Briefverkehr mit einem Beamten
Meine Lieben,
ja, jetzt ist er also zu Ende, der Briefverkehr. Manche von euch werden aufatmen, anderen tut es leid, anderen ist es ungefähr so egal, wie wenn in China ein Sack Reis umfällt.
Mir geht es auch so. Da ist von allem ein bisschen. Erleichterung, weil die zwei einander endlich haben und mich nicht mehr jeden Tag beschäftigen, ein bisschen Traurigkeit, weil ich nicht mehr an ihrem Schicksal mitbestimmen darf und die zwei jetzt auf sich alleine angewiesen sind, ein bisschen Leere, weil ein Projekt zu Ende ist und ich mir Gedanken über ein neues machen muss. Es war ja schon auch ein bisschen so, dass ich auch tagsüber immer wieder über die zwei nachgedacht hab, mich mit ihnen identifiziert hab (vor allem mit Barbara, das war ziemlich leicht ;-) ), mich über sie geärgert und gefreut habe.
Das schönste daran war, dass ich mir endlich ohne schlechtes Gewissen total schöne Liebesbriefe schreiben durfte.
Bei euch möchte ich mich bedanken, denn ihr wart es, die die Geschichte am Leben und Laufen gehalten haben. Ohne LeserInnen hätte ich wahrscheinlich nicht weitergeschrieben. Die Tatsache, dass ihr wissen wolltet, wie es weitergeht, hat mich angetrieben, fast jeden Abend hier zu sitzen und mir zu überlegen, was nun passiert. Eure Kommentare haben mir einerseits Spaß gemacht, mich nachdenklich gemacht, mir wichtige Inputs gegegen, die ich natürlich - wie ihr wisst - auch weiterverwurschtet habe. Ich hoffe, ich habe damit nicht gegen das Copyright verstoßen.
Der Briefverkehr ist also nicht nur meine - sondern auch eure Geschichte.
Ja, und heute saß ich da, hab das ganze noch ein bisschen geordnet und in Form gebracht und gemeinsam mit meiner Freundin ein Deckblatt gestaltet und jetzt liegen Herwig und Barbara gebunden vor mir. Nein, noch sind sie nicht verheiratet, nur in einem schönen, 60 Seiten dicken Heft vereint. Das wird ab sofort bei den nächsten Lesungen verkauft.
Für Inspirationen oder die Idee für ein nächstes Projekt bin ich dankbar.
Eure Barbara
testsiegerin - 26. Dez, 17:32
Liebe Barbara,
vier Wochen ist dein letzter Brief jetzt schon her. Sechs Stunden ist es her, seit wir miteinander gefrühstückt haben und du dich darüber beschwert hast, dass du keine Briefe mehr von mir bekommst. Und grad mal fünf Minuten sind seit unserem Telefonat vergangen.
Barbara, Barbara, Barbara.
Du wusstest, dass ich dir nicht böse sein kann, als du mit zersaustem, klatschnassen Haar vor der Bezirkshauptmannschaft standest. Zwei Stunden lang, wie du mir später erzählt hast, weil du nicht gewusst hast, dass ich Überstunden mache. Und weil ich es dir wert war. Ohne Make-up und ohne waldviertelmohnroten Lippenstift hast du mich angelächelt. „Du wolltest mich ungeschminkt“, hast du gesagt, und: „also nimm mich.“ Hab ich dich halt genommen. In den Arm nur, zunächst. Du hast geweint und gesagt, dass du eh so viel Geduld gehabt hast, aber dass ich dir nicht geantwortet habe auf deinen letzten Brief und du deshalb persönlich da bist. Immerhin weiß ich jetzt, dass sich „viel Geduld haben“ für dich nach spätestens vier Tagen erschöpft.
Bis zur Sperrstunde saßen wir dann in der kleinen Bar und haben geredet. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich je mit einer Frau so viel geredet habe. Und trotzdem habe ich auch jetzt noch das Gefühl, ich kenne erst ein paar Puzzleteile von dir. Ich finde es sehr aufregend, sie zusammenzufügen, Barbara. Als du vorher gegangen bist, hast du gesagt, dass du Angst hast, dass das Puzzle für mich reizlos werden könnte, wenn es fertig ist. Das glaube ich nicht, du. Erstens, weil du aus mindestens siebzehn Millionen Teilen bestehst, die ich niemals richtig zusammensetzen können werde. Zweitens verspreche ich dir eines: Sollte es tatsächlich so sein, dass ich knapp davor bin, das Bild fertig zu stellen (was ich aber nicht glaube), dann lasse ich einfach heimlich ein Stück Himmel fallen.
