Sonnenblumen und Rosmarin

Luzia erschrak, als sie den Briefumschlag mit dem Trauerrand aus dem Postkasten nahm. Erst als sie die Sonnenbrille abnahm, erkannte sie, dass der Rand nicht schwarz, sondern weinrot war. Was hatte das zu bedeuten?
Mit dem Zeigefinger riss sie noch im Stiegenhaus das Kuvert auf. Sie setzte sich auf die Stufen und strich das Blatt Papier glatt.
Ein Partezettel, ebenfalls mit dunkelroter Umrahmung und mit dem Namen ihrer Freundin drauf. Beate Schwimmer. Nein, bitte nicht. Lieber Gott,wenn es dich gibt, lass das nicht wahr sein. Das ging ja gar nicht, fiel ihr ein, ich hab doch heute Vormittag noch mit ihr telefoniert. Hatte sich jemand einen bösen Scherz erlaubt?

Anstatt des Kreuzes eine Sonnenblume. Rechts oben, wo für gewöhnlich die tröstlichen Worte standen, die die Angehören aus der Vorlagenmappe des Beerdigungsinstituts ausgewählt hatten, stand:
Non, je ne regrette rien. Rien de rien. (Edith Piaf).
Und für die, die kein französisch verstanden, die Übersetzung: Nein, ich bereue nichts.

Luzia zitterte und las. Atmete tief ein und erleichtert aus. Beate selbst lud zum Abschiedsfest. Am Samstag in zwei Wochen. Im Schlosspark. Abschied? Hatte sie vor, länger zu verreisen?

Liebe Freunde, liebe Verwandte, schrieb Beate,
ich hoffe, ich habe euch nicht erschreckt. Wenn doch, dann tut es mir leid. Es geht um folgendes: Ich werde sterben. Ich weiß, ihr werdet alle zu meinem Begräbnis kommen, um euch von mir zu verabschieden. Sogar du, Onkel Jeff, wirst aus Irland anreisen. Und du, Peter, aus Heidelberg. Es ist nur so: Ihr werdet einander dann zwar sehen, um mich weinen und euch über mich unterhalten, aber ich werde nicht dabei sein. Also dabei sein werde ich schon, aber ich werde nicht mitweinen können, nicht mitlachen. Nicht mitsaufen, obwohl Jeff diesen fantastischen irischen Whiskey mitgebracht haben wird.
Ich werde die salbungsvollen Worte des Pfarrers nicht hören, sondern ein paar Meter (six feet, oder?) unter der Erde anfangen zu vermodern.
Um die Worte des Pfarrers tut es mir nicht leid, der kennt mich ohnehin nicht, weil ich nie in der Kirche war. Aber ihr seid mir wichtig. Ich hätte euch so gern noch einmal alle hier bei mir. In meinen Armen, an meinem Tisch, in meiner Nähe. Zu meinem nächsten runden Geburtstag wärt ihr vielleicht auch alle gekommen, um ein halbes Jahrhundert Beate mit mir zu feiern, aber bis dahin sind es noch neun Jahre.
Ja, ich will, dass ihr mir die Blumen schenkt, so lange ich noch lebe. Ich will, dass ihr euch zu meinen Lebzeiten für mich schön macht.
Darf ich mir etwas wünschen von euch?
Also passt gut auf: Von dir Michaela und von dir Elisabeth, meine lieben Schwestern, wünsche ich mir, dass ihr euch spätestens bei meinem Abschiedsfest versöhnt. Legt endlich eure Sturheit ab und tut das, wonach ihr euch sehnt, dass es die andere tut. Schließt euch in die Arme und verzeiht einander.
Mit dir, Susanne, möchte ich zu Gloria von Patti Smith tanzen, vor dem Schlossbrunnen. Und du, Brigitte, kriegst du das bis zum übernächsten Samstag hin, es zu singen? Jesus died for somebody else, not for me ...
Das will ich so sehr.
Den Wein besorg ich selber, Uwe, sonst kommst du wieder mit diesem billigen, grausigen Fusel angetanzt. Tante Ingeborg, du bring bitte Nusstrudel mit, mit ganz viel Fülle und ganz wenig Teig. Du weißt ohnehin, wie ich ihn gern habe.
Von allen, die gerne möchten, besonders aber von dir, Luzia und von dir, Hermann, wünsche ich mir einen Nachruf. Einen richtig schön-schaurigen, witzigen, schwarzen, ehrlichen Nachruf. Einen, wo alle anderen zu heulen anfangen. Heißt ein Nachruf zu Lebzeiten überhaupt Nachruf? Na gut, eine Laudatio halt. Aber wer weder den Pulizter-Preis noch den Oscar verliehen bekommt, der kriegt halt normalerweise keine Laudatio.
Ach ja, noch eine letzte Bitte. Kein Wort über den Tod und meine Krankheit. Weder zu mir noch untereinander. (Ich weiß, das wird schwer für dich, Elli.) Ihr wisst, wie sehr ich es hasse, übers Kranksein zu reden.
Ich freu mich auf euch, meine Lieben.
Eure Beate


Luzia schluckte. Puh. War Beate übergeschnappt? War sie tatsächlich todkrank, obwohl sie aussah wie das blühende Leben? Warum wusste sie das als beste Freundin dann nicht? War etwa alles ein Scherz, und das mitten im Sommer? Man scherzte nicht mit dem Tod, dachte Luzia und hörte Beates unausgesprochene Antwort: Man vielleicht nicht, ich schon. Luzia griff nach ihrem Handy, legte es aber gleich wieder zur Seite. Wenn Beate betonte, sie wolle nicht über die Krankheit, welche auch immer, sprechen, dann meinte sie es auch so. Beate war die hartnäckigste Frau, die sie kannte. Und die konsequenteste. Dass sie einen schweren Hang zum Morbiden hatte, überraschte Luzia nicht wirklich.
„Alles in Ordnung?“, fragte der Nachbar, der sich an ihr vorbeischwindelte.
„Keine Ahnung.“
War es nicht eigentlich egal, warum Beate sich dieses Fest wünschte? Zählte nicht allein die Tatsache, dass sie das tat? Und hatte sie, Luzia ihr nicht ewige Freundschaft und Treue geschworen, damals, als sie am Waldbach einen Stausee gebaut hatten, vor tausend Jahren?

