Mein Leben und ich

Ich mag mein Leben sehr. Ja, man kann von Liebe sprechen, wenn man will. Wenn die Werbung und die Literatur das Wort nicht inflationär kaputtgeredet und kaputtgeschrieben hätten. Die Beziehung zwischen meinem Leben und mir, das ist nicht nur eine kurze Verliebtheit, hell lodernd und rosarote Flammen schlagend, die mein Gemüt erhitzen. Es ist auch nicht eine stille Glut wie in einer langjährigen Lebensgemeinschaft, an die man sich gewöhnt hat und in der man aus Bequemlichkeit und Angst vor Veränderung bleibt.
Die Beziehung zwischen meinem Leben und mir ist immer noch ein Feuer. Kein rosarotes mehr, wie in den ersten Jahren unserer Beziehung, dafür kennen wir einander mittlerweile gut genug; das Leben meine Macken und ich seine Launenhaftigkeit.
Ich schüre das Feuer. Manchmal so sehr, dass die benachbarte Scheune beinahe abbrennt.
Ich hatte oft das Gefühl, das Leben betrügt mich. Dabei war es nur das Glück, dass gelegentlich fremdgegangen und in einen anderen Schoß eingedrungen ist. Nichts ernstes, hat es gesagt, wenn es wieder zerzaust neben mir am Feuer gesessen ist, nur Affären. Ich habe geweint, vor Schmerz und Eifersucht, aber auch vor Glück, weil es wieder zu mir zurückgekommen ist. Meine Tränen haben das Glück verwirrt. „Aber ich kann... aber ich muss...“, hat es gestottert und um Worte gesucht, „...ich muss doch auch andere glücklich machen." Ganz verstanden hab ich das nie, aber ich habe gelernt, damit zu leben.

Mein Leben brennt. Ich mit ihm. Kein Burnout. Noch lange nicht. Heftig gelodert hat es in den letzten Jahren zwischen uns, vielleicht weil das Holz, aus dem ich geschnitzt bin, älter geworden ist und es schöner knistert. Das Knistern hat mich mutig gemacht. Der Wein trunken.
Und mit dieser Kombination habe ich meinem Leben eines Abends die Frage gestellt, die mir schon lang auf der Zunge brannte: "Willst du mich heiraten?“
Das Leben hat laut gelacht. Wenigstens hat es nichts von Angst und von Freiheit gequatscht, ich bin nämlich durchaus überzeugt davon, dass man auch in einer Ehe frei sein kann. Ich will das Leben nicht festhalten. Ich kann es auch gar nicht.

Da steckt bestimmt viel Beziehungsarbeit dahinter, sagt ein Paartherapeut, als ich ihm über die spannenden Momente zwischen meinem Leben und mir erzähle. Jetzt lache ich. Ihr immer mit eurer Beziehungsarbeit. Nein, da steckt keine Beziehungsarbeit dahinter.
Beziehungen muss man leben, nicht an ihnen arbeiten. Nicht an ihnen herumschrauben und sägen und feilen wie an einem kaputten Tisch, der nichts mehr trägt. Beziehungen sind lebendig. Sie wachsen, sie blühen, sie kreißen kalben und gebären in manchen Jahren fette Früchte und in anderen nicht. Manchmal sterben sie auch. Aber man kann sie nicht zurückschneiden oder gerade biegen, damit sie in den Himmel wachsen. Man muss sie lassen. Lassen. Die schwierigste Übung von allen. Ge-lassen werden. Und sein.

Meine Beziehung zum Leben ist keine kultivierte Pflanze, sondern einfach aufgegangen im Garten des Universums. Lebt wild und gefährlich, steht in unseren Informationsträgern und wir halten uns an daran. Ein starker, tief verwurzelter Baum ist aus dem zarten Pflänzchen geworden. Mit dicken Ästen, die sich verzweigen und auf denen man schaukeln kann.
Ich gieße ihn nicht, das besorgt der Regen. Ich genieße ihn. Ich genieße das Leben und ich glaub, das Leben hat auch seine Freude an mir. Die Eifersucht und der Zorn vergangener Zeiten ist vorbei. Wenigstens für den Moment, denn ich weiß, sie werden wieder aus den Astlöchern kriechen, wenn das Leben Schicksalsschläge vom Baum wirft.

