Die komplizierte Sache mit der Wahrheit

(weil ich da grad einen interessanten Text über Wahrheit und Lügen gelesen hab)


Ich glaube, die Bachmann hat sich geirrt. Die Wahrheit ist uns nicht zumutbar. Den anderen auch nicht. Wäre sie uns nämlich zumutbar, hätten Gott oder das Fliegende Spaghettimonster oder das Universum nämlich nicht die Lügen erfunden und Freud nicht die Verdrängung entdeckt. Wäre die Wahrheit den Menschen zumutbar, würde es keine Schriftsteller geben, die sich Geschichten mit Happy End ausdenken, mit denen sie uns aus der Realität entführen, in Träume sperren und mit Phantasie fesseln. Im Kino und Fernsehen würde es ausschließlich Dokumentarfilmer und Kriegsberichterstatter geben. Gut, das hätte was, die Verfilmung von fünfzig grauen Schatten würde uns so erspart bleiben.

Wäre die Wahrheit den Menschen zumutbar, würden sich Psychotherapeuten, Lebensberater und Coachs als Taxifahrer ihren Lebensunterhalt verdienen. Was gäbe das für ein Verkehrschaos!
Hätte die Bachmann Recht, gäbe es weder getönte Antifaltencremes noch Bauch-weg-unterhosen, sondern wir würden die hässliche nackte Wahrheit dem Spiegel, uns selbst und anderen zumuten.
Langjährige Freundschaften würden an flapsig Dahingesagtem zerbrechen und Ehen gar nicht erst eingegangen. Die paar Romantiker unter uns würden einander nicht nur ewige Treue versprechen, sondern auch schwören, immer und überall die reine Wahrheit zu sagen. Neben den Romantikern auch die Sadisten, die hätten nämlich ihren Spaß daran, unter dem Deckmantel der Wahrheit andere Menschen zu verletzen und ins Unglück stürzen. Die Masochisten würden „Ja, ich will“ hauchen und strahlend hinein rennen.

Ich weiß, die Bachmann hat das nicht so gemeint. Sie hat gemeint, dass wir den Schmerz nicht leugnen und seine Spuren nicht verwischen und über ihn hinwegtäuschen dürfen. Wir müssen ihn wahrhaben und wahrmachen, damit wir sehend werden. Die Bachmann hat gesagt, wir wollen alle sehend werden. Müssen wir? Wollen wir? Können wir?
Wo doch der Grat zwischen Wahrheit und Unwahrheit an manchen Stellen so schmal ist, dass wir keinen Halt darauf finden. Wo wir oft keine Wahl zwischen wahren und falschen Entscheidungen haben, sondern nur zwischen ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger falschen. Und wie auch immer wir uns entschieden haben, am Ende sterben wir.

Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar. Vielleicht. Ich brauch meine blinden Flecken noch. Es gibt Situationen im Leben, da will ich manchmal nicht hin-, sondern wegschauen. Ganz bewusst.
steppenhund - 8. Nov, 22:14

Eigentlich mag ich diesen Satz überhaupt nicht. Und er bestätigt mich in meiner Ablehnung des Hypes rund um "die" Bachmann.
Es ist in meinen Augen nämlich eine Zumutung, zu behaupten, dass die Wahrheit für jemand anderen zumutbar ist. Es gibt genügend Fälle, in denen es weitaus barmherziger ist, die Wahrheit nicht ganz offen auszubreiten. Ich kenne Menschen, die sich so mit kleinen Lügen über ihre persönliche Tragödie drüber schummeln, aber an der Wahrheit zerbrechen würden.

viennacat - 8. Nov, 23:48

tja, und ich würde also taxifahren.
oder so.

la-mamma - 9. Nov, 22:26

und ich glaub, wahrheit ist auch nur ein konstrukt;-)

katiza - 13. Nov, 15:29

Nicht wahr, liebe toll3ste? Die Wahrheit ist ein Konstrukt...
bonanzaMARGOT - 17. Nov, 19:39

na ja. man kann viel sagen ohne viel sinn. auch das ist eine wahrheit. vorallem die von uns menschen.
offensichtliche wahrheiten sind in ein koordinatensystem eingebunden. diese innerhalb dieses koordinatensystems zu leugnen, wäre wirklich töricht. ja blöde.
wenn ich fett bin, dann bin ich innerhalb gewisser parameter nunmal fett. das ist die wahrheit, die ich besser ertrage - vorallem wenn ich etwas dagegen machen will. und so gibt es noch viele wahrheiten, die man in diesem sinne besser nicht leugnet. außer man ist von natur aus zu blöd für das kleine einmaleins.
dann gibt es noch die wahrheiten, über die wir uns streiten - z.b. die religiösen oder moralischen oder sonstwie geistigen. die muss natürlich jeder für sich im stillen kämmerchen ausmachen. es gibt eine menge optionen. und einige wenige menschen schaffen es sogar, sich eine eigene wahrheit zu zimmern. peu à peu.

ausserdem ist wahrheit wie alles am fließen. die wahrheit heute ist nicht die von morgen. das universum verändert sich zwar nicht grundlegend. aber wir, die wir glauben, mordsmäßig viel zu wissen, werden uns mit der wahrheit anfreunden müssen, dass wir verhältnismäßig gar nichts wissen.

Jossele - 19. Nov, 12:43

Na ja, beim Blick in den Spiegel hilft nichts. Der da herausschaut ist halt so.

Wahrheit als solche, denke ich, hat keine scharfe Grenze.
Ereignisse und Zustände lassen sich von vielen Seiten her betrachten, und wahr sind letztlich alle Zugänge.
Letztendlich ist es eine Entscheidung, welche Sichtweise man wählt.
Zumutbar ist die Wahrheit allemal, weil wegschummeln bringt genau nichts (oder halt vorübergehend ein rosagetöntes Bild), das sind Sackgassen.

Entscheidungen haben mit wahr und unwahr eigentlich kaum etwas zu tun, die treffen wir einfach.

Ob die Bachmann irgendetwas gesagt hat ist eigentlich sekundär. Sehend sein ist auf alle Fälle kein Nachteil, denke ich. Was wir daraus machen, das ist unsere Sache.

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
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Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

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