Ich werde dann jahrelang vorgeben, genau dieses eine Puzzleteil zu suchen, obwohl ich genau weiß, dass es unter meinem Kopfpolster liegt. Einverstanden?
Barbara. Dass ich dich liebe, das weißt du längst. Ich schreibe es jetzt trotzdem hin, weil ich weiß, wie gern du das liest. Auf dem Spiegel, auf dem Kühlschrank, auf deinem Handy. Here you are: Ich liebe dich. Dein Lachen genauso wie deine plötzliche Traurigkeit, deinen Stolz und deine Anflüge von Minderwertigkeitsgefühl, deine Eloquenz, deinen Witz, deinen Scharfsinn, dein politisches Engagement, deinen Zorn auf Ungerechtigkeit. Die Art, wie du mit Jenny umgehst, deine Eifersucht auf Kelly Clarkson-Sattmann-Tauber, deine Kreativität und deine Nachdenklichkeit. Deine Leidenschaft und deine Hingabe, natürlich. Vor allem aber liebe ich die Wärme, die von dir ausgeht. Und die Tatsache, dass du mich sehr glücklich machst, die liebe ich auch. Ahja, deine Geduld, wie konnte ich die vergessen?
Und jetzt muss ich aufhören zu schreiben, weil ich erstens eine Beschwerde beantworten muss (irgend so eine Raserin, die glaubt, wir würden ihr die Strafe erlassen, nur weil sie ein bissl jammert und zynisch ist) und weil zweitens mein Handy klingelt. Barbara steht auf dem Display.
Wir sehen uns in zwei Stunden, Kleines!
Dein Herwig
Der Briefverkehr endet hier. Wir aber wissen, dass, wo Geschichten enden, das Leben erst beginnt.
testsiegerin - 25. Dez, 12:24
Lieber Herwig,
ich kann dir gar nicht sagen, wie leid mir das alles tut. Die ganzen Missverständnisse zwischen uns, und dass ich dich offensichtlich sehr verletzt habe.
Glaub mir, das wollte ich nicht. Zu keinem Augenblick unserer Beziehung (ist das eine Beziehung?) wollte ich dir weh tun. Spielen, ja, das schon, weil ich verspielt bin wie ein kleines Kind und weil ja auch alles mit einem Spiel begonnen hat. Mit deinen Gefühlen aber wollte ich nie spielen.
Weißt du, meine Unsicherheit, meine Angst, nicht geliebt zu werden, die verdecke ich oft mit Witzen und Schlagfertigkeit, ohne zu bedenken, dass die Witze manchmal auf dem Transport zerrissen und beschädigt werden und nicht so ankommen, wie ich sie abgeschickt habe. Vor allem dann nicht, wenn ich dich nicht einfach küssen oder anblinzeln kann, während du sie auspackst. Ohne auch zu bedenken, dass von der Schlagfertigkeit oft nur die Schläge bleiben und die Fertigkeit mit dem Wind davon fliegt.
Was wolltest du dann, wirst du jetzt vielleicht fragen. Ich wollte, dass du in mir eine spannende, intelligente, liebenswerte, humorvolle Frau siehst, die zu erobern es sich lohnt. Eine, die dir nicht nach dem 23. Brief langweilig wird. Und in meinem Bemühen, für dich eine aufregende Frau zu sein hab ich völlig übersehen, auf deine Gefühle Rücksicht zu nehmen. Scheiße ist das, und ich will mich nicht ausreden.
Immer wenn du mir sehr nahe gekommen bist in deinen Briefen und auch bei unseren wenigen Begegnungen, hab ich dich zurückgestoßen. Nicht aus Angst, dich an mich heranzulassen, das war es gar nicht. Es war eher Angst, dass du – wenn ich meine Coolness und Überlegenheit und Selbstsicherheit abstreife – gar nicht mehr an mir interessiert bist, weil ich hinter der Maske oft gar nicht cool und sicher bin. So eine ganz normale, alltägliche Frau halt irgendwie. Alltagstauglich sogar. Obwohl – so ganz stimmt das jetzt auch nicht, weil ich ja nicht generell ein schwaches, verängstigtes Hascherl bin, sondern mitsamt meiner Unsicherheit schon auch wieder sehr sicher und stark.
Kennst du dich aus?
