Geschichten

Montag, 19. Dezember 2016

Kommando Fünfter Advent

Tief unter Tag, in einem geheimen Bunker in einem geheimen Winkel der Welt, werden von einer geheimen Regierungsmannschaft die Geschicke eben dieser Welt geleitet.

„Heute ist alles anders als früher“, erklärte der Pressesprecher in einer Mailaussendung. „Früher haben wir hier die Fäden gezogen und die Marionetten auf der Erde tanzen lassen. Heute machen wir das alles über Computerprogramme. Nur der Minister für Krieg und Schrecken beharrt auf seiner antiquierten Methode.“

Der Angesprochene saß in sich versunken vor einer Weltkarte, vor sich eine Menge Playmobil-Figuren, die er auf dem Spielbrett aufbaute und die er mit vielen Tschinns und Krachs und Bumms aufeinander losgehen ließ. Er schien großen Spaß an der Sache zu haben. Hin und wieder warf er mit geschlossenen Augen eine Bombe auf die Karte und hielt sich die Ohren zu. Eine lange Kolonne von Männchen baute er zwischen Syrien und Deutschland auf.

Ein fetter Typ tippte in der Kommandozentrale etwas in die Tastatur und auf einem Bildschirm begannen Zahlenkolonnen zu tanzen.

Es war der ehemalige Staatssekretär für Dummheit und Zynismus, der - nachdem er die Ministerkollegen bestochen und erpresst hatte - einstimmig zum Präsidenten gewählt worden war und die Macht übernommen hatte.
„Ich hab eine Idee", verlautete er. „Wir lassen die Menschheit dieses Jahr so richtig durchknallen.“
„Was daran ist neu?“, fragte eines der Regierungsmitglieder. „Haben wir das nicht die letzten Jahre auch gemacht?“
„Da geht noch mehr.“ Der Präsident goss Wodka in die Gläser seiner Regierungsmannschaft. Ein Allheilmittel. „Prost.“
„Und wie sollen wir das machen?“
„Wir lassen die Dummen und Zynischen die Macht übernehmen.“
„So wie hier?“, fragte die Ministerin für Gerechtigkeit und Toleranz, die einzige Frau in der Regierung. Kaum hatte sie ausgesprochen, lag sie auch schon gefesselt und geknebelt in einer Ecke des Bunkers. Kritik war neuerdings nicht mehr erlaubt.

„Die Dummen und Zynischen die Macht übernehmen lassen?“, räumte der Aufsichtsratvorsitzende ein, „aber das haben wir doch schon. Erdogan, Orban,...“
„Da geht noch mehr“, brüllte der Präsident und rieb sich die Hände. „Ich will die Welt brennen sehen!“

Die Ministerin für Gerechtigkeit und Toleranz wälzte sich verzweifelt auf dem Boden. Sie versuchte ihre Fesseln zu lösen und stöhnte.

„Ihre Berichte bitte, meine Herren!“ Die Frauen waren nach und nach aus der Regierungsmannschaft gedrängt worden. „Die sollen sich um die Brutpflege kümmern“, waren die herrschenden Herren sich einig.

Der Klimaminister legte den Bericht des vergangenen Jahres auf den Tisch. „Die Welttemperatur ist auch im vergangenen Jahr wieder um ein paar Grad gestiegen“, sagte er.
„Macht nichts. Dreh einfach als Ausgleich die soziale Wärme zurück“, befahl der Präsident, „oder schalte sie überhaupt aus. Und baut Kohlekraftwerke. Die Welt braucht mehr Kohlekraftwerke!“
„Kohlekraftwerke? Paradoxe Intervention?“
„Hä?“, fragte der ehemalige Staatssekretär für Dummheit und Zynismus, der so komplizierte Wörter nicht kannte.

Der Weltsekretär für Leben und Tod mischte die Karten. „So, wer wird dieses Jahr dran glauben müssen?“
„Nimm ein paar Musiker. Kultur und Musik sind Opium für das Volk“, befahl der Präsident für Dummheit und Zynismus.
„Du meinst, ich soll Andreas Gabalier und Helene Fischer einfach sterben lassen?“
„Ich sagte Musiker. Prince, David Bowie, Leonard Cohen.“
„„Das wird die Leute aber traurig machen.“
„Das ist ja der Sinn der Sache.“
„Zu Befehl“, der Weltsekretär für Leben und Tod warf die Karten mit den Bildern der Musiker ins Feuer. „Hallelujah“, sang er leise. „Bob Dylan auch?“
„Nein, der kriegt den Nobelpreis.“ Der Präsident lachte über seinen eigenen Scherz.
„Es gibt keinen Nobelpreis für Musik, Sir.“
„Mir doch egal. Dann halt Mathematik, Chemie oder Physik.“
„Es gibt auch keinen Nobelpreis für Mathematik, Herr Präsident. Und Dylan hatte schlechte Noten in Physik und Chemie.“
„Dann nimm eben Literatur, aber hör endlich auf mich zu nerven!“ Der Weltsekretär für Leben und Tod senkte zerknirscht den Kopf. „Ja, Herr Präsident.“
„Und nimm Yasaturo Koide.“
„Wer ist das?“
„Ein Japaner, der älteste Mann der Welt. Sonst glauben die Leute noch, sie wären unsterblich. Und Fidel Castro und Muhammed Ali, die sind lang genug auf der Welt.“
„Wird erledigt. Was machen wir mit diesem Donald Trump? Den auch?“
„Um Gottes Willen!“ Der Präsident riss ihm die Karte aus der Hand. „Den brauchen wir noch. Den machen wir zum Präsidenten von Amerika.“
Der Minister für Leben und Tod starrte ihn mit offenem Mund an. „Den werden die Leute doch niemals wählen. So dumm sind nicht einmal die Amerikaner“.
„Du wirst dich wundern, was alles möglich ist. Wir haben die Idioten umprogrammiert. Die sind bisher aus Blödheit nicht wählen gegangen. Jetzt werden sie gehen, und jetzt sägen sie den Ast ab, auf dem sie sitzen. Wetten, dass das klappt? Sowohl beim Brexit als auch bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl?“
„Und wie soll das funktionieren?“
„Establishment! Wir erwähnen so oft wie möglich das Wort Establishment. Ho ho ho! Das kommt an bei den einfachen Leuten.“

„Was ist das?“ Der Präsident hielt seinen Zeigefinger auf ein kleines Land mitten in Europa. „Was ist damit?“
„Das ist Österreich. Dort lassen wir von Mai bis Dezember einen Bundespräsidenten wählen.“ Der Senator für auswärtige Angelegenheiten drückte ein paar Knöpfe. Auf einem der Monitore erschien eine TV-Konfrontation.
„So wahr mir Gott helfe!“, sagte der Mann mit Kornblume und diabolischem Grinsen. Die gesamte Mannschaft im Bunker lachte lauthals. „Es gibt immer noch Leute, die nichts von unserer Existenz wissen und glauben, dass Gott die Geschicke der Welt lenkt?“
„Oder Allah“, fügte der Senator hinzu.

„Lügner... Lügner... Lügner...“, tönte es aus dem Lautsprecher.
„Scheiße“, schrie der Senator, „mir ist eine Taste steckengeblieben. Der hört nicht mehr auf damit! Das könnte ihn den Sieg kosten, verdammt noch mal!“
„Lügner... Lügner... Lügner...“

Der Präsident rief den Beauftragten für private Schicksalsschläge zu sich.
Der sah ziemlich fertig und überarbeitet aus.

„Diese Frau Lehner, aus diesem kleinen Österreich, die schaut so glücklich und überheblich aus, wie sie da mit ihren Katzen unter dem Birnbaum sitzt. Der braten wir eins über.“
„Aber“, begann der Beauftragte, „wir haben die Schicksalsschläge für diese Region fast alle für ihre Freunde verbraucht. Herzinfarkte, Probleme mit den Kindern und der Arbeit, so Dinge halt.“

„Na gut, aber einen kleinen Denkzettel werden wir ihr doch verpassen können. Sie soll sich nicht so sicher fühlen, diese linke Zecke!“
„Ich kümmere mich darum.“ Der Beauftragte für private Schicksalsschläge griff zu seinem Baseballschläger.
„Nicht so plump. Wir machen das subtiler. Was ist ihr denn wirklich wichtig?“
„Die Kinder.“ Er klickte auf seinem Bildschirm auf eine hübsche junge Frau und zog sie aus dem Weinviertel nach Kopenhagen. „Oder soll ich Südafrika nehmen?“
„Nein, nein, Kopenhagen ist in Ordnung. Finnland ist weit entfernt genug.“
Der Beauftragte für Schicksalsschläge räusperte sich, wagte aber nicht, dem Präsidenten zu widersprechen.
„Was ist ihr noch wichtig?“
„Die Sprache.“
Er klickte auf auf ein paar Wörter und gab den Befehl „mischen“.
„Erdbeeren willst Zucker du Joghurt haben und mit “, lallte ich. Die Idioten in ihrem Bunker klopften sich auf die Schenkel und tranken noch mehr Wodka. Ich wurde auf der Neurologie aufgenommen.

*

Auf dem Birnbaum in meinem Garten leuchtet eine dänische Lichterkette. An seinen Ästen und Zweigen hängen Christbaumkugeln aus Holz und eine Weihnachtsgurke. Leise fallen die ersten Schneeflocken und glitzern im weihnachtlichen Licht. Unter dem Birnbaum sitzen - warm eingehüllt in dicke Jacken und Decken - wir. Wir, das sind Edward Snowden, Papst Franziskus, Meryl Streep und ich.
„Ich fand das übrigens voll cool“, sage ich zu Meryl, „die Sache, wie du dich als Donald Trump verkleidet und ihn lächerlich gemacht hast.“
„Das macht Donald Trump doch auch“, gibt sie lächelnd zurück, „sich als Donald Trump verkleiden und sich lächerlich machen.“ Wir lachen. So schön könnte der Adventabend sein, wenn nicht...
„Wir können nicht mehr weiter zuschauen, wie Idioten die Welt regieren“, beschließen wir alle vier und wärmen uns mit Glühwein.
„Wir müssen die Regierung hacken“, schlägt Edward vor.
„Ich kann nicht hacken“, sagt Jorge Mario, der Papst.
„Ich hab eine Hacke“, sage ich und hole das Werkzeug aus der Einfahrt. „Wir müssen die Ministerin für Gerechtigkeit und Toleranz befreien.“ Ich kremple die Ärmel hoch, doch dann halte ich inne. „Woher wissen wir überhaupt, wo sich der Regierungsbunker befindet?“
„Wir ignorieren die Realität“, schlägt Meryl vor, „wir scheißen auf die Fakten, das tun die anderen ja auch!“
Edward nimmt meinen Laptop, tippt konzentriert etwas ein und gibt uns die Koordinaten. Zum Glück ist der Bunker ganz in der Nähe.

„So wahr mir Gott helfe“, murmelt der Papst und ergreift Hacke und Schaufel.
„Gern“, murmelt Gott zurück.

Fast lautlos dringen wir in den Bunker ein. Ein unglaublicher Gestank nach den Ausdünstungen von Hass, Dummheit und Krieg erfüllt den Raum. Die Regierungsmannschaft liegt betrunken auf dem großen Sitzungstisch. Während Meryl die Schnüre durchschneidet, mit denen die Ministerin für Gerechtigkeit und Toleranz gefesselt worden ist und ihr den Knebel entfernt, legt Edward das Computersystem lahm und den Schalter für soziale Wärme auf ON. Er dreht ihn spürbar höher. „Bekomme ich bei dir Asyl?“, fragt er mich.
„Frohe Weihnachten“, wünscht Jorge Mario, als wir wieder unter dem Birnbaum sitzen und meine Katzen um seine Beine streifen. „Und ein Gutes Neues Jahr.“

Donnerstag, 14. Januar 2016

Harald B. oder wie ich zum Dirndl kam

Dies ist eine Geschichte zum Projekt Kleider machen Leute

Ich war jung und brauchte das Geld. Also hab ich das Angebot, bei einer Dinnerparty zu servieren, gerne angenommen.
„Harald B. Schwarz“, stellte sich der Gastgeber mir vor und verbeugte sich. Harald B. zahlte für einfache Arbeit gut, war witzig und es war leichtverdientes Geld. Und so kam es, dass ich, das Mädchen vom Land, in einer Nobelvilla in Wien Währing, in schwarzem Kleid mit weißer Schürze die Perserjacken und Nerzmäntel der prominenten Gäste entgegennahm.
Nach dem Fest saß ich noch mit Harald B. vor dem Kamin, hörte mir Schnurren aus seinem Leben an und trank feinsten Portwein. Auch dafür wurde ich fürstlich entlohnt, denn es war ein Stundenlohn vereinbart.
Nie wollte Harald B. mehr von mir als meine Gegenwart und vor allem mein Ohr für seine Lebensbeichten. Dabei studierte ich damals noch Russisch und nicht Sozialarbeit. Hin und wieder führte er mich zum Essen aus. Einmal überreichte er mir danach den Schlüssel seines Jaguars und sagte: „Fahr du bitte“
„Ich hab keinen Führerschein.“
„Warum hast du keinen Führerschein?“
„Weil ich ihn mir nicht leisten kann.“
Ein paar Wochen später hatte ich den Führerschein und brachte Harald B. im Jaguar nach Hause.
„Siehst du, wie praktisch das ist“, sagte er.