„Ich möchte einen Kranz bestellen“, sagte Luzia ein paar Tage später zum Blumendealer ihres Vertrauens.
„Mein Beileid“,kam es wie aus der Pistole geschossen, „wer ist denn gestorben?“
„Noch niemand.“ Mit verschränkten Armen signalisierte Luzia, dass sie keine Lust auf ein Schwätzchen hatte.
„Was darf es denn sein? Rosen? Lilien? Gerbera?“
„Sonnenblumen. Dazwischen Rosmarin, Salbei und Minze.“
„Ähm...“ Als er Luzias bestimmten und unnachgiebigen Blick sah (den hatte Beate ihr beigebracht) nickte er. „Marokkanische Minze oder Apfelminze?"
„Marokkanisch klingt gut. Und ein bisschen Gras.“ Er schaute sie fragend an und sie flüsterte verschwörerisch: „Marihuana, Sie wissen schon.“ Er lächelte und wusste.

Der Nachruf war beinahe fertig. Mehr als eine Woche lang hatte sie jede freie Minute daran herumgestrichen, hinzugefügt, ausgebessert, gefeilt. Und trotzdem würde er nicht gut genug sein. Nicht gut genug für Beate.
Was sollte sie anziehen? Bei einer Hochzeit durften die Gäste nicht schöner sein als die Braut. Galt das bei einer Trauerfeier auch? Aber Beate hatte ausdrücklich darum gebeten, sich schön zu machen. War schwarz angebracht? Oder gar weiß? Luzia entschied sich für ein knielanges, türkisfarbenes Sommerkleid. Das passte auch wunderbar zum Kranz, denn ihn zierte eine Schleife aus Seide, ebenfalls in türkis. Ich bereue auch nichts, stand mit sichtbaren, gestickten Goldbuchstaben darauf. Und mit unsichtbarer Tinte: Schon gar nicht, deine beste Freundin zu sein.

Die Sonne knallte vom Himmel und die Luft flirrte in der Hitze. Zum Glück spendete die riesige Rotbuche Schatten. Die Tische waren mit Köstlichkeiten gedeckt. Es gab Griechisches Zitronenhuhn mit Rosmarinkartoffeln, das hatte Onkel Paul in seinem Restaurant gekocht, und natürlich gab es auch all die anderen Lieblingsspeisen von Beate und ihren Freunden. Und zwei Meter Nussstrudel von Tante Ingeborg. Viel Fülle, wenig Hülle.
„Tschuldigung, darf ich ein bisschen Minze aus dem Kranz zupfen, für die Bowle?“, zwitscherte ihre Arbeitskollegin und auch der Kollege zupfte, rollte das Gezupfte in ein Paper und inhalierte.

Beate trug ein tief dekolletiertes, langes Leinenkleid in Sonnenblumengelb und war wunderschön.
„Dürfen wir wenigstens weinen?“, wollte ihr Ex-Mann wissen und sie drückte ihn an ihre Brust. „Vor fünfzehn Jahren hättest du heulen sollen“, schnappte sie, „da hätte ich vielleicht rechtzeitig gemerkt, dass du zu Emotionen fähig bist. Nimm dir noch ein Glas Chardonnay, ja?“, zwinkerte sie. „Aber pass auf, dass deine Frau das nicht merkt. Übrigens, hast du Michaela und Elisabeth gesehen?“
„Deine zerstrittenen Schwestern? Wahrscheinlich duellieren sie sich im Schlosshof!“

Brigitte sang eine Zwanzigminuten-Version von Gloria und trotz des lauen Abends bekamen die Gäste Gänsehaut. Bei den dreiundzwanzig Nachrufen, einer schöner und gefühlvoller als der andere, wurde geschluchzt, gelacht und gewiehert. Der allerschönste kam natürlich von Luzia. Er enthielt alle jugendlichen und gar nicht mehr jugendlichen Schandtaten, strich liebevoll über Beates Macken und Perversionen und endete mit „der liebenswertesten und altruistischsten Egoistin, die ich kenne.“
Jeder schenkte Beate etwas ganz Besonderes. Ein selbstgemaltes Bild, ein selbstgeschriebenes Gedicht, selbstgefädelte Ketten und selbstverfasste Liebeserklärungen.
Onkel Paul jonglierte mit fünf reifen Mangos, Gertrud steppte zu "Singing in the Rain" und Jeff öffnete die dritte Flasche Jameson Gold. Sláinte!

Trunken vor Glück und Alkohol lehnte Beate sich an Thomas, an der einen Hand hielt sie Stefan, an der anderen Georg. „Ich liebe euch alle“, lallte sie. „Und jetzt, wo ich auch weiß, wie sehr ihr mich liebt, werde ich mir das mit dem Sterben noch einmal überlegen.“
Die Leute verstummten und Patrizia legte die Gitarre zur Seite. Es war das erste Mal an diesem Abend, dass jemand eines der verbotenen Wörter in den Mund genommen hatte.
„Auf’s Leben“, erhob Beate ihr Glas. „Prost.“

Als ihre beiden Schwestern gemeinsam und strahlend das Geschirr weggepackt und sich die letzten Gäste umarmungsreich verabschiedet hatten, nahm Luzia Beate an der Hand. „Lass uns im Mondschein spazierengehen.“ Sie wanderten am Schloss vorbei, am kleinen Teich, an den beiden Reiterstatuen. Sie rochen Wilden Jasmin, reife Himbeeren und die klare Nacht. Sie fühlten die Nähe der anderen.
Gerne hätte Luzia die Frage gestellt, die ihr die ganze Zeit durch den Kopf spukte, aber sie schluckte sie tapfer hinunter. Beinahe hätte sie vergessen, dass Beate verschluckte Gedanken lesen konnte, als diese mit klarer Stimme sagte: „Ja, ich muss sterben. Früher oder später. Wie du auch.“
la-mamma - 26. Apr, 20:37

hab ich da was falsch gelesen

oder stimmen die namen in der zweiten hälfte nicht?
*
deine geschichte find ich aber trotzdem wahr und schön ...

testsiegerin - 26. Apr, 22:33

du hast schon recht, da waren noch ein haufen fehler drin. ich hoff, sie sind jetzt behoben. aber ich hab sie heute abend erst geschrieben und wollte sie unbedingt noch reinstellen, bevor ich mit meiner freundin chardonnay getrunken hab.
Verena (Gast) - 26. Apr, 21:08

So schmeckt Leben

Das Gelb der Sonnenblumen ist gemeinsam mit dem Duft des Rosmarins über's Netz zu mir geschwappt! So ist LEBEN - so schmeckt es und so fühlt es sich an!

