Brauche ich das noch?

Ich weiß es nicht.

"Brauche ich das noch? Ich weiß es nicht."
Das sind die beiden Floskeln, die ich in meinem Forscherinnentagebuch am häufigsten verwende. Also: Brauche ich das noch? Diese ganzen Gefühle, Ängste, Widerstände, menschlichen Schwächen, die mich belasten. Ach, wenn ich das wüsste. Ob ich das alles noch brauche, weil es einfach zu mir gehört, oder ob es nur Ballast ist, der mir das Leben schwer macht. Wenn ich ihn abwerfe, steigt der Ballon, in dem ich sitze, in luftige Höhen. Je höher ich steige, umso mehr Überblick gewinne ich. Umso mehr Distanz bekomme ich. Fühle mich souverän, da oben. Ich bin näher dem Licht und nehme die Welt unter mir wie durch ein umgedrehtes Fernglas dar. Die Probleme da unten scheinen winzig klein. Die Menschen sind winzige Figürchen, die mehr oder weniger sinnvollen Beschäftigungen nachgehen, in Fabriken Dinge zusammenschrauben, über die sich dann andere winzige Figürchen ärgern, weil sie nicht funktionieren oder weil sie draufgekommen sind, dass sie diese Dinge gar nicht brauchen. Und da sind noch andere winzige Figürchen, die den ganzen Müll dann wieder zerlegen und entsorgen. Figürchen sehe ich, die scheinbar ohne Ziel in winzigen Kisten durch die Gegend fahren, manchmal stoßen sie zusammen und dann sind die winzigen Kisten kaputt, manchmal auch die winzigen Menschen. Manche gehen in große Häuser mit spitzen Türmen oder runden Kuppeln und verehren einen Toten.
Alle bewegen sich. Die meisten von sich fort, manche vielleicht auch zu sich hin, wer weiß das schon. Und wer weiß schon, was besser ist, die Suchenden oder die Zusichselbstfinder. Kleine Spielzeughäuschen sehe ich und unendlich viele kleine runde blaue Swimmingpools. Wichtig ist, dass diese kleinen Swimmingpools größer sind als die der Nachbarn. In den Swimmingpools ertrinken manchmal klitzekleine Katzen, manchmal auch Kinder.

Vielleicht ist es genau das: Der Überblick würde mir nicht nur Distanz verschaffen, sondern mich vor allem zynisch machen. Ich würde all die unnützen Dinge, all die Verschwendung, all den vermeintlichen Luxus und die Sinnlosigkeit des menschlichen Seins sehen. Ich würde das nicht aushalten und entsetzt aus meinem Korb springen. Mich selbst abwerfen, als größter Ballast meines Lebens. Der Ballon würde zur Sonne schweben und Korb und Schirm würden verbrennen. Ich würde unsanft aufprallen auf der Erde, mir den Staub vom Körper streifen und lächeln.

Es ist nämlich so: Ich brauche die Nähe, nicht die Distanz. Ich will dazugehören, zu den kleinen Figürchen, die arbeiten, produzieren, leisten, um sich etwas leisten zu können. Ich will teilhaben am vermeintlich sinnlosen Tun und Nichtstun, will ziellosen Dingen nachgehen, um mir sinnlosen Dinge leisten zu können. Ich will verstehen und verstanden werden, gesehen und gehört und wahrgenommen sein von all den anderen Figürchen um mich. Ich will nicht befreit und unbelastet in den Wolken verschwinden, sondern auf dem Boden verschwenden. Verschwenderisch umgehen mit meinen Gefühlen, auch mit meiner Verletzlichkeit, meiner Wut, meiner Eifersucht, meinem Stolz, meinem Neid, meinem Hass...

Brauche ich das noch?
Ich weiß es nicht.
la-mamma - 13. Okt, 11:55

ich find das ziemlich spannend, was dieses tagebuch macht. da kommst du in eine reflexionshaltung, die dich dann - wenn ich das oben richtig verstanden hab - auch noch übers reflektieren reflektieren lässt .... klar brauchen wir alle das noch, manches lässt sich halt aus der distanz leichter ertragen - warum dabei zynisch werden (nur so nebenbei) - aber erleben geht nur mittendrin, oder?

testsiegerin - 13. Okt, 17:08

ich find das auch spannend. und ich hätte nicht gedacht, dass ich das so konsequent durchhalten werde. jetzt braucht es nicht mal mehr disziplin, sondern ich merk, die zeit für mich und fürs schreiben tut mir total gut.
ich denk, wenn man mehr distanz hat, wird man gezwungenermaßen zynisch über das kasperltheater, in dem wir figuren sind.

ich hab eh keine alternative zum mittdrin erleben ;-)

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

Neu

Wie geht es unserer Testsiegerin?
Wie geht es unserer Testsiegerin?
Lo - 5. Feb, 17:25
Vielen Dank! Du findest...
Vielen Dank! Du findest mehr von mir auf facebook ;-)
testsiegerin - 30. Jan, 10:40
Kurschatten ' echt keinen...
auch wenn diese deine Kur schon im Juni...xx? war,...
kontor111 - 29. Jan, 09:13
zum entspannen...Angel...meint
wenn ich das nächste Mal im Bett liege, mich verzweifelt...
kontor111 - 29. Jan, 08:44
"Pinguin"
"Pinguin"
bonanzaMARGOT - 11. Mär, 11:11
Sleepless im Weinviertel
Ich liege im Bett. Ich bin müde. Ich lese. Eine Romanbiografie...
testsiegerin - 13. Jan, 11:30
... ich könnte mal wieder...
... ich könnte mal wieder eine brasko-geschichte schreiben.
bonanzaMARGOT - 8. Jan, 07:05
OHHH!
OHHH! Hier scheint bei Twoday etwas nicht zu stimmen. Hoffentlich...
Lo - 7. Jan, 13:36

Web Counter-Modul


Briefverkehr mit einem Beamten
Erlebtes
Femmes frontales
Forschertagebuch
Gedanken
Gedichte
Geschichten
Glosse
In dreißig Tagen um die Welt
Kurzprosa
Lesungen
Menschen
Sex and the Country
Toll3ste Weiber
Vita
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren

kostenloser Counter