Briefverkehr mit einem Beamten

Mittwoch, 8. November 2006

Briefverkehr 11

Liebe Barbara,

danke, dass du da warst. Wenn ich ehrlich bin, habe ich nicht damit gerechnet. Bist du immer so überpünktlich?
Ich hab dich ja sofort erkannt, nicht nur wegen der Mohnblume, die du zwischen deine Lippen geklemmt hattest. Das schwarze Kleid stand dir ausgezeichnet. Hast du eigentlich gemerkt, wie sehr ich mich bemüht habe, dir nicht ins Dekolleté zu starren?
Sag mal, war das nun der Lippenstift, den ich dir geschenkt habe? Leider hast du mir die Frage ja nicht beantwortet.

Beim marinierten Huchen mit Muskatkürbis & Paprika dachte ich noch, du bist vielleicht ein bisschen schüchtern und brauchst etwas Anlaufzeit. Also hab ich dir halt ein paar Schnurren aus meinem Alltag auf der Strafabteilung erzählt. Kein Wort kam durch deine Lippen. Gut, dachte ich bei der Wachtel mit Steinpilzen, Waldaromaten & Feige, sie ist sauer auf mich, damit muss ich leben, Hauptsache, das Essen schmeckt ihr. Es hat dir doch geschmeckt, nicht wahr? Wenigstens beim Ober hättest du dich und wieder dafür bedanken können, dass er dir so eifrig den 2003 Pinot Noir „Select“ nachgeschenkt hat. Immerhin hast du anerkennend genickt und ihn angelächelt. Und wie du ihn angelächelt hast. Ich saß da und schaute dich zärtlich an, noch immer voller Hoffnung, dass du das Schweigen endlich brichst und dein Lächeln irgendwann mir gilt. Ich hab mich geschämt dafür, dass ich dich in meinen Briefen angeschwindelt habe. Hast du dich an meinem schlechten Gewissen geweidet?

Beim gebratenen Rehbock vom Hochschwab mit Zwieback, Quitten & gedörrten arabischen Datteln hab ich mich in mein Schicksal gefügt und auch an die Blicke der Herrschaften am Nachbartisch gewöhnt, für die wir wohl ein sehr seltsames Paar waren.
Die Überraschung dein Schuhwerk betreffend, die ist dir gelungen. Alle haben sie geschaut, alle, als du – nach dem wievielten Glas vom 2001er Lamaione aus Frescobaldi war das eigentlich? – mit hoch erhobenem Kopf in diesen klobigen schwarzen Gummistiefeln aufs Klo gingst. Vor allem ich hab geschaut. Ich dachte, du hättest gar keine Gummistiefel? Hast du mich auch ein bisschen angeschwindelt in deinen Schreiben?

Danke trotzdem, dass du bis nach dem Dessert gewartet hast, ehe du mir den Merlot ins Gesicht geschüttet und mich wie einen begossenen Pudel im Restaurant sitzen hast lassen. Das nächste Mal gib mir bitte vorher Bescheid, damit ich für diesen Zweck eine billigere Flasche bestelle.

Ich schick dir die Rechnung von der Putzerei mit. Ich bin nämlich kein Hampelmann. Nur ein Mann. Einer, der einen großen Fehler gemacht hat und diesen wieder gutmachen wollte. Ich weiß, ich hab mich daneben benommen. Ich hab mich dafür entschuldigt und dich zum Essen eingeladen. Das hab ich gern getan. Ich hab mich sogar von dir demütigen lassen. Das jedoch äußerst ungern.

War die Rache süß? So süß wie die gefüllten Schokoladenblätter mit Maronen und Gewürzorange?

Herwig

P.S. Du siehst trotzdem großartig aus, wenn du wütend bist.