Jedes Fettnäpfchen, dem ich mich annähere, verwandelt sich augenblicklich in einen Ölteppich, aus dem es kein Entrinnen gibt. Wie aber ihm ausweichen?
Warum kapieren wir Menschen (oder ich Mensch) erst, wie viel uns jemand bedeutet, wenn wir nah dran sind, ihn zu verlieren?
Tschuldigung für diesen etwas wirren Brief. Und ja, ich gebe dir Zeit und werde dich nicht drängen, dich zu entscheiden. Auch wenn ich hoffe, dass du dich trotz allem irgendwie und irgendwann für mich entscheidest.
Deine Barbara
testsiegerin - 21. Dez, 11:43
Liebe Barbara
Ja.
Nein.
Weiß nicht.
Lass mir jetzt einfach ein bisschen Zeit, um meine Gedanken und Gefühle zu ordnen, ja?
Nimm endlich mal ein wenig Rücksicht auf mich.
Dein Herwig
testsiegerin - 20. Dez, 00:01
Herwig?
Hab ich's vermasselt?
Bist du sauer auf mich?
Gibst du uns noch eine Chance?
Bitte
Barbara
testsiegerin - 19. Dez, 00:05
Liebe Barbara,
nein, ich bin nicht beleidigt. Ich bin enttäuscht und traurig. Ich weiß nicht, was ich dir noch glauben soll und was nicht. Was für dich nur Spaß und Geplänkel ist und was du wirklich empfindest. Ich hab es dir schon einmal gesagt: Ich bin nicht dein Hampelmann. Du schreibst, du hast dich in mich verliebt, aber ich glaube, in Wahrheit bist nur verliebt in das Spiel, das du mit mir spielst. Mal ziehst du mich zu dir, im nächsten Moment stößt du mich weg. Ich glaube, du hast massive Probleme mit dir selbst und Angst, jemanden wirklich an dich heran zu lassen. Du dürftest von Männern enttäuscht worden sein. Dafür kann ich nichts und das geht mich nichts an. Ich wollte dich jedenfalls nie verletzen. Ich eigne mich aber auch nicht zum Therapeuten. Obwohl ich dich total gern auf meiner Couch liegen gehabt hätte.
Du zeigst meine Briefe – die nur dich und mich etwas angehen – deinen Freunden und Freundinnen und amüsierst dich wahrscheinlich mit ihnen darüber. Obwohl ich dich schon mal darum gebeten habe, das nicht zu tun.
Barbara, ich weiß einfach nicht, ob ich mich auf dich verlassen kann. Das ist es aber, was ich möchte und brauche. Deine Launenhaftigkeit und Ambivalenz, damit könnte ich locker leben, darin unterscheidest du dich nicht sehr von anderen Frauen, obwohl du dich von denen gewaltig unterscheidest. Hin und wieder hab ich eine Barbara hervorblitzen sehen, bei der ich das Gefühl hatte, jetzt ist sie ehrlich, jetzt ist sie sie selbst, jetzt geht’s nicht darum, mich um den Finger zu wickeln oder rhetorisch zu beeindrucken.
Ich werde am Montag mit dir keinen Kaffee trinken. Zum einen, weil meine Mutter bei mir vorbeischauen wird und ich versprochen habe, ihr bei der Steuererklärung zu helfen (ja, mach dich ruhig wieder darüber lustig, nenn mich Turnbeutelvergesser und Weichei, aber ich halte für gewöhnlich, was ich verspreche), zum anderen, weil ich glaube, dass es uns beiden nicht gut tun würde. Vielleicht nützt du die Zeit und denkst darüber nach, wie du mit mir umgehst und was du vom Leben willst. Ob es für dich nur ein großes Spiel ist, das du unbedingt gewinnen willst. Auch auf die Gefahr hin, dass deine Mitspieler verlieren.
Leb wohl.
Dein Herwig
testsiegerin - 17. Dez, 13:31
Lieber Herwig,
spielst du jetzt den Beleidigten? Das klingt so. Meine Güte, verstehst du keinen Spaß? Ich wollte dich nicht verarschen, ehrlich. Fast ganz ehrlich, Kleines.
Dein Brief hat mich leider kein bisschen angeturnt. Ich interessiere mich nämlich nicht für Züge. Weder verläuft mein Leben wie auf Schienen noch möchte ich ständig irgendwelche Weichen stellen. Magst du meine weichen Stellen?