„Ich hol dich in einer halben Stunde ab, wir gehen essen“, rief Harald B. eines Tages an. Auf dem Festnetz, das Handy war noch nicht erfunden.
„Das geht nicht, ein paar Freundinnen kommen nach Wien, ich muss zum Bahnhof.“
„Dann holen wir sie eben ab.“
Eine halbe Stunde später saßen wir im Jaguar, am Steuer der Chauffeur, und tranken Sekt.
„Harald B. Schwarz“, stellte er sich meinen staunenden Freundinnen vor, die mich verwundert ansahen, weil ich ihnen nie von ihm erzählt hatte.
„Die jungen Damen haben bestimmt Hunger“, sagte Harald B. und die jungen Damen nickten. In einer schummrigen Bar im ersten Bezirk gab es Steaks und Champagner. Den ersten Champagner meines Lebens.
„Warum hast du uns nie etwas von dem erzählt?“, stießen sie mich in die Rippen.
Ich zuckte die Schultern. Keine Ahnung.

Danach bummelten wir durch die Stadt. Harald B. beschimpfte die Pestsäule am Graben. Warum, weiß ich nicht mehr, nur, dass sich alle Leute nach uns umdrehten.
Dann kamen wir beim besten Trachtengeschäft der Stadt vorbei.
„Ein Dirndl würde dir bestimmt gut stehen“, meinte Harald B. und ich lachte. „Lass uns reingehen, die Besitzerin ist eine gute Freundin von mir.“
Während Harald B. mit der Besitzerin plauderte, wurden meine Freundinnen und ich eingekleidet. Vier sagenhaft teure und schöne bodenlange Dirndl, Trachtenschuhe, je zwei Blusen und Schürzen, zum Wechseln, Tücher, alles, was es so braucht.
Meine Freundinnen hatten sich den Wientag mit mir ein bisschen anders vorgestellt. Aber sie genossen es.

Es stand mir wirklich gut, das Dirndl. Einmal hab ich es getragen, am Bauernball in Puchberg am Schneeberg. Ich war wunderschön und wundereinsam. Verkleidet hab ich mich gefühlt und falsch, wie ein Pinguin in der Wüste. Und Polka tanzen konnte ich auch nicht.
Irgendwann hab ich das Dirndl hergeborgt und nie wieder zurückbekommen. Und irgendwann hat auch Harald B. nicht mehr angerufen. Vielleicht, weil ich alle Schnurren aus seinem Leben kannte.


Vor ein paar Jahren hab ich mir ein neues gekauft, weil mein Papa sich gewünscht hat, dass zu seinem runden Geburtstag alle Frauen im Dirndl kommen. Für meine Tochter fanden wir eins mit Totenköpfen statt Edelweiß. Ich hab mir ganz bewusst das billigste und kitschigste ausgesucht, das ich gefunden habe. Mit einem großen pinkfarbenen Herz drauf. Wohl und lustig hab ich mich darin gefühlt, weil mein Papa sich so gefreut hat, dass ich ihm diesen Wunsch erfülle.

Die Liebe macht einfach den Unterschied.

Nachtrag: Wie man sieht, verklärt die Erinnerung einiges. Das Herz war nicht pink, sondern grün.
dirndl3

Montag, 21. Dezember 2015

Alles ist gut - Eine Weihnachtsgeschichte

„Du solltest ein bisschen kürzer treten, Kurt, dein EKG schaut besorgniserregend aus!“
„Du weißt ja, wie das ist in unserer Branche“, Kurt rieb sich sein Dreitagesbartkinn. „Only bad news are good news.“
„Wenn ich das als dein Arzt und Freund, der dich seit 30 Jahren kennt, so sagen darf, Kurt: Du bist ein zynisches Arschloch geworden. Wenn du so weitermachst...“
Kurt wollte den zweiten Teil des Satzes nicht hören. „Wie soll man denn in Zeiten wie diesen nicht zu einem zynischen Arschloch werden? Meine Herzrhythmusstörungen sind kein individuelles, sondern ein globales Symptom. Die Welt ist aus dem Tritt geraten, Heinz. Da hilft ein bisschen Krafttraining oder ein Pudding aus Chiasamen nicht. Da hilft nur Betäubung. Durch Arbeit und Alkohol.“
„Ich mach dir jetzt einen Vorschlag. Ich weiß, er klingt nicht sehr schulmedizinisch, hör mir aber bitte trotzdem zu.“
Kurt setzte an, etwas zu sagen, hielt aber den Mund und tat, was sein Freund ihm zu tun riet. Er hörte zu.
„Versuch deinen Fokus in den nächsten Wochen einmal ganz bewusst auf das zu lenken, was alles gut läuft. Was alles gelingt.“
Kurt rollte die Augen. „Bürgerkrieg in Syrien, Hungersnöte in Afrika, Hypo-Skandal, steigende Armut, fallende Intelligenz, Donald Trump und H.C. Strache. Super, oder?“
„Fang mit deinem Leben an, Kurt. Dir geht’s doch gut. Du hast einen gut bezahlten Job bei der Zeitung, eine attraktive Frau und ein wunderschönes Haus.“
„So nach dem Motto: Think pink?“
„Nenn es, wie du willst. Das Schöne schreibst du jeden Tag auf und wirfst es in ein großes Gurkenglas. Und wenn es dir schlecht geht, schenkst du dir keinen Drink ein, sondern ziehst einen Zettel und erinnerst dich an das Schöne in deinem Leben.“
„Warst du auf einem Esoterik-Seminar, Heinz?“
Heinz ging nicht auf seine Frage ein. „Also, üben wir mal: Was ist dir in der letzten Woche Schönes passiert.“
„Ich bin nicht in den falschen Zug gestiegen.“
„Und jetzt formuliere es positiv. Das Gehirn kann Verneinungen nicht in Bilder umsetzen.“
„Ich hab den richtigen Zug nach Salzburg erwischt. Und die Schaffnerin hatte schöne Beine.“
„Super, was noch?“
„Ich war einkaufen und hab ein paar Hemden und T-Shirts gekauft. Erstens hab ich welche bekommen, zweitens hat die unfreundliche Frau an der Kasse sich zu meinen Gunsten vertan.“
„Das unfreundlich streichen wir wieder. Das ist nicht positiv.“
„Aber nur dadurch, dass sie unfreundlich war, war’s für mich positiv. Sonst hätte ich sie womöglich noch darauf hingewiesen.“
Heinz lachte und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schultern. „Wir sehen uns im Jänner zur Kontrolle.“
„Und am Stefanitag zum Kartenspielen. Tschüs!“


*
„Warst du bei Heinz in der Praxis?“, fragte Gerda, seine Frau, und schenkte ihm einen Martini ein. „Eh alles in Ordnung?“
„Ich hab Herz...“, begann er, dann dachte Kurt an den ärztlichen Rat. „Ich hab ein Herz. Und es schlägt. Ein bisschen eigenwillig halt.“ Er lächelte. Als Gerda in die Küche ging, schüttete er den Martini in die Erde der Zimmerpalme und goss sich Tee auf.
„Was ist denn mit dir los?“, wunderte sich Gerda, als er die Zeitung ungelesen ins Altpapier warf, den Fernseher ausschaltete und sich auf dem Sofa ausstreckte.
„Nichts.“ Er bemühte sich, etwas Positives an der Situation zu entdecken. „Das Sofa ist herrlich weich. Es ist Vollmond. Und ich lebe.“ Er zog seine Frau zu sich. „Und ich hab Lust auf dich.“
Sie stieß ihn von sich. „Nicht jetzt“, sagte sie. „Migräne.“
„Du solltest auch mal zu Heinz gehen, Gerda.“
*
Weil Kurt zwar nach außen hin ein zynisches Arschloch, innen drinnen jedoch ein Angsthase war - ein Angsthase, der nicht sterben, sondern noch eine Weile leben wollte - schrieb er Abend für Abend heimlich seine schönen Erfahrungen auf kleine Zettel, ging in den Keller und warf sie in ein leeres Gurkenglas.
Statt Zeitdruck in der Redaktion. Stau auf der Autobahn. Mama hat genervt, Gerda macht Stress wegen des Weihnachtsessens, Tim hat die Mathearbeit versemmelt schrieb er:
Zeitung schon wieder rechtzeitig fertiggeworden. Im Stau meine Lieblingsnummer gehört. Von Mama Schokomaronen vom Heindl bekommen. Gerda sorgt sich um unser leibliches Wohl. Tim sind Worte wichtiger als Zahlen.
Jeden Tag fiel es ihm ein bisschen leichter.
Die Verkäuferin im Supermarkt hat mich angelächelt. Beim Bäcker die letzten beiden Salzstangerl erwischt. Der Anzug kam sauber aus der Reinigung. Kaschmirsocken in Aktion gewesen.

*
„Ich habe nachgedacht“, sagte er in der Redaktionssitzung und alle starrten ihn an. Waren sie es nicht gewöhnt, dass er nachdachte?
„Vier von fünf Nachrichten, die wir bringen, sind schlechte Nachrichten, wusstet ihr das?“
„Ja. Und? Only bad news are good news“, sagte Jürgen aus der Wirtschaftsredaktion.
„Was glaubt ihr, wie es unseren Leserinnen geht, wenn sie diese ganzen schlechten Nachrichten lesen. Sie bekommen noch mehr Angst, als sie ohnehin schon haben. Wir verstärken diese Angst, versteht ihr? Wenn wir schreiben, dass 30.000 Autos im Jahr gestohlen worden sind, bekommen sie Panik, obwohl doch in Wahrheit viel mehr Autos nicht gestohlen worden sind.“
„Oder sie denken sich: Gut, dass es mich nicht erwischt hat.“ Jürgen rollte mit den Augen.
Kurt ließ sich nicht von seinem Entschluss abbringen. „Ich erwarte mir für die Weihnachtsausgabe ausschließlich gute Nachrichten. Verstanden?“
Ohne die Antwort abzuwarten, stand er auf und verließ die Sitzung.
Ich war richtig mutig, kritzelte er auf ein Post It und freute sich.

Am Nachmittag klopfte es alle paar Minuten an sein Büro.
„Wenn ich schreibe, dass eine Mannschaft gewinnt, dann heißt das doch auch, dass die andere verloren hat, oder?“, fragte der Kollege aus der Sportredaktion.
„Stimmt. Dann schreib nicht, wer gewonnen hat, sondern, dass es ein hochkarätiges Spiel war, die Würstel geschmeckt haben und danach alle gesund vom Platz gegangen sind.“
„Und dass Pep Guardiola die Bayern verlässt, ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht?“.
„Gut für die Bayern. Das kann rein.“
„111 Mordopfer im Jahr beim Tatort“, berichtete die Kulturredakteurin. „Ich zähl einfach die, die gerettet wurden und überlebt haben, ja?“

Dann kam Lisi von der Chronik. Lisi mit den abgerissenen Jeans, dem zerzausten Haar und dem großen Herz. Die in ihrer Freizeit Deutschkurse für Flüchtlinge gab und einen Teil ihres Gehalts wohltätigen Organisationen spendete. Jürgen hatte sie letztens „linke, naive Gutmenschin“ genannt. Sie hatte dazu gelächelt und ihm Weihnachtskekse geschenkt.
„Hier“, sagte Lisi und überreichte Kurt ein paar Zettel. „Ich weiß, ich hätte es mailen können, aber ich finde ein Gespräch viel persönlicher als eine elektronische Nachricht. Ich bin die Meldungen der Presseagentur durchgegangen.“
Aus Wiener Straßenbahn aus Schienen gesprungen, machte sie: Wiener Straßenbahn aus Schienen gesprungen, um einer Fußgängerin auszuweichen.
Stichflamme: Verletzte wegen Feuerzangenbowle wurde zu Schmackhafte Feuerzangenbowle tröstet Verletzte
Sein Grinsen wurde immer breiter.
„Ich finde deine Idee übrigens richtig gut“, sagte sie, „also die Idee, einmal das Positive im Leben und auf der Welt zu sehen. Das haben wir alle verlernt.“
Das ging runter wie ein Jameson Gold. Nein, wie Kräutertee mit Honig. Er las weiter.
Alkoholisierter Lkw-Fahrer fährt in Drive-in wurde zu Rekordumsatz für vegetarisches Restaurant neben Drive-in.
Und aus Fußgängerin auf A1 von Auto gerammt Kaum Schäden am Fahrzeug
Sogar einer schweren Überschwemmung in Paraguay konnte sie etwas Gutes abgewinnen. Pakistan bleibt verschont, schrieb sie.
„Das hast du großartig gemacht“, lobte Kurt, der merkte, dass er seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen viel zu selten lobte. Heute Abend würde er Lisi, die Chaotin aus der Chronik, hat mich verzaubert auf einen Zettel schreiben. Sie hat die drei H. Hirn, Herz und Humor. In Gedanken fügte er ein viertes H. hinzu. Einen schönen Hintern hatte sie nämlich auch.

