Eine feine Gesellschaft

Gestern bin ich über einen Artikel gestolpert, in dem eine über 50-jährige Frau meint, sie müsse gar nichts. Sich nicht die Haare färben, keinen Kopfstand beim Yoga machen, kein Smartphone besitzen und sich nicht altersentsprechend kleiden. Sie rechtfertigt sich dann einen ganzen Artikel dafür, warum sie das alles nicht muss, mit über 50.

Im ersten Moment habe ich genickt und gesagt: Eh klar.
Im zweiten Moment habe ich mich gefragt: Warum kommen die Frauen eigentlich mit 50 drauf, was sie wollen und nicht wollen? Warum nicht mit 37 oder 42? Das Leben ist reichhaltiger geworden mit über 50, es bietet mehr Falten, mehr schlaflose Nächte, mehr Hitzewallungen. Sonst hat sich nichts geändert.

Im dritten Moment hab ich mich gefragt, wie das denn in meinem Leben so ist. Ob ich mache, was die Gesellschaft von mir erwartet oder mich dagegen wehre. Und wer denn diese Gesellschaft überhaupt ist.
Noch nie hat mich die Fleischhauerin gezwungen, einen Kopfstand beim Yoga zu machen, nein, noch nicht mal den Sonnengruß, noch nie hat mich jemand dazu überredet, mir die Haare rot zu färben oder mich zu einem Waldlauf genötigt. Die Leute, die mich umgeben, lassen mich einfach so sein, wie ich bin.
Niemand schreibt mir vor, dass meine Röcke übers Knie reichen sollten und keine Sau möchte, dass ich in meinem Garten Thujen pflanze. Dem Bäcker ist es egal, ob ich das Brot in High Heels oder in Jogginghose kaufe. Oder in beidem. Niemand verlangt von mir, täglich Staub zu saugen. Also niemand außer meiner Tochter, aber die ist zwar eine wunderbare Gesellschaft, aber eben nicht DIE Gesellschaft. Außerdem bittet sie mich meistens ganz lieb, alle paar Monate. Oder saugt selbst.

Ich erlebe in meinem Alltag und in meinem Beruf weniger Vorurteile, als man so glauben möchte. Die demente ehemalige Bäuerin im Pflegeheim wirft einen Blick auf meine Latzhose und erzählt aus ihrem Leben in Armut. Der Richter bemerkt meine silbernen Sneakers nicht einmal, sondern überlegt die Route seiner für das Wochenende geplanten Radtour. Die Gutachterin ignoriert meine Speckröllchen im engen Kleid und fragt sich, ob sie es rechtzeitig zur Ballettaufführung ihrer Tochter schafft.

Der Gesellschaft rund um mich ist - auch wenn diese Erkenntnis weh tut - in Wirklichkeit wahrscheinlich blunzenwurscht, ob ich ayurvedischen Frühstücksbrei oder Eier mit Speck esse und ob ich Shopping Queen oder eine GEO-Reportage sehe. Die Gesellschaft da draußen hat nämlich ganz andere Sorgen. Dem Menschen ist nichts so interessant wie er selbst. Wir nehmen uns da vielleicht ein bisschen zu wichtig, in dem wir uns vormachen, die Gesellschaft schreibe uns vor, wie wir zu ticken und uns zu benehmen haben.

Ich glaub, diese Gesellschaft, die ständig Dinge von uns erwartet, die uns nicht erlaubt, in Flipflops ins Büro zu gehen und will, dass wir Sport betreiben anstatt Tiramisu zu essen, diese Gesellschaft, die ist nicht um uns herum, sondern in uns. Diese mieselsüchtigen, lustlosen Gesellen hocken in unseren Köpfen, in ihren Wollkostümchen und grauen Anzügen, umrandet von Thujenhecken. Sie trinken Kräutertee und stallieren uns aus. Haben ja auch sonst nichts zu tun.

Es liegt aber an uns, welche Gesellen wir einladen, da oben zu wohnen. Was wir ihnen zu trinken anbieten und womit wir sie füttern, mit Ängsten und Vorurteilen oder mit einem satten Gefühl. Wenn die Champagner trinken, das Leben in unseren Hirnen genießen und sich wohlfühlen, dann lassen sie uns auch mit ihren komischen Vorschriften in Ruhe.

Prost.
Lo - 22. Aug, 23:14

Prost.