Ein wunderbare herzerfrischende Geschichte! :-)

testsiegerin - 26. Apr, 22:34

danke.
schön, dass die geschichte übers netz bis zu dir gereist ist.
datja (Gast) - 26. Apr, 22:35

jö.
SUPERSCHÖN

die wortschöpfung "altruistische egoistin" - einfach spitzenmässig.

abgesehen davon: herrlich geschrieben.
ich sehe die gesellschaft vor meinem geistigen auge + bin entzückt und gerührt.

testsiegerin - 27. Apr, 08:05

danke. drum bin ich zu spät zum chardonnay trinken gekommen, weil ich egoistischerweise noch fertig schreiben wollte.
Uta-Traveller - 26. Apr, 22:42

Warum geben wir uns eigentlich erst Mühe, wenn wir wissen (oder zu wissen glauben), dass wir einen anderen Menschen bald nicht mehr haben?

Eine Geschichte, die trotz der lockeren Schreibe, nachdenklich macht. Danke dafür.

Uta

testsiegerin - 27. Apr, 08:07

bitte gern.
ich kenne jemanden, der bringt seiner mutter ständig blumen aufs grab. trauert seit 15 jahren ständig um sie.
und letztens hat ihn jemand gefragt: wann hast du deiner frau das letzte mal blumen gebracht?
er stockte und sagte: ui, das ist lange her.

also los, schenkt den menschen, die ihr liebt, blumen. und euch selbst!
walküre - 27. Apr, 08:42

Oh ja,

und wenns geht, mit "Minze" drin ! :-)))
Lo - 26. Apr, 23:33

Toll.

Das ist nicht nur gut.
Das ist so obergut.
Das ist - toll.

Liebe Frau Testsiegerin, Du bist ´ne Wucht.
Die Idee...

Toll. Ehrlich.

testsiegerin - 27. Apr, 08:07

Oh, das Spiegelei schlEImt wieder, gott sei dank ;-)
danke schön.
dfw - 27. Apr, 01:18

"Auf's Leben"

Ich stelle mir gerade vor, daß abertausende Menschen Briefe mit weinrotem Rand versenden, darin eingeschlossen eine Parte mit einem ähnlichen Brief, und einer Sonnenblume.

Daraus entstünde ein Kettenbrief "auf's Leben".

Würde dann die Welt in nur vierzehn Tagen anders aussehen?

Testsiegerin: eine wunderschöne Geschichte. Dafür bewundere ich Sie.

testsiegerin - 27. Apr, 08:08

wahrscheinlich würden wir uns mehr auf die lebenden konzentrerieren und weniger auf die toten.
oder wir würden alle auf dem scheiterhaufen landen, wegen blasphemie oder so ;-)

dankeschön *verbeugt sich*
gerda (Gast) - 27. Apr, 07:16

ich applaudiere ergriffen.
gerda

testsiegerin - 27. Apr, 08:10

danke, gerda.
weißt du, die idee zur geschichte summt schon länger in meinem kopf. und gestern hab ich sie dann befreit, weil ich das summen nicht mehr ertragen konnte.
und sie floss irgendwie wie von selbst. und wenn so eine geschichte fertig ist, dann weiß ich ja nie, ob sie einfach scheiße geworden ist oder eh halbwegs gut.
drum freuen mich die schönen kommentare ganz besonders.
aber ich bin mir sicher, mein lektor wird noch einiges zu motzen haben.
Lo - 27. Apr, 07:31

Parte?

Der Begriff war mir bis gerade eben fremd.
Jedoch: Internet macht schlau!
Die Parte oder der „Partezettel“ ist im österreichischen Sprachgebrauch die schriftliche Mitteilung des Todes einer Person (Totenzettel). Das Wort leitet sich vom französischen faire part („mitteilen“) bzw. donner part („Nachricht geben“) her und ist wahrscheinlich Ende des 17. Jahrhunderts entstanden. Die Parte enthält meistens auch den Ort und Zeitpunkt des Begräbnisses.
gefunden bei Wikipedia....

testsiegerin - 27. Apr, 08:11

danke für die erklärung für die "ausländischen" gastleserInnen.
für mich ist ja partezettel so ein selbstverständlicher ausdruck wie butterbrot.
katiza - 27. Apr, 08:31

Glücklich weinend

verneige ich mich ganz tief!

testsiegerin - 27. Apr, 17:02

nicht weinen. ist ja nicht so traurig.
Karan - 27. Apr, 08:44

Ohmygoddess...

Danke!

testsiegerin - 27. Apr, 17:03

bitte gern. war mir ein vergnügen.
retina56 - 27. Apr, 18:50

Genuss

Guter Text!
Auf das Leben!!

testsiegerin - 27. Apr, 20:15

prost!
Jings (Gast) - 27. Apr, 22:01

Ich war

schon ziemlich berührt, als ich das las. Und dann das Ende: Genial. Danke schön.

Mitleser (Gast) - 28. Apr, 00:15

Jede Zivilisation entwickelt ihre eigene Kultur, dazu gehört auch der Todeskult. Das Sterben müssen wird zwar oft verdrängt, aber ist nun mal vielleicht die unumstößliche Tatsache überhaupt, der wir alle eines Tages ins Auge sehen müssen. Dagegen spricht nicht, möglichst viel aus einem Leben machen zu wollen. Zumal immer mehr Menschen heutzutage glauben, dass es nur das eine Leben gibt.
Es bleibt aber eine gewisse Pietät dem Unausweichlichen gegenüber. Nur oberflächliche und, pardon, einfältige Menschen konstruieren in Missachtung dieser Pietät eine Geschichte, die dazu noch stilistisch schlecht geschrieben, letztendlich nur eine Verdrängung ist. Am Ende bleibt ein schaler Beigeschmack, wie so oft dem Zeitgeist verdankt, hoch und prost, es lebe die Spaßgesellschaft... mich widert das an. Die Kultur geht den Bach dabei herunter, nur um einer schnöden „Witzsischkeit“ wegen, es handelt sich nach meiner Ansicht in dieser Geschichte um ein Beispiel des Verfalls der Kultur.

testsiegerin - 28. Apr, 01:24

es ist mir eigentlich ziemlich egal, ob ein mitleser, der seine anonymität nicht lüften möchte, mich für pietätlos, einfältig, oberflächlich und stilistisch schlecht hält.

Pietät bedeutet laut Wikipedia Respekt und Ehrfurcht. Den vermisse ich in Ihrem Kommentar, lieber Mitleser.