„Aber wie kann man die Schlagzeile FPÖ in Umfragen klare Nummer eins im Bund? positiv sehen?", riss sie ihn aus seinen Hinterngedanken, „da steh ich an."
„Hm.“ Kurt räusperte sich. „Vielleicht: FPÖ verfehlt absolute Mehrheit klar.“
Sie spendete ihm ihr hinreißendstes Lächeln. „Ich geh morgen auf den Weihnachtsmarkt“, sagte sie, „hast du Lust, mitzukommen?“ Sie stapfte in ihren zweifärbigen Chucks aus seinem Büro.

Kurt spürte, wie sein Herz einen Sprung machte. Kein Stolpern und Aussetzen wie vor ein paar Wochen, sondern kleine, herzhafte Sprünge.

*
„Kannst du noch in die Stadt fahren und den Baum besorgen?“, bat Gerda ihn. „Aber fahr langsam, wegen des Nebels.“
„Ich mag Nebel“, sagte Kurt, „er deckt Dinge zu und hat etwas Geheimnisvolles.“
Gerda fand ihn neuerdings langweilig, wenn er ihr voll Freude erzählte, dass die Heizung funktionierte, sein Blutdruck gesunken war und Deni Alar einen Elfmeter verwandelt hatte. „Du hast dich verändert“, hatte sie vor ein paar Tagen festgestellt und ihr Tonfall hatte ihm verraten, dass sie an seiner Veränderung keinen Gefallen fand. Wenn er sie berühren wollte, hatte sie Migräne.

Kurt fuhr ziellos durch den dichten Nebel, hörte Weihnachtslieder und dachte nach. Den Baum hatte er schon gestern besorgt, als er nach der Arbeit mit Lisi durch den Adventmarkt geschlendert war und ein kleines, unscheinbares Bäumchen erstanden hatte. Sie tut mir verdammt gut, hatte er am Abend auf den Gurkenglaszettel geschrieben und fügte ein fünftes H. dazu. Sie hat weiche Hände.
In einem kleinen Café trank er Tee und fuhr nach Hause zurück.

Zuerst hörte er sie. Dann öffnete er die Schlafzimmertür einen Spalt breit und sah sie. Seine Frau. Im Ehebett. Mit Jürgen, seinem Kollegen aus der Wirtschaftsredaktion. Dem, der sich geweigert hatte, „rosarote Nachrichten“ zu schreiben, wie er es ausdrückte.
Leise schlich er in den Keller. Gerda hat keine Kopfschmerzen mehr, schrieb er auf einen Zettel. Und in sein Handy tippte er eine SMS an Lisi: „Lust auf einen Spaziergang im Nebel?“

Dienstag, 23. Dezember 2014

Eine wirklich stille Nacht

„Klausi!“ Seine Nachbarin Angela rüttelte ihn sanft. „Du musst aufstehen. Es ist kurz vor Weihnachten und du liegst hier herum! Und wie es da schon wieder ausschaut!“ Angela hielt sich die Nase zu. Neben kunstvoll verpackten Geschenken schimmelten Spaghetti Bolognese, Fischstäbchen, Topfenstrudel mit Vanillesoße und andere Fertiggerichte in Styroporbehältern vor sich hin, denn zum Kochen hatte Klaus schon seit Wochen keine Zeit mehr. Auf den Speckstreifen tummelten sich Maden. In der Ecke des Zimmers stand eine Batterie mit leeren Wein- und Wodkaflaschen.
„Jetzt aber raus aus dem Bett!“ Angela zog ihm die Decke weg. „Und in deinen Kleidern hast du auch schon wieder geschlafen.“ Sie riss das Fenster auf, um den Mief zu vertreiben. Klaus hielt sich die Augen zu, so sehr blendete ihn das gleißende Tageslicht.
„Erst vor ein paar Tagen hab ich gelesen, dass ein Briefträger aus der Südoststeiermark, der 24.000 Briefe gehortet hat, anstatt sie auszutragen, für drei Jahre in den Knast musste“, sagte Angela. „Willst du, dass dich das gleiche Schicksal ereilt?“
„Eh nicht“, sagte er, aber in Wahrheit war es ihm egal. In Wahrheit war ihm längst alles egal.
Er wusste aber, dass Angela nicht eher aufgeben würde, bevor er sich aus dem Bett quälte und sich an seine Arbeit machte.
Ein paar Tage später reichte es Angela. „Ich kann das nicht mehr mitansehen“, sagte sie, stopfte ihn in ihren Kleinwagen und brachte ihn in eine psychologische Praxis am Stadtrand.

Klaus ließ es einfach geschehen. Im Wartezimmer starrte er erst die Wand an und blätterte dann die Magazine auf dem Glastischchen durch. Das Glamour-Weihnachtsspecial. Er schmiss es zur Seite und blätterte die nächste Zeitschrift auf: Verschenk etwas Besonderes an die Frau, die schon alles hat. Wir haben originelle Weihnachtsgeschenke, niedrige Versandkosten und das Trusted Shops Zertifikat.
Warum sollte man Frauen, die alles haben, etwas schenken anstatt es den Menschen zu geben, die zu wenig haben? Und warum in Herrgottsnamen – Klaus biss sich auf die Zunge - mobile Waschmaschinen und Schlafkopfhörer?
Er riss die Seite in schmale Streifen.

„Herr Santer, was führt Sie zu mir?“
Er erschrak. „Wer, muss das heißen. Wer führt sie zu mir? Angela, meine Nachbarin, hat mich geführt.“
Sie lächelte ein professionelles Lächeln. „Was ist Ihr Anliegen?“
Er zuckte die Schultern. „Woher soll ich das wissen?“

„Ich möchte, dass Sie zunächst diesen Test hier ausfüllen“, sagte die Psychologin und reichte ihm einen Packen Papier.
Er wollte sie nicht enttäuschen. Nie wollte er jemanden enttäuschen, und doch passierte ihm genau das ständig. Ständig waren die Leute von ihm enttäuscht. „Na ja, wenn Sie unbedingt möchten. Geben Sie schon her!“

Der Test umfasste 23 Seiten und Klaus brauchte dafür eine knappe Stunde. Die ersten Fragen nach Geschlecht, Körpergewicht (bei der er ein wenig schummelte), Ess- und Suchtverhalten (bei denen er ein wenig mehr schummelte) waren noch halbwegs einfach zu beantworten. Wenigstens bei der Frage nach harten Drogen konnte er guten Gewissens „nie“ ankreuzen. Im nächsten Testteil ging es um Schmerzen. Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Rückenschmerzen... brav machte er seine Kreuzchen bei „ständig“.

„Entschuldigen Sie bitte, aber was hat das alles für einen Sinn?“, fragte er die Psychologin, als sie mit einem Kaffee vom Automaten vorbeikam.
„Wir unterhalten uns später. Machen Sie jetzt bitte mit dem Test weiter.“
Klaus versuchte sich wieder auf den Test zu konzentrieren, aber es fiel ihm in letzter Zeit immer schwerer, sich auf irgendetwas zu konzentrieren.

Stellen Sie sich häufig Fragen wie: „Was hat das alles für einen Sinn?“
Er lachte zynisch. Und schrieb: Würden Sie das an meiner Stelle nicht? Was hat das denn alles für einen Sinn? Meine Arbeit. Mein Leben. Alles.

Denken Sie häufig, trotz Ihres Einsatzes nichts bewirken zu können?
Die Antwortmöglichkeiten lauteten: Nie, selten, manchmal, häufig oder oft.
Klaus zeichnete ein zusätzliches Quadrat auf den Zettel, in das er ein Kreuz machte. Immer, schrieb er daneben.

Hat Ihr sexuelles Verlangen nachgelassen?
Klaus hielt inne. Welches sexuelle Verlangen denn? Er war eine asexuelle Person. Zumindest erwarteten das die Menschen von ihm. Na gut, früher, da hatte sich oft etwas geregt, wenn Angela mit ihm Kaffee trank, Kekse aß und lachte. In letzter Zeit regte sich gar nichts mehr. Er entschied sich für „eher ja“.

Machen Sie zynische Bemerkungen über Ihre Kunden/Kollegen/Mitmenschen?
Nein. Diese gierigen Gfraster haben meine Aufmerksamkeit überhaupt nicht verdient. Nichts ist genug. Immer mehr wollen sie, und je mehr sie bekommen, umso unglücklicher werden sie, die Erwachsenen wie die Kinder.

Vernachlässigen Sie Ihr äußeres Erscheinungsbild?
Das letzte Mal hatte er sich vor einem halben Jahr rasiert. Seine Arbeitskleidung war alt und zerschlissen, aber die Firma musste sparen und hatte kein Geld für neue. Und immer öfter schlief er in diesen Klamotten, weil seine Jeans nicht gewaschen waren und kein frisches Shirt im Schrank war. Und weil es ohnehin egal war.

Haben Sie sich von Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zurückgezogen?
Hohoho. Welche Freunde denn? Sein einziger Freund war sein Arbeitskollege Rudolph, und der war ein Rentier. Nein, kreuzte er an.

Sind Sie in den letzten sechs Monaten vergesslicher geworden?
Ja, in letzter Zeit vertauschte er immer öfter Pakete und konnte sich keine Namen mehr merken. Erst gestern hatte er zu Rudolph Ronald gesagt. Ronald. Rudolph hatte ihn gekränkt mit seiner roten Nase weggestupst.

Auf Seite 23, bei Frage 345.1a, nämlich Fühlen Sie sich innerlich leer, ausgelaugt und erschöpft?, schlief Klaus ein.

Die Psychologin beutelte ihn behutsam an den Schultern. „Herr Santer? Alles klar bei Ihnen?“
Er nickte und folgte ihr in das Sprechzimmer. Auf dem Tischchen lagen Tannenzweige und flackerte eine Kerze aus Bienenwachs. Die Psychologin überflog den ausgefüllten Testbogen, setzte sich ihm gegenüber in den weichen Ledersessel und schwieg. Plötzlich liefen ihm Tränen über die Wangen und verfingen sich im verfilzten Bart.

„Sie haben ein Burnout-Syndrom, Herr Santer.“ Sie blies die Kerze, die beunruhigend weit heruntergebrannt war, aus.
„Ist... ist das gefährlich, dieses Burn...?“ Davon hatte Klaus noch nie etwas gehört.
„Burnout beschreibt den Zustand des körperlichen und emotionalen Ausgebranntseins. Es kommt sehr häufig bei Menschen in helfenden Berufen vor. Gefährlich ist es, wenn Sie nicht dagegen angehen. Sie müssen etwas Grundlegendes in Ihrem Leben ändern. Außerdem müssen Sie prüfen, ob Ihre Lebenssituation noch Ihren Bedürfnissen entspricht oder wichtige Bedürfnisse unberücksichtigt bleiben.“
Seine Bedürfnisse. Was hatte er denn für Bedürfnisse, außer sich Abend für Abend zuzudröhnen?