Zum Wohle!
Und zwar dem eigenen.
Schön, wieder etwas von Dir zu lesen.
Liebe Grüße!

la-mamma - 24. Aug, 11:54

Also ich find kopfstand nicht sooo schlimm;-) aber ich kann den ja auch schon seit 40 jahren...

testsiegerin - 26. Aug, 20:24

ich werd ihn auch in den nächsten 40 Jahren nicht mehr lernen. Aber ich hab mal einen Handstand ohne Hände gemacht, gilt das auch?
C. Araxe - 24. Aug, 21:59

Hm, ich würde da bei der Erwartungshaltung, die außerhalb von einem selbst durchaus vorhanden ist, noch einmal unterscheiden. Allgemein die Gesellschaft als ganzes (so weit man das denn festlegen kann). Einzelne Personen zu denen man keinen oder kaum einen Bezug hat. Und Menschen, die einem näher stehen. Die aufgezählten Beispiele an Erwartungen finde ich allerdings eher irrelevant. Nichtsdestotrotz befürworte ich, dass man versuchen sollte, sich von möglichst vielen Erwartungshaltungen zu befreien, insbesondere den eigenen. Andererseits finde ich es auch nicht verkehrt (jenseits vom Über-Ich) Ansprüche an sich selbst zu stellen.

testsiegerin - 26. Aug, 20:24

Wahre Worte. Es wäre ja langweilig, hätten wir an uns selbst gar keine Ansprüche mehr. Aber wir müssen sie nicht zulassen, dass sie uns quälen, wir können sie auch willkommen heißen in unserem Leben, weil sie uns weiterbringen.
Ich lauf, weil ich merk, dass es mir gut tut und nicht, weil irgendeine ominöse Gesellschaft es von mir erwartet.
Shhhhh - 25. Aug, 19:34

Aber wenn uns nichts und niemand mehr zwingt, das ist doch auch nicht richtig, oder?

testsiegerin - 26. Aug, 20:22

Das stimmt. Die da oben in unserem Hirn machen das schon. Unsere eigenen Ansprüche lassen sich mit Champagner und Kaviar eh nicht austricksen.
bonanzaMARGOT - 6. Sep, 16:05

vorurteile sowieso gruppendruck haben hauptsächlich ihren platz in unseren ganz eigenen gehirnwindungen. aber sie kommen natürlich nicht ursprünglich aus uns selbst, sondern wurden irgendwann und irgendwoher evoziert.
bei jedem menschen kann die herkunft dieser empfindungen unterschiedlich sein... aufgrund von charakter, erziehung und diaspora.
populistische politiker haben einen guten blick auf das eingemachte in unseren köpfen und vermögen dinge in uns zu schüren, die im normalfall, wie du es schreibst, allen scheißegal sind - aber vielleicht doch nicht ganz...
oder wie kommt es z.b. zum fremdenhass? plötzlich wird ein kopftuch zu einem politikum. und so verhält es sich auch mit vielen anderen dingen, die durch medien oder "marktschreier" hochgespielt werden.

mit fünfzig muss ich mir natürlich gar nichts mehr beweisen. wozu und für wen? das ist natürlich quatsch, denn bis zum bitteren ende kämpfen wir um unser ansehen, unsere reputation, unser... leben. und jeder macht das unter umständen anders, und viele machen es sich gleich, ohne ganz gleich wirken zu wollen. es ist auch oder besonders ein spiel der eitelkeiten.
mit fünfzig kann man schon müde sein. die wenigsten sind allerdings weise.

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

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ausschließlich für frauen?
bonanzaMARGOT - 18. Sep, 06:22
ein bisschen ist aber...
ein bisschen ist aber nicht recht viel;-) hachje,...
la-mamma - 13. Sep, 10:31
vorurteile sowieso gruppendruck...
vorurteile sowieso gruppendruck haben hauptsächlich...
bonanzaMARGOT - 6. Sep, 16:05
Dankeschön!
Dankeschön!
testsiegerin - 28. Aug, 22:26
Danke! Ich bleib hier...
Danke! Ich bleib hier auch ein bisschen ;-)
testsiegerin - 28. Aug, 22:26
Sehr edle Seite, ...
... die Neue. Macht Spass, dort ein bisschen herumzustöbern....
diefrogg - 28. Aug, 14:51
Da darf Frau schon stolz...
wenn sie so schönen Schmuck macht!
mac38 - 27. Aug, 10:22
I proudly present...
Ich hab da übrigens eine neue Webseite und freu...
testsiegerin - 26. Aug, 20:26

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