Montag, 6. November 2006

Briefverkehr 10

Vorgeschichte für die, die nicht auf dem laufenden sind

Liebe Barbara,

hältst du mich immer noch für das größte Arschloch von Nebraska bis Feuerland? Oder wenigstens von Gmünd bis Gloggnitz?
Weißt du, ich bin zwar nicht der, für den du mich gehalten und dem du in Wahrheit geschrieben hast, aber die Sache ist die: Ich vermisse deine Briefe. Ganz ehrlich. Ich, der 37-jährige übermäßige Lügner, mittelmäßige Jurist, regelmäßige Volleyballspier, unmäßige Kaffeetrinker, mäßige Schachspieler und rechtmäßige Besitzer einer Eigentumswohnung ertappe mich dabei, dass ich jeden Tag enttäuscht den Stapel mit der Post zur Seite schiebe, weil kein Brief von dir dabei ist. Nicht mal einer, in dem du mich beschimpfst, mir sagst, wie wütend du bist auf mich oder dass du nichts mehr mit mir zu tun haben willst.
Und schon gar keiner, in dem du dich um meine Gesundheit sorgst und mir warme Baumwollunterhosen empfiehlst.
Deine Briefe, vor allem aber dein Schweigen, nachdem ich dir erzählt habe, wer ich wirklich bin, haben mich auch nachdenklich gemacht. Auf mich selbst. Ja, natürlich waren meine Antworten Spaß, aber schön langsam glaube ich, in mir steckt auch dieser Mann, an den du die Briefe geschrieben hast. Der ein bisschen verschrobene, korrekte, liebenswerte Beamte, der tief im Inneren einsam ist, obwohl er eine Menge Freunde hat. In mir steckt jemand, dem zwar im Waldviertel kalt wäre, der aber gleichzeitig vielleicht doch diese Sehnsucht nach einem einfachen, erdigen Leben und Waldviertler Knödeln hat. (Ich würde aber nicht erwarten, dass eine Frau die für mich kocht. Das kann ich selber. Und Frauen in High Heels gefallen mir wesentlich besser als in Gummistiefeln.)

Was muss ich tun, damit du mir verzeihst? Ich erhöhe meinen Einsatz von einem Gläschen Wein auf ein schönes Abendessen. Ich hab sicherheitshalber einen Tisch reserviert. Übermorgen um acht im Donna Rosa’s.
Ich werde da sein. Und ich hoffe, du bist es auch.

Liebe Grüße
Herwig Steiner


P.S. Du hast übrigens vergessen, die Strafe fristgerecht einzuzahlen. Eigentlich hätte ich das jetzt zur Anzeige bringen müssen, aber ich hab es aus meiner Tasche bezahlt. Wenigstens das war ich dir schuldig.

Mittwoch, 25. Oktober 2006

Briefverkehr 9

Liebe Barbara,

ich habe deinen Brief jetzt dreimal gelesen und jedes Mal hatte ich Tränen in den Augen. Und mein Kollege auch, der schüttelt sich noch immer vor Lachen.
Ich glaube, ich muss dir jetzt etwas gestehen:
Ich bin 37, Jurist, habe eine süße Tochter mit acht Jahren und – wenn das Pensionssystem hält – gehe ich in 28 Jahren in Pension. Ich möchte aber nicht ins Waldviertel, sondern lieber nach Australien – wenn möglich, noch vor meiner Pensionierung. Im Waldviertel war ich einmal auf Schulausflug, in der Blockheide bei Gmünd.
Bitte verachte mich jetzt nicht, ich erklär dir gern, wie alles gekommen ist:
Also da war dein Schreiben, nachdem du die Anonymverfügung bekommen hast (die im Übrigen immer noch nicht eingezahlt ist). Mein Kollege und ich haben uns blendend über deinen Brief amüsiert, aber ein bisschen geärgert auch über den Zynismus, und dass du Beamte offensichtlich per se für blöd hältst. Und mein Kollege hat gesagt: So schreib ihr doch zurück! Das hab ich dann getan und den alten Herrn Steiner erfunden, also den verschrobenen, korrekten Beamten. (Glaubtest du ehrlich, den gibt es?) Den Rest kennst du ja ohnehin. Aber rührend hab ich es schon gefunden, als du mir Baumwollunterwäsche empfohlen hast. Stehst du tatsächlich auf Männer in Feinripp?
Du bist jetzt wahrscheinlich furchtbar sauer auf mich, und ein bisschen kann ich das sogar verstehen. Aber du warst es, die mich – also den alten Steiner – aus der Reserve gelockt und zu verführen versucht hat.
Auf dem Radarbild kann man dich übrigens kaum erkennen, aber ich hab ein bisschen im Netz gestöbert und bin auf dein Weblog gestoßen, und ich kann den Arzt verstehen, der dich lieber von vorne abhört.
Wie wär’s? Treffen wir uns einmal auf ein Glas Wein im Donna Rosa’s?