Ich hänge deine Briefe gar nicht ans schwarze Brett. Ich lese sie nur ein paar Freunden vor. Und diese Freunde geben mir gute Ratschläge. Manchmal sind auch schlechte dabei, aber ich werfe die guten ins Kröpfchen und die schlechten ins Töpfchen, oder so. Bei den männlichen Freunden gibt es welche, die dich nicht ausstehen können und für einen vorwärtseinparkenden Beckenrandschwimmer halten. Ich glaube, die sind nur eifersüchtig, ich weiß ja mittlerweile, dass du sogar seitlich einparken kannst. Es gibt aber auch Männer, die Mitleid mit dir haben. Brauchst du wirklich Mitleid?
Die meisten Frauen finden dich nett. Nein, nicht nett, natürlich, sondern interessant. Spannend. Aufregend. Ich gehöre auch zu den meisten Frauen.
Aber es ärgert mich, dass es in deinem Schreiben nur um Sex geht. Verkehr, Verkehr, Verkehr. Ist das alles, woran du denkst? Alles, was ich für dich bin? Ein billiges Sexobjekt? Du bist mit keinem Wort auf meine Liebeserklärung eingegangen, zum Beispiel, dabei wäre das viel wichtiger als gierige Leiber, die sich paaren. Es ist mir ohnehin schwer genug gefallen, dir zu sagen, dass ich dich lieb gewonnen hab.
Sag mal ehrlich: Nerv ich dich schon?
Herwig, ich will dich wieder sehen. Ich weiß ja, dass du abends im Moment keine Zeit hast, wegen Jenny. Aber was hältst du davon, wenn wir am Montagnachmittag auf einen Kaffee gehen, während Jenny jazztanzt?
Scheiße, ich hab mich schon wieder verliebt. Diesmal in dich.
Deine Barbara
testsiegerin - 15. Dez, 19:17
Liebe Barbara,
das war mir schon klar, dass du ein bisschen pervers bist. Ich ja auch, sonst würde ich dir nicht noch immer antworten auf deine zur Hälfte zynischen, zur Hälfte liebenswerten und zur dritten Hälfte völlig dämlichen Briefe.
Warum hast du nicht schon viel früher geschrieben, dass du so leicht zu befriedigen bist? Ich hätte mir eine Menge Zeit und Geld gespart, für das Essen, für die Maroni, den Wein, den Lippenstift...
Ich hätte einfach ein paar Gesetzblätter kopieren (auf Privatkosten in der Privatzeit, selbstverständlich) und sie dir in privaten Kuverts mit privaten Briefmarken drauf schicken können.
Wie wäre es heute mit öffentlichem Personenverkehr?
(2) Unter Personenregionalverkehr (Verkehr im ländlichen Raum) im
Sinne dieses Bundesgesetzes sind nicht unter den Anwendungsbereich
der Bestimmung des Abs. 1 fallende Verkehrsdienste zu verstehen, die
den Verkehrsbedarf einer Region bzw. des ländlichen Raumes
befriedigen.
§ 3. (1) Verkehrsdienste sind eigenwirtschaftlich oder
gemeinwirtschaftlich erbrachte Dienstleistungen im öffentlichen
Schienenpersonenverkehr oder im Straßenpersonenverkehr
(Kraftfahrlinienverkehr).
Ich wäre ja mehr für die gemeinwirtschaftlich erbrachten Dienstleistungen zur Befriedigung. Im Verkehrsverbund. Und ich bevorzuge den Nahverkehr.
Besorg es dir trotzdem nett, während du das liest, ja?
Wie bitte? Noch nicht fertig? Na du brauchst heute aber lange. Kein Problem, ich häng noch was dran:
Nah- und Regionalverkehrsplanung
§ 11. Aufgabe der Länder und Gemeinden ist die auf Basis des
Angebotes gemäß §§ 7 und 10 vorzunehmende Planung einer
nachfrageorientierten Verkehrsdienstleistung (Reduzierung,
Ausweitung oder Umschichtung von Verkehrsleistungen) unter
Einbeziehung der in den §§ 20 und 31 angeführten Kriterien. Die in
§ 16 angeführten Planungen der Verkehrsunternehmen sind nach
Möglichkeit zu berücksichtigen.
§ 12. Ergibt sich auf Grund der Nah- oder Regionalverkehrsplanung
gemäß § 11 eine Reduzierung der Fahrplankilometer des Angebotes
gemäß § 7 sowie von Verkehrsdienstleistungen gemäß § 10, sind
dadurch frei werdende Bundesmittel weiterhin, vorrangig für
qualitätssichernde Maßnahmen, im öffentlichen Personennah- und
Regionalverkehr zur Verfügung zu stellen.