„Erzählen Sie doch: Was haben Sie denn vor Ihrer Erkrankung gerne gemacht.“
Er dachte nach. Es schien ewig her zu sein. „Ich bin Schlittenrennen gefahren“, sagte er und seine Augen begannen zu leuchten. „Und stundenlang durch den Wald marschiert. In meinem Sack hatte ich Nüsse und eine Rute und kein Einhorn-Dosenfleisch und Blutbad-Duschgel. Schön war das.“

„Ich schreibe Sie jetzt krank, Herr Santer. Zunächst einmal für drei Monate. Und zweimal wöchentlich kommen Sie zu mir zur Therapie.“
„Aber“, entgegnete Klaus, „ich muss doch...“
„Sie müssen gar nichts. Sie schauen jetzt bitte einfach nur auf sich.“


Das Gerücht, dass es dieses Jahr keine Weihnachtsgeschenke geben sollte, verbreitete sich rasch. Die Menschen waren aufgebracht und schrieben Beschwerdebriefe und der Handel stöhnte über massive Umsatzeinbrüche. Die Stimmung war so aufgeheizt, dass die Psychologin und Angela sich gezwungen sahen, vor die Presse zu treten, eine Erklärung abzugeben und die Menschen um Entschuldigung zu bitten.

Klaus Santer an Burnout erkrankt

titelten die Zeitungen am nächsten Morgen. „Er muss sich schonen!“
Die Menschen, unter deren Freunden und Kollegen viele ebenfalls an Burnout litten, reagierten nachdenklich und betroffen. Sie fühlten sich mitschuldig am Gesundheitszustand von Klaus Santer. Also verschenkten sie dieses Jahr selbstgebackene Kekse, Aufmerksamkeit und Zeit, und trippelten auf Zehenspitzen durch die Stadt, um den Weihnachtsmann durch den Lärm nicht zusätzlich zu belasten.

Dieses Weihnachtsfest ging als stillste und friedlichste in die Geschichte ein.


Ich wünsche euch allen stille, friedliche und wunderschöne Feiertage!


Samstag, 20. Dezember 2014

Sabine und die Ess-Störung

Diese Geschichte hab ich für eine Freundin zum Geburtstag geschrieben.



Hätte Sabine nur nicht diesen Makel gehabt, ihr Leben wäre völlig anders verlaufen. Das ist oft so, denn es sind nicht die großen Schicksalsschläge, die unser Leben und den Lauf der Welt bestimmen, sondern Kleinigkeiten. Würde Karl Kevin heißen und wäre Herbert nicht bei der falschen Bushaltestelle ausgestiegen, ihr Leben hätte andere Wendungen genommen als die, für die es sich entschieden hat. Wäre Helene Fischer nicht nur atem-, sondern auch stimmlos gewesen und hätte Adolf jüdische Vorfahren gehabt, wäre auch der Welt einiges erspart geblieben.
Wie auch immer, Sabine hatte eine S-Störung, daran war nicht zu rütteln. So mancher Englischschüler wäre froh gewesen, ein derart sauberes th auszusprechen wie sie, aber Sabine sprach kein Englisch.
Vielleicht hätte ihr Makel sie auch gar nicht gestört, würde sie Herta heißen, aus Wien kommen und in einem Hinterzimmer eines Blumenladens Blumen binden.

Sabine aber hieß Sabine Saurer-Samwald, wohnte in Sierndorf und war Silberschmiedin. Seit zwei Wochen arbeitete sie nicht nur in der Werkstatt, sondern auch im Verkauf. Sabine liebte ihren Beruf, aber sie hasste die mitleidigen Blicke der Menschen, denen sie Silberringe verkaufte. Obwohl Siegfried, ihr Mann, ihr versicherte, dass er sie trotz dieses Sprachfehlers, ja vielleicht sogar deswegen liebte, weil ihre Aussprache so süß und scheu war, beschloss Sabine, etwas an ihrem Leben zu ändern.

„Thind thie Thilke?“, fragte sie die Sprechtechniktrainerin am Telefon und ersparte ihr so die Frage nach dem Grund des Anrufs.

Es war nicht die Zahnfehlstellung, die den S-Fehler verursachte , fand Silke schnell heraus, sondern die Tatsache, dass Sabine unsicher war und sich schwer tat, loszulassen. „Raus!“, forderte Silke sie während einer Stunde auf. Sabine schaute entsetzt, packte die Brille in die Handtasche und eilte zur Tür. In ihre Augen schlichen sich Tränen. „Nicht Sie“, sagte die Sprechtechniktrainerin, als sie das Missverständnis bemerkte, „nur die Wörter! Lassen Sie die Wörter raus. Und die Gefühle auch!“

In den nächsten Wochen und Monaten setzte Sabine sich mit ihrem Atem auseinander, ließ ihn fließen, stärkte das Zwerchfell, indem sie hechelte wie bei der Geburt von Drillingen, fühlte, wie ein Strahl vom Herzen des Himmels ins Herz der Erde jagte, mitten durch ihr Herz und sie mit dem Universum und den Wurzeln verband. Sie schaute auf die nahe Burg Kreuzenstein, öffnete die Arme und schickte A’s und O’s auf den Turm.
Sie liebte Silke. Nicht auf eine erotische, begehrende, sondern eine bewundernde, aufschauende Art. Sie liebte ihren Ausdruck, ihr elfenhaftes Wesen, ihre Geduld und die Warmherzigkeit, mit der sie sie aufbaute, wenn Sabine wieder in sich zusammenfiel.
Sie war eine fleißige Schülerin. Sie übte in der Werkstatt beim Silberschmieden, zu Hause in der Küche, manchmal auch im Ehebett. Sie ertappte sich dabei, dass sie „Thuper Thex Thiegfried“, sagte, und korrigierte sich schnell: „Sssuper Ssssex, Siegfried“ Ihr Mann freute sich, dabei war ihm die Aussprache vermutlich egal.
Klangen ihre Sätze am Anfang noch so: In Thibirien isth eth thaukalt oder Ich thitze im Thessel und ethe Thalat mit Nüthen und Thonnenblumenkernen, wurden daraus mit der Zeit solche Gebilde:

Ich bin Sabine, bin stolz, skurril und selbstsicher. Ich bin süchtig nach Selleriesuppe. Ich singe gerne Soul, am liebsten Songs von Percy Sledge. Seit sieben Sonntagen spiele ich sogar Saxophon. Ich sehne mich nach der sonnigen Südsee, genieße Samt, Satin und Seide und – an der Stelle musste sie immer kichern – stehe auf versauten, sündigen Sex.
Und jedes Mal, wenn sie vor dem Spiegel sagte „Ich bin stolz, skurril und selbstsicher“, glaubte sie es ein bisschen mehr.


„Wie wäre es mit diesem sündteuren Silberring mit Saphir?“, präsentierte Sabine der Kundin stolz ihr Lieblingsstück.
Die schüttelte den Kopf. „Ich suche einen Slangenring mit einem smucken, sönen Stein.“ Sabine sah, wie die Frau errötete und fühlte mir ihr. Sie war auch immer rot geworden vor Scham. „Sie müssen es rauslassen“, sagte sie, „das SCH und die Gefühle.“ Sie kramte in einer Lade. „Warten Sie, ich hab da was zum Üben.“ Sie überreichte der Frau einen Korken.
„Von einer Sektflasse?“, fragte die.
„Champagner“, sagte Sabine. „Darf ich fragen, wie Sie heißen?“
„Sarlotte.“
„Schöner Name. Also, Charlotte sprechen Sie mir nach: Ich schwärme für schaukelnde Schiffe, schneeverwehte Schluchten, schöne Spiegel, schwarze Strumpfhosen, sprudelnde Springbrunnen und strahlende Sterne.“
„Ich swärme für saukelnde Siffe, sneeverwehte Sluchten, söne Spiegel“, versuchte es Charlotte und verzweifelte an der Aufgabe. „Seiße.“
„Sie sind im Tiefstatus, meine Liebe. Da müssen Sie dringend raus! Brust hervor, Schultern zurück. Vielleicht doch den Silberring mit dem Saphir?“, hakte sie nach. „Der Saphir stärkt die Entschlossenheit und fördert Heilungsprozesse.“ Das wusste sie von Silke, die sich mit Heilkräften von Steinen auskannte.
Tränen liefen über Charlottes Wangen. Sabine überreichte ihr ein Taschentuch und eine Visitenkarte von Silke. „Gehen Sie zu ihr. Sie wird Ihnen helfen.“

„Was bilden Sie sich eigentlich ein, Frau Sauer-Samwald?“, fragte die Chefin, die gerade zur Hintertür reinkam, als Charlotte das Geschäft verließ. „Das ist ein Juwelier, kein Esoterikladen. So leid es mir tut, ich werde Sie kündigen müssen.“
„Das klingt nicht authentisch“, sagte Sabine, „sagen Sie es mit Ihren eigenen Worten!“
„Raus!“, sagte die Chefin leise, und Sabine wusste, dass sie weder Gefühle noch Wörter meinte.
Alles im Leben hat einen Sinn, dachte Sabine, packte ihre Siebensachen und ging. Schon lange hatte sie überlegt, einen eigenen Laden aufzumachen, vielleicht hatte das Schicksal ihr eben zugewinkt.

„Sie brauchen mich nicht mehr, Sabine“, sagte Silke eines Tages. „Ihr S ist eines der reinsten, das ich je gehört habe. Und auch das K, das F, das A und O, das Z, ja, sogar das Ypsilon. Mit Ihrer Aussprache können Sie Nachrichtensprecherin werden.“
Bei Sabine strömten die Tränen. Das hier war viel schlimmer als die Kündigung. „Natürlich brauche ich Sie“, schluchzte sie.
„Was mach ich nur mit Ihnen?“, überlegte Silke, schnipste mit den Fingern und sagte: „Ich hab’s!“



Seit kurzem spielt Sabine Theater. Sie schüttelt sich zu Kundalini, kriecht auf allen Vieren und brüllt wie ein Löwe, improvisiert und lernt komplizierte Texte auswendig. Intensiv setzt sie sich mit den Figuren auseinander. Sie streicht sich durchs Haar wie die Figur, die sie spielt, sie spricht wie sie, sie geht wie sie, sie isst sogar wie sie. „Silke sagt, man muss die Figuren kennenlernen und spüren, verstehst du?“, erklärt sie ihrem Mann.
„Ich will dich auch wieder spüren, aber in deinem Kopf ist nur noch Platz fürs Theater“, sagt Siegfried. „Und für diese Silke“, fügt er hinzu, doch das hört Sabine nicht mehr.

Als sie am Abend Sex haben und Siegfried in sie eindringt, sagt Sabine: „Größer! Man muss spüren, dass es um etwas geht!“


„Ein Pferd“, tönt sie laut, während sie den Salat wäscht, denn bald würden ihre Schwiegereltern klingeln. „Ein Pferd! Mein Königreich für ein Pferd!“
„Wir haben kein Pferd, Schatz. Hast du die Gurken für das Tsatsiki besorgt?“ Siegfried ist gereizt.
Nein, hat sie nicht, sie hat das Gemüse vergessen, weil sie mit König Richard III. beschäftigt war. Vor ein paar Monaten noch wäre sie in so einer Situation zerknirscht in ihre Turnschuhe geschlüpft, hätte sich entschuldigt und gemurmelt: „Thorry. Ich bethorg schnell welche.“
Jetzt fasst sie sich mit dramatischer Geste ans Herz.
„Schlimm ist die Welt, sie muss zu Grunde gehen;
denn die graden, grünen Gurken fehlen.
Eine Gurke! Mein Königreich für eine Gurke! “
Sie küsst ihn auf die Wange und grinst. „Dann machen wir halt ein Tsatsiki ohne Gurken.“
„Was ist nur aus meiner thüßen, kleinen Thabine geworden?“, ätzt Siegfried.
„Eine selbstbewusste, souveräne Sabine“, sagt sie, „und damit kannst du offensichtlich nicht umgehen.“
Sie geht ins Wohnzimmer, greift nach einem Fläschchen und drückt das Ventil des Zerstäubers.
„Was machst du da?“ Siegfried steht in der Tür, „Im November gibt es keine Stechmücken.“
„Das ist ein Aura-Spray mit der Blütenessenz des Kreosotenbusches. Silke sagt, der gibt Schutz und tiefgehende Reinigung.“ Sie atmet tief ein und presst ihre Handflächen vor dem Körper zusammen. „Ich reinige mich tiefgreifend von deinen negativen, seelischen Energien. Mein Herz wird leicht und meine Worte klar.“


„Sabine, ich halte das nicht mehr aus.“ Siegfried seufzt und geht nervös im Wohnzimmer auf und ab.
„Leg die Unruhe in deine Stimme, nicht in deinen Körper“, sagt Sabine, „dann wirkt sie viel stärker.“
„Ich ... glaube, du hast ... mich ... nicht verstanden, Sabine.“
„Besser so, viel dichter die Emotion, jetzt spürt man, dass es um etwas Existenzielles geht. Aber verzichte auf die Pausen zwischen den Worten. Mach es flüssiger. Probier es gleich noch mal. Silke sagt ...“
„Sabine!“, er schreit jetzt. „Verdammt noch mal, ich kann nicht mehr! Es ist aus!“
„Bei dem Wort aus muss die Stimme runter, sonst kapiert das Publikum nicht, dass es zu Ende ist. Das Aus musst du hinsetzen wie einen Punkt.“
Er fasst mit seinen Händen an ihren Hals und schüttelt sie. Er ist in Rage, und seine Stimme bebt. „Es ist aus. Vorbei. Punkt.“
„Das war richtig, richtig gut“, sagt sie zufrieden. Ihr Mann drückt langsam und fest zu. „Silke wäre stolz auf dich“, stöhnt Sabine kaum noch hörbar und lächelt. Dann bricht sie zusammen.