Liebe Grüße
Herwig (ich heiße wirklich so, aber dafür kann ich nichts)

P.S. Der Lippenstift kam trotzdem von Herzen

Dienstag, 24. Oktober 2006

Briefverkehr 8

Lieber Herwig,

natürlich kannst du mit mir offen reden und mir von deinen Träumen erzählen. Ich habe wirklich selten zuvor so einen liebenswerten Mann wie dich kennen gelernt, der noch dazu Beamter ist. So ein Beamter ist eigentlich viel zu schade für eine Frau wie mich, Herwig.
Ja, und heute war ich beim Arzt, weil mich der Husten plagt, und er hat mich ganz genau abgehört, sehr sorgfältig. Meine Freundin hat gemeint, der wollte nur meine Brüste sehen, weil man in Wirklichkeit den Rücken abhört und nicht vorne. So etwas würdest du nie tun, nicht wahr? Mich so auszutricksen.
Ja, auf jeden Fall hat er gesagt, ich hab eine Waldallergie, und wenn ich ins Waldviertel ziehe, dann besteht die Gefahr, dass das Asthma ganz schlimm ausbricht. Und auf Mohn bin ich wahrscheinlich auch allergisch, das muss er erst austesten. Dazu muss er mich nächste Woche noch einmal genau abhören.

Ach, es tut mir so Leid, aber du wirst verstehen, dass es mir wegen der Allergie unmöglich ist, da hinauf zu ziehen. Ich hab ja nicht mal richtige Gummistiefel, weißt du? Nur so Stöckelschuhe, mit denen kann ich sicher keine Wanderungen an der Thaya machen.
Ich hab dir ja am Anfang erzählt, dass ich Autorin bin, und – ja ... also ... ich schreibe nämlich nicht nur Kinderbücher, sondern auch Geschichten, die ... na ja ... die nicht wirklich anständig sind ... so Sachen mit Sex halt und so. Ich fürchte, das könnte dich in die Bredouille bringen, wenn die Leute aus deinem Dorf das erfahren und in der Kirche könnten sie dir sogar verbieten, an der heiligen Kommunion teilzunehmen. Sogar hier wo ich wohne waren sie total empört und sperren ihre Kinder weg.
Du glaubst jetzt wahrscheinlich, dass das nur Ausreden sind, Herwig, aber das ist es nicht, ich habe nur ein bisschen das Gefühl, dass ich vielleicht gar nicht die Frau bin, nach der du dich sehnst, die mit dir Knödel kocht und Waldviertler Muscheln im Mohnmeer sucht.

Schreibst du mir trotzdem einmal wieder und erzählst mir vom Waldviertel und von deinem Beruf auf der Bezirkshauptmannschaft? Ich hab dich ja sehr liebgewonnen und als Freund will ich dich auch nicht verlieren, Herwig. Magst du mein Beamtenfreund sein?