Vielleicht beruht ja auch nicht diese Geschichte auf Verdrängung, sondern die Reaktion des Anonymen Mitlesers.

prost
schneck06 - 28. Apr, 01:52

lieber mitleser, ich bin auch ein mitesser und wir zweibeide müssen auch irgendwann dahingehen. eine sehr zeitnahe annäherung an diese tatsache als "pietätlos, oberflächlich und einfältig" zu bezeichnen, das erscheint mir eher kulturverfallend als ebendiese. ich denke, sie kommen aus dem rechten katholischen lager? dann lassen sie uns bitte an anderer stelle gegen die gottlosen kämpfen. und um den schalen beigeschmack (wiedergeburt?) müssen sie sich schon selbst kümmern. @testsiegerin: eine sehr schöne geschichte, mit feinen und wunderbaren gedanken!
dfw - 28. Apr, 03:09

Anonymos - Mitleser

Die Freiheit der Meinung ist ein fundamentales Recht unserer Gesellschaft. Dafür sollten wir alle dankbar sein. Sie, lieber Mitleser, haben dieses Recht, auch unter Wahrung Ihrer Anonymität.

Es ist aber auch Ausfluß einer Kultur bei kontroversiellen Meinungen sich eines Tones und einer Ausdrucksweise zu bedienen, die zumindest nicht verletzend ist. Ihr Beitrag aber verletzt jemanden, der Sie nicht kennt. Das ist feige. Sie schüren Haß unter dem Deckmantel einer vermeintlichen Pietät. Das ist der eigentliche Kulturverfall. Hier mißachten Sie nämlich Regeln des primitiven Anstands. Sie hätten Ihre Meinung auch anders formulieren können. Etwas nobler und respektvoller. Dann wäre sie auch wirkungsvoll gewesen.

Es ist aber auch Toleranz, die ich bei Ihnen vermisse. Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Ist nicht Toleranz in jeder Weltreligion ein "essentiale negotio"? Auch in jeder Kultur? Unabhängig vom Zeitgeist? In einer werteverfallenden und -mißachtenden Welt? Sind aber, lieber "Anonymos" nicht gerade Sie der, welcher diese Werte unserer, auch Ihrer Kultur, mißachtet.
Sind dann aber auch nicht sie der, welcher "letztendlich verdrängt". Haben Sie Angst vor dem Tod?
Denken Sie darüber nach. In Ruhe.

Lesen Sie die Geschichte nochmals. So wie ich es getan habe. Sie ist viel tiefgehender, bewußt oder unbewußt. Sie rüttelt wach. Mit Mitteln der Sprache, die wenigen Menschen gegeben ist. Am Rande des Erkennbaren, Verstehbaren. Lesen Sie zwischen den Zeilen. Suchen Sie nach der Botschaft, die drin verpackt, auch versteckt, ist. Nach den Motiven der Erzählerin. Ich habe dabei nichts Oberflächliches, Einfältiges entdecken können. Sie hat mich sehr nachdenklich gemacht, gerührt und bereichert.

Beim nochmaligen Lesen werden Sie neue Bilder entdecken, neue zutiefst menschliche Empfindungen.
Dies erfordert jedoch eine Offenheit des Geistes.

Verehrter Anonymos (das ist griechisch,schreibe ich jetzt bewußt und absichtlich, boshaft wie ich manchmal bin) Sie sind mir zu oberflächlich. Ich kann Sie nicht ernst nehmen.

Aber ich respektiere Ihre Meinung. Das ist meine Kultur.
testsiegerin - 28. Apr, 11:34

danke euch beiden für eure worte, schneck und dfw.
meine tochter (14) hat die meinung des anonymen grad gelesen und ihr kommentar war: "der hat ja nur selber große angst vor dem tod, dieser anonyme feigling."

ja, das haben wir wohl (fast) alle. ich auch. drum hab ich diese geschichte geschrieben. und haben wir nicht alle hin und wieder die fantasie, unser begräbnis zu beobachten? unseren nachrufen zu lauschen?
sollte ich mit der geschichte auch andere menschen in ihrem glauben verletzt oder gekränkt haben, dann tut es mir leid.

noch ein paar worte an sie, lieber mitleser:
sind sie vom verfassungsschutz? könnten sie dann bitte so freundlich sein, dem herrn schäuble liebe grüße auszurichten? ist das eine dieser "online-durchsuchungen", von denen ich in der zeitung gelesen habe?
ich bin mir schon bewusst darüber, dass jemand, der wie ich in dieser geschichte derart an den grundfesten des abendlandes rüttelt, den taliban direkt in die hände spielt. der macht sich rückwirkend schuldig am elften september.
mitleser und mitläufer waren mir schon immer suspekt... aber sie haben das zeug zum blogwart.
Mitleser (Gast) - 28. Apr, 14:05

Ja, natürlich, ich bin Herr Schäuble persönlich. Es tut mir leid. Woher sollte ich wissen, dass Sie anonym nur Lobeshymnen entgegen nehmen. Meine Kritik galt einer schlecht geschriebenen Geschichte mit einem recht zweifelhaften Aussage, und nicht etwa Ihrer Person, auch nicht in Ihrer Rolle als Mutter. Diese Geschichte ist nur ein Beispiel von vielen, ein Beispiel von Mittelmaß, banal eben. Spaßkultur, leicht verdaulich. Es ist schön, dass jemand wenigstens in einem allgemeinen Jubelchor meine Meinung respektiert. Nein, ich kann da keinen tieferen Sinn erkennen, nur seichte Unterhaltung und Pseudophilosophie mit einem esoterischen Augenaufschlag. Wenn ’s gefällt:
Ich bin keine Hexenjäger, und kann da nur resignieren.
Wenn das System anonyme Kommentare gestattet, sollten Sie nicht einen sogenannten Nebenkriegsschauplatz eröffnen, um von der eigentlichen Kritik abzulenken. Namen sind Schall und Rauch, nicht wahr, gerade im Internet. Ich habe nicht die Absicht, mich wegen eines Kommentars registrieren zu lassen und einen eigenes Blog zu eröffnen. Vielleicht ist es Ihnen sogar möglich, Kommentare zu löschen, mein Gott, dann tun Sie es doch, wenn sie keine Kritik vertragen.

Ihr Blogwart vom Verfassungsschutz

Allegra - 28. Apr, 14:52

...complimenti...so schoen...die geschichte...

testsiegerin - 28. Apr, 18:03

dankeschön

seichte unterhaltung halt, aber was soll's? ;-)
Verena (Gast) - 29. Apr, 00:02

Lilie oder Rosmarin?

Die Lilie sieht gut aus, stinkt aber wie Klo ...

... der Duft des Rosmarins ist erdig, angenehm warm und trägt das Gelb der Sonnenblume mit sich!

Nicht nur die Geburt ist ein Fest, sondern auch das Leben ... und warum sollte das Sterben nicht auch eins sein?

Ich denke an 'Babettes Fest' und schwelge ...