Sonntag, 20. Juli 2014

Frühreif

Gundula erwachte. Draußen prasselte der Regen auf den nassen Boden. Der Wecker zeigte 5:23 an. Zu früh, um aufzustehen. Zu spät, um noch einmal einzuschlafen.
Ein paar Minuten lauschte sie dem entspannenden Geräusch des Regens. Dann drehte sie sich auf den Rücken und spürte, dass dieser schon mehr als fünfzig Jahre alt war. Ihre Hand tappte zur anderen Betthälfte, aus Gewohnheit. Doch da lagen nur ihr Buch und ihre Brille. Das Buch brauchte sie zum Einschlafen. Und die Brille brauchte sie für das Buch. Vor ein paar Jahren hatte sie noch ganz ohne Brille einschlafen können.
Vor ein paar Jahren hatte Heinz Abend für Abend „Schalt endlich das Licht ab“, gesagt, während sie gelesen hatte. Was gäbe sie jetzt darum, diese nervenden Worte zu hören. Irgendwelche Worte zu hören. Dabei war das Licht gar nicht eingeschaltet. Das schwache Morgengrauen des verregneten Julimorgens mühte sich durch die halbdurchsichtigen roten Vorhänge und erzeugte in Gundulas Schlafzimmer durchaus romantische Stimmung. Schwülstige Bilder wanderten in ihre Gedanken. Ihre Hände wanderten zwischen ihre Schenkel. Die Verbindung aus Bildern und Fingern ließen sie feucht werden. Langsamer als früher, aber immerhin. Sie spürte das Feuchte an ihren Fingern und schob sie rasch weiter vor. Immer noch ganz schön glitschig, dachte sie und stöhnte ein wenig. In diesem Moment summte das Handy auf dem Fußboden.

Gundula ließ die Finger aus ihrer Spalte gleiten und leckte sie ab. Wer rief vor sechs an? Hoffentlich war ihrem Papa nichts passiert.
„Ja?“
„Guten Tag. Spreche ich mit Frau Gundula Buttinger?“, wollte eine sonore Männerstimme von ihr wissen.
„Ja. Ist etwas passiert?“
„Es passiert ständig etwas auf dieser Welt. Ich hoffe ich störe nicht um diese Zeit.“
Nun ja, dachte Gundula. Soll ich ihm jetzt erzählen, wobei er mich gestört hat? „Wie man es nimmt“, antwortete sie zögerlich.
„Also hab ich Sie gestört. Das tut mir leid. Hab ich Sie geweckt?“
„Leider nein, ich schlafe zurzeit schlecht.“
„Das ist gut.“
„Warum? Wollen Sie mir Schlaftabletten andrehen?“ Schön langsam wurde Gundula gereizt.
„Natürlich nicht. Oder wollen Sie um diese Zeit noch Schlaftabletten nehmen? Ich bin nur froh, Sie nicht geweckt zu haben.“
„Ja, Glück muss der Mensch haben. Wer sind Sie überhaupt?“ Gundula stellte fest, dass sie immer noch an ihren Fingern leckte, während ihre Stimme zunehmend unsinnlich wurde.
„Marc Laumann ist mein Name. Marc mit c.“
„Schön für Sie. Und was wollen Sie von mir?“
„Also, ich gebe es besser gleich zu: Ich bin einer dieser verhassten Callcenter-Fritzen. Ich verdiene mir das Geld für mein Studium, indem ich Umfragen mache. Normalerweise über das Wahlverhalten, Bananensorten oder öffentliche Verkehrsmittel.“
„Um diese Zeit?“
„Um Acht hab ich eine Vorlesung.“
Wieder hatte sie das Gefühl alt geworden zu sein. Vor dreißig Jahren gingen Studenten noch nicht in Vorlesungen, die um acht Uhr begannen. „So so, normalerweise. Und heute? Heute fragen Sie wohl was Abnormes. Vielleicht sogar etwas Perverses?“
„Was ist denn in Ihren Augen pervers?“
Gundula mochte seine Stimme. Sie war angenehm, und trotz seiner Aufdringlichkeit wirkte er zurückhaltend und keineswegs aufdringlich. „Gehört das schon zum Fragebogen?“
„Nein. Das ist persönliches Interesse.“
„Hm... lassen Sie mich nachdenken.“ Gundula dachte nach. „Frauen um halb sechs Uhr früh anzurufen, das ist auf der Perversionsskala schon ziemlich weit oben.“
„Dann halten Sie mich also für pervers. Ist es Ihnen lieber, wenn wir das Gespräch beenden?“
Natürlich hätte sie jetzt einfach ja sagen können. Dann hätte sie wieder im Bett gelegen, nicht schlafen können und sich gefingert. Aber beenden konnte sie das Gespräch ja immer noch.
„Nein. Im Gegenteil“, hörte sie sich leise ins Handy sagen.
„Wunderbar. Sie können das Gespräch selbstverständlich jederzeit abbrechen“, machte er sie auf ihre Rechte aufmerksam und fügte hinzu: „Ich bekomme allerdings nur für die Interviews bezahlt, die zu Ende geführt werden.“ Sie hörte das Lachen in seiner Stimme.
„Ich würde mich also am Hungertod eines verarmten Studenten mitschuldig machen, wenn ich auflege? Los, fangen Sie an, damit Sie nicht zu spät kommen.“
„Meinen Sie zu SPÄT kommen oder zu spät KOMMEN?“
„Sie wissen genau, was ich meine, Herr Laumann. Und um ehrlich zu sein, haben Sie mich mit Ihrem Anruf vorhin ziemlich gestört.“
„Darf ich fragen, wobei ich Sie gestört habe, Frau Buttinger?", sagte er nun mit betont sachlicher Stimme.
„Ich habe masturbiert.“
Stille.
„Sie haben...“
„Welchen Teil des Satzes haben Sie nicht verstanden?“
Er ging nicht darauf ein. „Ich bräuchte zunächst noch ein paar Angaben für die Statistik. Wohnort, Ausbildung, Familienstand, Alter. So Dinge.“
Das ist nicht gut, dachte Gundula und fürchtete insgeheim, er würde das Interesse verlieren, wenn sie ihm ihr Alter verriet. „Wien, Universität, verwitwet, 52“, ratterte sie herunter.
„Das tut mir leid“, sagte Mark.
„Mir auch. Ich wäre sehr gern jünger. Bin ich aber nicht.“
„Ja. Ich meine nein. Also, dass Sie verwitwet sind tut mir leid. Und um ehrlich zu sein...“. Marc Laumann mit c machte eine Pause.
„Um ehrlich zu sein haben Sie auch masturbiert.“
„Nein. Um ehrlich zu sein bin ich auch schon 54. Aber die Leute sind freundlicher am Telefon, wenn ich die Studentennummer abziehe. Ich habe meinen Job verloren und muss jetzt so einen Schwachsinn machen.“
„Schade“, sagte Gundula.
„Ja, ich würd lieber wieder richtig arbeiten.“
„Das meine ich nicht.“ Sie konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen.
„Sie telefonieren auch lieber mit jungen Leuten, ist es das?“
Ja, dachte Gundula. Ich würde jetzt gern von einem 28-jährigen Studenten nach Strich und Faden verwöhnt werden. Sie tauchte ihren Pinsel in den Farbtopf der Realität und versuchte die Bilder in ihrem Kopf zu übermalen. „Natürlich nicht“, sagte sie, denn sie wusste, wie es sich anspürte, wenn man für das andere Geschlecht nicht mehr interessant war, bloß weil die Jahreszahl auf der Geburtsurkunde nicht mit dem gefühlten Alter übereinstimmte. Trotzdem konnte sie sich ein wenig Sarkasmus nicht verkneifen. „Und wohin müssen Sie um Acht? In den Pensionistenklub?“
„Nirgends muss ich hin. Ich konnte halt nicht mehr schlafen. Und bevor ich nur blöd im Bett liege, beginne ich dann schon mit den Telefonaten.“
„Haben Sie keine Frau, die sie dann belästigen können?“
„Nicht mehr. Die ist vor einem halben Jahr abgehauen, weil ich ihr bei der Hausarbeit im Weg war. Und wer weiß wobei noch.“

Gundula sog die Luft ein und schämte sich. Es war eine Sache, einen jungen Studenten zu provozieren, indem sie ihm erzählte, dass sie es sich selbst besorgte. Es war eine völlig andere Sache, sich zu entblößen, indem man so etwas einem gleichaltrigen Mann beichtete. Gundula fühlte sich nackt, trotz kariertem Schlafshirt.
„Machen wir weiter mit dem Interview?“, fragte sie und versuchte möglichst leicht zu wirken, um der Situation die Schwere zu nehmen. Eine schlaflose Witwe und ein schlafloser Arbeitsloser in einem Alter, das die Werbebranche euphemistisch als Best Ager bezeichnete und Jugendliche unverblümt uralt nannten. Nüchtern betrachtet war die Situation ziemlich komisch. Sie musste lachen.
„Worüber lachen Sie, Frau Buttinger?“ Er fragte das so, als gehöre das zu seinem Interviewkatalog.
„Über mich.“ Gundula lachte sogar oft über sich selbst. „Darüber, wie peinlich ich mich hier benehme. Wie ich Ihnen von meiner morgendlichen Masturbation erzähle und wie erfolglos ich versucht habe Sie anzumachen.“
„Wieso erfolglos?“
Gundula schluckte. „Die... die Vorstellung, dass ich meine Finger in... also.. dort unten hatte, hat Sie angemacht, Marc mit c?“
„Nennen Sie mich Markus. Markus mit k. Marc ist nur mein Studentenname. Klingt moderner und nicht so langweilig wie Markus.“
„Markus.“ Sie ließ sich seinen Namen auf der Zunge zergehen.
„Um auf Ihre Frage zurückzukommen“, fuhr Markus fort, „ja, die Vorstellung hat mich angemacht. Sehr.“

Ihre rechte Hand kroch wieder unter die Bettdecke und streichelte die Innenseite ihrer Schenkel. Eigentlich wollte sie jetzt etwas Aufregendes und Intelligentes sagen. Aber sie war zu überrascht von der plötzlichen Wendung. Sie hätte wenigstens mit erregt erregender Stimme „Ja, sehr?“ antworten wollen, aber selbst das brachte sie nicht mehr zustande. Zu schnell waren ihre Finger in die Möse geglitten und hatten ihre Klit erreicht. Und so gelang ihr nur das „Ja“. Eigentlich nur das „a“. Genau genommen ein "aaahh". Wohlig, langgezogen und leise gestöhnt.