Einen Kuss auf die Wange
schickt dir
Deine Barbara

Montag, 23. Oktober 2006

Briefverkehr 7

Liebe Barbara,

entschuldige, dass ich nichts von mir habe hören lassen. Sonderurlaub hatte ich leider keinen, den gibt es bei uns nur bei Heirat, Übersiedlung und Tod. Mit dem Heiraten wird das wohl nichts mehr auf meine alten Tage, ich war ein paar Mal einer Frau sehr zugetan, doch meine Mutter hat mir von den Damen abgeraten. Zu Unrecht, wie ich aber erst sehr viel später gemerkt habe. Erst, als es zu spät war. Übersiedeln werde ich wahrscheinlich erst nach meiner Pensionierung, denn so sehr ich das Weinviertel mag, ich merke doch, dass das Heimweh nach dem Waldviertel mir manchmal schier meine Seele zerreißt. Wenn ich einmal tot bin, brauche ich den Sonderurlaub auch nicht mehr, aber zum Glück bin ich noch sehr lebendig, liebe Barbara. So lebendig wie selten zuvor fühle ich mich, trotz Herbst, der den Abschied ankündigt, indem er die Blätter erst bunt bemalt, um sie wenig später schweren Herzens loszulassen.
Dass du ein bisschen Aphrodite bist, das hat mich nicht geschockt. Berührt und aufgewühlt hat es mich, muss ich gestehen, so sehr, dass ich ein bisschen Zeit zum Nachdenken gebraucht habe. Schön, dass du mich schon vermisst hast.
Über meine Zukunft habe ich nachgedacht, Barbara Aphrodite, und über dich. Je länger ich dein Radarbild betrachte, umso schärfer und klarer wird es in meinen Gedanken. Ganz warm wird mir bei deinem Anblick.
Ich will dir nicht zu nahe treten, ich hoffe, du weißt das, aber es ist lange her, dass ich mich jemand so anvertrauen konnte und deshalb denke ich, dass ich dir auch ehrlich schreiben kann, was in mir vorgeht.
Der Bauernhof meiner Eltern ist riesig, viel zu groß für die beiden alten Leute allein, und wenn man vor das Tor tritt, dann steht man vor diesem Mohnblumenmeer, von dem ich dir geschrieben habe, und wendet man seinen Blick gen Westen, dann taucht man ein in einen Sonnenblumensee. In einiger Entfernung schlängelt sich sanft die Thaya dahin.
Ich würde dir das so gerne alles zeigen, und mit dir an den Ufern spazieren gehen und schöne Steine suchen und Schneckenhäuser. Am Abend dann für dich Waldviertler Knödel kochen. Magst du Waldviertler Knödel? Man braucht dazu zur Hälfte rohe und zur Hälfte gekochte Erdäpfel. Wenn du möchtest, bringe ich dir gerne bei, wie man sie zubereitet. Ich sehe uns zwei schon am alten Holzofen stehen, ich mit beiden Händen im Erdäpfelteig, du mit mohnroten lachenden Lippen neben mir.
Ach Barbara, ich höre jetzt besser auf, meine Träume verwirren mich sehr. Ich wünsche dir einen Tag, der dir sonnig und warm entgegenkommt.

Dein Herwig

Sonntag, 22. Oktober 2006

Briefverkehr 6

Werter Herr Steiner,
lieber Herwig,

warum meldest du ... Sie ... ich weiß nicht, sind wir jetzt per Du oder per Sie? Ach was, ich sag einfach Du, ja?... Also, warum rührst du dich überhaupt nicht? Ich fange an, mir ein bisschen Sorgen zu machen.
Hast du dich erkältet? Oder hat dir dein Abteilungsleiter endlich zwei Tage Sonderurlaub gewährt, wie ich es ihm ans Herz gelegt habe? Aber die zwei Tage sind längst vorbei und ich habe immer noch kein Lebenszeichen von dir.
Hab ich dich gar geschockt, weil ich ein bisschen Aphrodite bin? Hat deine Frau – hm, ich weiß ja gar nicht, ob du eine Frau hast – unsere Briefe gelesen und dir den Kontakt mit mir verboten?
Weißt du, ich bin ein bisschen ratlos, Herwig. Deine Briefe, die fehlen mir. Du schreibst nämlich sehr sehr lieb, ein bisschen altmodisch vielleicht, aber sehr poetisch und schön.

