Nachts im Spiegel

Nachts im Traum im Spiegel war ich wunderschön. Der Spiegel war auf einem Auge blind. Nachts sind alle Spiegel blind.
Am Morgen vor dem Spiegel bin ich blind. Mein Blick in den Spiegel ist ein liebender, annehmender, einer, der Makel verschluckt und nicht die Oberfläche spiegelt, sondern in die Tiefe geht. Der Blick ist einer, der die Erfahrung und Schönheit hinter der älterwerdenden Fassade sieht. Wenn der gleiche Blick aber Fotografien von mir sieht, oder Videos, wird er kritisch und grantig; hat an allem etwas auszusetzen und motzt blöd herum.

Wer hat Recht? Der Blick in den Spiegel, der verklärt und liebt oder der Blick auf das Foto, das für die Dauer eines Wimpernschlags das abgebildet hat, was die Kamera für Realität hält. Oder der Fotograf, der seinen Finger auf den Abzug legt. Die Kamera als Waffe. „Hände hoch, oder ich schieße ein Bild.“ Der Schuss trifft mitten ins Herz und tut weh. Weil das Selbst- und das Fremdbild immer weiter auseinanderdriften.

Gott ist es wie mir gegangen.
Vor langer Zeit musste man von ihm auch 1000 Fotos schießen, bis er sich auf einem halbwegs attraktiv fühlte, bis der Bart richtig fiel, die Schultern nicht hochgezogen waren, der Blick in die Kamera gelassen und gütig wirkte; sinnbildlich natürlich nur. Damals, als es noch Götter gab, waren weder Kameras noch Photoshop erfunden, weshalb Gott - ein Narziss vor dem Herrn– sich malen ließ. „Auf dem hier hab ich die Augen zu“, beklagte er sich, als der Maler ihm das fertige Bild zeigte, „und hier sieht man das Muttermal am Ohrläppchen, du Stümper!“ Gott wütete, zerfetzte das Bild und schickte dem Maler eine Heuschreckenplage. Er ließ einen neuen, noch besseren Maler kommen und malen. Aber auch mit dessen Bildern war er nicht zufrieden. Die Augenbrauen waren zu dicht, das Lächeln zu gewollt. Er bestrafte den Schöpfer der Bilder mit dreitägiger Finsternis. So gingen die Maler bei ihm ein und aus. So lange, bis alle biblischen Plagen erschöpft waren – und Er auch.
Er hatte es nämlich satt, Stunden, Tage und Monate lang Modell zu sitzen, liegen oder zu hängen, wenn von tausend Bildern dann doch nur eines dabei war, auf dem er sich gefiel.

Gott hat im Gegensatz zu mir aber die Konsequenzen gezogen und einfach ein Gebot in Stein gemeißelt, das den Menschen verbat, ihn zu zeichnen, fotografieren oder zu filmen. „Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.“

Nachts im Traum im Spiegel war ich wunderschön.
KarenS - 16. Mai, 23:15

Selbst- und Fremdbild driften immer auseinander, denn sie mögen sich nicht ... die beiden:-)

testsiegerin - 17. Mai, 16:14

wär zeit für eine versöhnung ;-)
rosmarin - 17. Mai, 11:08

ach herrje.... so ging es mir frühmorgendlich auch, als plötzlich ein teilnehmer seminarfotos mit mir drauf schickte. ich war richtig entsetzt.
wir sollten es vielleicht machen wie gott???
na jedenfalls verstehe ich ihn jetzt besser :-)

testsiegerin - 17. Mai, 16:14

aber was tun wir nicht alles für ebendieses 1000. foto ;-)
HARFIM - 17. Mai, 13:14

Das Problem des lieben Gottes

ist ja wohl, dass er andauernd seine Anhänger verkünden lässt, der liebe Gott wäre das tollste und anbetungswürdigste Wesen des Universums. Zwar ist er weise genug anzuordnen, das man sich kein Bildnis von ihm machen solle, denn würde man nämlich schon erkennen, was das für ein hässlicher Dreckskerl ist.
Aber andrerseits ist er allwissend, und weiß das auch von sich selbst und in dieser Zerissenheit mit sich selbst, macht er all die schrecklichen Dinge in dieser Welt :-)
So ist das. Er ist der größte Narziss von allen.

testsiegerin - 17. Mai, 16:14

sag ich ja ;-)
HARFIM - 17. Mai, 17:58

genau,

und einigen Leuten ist sogar bekannt, dass der liebe Gott ein Österreicher ist ;-)
testsiegerin - 17. Mai, 17:59

Das ist mir jetzt neu. Erst Conchita, jetzt Gott?
HARFIM - 17. Mai, 18:33

grins, na ihr kriegt es noch fertig

und ruft Conchita zum einzig wahren Messias aus :-)
testsiegerin - 17. Mai, 18:40

HARFIM - 17. Mai, 18:48

lach,

ich habe es geahnt...
Jossele - 19. Mai, 17:44

NEEEEIIIIIIINNNN!!!!!!!
Jossele - 19. Mai, 17:56

Spiegel gegenüber ist Skepsis durchaus angebracht, weil warum?
Erstens einmal gibt der nur Lichtwellen und Teilchen (so genau ist das Wesen des Lichts ja nicht definiert) wieder.
Dann haben unsere Augen mit der Netzhaut ja auch eine gewisse Rasterfunktion, quasi pixelig, wozu noch kommt, dass das hier gespeicherte Bild in viele Hirnregionen weitergeleitet wird, die dann wieder ein Bild (samt Untertitel) zusammenfügen.
Wärst du ein Text den irgendjemand ein paar mal zerschnipselt und wieder zusammenfügt, na ja...
Dazu kommt noch, dass Spiegel am Morgen ja nach langer Untätigkeit vermutlich noch nicht wirklich hundertprozentig funktionieren (dreh einmal einen Drucker auf, der summst ja auch erst einmal so herum, und nachher sagt der, bitte neu adjustieren wegen der gelben Druckerpatrone), also ist die erste Schnittstelle schon fehleranfällig. Was soll da draus werden?
Ich bin überzeugt, in echt schaust du genausogut aus wie du aussiehst!

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


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Von Herzen und Seelen - CD

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