Als sie wieder bei Sinnen war, schämte sie sich, zumindest ein kleines bisschen. Am anderen Ende der Leitung – so sagte man zumindest früher, als Telefone noch an Kabeln hingen – war es still. Hatte er aufgelegt? Oder hielt er die Hand aufs Mikro des Handys, weil er auch stöhnte?
„Markus? Sind Sie noch da?“
„Ja, Frau Buttinger, das bin ich.“ Seine Stimme verriet nichts.
„Nennen Sie mich Gundula, bitte. Gundula mit u.“
„Gundula“, sagte er. Mit ganz warmen weichen U‘s, die Gundula zum Zittern brachten. „Darf ich Sie noch etwas fragen, Gundula?“
Ja, das durfte er. Er durfte sie alles fragen. Frag mich ruhig irgendwelche Sauereien, dachte sie. „Sie dürfen, Markus.“
„Es ist mir wirklich unangenehm“, stammelte Markus, „Sie müssen wissen, ich hab mir die Fragen ja nicht ausgedacht, ich werde nur dafür bezahlt, dass ich sie stelle.“
Gundula leckte sich so anzüglich die Lippen, dass er bestimmt durchs Telefon hören würde. „So fragen Sie schon!“, ermunterte sie ihn.
„Darf ich Sie morgen wieder anrufen, Gundula?“
„Sie werden bezahlt, dass Sie Frauen die Frage stellen, ob sie sie anrufen dürfen?“
„Nein, das nun nicht. Ich möchte Sie morgen anrufen, um Ihre Antwort zu erfahren.“
Offensichtlich wollte er ihr eine besonders schwierige Frage stellen. Vermutlich irgendeine Gleichung aus der Atomphysik, die sie lösen sollte. Gundula ließ ihre Zunge wieder in den Mund gleiten. „Ich würde mich sehr freuen, wenn wir morgen wieder telefonieren könnten.“ Die Hoffnung stirbt zuletzt, dachte sie dabei. Und ihre Hoffnung war, dass er morgen mutiger sein könnte.
„Eine Bitte habe ich, Gundula.“
Sollte sie sich auf die Fragen vorbereiten? Sich in ein Thema einlesen und etwas lernen? „Nämlich?“
„Wenn Sie wieder nicht schlafen können, könnten dann vielleicht Sie mich anrufen, bevor Sie wieder... Sie wissen schon.“
„Mal sehen.“ Gundula lächelte und drückte die rote Taste. Sie wusste schon.

Montag, 14. Juli 2014

Lu4Tz33.2 - Die Mission (2/2)

„Was ist eigentlich Ziel dieses Spiels?“, fragte Xana, nachdem sie schon ein paar Wochen gespielt und Level 3 erreicht hatten.
„Du stellst Fragen!“, stellte Kenzen fest. „Ganz einfach: Das Ziel ist es, stärker und mächtiger zu werden, Rohstoffe zu gewinnen, Burgen zu bauen, Handelsflotten zu gründen und Allianzen zu bilden. Zunächst braucht unser Lu4Tz33.2 aber Kampfpunkte.“ Er deutete auf einen kurzen, rot blinkenden Balken. „Mit seiner derzeitigen Kampfkraft erschlägt er nicht einmal ein lächerliches Bärtierchen.“
„Sind da so viele Bärtierchen auf der Erde? Wozu braucht er denn die ganze Kampfkraft?“
„Um noch stärker und noch mächtiger zu werden.“
„Aha.“ Xana verstand nicht. „Und warum? Was ist der Sinn von noch mehr Kraft?“
„42“, sagte Kenzen und Xana verstand. Wenn Kenzen etwas nicht wusste, lautete seine Antwort 42. Wenn Kenzen „42“ sagte, war die Diskussion beendet, auch wenn sie noch lange nicht aus war.

*

Seinen freien Tag verbrachte Lutz zuerst mit Olaf in der Allianz-Arena und dann bei seiner Schwester und seinen Nichten.
„Um Himmels Willen, was ist dir denn passiert“, fragte seine Schwester erschrocken, als sie Lutz’ blaues Auge sah.
„Ach nichts“, winkte er ab, „nur eine kleine Schlägerei im Stadion. Was ist, Mädels“, wandte er sich an seine Nichten, „Ritterburg?“
Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal mit Playmobil Burgen gebaut und Raubritter gespielt und so viel Vergnügen dabei gehabt hatte, die Zugbrücke herunterzulassen, verfeindete Ritter hinterhältig zur Falltüre zu locken und sich in einem der zahlreichen Wehrgänge zu verstecken.
Seine Nichten quietschten vor Vergnügen, denn sonst trank Lutz mit ihrer Mutter einen Kaffee oder blätterte in der Zeitung. Heute aber tollte er mit ihnen auf dem Teppich herum und spielte mit ihnen, und zwar richtig, nicht so, wie Erwachsene mit Kindern meistens spielten.

Lutz krempelte die Ärmel hoch, ballte die Fäuste und tänzelte wie ein Profiboxer von einem Bein aufs andere: „Los, wer traut sich gegen mich anzutreten?“
Die Mädels kreischten, zerrten an ihm herum, boxten mit ihm und balgten sich mit ihrem Onkel.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte seine Schwester, als sie ihm im Badezimmer das Cut auf der Wange mit einem Pflaster zuklebte. Eines der Mädchen hatte ihn im Eifer des Gefechts im Gesicht gekratzt.

„Was ist denn mit dir los?“ Diese Frage wurde ihm in den letzten Wochen immer wieder gestellt. Sein Chef hatte ihn das erst gestern gefragt, weil jeden Tag ein Sack Zitronen geliefert wurde und Lutz am liebsten Zitronenschaumsüppchen, Zitronentarte, Zitronen-Rosmarin-Sorbet, Lemoncurd und Zitronenrisotto zubereitete und sogar ein „Lemon-Menue“ auf die Speisekarte gesetzt hatte.
Olaf stellte die Was-ist-denn-mit-dir-los-Frage beinahe jeden Tag, weil Lutz ihm in einer Tour etwas verkaufen oder mit ihm tauschen wollte. Sogar in der Kneipe fing Lutz an mit dem Wirten zu handeln, fischte ein paar Steine aus der Hosentasche und bot 3 Erz für ein Bier.

„Hallo? Was ist denn mit dir los, Lutz“, fragte seine Schwester noch einmal, weil er auf ihre Frage nicht reagiert hatte. „Seit wann macht dir Raufen Spaß? Du bist doch schon als Bub jeder Rangelei aus dem Weg gegangen und ich musste für dich in die Bresche springen und die Jungs versohlen.“
„Ich brauche Kampfpunkte.“ Hatte er das eben gedacht? Oder gar laut gesagt. Er lachte er ein künstliches, verlegenes Lachen.
„So, so“, sagte seine Schwester, „Kampfpunkte. Na ja, wer braucht die nicht?“

*


MeetAWoman“ tippte Xana heimlich, während Kenzen in der Arbeit war, denn das ständige Bohren, Handeln und Kämpfen wurde ihr langweilig. Sie wollte, dass Lu4Tz33.2 endlich etwas wirklich Abenteuerliches erlebte. Also steckte sie ihn per Mausklick in enge Jeans, ein weißes Hemd und Chucks und klickte auf die „Hubble-Lounge“, einen Club in Form eines Raumschiffs. Sie lächelte versonnen und fügte ein „FallInLove“ hinzu.

*

„Du willst ins Hubble? In diesen Schickimicki-Club, wo du doch nichts so sehr verachtest wie Schickimickies? “, fragte Olaf ein paar Stunden später.
Er hatte das Gefühl, dass sein Leben nicht mehr seins war, sondern das einer Marionette, deren unsichtbare Fäden von einer fremden Macht gezogen wurden. Es fühlte sich nicht direkt schlecht an. Nur anders. Ach was, vielleicht war er nur überarbeitet und brauchte dringend Urlaub.


Sie hatte dunkles, halblanges Haar, trug Jeans und ein rotes, weites Shirt unter einer Jeansweste und lehnte allein an der Bar. Sie passt nicht hierher, dachte er, wie ich. Er beobachtete sie, wie sie mit ihren Fingern in ihrem Cocktailglas rührte, eine Zitronenscheibe herausfischte und daran lutschte. Lutz wurde warm. Sehr warm. Er wollte stehen bleiben, ihr zuschauen, mit welcher Hingabe sie an der Zitrone leckte, denn der Anblick erregte ihn. Eine Stimme in ihm sagte: „Geh zu ihr.“ Lutz glaubte nicht an Liebe auf den ersten Blick, um ehrlich zu sein, glaubte er überhaupt nicht an die Liebe. Trotzdem gehorchte er seiner Stimme und ging so lässig wie möglich zur Bar.
Lutz hatte keine Ahnung mehr, wie man auf souveräne Art Frauen anbaggerte, das alles war schon so lange her. Und nicht einmal früher war er in dieser Disziplin besonders effizient gewesen.
Linkisch zog er einen Stapel aus der hinteren Hosentasche, schob das Gummiband, das ihn zusammenhielt, herunter und fragte: „Magst du tauschen? Ich brauche 278 und 129. Du kannst dir dafür zehn von meinen aussuchen.“
Sie funkelte ihn mit olivfarbenen Augen an und stellte ihr Glas ab. Dann griff sie in die Tasche ihrer Jeansweste und fächerte ihren Stapel auf. „Da! Suarez kannst du gern haben, den hab ich drei Mal, Jasper Cillesen brauch ich selber.“ Sie lächelte und biss in die Zitrone. „Das griechische Team, 204, das fehlt mir auch noch.“
Sein Mund blieb offen stehen.


Als sie später am Fluss entlangspazierten, fragte er: „Bist du öfter im Hubble?“
„Ich war da noch nie“, Sophie kickte mit ihrem Fuß eine leere Bierdose zur Seite. „Du musst wissen, ich hasse solche Schickimickiclubs. Keine Ahnung, was mich heute Abend geritten hat. Was ich jetzt sage, klingt wahrscheinlich total bescheuert für dich, aber es hat mich heute dahin gezogen. Ich konnte nicht anders. Es war irgendwie nicht meine Entscheidung, verstehst du?“
Das klang keineswegs bescheuert. Das klang sehr vertraut. Und Sophie fühlte sich sehr vertraut an, als er einfach ihre Hand in die seine nahm. Sie redeten über Fußball (sie war 1860-Fan, wie er) und exotische Zitronensorten und tauschten nicht nur Panini-Sticker, sondern auch Zitronenrezepte aus.
„Lebst du allein, Lutz?“, wollte sie wissen.
„Ja“, sagte er. „Nein“, korrigierte er. „Nun ja, fast allein. Ich habe eine Miss Jon.“ Blöder konnte man sich vermutlich nicht anstellen.
„Was für eine Mission denn?“
„Eine weiche, warme, schnurrende Mission.“ Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und küsste sie. „Komm mit, dann stell ich sie dir vor. Außerdem hab ich noch französische Zitronentarte.“


„Glaubst du an Gott?“, fragte Sophie nach dem Sex, der berauschend gewesen war. Miss Jon hatte es sich zu ihren Füßen bequem gemacht und Lutz nieste.
„Warum fragst du?“
„Das kann doch kein Zufall sein, dass wir uns heute in einer Bar, die wir beide noch nie zuvor betreten haben, getroffen haben. Und dass du auf Frauen stehst, die nach Zitronen duften und ich auf Männer mit großen Füßen. Und wir beide auf Fußball.“
„Hm...“, er dachte nach, „nein, an Gott glaube ich nicht. Aber ich glaube, dass da irgendetwas im Universum existiert, das größer ist als wir und unser Schicksal bestimmt. Etwas, das uns mit unsichtbaren Fäden lenkt.“ Waren das wirklich seine Worte? Verließ so ein Esoterikgeschwurbel tatsächlich seine Lippen? Vielleicht hatte Olaf Recht und er war tatsächlich übergeschnappt.
„Seh ich genauso“, sagte Sophie nur und kuschelte sich an ihn. „Kann ich bei dir schlafen?“

*

„Ich muss mit dir reden“, sagte Xana viele Lichtjahre von Lutz und Sophie entfernt.
Kenzen rieb sich sein Höhrrohr. Oh je. Wenn Frauen – egal auf welchem Planeten - diese Worte sagten, noch dazu in dem Tonfall, in dem seine Frau sie gerade ausgesprochen hatte, bedeutete das nichts Gutes. Er ließ sich auf seinen Pytagoniumessel fallen.
„Also“, begann Xana, „seit Monaten sitzen wir in unserer Freizeit nur noch am Computer und spielen. Lu4Tz33.2 Hauptquartier ist verschönert, er hat reichlich Rohstoffe und Allianzen und bewegt sich mittlerweile in Level 7+. Unser Raumschiff dagegen ist immer noch nicht repariert und die heißen Quellen sprudeln in dieser Episode nicht mehr. Merkst du das denn gar nicht? Wir machen uns mehr Gedanken um Lu4Tz33.2 Leben als um einander. So kann das nicht weitergehen, Kenzen. Du musst dich entscheiden, was dir wichtiger ist. Das Spiel oder ich.“
„Aber...“
„Kein Aber. Entweder oder.“ Xanas Stimme schnitt mitten in Kenzens blaues Herz.
„Nagut“, sagte er kleinlaut, „dann eben entweder." Er schluckte, und Xana spürte, wie schwer ihm diese Entscheidung fiel. "Mach’s gut, Lu4Tz33.2", sagte er. "Hoffentlich bist du jetzt alleine lebensfähig.“
Gemeinsam zogen sie den Stecker. Ein heller Blitz erschien am Firmament.