Melde dich bitte bald
Deine Barbara

Freitag, 20. Oktober 2006

Briefverkehr 5

Werter Herr Steiner, mein Lieblingsbeamter,

gerade war der Briefträger da. Und wissen Sie, was er mir gebracht hat? Ja, natürlich wissen Sie das, blöde Frage. Tschuldigung. Ich kränkle gerade ein bisschen und kann nicht so klar denken wie sonst.
Vielen, vielen Dank. Ich bin ganz gerührt und ich muss gestehen, ich habe über Ihr Päckchen sogar ein bisschen geweint, vor Freude.

Ein Lippenstift in Waldviertler Mohnrot. Ich kann es nicht fassen. Der ist wunder-, wunderschön, Herr Steiner.
Und wenn ich daran rieche und dabei die Augen schließe, dann sehe ich die Waldviertler Mohnfelder vor mir, die Sie in Ihrem Brief so poetisch beschreiben, sehe, wie die Blumen sich sanft im Wind wiegen und höre das Lied, das sie mir singen.

Welche Göttin ich wäre, wenn ich eine wäre, fragen Sie.
Hm. Da muss ich nachdenken. Die meisten griechischen Göttinnen sind ja keine Guten, sie sind voller Zwietracht und Neid und Eifersucht und so, was auch kein Wunder ist, wenn man bedenkt, wie dieser Zeus sich aufgeführt hat.

Wahrscheinlich habe ich von mehreren Göttinnen etwas in mir, auch von den schlechten, vielleicht bin ich eine der Nymphen, diesen wohltätigen Geistern der Berge, Bäume und Wiesen, die aber frei umherschweifen, Tänze aufführen, jagen, weben und pflanzen und den Menschen hilfreich sind.
Ich glaube, ich habe aber auch – ohne unbescheiden zu sein – etwas von Aphrodite, der Göttin der Liebe, der Schönheit und der sinnlichen Begierde. Ist das schlimm?

So, ich muss aufhören. Ich habe hier zwar keinen Abteilungsleiter, der mich kontrolliert, aber ich muss mich ein bisschen hinlegen.
Noch mal vielen, vielen Dank für den mohnroten Lippenstift. Das wäre wirklich nicht notwendig gewesen.
Passen Sie gut auf sich auf und vergessen Sie nicht auf die warme Unterwäsche. Sie werden doch nicht so kurz vor Ihrer Pensionierung noch krank werden wollen.

Ich hätte eine Frage an Sie, Herr Steiner. Jetzt, wo wir uns ja doch schon ein bisschen kennen, darf ich Ihnen das Du-Wort anbieten? Herwig ... das Heer ... der Kampf ... dabei wirken Sie auf mich so friedliebend.

Ihre Barbara

P.S. Meine Freundin hat mich gestern auf einen Tequila eingeladen. ;-)
Danke, Herwig!

Donnerstag, 19. Oktober 2006

Briefverkehr 4

Liebe Frau Lehner,

da bahnt sich ja eine zarte Brieffreundschaft an! Ich bin wirklich froh, dass Sie an besagtem Tag ein bisschen aufs Gas gestiegen sind, sonst hätte ich Sie nie kennen gelernt.
Vor vielen Jahren hatte ich einmal eine Brieffreundin aus Australien, ich glaube aus Canberra. Irgendwie haben wir uns aber aus den Augen verloren. Ich war auch noch nie in Australien. Meistens verbringe ich den Urlaub im Waldviertel, bei meinen Eltern, und helfe ein bisschen in der Landwirtschaft, bei der Mohn-Ernte. Ich wollte zwar den Hof nicht übernehmen, aber den Mohn, den habe ich immer geliebt. Die Mohnkapsel ist das Symbol für Morpheus, den Gott des Traumes, für Thanatos, den Gott des Todes, und für Nyx, die Göttin der Nacht. Sie müssen wissen, ich interessiere mich ein bisschen für die griechische Mythologie. Eine Spinnerei von mir, sagt meine Mama. Angenommen, Sie wären eine griechische Göttin, welche wären Sie dann? Ich weiß, es geht mich nichts an, Sie müssen diese intime Frage natürlich auch gar nicht beantworten.