So sauer war ich manchmal, dass ich das Leben angebrüllt hab: „So hau doch ab, wenn du mich nicht mehr liebst! Fick mich, verdammt noch mal.“ Ja, es hat mich manchmal gefickt, heftiger als mir lieb war, und manchmal hat es andere gefickt. Aber es ist geblieben. Ich habe viel gelernt von ihm. Vor allem Gelassenheit. Ich ärgere mich nicht mehr ständig über seine schlechten Launen, ich mach sie nicht zu meinen, sondern weiß, sie haben nichts mit mir zu tun. Vielleicht. Mit dieser Einstellung lebt es sich viel leichter.
Wir haben nicht geheiratet. Wir brauchen keinen Ring, um zu zeigen, dass wir zusammengehören. Wir werden weiter in wilder Ehe miteinander leben, das Leben und ich. Mit allen Risiken, die es birgt.

Es ist eine große Liebe zwischen dem Leben und mir. Nicht immer eine einfache Liebe, nein, das ist so bei großen Lieben. Sie ist groß und tief. Nur eines wird sie nicht sein, so sehr ich mir das auch wünsche: Unendlich.
katiza - 8. Sep, 16:48

Hab ich's mir doch dacht, dass ihr fix zsamm seids - Ihr Leben und Sie - und ein schönes Paar, das ich gerne bei mir begrüße!

Biki (Gast) - 8. Sep, 17:41

Danke für den sehr inspirierenden Text!

HARFIM - 8. Sep, 17:46

unendlich ist nix auf dieser Welt :-)

Wenn ihr Leben zufrieden ist mit dem Ort, in dem es wohnt, ist es völlig okay... seltsam, dass ich gerade auch einen Text geschrieben habe, in dem eine Frau entdeckt, wo ihr Leben wohnt... grins, das nennt man Zufall.

Jossele - 10. Sep, 15:41

Ein wahrlich treffender Text. Ich neige mein Haupt davor.
Leben ist, so oder so, mit uns.

chrissie (Gast) - 10. Sep, 22:57

Zarte Bande

ich und das leben führen eine ziemliche stressbeziehung. zur zeit ist das erste mal ein wenig frieden eingekehrt. hab so eine ahnung wie sich das anfühlt geliebt zu werden ( auch wenn es es mir natürlich so nicht sagt - aber er verhält sich so)- bin grad sowas ähnliches wie glücklich (glaub ich) - ich liebe. und werde (glaube ich) wirklich zurückgeliebt.

Sehr schöner Text. Du bist für mich die Verkörperung von Lebensliebe - das weisst du. Liebste Grüsse

testsiegerin - 10. Sep, 23:17

du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich drüber freue, dass du grad so-was-wie-glücklich bist! das ist für deine verhältnisse nämlich schon verdammt viel!

danke, dass es dich in meinem leben gibt.
perlentaucherin - 12. Sep, 10:13

schmunzel
lächel
lach
schnief

schöööööön!

Sternenstaub - 12. Sep, 20:11

Ja so ne Beziehung kann einer schon tief unter die Haut gehn! Überhaupt wenns die zum Leben ist ;)))

datja - 13. Sep, 21:10

.

...
auf den Punkt gebracht,
wieder mal !
...
!

fata morgana - 15. Sep, 12:49

...zurück aus dem urlaub und nachgelesen -
ein wunderbarer text mit gänsehaut-feeling...

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

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Wie geht es unserer Testsiegerin?
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Lo - 5. Feb, 17:25
Vielen Dank! Du findest...
Vielen Dank! Du findest mehr von mir auf facebook ;-)
testsiegerin - 30. Jan, 10:40
Kurschatten ' echt keinen...
auch wenn diese deine Kur schon im Juni...xx? war,...
kontor111 - 29. Jan, 09:13
zum entspannen...Angel...meint
wenn ich das nächste Mal im Bett liege, mich verzweifelt...
kontor111 - 29. Jan, 08:44
"Pinguin"
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bonanzaMARGOT - 11. Mär, 11:11
Sleepless im Weinviertel
Ich liege im Bett. Ich bin müde. Ich lese. Eine Romanbiografie...
testsiegerin - 13. Jan, 11:30
... ich könnte mal wieder...
... ich könnte mal wieder eine brasko-geschichte schreiben.
bonanzaMARGOT - 8. Jan, 07:05
OHHH!
OHHH! Hier scheint bei Twoday etwas nicht zu stimmen. Hoffentlich...
Lo - 7. Jan, 13:36

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