*

„Neiiiiiiin!!!!“, schreit Lutz markerschütternd, als er fühlt, wie ein elektrischer Schlag durch seinen Körper jagt.
Sophie legt ihm die Hand auf die Stirn. „Hast du Fieber?“
„Ich lebe doch noch, oder?“ stammelt Lutz. „Sag mir bitte, dass ich nicht tot bin. Ich will nicht sterben. Nicht jetzt!“
„Sicher lebst du. Miss Jon hat nur ins Computerkabel gebissen und es gab einen Kurzschluss. Der Fehlerstromschutzschalter ist gefallen.“ Sophie massiert zärtlich seine großen Füße und ihre Hände wanderten nach oben. „Soll ich dir beweisen, wie lebendig du dich gleich wieder fühlen wirst?“


Ende

Sonntag, 13. Juli 2014

Lu4Tz33.2 - Die Mission (1/2)

„Spielst du schon wieder?“ Xana zog die grünen Mundwinkel nach unten.
„Stör bitte nicht!“, antwortete Kenzen patzig und starrte gebannt auf das Funkeln auf den Bildschirmen, „ich hab Großes vor.“
„Du könntest mal das Raumschiff reparieren, das wäre was Großes. Wir haben schon ewig keinen Ausflug auf den Nachbarplaneten gemacht. Oder zu den heißen Quellen. Immer sitzt du am Computer und spielst!“
„Ach komm“, sein Tonfall wurde versöhnlicher, „so gönn mir doch meinen Spaß. Den ganzen Tag bau ich Pytagonium und Aspirium ab, um uns zu ernähren. Schau, ich bin auf einem blauen Planeten gelandet. Erde heißt er.“
„Erde? Komischer Name für einen Planeten. Der schaut aber mickrig aus. Glaubst du, es gibt dort intelligentes Leben?“ Xana setzte sich zu ihrem Mann und starrte auf den Bildschirm.
„Leben angeblich schon, aber es gibt Zweifel, ob es intelligent ist“, Kenzen drückte ein paar Knöpfe. „Wir suchen uns jetzt einen Avatar aus, so nennt man das.“
„Wir machen uns ein Baby?“ Xana strahlte ihn an.
„Wenn man sich für ein Baby entscheidet, muss man es alle zwei Stunden füttern und streicheln. Babys schreien. Nehmen wir uns doch lieber eines Erwachsenen an, die sind pflegeleichter, ja?“
Da Xana gerne schlief und nicht durch Babygeschrei geweckt werden wollte, stimmte sie zu.
„Hier...“ Kenzen klickte auf eine blinkende Figur und es erschienen Avatare, die frei waren, also solche, die gerade keinen Gamemaster hatten. „Such dir einen aus.“
„Den hier“, sagte Xana wie aus der Laserpistole geschossen und deutete auf einen schlanken, blonden Mann mit einem riesigen Knochenhöcker mitten im Gesicht und großen Füßen. „Große Füße sind extrem sexy.“
Kenzen bewegte den Cursor auf die Figur und las vor:

Name: Lu4Tz33.2
Alter: 38
Lebensform: Single
Beruf: Meister der Kochkunst
Aufgabe: Zubereitung von charakterstärkender Nahrung
Fähigkeiten: Tretball
Level: 1


„Wir können ihm noch einen Nebenberuf geben“, schlug Kenzen vor, „was hältst du von Pytagonist?“ Kenzen war nicht sehr fantasievoll, denn Pytagonist war er selbst auch. Xana, die klügere der beiden, fragte: „Und wenn es auf der Erde kein Pytagonium- und Aspiriumvorkommen gibt?“
„Ach so... dann eben kein Nebenberuf. Wir können seinen Charakter um zwei Chips erweitern und uns selbst etwas einfallen lassen. Eine Mission.“ Da ihm selbst nichts einfiel, überließ er diesen Part seiner Frau.
„Er hat einen Mitbewohner von der Rasse der Feliden“, sagte Xana, die als Kind wahnsinnig gern ein Haustier gehabt hätte, „und er hat eine Vorliebe für... wie nennt man die sauren Gelbfrüchte, die auf den südlichen Planeten wachsen?“
„Zitronen.“
„Genau, er liebt Zitronen. Und Frauen, die nach Zitronen riechen.“
Kenzen schüttelte seinen kantigen Kopf, tippte aber brav ein, was seine Frau ihm diktierte.
Xana knabberte dafür zärtlich an seinem Höhrrohr. „Groß und hübsch ist er, unser Lu4Tz33.2. Und morgen reparierst du unser Raumschiff, ja?“

*

Lutz schlüpfte aus seinen Schuhen, Größe 48, und ließ sich aufs Bett fallen. Sein Kopf dröhnte. Also stand er wieder auf, holte sich ein Bier aus dem Kühl- und ein Aspirin aus dem Küchenschrank. Was für ein Scheißtag das gewesen war! Am Morgen war statt der bestellten Goldbrasse Bachsaibling geliefert worden und er musste sich mit dem Lieferanten herumstreiten.
Am Vormittag schnitt sich der Lehrling zum dritten Mal in diesem Monat in den Finger und er musste ihn ins Krankenhaus bringen, wo der Finger genäht und der Lehrling in den Krankenstand geschickt wurde. Der Gardemanger - also der Mitarbeiter für die kalten Speisen – sonnte sich auf einer griechischen Insel, was Lutz an und für sich nicht störte, denn der war ein affektierter Schnösel und konnte nicht kochen, sondern nur Lebensmittel hübsch drapieren. Ein paar Stunden später störte ihn das allerdings sehr, denn um eins fielen 53 rüstige Rentner-Radfahrer ein und verlangten nach kalten Speisen und Salat, wegen der Hitze und wegen der Fitness. Als ob Mayonnaisesalat einen jünger und schlanker machen würde!
Am Abend dann diese elende, steife Schickimickihochzeit. Lutz war seit acht Jahren Single. Sein Beruf war mit einer Beziehung nicht kompatibel, redete er sich ein, er musste an den Wochenende arbeiten und oft bis spät in die Nacht. Vielleicht war aber er einfach nicht beziehungskompatibel. Just als bei der Schickimicki-Hochzeit die Hauptspeise – gedämpfte Fischroulade (von der Goldbrasse, die in Wahrheit ein Bachsaibling war) mit Bärlauchfülle und Rote Rüben-Pürree – servierfertig war, rückte der Schickimickifotograf an, der sich um eine Stunde verspätet hatte und machte Schickimickifotos von den Schickimickigästen. Lutz und sein Team mussten die Speisen dann aufwärmen und neu anrichten. Mit mir kann man das ja machen, hatte er gedacht.

Lutz glitt gerade in die Dämmerung zwischen Wachheit und Schlaf, in der Gedanken und Eindrücke sich nicht entscheiden konnten, ob sie zu einem Traum oder zur Wirklichkeit gehörten.
Er nahm ein Miauen wahr. Es kam aus dem Flur. Ich muss mich verhört haben, dachte Lutz, denn er lebte im zweiten Stock und sowohl Fenster als auch die Eingangstüre waren geschlossen. Das Miauen wurde lauter. Lutz setzte sich im Bett auf und war plötzlich hellwach. Er schlich auf Zehenspitzen in den Flur und schaute nach. Nichts. „Miau!“ Es kam aus seiner Jackentasche. Er griff hinein und zuckte zunächst wieder zurück, als der Tascheninhalt seine Krallen ausfuhr. Sekunden später hielt er ein kleines, flauschiges Fellbündel in der Hand.

Ein dreifärbiges Glückskätzchen schaute ihn mit großen Augen an. Irgendjemand musste ihm dieses Vieh in die Jackentasche geschmuggelt haben, vielleicht in der Bahn. Er würde es morgen zur Polizei bringen. Oder ins Tierheim. Lutz hatte keine Ahnung, wohin und mit welcher Erklärung man ein Tier brachte, das man in seiner Jackentasche gefunden hatte. Er ging mit dem Fellbündel in die Küche und schnitt sein Abendessen, ein argentinischen Steak vom Angus-Rind in kleine Stücke. Das Kätzchen fiel gierig darüber her. In Lutz’ Augenwinkel schlichen sich Tränen.

Mit mir kann man das ja machen, dachte Lutz wieder und versank in Matratze und Selbstmitleid. Mit mir kann man ja alles machen. Wie so oft verdammte er sein Leben und wünschte sich ein anderes, oder gar keins. Als ihm das Comicheft aus der Hand glitt und die Augen zufielen, ahnte er nicht, wie sehr sich sein Leben schon bald verändern würde. In seiner Halsbeuge fühlt er etwas Weiches, Warmes.

*

„Das hier ist seine Siedlung!“ Kenzen zeigte auf einen kleinen, grauen Quader, direkt an der Straße. „Von hier aus startet Lu4Tz33.2 seine Mission.“
„Das ist aber unscheinbar und langweilig“, fand Xana, die ihre Wohnkugel mit ein paar Metallrohren, verknoteten Pflanzenfasern und seltenen Gesteinsformationen, vor allem aber mit viel Liebe und Geschick in ein behagliches Heim verwandelt hatte. „Kannst du ihm nicht ein schöneres Zuhause machen?“
„So hab doch Geduld. Das ist ein Bunker, und den müssen wir zu einem Hauptquartier upgraden, aber dazu brauchen wir Rohstoffe. Rohstoffe besitzen wir allerdings in Level 1 noch nicht. Noch ist Lu4Tz33.2 ein simpler Siedler ohne Aktions- und Kampfpunkte. Um Rohstoffe zu gewinnen, braucht er zunächst einen Bohrturm.“ Kemzen gefiel sich in der Rolle des Lehrers und fühlte sich geschmeichelt, weil seine Frau sich nach 13 Jahren Beziehung plötzlich dafür interessierte, womit er seine Freizeit verbrachte.
„Wozu braucht er einen Bohrturm, wenn er doch Meister der Kochkunst ist? Soll er nach Sonnenblumenöl bohren?“ Sie kicherte.
„Jedes Lebewesen, egal mit welchem Beruf, muss nach Wasser bohren, dem wichtigsten aller Rohstoffe. Ein Bohrturm produziert 100 Wasser pro Sekunde. Ich weiß nicht, ob es auf der Erde überirdische Wasserreservoirs gibt. Ohne Wasser kein Leben, das ist auf allen Planeten gleich.“

*

„Scheiße, scheiße, scheiße“, fluchte Lutz, die schwere Bohrmaschine in der rechten Hand, als eine dunkelbraune Brühe aus der Wand schoss. Mit der linken Hand versuchte er, die stinkende Flüssigkeit daran zu hindern, sich ihren Weg in den Flur zu bahnen, scheiterte aber kläglich, der Schlamm quoll zwischen seinen Fingern durch und spritzte ihm ins Gesicht.
„Bohrst du neuerdings nach Öl?“, fragte Olaf, sein bester, weil einziger Freund, der gerade zur Tür hereinkam.
„Red keinen Scheiß, sondern hol mir Lappen und Kübel!“. Olaf war zwar gekommen, um sich ein Bier aus dem Kühlschrank zu nehmen und mit Lutz abzuhängen, leistete aber den Anordnungen seines Freundes Folge.
„Ich wollte nur ein Bild aufhängen“, erklärte Lutz, während der letzte Reste der schmierigen Brühe in den Kübel tröpfelte und die beiden Männer die Aufreibfetzen auswanden und die Fliesen schrubbten. „Verfluchte Scheiße, ich hab irrtümlich das Heizungsrohr angebohrt!“
„Willst du damit sagen, du hast gar nicht nach Öl, sondern nach Wasser gebohrt“, grinste Olaf. „Welches Bild überhaupt? Seit wann hast du ein Faible für die schönen Künste?“
„1860 hat gegen die Fortuna gewonnen, schon gehört?“, startete Lutz ein Ablenkmanöver, aber Olaf hatte das Bild, das an der gegenüberliegenden Wand lehnte, bereits entdeckt. „Du hängst dir Zitronenbäumchen an die Wand?“ Er knuffte seinen Freund in den Oberarm. „Seit wann stehst du auf Zitronenbäumchen, Alter?“, prustete er.
Lutz riss ihm das Bild aus der Hand. „Das geht dich einen Dreck an! Zitronenbäumchen sind besser als nackte Weiber auf glänzenden Maschinen.“
„Ich denke, ich bin nicht der Einzige, der das anders sieht als du. Sicher, dass es dir gut geht?“
„Ach lass mich, ich hatte einfach einen Scheißtag.“
„Du hast jeden Tag einen Scheißtag. Hast du wenigstens Bier im Haus oder müssen wir danach auch bohren?“ Als Olaf sich auf den weichen Sessel fallen ließ, quietschte das Kätzchen auf, auf dessen Schwanz er sich gesetzt hatte. „Was zum Teufel ist das?“
„Hat vier Beine, ein Fell, einen Schwanz und Schnurrhaare. Ich nehme also an, eine Katze?“
„Seit wann hast du eine Katze, Alter? Ich dachte, du hast eine Katzenallergie und hasst diese Viecher?“ Er kraulte versöhnlich den Kopf des Kätzchens: „Wie heißt sie?“
Darüber hatte Lutz sich noch keine Gedanken gemacht. „Miss Jon“, sagte er und nieste.