Waren Sie schon mal im Waldviertel, wenn der Mohn blüht? Ganz stark sind sie plötzlich, die zarten Mohnblüten, wenn sie so viele sind. Ein Meer aus Lebensfreude in Rosa, Lila und Rot. Ein Meer, in das man eintauchen und von dem man sich treiben lassen möchte. Ach, ich träume schon wieder, dabei muss ich noch den Beschwerdebrief eines Falschparkers beantworten.
Das unscharfe Foto von Ihnen im Twingo hab ich auf meine Pinnwand gesteckt. Ganz schön rasant schauen Sie darauf aus. Jetzt will mein Kollege immer wissen, wer das ist, aber das ist unser Geheimnis, ja?
So, ich muss aufhören, der Amtsleiter biegt um die Ecke und ich will mir nicht so kurz vor meiner Pensionierung noch Schwierigkeiten einhandeln.

Mit lieben Grüßen
Ihr Herwig Steiner

P.S. Ich habe übrigens vor ein paar Tagen ein Päckchen an Sie geschickt, per Privatpost natürlich. Eine kleine Überraschung. Ist es schon angekommen?

Mittwoch, 18. Oktober 2006

Briefverkehr 3

Lieber Herr Steiner*,

herzlichen Dank für Ihr ausführliches Antwortschreiben, ich habe mich sooo gefreut. In der heutigen Zeit antwortet ja kaum noch jemand auf Briefe; die Leute beschränken sich in ihrer Kommunikation auf 160 Zeichen, sie geizen mit Geld – und mit Worten.
Ich wollte Sie mit meinen Zeilen wirklich nicht in Verlegenheit bringen oder dadurch etwa eine Strafmilderung bewirken, oh nein, das liegt mir fern, das müssen Sie mir glauben. Sie glauben mir doch, oder?

Aber ... wissen Sie, Herr Steiner, meine Freundin ... nun, wie soll ich es sagen ... also, 20 Euro, dabei ist sie gar nicht zu schnell gefahren. Sie ist überhaupt nicht gefahren, und genau das war ihr Problem. Sie ist zu lange gestanden, vor der Bank in Mistelbach, um die Kreditzinsen herunter zu handeln. Es geschah am 14.10, gegen 15:33, und sie fährt einen dunkelgrünen Peugeot.
Könnten Sie da vielleicht ...? Natürlich, Mistelbach fällt nicht in Ihren Zuständigkeitsbereich, ich weiß, die haben eine eigene Bezirkshauptmannschaft, und außerdem weiß ich mittlerweile um Ihre Anständigkeit und Unbestechlichkeit, aber vielleicht ist ja Ihr Mistelbacher Kollege eine kleine Spur korrupter als Sie, der Sie als gestandener Waldviertler so gar nicht zur Korruption neigen. Vielleicht könnten Sie aber ein gutes Wort einlegen für Sie. Aber wenn nicht, dann geht das auch in Ordnung, ich will Sie wirklich nicht in Bedrängnis bringen.

Die Sache ist nämlich die: Meine Freundin wird nicht bei Büchern oder Lippenstift (hab ich Ihnen eigentlich schon von meiner Schwäche für teure Lippenstifte erzählt, Herr Steiner?) sparen, nein, sondern beim Tequila. Allerdings nicht bei dem, den Sie selber trinkt (ihr Geliebter ist übrigens Bandenchef in Mexiko, aber das tut nichts zur Sache), sondern bei dem, den sie mir immer spendiert.
Und seien wir ehrlich, so ganz ohne Alkohol wären weder das kalte Wald- noch das sonnige Weinviertel und seine Menschen erträglich. Sie haben bestimmt schon davon gehört, dass das Weinviertler Gemüt einen leichten Hang zum Depressiven hat.

Ihnen, Herr Steiner, dessen Seele vermutlich aufrechte Wald- und melancholische Weinviertler Anteile in sich vereint, möchte ich raten, kaufen Sie sich bitte warme Baumwollunterwäsche für den Winter. Ich möchte nicht, dass sich ein so netter Beamter erkältet. Und der nächste Winter kommt bald, ich habe heute früh zum ersten Mal in diesem Herbst Eisblumen von meinem Twingo (diesem Raser!) gekratzt.
Eine davon, die schönste, möchte ich Ihnen gerne schenken, als Dank für Ihre Liebenswürdigkeit.