Eugene Faust - 29. Apr, 13:42

Deine Geschichte hat mir die Trauerfeier eines geschätzten Freundes in Erinnerung gerufen. B., an AIDS erkrankt, bat mich zu Lebzeiten, zusammen mit dem Bestatter, dafür zu sorgen, dass er nach seinem Ableben noch ein bis zwei Tage in seinem Wohnzimmer auf dem Bett liegen bleiben kann, und dass sich alle Freunde um ihn versammeln und den Inhalt seiner gut sortierten und reichlich bestückten Bar niederringen und fröhlich wie zu Lebzeiten sein sollten.

Als es dann so weit war, trafen wir uns ohne feste Zeitvorgabe in seiner Wohnung. Es waren wohl an die 25 Personen, die sich untereinander ziemlich gut kannten. Schon am Vormittag waren die ersten da, und nach und nach trudelten immer mehr ein. In der Küche wurde der Inhalt von B.s Fotoschatulle ausgebreitet und mehrere Leute bastelten ein großes Plakat mit wichtigen und witzigen Stationen und Begebenheiten aus seinem Leben. Andere hielten währenddessen stille Zwiesprache an seinem Bett. In der Küche würde viel und laut gelacht, im Esszimmer wurden die geistigen Getränke vernichtet und witzige Anekdötchen ausgetauscht. B.s Lieblings-CD von Maria Callas erklang im Hintergrund. Später packte T. seine Gitarre aus und alle sangen Lieder, die B. gerne hatte. Wir lachten und weinten und lagen uns - zunehmend betrunken - in den Armen. Zum Abschied bildeten wir einen feierlichen Kreis um sein Bett, jemand legte von Dionne Warwick 'That's what freiends are for' auf, und der eine oder andere sprach noch ein paar Worte, während wir uns bewegt an den Händen hielten. Dann kam erst der Bestatter.

Solch ein rauschendes "Trauer-Bacchanal" wäre gewollt sicherlich nicht mehr so gut zu wiederholen.

Eugene Faust - 29. Apr, 20:08

off topic:

Gratuliere zu Platz zwei in den Charts!
testsiegerin - 29. Apr, 20:14

wunderbar find ich die geschichte über den abschied von deinem freund. und sehr, sehr pietätvoll.

und thx for congratulations. hab ich eh euch allen und euren klicks und kommentaren zu verdanken ;-)
Mitleser (Gast) - 30. Apr, 14:01

Ja, Frau Testsiegerin, ich melde mich noch einmal zu Wort. Ich habe lange darüber nachgedacht, warum ich mich in meinem ersten Kommentar nicht respektvoll gegenüber Sie verhalten hätte, auch in anderen Antworten klang das an. Endlich fällt bei mir der Groschen:
Ich habe Sie einfältig und oberflächlich genannt. Aber das sind doch die meisten Menschen, wunderbare Menschen, sehr angenehm im persönlichen Umgang, gute Freunde, liebevolle Mütter usw., das ist doch keine Wertung über einen Menschen, wenn man sagt, er ist einfältig und oberflächlich. Nur, solche Menschen sind keine Dichter. Dichter sind innerlich zerrissen, kompliziert und sensibel gegen die Heuchelei in der Gesellschaft, nicht angepasst und nicht opportun.
Sie sind ehrgeizig und möchten „berühmt“ werden und geliebt werden, nicht wahr. Das passt nicht zusammen. Ich habe das inzwischen von Ihrer reizenden Tochter gelesen, welche Sie mit Löwenmut gegen den anonymen Feigling verteidigt, der Angst vor dem Tod hat, weil er eine Geschichte von Mama nicht gut findet.
Ihre Geschichte ist eine seichte Auseinandersetzung mit dem Sterben und dem Tod, welche die allgemeine Verdrängung über dieses Thema bedient – und das gefällt. Hoppla, wir leben.
Nun, Ihre Antwort auf die wunderbare Schilderung von Frau Faust, die sich erinnert, wie man einen Freund verabschiedete. Ihr „sehr, sehr pietätvoll“ sollte eventuell ein ironischer Seitenhieb auf meinen Kommentar sein. Darum schreibe ich das hier. Sie haben mich gar nicht verstanden.
Ihre Geschichte geht so: Als wenn Ihnen Frau Faust das Erlebnis schildern würde und Sie anschließend daraus eine Geschichte basteln. Dann würde der tote Freund plötzlich aufstehen und sagen: „Ätsch, ich bin gar nicht tot, ich wollte euch alle nur mahnen, nun feiern wir gemeinsam das Leben.“ Sie verflachen scheinbar grundsätzlich.
Meinen Sie nicht, dass Frau Faust mit den Freunden sich angewidert von dannen gestohlen hätten? Denn, dann hätte tatsächlich eine Verletzung der Pietät stattgefunden, der Pietät gegen den Tod. Genau dieser Aspekt fehlt bei Ihnen, Frau Testsiegerin, weil Sie einfältig und oberflächlich schreiben, und es ist keine Literatur. Sie können es nicht.
Aber darum geht es Ihnen wahrscheinlich gar nicht, so verhelfe ich Ihnen mit meinem Kommentar vielleicht wenigstens auf den Platz eins der Charts. Vielleicht mache ich Ihnen damit eine Freude. Aber in Zukunft werde ich Sie verschonen, versprochen, es ist vergebliche Liebesmüh’. Ich wünsche Ihnen, auch der Familie einen sonnigen Tag...

Ihr Blogwart und Mitleser

PS Ich empfehle als Beispiel wie „richtige Literatur“ mit diesem Thema umgeht, „Die Maske des Todes“ von Edgar Allen Poe.

Noch ein Mitleser (Gast) - 30. Apr, 18:54

Sehr geehrter Herr Mitleser!

Ich finde Ihre Ausführungen wirklich sehr interessant. Ihr Psychiater wäre sicher auch begeistert. Besuchen Sie ihn mal wieder!
walküre - 30. Apr, 19:27

Es entspricht nicht

meinen üblichen Gepflogenheiten, Blogtrolle (und um einen zumindest latenten solchen handelt es sich meines Erachtens bei dem anonymen Mitleser) zu füttern, aber irgendwann ist auch mein Leidensdruck, literarische Themen betreffend, an der Grenze des Erträglichen angelangt. Im konkreten Fall war dies in jenem Augenblick der Fall, in dem Frau Lehner vorgehalten wurde, sie solle sich an dem von mir sehr geschätzten E. A. Poe orientieren. Abgesehen davon, dass Mr. Poe einen Gutteil seiner Fantasien seiner Affinität zu allerlei Drogen zu verdanken hatte, humpelt der Vergleich generell gewaltig, denn Poe gedachte keinesfalls, dem Tod auf jene vom Mitleser so unübersehbar geforderte abendländisch-konservative und pietätvolle Art zu begegnen, sondern betonte im Gegensatz dazu das entsetzliche und namenlose Grauen angesichts der Konfrontation mit dem Unausweichlichen. Apropos: Die erwähnte Kurzgeschichte hat den Titel "Die Maske des Roten Todes".
Wenn schon Vergleiche, dann bitte solche fairer Art - und mit korrekten literarischen Angaben !
Psychiater (Gast) - 30. Apr, 20:24

Oh nein!

