ich nach diesen Jahren der Auseinandersetzung mit meinem Innersten nicht ohnehin ausgebreitet vor mir wie ein Buch? Kann ich nicht beliebig in mir blättern, zustimmend nicken, sagen: „Spannendes Kapitel“, oder „na ja, nicht sehr aufregend“, kann ich manche Seiten hastig überblättern, murmeln „diesen Stil kann ich zwar überhaupt nicht leiden, aber so ist sie nun mal“?
Oder gibt es da doch noch ein paar Seiten, die zugeklebt sind, in denen wichtige und geheime Informationen versteckt sind, so geheim, dass nicht einmal die NSA darauf Zugriff hat?
Was könnte darin stehen? Will ich sie mit einem scharfen Stanleymesser aufschneiden und mich damit konfrontieren? Oder ignoriere ich sie genauso wie meinen Kontostand? Lasse ich die zugeklebten Seiten bis zu meinem Tod verschlossen? Und was dann?
Brüten dann meine Erben über dem Buch und lassen die Seiten in Anwesenheit eines Notars oder Psychoanalytikers öffnen? Sagen sie dann: „Puh.... genauso viele Belastungen wie auf dem Konto“ oder „Lächerlich, das habe ich ohnehin alles gewusst, nur sie vielleicht nicht.“
Sind sie gar ein wenig enttäuscht, weil das Erbe so mager ausfällt? Weil so wenig Verstecktes, Vergrabenes, Gehütetes ans Licht kommt? So wenig Neues? Wird meine Tochter frustriert sein und seufzen: „Das Buch So war sie wirklich – Die Schattenseiten meiner Mutter kann ich mit diesem dürftigen Material vergessen.“
Mein Sohn wird einen kurzen Blick in die verborgenen Seiten werfen und sagen: „Eh gut“. Mit dem selben Tonfall und den selben Worten, mit dem er die Frage, wie das Essen schmeckt, beantwortet. Mein Mann wird kurz darin blättern „So viele unnötige Worte“ raunzen, „wo ich doch keine Bücher lese.“ Oder „das geht mich nichts an, das sind ihre Seiten, nicht meine.“
Meine beste Freundin wird den Kopf schütteln und sagen: „Mich wundert schon lange nichts mehr bei ihr.“
Vielleicht sind die verklebten, unerforschten Seiten in meinem Buch einfach leer. Vielleicht wird irgendjemand erstaunt ausrufen: „Seht euch das an! Sie war in Wahrheit ein unbeschriebenes Blatt!“
Das wäre das entsetzlichste, das passieren könnte. Deshalb schneide ich sie auch nicht auf, diese Seiten.
testsiegerin - 2. Aug, 09:28
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