Ihre Barbara A. Lehner


P.S. Schöne Grüße übrigens auch von meiner Freundin.

*Name von der Reaktion geändert

Dienstag, 17. Oktober 2006

Briefverkehr 2

Betrifft: Ihr Schreiben vom 11. Oktober betreffend Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit

Sehr geehrte Frau Lehner,

ich bestätige den Erhalt Ihres Schreibens und danke für Ihren Dank.
Ihre Zeilen waren Balsam auf meine verwundete Beamtenseele. Es ist ausgesprochen erleichternd, dass jemand wahrnimmt, dass wir Bediensteten der Bezirkshauptmannschaft es mit der Bevölkerung nur gut meinen. Sie können sich ja nicht vorstellen, was man als der Strafabteilung zugewiesener Beamter sonst so zu hören und lesen bekommt. Ich habe schon einige Male mit einem Berufswechsel geliebäugelt, aber ich habe leider nichts Anständiges gelernt. Den heimatlichen Bauernhof wollte ich nicht übernehmen und so habe Ich in Zwettl die Handelsakademie absolviert. Aufgrund der düsteren Berufsaussichten und des kalten Klimas im Waldviertel bin ich anschließend ins Weinviertel übersiedelt.
Entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihnen so mein Herz ausschütte, ich weiß, das geht zu weit.
Wenn ich trotzdem ein paar ganz private Worte anfügen darf: Es tut mir Leid, dass Sie der Geschwindigkeitsübertretung überführt wurden. (Auf dem Foto ahnt man, dass sie ausgesprochen attraktiv aussehen, wenn auch die Bildschärfe zu wünschen übrig lässt.) Ich hätte als für Sie zuständiger Sachbearbeiter liebend gerne ein Auge zugedrückt und Ihnen die Strafe erlassen, aber Sie werden verstehen, dass ich mir damit auf meine alten Tage den Vorwurf der Korruption gefallen lassen müsste und mich diesen schweren Anschuldigungen – noch dazu so kurz vor meiner Pensionierung - nicht aussetzen möchte. Ich war und bin noch immer einer dieser altmodischen Beamten, die Wert darauf legen, ihrer Tätigkeit gewissenhaft und unparteiisch nachzugehen.

Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag – und fahren Sie vorsichtig!

Herwig Steiner *
Sachbearbeiter


*Name von der Redaktion geändert

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

Neu

Wie geht es unserer Testsiegerin?
Wie geht es unserer Testsiegerin?
Lo - 5. Feb, 17:25
Vielen Dank! Du findest...
Vielen Dank! Du findest mehr von mir auf facebook ;-)
testsiegerin - 30. Jan, 10:40
Kurschatten ' echt keinen...
auch wenn diese deine Kur schon im Juni...xx? war,...
kontor111 - 29. Jan, 09:13
zum entspannen...Angel...meint
wenn ich das nächste Mal im Bett liege, mich verzweifelt...
kontor111 - 29. Jan, 08:44
"Pinguin"
"Pinguin"
bonanzaMARGOT - 11. Mär, 11:11
Sleepless im Weinviertel
Ich liege im Bett. Ich bin müde. Ich lese. Eine Romanbiografie...
testsiegerin - 13. Jan, 11:30
... ich könnte mal wieder...
... ich könnte mal wieder eine brasko-geschichte schreiben.
bonanzaMARGOT - 8. Jan, 07:05
OHHH!
OHHH! Hier scheint bei Twoday etwas nicht zu stimmen. Hoffentlich...
Lo - 7. Jan, 13:36

Web Counter-Modul


Briefverkehr mit einem Beamten
Erlebtes
Femmes frontales
Forschertagebuch
Gedanken
Gedichte
Geschichten
Glosse
In dreißig Tagen um die Welt
Kurzprosa
Lesungen
Menschen
Sex and the Country
Toll3ste Weiber
Vita
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren

kostenloser Counter