Keineswegs bin ich begeistert! Herr Mitleser, Sie kommen bitte am Mittwoch sofort in meine Sprechstunde! Ich hatte doch gesagt, keine eigenmächtige Änderung der Medikation mehr. Wir wollen ja nicht schon wieder das Ordnungsamt bemühen, oder?

P.S.: Edgar Allan (nicht Allen!) Poe konnte ich noch nie leiden. Ich bin froh, dass er nicht mein Patient war.
Eugene Faust - 30. Apr, 15:10

Liebe Barbara,

mal abgesehen von den Angriffen auf Dein Schreibtalent, finde ich die Diskussion im Grundsatz gut. Ich möchte einen Auszug von Silvia Bovenschen aus ihrem Buch 'ÄLTER WERDEN' beisteuern und hoffe, dass das nicht falsch verstanden wird.

Es passt meiner Meinung hierzu und drückt vielleicht auch das aus, was der Mitleser in deinem Beitrag vermisst hat.

Nachdenkliche Grüße

testsiegerin - 30. Apr, 22:20

liebe eugene,
unter anderen, "normalen" umständen hätte ich gern über das thema diskutiert und argumentiert. ich hoffe du verstehst, dass mir aufgrund der untergriffigen diskussions"kultur" des mitlesers die lust daran vergangen ist.
Side Affects - 30. Apr, 19:47

mich hat die geschichte auch eher unangenehm berührt,aber sie war so treffend und tat weh.
und wie du ,liebe testsiegerin schreibst, bellen nur getroffene hunde.
ich habe nicht gebellt ,ich wurde nachdenklich, ja fast subdepressiv(nicht lachen).das thema ist ein moraltheologisches -und ein thema das erst den atem nimmt und dann den herzschlag.
ich lebe in einer art vakuum und versuche dem thema zu entrinnen durch verdrängung und abspaltung.

als ich deine geschichte las, mußte ich mich stellen.
es hatte eine komplette spiegelung meiner abgespaltenen introjekte zur folge -und das tut weh.

der anonyme schreiber hat auch schon bei mir (natürlich anonym)kommentiert.ich weiß wer er ist.
er hat zudem etwas gegen emanzipierte frauen ,die ihm die meinung sagen.
ganz banal. wenn du nachdenkst kommst du auch drauf, wer es ist.

und er hat ein problem.ein großes problem.
er möchte gerne der intelligenteste sein,
er ist es aber nicht.ihm fehlt das, was man emotionale intelligenz nennt und noch vieles mehr.

und ihm fehlt wirklich eine helfende hand für seine verwundete seele.

möge der herr ihm dennoch gnädig sein.

Verena (Gast) - 30. Apr, 22:49

Wahrheit ist nicht einfach, sie ist oft schmerzhaft, verletzend und vorallem nicht diplomatisch. Sie kann aber auch wohltuend sein, wenn man die Bereitschaft dafür in sich entwickelt!

Aber wenn man, wie 'mitleser' Pietät mit Poe 'verwechselt' dann sind die Nebenwirkungen stärker, als die Arznei die empfohlen wurde. Hier bewältigt jemand die Angst vor dem Schmerz, weil er diesen offensichtlich nicht kennt!

Liebe Barbara, bleibe wie Du bist! Ich bin erst seit kurzer Zeit hier, aber lese Deine Texte mit Begeisterung ...
Mr. Poe (Gast) - 1. Mai, 00:31

Hier schreibt der Psychiater des Mitlesers. Da ich, selbst drogenabhängig, nicht mehr meinen zweiten Vornamen richtig schreiben kann, musste ich kurzweilig Urlaub nehmen, in dieser Zeit entkam der Herr Mitleser unserer Anstalt. Er wurde zur gegebenen Zeit erneut eingeliefert und bittet alle angesichts des Roten Todes um Erbarmen. Bitte kühlen Sie nicht mehr Ihr Mütchen an ihm, er befindet sich zur Buße bereits in der Zelle mit dem Pendel. Bei jedem Ausschlag haucht es von den feuchten Wänden: „Die Testsiegerin schreibt besser als mein eigener Psychiater“...
Machen Sie sich nicht lächerlich und schalten Sie Ihren eigenen Verstand ein, bevor Sie kommentieren...

Ihr Edgar Allan Poe, Konsultationen nur mit Terminabsprache

dfw - 1. Mai, 21:36

Letztlich bekommt das Ganze etwas Farbe.
Verehrter Mitleser! Sie monieren in ihrem ersten Beitrag, die Geschichte der Testsiegerin trage zum Verfall der Kultur bei. Ihrer Kultur oder meiner Kultur? Welches Kulturverständnis haben sie?
Sie monieren mangelnde Pietät vor dem Unausweichlichen, vor dem Tod. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Er ist ein Teil meines Ichs Ich weiß das, seit ich denken kann. Er gehört zu meinem Leben wie das Ausatmen zum Einatmen. Ich habe auch keine Angst vor dem Tod meiner Mitmenschen. Aber Pietät ihnen gegenüber. Pietät vor ihrem Tod. Pietätvollen Respekt. Auch vor "einfältigen, stilistisch schlecht schreibenden Mitmenschen". Deshalb mag ich die Geschichte. Sie hat mich bereichert.
Wie aber halten sie es mit "Jedermann"? Mit Friedrich Gulda? Mit Sokrates? Mit jenen Toderklärten, die eine neue Identität erhalten haben?
Sie schreiben "gewisse" Pietät. Das macht mich ratlos. Was oder wie viel ist gewisse Pietät? Für mich gibt es nur eine Pietät. Punkt. Nicht "a bissl", nicht eine halbe oder ein viertel, und schon gar keine gewisse.
Es ist mir auch wurscht, ob bei ihnen ein schaler Beigeschmack bleibt.
Ich mag die Spassgesellschaft. Sie ist wenigstens ehrlich, sie hat einfach - Spass. Soll sie. Sie sind angewidert? Auch recht. Das ändert auch nichts.
Todeskulte gibt es viele, auch bei afrikanischen Stämmen, in unserer Zivilisation auch schon in Familien. Alle haben ihren eigenen Kult. Soll so sein.
Was ich bisher bei ihnen vermisse, ist, was hat sie nun wirklich so aufgeregt an der Geschichte? Die Geschichte als solche kann es ja wohl nicht sein.
Ich sehe auch keinen Zusammenhang zwischen "viel aus dem Leben machen" und dem "Unausweichlichen". Auch keinen Gegensatz. Was ist der Sinn des Lebens? Ich sag's ihnen: "Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst". Egal, ob sie daraus was machen oder nicht.