Fortsetzung folgt...

Samstag, 31. Mai 2014

Freitag am Finanzamt

„Ja?“, fragte die rothaarige Schalterbeamtin.
„Ja“, sagte der Mann, der keine Haare hatte, obwohl er noch keine vierzig war. „Ja, also, ich habe eine Beschwerde.“
„Sie sind hier nicht am Salzamt.“
„Sehr witzig. Schauen Sie sich das mal an.“ Er hielt der Rothaarigen eine aschgraue Pappendeckelschachtel vor die Nase.
„Herzlich gern. Am Montag. Wir sperren in zwei Minuten zu.“
„Zwei Minuten reichen. Bitte.“ Er wedelte mit einem Zwanzig-Euro-Schein vor ihrem Gesicht.
„Ich bin Beamtin, nicht Nutte.“
„Ich verstehe.“ Er steckte den blauen Schein ein und tauschte ihn durch einen grünen aus. „Ich hab’s geahnt“, murmelte er.
„Na ja. Ein Unmensch bin ich nun auch nicht.“ Sie schaute sich um, stellte fest, dass sie die Letzte im Amt war und schnappte sich den Hunderter.
Der Haarlose grinste und verkniff sich die Bemerkung, dass sie wohl doch eine Nutte war. „Nun machen Sie schon auf. Zwei Minuten sind kurz.“
Sie stand auf, öffnete die Glastür und ließ ihn herein. „Nur blasen und nur mit Gummi. Ohne kostet extra. Nur dass das klar ist.“
„Aber ich wollte doch nur...“ Seine Hände umklammerten die Schachtel ein wenig fester.
„War nur Spaß. Setzen Sie sich.“

Er ließ sich in einen billigen 80er-Jahre-Stuhl mit Aluminiumgestell und grüner Plastiksitzschale fallen. „Da bin ich aber froh. Blasen mit Gummi stelle ich mir auch für Sie nicht so schön vor. Außerdem meinte ich nur, dass Sie die Schachtel aufmachen sollen.“
Die Rothaarige zögerte. „Wer sagt mir, dass da keine Bombe drin ist. Es gibt so viele Terroristen und Perverse auf der Welt.“
„Ich sage das. Sie haben übrigens schönes Haar.“
„Sie nicht.“ Vorsichtig löste sie den Spagat von der Schachtel und hob den Deckel hoch. „Woooow!“, entfuhr es ihr. „Der ist wunderschön!“
„Sie auch“, hätte er jetzt sagen können, aber er begnügte sich damit sie zu beobachten. Und er sah, wie ihre Wangen leicht erröteten. Er sah, wie sie lächelte und tiefer und schneller atmete. Er sah, wie ihre Nippel sich unter ihrem Shirt abzeichneten. Er sah, wie ihre Hand in die Schachtel fasste und den purpurroten Stoff herausholte.
„Soll ich den für Sie probieren?“, lächelte sie und ließ den Slip durch ihre Finger gleiten. „Ist es das, was Sie möchten?“ Sie leckte ihre Lippen, deren Farbe genau zum Slip passte. „Sie sind mir ja einer!“
„Nein... schon..., also... er war in der Schachtel.“
„Das sehe ich. Ich hab ihn ja soeben herausgenommen.“
„Aber in der Schachtel sollten meine Belege sein, die das Finanzamt mir hätte zurückschicken müssen.“
„Oh. So was darf natürlich nicht passieren. Sonst denken die Bürger noch, dass hier nur Schlampen arbeiten.“ Sie bewegte sich langsam auf ihn zu und blieb breitbeinig vor ihm stehen. „Sie haben natürlich Anspruch auf Wiedergutmachung.“ Dann fasste sie seine Hand und führte sie zwischen ihre Schenkel. „Darf ich den Slip behalten? Ich hab heute früh vergessen einen anzuziehen.“

Seine Finger wurden feucht. „Natürlich dürfen Sie den behalten“, sagte er zu seiner Frau und fügte sicherheitshalber hinzu „aber die hundert Euro gibst du mir zurück, ja? Die hab ich mir bei unseren Kindern geborgt.“

Donnerstag, 29. Mai 2014

Gertrude

„Gestern hatte die Pflegerin einen Praktikanten mit. Ich hab nichts gegen Praktikanten, natürlich müssen die das auch lernen, aber warum ausgerechnet beim Hugo?“
Ich höre der alten, wohlhabenden Frau mir gegenüber zu, versuche zu verstehen, was sie zu der gemacht hat, die sie ist. Kalt. Ablehnend. Kontrollierend. Da ist viel Angst, denke ich und versuche ihr die Angst zu nehmen, indem ich sie bestätige, ihr zuhöre, mir Zeit nehme. Aber immer wieder watscht sie mich verbal ab. „Sie haben Glück, dass ich Sie hereingelassen habe“, sagt sie, „ich umgebe mich normalerweise mit gebildeten und distinguierten Menschen“, sagt sie. Ich wandere durch mein Lavendelfeld und spüre die Wärme, sage ich mir. Das mache ich immer, wenn ich davor bin, meine Gelassenheit zu verlieren. Schließlich bin ich nicht ihretwegen hier, sondern wegen ihres Mannes.

„Der Praktikant saß hier und hat mich die ganze Zeit angestarrt“, fährt Gertrude fort, „und alles an ihm war Sex. Einen Bart von hier bis hier.“ Sie deutet mit der Hand von einem Ohr zum anderen. „Die Beine hatte er von sich gestreckt. Das ist doch ein unmögliches Benehmen, finden Sie nicht?“
„Ach, ein junger Mann halt“, beruhige ich, „die sitzen heutzutage eben so“. Gertrude sitzt im Damensitz auf dem antiken Sofa, die Knie eng aneinander, die Beine schräg abgewinkelt. „Sie haben ja keine Ahnung“, sagt sie, „es bleibt Ihnen natürlich unvoreingenommen, das so zu sehen, aber wissen Sie, mein Empfinden ist noch normal.“ Ich nicke. Selbstverständlich. „Ich bin es ja gewöhnt, dass die Männer aufdringlich sind“, erklärt sie mir, „aber dieser Praktikant - das war zu viel des Guten. Aus jeder Pore strahlte er Sex aus, absichtlich. Ein Bart ist ein Signal von Sex und Männlichkeit, durch und durch. Letztens sah ich auf der Straße einen Türken – ich hab nichts gegen Türken – aber überall Haare auf den Armen und an der Brust. Unglaublich, denen geht es nur um Sex.“
Ich verdränge den undistinguierten Gedanken, dass Gertrude vermutlich nie richtig gut durchgefickt wurde und jetzt im Alter ihre ein Leben lang unterdrückte Sexualität an die Oberfläche kommt. Ich denke an mein Lavendelfeld.
Gertrude ist beunruhigt. Nicht nur wegen des jungen Mannes. Auch wegen der gar nicht mehr so jungen Damen des ambulanten Dienstes. „Stellen Sie sich vor“, erzählt sie mir, aber ich stelle mir das lieber nicht vor, sondern gehe in Gedanken durch mein Lavendelfeld und spüre die Wärme „die waschen ihn auch da untenrum, in seinem Intimbereich. Eine hat letztens seine Vorhaut zurückgeschoben. Das ist würdelos. Das ist doch die empfindlichste Stelle des Mannes. Was das bei ihm auslösen kann! Kein Wunder, dass die so gern Pflegerinnen sind, wenn sie den Männern dahin fassen.“
Ein ganzes Leben lang habe sie gekämpft, erzählt Gertrude, und sie wird erst aufhören zu kämpfen, wenn sie die Augen für immer zumacht. „Die eine Pflegerin ist ja ganz nett, die Erika“, sagt sie, „aber was soll ich sagen? Ein Nilpferd kann man nicht dazu bringen, wie eine Gazelle zu tanzen.“
Ich unterdrücke mein Lachen, das sich mit Ärger mischt und wage mich aufs Glatteis. Ob sie schon mal an eine 24-Stunden-Betreuung für den Hugo gedacht habe, frage ich, das würde ihr das Leben vielleicht auch ein bisschen leichter machen. Dabei kenne ich die Antwort ohnehin. „Also das darf jetzt nicht wahr sein!“, stößt sie empört hervor, „das sind ja alles Slowakinnen, ich mein, ich hab nichts gegen Slowakinnen, aber oben in dem Zimmer sind wertvolle Bücher und Gegenstände, die würde uns ja alles klauen. Ich könnte die ja nicht mit Hugo allein lassen. Möchten Sie das, dass ja ständig jemand Fremder in ihrem Haus ist und sie vielleicht beklaut?“

Die Betreuerinnen von der ambulanten Pflege lässt sie auch nicht mit ihrem Gatten allein. Sie zwängt sich sogar in das winzige Badezimmer, wenn die Pflegerinnen ihn duschen. „Aber ich hab die jetzt sowieso abbestellt, was das kostet!“
Es schleicht sich so etwas wie Mitleid mit der Frau, die immer kämpfen muss, in mein Herz, aber noch mehr Mitleid habe ich mit Hugo, ihrem 94-jährigen Mann, der nebenan im verdunkelten Zimmer sitzt und nicht ausreichend ernährt und gepflegt wird.
Was denn die Hausärztin zu der Situation sage, frage ich. Die wurde gewechselt, die Ärztin. Weil sie dem Hugo eine Infusion angehängt habe. „Hier an der Wandleuchte hat sie die angehängt. Was sagen Sie dazu? Man kann doch an diese wertvolle Wandleuchte nicht einfach eine Infusion anhängen. Und dann wollte sie den Hugo ins Heim stecken. Der hat doch alles bei mir!“

Ich glaube, es ist ohnehin sinnlos, mit ihr zu diskutieren. Ich wandere durch mein Lavendelfeld und spüre die Wärme.
„Mein Leben lang habe ich gekämpft“, sagt Gertrude, „und jetzt scheren Sie sich zum Teufel!“

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

Neu

Prost.
Zum Wohle! Und zwar dem eigenen. Schön, wieder...
Lo - 22. Aug, 23:14
Eine feine Gesellschaft
Gestern bin ich über einen Artikel gestolpert,...
testsiegerin - 22. Aug, 20:05
cerita dewasa Situs projejakarta.com...
cerita dewasa Situs projejakarta.com memberikan perjalanan...
cerita dewasa (Gast) - 26. Jul, 08:59
detik sport Informasi...
detik sport Informasi Berita Seputar Dunia Olahraga...
detik sport (Gast) - 26. Jul, 02:40
cerita dewasa Situs wisatalendir.com...
cerita dewasa Situs wisatalendir.com memberikan perjalanan...
cerita dewasa (Gast) - 26. Jul, 02:40
solid gold - Berita dan...
solid gold - Berita dan Informasi Terbaru Bisnis, Finansial,...
solid gold (Gast) - 26. Jul, 02:40
sport okezone Kunjungi...
sport okezone Kunjungi sports-okezone.com untuk berita...
sport okezone (Gast) - 26. Jul, 02:39
klasemen liga inggris...
klasemen liga inggris Kunjungi sports-kompas.com untuk...
klasemen liga inggris (Gast) - 26. Jul, 02:38

Web Counter-Modul


Briefverkehr mit einem Beamten
Erlebtes
Femmes frontales
Forschertagebuch
Gedanken
Gedichte
Geschichten
Glosse
In dreißig Tagen um die Welt
Kurzprosa
Lesungen
Menschen
Sex and the Country
Toll3ste Weiber
Vita
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren

kostenloser Counter