Jetzt aber, oder?
Ich muss aufhören, Jenny hat Alpträume. Und wenn du so weitermachst, ich auch bald.
Dein Herwig
P.S. Sag mal, hängst du unsere Briefe noch immer ans schwarze Brett?
testsiegerin - 12. Dez, 23:54
Lieber Herwig
Telefongespräch? Abgabenordnung? Orgasmus?
Schnappst du jetzt ganz über? Oder sprichst du im Fieber? Und was hat das alles mit mir zu tun?
Ach, jetzt wird mir einiges klar. Die Nummer, die ich dir gegeben hab, die hast du gewählt, oder? Die war nicht von mir, sondern von einer Frau, die eine Telefonsexhotline betreibt. Sie behauptet, sie sieht aus wie Christina Aguilera, in Wahrheit aber ist sie klein und pummelig und fettet sich mit den Telefonaten ihre Pension auf. Du hast sie also tatsächlich angerufen? Und nicht gemerkt, dass das nicht ich bin!? Na ja, spätestens bei der Telefonrechnung wirst du es bemerken.
Herwig? Hab ich dich jetzt erschreckt?
Alles gelogen. Ich war das am Telefon. Und ich bin blutige Telefonsex-Amateurin. Anfängerin sogar. Aber eine Freundin hat mir nach deinem letzten Brief geraten, ich soll jetzt so tun, als wäre das nicht ich gewesen. Ja, sie spinnt ein bisschen, ich weiß. Die Wahrheit ist, ich leide an einer speziellen Störung der Sexualpräferenz, der Linguaphilie. Nein, das ist falsch ausgedrückt, ich leide ja gar nicht darunter, sondern genieße sie. Du kennst das vielleicht aus dem Film Ein Fisch namens Wanda. Da kommt Jamie Lee Curtis, wenn er russisch redet. Ich hab das vor vielen Jahren auch mit russisch probiert und es war wirklich geil. Aber als ich dann Russisch-Englisch-Dolmetsch studiert habe, hat die Sache ihren Reiz verloren, weil ich plötzlich jedes Wort verstanden habe und die Kerle mir keine spannenden Spionagegeschichten, sondern über die russische Bundesliga erzählt haben. Dafür wollten sie dann auch noch einen Freistoß.
Mit griechisch hab ich es dann noch versucht, aber nach dem Griechisch-Kurs war auch da die Luft draußen. Kali orexi. Ja, und da bin ich dann umgestiegen auf Beamtendeutsch. Da verstehe ich – trotz jeder Menge juristischer Seminare – nach wie vor kein Wort. Puh, kannst du dir vorstellen, wie heiß mir geworden ist, als ich die Anonymverfügung und die Rechtsmittelbelehrung darunter gelesen habe? Es war einfach irre.
Meinen schönsten Höhepunkt hatte ich beim Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen, Definition des Festlandsockels, Artikel 76 (4) a) ii). Mir wird immer noch ganz schwummerig, wenn ich daran denke.
Herwig?
Alles Quatsch. Es war deine Stimme, die mich erregt hat. Deine weiche, samtige, ruhige Stimme. Dein Tonfall, zärtlich und fordernd zugleich. Natürlich, Abgaben werden ja auch eingefordert.
Ich hab mich wirklich ein bisschen geschämt, danach. Ich hatte das nämlich ursprünglich überhaupt nicht vor, was da passiert ist, aber in dem Moment konnte ich nicht anders. Kontrollverlust, wenn Sie wissen, was ich meine.
Ich habe jetzt so eine kleine Ahnung davon, wie es sein könnte, wenn du mir vertraute, versaute Worte ins Ohr flüsterst. So ganz ohne Telefonhörer dazwischen.
Es war phänomenal. Du bist phänomenal. Irgendwie.
Und ja, das nächste Mal haben wir beide dann schon wesentlich mehr Routine und ich lege nicht verschämt auf, o.k.? Da darfst du dann auch. Welche Sprache präferierst du?
Ich weiß nicht, ob ich es dir schon mal gesagt habe, aber ich mag dich sehr. Sehrsehr. Sehrsehrsehr.
So schaut’s nämlich aus.