Ihre Beiträge sind oberflächlich, zynisch, verletzend, niveaulos. Sie bereichern mich nicht. Sie können es besser. Sie wissen das.
Sie wollen berühmt werden - ich auch.
Sie wollen gelesen werden - ich auch.
Sie wollen Aufmerksamkeit - ich auch.
Sie wollen Anerkennung - ich auch
Sie wollen Applaus - ich auch.
Sie wollen recht haben - ich nicht. Recht haben führt mich zu Gerechtigkeit - die gibt's nicht. Die führt mich weiter zur Wahrheit - die gibt's nur subjektiv. Sie haben ihre, ich habe die meine. Beide haben wir recht, wenn sie so wollen. Ist das nicht schön?

Sie müssen tief verletzt worden sein. Sie haben mein Mitgefühl. Ich bedaure sie aber nicht. Das hilft ihnen nicht. Hilfe aber brauchen sie.

Schreiben sie weiter hier. Zumindest ich werde es lesen. Es ist ihre Wahrheit. Vielleicht gefällt sie mir?
Ich habe pietätvollen Respekt vor ihnen. Sie sind mein Mitmensch. Genauso wie die Testsiegerin. Auch vor ihr habe ich Respekt. Sie bereichert mich. Deshalb will ich sie kennenlernen. Wenn ich darf und wenn sie es zuläßt.

Das ist meine Kultur, und die verfällt nicht.

P.S.: Lieber Mitleser! Viele haben von ihnen Notiz genommen. Dafür sollten sie dankbar sein. Demütig.

Mitleser (Gast) - 2. Mai, 01:45

Verehrte(r) DFW,

Sie bitten mich, hier weiter zu schreiben. Wohl, damit ich Ihnen antworte. Mir ist nicht ganz wohl dabei, denn es handelt sich schließlich um den Blog der Testsiegerin und ich sicherte ihr zu, sie in Zukunft zu verschonen, aber andererseits ist es ja gewissermaßen ein öffentlicher Platz im Internet, und Sie, Frau Testsiegerin, können jederzeit löschen, wie ich es inzwischen erfahren habe.
Sei es also ein Dialog zwischen Ihnen und mir, zwischen Frau oder Herr DFW und Frau oder Herr Mitleser(in). Ich gehe mal die einzelnen Argumente Ihres Kommentars durch, so gut es mir möglich ist.
Ihre Kulturdefinition ist eine versuchte Wortverdrehung, ich schrieb nicht von einer persönlichen Kultur, die natürlich auch jeder und zwar ganz unterschiedlich besitzt, ich schrieb von der Kultur unserer Zeit, in der Welt, in Deutschland, ich schrieb davon, dass jede Gesellschaft ihre eigene Kultur entwickelt. Selbstverständlich hat eine afrikanische Gesellschaft, zum Beispiel die in sich geschlossene Gruppe der Buschmänner einschließlich ihrer Frauen, ihre eigenen Kultur. Sie wissen, dass ich diese Art von Kultur meinte und versuchen durch Spitzfindigkeit dem auszuweichen. Nicht nur von mir gibt es die Klage des Kulturverfalls in der Spaßgesellschaft, das ist nicht meine Erfindung. Das wissen Sie auch, denn sie sind ein kluger Mensch, nicht wahr, mit persönlicher Kultur. Und diese Menschen haben meist ein Bestreben, die allgemeine Kultur zu retten, dass allgemeine Niveau in einer Gesellschaft nicht abrutschen zu lassen, oder täusche ich mich. Ist es Ihnen egal? Dann brauchen Sie Hilfe.
Sie kokettieren etwas damit, keine Angst vor dem Tod zu haben. Ich glaube Ihnen das nicht. Aber bitte, wenn sie es behaupten möchten. Sie wären dann der erste Mensch, den ich kenne, der diese Angst nicht hat. Ach ja, und natürlich die Heldin in der Geschichte, um die es hier geht. Selbst die Kamikazeflieger damals in Japan hatten Angst vor dem Tod. Ich habe mal darüber einen erschütternden Bericht gelesen. Die Todesfurcht ist dem Menschen angeboren. Die meisten Selbstmörder betrinken sich oder betäuben sich, um sie zu ersticken. Ihre kokette Selbsteinschätzung klingt danach, als ob Sie Hilfe benötigten.
Aber da ich nichts, aber auch gar nichts davon halte im Internet von anderen Internetnutzern psychoanalytische Tiefenanalysen zu machen, sollten Sie es einfach als meine persönliche Einschätzung stehen lassen und nicht darauf hören. Ich mach das auch so.
Ja, tatsächlich hat mich diese Geschichte mehr gelangweilt, als aufgeregt. Die Geschichte stellt ja so eine Heile-Welt-Story a la Traumschiff dar, jemand wünscht sich, dass alle lieb zueinander sind, die verfeindeten Schwestern sich versöhnen usw., in dieser Art geschrieben. Das alles eigentlich in einer sehr kindlichen, im Sinne von einfältigen Sprache gehalten. Kitsch pur, und alles wird gut. Heile, heile Gänschen. Und die Heldin hat den pfiffigen Einfall mit dem Tod zu spielen, und hier wird’s heikel. In unserer Kultur gibt es nämlich einen gewisse Pietät vor dem Tod, der ist nichts fürs Kitschniveau. „Gewisse Pietät“, nicht „bissl“, nicht halb und nicht viertel. Sie schreiben, für Sie gibt es nur Pietät oder nicht, nicht eine gewisse. Und dann machen Sie ein Salto, Sie selbst erklären die angebliche so einfache Pietät als einen „pietätvollen Respekt“, allerdings ein paar Zeilen zuvor. Sehen Sie, Sie erklären Ihre Frage an mich selbst: Eine gewisse Pietät ist ein pietätvoller Respekt. Sie sind spitzfindig und doppelzüngig. Und für welche Sache, das ist so traurig für mich, dass ich es kaum aussprechen kann: Sie schreiben, Sie hätten pietätvollen Respekt
„Auch vor ‚einfältigen, stilistisch schlecht schreibenden Mitmenschen’. Deshalb mag ich die Geschichte. Sie hat mich bereichert.“
Das glaube ich Ihnen einfach nicht. Sie selbst erkennen meine Einschätzung an, dass es sich um einen einfältigen, stilistisch schlecht schreibenden Mitmenschen handelt. Wer sich so ausdrückt wie Sie, hat viel zu viel Kultur, in diesem Fall persönliche Kultur, um so einen Schreibstil zu respektieren. So etwas gehört kritisiert, und das wissen Sie, mehr habe ich eigentlich gar nicht getan. Ich habe niemand verleumdet, niemand ermordet, ich habe nur eine schlecht geschriebene Geschichte kritisiert und eine Autorin eingeschätzt. Dazu noch extra hinterher gesagt, dass es sich nicht um eine Verurteilung der menschlichen Qualität einer mir unbekannten Person handelt. Mein Angriff galt der Schreibart mit einer Erklärung, welche Menschen so schreiben.
Für den Sturm im Wasserglas danach kann ich gar nichts. Der wurde von anderen losgeblasen, und nun versuchen sie sich mit geschliffenen Worten und einer versuchten Psychoanalyse zwecks Fernheilung auch noch zu beteiligen. Sie brauchen Hilfe, denn sie bewegen sich im seichten Gewässer. Fühlen sie sich wirklich dort wohl?
Ich zitiere noch einmal, um es ganz deutlich zu machen:
„Was ich bisher bei ihnen vermisse, ist, was hat sie nun wirklich so aufgeregt an der Geschichte? Die Geschichte als solche kann es ja wohl nicht sein.“ Doch ich meine die Geschichte. Aufregen tut sie mich allerdings nicht wirklich, aufregen tun sich andere.
Ich schlüpfe lediglich in die Rolle des Kindes, das ruft „Aber der Kaiser ist doch ganz nackt!“ Und das sollte Kritik eigentlich tun, wenn es sich um eine Art Volksanbetung handelt.
“Wie aber halten sie es mit ‚Jedermann’? Mit Friedrich Gulda? Mit Sokrates? Mit jenen Toderklärten, die eine neue Identität erhalten haben?“
Meinen Sie das ernst? Diese Beispiele im Zusammenhang mit dieser(!) Geschichte?
Auch das glaube ich ihnen nicht, Sie flunkern ganz schön, um eine misslungene Sache zu verteidigen.
Der Sinn des Lebens? In der Geschichte besteht er ja darin, dass sich alle lieb haben und das Leben genießen. Keine bösen Worte oder so etwas, wie sie in Kommentaren einem Mitleser um die Ohren gehauen wurden.
Reihenweise bieten sich Psychiater an. Mit teilweise plumpen Beschimpfungen. Geschenkt.
Das muss natürlich jeder mit sich selbst ausmachen, was er als Sinn des Lebens für sich sieht, die Aussage in der Geschichte ist zumindest ein ziemlich verflachter Sinn von Heile Welt, in der man auch mal nur zum Spaß seinen herannahenden Tod in Kürze verkündet. Natürlich mit dem hehren Gedanken, dass sich daraufhin alle lieb haben.
In meinem Kommentar auf Frau Fausts Schilderung habe ich noch einmal darauf hingewiesen, wie absurd so eine Konstruktion in dieser doch eigentlich kitschigen Geschichte ist. Das ist nichts von „Jedermann“, den der Tod holen kommt, oder dem Nachruhm eines Pianisten oder Philosophen, das ist ein ganz anderes Niveau. Und das wissen Sie, Frau oder Herr DFW. Da bin ich mir ganz sicher. Sie schreiben gegen Ihre eigene Überzeugung. Sie brauchen Hilfe.
“Der Sinn des Lebens, o Menschenkind,
so denke doch mitnichten,
dass es erfüllte Wünsche sind,
es sind erfüllte Pflichten“
Ich bin mir sicher, Sie kennen das. Eine Pflicht jedes denkenden Menschen aber sollte auch sein, unsere Kultur zu verteidigen, und zu unsere Kultur gehört auch eine „gewisse Pietät“ dem Tode gegenüber. Übrigens kenne ich das Wort „Pietät“ trotz Wikipedia nur in dem Zusammenhang mit dem Tod. Ich behaupte, so geht es den meisten Menschen.