Deine Barbara
testsiegerin - 11. Dez, 19:03
Puh, Barbara,
ich trinke gerade ein Glas Chardonnay (nein, nicht Jennys Meerschweinchen, sondern richtigen Wein) und versuche zur Ruhe zu kommen. Und das, obwohl die Unruhe eben mir sehr, sehr gut getan hat. Mein Ohr glüht immer noch von unserem Telefonat, obwohl du gar nicht viel gesagt hast, und ich bekenne freimütig: das Ohr ist nicht der einzige Körperteil, der glüht.
Dein Schweigen war ein ganz anderes als das bei Donna Rosa. Und deine Stimme, die das Schweigen hin und wieder gestört hat, die war viel leiser als in deinen Briefen.
Ja, jetzt sitze ich da und lasse unser Telefonat noch einmal Revue passieren.
Ich hab dir erzählt, dass ich vorhin einen Spaziergang gemacht hab, in ein schlimmes Gewitter geraten bin und mit völlig durchnässten Schuhen zu Hause angekommen bin, weil ich keine Gummistiefel anhatte. Du hast gefragt, ob ich dich wirklich angerufen habe, um mit dir übers Wetter zu reden. (Ich hab dich ohne jegliche Absichten angerufen, übrigens.) Dass du auch nass bist, hast du gesagt, wenn auch nicht an den Füßen.
Und dann haben wir geschwiegen. Ich, weil du mich verlegen gemacht hast, du – ja, keine Ahnung, warum du geschwiegen hast. Du scheinst manchmal einfach gern zu schweigen, ich gewöhne mich schön langsam daran.
Aber als du dann nach endlosen Minuten „Herwig ... Herwig ... Herwig“ geflüstert hast, ist mir ganz warm geworden. Ich wusste nicht, dass man meinen Namen so zärtlich säuseln kann. Mario oder Giovanni, das sicher, aber Herwig?
Hmmm. Du.
Ob es mich stört, wenn du dich streichelst, während wir schweigen, wolltest du wissen, und ich hab den Kopf geschüttelt. Aber das konntest du nicht sehen.
Dann hast du mich gebeten, dir etwas vorzulesen. „Aus der Göttlichen Komödie?“, hab ich vorgeschlagen und du hast gestammelt: „Irgendwas. Egal. Aber rede.“
Barbara, du bist die erste Frau in meinem Leben, die einen Orgasmus bekommen hat, während ich ihr aus der Niederösterreichischen Abgabenordnung aus 1977 vorgelesen habe. Tut mir leid, aber die Sammlung der Landesgesetze war das einzige Buch, das griffbereit auf dem Couchtisch lag.
Habe ich richtig gehört, dass du bei § 63 a gekommen bist? Bei dieser Passage, oder?
Anbringen, für die Abgabenvorschriften Schriftlichkeit vorsehen oder gestatten, können nach Maßgabe der der Abgabenbehörde zur Verfügung stehenden technischen Mittel auch telegraphisch, fernschriftlich, im Wege automationsunterstützter Datenübertragung oder in jeder anderen technisch möglichen Weise eingebracht werden.
Was fandest du daran eigentlich so erotisch?
Sicher bin ich mir ja nicht. Spätestens seit der Szene, als Sally Harry im Restaurant den Orgasmus, der in die Filmgeschichte eingegangen ist, vorgespielt hat, wissen sogar die blödesten unter uns Männern, dass der Schein manchmal trügt.
Aber ich geh einfach davon aus, dass es für dich schön war. Selber schuld, wenn nicht. Ich hätte schon mehr Geduld gehabt und noch ein paar weitere Paragraphen gelesen.
Barbara, dein Stöhnen hat mich ziemlich angemacht. Du hast „Danke“ in den Hörer gehaucht, dich bei mir entschuldigt, mir gestanden, dass dir das jetzt total peinlich ist und aufgelegt. Ja, danke auch. Du musst dich nicht entschuldigen, denn es war auch für mich wunderschön, dir gut zu tun. So bin ich. Ein völlig selbstloser Altruist, würden die einen sagen. Ein Idiot, die anderen. Aber es ist mir sowieso egal, was die einen und was die anderen sagen.
Und das nächste Mal ...
Ich küsse dich. Wo auch immer es dir gut tut.
Dein Herwig
P.S. Nie wieder werde ich bei einer Sitzung völlig unbefangen aus der Abgabenordnung zitieren können, sondern dabei immer ein völlig dämliches Lächeln auf den Lippen haben. Eines, das du mir dorthin gezaubert hast.
testsiegerin - 10. Dez, 16:48