„Ihre Beiträge sind oberflächlich, zynisch, verletzend, niveaulos. Sie bereichern mich nicht.“ Wenn Sie es so sehen. Würde ich Ihren Umgangston benutzen, würde ich schreiben „das ist mir wurscht“. Aber das ist Ihre Kultur, nicht meine. Nur, dass ich sie Ihnen nicht ganz abnehme, diese Schnoddrigkeit, Sie vergewaltigen sich in diesem vielleicht gut gemeinten Beitrag gewissermaßen selbst. Achtung, sie brauchen Hilfe.
„Sie wollen berühmt werden - ich auch.
Sie wollen gelesen werden - ich auch.
Sie wollen Aufmerksamkeit - ich auch.
Sie wollen Anerkennung - ich auch
Sie wollen Applaus - ich auch.“ Das alles möchte ich nicht.
Ich möchte allerdings recht haben – und Sie auch.
Auch hier belügen Sie sich, ich vermute wieder einmal, wider besseren Wissens.


“Sie müssen tief verletzt worden sein. Sie haben mein Mitgefühl. Ich bedaure sie aber nicht. Das hilft ihnen nicht. Hilfe aber brauchen sie.“
Wissen sie was? Sie versuchen zu verletzen. Sie haben noch nicht einmal mein Mitgefühl deswegen.

Nicht demütig und nicht dankbar grüße ich Sie trotzdem

Der Mitleser

Mitleser (Gast) - 2. Mai, 01:56

Übrigens, bevor mich die Meute jagt, ich weiß, dass "psychanalytische Tiefenanalyse" zwei "Doppelmoppelwörter", auch in der rechten katholischen Ecke bemüht man sich manchmal ironisch.
dfw - 2. Mai, 08:35

Lieber Mitleser, ich bin männlich.

Ja, ich wollte sie provozieren, so wie sie das tun. Ja, ich wollte sie demütigen, so wie sie.

Was sie schreiben, ist vieles richtig.

Aber wenn sie die Kultur "retten" wollen, dann "schießen sie nicht auf den Pianisten", tun sie es mit feiner Klinge. Das würde etwas bewirken. Mit Demagogie und Sophismus wird das nicht gehen. Schon gar nicht mit Zynismus.

Lenken sie ihre Speere in die richtige Richtung.

Aber bedenken sie: "Leben ist Veränderung". Werte ändern sich. Auch wenn uns das nicht immer gefällt.

Und seien sie tolerant.

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

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Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
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